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Full text of "Die Philosophie der Griechen in ihere geschichtlichen Entwicklung"

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UNIVERSITY OF CALIFORNIA. 

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DIE 



PHILOSOPHIE DER GRIECHEN 



IN IHBER 



GESCHICHTLICHEN ENTWICKLUNG 



DARGESTELLT 



Dr. EDUARD ZELLER. 



ERSTER THEIL. 

ALLGEMEINE EINLEITUNO. V0R8OKRATISCHE PHILOSOPHIE. 



VIERJE-JUIELAGE. 



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LEIPZIG, 

PÜTSS'S VKKLAÖ (R. BKISLAND). 

1876. 



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Alle Reclite vorbehalten. 






1)RÜCK VON L Fft. FITES IN tObINOKK. 



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V r w r t. 



Alri ich den ersten Band dieses Werkes, welches ursprüng- 
lich nach einem anderen Plan und auf einen viel beschränkte- 
ren Umfang angelegt war, vor einundzwanzig Jahren zum 
erstenmal in seiner späteren Gestalt der Oeffentlichkeit ühcr- 
gah, sprach ich mich über die Grundsätze, die mich bei seiner 
Abfassung geleitet hatten, so aus: 

.,In der Behandlung meines Gegenstands habe ich fort- 
während an der Aufgabe festgehalten, welche ich mir schon 
bei der ersten Bearbeitung desselben gestellt hatte, zwischen 
der gelehrten Forschung und der spekulativen Geschichts- 
betrachtung zu vermitteln; die Thatsachen nicht blos empi- 
risch zu sammeln, aber auch nicht von oben herab zu con- 
struiren, sondern aus der gegebenen Ueberlieferung selbst 
durch kritische Sichtung uiul geschichtliche Verknüpfung die 
Einsicht in ihre Bedeutung und ihren Zusammenhang zu ge- 
winnen. Diese Aufgabe ist aber freilich gerade bei der vor- 
sokratischen Philosophie durch die Beschaifenheit unserer 
Quellen und durch die Verschiedenheit der neueren Auffassun- 
gen ersehwert, und sollte sie gründlich gelost werden, so waren 
zahlreiche und tief in's einzelne eingehende kritische Erörte- 
rungen nicht zu vermeiden. Um dabei doch der Geschichts- 
darstellung selbst ihre Durchsiclitigkeit zu erhalten, wurden 
diese Untersuchungen, so viel als möglich, in die Anmerkungen 
verwiesen, und ebendaselbst fanden auch die Quellenbelege 
Raum, welche bei der Menge und theil weisen Seltenheit der 
S(;liriften, denen sie entnommen sind, gleichfalls in grösserer 
Vollständigkeit mitgetheilt werden mussten, wenn es dem 



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IV Vorwort. 

Leser möglich sein sollte, die Urkundlichkeit unserer Darstel- 
lung ohne unverhältnissmässigen Zeitaufwand zu prüfen. Da- 
durch sind nun allerdings die Anmerkungen, und in Folge 
dessen der ganze Band, zu einem ziemlichen "Umfang ange- 
wachsen; ich hoife aber doch das richtige gewählt zu haben, 
wenn ich das wissenschaftliche Bedürfniss des Lesers vor allem 
in*s Auge fasste, und im ZweifeLsfall mit seiner Zeit mehr 
geizte, als mit dem Papier des Buchdruckers.^ 

Die gleichen Gesichtspunkte leiteten mich bei der Be- 
arbeitung der folgenden Bände und der neuen Auflagen, welche 
inzwischen nöthig geworden sind. Die Hoffnung, dass ich da- 
mit das Richtige getroffen habe, ist mir durch die Aufnahme, 
welche mein "Werk gefunden hat, in der erfreulichsten Weise 
bestätigt worden; und so eindringlich mir neuestens die Wahr- 
heit eingeschärft worden ist (die mir übrigens auch vorher 
schon nicht ganz unbekannt war), dass die alten Philosophen 
philosophisch aufgefasst werden müssen, habe ich mich doch 
von der Verkehrtheit meines bisherigen Verfahrens nicht zu 
überzeugen vermocht. Ich bin vielmehr nach wie vor der 
Meinung, dass die philosophische Auffassung philosophischer 
Systeme, die ja doch etwas anderes als ihre philosophische 
Kritik ist, mit der historischen vollständig zusammenfalle. 
Ich werde es niemals eine gründliche Geschichtsbehandlung 
nennen, wenn man einzelne Lehren und Aussprüche an- 
einanderreiht, ohne nach ihrem inneren Schwerpunkt zu fra- 
gen, ihren Zusammenhang zu untersuchen, ilirer eigentlichen 
Meinung nachzuspüren, ihr Verhältniss zum Ganzen der Sy- 
steme festzustellen und ilire Bedeutung an ihm zu messen; 
aber ich werde mich jederzeit dagegen verwahren, dass der 
Ehrenname der Philosophie dazu gemissbraucht werde, die- 
geschichtlichen Erscheinungen ihrer Bestimmtheit zu ent- 
Ideiden, den alten Philosophen Folgerungen aufzudringen, 
gegen welche sie selbst laute Einsprache erheben, die Wider- 



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V 



Vorwort. V 

nprüche und Lücken ihrer Systeme mit selbstgemachten Ziitha- 
ten zu verkleistern. Die grossen Erscheinungen der Vergangen- 
heit stehen mir viel zu hoch, als dass ich ihnen einen Dienst 
zu leisten meinte, wenn ich sie über ihre geschichtlichen Bedin- 
gungen und Schranken hinausrückte. Diese falsche Idealisi- 
rung macht sie in meinen Augen nich± grösser , sondern klei- 
ner. Keinenfalls kann aber das bei ihr gewinnen , vor dem 
sich jede Vorliebe für einzelne Personen und Schulen zu beu- 
gen hat: die geschichtliche "Wahrheit. Wer ein philosophi- 
sches System darstellen will, der soll die Ansichten, welche 
sein Urheber gehabt hat, in dem Zusammenhang wiedergeben, 
den sie in seinem Geiste gehabt haben. Darüber kann man 
sich aber nur aus den Zeugnissen , theils aus dem Selbstzeug- 
niss der Philosophen in ihren Schriften, theils aus fremden 
Aussagen über ihre Lehren unterrichten; und wollen auch 
diese Zeugnisse verglichen, auf ihren Werth und ihre Grlaub- 
würdigkeit geprüft, durch Schlüsse und Combinationen mannig- 
facher Art ergänzt sein, so darf man doch hiebei zweierlei 
nicht übersehen. Für's erste nämlich muss den Sclilüssen, 
durch welche wir über die unmittelbaren Zeugnisse hinaus- 
gehen, in jedem gegebenen Falle das vollständige Beweisma- 
terial zu Grunde gelegt werden ; wenn uns eine philosophische 
Annahme irgend welche weiteren zu fordern scheint, muss 
immer erwogen werden: ob nicht vielleicht andere, seinem Ur- 
heber ebenso wichtige Bestimmungen des Systems dieser Fol- 
gerung im Weg standen. Ebenso muss aber auch untersucht 
werden, ob wir zu der Voraussetzung berechtigt sind, dass 
der Philosoph, um den es sich handelt, die Fragen, welche w ir 
ihm vorlegen, sich selbst auch schon vorgelegt, die Antworten, 
welche wir aus seinen anderweitigen Sätzen ableiten, auch 
schon gegeben, die Folgerungen, welche uns nahe liegen, 
gleichfalls gezogen habe. In diesem Geist wissenschaftlicher 
Umsicht zw verfahren, war wenigstens mein Bestreben; und 

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VI Vorwort. 

ich Labe hiefür, wie man finden wird, bei der neuen wie bei 
den früheren Auflagen dieser Schrift aiich von solchen zu ler- 
nen gesucht, die mich da und dort, der eine an wichtigeren, 
der andere an minder erheblichen Punkten bestritten. Bin ich 
aber auch diesen Gelehrten für manche Ergänzung und Be- 
richtigung meiner Darstellung zum Danke verpflichtet, so 
wird man es andererseits begreiflich finden, wenn ich meiner 
Auffassung der vorsokratischen Philosophie an allen Haupt- 
punkten treu blieb, und dieselbe gegen Einwürfe, von deren 
Haltbarkeit ich mich nicht überzeugen konnte, so eingehend 
und so entschieden, wie diess im Interesse der Sache geboten 
war, in Schutz nahm. 

In seiner zweiten Auflage habe ich das vorliegende Werk 
meinem Schwiegervater, Dß. F. Chr. Baur in Tübingen, ge- 
widmet. Schon in der dritten musste ich diese Widmung un- 
terdrücken, weil derjenige, an den sie gerichtet war, nicht 
mehr unter ims weilte. Aber das kann icli mir nicht ver- 
sagen , auch an diesem Orte in dankbarer Liebe des Mannes 
zu gedenken, welcher mir nicht blos in allen persönlichen Be- 
ziehungen ein Freund und ein Vater gewesen ist, sondern 
auch für meine wissenschaftlichen Arbeiten mir, wie allen sei- 
nen Schülern, stets als ein leuchtendes Muster von unbestech- 
licher Wahrheitsliebe, rastlosem Forschungstrieb, eisernem 
Fleiss, von tiefdringender Kritik und gross angelegter orga- 
nischer Geschichtsbehandlung vor Augen stehen wird. 

Berlin, 18. Oktober 1876. 

Der Verfasser. 



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Inhaltsverzeichniss. 

Seit« 
Einleitung 1 — 146 

Erster Al»schnitt. 
üeber die Aufgabe, den Umfang and die Methode der Torliegen- 

den Dar stellang i-io 

Die Philosophie, ihr Namo und ihr Begriff — 1. Zeitgrenzen der 
griechischen Philosophie — 7. Aufgabe und Methode der Ge- 
schichtschreibung: keine Construction der Geschichte — 8, 
aber Darstellung ihres g^setz massigen Zusammenhangs --12. 
Die Philosophie und die Geschichte der Philosophie — 17. 

Zweiter Abschnitt. 
Yom Ursprang der griechischen Philosophie . . . 20—105 

1 . Die Ableitung der griechischen l^hilosophic aus orientalischer 

Spekulation . 20 

Aeltere Ansichten hierüber — 20. Feststellung des Frage- 
punkts — 23. Die äusseren Zeugnisse — 25. Die inneren 
Gründe: Gladisch und Roth — 27. Positive Gründe gegen 
den orientalischen Ursprung der griechischen Philosophie 
- 34. 

2. Die einheimischen Quellen der griechischen Philosophie. Die 

Religion 39 

a) Die öffentliche Religion: ihre Verwandtschaft mit der 
griech. Philosophie — 41; die Freiheit der Wissen- 
schaft ihr gegenüber — 44. b) Die Mysterien — 47 ; 
ihr angeblicher Monotheismus — 50; die Seelenwan- 
derung — 53. 

3. Fortsetzung. Das sittliche Leben, die bürgerlichen und 

staatlichen Zustünde 61 

Allgemeiner Charakter der Sittlichkeit und des Staatslebens 
bei den Griechen — 61. Die Staatsverfassungen — 64. 
Die Kolonieen — 65. 

4. Fortsetzung. Die Kosmologie 66 

Allgemeines — 66. Hesiod — 67. Pherecydes — 71. Epi- 

mcnidcs, Akusilaos u. a. — 78. Die Orphiker — 79. 

5. Die ethische Reflexion. Die Theologie und die Anthropo- 

logie in ihrem Zusammenhang mit der sittlichen Lebens- 

ansicht 89 



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YXXi InhaltsTerzeichnisB. 



SeMe 



Vcrliältniss der ethischen Reflexion zur kusmologiuchon 
— 89. Homer — 90. iresiod — 92. Oio Dichter dos 
7tcn Jahrhunderts — 93. Die Gnomiker — 94 ; Solon, 
Phocylides, Thcognis — 95. Die sieben Weisen — 97. 
•Die Entwicklung der theologischen Ideen — 99. Die 
Anthropologie — 101. 

Dritter Abschnitt. 
Ueber den Charakter der griechischen Philosophie . . i05~i3i 

Sinn der Aufgabe, Abweisung einiger ungenügender Bestim- 
mungen — 105. Die griechische Philosophie in ihrem Vcr- 
hältniss zu der orientalischen und mittelalterlichen — 108. 
Die griechische und die moderne Philosophie — 111. Der 
Unterschied des griechischen und des modernen Geistes — 112. 
Nach Weisung dieses Unterschicds an der griechischen Philo- 
sophie im ganzen ( — 117) und ihren verschiedenen Ent- 
wicklungsformen (— 122). Schlussergebniss — 130. 

Vierter Abschnitt* 
Die Hanptentwiclilangsperioden der griechischen Philosophie . 131—146 

Werth und Bedeutung der Periodencinthoilung — 131. Die erste 
Periode — 133. (Gegen Ast, Kixner und Braniss — 133; 
gegen Hegel 136.) Die zweite Periode — 139. Die dritte 
Periode 143. 

Erste Periode. 

Die vorsokrat isclie Philosophie. 

Einleitung. Ueber den Charakter und Entwicklungsgang der 

Philosophie in der ersten Periode 147—167 

1. Die bisherigen Ansichten — 147: physikalische, ethische 
und dialektische ( — 148), realistische und idealistische 
( — 149), jonische und dorische ( — 153) Philosophie. 
Die Eintheilun^ von Braniss — 154; Petersen — 156; 
Steinhart — 157. 2. Positive Bestimmung: Charakter 
der vorsokratischen Philosophie — 158. Entwicklung 
derselben: die drei filtcsten Schalen — 162; die Physiker 
des 5ten Jahrhunderts — 163; die Sophistik — 167. 

Erster Abschnitt* 
Die älteren Jonier, die Pythagoreer und die Eleaten . . 168-566 

I. Die Ältere jonische Physik 168—253 

1. Thaies 168 

Sein Leben — 168. Seine Philosophie — 173. Das Wasser 
alsUrstoff— 174. Die weltbildende Kraft — 177. Ent- 
stehung der Dinge aus dem Wasser — 180. Sonstige 
Annahmen — 161. 



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Inhaltsverzeichniss. IX 

Seit« 

2. Anaximander 183 

Leben -- 183. Das Unendliche — 184. Das Unendliche 

kein mechanisches Gemenge (— 188) und kein bestimm- 
ter Stoff (— 196). Ewigkeit und Lebendigkeit des Ur- 
stuffs — 203. Entstehung und Einrichtung der Welt 

— 204. Einheit der Welt; Wechsel von Wcltbildung 
und Weltzerstörung; zahllose Welten — 210. VerhÄlt- 
niss Anaximander's zu Thaies — 217. 

3. Anaximenes 219 

Leben — 219. Die Luft als Urstoff — 220. Verdünnung 

und Verdichtung — 223. Weltbildung, WeltgebÄude, 
VVcltperiodon — 225. Vcrhältniss dos Anaximenes zu 
seinen Vorgängern — 230. 

4. Dio späteren Anhänger der jonischen Schule. Diogenes 

von Apollonia , 232 

ilippo — 232. Idäus — 235. Annahmen, welche zwischen 
Anaximenes und Thaies oderllcraklit in der Mitte stehen 

— 235. Diogenes, Leben und Schrift — 236. Das 
Urwe-scn — 237. Verdünnung und Vordichtung — 240. 
Weltbildung, Wcltgebäude — 242. Dio lebenden Wesen 

— 246. Weltbildung und Wcltzerstörung — 247. Wider- 
sprüche in der Lehre des Diogenes — 248. Seine ge- 
schichtliche Stellung — 249. 

IL Die Pythagoreer 254-463 

1. Unsere Quellen für die Kenntniss der pythagoreischen 

Philosophie . * 254 

Die mittelbaren Quellen — 254. Unmittelbare Quellen 
— 258 (Philolaus — 261 ; Archytas u. a. 266). 

2. Py thagoras und die Pythagoreer ........ 270 

Herkunft, ZeitÄltcr, Jugendgeschichto des Pyth. — 270. 

Reisen — 274. Pyth. in Samos — 282; in Italien — 284. 
Pythagoreische Schule — 288 (die Berichte — 288 ; Kritik 
derselben — 298). Tod des Pyth. und Auflösung des 
pythag. Bundes — 302. Der Pythagoreismus ausserhalb 
Italiens, die jüngeren Pythagoreer — 307. 

3. Die pythagoreische Philosophie. Die Grundbegriffe der- 

selben, die Zahl und ihre Elemente 313 

Einleitung: Pythagoreismus und pyth. Philosophie — 313. 
Die Zahl das Wesen der Dinge — 314; angebliche Ver- 
schiedenheit der Ansichten darüber — 317; Ergebniss 

— 320. Das Ungerade und Gerade, Begrenzte und Un- 
begrenzte — 32 1 ; die ursprünglichen Gegensätze — 324. 
Die Harmonie — 328. Prüfung abweichender Annahmen 
( — 330;: 1) die Einheit und Zwciheit, Gott und die 
Materie — 330 (Angaben der Alten — 330; Kritik der- 



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X Inhaltsvorzcichniss. 

Seito 
Beiben — 335; Entwicklung. Gottes in der Welt — 347).' 
2) Die Zm-uckführung der pythagorciöchen Prinoipien 
auf rHumlicho Verhältnisse — 349. 3) Der ursprüng- 
liche Ausgangspunkt des Systems — 356. 

4. Fortsetzung. Die systematische Ausführung der Zahlen- 

lehre und ihre Anwendung auf die Physik .... STjO 

Die Zahlenlchre in ihrer Anwendung auf die Erscheinungen 

— 359. Das Zahlensystem — 365. Das harmonische 
System — 370. Die Figuren — 373. Die Elemente 

— 376. Die Wcltbildung — 378. Das Wcltgebäude 

— 383. (Zehen himmlische Körper — 383. Central- 
feucr und Weltscclo — 384. Erde Und Gcgenerdo — 388. 
Gestirne — 394. Sphärenharmonie — 398. Das Feuer 
des Umkreises und das Leere — 403. Das Oben und 
Unten, die Weltregionen — 407.) Weltpcrioden — 410. 
Die Stufenreiho der irdischen Wesen — 411. Der Mensch 
und die Seele — 412. 

5. Die religiösen und ethischen Lehren der Pythagoroer . . 4 18 
Die Seclcnwandcrung — 418. Die Dttmonen — 423. Die 

Götter — 425. Die Ethik: nach den älteren Quellen 

— 426; nach Aristoxenus und Späteren — 428* 

6. Rückblick. Charakter, Ursprung und Alter der pytha- 

goreischen Philosophie 431 

Die pythag. Philosophie als solche ist weder von der Ethik 
( — 431), noch von der Diah*ktik (436), sondern von 
der Physik ausgegangen — 440. Allmählichkcit ihrer 
Entstehung, Antheil des Pythagoras an derselben — 441. 
Gegen orient-alischcn Ursprung — 446. Griechische 
Quellen des Pythagorcismus — 448; ob altitalischcs 
darin? 449. 

7. Der Pythagorcismus in Verbindung mit andern Richtungen. 

AlkmUon, Hippasus, Ekphantus, Epieliarmus . . . 452 

AlkmUon — 452. Ilippasus — 457. Ekphantus — 458. 
Epicharmus — 459. 
m. DieEleaten 463-560 

1, Die Quellen: die Schrift über Mclissus, Xcnophanes und 

Gorgias 463 

Der erste Abschnitt dieser Schrift — 464. Der zweite Ab- 
schnitt handelt von Xcnophanes, nicht von Zcno — 466 ; 
er stellt aber die Lehre des Xcnophanes nicht getreu 
dar — 471. Unächtheit der Schrift — 481. Ursprung 
derselben — 484. 

2. Xenophanes 486 

Leben und Schriften — 486. Bestreitung des Polytheismus 

— 488. Einheit alles Seins - 491. Nähere Bestimmung 



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InhaltsvorzeichniBB. XI 

Seite 
desselben, keine Lüiignung des Werdens — 494. Physi- 
kalische Annahmen — 496. Ethisches — 502. Angeb- 
liche Skepsis — 503. Rückblick 505. 

ii. Parnicnides 508 

Licbcn und Schriften — 508. Vcrhältniss zu Xenophanos 

— 508. Das Seiende — 511; Körperlichkeit desselben 

— 516. Die VeiTiunfterkenntniss und die Meinung 

— 518. Das Gebiet der Meinung, die Physik — 519. 
Das Seiende und das Nich (seiende, das Lichte und das 
Dunkle — 519. Kosmologie — 524. Anthropologisches 

— 528. Bedeutung der parmon ideischen Physik — 531. 

4. Zeno 534 

Leben und Schriften — 535. Vcrhältniss zu Parmenides 

— 535. Angebliche Physik — 537. Widerlegung der 
gewöhnlichen Vorstellung, Dialektik — 539. Beweise 
gegen die Vielheit — 540; gegen die Bewegung — 545. 
Bedeutung dieser Beweise ' — 550. 

5. Melissus 552 

Leben und Schriften, Vcrhältniss zu Parmenides und Zeno 

— 552. Das Seiende — 553. Gegen die sinnliche 
Erkenntnias — 561. Physikalische und theologische 

Sätze — 561. 

6. Die geschichtliche Stellung und der Charakter der clca- 

tlschen Schule 562 

Zweiter Abschnitt. 
Herakliti Empedokles, die Ätomistili, Anaxagoras . . 560-932 

. Ueraklit 506—677 

1. Der allgemeine Standpunkt und die Grundbestimmungen 

der heraklitischen Lehre 566 

Hcraklit 's Leben — 566. Seine Schrift — 569. Seine Lehre: 
Unwissenheit der Menschen — 569. Fluss aller Dinge 
— 576. Das Urfeuer — 585. Die Umwandlung des 
Feuers — 592. Der Streit — 595; der Satz des Wider- 
spruchs -- 600. Die Weltordnung und die Gottheit; 
die Harmonie — 602. 

2. Die Kosmologie 611 

Die Weltentstehung — 611. Die Wandlungsformen des 

Feuers, der Weg nach oben und unten — 613. Die 
spcciollc Physik — 62 J. Sonne und Gestirne — 621. Welt- 
gcbäude — 625. Ewigkeit der Welt — 626. Wechsel 
von Weltbildung und Weltzerstörung — 626. (Zeugnisse 
dafür — 627; angeblich entgegenstehende Aussagen: 
die Schrift z. SiatTTj; u. a. — 631; Plato — 637. Ent- 
Bcheidnng — 638.) Das Woltjahr — 640. 



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XII Inhaltsverzeichniss. 

Seit« 

3. Der Mensch, sein Erkennen und sein Thun 642 

Die Seele und der Leib — 642. Präexistenz und Unsterb- 
lichkeit — 646. Das Erkennen — 650; kein Sensualis- 
mus — 656. Das sittliche Handeln, der Staat ~ 659. 
Heraklit's Verhältniss zur Volksreligion — 662. 

4. Heraklit*s geschichtliche Stellung und Bedeutung. Die 

Herakliteer G66 

Heraklit's geschichtliche Stellung — 666. Die Herakliteer, 
Kratylus — 674. Heraklit und Zoroaster — 676. 
n. Empedokles und die Atomistik 678—864 

A. Empedokles 678—760 

1. Die allgemeinen Grundlagen der empedokleischen Physik: 

das Entstehen und Vergeben, die Grundstoffe und die 

bewegenden Kräfte 678 

Leben und Schriften dos Empedokles ; allgemeine Richtung 
seiner Lehre — 678. Entstehen und Vergehen, Ver- 
bindung und Trennung der Stoffe — 682. Die Ele- 
mente — 686. Mischung der Stoffe, Poren und Aus- 
flüsse — 691. Die bewegenden Kräfte, Liebe und Hass 

— 696. Naturgesetz und Zufall — 701. 

2. Die Welt und ihre Theile 704 

Die wechselnden Weltzust&nde — 704. Der Sphairos — 

706. Die Weltbildung — 709. Das Weltgebäude ~ 
712. Die organischen Wesen: die Pflanzen — 717. 
Menschen und Thiero: ihre Entstehung und körper- 
liche Beschaffenheit — 718. Das Athmen, die Wahr- 
nehmung — 723. Das Denken — 725. Sinnliche und 
Vemunfterkenntniss — 726. Gefühl und Begierde — 728. 

3. Die religiösen Lehren des Empedokles 729 

Die Soelenwanderung , das Leben nach dem Tode, die 

' Schonung des Thierlebcns — 729. Das goldene Zeitalter 

— 734. Theologische Ansichten — 736. 

4. Der wissenschaftliche Charakter und die geschichtliche 

Stellung der empedokleischen Lehre 740 

Bisherige Ansichten — 740. Die angeblichen Lehrer des 
Empedokles ~ 743. Sein Verhältniss zum Pythago- 
reismus — 747; zur eleatischen Schule — 750; zu 
Heraklit — 756. Gcsammtergebniss — 758. 

B. Die Atomistik 760—864 

l.Die physikalischen Grundlehren: die Atome und das Leere 760 

Leucipp und Demokrit — 760. Das atomistische Princip 
und seine Begründung — 764. Die Atome — 772; die 
Unterschiede unter denselben — 775. Das Leere — 780. 
Die Veränderung, die Wechselwirkung und die Eigen- 



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InhaltsTerzeichniss. XIII 

Seite 
Schäften der Dinge — 781; primäre and secundäre Eigen- 
schaften — 783. Die Elemente — 786. 

2. Die Bewegung der Atome; die Weltbildung und das Welt- 

gebäiide; die unorganische Natur 787 

Die Atomenbewegung als Folge der Schwere; kein Zufall 

— 787. Der Zusammenstoss der Atome, die Wirbel- 
bewegung — 793. Die Welten — 795. Weltbildung — 798. 
Weltgebäude — 800. Die unorganische Natur -— 803. 

3. Die organische Natur, der Mensch, sein Erkennen und sein 

Handeln 804 

Pflanzen und Thiere — 804. Der menschliche Leib — 806. 

Die Seele — 807. Verhältniss der Seele zum Leibe 

— 812. Beseeltheit aller Dinge — 813. Das Erkennen: 
die W^ahrnehmung — 815; Gesicht und Gehör — 818. 
Das Denken — 820. Sinnliche und Yemunfterkennt- 
niss — 821. Angebliche Skepsis — 823.. Demokrit's 
Ethik — 826. »Seine Religionsansicht — 835. Vor- 
bedeutung, Ma^e, Begeisterung — 838. 

4. Die atomistische Lehre als Ganzes, ihre geschichtliche Stel- 
lung und Bedeutung, die späteren Anhänger dieser Schule 840 
Charakter der Atomistik: Stand der Frage — 840. Die 
Atomistik keine Sophistik — 842. Ihr Verhältniss zu 
früheren und gleichzeitigen Lohren - 851. (Die Eleaten 

— 851; Heraklit — 853; Empedokles ~ 855; die 
älteren Jonier — 857.) Demokrit*s Schule: Metrodorus 

— 857; Anaxarchus und seine Schüler — 861. 

ill. Anaxagoras 864—932 

1. Die Principien des Systems, der Stoff und der Geist . . 864 
Zeitalter, Leben und Schrift des Anaxagoras — 864. Cha- 
rakter seines Systems — 873. Entstehen und Vergehen, 
Verbindung und Trennung der Stoffe — 874. Die Ur- 

stoffe (Homöomerieen) —-875. Ursprüngliche Mischung 
der Stoffe — 881. Der Geist: sein Wesen — 885; 
seine Wirksamkeit — 893. 

2. Die Weltentstehung und das Weltgcbäude 896 

Die Weltbildung — 896. Kein Weltende und keine Mehr- 
heit von Welten — 900. Das Weltgebäude — 902. 

3. Die organischen Wesen, der Mensch 904 

Die Seele — 904. Pflanzen und Thiere — 906. Der 

Mensch — 908; die sinnliche Wahrnehmung — 908; 
sinnliche und Vemunfterkenntniss — 910. Ethische 
Ansichten — 911. Verhältniss zur Religion — 913. 
^•Anaxagoras im Verhältniss zu seinen Vorgängern. Cha- 
rakter und Entstehung seiner Lehre. Die anaxagorische 
^vhulc; Arcbelaus 914 



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XTV Inhaltsverzeichniss. 

Seite 
VerhUltniss des Anaxagoras zu den ältoreu Joniorn — 914; 
den li^Ieaten — ebd.; Empcdokles und den Atomikern 
— 915. Eigen thüiulichkeit und Zusaminenbang seines 
Systems — 922. Angebliebcr Zusanimcnbang des Anax. 
mit orientaliscben Lebren und Uermotimus — 923. 
Anaxagoras; Arcbelaus — 926. 

Dritter Absehnitt. 
Die Sophisten 932-1041 

1 . Entstebungsgründe der Sopbistik 932 

Das bisberige YerbälinisH der PhiJosopble zum praktiscben 

Leben — 932. Bedürfniss einer wissenscbaftlicben Vor- 
biblung fur's Leben — 933. Auflösung der älteren Philo- 
sopbic — 935. Der Umscbwung in der Denkweise der 
Griecben, die AufklRrungsperiodo — 937. Anknüpfungs- 
punkte in den bisberigen Systemen *— 940. 

2. Die äussere Gescbicbte der Sopbistik 943 

Protagoras — 943. Gorglas — 948. Prodikus — 952. Hip- 

pias — 956. Thrasymacbus, Eutbydemus u. a. — 959. 

3. Die Sopbistik ihrem allgemeinen Charakter nach betrachtet 964 
Ansichten der Alten über das Wesen des Sophisten — 964. 

Die Sophisten als Lebrstand — 968. Der Gelderwerb 
der Sophisten — 971. Wissenschaftlicher Charakter der 
Sopbistik ~ 977. 

4. Die sophistische Erkenntnisstbcoric und die Eristik . . 978 
1. Die Erkenntnisstheorie — 978: Protagoras — 978. Gor- 

gias — 984. Xeniades, Eutbydemus — 988. — 2. Die 
Eristik. Verdrängung der Naturforschung durch cri- 
Btiscbo Dialektik — 989. Schilderung der sophintischen 
Eristik — 993. 

5. Die Ansichten der Sophisten über Tugend und Recht, Staat 

und Religion. Die sophistische Rhetorik 1000 

l.Die Ethik. Die älteren Sophisten — 1000. Die mora- 
lischen Conscquenzen der Sopbistik — 1004. Allmäh- 
liches Hervortreten derselben, die Ansichten der jüngeren 
Sophisten über das Recht — 1005. Das Vorbältniss der 
Sophisten zur Religion — 1010. — Die sophistische 
Rhetorik — 1013. 

6. Der Werth und die geschichtliche Bedeutung der Sopbistik. 

Die verschiedenen Richtungen innerlialb derselben . . . 1024 

lieber die geschichtliche Bedeutung und den Charakter der 

Sopbistik -^ 1024. Die Unterscheidung bestimmter 

sophistischer Schulen — 1033. 



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/ 
E inl ei t ung.f 



r 



Erster Abschnitt. 

lieber die Aufgabe, den Umfang nnd die Metbode der 

Yorliegenden Darstellung. 

üer Name der Philosophie ist von den Griechen in sehr ver- 
schiedenem Sinn und Umfang gebraucht worden^). Ursprünglich 
bezeichnete er alle Geistesbildung und alles Streben nach Bil- 
dung '); wie ja auch sein Stammwort „Sophia^ auf jede 
Kunst und jedes Wissen angewandt wurde '). Eine engere Be- 
deutung scheint er zuerst in der sophistischen Periode erhalten 
zu haben^ als es gewöhnlich wurde^ neben den herkömmlichen 
Erziehungsmitteln und der unmethodischen Uebung des prakti- 
schen Lebens ein weiteres Wissen auf dem Wege eines -besonde- 
ren, knnstmässigen Unterrichts zu suchen ^). Unter Philosophie 
versteht man jetzt eine solche Beschäftigung mit geistigen Din- 
gen, welche nicht blos nebenher, als Sache der Unterhaltung, son- 
dern selbständig und berufsmässig betrieben wird; der Umfang 



1) M. Ygl. zum folgedden die dankenswerthen NachweisuDgen von Haym 
in ERSCD^und Gbubeb'b Allgem. Encykl. 6ect. III. B. 24, S. 3 ff. 

2) fio sagt b. Hebod. I, 30 Krösus zu Solon, er habe gehört, o)« öiXooo- 
^€Mv YV JJoXXfjV Oewp{r,c i?vix£v E7reXii^u6o?, und Thlc. II, 40 Pcrikles in der 
Grabrede : ^iXoxaXouiuv yap (ut' lOteXE^at xa\ epiXoaoooupiEv «viu {AoXaxCa;. Der- 
selbe unbestimmte Sprachgebrauch findet sich noch lange auch bei solchen, 
denen der strengere Begriff der Philosophie nicht unbekannt ist. 

3) Vergl. Arist. Eth. N. VI, 7, Anf. und den von ihm angeführten 
Vers aus dem homerischen Margites. Weiteres in dem Abschnitt über die 
Sophisten, S. 883 f. 3 Aufl. 

4) Nach einer bekannten Anekdote soll sich zwar schon Pythagoras den 
Namen eines Philosophen beigelegt haben (s. u.); aber theüs ist die Sache 
sehr .unsicher, theils bleibt auch hiebei die unbestimmte Bedeutung des 
Wortes, wonach es überhaupt alles Streben nach Weisheit bezeichnet. 

PUlM. d. Gr. 1. Bd. 4. Aoil. ^ 



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2 Einleitung. [2] 

dieses Begriffs ist aber noch nicht auf die philosophische Wissen- 
schaft, in der jetzigen Bedeutung des Wortes, und überhaupt 
2 nicht auf die Wissenschaft | beschränkt, fUr die vielmehr an- 
dere Benennungen gebräuchlicher sind : philosophiren heisst 
so viel als studiren, irgend eine theoretische Thätigkeit trei- 
ben *), die Philosophen im engeren Sinne dagegen werden bis 
auf Sokrates herab in der Regel als Weise oder Sophisten '), und 
näher als Naturforscher *) bezeichnet. Ein bestimmterer Sprach- 
gebrauch findet sich erst bei Plato. Er nennt denjenigen einen 
Philosophen, welcher sich in seinem Denken und Thun auf das 
Wesen und nicht auf den Schein richtet, die Philosophie ist ihm 
Erhebung des Geistes zu dem wahrhaft Wirklichen, wissenschaft- 
liche Erkenntniss und sittliche Darstellung der Idee. Aristoteles 
endlich begrenzt das Gtebiet der Philosophie durch Ausschliessung 
der praktischen Thätigkeit noch genauer ; doch schwankt auch er 
awischen einerweiteren und einer engeren Bedeutung; nach jener 
wird es flir jede wissenschaftliche Untersuchung und Erkenntniss, 
nach dieser nur für die Untersuchungen über die letzten Gründe, 
die sogenannte j^erste Philosophie**, gesetzt. Kaum ist aber hie- 
mit der Anfang zu einer schärferen Begriffsbestimmung gemacht, 
so wird sie auch sofort wieder verlassen, indem die Philosophie 
in den nacharistotelischen Schulen theils einseitig praktisch als 
Uebung der Weisheit, als Mittel zur Glückseligkeit, als Lebens- 
weisheit definirt, theils auch von den empirischen Wissenschaften 
zu wenig unterschieden, und wohl auch geradezu mit der Gelehr- 



1} Diesen Sinn hat der Ausdruck z. B. bei XEvopnos Mem. lY, 2, 23, denn 
die ,,Philo8opbie*^ des Euthydem besteht nach §. 1 darin, dass er Schriften 
der Dichter und Sophisten studirt, ähnlich Conv. 1, 5, wo Sokrates sich 
selbst als aOioupY'oc tt|; ^t^ooo^ia; mit Kallias, dem Schüler der Sophisten, 
rergleicht; auch Cyrop. VI, 1, 41 heisst «tXo9096t¥ allgemein: grübeln, 
Studiren. Den gleichen Sprachgebrauch treffen wir bei Isokrates, wenn er 
seine eigene ThStigkeit tf^v 7:cp\ tou( X^you; «tXooc^iav (Paneg. c. 1), oder 
auch schlechtweg ^iXoao^ia, «'.Xcoo^eiv (!*anath. c. 4. 5, 8 tc. «vitSö; 181 
— 186. 271. 285 u. ö.) nennt. Selbst Plato gebraucht das Wort in dieser 
weiteren Bedeutung Gorg. 484, C. 485, A ff. Prot 335, D. Lys. 213, D 
Tgl. Menex. Anf. 

2} Dieser Name wird z. B. den sieben Weisen, dem Selon, Pythagoras, 
Sokrates, auch den Torsokratischen Naturphilosophen beigelegt, s. unt a. a. O. 

8) Ou9(xo\, f uatoXo^oi} bekanntlich der stehende Name, besonders für die 
Philosophen der Jonischen und der verwandten Schulen. 



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[3] Begriff der PhiloBophic. 3 

sainkeit verwechselt wird. Neben der gelehrten BIchtung der 
peripatetischen Schule und des ganzen alexandrinischen Zeitalters 
begünstigte besonders der Stoicismus | diese Verwechslung, nach- 
dem er seit Chrysippus Fächer , wie die Grammatik, die Musik 
Q. 8. w. in den Kreis seiner Untersuchungen aufgenommen hatte; 
schon seine Definition der Philosophie als der Wissenschaft von 
göttlichen und menschlichen Dingen musste eine schärfere Ab- 
grenzung ihres Umfanges erschweren ^). Seit vollends jene Ver- 
mengung der Wissenschaft mit Mythologie und theologischer 
Poesie um sich griff, durch welche die Grenzen dieser Gebiete in 
immer steigendem Masse verrückt wurden, verlor der Begriff der 
Philosophie bald alle Bestimmtheit; und wenn dieNeuplatoniker 
in einem Linus und Orpheus die ältesten Philosophen, in denchal- 
däischen Orakeln die Urkunde der höchsten Weisheit, in den 
Weihen, in der Ascese, in dem theurgischen Aberglauben ihrer 
Schule die wahre Philosophie zu finden wussten, so mochten 
christliche Theologen mit demselben Rechte das Mönchsleben ab 
die christliche Philosophie preisen, und den mancherlei Mönchs- 
sekten, bis auf die Heerden weidender Bo<rxoi herab, einen Namen 
beilegen, den Plato und Aristoteles flir die höchste Thätigkeit 
des denkenden Geistes ausgeprägt hatten '). 

Es ist aber nicht blos der Name, der uns eine scharfe Be- 
grenzung und eine feste Gleichmässigkeit seiner Bedeutung ver- 
missen lässt; wie vielmehr die Unbestimmtheit des Sprachge- 
brauchs immer auf eine Unsicherheit in der Sache zurückweist, 
so finden wir es auch hier. Der Name der Philosophie fixirt sieb 
nur allmählich, aber auch die Philosophie selbst ist nurallmählicli 



1) Unter Bemfung auf diese Definition erklärt z. B. Strabo am An- 
fang fteines Werks die Geographie für einen wesentlichen Bestandtheil der 
Philosophie, denn die Polymathie sei Sache des Philosophen. Die weiteren 
Belege für das ohige werden im Verlauf dieser Schrift gegeben werden; 
vgl das Register unter „Philosophie.*' 

2) <I>iXooo9£tv und f iXooof la ist in dieser Zeit die gewöhnliche Bezeich- 
nung des ascetischen Lebens und seiner verschiedenen Formen, so dass z. B. 
in dem oben berührten Falt Sozomekus h. eccl. VI, 33 seinen Bericht über 
die Boskoi mit den Worten schliesst: xott ol (ikv &Zt l^iXcod^ouv. Auch das 
Christenthnm überhaupt heisst nicht selten ^iXoaofCa: so nennt Melito b. 
EusEB. K. G. IT, 26, 7 die jüdisch-christliche Religion ^ xaO* %a; 71X00091«. 
Aehnlich bezeichnet Philo qu, omn. pr. lib. 877, C. D. yit. oontemplai. 

1 ' 



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4 Einleitnirg. [4] 

4 als eine besondere Form des geistigen Lebens hervorgetreten ; 
jener Name schwankt zwischen einer engeren und einer weiteren 
Bedeutung; aber in demselben Grade schwankt auch die Philoso- 
phie zwischen der Beschränkung auf ein bestimmtes wissenschaft- 
liches Gebiet und der Vermischung mit mancherlei fremdartigen 
Bestandtheilen. Die vorsokratische Philosophie ist noch theil- 
weise mit ! mythologisclien Anschauungen verwachsen, selbst für 
Plato ist der Mythus noch Bedtirfniss, und seit dem Auftreten 
des Neupythagoreismus hat die polytheistische Theologie einen 
solchen Einfluss auf die Philosophie gewonnen, dass diese am 
Ende kaum noch etwas anderes sein will, als die Auslegerin der 
theologischen Ueberlieferungen. Mit der wissenschaftlichen Un- 
tersuchung haben sich ferner bei den Pythagoreern, bei den So- 
phisten , bei Sokrates , bei den Cy nikern und den Cyrenaikern 
praktische Bestrebungen verknüpft, die jene Männer selbst von 
ihrer Wissenschaft nicht unterscheiden ; Plato rechnet das sitt- . 
liehe Handeln ebensosehr zur Philosophie, wie das Wissen, und 
in der nacharistotelischen Zeit wird die Philosophie sogar ein- 
seitig unter den praktischen Gesichtspunkt gestellt, und aus 
diesem Grunde mit der sittlichen Bildung und der wahren Reli- 
gion identificirt. Endlich haben sich auch die übrigen wissen- 
schaftlichen Fächer bei den Griechen nur allmählich und immer 
nur unvollständig von der Philosophie geschieden; diese ist nicht 
blps der Einheitspunkt, in dem alle wissenschaftliche Bestre- 
bungen zusammenlaufen, sondern sie ist ursprünglich das Ganze, 
das sie alle in sich begreift; der eigenthümliche Formsinn des 
Griechen lässt ihn bei der vereinzelten Betrachtung der Dinge nicht 
stehen bleiben, zugleich sind auch seine Kenntnisse ursprünglich 
so dürftig, dass sie ihn ungleich weniger, als uns, beim beson- 
deren festhalten ; so richtet sich denn sein Blick von Anfang an 
auf die Gesammtheit der Dinge, und erst nach und nach haben 
sich aus dieser Gesammtwissenschaft die besonderen Wissen- 
schaften abgezweigt. Noch Plato kennt neben den praktischen 
und mechanischen Künsten als Wissenschaften im eigentlichen 
Sinn nur die Philosophie und die verschiedenen Zweige der Ma- 



89S, D die esseniscb-therapeutische Theologie und ihi-e allegorische Schrift- 
erkläi'ung als ^iXoaootcv, Tzaxf^io^ «iXoso^ioc. 



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[5^ Begriff der Philosophie. 5 

theniatik; und für diese selbst verlangt er eine Behandlung, wo- 
durch sie zu einem Theil der Philosophie würden, und Aristoteles 
rechnet seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen^ so tief sie 
in die umfassendste Einzelbeobachtung eingehen, und ebenso die 5 
Mathematik mit zur Philosophie. Erst in der alexandrinischen 
Periode sind die besonderen Wissenschaften zu selbständiger Aus- 
bildung gelangt; aber doch sehen wir nicht bios in der peripateti- 
Bchen, sondern auch in der stoischen Schule eine grosse Masse von 
gelehrten Kenntnissen und empirischen Wahrnehmungen auf eine 
oft störende Weise in die philosophischen Untersuchungen ver- 
flochten. Noch unentbehrlicher war dieses gelehrte Element dem 
Eklekticismus der römischen Zeit, und wenn, sich der Stifter des 
Neuplatonismus strenger auf die eigentlich philosophischen Fra- 
gen beschränkte, so Hess sich dagegen seine Schule durch ihre 
Anlehnung an die Auktoritäten der Vorzeit zu einer förmlichen 
Ueberladung der philosophischen Darstellung mit gelehrtem Bal- 
last verleiten. 

Wollten wir nun alles, was bei den Griechen Philosophie ge- 
nannt wird, oder in philosophischen Schriften vorkommt, in die 
Geschichte der griechischen Philosophie aufnehmen, alles dagegen, 
was nicht ausdrücklich jenen Namen führt, von ihr ausschliessen, 
so würden wir die Grenzen unser.9r Darstellung offenbar theils zu 
eng, theils und besonders viel zu weit ziehen. Soll umgekehrt 
das Philosophische, gleichviel, ob es so heisst, oder nicht, für sich 
dargestellt werden, so fragt es sich nach den Merkmalen, woran 
es zu erkennen, und von dem nichtphilosophischen zu unterschei- 
den ist. Es liegt am Tage, dass diese Merkmale nur im Begriff 
der Philosophie gesucht werden können. Nun ändert sich freilich 
dieser Begriff zugleich mit dem philosophischen Standpunkt der 
Einzelnen und ganzer Zeiten, und in demselben Mass scheint sich 
auch der Umfang dessen, was die Geschichte der Philosophie in 
ihren Kreis zieht, verändern zu müssen. Diess liegt jedoch in der 
Natur .der Sache, und lässt sich in keinem Fall vermeiden, am 
wenigsten dadurch, dass man statt fester Begriffe von unklaren 
Eindrücken und unbestimmten, vielleicht widersprechenden Vor- 
Btellungen ausgeht, dass man es einem dunkeln historischen Takt 
tiberlässt, wie viel jeder in seine Darstellung aufnehmen oder von 
ihr ausschliessen will; denn wenn die philosophischen Begriffe 



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6 Einleitung. [5] 

wechseln^ so wechseln die subjektiven Eindrücke noch viel mehr, 
und was bei einem so unsicbern Verfahren am Ende allein noch 
6 übrig bleibt; sich an das gelehrte Herkommen zu halten^ damit 
ist wissenschaftlich nichts gebessert. Aus jenem Einwurf folgt 
daher nur so viel, dass wir unserer Darstellung eine möglichst 
richtige und erschöpfende Ansicht vom Wesen der Philosophie zu 
Grunde legen sollen. Dass diess in der Hauptsache gelingen könne, 
und dass sich eine gewisse Uebereinstimmung über diesen Gegen- 
stand erreichen lasse^ ist desshalb zu hoffen; weil es sich hier nicht 
um die materiellen Bestimmungen eines philosophischen Systems, 
sondern nur um den allgemeinen, formalen Begriff der Philoso- 
phie handelt, wie er jedem System ausdrücklich oder stillschwei- 
gend zur Voraussetzung dient. Sofern aber auch hierüber immer- 
hin noch I verschiedene Ansichten möglich sind, befinden wir uns 
nur in dem gleichen Fall, wfe mit allem unserem Wissen über- 
haupt, dass jeder nach Kräften das richtige suche, und das ge- 
fundene, wenn es nöthig ist, zu verbessern der fortschreitenden 
Wissenschaft überlasse. 

Wie nun jener Begriff ^u bestimmen sei, lässt sich nur inner- 
halb der philosophischen Wissenschaft selbst untersuchen. Hier 
muss ich mich auf die Angabe der Resultate, soweit diese für die 
vorliegende Aufgabe nöthig ist, beschränken. Ich betrachte dem- 
nach die Philosophie zunächst als eine rein theoretische Thätigkeit, 
d. h. als eine solche, bei der es sich nur um das Erkennen des 
Wirklichen handelt, und ich schliesse aus diesem Gesichtspunkt 
alle praktischen oder künstlerischen Bestrebungen als solche, und 
abgesehen von ihrem Zusammenhang mit einer bestimmten theo- 
retischen Weltansicht, von dem Begriff und der Geschichte der 
Philosophie aus. Ich bestimme sie sodann näher als Wissenschaft;, 
ich sehe in ihr nicht blos überhaupt ein Denken, sondern genauer 
ein methodisches, auf die Erkenntniss der Dinge in ihrem Zusam- 
menhang mit Bewusstsein gerichtetes Denken , und ich unter- 
scheide sie durch dieses Merkmal ebenso von der unwissenschaft- 
lichen Befiexion des täglichen Lebens, wie von der religiösen 
und dichterischen Weltbetrachtung. Ich finde endlich ihren 
Unterschied von den andern Wissenschaften darin, dass diese 
alle auf die Erforschung eines besonderen Gebietes ausgehen 
wogegen die Philosophie die Gesammtheit des Seienden als 



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[6] B egriff der Fhiloflophie; griQohUclro Philosophie. 7 

Ganzes in's Auge fasst^ das Einzelne in seiner Beziehung zum 
Gaazen und aus den Gesetzen des Ganzen zu erkennen^ und 
so einen Zusammenhang alles Wissens zu gewinnen strebt. So 
weit daher dieses Bestreben nachzuweisen ist^ so weit und 
nicht weiter glaube ich die Grenzen ausdehnen zu sollen^ inner- 
halb deren sich die Geschichte der Philosophie zu bewegen hat. 
DasB dasselbe nicht gleich von Anfang an rein auftrat, und dass 
es vielfach mit anderweitigen Elementen vermischt war, ist bereits 
bemerkt worden und kann nicht befremden. Diess wird uns aber 
nicht abhalten dürfen, aus dem Ganzen des griechischen Geistes- 
lebens das, was den Charakter der Philosophie trägt, herauszu- 
heben, und für sich in seiner geschichtlichen Erscheinung zu be- 
trachten. Nur. dann kämen wir in Gefahr, durch eine solche Be- 
schränkung den wirklichen geschichtlichen Zusanmienhang zu 
zerreissen, wenn wir die vielfache Verschlingung des philosophi- 
schen mit nicht philosophischem, die | Allmälilichkeit der Ent- 
wicklung, wodurch sich die Wissenschaft zu selbständigem Dasein 
herausarbeitete, die Eigenthümlichkeit des späteren Synkretismus, 
die Bedeutung der Philosophie fUr die allgemeine Bildung und 
ihre Abhängigkeit von den allgemeinen Zuständen ausser Acht 
liessen. Wird dagegen unter Berücksichtigung dieser Umstände 
zwischen dem philosophischen Gehalt und dem Beiwerk der Sy- 
steme unterschieden, und die Bedeutung des einzelnen fUr die 
Entwicklung des philosophischen Gedankens an dem strengen Be- 
griff der Philosophie gemessen, so wird diess den Anforderungen 
der geschichtlichen Vollständigkeit und der wissenschaftlichen 
Genauigkeit gleichsehr entsprechen. 

Isthiemit der Gegenstand unserer Dai^stellung nach der einen 
Seite bezeichnet) und die Philosophie der Griechen von den 
mit ihr verwandten und zusammenhängenden Erscheinungen un- 
terschieden, so fragt es sich weiter, wie weit wir den Begriff der 
griechischen Phih)sophie ausdehnen, ob wir diis griechische 
nur bei den Mitgliedern des hellenischen Volks oder ob wir es in 
dem ganzen hellenischen Bildungsgebiet suchen, und wie wir die 
Grenzen des letzteren bestimmen sollen. Diess ist nun allerdings 
mehr oder weniger willkührlich, und man könnte es an sich nicht 
für unzulässig erklären, die Geschichte der griechischen Wissen- 



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8 Einleitung. [7, 8] 

Schaft bei ihrem Uebergang in die römische und in die orienta- 
lische Welt abzubrechen, oder andererseits ihre Nachwirkung bis 
auf unsere Zeit herab zu verfolgen. Aber das natürlichste scheint 
doch, die Philosophie so lang eine griechische zu nennen, als das 

8 hellenische in ihr über das fremde im Uebergewicht ist, sobald 
sich dagegen dieses Verhältniss umkehrt, auf jenen Namen zu ver- 
zichten. Und da nun das erstere nicht allein in der römisch-grie- 
chischen Philosophie, sondern auch bei den Neuplatonikem und 
ihren Vorgängern noch der Fall ist, da selbst die jüdisch- 
alexandrinische Schule mit der gleichzeitigen griechischen Philo- 
sophie noch in einer viel näheren Verwandtschaft steht^ und viel 
stärker in ihre Entwicklung eingegriffen hat, als -irgend eine Er-' 
scheinüng aus der christlichen Welt, so nehme ich diese noch in 
den Kreis der gegenwärtigen Darstellung auf; dagegen scbliesse 
ich die christliche Speculation der ersten Jahrhunderte von ihr 
aus; denn in dieser 'sehen wir die hellenische Wissenschaft von 
einem neuen Princip überwältigt, an das sie fortan ihre selbstän- 
dige Bedeutung verloren hat. 

Die wissenschaftliche Bearbeitung dieses Geschichtsstoffs hat 
natürlich denselben Gesetzen zu folgen, wie die Geschichtschrei- 
bung überhaupt. Unsere Aufgabe ist die Ausmittlung und Darstel- 
lung dessen, | was geschehen ist; seine philosophische Construction 
wäre nicht Sache des Geschichtschreibers, selbst wenn sie an sich 
möglich wäre. Sie ist aber auch nicht möglich, aus einem doppelten 
Grunde. Denn einmal wird niemand jemals einen so erschöpfen- 
den Begriff der Menschheit besitzen, und alle Bedingungen ihrer 
geschichtlichen Entwicklung so genau kennen, dass sich das 
besondere ihrer empirischen Zustände und die zeitliche Verän- 
derung dieser Zustände daraus ableiten liesse ; und sodann ist der 
geschichtliche Verlauf an sich selbst nicht so beschaffen, dass er 
Gegenstand einer apriorischen Construction sein könnte. Denn 
die Geschichte ist wesentlich das Ergebnias aus der freien Thä- 
tigkeit der Einzelnen, und so gewiss auch m dieser Thätigkeit 
selbst ein allgemeines Gesetz waltet und sich durch sie vollbringt, 

-^o ist doch keines von ihren Werken^ und auch die bedeutendsten 
Erscheinungen der Geschichte sind nicht vollständig, nach allen 
ihren einzelnen Zügen, aus einer apriorischen Noth wendigkeit zu 
erklären ; die Individuen wirken zunächst mit all der Zufälligkeit, 



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[8. 9] HiBtoriBche Methode;, gegen Hegol. 9 

welche das Erbtbeil des endlichen Willens und Verstandes ist, 
und wenn sich ans dem Zusammentreffen, dem Kampf und der 
Beibang dieser Einzelwirkungen am Ende allerdings ein gesetz- 
massiger Gesammtverlauf herstellt, so ist doch nicht blos das 
Einzelne dieses Verlaufes, sondern auch das Ganze , auf keinem 9 
Punkt schlechthin nothwendig, sondern nothwendig ist alles nur so- 
weit es zu dem allgemeinen Gange, gleichsam dem logischen Ge- 
rippe der Geschichte gehört, in seiner zeitlichen Erscheinung dage- 
gen ist alles mehr oder weniger zufällig. Selbst in der Betrachtung 
lässt sich beides nie völlig sondern, so eng ist es in einander ver- 
wachsen : das nothwendige vollzieht sich durch eine Menge von 
Vermittlungen, deren jede auch anders gedacht werden könnte, 
andererseits kann aber in den scheinbar zufalligsten Vorstellungen 
und Handlungen der geübtere Blick den rothen Faden der ge- 
schichtlichen Nothwendigkeit erkennen, und aus dem willkühr- 
Hchen Thun derer, welche vor hundert oder vor tausend Jahren 
lebten, können sich Zustände entwickelt haben, die auf uns mit 
der Macht einer geschichtlichen Nothwendigkeit wirken ^). Das 
Gebiet der Geschichte ist daher seiner Natur nach von dem der 
Philosophie verschieden. | Die Philosophie soll das Wesen der 
Dinge und die allgemeinen Gesetze des Geschehens erforschen, 
die Geschichte soll bestimmte, in einer gewissen Zeit gegebene 
Erscheinungen darstellen und aus ihren empirischen Bedingungen 
erklären. Jede von beiden bedarf der andern, aber keine kann 
durch die andere verdrängt oder Ersetzt werden, und auch die 
Geschichte der Philosophie kann von einem Verfahren, das nur 
innerhalb des philosophischen Systems anwendbar ist, keinen Ge- 
brauch machen. Wird gar behauptet, die geschichtliche Aufein- 
anderfolge der philosophischen Systeme sei dieselbe, wie die lo- 
gische Aufeinanderfolge der Begriffe, die ihre Grundbestimmung 
ausmachen *), so sind hiebei zwei sehr verschiedene Dinge ver- 



1) Eine genauere Erörterung dieeer Fragen findet sich in meiner Abhand- 
lung: über die Freiheit dea menschlichen Willens, das Böse und die mora- 
lische Weltordnung. Theol. Jahrb. V. VI. (1846 und 1847) vgl. besonders 
VI, 220 ff. 253 ff. 

2) Hboel Gesch. der Phil. I, 48. Gegen diese Behauptung wurden von 
mir schon in den Jahrbüchern der Gegenwart 1843, S. 209 f., und ebenso 
▼OD BcRwxoLSB in seiner Gesch. der Fhilos. S. 2 f. Einwürfe erhoben, welche 



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10 Einleitung. [9] 

10 wechselt. Die Logik, bo wie ihr Begriff von Hegel gefasst wird, 
hat die reinen Gedankenbestimmungen als solche darzustellen^ die 
Geschichte der Philosophie die zeitliche Entwicklung des mensch- 
liclien Denkens. Sollte der Gang der einen mit dem der anderen 
zusammenfallen, so würde diess voraussetzen, dass logische, oder 
genauer ontologische Bestimmungen den wesentlichen Inhalt aller 
philosophischen Systeme bilden, und dass diese Bestimmungen im 
Laufe der Geschichte von demselben Ausgangspunkt aus und in 
derselben Beihenfolge gewonnen werden, wie in der logischen 
Construction der reinen Begriffe. Allein diess ist nicht der Fall. 
Die Philosophie- ist nicht blos Logik oder Ontologie, sondern 
ihren Gegei^tand bildet das Wirkliche überhaupt. Die philoso- 
phischen Systeme zeigen uns die Gesamiptheit der bis jetzt ange- 
stellten Versuche, eine wissenschaftliche Weltansicht zu gewinnen ; 
ihr Inhalt lässt sich daher nicht auf blos logische Kategorieen zu- 
rückfllhren, ohne ihn seiner Eigenthümlichkeit zu entkleiden, und 
in's allgemeine zu verflüchtigen. Während femer die spekulative 
Logik mit den abstraktesten Begriffen anfangt, um von hier aus 
zu konkreteren Bestimmungen zu gelangen, beginnt die geschicht- 
liche Entwicklung des philosophischen Denkens mit der Betrach- 
tung des konkreteren, zunächst der äusseren Natur, weiterhin 
auch des Menschen, und sie führt nur allmählich zu den logischen 
und metaphysischen Abstraktionen. Auch das Gesetz der Ent- 
wicklung ist aber in der Logik ein anderes, als in der Geschichte. 
Dort handelt es sich blos um das innere Verhältniss der Begriffe, 
an ein Zeitverhältniss ist dabei gar nicht zu denken, hier um die 
im Laufe der Zeit sich vollziehenden Veränderungen in den Vor- 
stellungen der Menschen. Der Fortgang von dem früheren zum 
späteren richtet sich daher dort ausschliesslich nach logischen 
Gesichtspunkten : an jede Bestimmung schliesst sich zunächst die- 
jenige an, welche sich durch richtiges Denken aus ihr ableiten 



ich in der zweiten Auflage dieser Schrift an der vorliegenden Stelle wieder- 
holte. DiesB veranlasste Herrn Prof. Moitrad in Ghristiania, in einem an 
mich gerichteten Sendschreiben De vi logicae rationis in deacribenda philo- 
aophiae historia (Christiania 1860) sich des hegeV sehen Satzes anzunehmen. 
Mit Rücksicht auf diese Abhandlung, der ich im übrigen hier nicht weiter 
in*8 einzelne folgen kann, habe ich in der nachstehenden Ausführung einige 
formelle Aenderungen und Erweiterungen vorgenommen. 



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[10] Historische Methode; gegen Hegel. \\ 

läast. Hier dagegen richtet er sich nach psychologischen Motiven : 
jeder Philosoph macht aus der von seinen Vorgängern ererbten, 
jede Zeit aus der ihr überlieferten Lehre, was sie nach ihrem 
Verständniss derselben, nach ihrer Denkweise, ihren Erfahrun- 
gen, Kenntnissen, Bedürfnissen und wissenschaftlichen Hülfe- ii 
mittein daraus zu machen wissen ; diess kann aber möglicher- 
weise etwas ganz anderes sein, als was wir auf unserem Stand- 
punkt daraus machen würden. Die logische Consequenz -kann 
den geschichtlichen Fortschritt der Philosophie doch immer nujf 
in dem Masse beherrschen, in dem sie von den Philosophen er- 
kannt, und die Nothwendigkeit, ihr zu folgen, anerkannt wird ; 
wie es sich aber damit verhält, diess hängt von allen den Um- 
ständen ab, durch welche die wissenschaftlichen Ueberzeugungen 
bedingt sind : neben dem, was sich aus der früheren Philosophie 
direct oder indirect,. auf dem Wege der Folgerung oder auf dem 
der Bestreitung, ableiten lässt, üben auch die Zustände und Be 
dürfbisse des praktischen Lebens, die religiösen Interessen, der 
Stand des empirischen Wissens und der allgemeinen Bildung 
hier einen nicht selten entscheidenden Einfluss aus. Nicht alle 
Systeme lassen sich als blosse Consequenzen der ihnen zunächst 
vorangehenden betrachten, und kein System, das überhaupt eigen- 
thümliche Gedanken bringt, ist in seiner Entstehung und seinem 
Inhalt hierauf beschränkt; sondern gerade das neue in ihnen 
wird dadurch gefunden, dass neue Erfahrungen gemacht werden, 
oder dass den schon gemachten neuQ Gesichtspunkte abgewonnen, 
Elemente und Seiten derselben, die bisher unbeachtet geblieben 
waren, berücksichtigt werden, diesem oder jenem Moment eine 
andere Bedeutung als bisher, eingeräumt wird. Weit entfernt da- 
her, dem hegerschen Satz beizutreten, müssen wir vielmehr be- 
haupten, kein philosophisches System sei so beschaffen, dass sich 
sein Princip durch einen rein logischen Begriff ausdrücken liesse, 
und keines habe sich nur nach dem Gesetze des logischen Fort- 
schritts aus den früheren herausgebildet. Und der Augenschein 
zeigt ja auch, dass es ganz unmöglich ist, die Reihenfolge der he- 
gel'schen, oder irgend einer andern spekulativen Logik in derje- 
nigen der philosophischen Systeme auch nur annäherungsweise 
aufzuzeigen, wenn man nicht aus den letzteren etwas ganz an- 
deres machen will, als sie in Wirklichkeit sind. Dieser Versuch 



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12 Einleitung. [;i] 

ist daher im Grundsatz wie in der Ausführung verfehlt^ und das 
berechtigte an demselben ist nur die allgemeine Ueberzeugung 
von der inneren Gesetzmässigkeit der geschichtlichen Entwicklung. 
I Auf diese braucht nämlich die Geschichte der Philosophie 
desshalb' nicht zu verzichten, und wir brauchen uns nicht auf die 
gelehrte Sammlung und die kritische Sichtung der Ueberliefe- 
rungen, oder auf jenen unzureichenden Pragmatismus zu beschrän- 
ken,- der das einzelne aus einzelnen PersönlichkeiFenT'Umständen 
'und Einflüssen erklärt, das^ Ganze als solches dagegen unerklärt 
lässt. Die Grundlage unserer Darstellung muss allerdings die ge- 
schichtliche Ueberlieferung bilden, und alles, was in sie aufge- 
nommen werden soll, muss entweder unmittelbar in der Ueber- 
lieferung enthalten, oder durch sichere Schlüsse aus ihr abgeleitet 
sein. Aber schon die Feststellung der Thatsachen ist nicht mög- 
12 lieh, so lange wir sie vereinzelt betrachten. Die Ueberlieferung 
ist nicht die Thatsache selbst ; ihre Glaubwürdigkeit zu prüfen, 
ihre Widersprüche zu lösen, ihre Lücken zu ergänzen wird uns 
nicht gelingen, wenn wir nicht den Zusamnienhapg der einzelnen 
Thatsachen, die Verkettung der Ursachen und Wirkungen, die 
Stellung des einzelnen im Ganzen in 's Auge fassen. Noch weniger 
ist es möglich, die Thatsachen ausser diesem Zusammenhang zu 
verstehen, ihr Wesen und ihre geschichtliche Bedeutung zu er- 
kennen. Wo vollends wissenschaftliche Systeme, nicht blos ein- 
zelne Meinungen oder Ereignisse den Stoff der Darstellung bilden, 
da ist die Zusammenfassung 4es einzelnen zum Ganzen durch die 
Natur des Gegenstandes noch unverkennbarer, als in anderen 
Fällen, gefordert, und diese Forderung wiederholt sich so lange, 
bis alles einzelne, was uns durch die Ueberlieferung bekannt ist, 
oder aus ihr erschlossen wird, in Einen grossen Zusammenhang 
eingereiht ist. 

Den ersten Einheitspunkt bilden die Individuen. Jede philo- 
sophische Ansicht ist zunächst der Gedanke dieses bestimmten 
Menschen, sie ist aus diesem Grunde zunächst aus seiner Denk- 
weise und I ausdenUmständen, unter denen sich diese gebildet hat, 
zu begreifen. Unsere erste Aufgabe wird daher nach dieser Seite 
hin die sein, die Ansichten jedes Philosophen zu einem Gesammt- 
bild zu verknüpfen, ihren Zusammenhang mit seiner philosophi- 
schen Eigenthümlichkeit nachzuweisen , die Ursachen imd Ein- 



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[12] GeBetzmäsfligkeit u. Zusammenliang d. Geschichte. 13 

flüssts, durch die ihre Entstehung bedingt war, aufzusuchen. D.Ke» 
soll das Princip jedes Systems ausgemittelt und genetisch er- 
klärt und das System selbst soll in seinem Hervorgang aus dem 
Princip begriffen werden ; denn das Princip eines Systems ist der 
Gedanke^ welcher die philosophische £igenthümlichkeit seines 
Urhebers am schärfsten und ursprünglichsten darstellt; welcher 
für alle seine Annahmen den verknüpfenden Mittelpunkt bildet. 
Dass sich nicht alles einzelne in einem System aus seinem Prin- 
cip erklären lässt; dass nicht alles Wissen^ das einem Philosophen 
zu Gebote steht; nicht alle UeberzeugungeU; welche sich ihm; 
oft lange vor seinen wissenschaftlichen Gedanken; gebildet habeu; 
nicht alle Begriffe; die er aus den mannigfaltigsten Erfahrungen 
abgeleitet hat; von ihm selbst mit seinen philosophischen Grund- 
sätzen in einen inneren Zusammenhang gebracht sind; dass immer 
auch zufallige Einflüsse; willkührliche Einfalle; Irrthümer und 
Denkfehler mitunterlaufen ; dass endlich die Lückenhaftigkeit der 
Urkunden und Berichte häufig nicht gestattet; den ursprünglichen 
Zusammenhang einer Lehre mit voller Sicherheit zu bestimmen; 
diess liegt in der Natur der Sache ; 'aber unsere Aufgabe ist . 
wenigstens so weit festzuhalten; als die Mittel zu ihrer Lösung 
gegeben sind. 

Der Einzelne steht aber mit seiner Vorstellungsweise nicht id 
allein; sondern andere schliessen sich an ihn aU; und er sciiliesst 
Bich an andere aU; andere treten ihm; und er tritt andern entge- 
gen; es bilden sich philosophische Schulen; die in verschiedenarti- 
gen Verhältnissen der Abhängigkeit, der Uebereinstinunung und 
des Widerspruchs stehen. Indem die Geschichte der Philosophie 
diese Verhältnisse verfolgt; vertheilen sich ihr die Gestalten, mit 
denen sie es zu thun hat, in grössere Gruppen ; es zeigt sich; dass 
der Einzelne nur in diesem bestimmten Zusammenhang mit an- 
dern das geworden ist und gewirkt hat; was er war und wirkte; 
und es entsteht die Aufgabe; seine Eigenthümlichkeit und Be- 
deutung eben hieraus zu erklären. Auch diese Erklärung wird 
nicht in jeder Beziehung ausreichen, weil eben jeder neben dem 
gemeinsamen auch viel eigenthümliches hat; die Arbeit seiner 
Vorgänger nicht blos fortsetzt, sondern auch neues zu ihr hinzu- 
%t, oder mit ihren Voraussetzungen und Ergebnissen in Wi- 
derspruch tritt. Aber je bedeutender eine Persönlichkeit war, 



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14 Einleitung. [13] 

nnd je weiter ihre geschichtliche Wirkung sich erstreckt hat, um 
so mehr wird ihre individuelle Besonderheit auch da, wo sie neue 
Wege eröffnet, hinter eine durchgreifendere Nothwendigkeit zu- 
rücktreten ; denn die geschichtliche Bedeutung des Einzelnen be- 
ruht eben darauf) dass er das leistet, was durch ein allgemeineres 
Bedürfniss gefordert ist, und nur soweit dieses der Fall ist, geht 
sein Werk in den allgemeinen Besitz über. | Das blos individuelle 
am Menschen ist auch das vergängliche, eine bleibende und in's 
grosse gehende Wirkung hat der Einzelne nur dann, wenn er sich 
mit seiner Persönlichkeit in den Dienst des AUgiemeinen begiebt 
und^ mit . seiner besonderen Thätigkeit einen Theil der gemein- 
samen Arbeit verrichtet. 

Gilt diess aber nur vom Verhältniss der Einzelnen zu den 
Kreisen, denen sie zunächst angehören, und nicht ebenso auch 
vom Verhältniss der letztem zu den grösseren Ganzen, von denen 
sie ihrerseits umfasst sind ? Jedem Volk und überhaupt jedem 
geschichtlich zusammengehörigen Theil der Menschheit ist die 
Richtung und das Mass seines geistigen Lebens theils durch die 
. ursprünglichen Eigenthtimlichkeiten seiner Mitglieder, theils durch- 
die physischen und geschichtlichen Verhältnisse vorgezeichnet, 
die seine Entwicklung bfeslimmen. Kein Einzelner kann sich die- 
sem gemeinsamen Charakter entziehen, auch wenn er es wollte, 
und wer zu einem geschichtlich bedeutenden Wirken berufen ist, 
der wird es nicht wollen; denn nur an dem Ganzen, dessen Glied 
14 er ist, hat er den Boden für seine Wirksamkeit, und nur aus die- 
sem Ganzen fliesst ihm durch zahllose Kanäle, meist unbemerkt, 
der NahrungSfltoff zu, durch dessen freie Verarbeitung seine eigene 
geistige Persönlichkeit sich bildet und erhält. Aus demselben 
Grunde sind aber auch alle von der Vergangenheit abhängig. 
Jeder ist ein Kind seiner Zeit so gut wie seines Volkes, und so 
wenig er in's grosse wirken wird, wenn er nicht im Geist seines 
Volkes ^) wirkt, ebensowenig wird er es, wenn er nicht auf dem 
Grunde der bisherigen geschichtlichen Errungenschaft steht. 
Wenn daher der geistige Besitz der Menschheit als das Werk 
freithätiger Wesen einer beständigen Veränderung unterworfen 



1) Oder überhaupt des Ganzen, dem er angehört, seiner Kirche, Schule 
n. s. w. 



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fl4] Gesetzmässigkeit n. Znsammenliang d. Geschichte. 15 

ist^ SO ist diese Yeränderang nothwendig eine stetige^ und das 
gleiche Gesetz der geschichtlichen Stetigkeit gilt auch von jedem 
kleineren KreisC; soweit er nicht durch äussere Einflilsse in seiner 
natürlichen Entwicklung gestört wird. Und da nun hiebei jeder 
Zeit die Bildung und Erfahrung der früheren zugutekommt, so 
wird die geschichtliche Entwicklung der Menschheit irä ganzen 
und grossen eine Entwicklung zu immer höherer Bildung; ein 
Fortschritt sein; einzelne Völker jedoch und ganze Völkermassen 
können trotzdem durch äussere Stürme oder durch innere Er- 
schöpfung in niedrigere | Bildungszustände zurückgeworfen wer- 
den^ wichtige Seiten der menschlichen Bildung können lange Zeit 
brach liegen, der Fortschritt selbst kann sich zunächst auf indi- 
rektem Wege, durch die Auflösung einer unvollkommeneren Bil- 
dungsweise, vollziehen. Das Gesetz des geschichtlichen Fort- 
schritts ist daher in «einer Anwendung auf das besondere dahin 
zu bestimmen , dass unter dem Fortschritt überhaupt nur die 
folgerichtige Entwicklung der Eigenschaften und Zustände ver- 
standeü wird, die in der Eigenthümlichkeit und den Verhältnissen 
eines Volks oder Bildungskreises ursprünglich angelegt sind; 
diese Entwicklung ist aber im einzelnen Fall nicht nothwendig 
eine Verbesserung, sondern es können auch Störungen und Zeiten 
des Verfalls kommen, in denen eine Nation oder eine Bildungs- 
form sich auslebt, -und andere Gestalten als Träger der Geschichte, 
vielldcht mühsam und mit langen Umwegen, sich durcharbeiten. 
EineBegel herrscht auch in diesem Fall in der geschichtlichen 15 
Entwicklung, sofern ihr Gang im ganzen durch die Natur der 
Sache bestimmt ist, nur ist jene Regel nicht so einfach, und dieser 
Gang nicht so geradlinig, wie es uns vielleicht zusagte. Und so 
wenig die Aufeinanderfolge und der Charakter der geschichtlichen 
Entwicklungsperioden zufällig ist, ebensowenig ist es die Anzahl 
und die Beschaffenheit der Entwicklungsreihen, die nebeneinander 
hergehen. Nicht als ob sie sich a priori, aus dem allgemeinen Be- 
griff des Gebietes, um das es sich handelt, des Staats, der Reli- 
gion, der Philosophie u. s. f. construiren Hesse. Aber für jedes 
geschichtliche Ganze und fUr jede seiner Entwicklungsperioden 
»ind durch seinen ursprünglichen Charakter, durch seine Verhält- 
nisse und seine geschichtliche Stellung die Wege bezeichnet, die sich 
auf diesem Boden und unter diesen bestimmten Voraussetzungen 



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16 Einleitung. . , [U. 16] 

betretea lassen; dass sie dann im Verlauf auch wirklich mit verhält- 
nissmässiger Volktändigkeit betreten werden; darüber kann man 
sich so wenig verwundern; als über dasEintreiFen irgend einer an- 
dern Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn so zufallige Umstände 
auch oft der Thätigkeit des Einzelnen ihren Anstoss und ihre Rich- 
tung geben; so natürlich und noth wendig ist es, dass unter einer 
grösseren Anzahl von Menschen eine Mannigfaltigkeit der Anla- 
gen, des Bildungsganges, des Charakters, der Thätigkeiten und Le- 
bensverhältnisse stattfindet; die gross genug ist, um Vertreter der 
verschiedenen unter den gegebenen Umständen möglichen Bich- 
tungen zu erzeugen, dass jede | geschichtUche Erscheinung durch 
Anziehung oder durch Abstossung andere, die ihr zur Ergänzung 
dienen, hervorruft, dass die mancherlei Anlagen und Kräfte in 
Thätigkeit gesetzt werden, dass die verschiedenen möglichen Auf- 
fassungen einer Frage geltend gemacht, dia verschiedenen Wege 
zur Lösung gegebener Aufgaben versucht werden. Der regel- 
mässige Qang Und die organische Gliederung der Geschichte ist, 
mit Einem Wort,- kein apriorisches Postulat, sondern die Natur 
der geschichtlichen Verhältnisse und die Einrichtung des mensch- 
lichen Geistes bringt es mit sich, dass seine Entwicklung, bei 
aller Zufälligkeit des einzelnen, doch im grossen und ganzen einem 
festen Gesetz folgt, und wir briauchen den Boden der Thatsachen 
nicht zu verlassen, sondern wir dürfen den Thatsachen nur auf 
den Grund gehen, wir dürfen nur die Schlüsse ziehen, zu denen 
16 sie die Prämissen enthalten, um diese Gesetzmässigkeit in einem 
gegebenen Fall zu erkennen. 

Was wir verlangen, ist demnach nur die vollständige Durch- 
führung eines rein historischen Verfahrens, wir wollen die Ge- 
schichte nicht von oben herab construirt, sondern von unten her- 
auf aus dem gegebenen Material aufgebaut wissen ; dazu gehört 
aber allerdings auch, dass dieses Material nicht im Rohzustand be- 
lassen, dass durch eine eindringende geschichtliche Analyse das 
Wesen und der innere Zusammenhang der Erscheinungen er- 
forscht werde. 

Diese Fassung unserer Aufgabe wird nun, wie ich hoffe, den 
Bedenken nicht unterliegen, zu welchen die hegersche Geschichts- 
construction Anlass gegeben hat. Wenn sie wenigstens richtig 
verstanden wird, kann sie nie dazu führen, dass den Thatsachen 



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[16. 16] Die Geschichte der Philosophien, die Philosophie. . 17 

Gewalt angethan, und die freie Bewegung der Geschichte einem 
abstrakten Formalismus geopfert wird ; denn nur die geschicht- 
lichen Ueberlieferuugen und Thatsachen selbst sind es^ aus denen 
wir auf den Zusammenhang des geschehenen schliessen^ nur in 
dem frei erzeugten soll die geschichtliche Nothwendigkeit auf- 
gesucht werden. Hält man dieses für unmöglich und widerspre- 
chend; so kann zunächst schon an die allgemeine Ueberzeugung 
von dena Walten einer göttlichen Vorsehung erinnert werden, 
worin doch wohl vor allem das liegt, dass der Gang der Ge- 
schichte nicht zufallig, sondern durch eine höhere Nothwendigkeit 
bestimmt sei. Wollen wir uns aber, wie billig, mit dem blossen 
Glauben niclit begnügen, so dürfen wir nur den Begriff der Frei- 
heit genauer untersuchen, um uns | zu überzeugen, dass die Frei- 
heit etwas anderes ist, als Willkühr und Zufall, dass die freie 
Thätigkeit des Menschen an dem ursprünglichen Wesen des Gei- 
stes und den Gesetzen der menschlichen Natur ihr angeborenes 
Mass hat, und dass vermöge dieser ihrer innern Gesetzmässigkeit 
auch das wirklich zrfallige der einzelnen That im grossen des ge- 
schichtlichen Verlaufs sich zur Nothwendigkeit aufhebt. Diesen 
Gang im einzelnen zu verfolgen, diess gerade ist die Hauptauf- 
gabe der Geschichte. 

Ob nun hiefür, sofern es sich um Geschichte der Philosophie 17 
handelt, eine eigene philosophische Ueberzeugung nothwendig 
oder auch nur vortheilhaft sei, diess würde man wohl kaum ge- 
fragt haben, wenn man sich nicht durch die Furcht vor einer philo- 
sophischen Geschichtsconstruction zum Verkennen dessen hätte 
verleiten lassen, was zunächst liegt. Sonst wenigstens wird kaum 
jemand behaupten, dass die Bechtsgeschichte z. B. von dem am 
richtigsten dargestellt werde, der keine juristische Ansicht, die 
Staatengeschichte von dem am besten, der für seine Person keinen 
politischen Standpunkt hat. Es ist schwer zu begreifen, warum es 
sich mit der Geschichte der Philosophie anders verhalten sollte; 
wie der Geschichtschreiber die Lehren der Philosophen auch nur 
verstehen, nach welchem Masstab er ihre Bedeutung beurtheilen, 
wie er in den innern Zusammenhang der Systeme eindringen, wie 
er sich ein Urtheil über ihr gegenseitiges Verhältniss bilden soll, 
wenn ihn nicht feste philosophische Begriffe bei diesem Geschäft 
leiten. Je entwickelter aber und je übereinstimmender diese Be- 

PhUoi. d. Qt, 1. Bd. 4. Aufl. 9 



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18 Einleitung. [16. 17J 

griffe sind, um so mehr müssen wir ihm auch ein bestimmtes Sy- 
stem zuschreiben; und da nun doch deutlich entwickelte und 
widerspruchslose Begriffe dem Geschiditschreiber unstreitig zu 
wünschen sind, so können wir uns der Folgerung nicht entziehen^ 
dass es nöthig und gut sei; wenn er ein eigenes philosophisches 
System zur Betrachtung der früheren Philosophie mitbringe. 
Möglich freilich, dass dieses System zu beschränkt ist, um ihm 
das Verständniss seiner Vorgänger durchaus zu erschliessen ; 
möglich, dass er es auf die Geschichte in verkehrter Weise an- 
wendet, dass er seine eigene Meinung in die Lehren der Früheren 
hineinträgt, dass er aus dem System construirt, was | er nur mit 
Hülfe desselben zu verstehen sich bemühen sollte. Nur mache 
man für diese Fehler der Einzelnen nicht den allgemeinen Gnmd- 
satz verantwortlich, und noch weniger hoffe man ihnen dadurch 
zu entgehen, dass man ohne eine eigene philosophische Ueber- 
zeugung an die Geschichte der Philosophie geht. Der mensch- 
liche Geist ist nun einmal nicht wie eine unbeschriebene Tafel, 
18 und die geschichtlichen Thatsachen spiegeln sich nicht einfach in 
ihm ab, wie das Lichtbild in der Metallplatte, sondern jede Auf- 
fassung eines gegebenen ist durch selbstthätige Beobachtung, 
Verknüpfung und Beurtheilung der Thatsachen vermittelt. Die 
geschichtliche Voraussetzungslosigkeit. besteht daher nicht darin, 
dass man gar keine, sondern darin, dass man die richtigen Voraus- 
setzungen zur Betrachtung des geschehenen mitbringt. Wer 
keinen philosophischen Standpunkt hat, ist desshalb doch nicht 
überhaupt ohne Standpunkt, wer sich über philosophische Fragen 
keine wissenschaftliche Ueberzeugung gebildet hat, der hat dar- 
über eine unwissenschaftliche Meinung; sollen wir zur Geschichte 
der Philosophie keine eigene Philosophie mitbringen, so heisst 
diess, wir sollen für ihre Behandlung den unwissenschaftlichen 
Vorstellungen vor wissenschaftlichen Begriffen den Vorzug geben, 
und nichts anderes ergiebt sich auch, wenn gesagt wird*), der 
Geschichtschreiber solle sich in und mit der Geschichte sein System 
bilden, er solle sich durch die Geschichte von einem vorausge- 
setzten System emancipiren lassen, um dann erst durch sie das 
wahre, universelle zu gewinnen. Aus welchem Standpunkt soll 



1} WiRTn in den Jahrbüchern der Gegenwart 1844, 709 f. 

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[17.18] Die Gescbiehte der Philosophien, dio Philosophie. 19 

er denn die Geschichte selbst betrachten; damit sie ihm diesen 
Dienst leistet? Aus dem beschränkten; unwahren, von dem er 
befreit werden muss; damit er die Geschichte richtig auffasst; 
oder aus dem universellen; zu dem ihm die Geschichte erst ver- 
helfen soll? Jenes ist offenbar so unthunlich; wie dieses, und so 
bleiben wir schliesslich in dem EreisC; dass nur der die Geschichte 
der Philosophie ganz versteht, der die vollendete Philosophie be- 
sitzt; und nur der zur wahren Philosophie kommt, den das Ver- 
ständniss der Geschichte zu ihr hinfuhrt. Dieser Kreis ist auch 
nie ganz zu durchbrechen : die Geschichte der Philosophie ist | die 
Probe für die Wahrheit der Systeme und ein philosophisches 
System ist die Bedingung für das Verstau dniss der Geschichte; 
je wahrer und umfassender eine Philosophie ist, um so Vollstän- 
diger wird sie uns die Bedeutung der früheren erkennen lehren, 
und je unverständlicher uns die Geschichte der Philosophie bleibt, 
um so mehr Grund haben wir, an der Wahrheit unserer eigenen 
philosophischen Begriffe zu zweifeln. Was aber hieraus folgt, ist 
nur dieses, dass wir die wissenschaftliche Arbeit auf dem geschicht- 
lichen so wenig, als auf dem philosophischen Gebiete, jemals für 
beendigt halten dürfen. Wie vielmehr überhaupt Philosophie und 19 
Crfahrungswissenschaft sich. gegenseitig fördern und bedingen, 
•SO verhält es sich auch hier: jeder Fortschritt der philosophischen 
Erkenntniss eröffnet der geschichtlichen Betrachtung neue Ge- 
sichtspunkte, erleichtert ihr dasVerständniss der früheren Systeme, 
ihres Zusammenhangs und ihres Verhältnisses ; umgekehrt belehrt 
aber auch jede neugewonnene Einsicht in die Art; wie die Auf- 
gaben der philosophischen Forschung von andern gefasst und gelöst 
worden sind, in die Gründe, den inneren Zusammenhang und die 
Consequenzen ihrer Annahmen, uns selbst über die Fragen, deren 
Beantwortung der Philosophie obliegt, über die verschiedenen 
Wege, welche sie hiefür einschlagen kann, und über die Erfolge, 
die sie von jedem derselben zu erwarten hat. 

Doch es ist Zeit, unserem Gegenstand selbst näher zu 
treten. 



2* 

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20 Einleitung. [18] 

Zweiter Abschnitt. 
Vom Ursprnng der griechisehen Philosophie. 

1. Die Ableitung der griechischen Philosophie aus 
orientalischer Spekulation. 

20 Soll die griechische Philosophie aus ihren EntatehungsgrUn- 

den erklärt werden^ so wird es sich zunächst fragen, :welche8 
überhaupt der geschichtliche Zusammenhang war, aus dem • sie 
entsprungen ist; ob sie sich als ein einheimisches Erzeugniss aus 
dem Geist und den Bildungszuständen des griechischen Volkes 
entwickelt hat, oder ob sie aus der Fremde auf den hellenischen 
Boden verpflanzt und unter fremden Einflüssen grossgenäfart 
wurde. Die Griechen selbst waren bekanntlich schon frühe ge- 
neigt, den orientalischen Völkern, den einzigen, deren Bildung 
der ihrigen vorangieng, einen Antheil an der Entstehung ihrer 
Philosophie zuzuschreiben ; doch sind es in der älteren Zeit immer 
nur einzelne Lehren, die in dieser Weise aus dem Orient herge- 
leitet werden ^). Dass die griechische Philosophie im ganzen 
ebendaher stamme, diess wurde zuerst, so viel uns bekannt ist, 
nicht von Griechen, sondern von Orientalen behauptet. Die grie- 
chisch gebildeten Jaden der alexaudrinischen Schule sachten durch 
diese Behauptung die angebliche Uebereinstimmung ihrer Reli- 
gionsschriften mit den Lehren der Hellenen ihrem Standpunkt 
und Interesse gemäss zu erklären*); und in ähnlicher Weise 
rühmten sich die ägyptischen Priester, nachdem sie unter den 
Ptolemäern mit der griechischen Philosophie bekannt geworden 
waren, der Weisheit, welche nicht blos Propheten und Dichter, 
sondern auch Philosophen, bei ihnen geholt haben sollten^. 

1) M. Tgl. in dieser Beziehung tiefer unten die Abschnitte über Pytha-* 
goras und Plato. 

2) Das n&here hiei*über Th. III, b, 220 f. 300 f. 2. Aufl. 

3) Bei Ilerodot findet sich noch nichts Yon einer ägyptischen Abkunft 
der gi'iechischen Philosophie; dagegen behauptet er allerdings nicht blos tod 
einzelnen griechischen Kulten und Lehren, wie namentlich der Dionysos* 
rerehrung und dem Seelen Wanderungsglauben (II, 49. 123), dass sie aus 
Aegypten nach Griechenland verpflanzt seien, sondern er sagt II, 52 auch 
ganz allgemein: die Pelasger haben anfangs die Götter nur unter diesem 
allgemeinen Namen verehrt, erst später haben sie die Namen ihrer Gatter 



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[19] Ableitung der griech. Philosophie auB dem Orient. 21 

Etwas später fand diese Annahme bei den Griechen selbst | Ein- 21 
gang : als die griechische Philosophie, an der eigenen Kraft ver- 
zweifelnd, von höheren Offenbarungen das Heil zu erwarten, und 
in den religiösen Ueberlieferungen solche Offenbarungen aufzu- 
suchen begann, da war es natürlich, dass auch für die Lehren 
der alten Denker der gleiche Ursprung vorausgesetzt wurde ; und 
je weniger sich nun diese Lehren aus der einheimischen Tradition 
der Griechen erklären Hessen, um so eher vermuthete man ihre 
Qaeüe bei Völkern, die längst als die Lehrer der Hellenen ge- 
priesen wurden, und von deren Weisheit man sich schon desshalb 
die höchste Vorstellung bildete, weil alles, was man nicht kennt, 
die Einbildungskraft zu reizen, und in dem geheimnissvollen 22 
Nebel, durch den es gesehen wird, sich weit grösser auszunehmen 
pflegt, als es in der Wirklichkeit ist. So verbreitete sich seit ' 
dem Aufkommen des Neupjthagoreismus, hauptsächlich von 



(mit wenigen, c. 50 aufgezählten AuBnahmen) aus Aegypten erhalten. Dags 
sich nun diese Behauptung zunächst auf die Aussage der ägyptischen Priester 
Btdtzt, wird schon durch c. 50 wahrscheinlich; noch bestimmter erhellt es 
»as c. 54, wo Herodot aus dem Munde dieser Priester eine Erzählung über . 
zwei Frauen mittheilt, die von Phöniciern aus dem ägyptischen Theben ent- 
fuhrt, die eine in Hellas, die andere in Libyen die ersten Orakel gestiftet 
baben — eine offenbar aus der dodonäischen Legende von den zwei Tauben 
(ebd. e. 55) durch rationalistische Umdeutung gebildete Geschichte, welche 
aber tob den Priestern dem glaubonsbereiten Fremdling durch die Ver- 
sichernng empfohlen wird, was sie ihm über das Schicksal jener Frauen mit- 
theilen, haben sie durch viele Nachforschungen erkundet. Wie nun hier die 
Aegypter sich für die Stammväter der griechischen Religion ausgeben, so 
behaupten sie das gleiche später in Betreff der griechischen Philosophie. 
60 berichtet schon Kbastob bei Prokl. in Tim. 24, B, mit Bezug auf den 
platonischen Mythus von den Athenern und Atlantiden: |jLoepTupov)oi 8k xa\ ol 
xpop^tat tdiv kly\)Kzitov |y <rz^/^\a.li zoiii eti a(o2^o|x^vat; taura ysyp^?^^^ Xdyov'zei^ 
und er giebt uns damit zugleich einen höchst schätzbaren Fingerzeig für die 
Würdigung derartiger Aussagen; und Diodor bezeugt 1, 96: die ägyptischen 
Priester erzählen ^x.tüSv avaypaywv twv iv toi« Upai^ ß''ßXoi;, dass Orpheuf», 
Musäus, Homer, Lykurg, Selon u. s. w. zu ihnen gekommen seien; ferner 
Plato, Pythagoras, Eudoxus, Demokritus, Oenopides aus Chios; wie denn 
auch Reliquien dieser Männer bei ihnen gezeigt werden. Von den Aegyptem 
haben dieselben die Lehren, Künste und Einrichtungen entlehnt, welche 
dnreh sie zu den Hellenen gekommen seien; so namentlich Pythagoras seine 
Geometrie, seine Zahlenlehre und den Qlauben an Seeleu Wanderung, Derookrit 
fein Mtronomisches Wissen, Lykurg, Plato und Solon ihre Gesetze. 



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22 Einleitung. [19. 20] 

Alexandria auS; der Glaube, dasa die bedeutendsten unter den 
alten Philosophen dien Unterricht orientalischer Priester und 
Weisen benützt und ihre eigenthümlichsten Lehren aus dieser 
Quelle geschöpft haben. Diese Meinung wurde in den folgenden 
Jahrhunderten immer allgemeiner, und die späteren Neuplatoniker 
insbesondere trieben sie so auf die Spitze, dass die Philosophen, 
wie sie sich die Sache vorstellten, kaum noch etwas anderes 
gewesen wären, als die Verbreiter von Lehren, die in den Ueber- 
lieferungen der asiatischen Völker schon längst fertig vorlagen. 
Kein Wunder, dass die christlichen Gelehrten bis über die Re- 
formation herab in denselben Ton einstimmten, und weder die 
jüdischen Behauptungen über die Abhängigkeit der griechischen 
Philosophie von der alttestamentlichen Religion, noch die Er- 
zählungen in Zweifel zogen, die den alten Philosophen Phönicier 
und Aegypter, Babylonier, Perser und Inder zu Lehrern gaben ^)- 
Die neuere Wissenschaft hat die Fabeln der Juden vom Verkehr 
griechischer Weisen mit Moses und den Propheten längst ein- 
stimmig beseitigt; dagegen konnte die Annahme, dass die grie- 
chische Philosophie ganz oder theilweise aus dem heidnbchen 
Orient stamme, theils sachlich mehr fUr sich anführen, theils kam 
ihr die hohe Meinung von der Weisheit der orientalischen Völker 
zu statten, welche seit dem allmählichen Bekanntwerden chinesi- 
scher, persischer und indischer Religionsurkunden und seit der 
Erforschung des ägyptischen Alterthums aufkam, und welche 
auch durch, philosophische Spekulationen über eine Uroffenbarung 
und ein goldenes Weltalter unterstützt wurde. | Eine nüchternere 
Philosophie freilich wusste sich von der Wahrheit dieser Speku- 
lationen nicht zu überzeugen, und besonnene Geschichtsforscher 
j suchten vergebens die Spuren der hohen Bildung, welche die 
Urzeit unseres Geschlechtes geschmückt haben sollte. So ist denn 
auch die Bewunderung jener orientalischen Philosophie, von 
welcher den Griechen, nach der Meinung ihrer enthusiastischen 



1) Unter ihnen giengen wieder die Alexandriner allen andern voran. 
Glemsks besonders führt dieses Thema in seinen Stromata mit Vorliebe ans : 
ihm ist z. B. Plato einfach 6 i^i 'Eßpa{b>v fiXöao^ot (Strom. I, 274, B), und 
die hellenischen Philosophen im allgemeinen haben Theile der Wahrheit Yon 
den ebräischen Propheten entlehnt nnd für ihr Eigenthum ausgegeben (ebd. 312, 
C. 320, A). 



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[30. 31] Ableitung d. griecfa. PhlloBopbie ans dem Orient. 23 

Verehrer^ nur Bruchstücke zugekommen wären, bedeutend herab- 
gestumnt worden, seit wir über ihre wahre Beschaffenheit besser 
unterrichtet sind ; und indem man zugleich von der früheren un- 
kritischen Vermengung verschiedenartiger Denkweisen zurück- 
kam, und jede Vorstellung in ihrer geschichtlichen Bestimmtheit 
und ip ihrem Zusammenhang mit der Eigenthümlichkeit und den 
Zuständen der Völker zu betrachten sich gewöhnte, so war es 
natürlich, dass von den Kennern des klassischen Alterthums der 
Unterschied des griechischen vom orientalischen und die Selb- 
ständigkeit der griechischen Bildung wieder stärker betont wurde. 
Doch hat es auch in der neuesten Zeit nicht an solchen gefehlt, 
die einen entscheidenden Einfluss des Orients auf die älteste grie- 
chische Philosophie behauptet haben, und die ganze Frage scheint 
überhaupt noch nicht so völlig erledigt, dass sich die Geschichte 
der Philosophie ihrer wiederholten Erörterung entziehen dürfte. 
Dabei ist aber ein Punkt zu bemerken, dessen Nichtbeach- 
tung nicht selten Verwirrung in diese Untersuchung gebracht hat. 
Einen Einfluss orientalischer Anschauungen auf die griechische 
Philosophie kann in gewissem Sinn auch der annehmen, welcher 
dieselbe für ein rein griechisches Erzeugniss hält. Die Griechen 
stammen- mit den übrigen indogermanischen Völkern aus Asien, 
und sie müssen aus dieser ihrer ältesten Heimat schon ursprüng- 
lich, zugleich mit ihrer Sprache, die allgemeinen Grundlagen 
ihrer Religion und Sitte mitgebracht haben. Nachdem sie sodann 
ihre späteren Wohnsitze erreicht hatten, waren sie fortwährend 
den Einwirkungen ausgesetzt, die von orientalischen Völkern 
ausgehend, theils über Thracien und den Bosporus, theils über 
das ägäische Meer und seine Inseln an sie gelangten. Die grie- 
chische Eigenthümlichkeit steht daher schon in ihrer Entstehung 
unter dem Einfluss des | orientalischen Geistes, und die griechi- 
sche Beligion insbesondere lässt sich nur unter der Voraussetzung 34 
begreifen, dass zu dem Glauben der griechischen Urzeit, und in 
geringerer Ausdehnung selbst zu dem des homerischen Zeitalters, 
von Nord- und Südosten her fremde Kulte und ßeligionsideen 
hinzukamen; den jüngsten von diesen ei,ngewanderten Göttern, 
wie Dionysos, Cybele und der phönicische Herakles, lässt sich ihr 
auswärtiger Ursprung jetzt noch sicher genug nachweisen, wo- 
gegen wir uns bei andern, so weit die Untersuchung bis jetzt vor- 



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24 Einloitung. [21, 22] 

gerückt ist^ mit unbestimmteren Vermuthungen begnügen müssen. 
Sofern es sich jedoch um den orientalischen Ursprung der grie- 
chischen Philosophie handelt, können nur diejenigen orientalischen 
Einflüsse in Betracht kommen, welche nicht erst durch die grie- 
chische Volksreligion oder überhaupt durch das griechische Wesen 
in seiner eigenthümlichen Ausbildung vermittelt sind ; denn soweit 
dieses der Fall ist, haben wir die Philosophie der Griechen jeden- 
falls zunächst als ein Erzeugniss des griechischen Geistes zu be- 
trachten, wie aber dieser selbst sich gebildet hat, diess hat nicht 
die Geschichte der Philosophie zu untersuchen. Nur soweit sich 
das orientalische in seiner Besonderheit neben dem griechischen 
erhalten hat, gehört es hieher, und nur wenn wahr wäre, was 
Roth behauptet ^), dass die Philosophie nicht aus den Kultur- 
zuständen und dem geistigen Leben der griechischen Völker ent- 
sprungen, sondern als etwas ausländisches zu ihnen verpflanzt 
sei, dass der ganze ihr zu Grunde liegende Vorstellungskreia 
schon ganz fertig aus der Fremde gekommen sei, nur dann könnten 
wir diese Philosophie schlechtweg aus dem Orient herldten. Ist 
sie dagegen zunächst aus dem eigenen Nachdenken der griechi- 
schen Philosophen hervorgegangen, so ist sie der Hauptsache 
nach einheimischen Ursprungs, und die Frage kann bereits nicht 
mehr die sein, ob sie als Ganzes aus dem Orient kam, sondern es 
handelt sich nur noch darum, ob überhaupt orientalische Lehren 
zu ihrer Entstehung mitgewirkt haben, wie weit sich dieser fremde 
Einfluss erstreckt, und inwiefern sich das eigenthtimlich orienta- 
lische, in seinem Unterschied vom hellenischen, in ihr noch er- 
kennen läöst. Diese verschiedenen Fälle wurden bisher nicht 
immer deutlich genug auseinandergehalten, und namentlich die 
26 Vertheidiger orientalischer Einflüsse haben es | nicht selten ver- 
säumt, sich darüber zu erklären, ob das orientalische unmittelbar 
oder durch Vermittlung der griechischen Religion in die Philo- 
sophie kam. Zwischen beidem ist aber kein geringer Unterschied, 
und nur der erstere Fall ist es, der uns hier beschäftigt. 

Man beruft sich nun für die Behauptung, dass die griechische 
Philosophie ursprünglich aus dem Orient stamme, theils auf die 
Angaben der Alten, theils auf die innere Verwandtschaft, die 



1) Geschichte unserer abendlAndischen Philosophie I, 74. 241. 



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[22] Der oriental. Ursprung d. griech. PhiloB. iinerweislicli. 25 

man zirischen griechlsclien und orientalischen Lebren za be- 
merken geglaubt bat. Der erste von diesen Beweisen ist jedocb 
sehr unzureichend. Die Späteren allerdings^ namentlich die An- 
hänger der neupythagoreischen und neuplatonischen Schule^ 
wissen yiel von der Weisheit zu sagen^ die einem Thaies, Phere- 
cydes nnd Pythagoras, einem Demokrit und Plato, aus dem 
Unterricht der ägyptischen Priester, der Chaldäer, der Magier^ 
selbst der Brabmanen zugeflossen sein soll. Allein dieses Zeug- 
niss hätte doch nur dann einen Werth für uns, wenn wir an- 
nehmen dürften, dass es sich auf eine zuverlässige, in die Zeit 
jener Philosophen selbst hinaufreichende Ueberlieferung gründe. 
Aber wer giebt uns daflir eine Bürgschaft? Die Angaben jener 
jüngeren Schriftsteller über die alten Philosophen lassen sich 
selbst dann nur mit Behutsamkeit gebrauchen, wenn sie ihre Ge- 
währsmänner nennen ; denn ihr geschichtlicher Sinn nnd ihr kriti- 
scher Blick ist fast ausnahmslos so stumpf, und die dogmatischen 
Voraussetzungen der späteren Philosophie drängen sich bei ihnen 
so massenhaft in die Geschichte ein, dass wir nur den wenigsten 
von ihnen eine treue Berichterstattung aus ihren Quellen, keinem 
einzigen ein richtiges Urtheil über den Werth und Ursprung 
dieser Quellen, eine sichere Unterscheidung des ächten und un- 
ächten, des fabelhaften und des geschichtlichen zutrauen können. 
Wo vollends von ihnen ohne bestimmte Nachweisung der Zeugen 
über Plato oder Pythagoras oder sonst einen der alten Philo- 
sophen etwas erzählt wird, was nicht von sonsther bekannt ist, 
da dürfen wir unbedingt überzeugt sein, dass dieser Erzählung 
weit in den meisten Fällen weder eine Thatsache noch eine 
achtnngswerthe Ueberlieferung, sondern höchstens ein unver- 
bürgtes Gerücht, noch öfter vielleicht ein Missverständniss, eine 
pragmatische Vermuthung, eine dogmatische Voraussetzung oder 
auch eine absichtliche Erdichtung zu Grunde liegt ; und es gilt 20 
diess ganz besonders von der Frage über das Verhältniss jener 
Philosophen zum Orient, da einerseits die Orientalen die stärksten 
Beweggründe der Eitelkeit und des Vortheils hatten, um eine 
orientalische Abkunft der griechischen Wissenschaft und Bildung 
zu erdichten, andererseits die Griechen nur zu geneigt waren, 
diesen Anspruch sich gefallen zu lassen. Gerade im vorliegenden 
Fall haben wir es aber nur mit solchen Angaben zu thun, deren 



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26 Einleitung. [23] 

Herkunft nicht näher nachgewiesen wird, und diese Angaben 
stehen in einem so verdächtigen Zusammenhang mit dem eigenen 
Standpunkt | der Schriftsteller, dass es sehr voreilig wäre, weit- 
greifende geschichtliche Annahmen auf einen so unsicheren Grund 
zu bauen. Lassen wir aber diese unzuverlässigen Zeugnisse bei 
Seite, um uns an die älteren Berichterstatter zu halten, so führen 
uns diese theils lange nicht .so weit, wie die späteren, theils be- 
ruhen auch ihre Aussagen oft mehr auf Vermuthung, als auf ge- 
schichtlichem Wissen.' Thaies mag in Aegjpten gewesen sein — 
sicher wissen wir es nicht; aber dass er mehr als die ersten An- 
fangsgründe der Mathematik dort gelernt hat, ist nicht wahr- 
scheinlich. Dass Pjthagoras dieses Land bereist habe, und seine 
ganze Philosophie dorther stamme, sagt zuerst Isokrates in einer 
Stelle, die der rednerischen Erdichtung mehr als verdächtig ist; 
Herodot weiss noch nichts von seiner Anwesenheit in Aegypten, 
undlässt ihm von da nur wenige Lehren und Gebräuche aus dritter 
Hand zukommen. Zuverlässiger sind Demokrit's weite Keisen 
bezeugt, was er jedoch auf denselben von Barbaren gelernt hat, 
darüber ist uns nichts sicheres überliefert, denn das Mährchen von 
dem phönicischen Atomiker Mochus verdient keinen Glauben ^). 
AuchPlato^s ägyptische Reise scheint geschichtlich, und ist jeden- 
falls ungleich besser beglaubigt, als die späten und unwahrschein- 
lichen Angaben über seine Bekanntschaft mit Phöniciem, Juden^ 
Chaldäem und Persern; aber so viel auch jüngere Schriftsteller 
über die Früchte dieser Beise zu sagen, oder richtiger zu rathen 
wissen, Plato selbst spricht seine Meinung von der Weisheit der 
Aegypter deutlich genug aus, wenn er den Hellenen den Sinn för 
Wissenschaft, den Aegyptern ebenso, wie den Phöniciem, die 
Liebe zum Erwerb als unterscheidende Eigenthümlichkeit bei- 
27 legt "). Wirklich sind es auch nur technische Fertigkeiten und 
staatliche Einrichtungen, nicht philosophische Entdeckungen, die 
er an verschiedenen Orten von ihnen zu rühmen weiss ^) ; dass er 



1) Dm nähere bierflber tiefer anten, S. 169. 259 f. 687 f. der 3. Aufl. 

2) Bep. lY, 486, E, eine SteUe, auf die Bitter in seiner umsichtigen 
Untersuchung über den orientalischen Ursprung der griechischen Philosophie 
(Gesch. der Philos. I, 153 ff.) mit Recht das grösste Gewicht legt. 

3) Vgl. Th. II, a, 358, 2 3. Auü. Bbahdis, Gesch. der grioch.-röm. Phil. 
I, 148. 



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[24] Der oriental. Ursprung d. griech. PhiloB. an erweislich, 27 

philosophiBches von ihnen gelernt hätte^ davon findet sich weder 
bei ihm selbst noch in der glaubwürdigen Ueberlieferang eine 
Spar. So schrumpfen also die Nachrichten über eine Abhängig- 
keit der griechischen Philosophie von den Orientalen; sobald wir 
das ganz unsichere beseitigen^ und das übrige seinem wirklix^hen 
Sinn gemäss auffassen^ auf wenige Angaben zusammen^ diese 
selbst sind nicht über allen Zweifel erhaben^ und auch im besten 
Fall können sie nur beweisen^ dass die Griechen vom Orient her 
veremzelte Anregungen^ nicht aber^ dass sie eine umfassende 
wissenschaftliche Einwirkung erfuhren. 

Ein bedeutenderes Ergebniss glaubt man aus der inneren 
Verwandtschaft der griechischen Systeme mit orientalischen Leh- 
ren zu gewinnen. Wie es sich aber freilich näher damit verhalte^ 
darüber sind auch die zwei neuesten Vertheidiger dieser Ansicht 
keineswegs einig. Während es Gladisch ^) augenscheinlich 
findet, dass sich in den bedeutendsten unter den vorsokratischen 
Systemen die Weltansicht der fünf orientalischen Hauptvölker 
ohne eine erhebliche Veränderung ihres Inhalts wiederholt habe, 
im pythagoreischen die chinesische; im eleatischen die indische; 
imheraklitischen die persische; im empedokleischen die ägyptische; 
im anaxagorischen die jüdische; so erklärt Roth ^) nicht minder 
bestimmt; die ältere griechische Spekulation sei aus der ägypti- 
schen Glaubenslehre entstanden; der auch zoroastrische Vorstel- : 
lungeu; doch in grösserem Mass nur bei einem Demokrit und 
Plato ^); beigemischt sein sollen; erst in Aristoteles mache sich das 
griechische Denken frei von diesen Einflüssen; aber im Neu- 
platonismns trete die ägyptische Spekulation nochmals in ver- 
jüngter Gestalt auf; während gleichzeitig aus dem zoroastrisdien 

1) Einleitung in das VerBtändnies der Weltgesckichte, 2 fh. 1841. 1844. 
Das Mysterinm der Ägypt. PTramiden und Obelisken 1846. Ueber Heraklit. 
ZeitBcbr. f. Alterthnma-WisBenscb. 1846, Nr. 121 f. 1848, Nr. 28 ff. Die 
verBcbleierte Isis. 1849. Empedokles und die Aegypter 1858. HerakleitoB 
ondZoroMter 1859. Anaxagoras und die Israeliten. 1864. Die Hyperboreer und 
die alten Behinesen 1866. Die Religion und die Philosophie in ihrer welt- 
geschichtl. Entwicklung 1852. Ich halte mich im folgenden zunftchst an 
diese letztere Schrift. 

2) Gesch. uns. abendl. Phil. I, 74 ff. 228 f. 459 f. 

3) Und wie im zweiten Theil beigefügt wird, bei manchen Pythagoreem; 
▼gl 8. 269 8. Anfl. 



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28 ' fi'inleitung. [24. 25] 

IdeenkrejS; aber nicht ohne Einwirkung des ägyptischen Wesens, 
das Christenthum hervorgehe. 

Bei unbefangener Prüfung der geschichtlichen Thatsachen 
werden wir weder der einen noch der anderen von diesen An- 
nahmen beitreten und dea wesentlich orientalischen Ursprung 
und Charakter | der griechischen Philosophie überhaupt nicht 
wahrscheinlich finden können. Die Beobachtung^ welche Gladisch 
gemacht zu haben glaubt^ Hesse sich; wenn sie Grund hätte^ auf 
eine doppelte Weise erklären : man könnte entweder eine wirk- 
liche Abhängigkeit der pythagoreischen Philosophie von chine- 
sischen; der eleatischen von indischen Lehren u. s. f. annehmeD, 
oder man könnte ihr Zusammentreffen mit diesen Lehren für etwas 
ansehen; was sich ohne einen äusseren Zusammenhang beider, sei es 
durch die Universalität des griechischen Geistes oder durch irgend 
welche andere Ursachen, von selbst gemacht habe. Aber im 
letzteren Fall erhielten wir aus dieser Erscheinung keinen Auf- 
Bchluss über die Entstehung der griechischen Philosophie, und 
so auffallend die Thatsache auch wäre, zum geschichtlichen Ver- 
ständniss der griechischen Wissenschaft würde sie kaum etwas 
beitragen. Soll dagegen ein äusserer, geschichtlicher Zusammen- 
hang zwischen den genannten griechischen Systemen und ihren 
orientalischen Vorbildern stattfinden, wie diess Gladisch an- 
nimmt ^), so müsste doch die Möglichkeit einer solchen Verbindung 
irgendwie nachgewiesen, es müsste aus der Betrachtung der ge- 
schichtlichen Verhältnisse wahrscheinlich gemacht werden, dass 
einem Pythagoras und Parmenides diese genaue Kunde von 
^ chinesischen und indischen Lehren zukommen konnte ; es müsste 
die unbegreifliche Erscheinung erklärt werden, dass die verschie- 
denen orientalischen Ideen auf dem Wege nach Griechenland 
und in Griechenland selbst sich nicht vermischt hätten, sondern 
gesondert neben einander hergegangen wären, um ebenso viele 
29 griechische Systeme, und zwar genau in der Aufeinanderfolge zu 
erzeugen, die der geographischen und geschichtlichen Stellung 
.jener Völker entspräche; es müsste auch auf die Frage eine an- 
nehmbare Antwort gegeben werden, wie die Bestimmungen, 
welche Empedokles und Anaxagoras so sichtbar von Parmenides 



1) M. y^l. in dieser Oeziehaii^ namentlich Änaxag. u. d. lar. S. X t 



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Der oriental. Ursprung d« grleeh. PhiloB. nnerwef^lieli. 29 

entlehnt haben, und welche in ihre eigenen Lehren so tief eisr 
greifen, dajBS sie geradezu als der wissenschaftliche Ausgangs- 
punkt derselben zu bezeichnen sind, (über die Unmöglichkeit 
eines absoluten Entstehens und Vergehens u. s. w.) bei dem einen 
Ton jenen Männern aus Indien, bei einem zweiten aus Aegjpten, 
bei dem dritten aus Palästina stammen können. Aber alles dieses 
zeigt sich gleich unmöglich, ob man nun einen unmittelbaren oder 
nur einen mittelbaren Einfluss der orientalischen Lehren auf die 
griechischen Philosophen vermuthen wollte. Dass ein unmittel- 
barer Einfluss dieser Art nicht anzunehmen sei, bemerkt auch 
Gladisch ^), indem er hiefür mit Becht theils die Aussagen de 
Aristoteles und der übrigen alten Schriftsteller über die Ent- 
stehung der Yorplatonischen Systeme, theils den gegenseitigen Zu- 
sammenhang dieser'Systeme geltend macht. Aber wird die Sache 
dadurch wahrscheinlicher, dass man annimmt '), das Orientalische 
sei „durch Vermittlung der griechischen Religion in die Philo- 
sophie gekommen?^ Wo findet sich denn in der griechischen 
Beh'gion, und speciell in der religiösen Ueberlieferung der Jahr- 
hunderte, welche der vorsokratischen Philosophie das Dasein 
gaben, abgesehen von dem Dogma der Seelenwanderung, eine 
Spur von allen . den Lehren, welche den Philosophen durch sie 
zugeführt worden sein sollen? Wer wird es glaublich machen, 
dass sich ein spekulatives System, wie die Wedantaphilosophie, 
durch Vermittlung der griechischen Mythologie zu Parmenides, 
der jüdische Monotheismus durch Vermittlung des hellenischen 
Poljrtheismus zu Anaxagoras fortgepflanzt habe? Wie können 
die orientalischen Philosopheme, nachdem sie in der griechischen 
Beligion zusammengeflossen waren, aus derselben unverändert 
in dieser bestimmten Ordnung wieder hervorgetreten sein? imd 
wenn sie es wären: wie kann das, was die verschiedenen Philoso- 
phen aus der gleichen Quelle, ihrer vaterländischen Religion, ge- 
schöpft hätten, selbst dann, wenn es der eine von ihnen nachweis- 
bar von dem andern entlehnt hat, auf ganz verschiedene orienta- 
lische Quellen zurückgeftihrt werden ? Es heisst leichten Fusses 
über diese Bedenken, deren Zahl sich unschwer vermehren liesse, 



1) £inl. in d. Verst. n. fl. w. n, 376 f. Anaxag. u. d. Isr. XI f. 

2) Anazag. u. b. w. XIII. 



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30 Einleitung. 

hinwegkommen; wenn man uns sagt 0^ ob ^^ ^U^s möglich sei 
und wie es etwa geworden^ wolle man zunächst nicht untersuchen, 
man begnüge sich; die Thatsachen selbst festzustellen. So möchte 
man antworten; wenn zum Erweis dieser Thatsachen nicht mehr 
g^örte, als die Abhör unanfechtbarer Zeugen und die Zusammen- 
stellung ihrer Aussagen. Aber diess ist in der Wirklichkeit keines- 
wegs der Fall. Der Nachweis des Parallelismus zwischen grie- 
chischen und orientalischen LehreU; den Gladisch entdeckt zn 
haben glaubt; würde unter allen Umständen Untersuchungen 
erfordern; welche viel zu verwickelt wären; als dass die Frage 
nach der Möglichkeit und Erklärbarkeit desselben dabei ausser 
Betracht bleiben könnte. Sieht man vollends; wie Gladisch ihn 
herstellt; so begegnet uns an entscheidenden Punkten ein so un- 
kritisches Vertrauen auf unterschobene Schriften und unzuver- 
lässige Angaben; eine solche Vermischung des früheren mit dem 
späteren; eine so willkührliche Umdeutung der Bestimmungen, 
um die es sich handelt; dass wir es augenscheinlich nicht mit einer 
blossen Nachweisung des geschichtlichen Thatbestands; sondern 
mit einer Combination zu thun habeU; welche über denselben weit 
hinausgeht '). Diese selbst aber verwickelt unS; wie bemerkt; in 
den Widerspruch; dass die Bestimmungen; welche sich bei mehre- 
ren griechischen Philosophen gleichmässig finden; ganz verschie- 
denen Ursprungs sein müssteu; daS; was der eine derselben sichtbar 
von dem andern entlehnt hat; jedem von beiden selbständig aus 
einer orientalischen Quelle; und jedem aus einer andern; zugekom- 
men sein müsste'); dass Systeme; die sich im unläugbarsten ge- 



1) A. a. O. XIV. - 

2) M. vgl. wa« S. 602 f. der 8. Aufl. über Herakliti B. 669 f. über 
Empedokles, 6. 812. 841 über Anaxagoras bemerkt ist Noch anderes findet 
sich in der 2. und 8. Aufl. in dem Text der vorliegenden Stelle über die 
pythagoreische und oleatische Philosophie. (S. 29 f. der 8. Aufl.) Ich will 
dieses in der gegenwärtigen nicht wiederholen: nicht als ob mir GLADtscn^a 
Gegenbemerkungen (Anaxag. u. d. Isr. XIV f.) unwiderleglich zu sein schienen, 
sondern weil ihre eingebende Widerlegung mehr Baum in Anspruch nehmen 
würde, als ich seiner Hypothese hier widmen kann, und weil an eine wirk- 
liche Herleitung des Pythagoreismus aus China und der parmenideischen 
Lehre aus Indien doch wohl keinenfalls gedacht werden kann, nur darnach 
aber an diesem Orte gefragt wird. 

8) M. Tgl. hierüber, was S. 28 f. bemerkt ist. Aehnlioh müsste nach 



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[29] Der oriental. Ursprung d. griech. PhiloB. unerweisHoh. 31 

scbichtlichen Zusammenhang auseinander entwickelt haben^ nur 
wiederholt haben sollten^ was ausser diesem Zusammenhang; dem 
einen bei diesem dem andern bei jenem orientalischen Vorgänger, 
schon gegeben war. Wenn endlich so wichtige und in die Geschichte 
der griechischen Philosophie so tief eingreifende Erscheinun- 
gen, wie die jonische Physik vor Heraklit und die Atomistik, von 
Gladisgh in seiner Construction nicht untergebracht werden kön- ' 
nen ^), so sehen wir auch daran, wie wenig diese Construction sich 
mit dem wirklichen Thatbestand deckt. 

Was BöTH betrifft, so hätte sich seine Ansicht erst an der 31 
Untersuchung der einzelnen griechischen Systeme bewähren 
müssen. So weit er sie aber ausgeführt hat, kann ich ihr schon 
desshalb nicht beistimmen, weil ich in seiner Darstellung der 
ägyptischen Theologie gleichfalls kein treues geschichtliches Bild 
za erkennen vermag. Ich kann hier allerdings nicht auf religions- 82 
philosophische Erörterungen eingehen, so viel auch von hier aus 
gegen die Annahme^) zu erinnern wäre, dass nicht Vorstellungen 
von persönlichen Wesen, sondern abstrakte Begriffe, wie die des 
Geistes, der Materie, der Zeit und des Raumes, den ursprüng- 
lichen Inhalt des ägyptischen, oder irgend eines andern alten 
Religionsglaubens gebildet haben. Auch die Prüfung der Ergeb- 
nisse, die Roth aus orientalischen Schriften und hieroglyphischen 
Denkmälern ableitet, muss ich Kundigeren überlassen. Für den 
Zweck der vorliegenden UntQjrsuchung genügt jedoch die Be- 
merkuilg, dass sich diejenige Verwandtschaft der ägyptischen und 
persischen Lehren mit griechischen Mythen und Philosophemen, 



Gladibca Pjthagoras seine Lehre von der Seelenwanderung aus China haben 
(wo dieselbe aber ursprünglich nicht zu Hause ist), Empedokles die seinige 
aus A^gypten. 

1) In Betreff der Atomistik sucht diess Gladisch (Ana,pLag. u. d. Isr. XTV) 
^mit zu rechtfertigen, dass sie sich auf dem Boden der eleatischen Philo- 
sophie entwickelt habe. Allein sie verhält sich zu dieser durchaus nicht 
anders und nicht weniger selbständig, als die Lehre des Anaxagoras und 
Kmpedokles, und sie hat ganz den gleichen Anspruch, als ein eigenthüm- 
Heb« System aufgeführt zu werden, wie diese. Die Uebergehung des Thaies, 
Anaximander und Anaximenes lässt Oladisoh auch a. a. O. unerklftrt. Und 
doch ist Thaies der erste Begründer einer griechischen Philosophie und 
^AAximander der nächste Vorgänger Heraklit's. 

3) A. a. O. S. 50 f. 228. 181 ff. 



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32 Einleitang. [28. 29] 

welche Roth annimmt ^); selbst unter Voraussetzung seiner Er- 
klärungen nicht erweisen lässt; sobald man nicht unzuverlässigen 
Gewäb^smännern^ unsicheren Vermuthungeu und bodenlosen 
Etymologieen ein ganz ungebührliches Vertrauen schenkt. Wäre 
freilich jede Uebertragung griechischer Göttemamen auf aus- 
ländische Gottheiten ein vollgaltiger Beweis fUr die Identität der 
Götter, so würde sich die griechische Religion von der ägyptischen 
kaum unterscheiden; wäre es erlaubt, auch da nach barbarischen 
Etjmologieen zu suchen, wo die griechische Bedeutung | eines 
Wortes zur Hand liegt *), so möchten wir mit den Namen viel- 
leicht auch die ganze Göttersage aus dem Orient nach Griechen- 
land einwandern lassen *) ; wären Jamblich und Hermes Trismegi- 
S3 stos klassische Zeugen über das ägyptische Alterthum, so möchten 
wir uns der uralten Urkunden, mit denen sie uns bekanntmachen ^), 
und der griechischen Philosopheme, die sie in altägyptischen 
Schriften gefunden haben wollen '^J, erfreuen; wäre die Atomen- 
lehre des Phöniciers Mochus eine geschichtliche Thatsache, so 



1) B. B. S. 131 ff. 278 ff. 

2) Wie wenn Roth z. B. Pan aas dem Aegyptischen erkl&rt, Dtus 
egresniB, der emanirte SchÖpfergeist (a. a. O. 140. 284), und Persephone 
(S. 162) gleichfalls aas demAegyptisohen, dieT5dterin desPerses, d. h. des Bore 
— Beth oder Typhon, so aagenfäUig aach für Ilav die Wurzel n&ta, jon. 
naWo|jLa(, lat, pcuco, bei Tlfipas^övY} pammt Uip^iii and ITEpoeu^ die Abstammung 
von nepOta} ist, so wenig endlich die griecMsche Mythologie von einem Schöpfer- 
geist Pan oder einem Perses, in der Bedeutung Tjrphon's (mag auch ein 
hesiodischer Titane so genannt werden), oder gar von einer Tödtang diesoe 
Perses durch Persephone weiss. 

3) Auch dann aber freilich wohl kaum so leicht weg, wie Roth, der 
auf die eben angeführte Etymologie hin den ganzen Mythus vom Raub der 
Persephone und den Wanderungen der Demeter, ohne einen einzigen Quellen- 
beleg, in die ägyptische Mythologie übei-trägt, um dann zu behaupten, or 
sei erst von hier aus zu den Griechen gekommen, a. a. O. S. 162. 

4) Wie das Buch des Bitys, welches Roth S. 211 ff. auf Grund einer 
höchst verdächtigen Stelle in der pseudojamblichischen Schrift von den My- 
sterien, in*s 18te Jahrhundert vor Christus verl^; in der Wirklichkeit ist 
es, wenn es überhaupt existirt hat, wohl ein spätes Machwerk aus der Zeit 
des alexandrinischen Synkretismus, und als ägyptische Geschichtsquelle un- 
geAhr so viel werth, wie das Buch des Mormpn als jüdische. 

5) Z. B. die Unterscheidung von vou( und <|/ux^) bei Roth S. 220 f. der 
Aumerkongen. 



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[29.80] Der oriental. Ursprung d. grtech. Philos. unerweislich. 33 

möchten wir uns mit RöTH ^) abmühen, in dem Urschlamm der 
phönicischen Kosmologie die Quelle einer Lehre zu suchen; deren 
philosophiBcher Ursprang aus der eleatiscben Metaphysik bisher 
keinem Zweifel zu unterliegen schien. Soll dagegen auf diesem 
Gebiet auch ferner der Grundsatz der Kritik gelten , dass die 
Geschichte nichts für wahr annehmen darf, dessen Wahrheit nicht 
durch glaubwürdige Zeugen oder durch richtige Schlüsse aus 
glaubwürdig bezeugtem gesichert ist, so wird uns auch dieser 
Versuch nur zeigen, dass es mit aller Mühe und Anstrengung 
nicht gelingen will, für ein so acht | einheimisches Erzeugniss, 
wie die griechische Wissenschaft, im grossen und ganzen einen 
auswärtigen Ursprung nachzuweisen *). 

Ein derartiger Nachweis ist überhaupt sehr schwierig, so 
lang er sich nur auf innere Gründe stützen soll. Es können nicht 
blos einzelne Vorstellungen und Gebräuche, sondern ganze Reihen 
derselben in getrennten Bildungsgebieten sich ähnlich sehen, es 
können Grundanschauungen sich scheinbar wiederholen, ohne 
dass man desshalb wirklich auf einen geschichtlichen Zusammen- 
hang scbliessen dürfte. Denn unter analogen Entwicklungs- 
bedingungen werden sich immer, und zumal zwischen Völkern, 
die von Hause aus verwandt sind, viele Berührungspunkte er- 
geben, auch wenn diese Völker in gar keinen wirklichen Verkehr 34 
mit einander getreten sind: im einzelnen wird auch das Spiel des 
Zufalls nicht selten überraschende Aehnlichkeiten hervorbringen, 
und so werden sich kaum zwei höher gebildete Völker auffinden 
lassen, zwischen denen nicht manche, oft auffallende Vergleichun- 
gen möglich wären; aber so natürlich es in diesem Fall sein mag, 
einen äusseren Zusammenhang zu vermuthen: dass ein solcher 
wirklich stattgefunden habe, ist nur dann wahrscheinlich, wenn 
die Aehnlichkeiten so gross sind, dass sie sich aus jenen allge- 
meinen Ursachen nicht wohl erklären lassen. So mochte es für 
die Begleiter Alexanders überraschend genug sein, wenn sie bei 



1) A. a. 0. 274 ff. 

2) Zu einer genaueren Prüfung der Röth'schen Hj^potbesen wird der 
AlMchnitt über die Pythagoreer Gelegenheit geben; gerade durch Pythagoras 
■oU Ja ihm snfolge die geaammte ägyptische Wissenschaft und Dogmatik 
nach Griechenland yerpflanzt worden sein. Vgl. auch die Bemerkung über 
Amuimander S. 193, 5 3. Aufl. 

Philo«. L Gr. I. Bd. 4. Aufl. 3 



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34 Ei/ileitung. [30. 31] 

den Brahinanen nicht blos ihren Dionysos und Herakles^ sondern 
auch ihre hellenische Philosophie wiederfanden^ wenn da von 
einer Weltentstehung aus dem Wasser gesprochen wurde, wie bei 
ThaleS; von der alles durchdringenden Gottheit; wie beiHeraklit, 
von einer Seelenwanderung; wie bei Pythagoras und PlatO; von 
fllnf Elementen; wie bei Aristoteles; von der Unzulässigkeit des 
Fleischessens ; wie bei Empedokles und den Orpbikem'); so 
mochten auch Herodot und seine Nachfolger sehr leicht dazu 
kommen; griechische Lehren und Gebräuche aus Aegypten abzu- 
leiten: für uns ist damit noch nicht bewiesen; dass Heraklit und 
PlatO; Thaies und Aristoteles ihre Sätze wirklich von den Indem 
• oder den Aegyptern entlehnt haben. | 

Es ist aber nicht blos der Mangel an geschichtlichen Be- 
weisen; der uns verhindert; an die orientalische Herkunft der 
griechischen Philosophie zu glauben; sondern es fehlt auch nicht 
an Gründen; die dieser Annahme positiv im Weg stehen. Einer 
der entscheidendsten liegt in dem ganzen Charakter der griechi- 
schen Philosophie. Die Lehren der ältesten griechischen Philo- 
sophen sind nach Bitter's treffender Bemerkung ^) so einfach 
und selbständig; dass sie durchaus wie erste Versuche aussehen; 
und ebenso verläuft ihre weitere Ausbildung so stetig; dass wir 
nirgends auf fremde Einflüsse zurückzugehen genöthigt sind. Es 
ist hier kein Kampf des ursprünglich hellenischen mit fremden 
36 Elementen; keine Anwendung unverstandener Formeln und Be- 
griffe, kein Zurückgehen auf die wissenschaftlichen Ueberliefe- 
rungen der Vorzeit, überhaupt keine von jenen Erscheinungen 
zu bemerken, wodurch sich z. B. im Mittelalter die Abhängigkeit 
der Philosophie von fremden Quellen ankündigt. Alles entwickelt 
sich ganz natürlich aus den Voraussetzungen des griechischen 
Volkslebens; und wir werden finden, dass auch solche Systeme, 
für die man einen tiefer gehenden Einfluss auswärtiger Lehren 
vermuthet hat, sich in allen wesentlichen Beziehungen aus den 
einheimischen Bildungszuständen und dem geistigen Gesichts- 
kreis der Hellenen erklären. Diese Beschaffenheit der griechi- 



1) Man vgl. die Berichte des Megastlienes, AriBtobul, OneBikritus und 
Nearch bei Strabo XV, 1, 58 ff. S. 712 ff. 

2) Gesell, d. Phil. I, 172. 



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[31] Gegen oriental. Ursprang der griech. Philosophie. 35 

sehen Philosophie wäre gar nicht zu begreifen, wenn sie wirk- 
lich dem Ausland so viel zu verdanken gehabt hätte, wie diess 
Äeltere und Neuere geglaubt haben. AuflFallend und unerklärlich 
wäre aber unter dieser Voraussetzung auch der Umstand; dass 
ihr der theologische Charakter der orientalischen Spekulation von 
Hanse aus fremd ist. Was sich in Aegjrpten, Babylon oder 
Persien von Wissenschaft fand, das war im Besitz der Priester- 
kaste, mit den religiösen Lehren und Einrichtungen verwachsen; 
dass es von diesem seinem religiösen Grund abgelöst und fUr sich 
in die Fremde verpflanzt wurde, können wir uns wohl etwa in 
Betreff mathematischer und astronomischer Sätze als möglich 
denken; dagegen ist es höchst unwahrscheinlich, dass jene Priester 
auch über die Urbestandtheile und die Entstehung der Welt 
Theorieen hatten, welche ausser Zusammenhang mit ihrer Götter- 
lehre und Mythologie mitgetheilt und aufgenommen werden 
konnten. In der ältesten griechischen Philosophie findet sich aber 
nicht allein von ägyptischer, persischer oder chaldäischer Mytho- 
logie keine Spur, sondern auch ihr Zusammenhang mit den ein- 
heimischen Mythen ist ein sehr loser. Selbst die Pythagoreerund 
Empedokles haben der Mysterienlehre nur solches entnommen, 
was mit ihrer Philosophie, dem Versuch einer wissenschaftlichen 
Naturerklärung, in keiner engeren Verbindung steht; die pytha- 
goreische Zahlenlehre dagegen, die pythagoreische und empedok- 
leische Kosmologie weisen auf keine mythologische Ueberlieferung 
als ihre Quelle hin. Die übrige vorsokratische Philosophie ohne- 
dem erinnert zwar in einzelnen Vorstellungen an die mythische 
Eosmogonie; in der Hauptsache jedoch hat sie sich theils ganz 
unabhängig von dem religiösen Glauben, theils im ausdrücklichen 36 
Widerspruch gegen denselben entwickelt. Wie vi^äre diess möglich, 
wenn wir in dieser ganzen Wissenschaft nur einen Ableger orien- 
talischer Priesterweisheit zu sehen hätten? 

Weiter müssen wir fragen, ob die Griechen in der Zeit ihrer 
ersten philosophischen Versuche auch nur im Fall waren, auf 
diesem Gebiet etwas erhebliches von den Orientalen lernen zu 
können. Von keipem der asiatischen Völker, mit denen sie bis 
dahin in Berührung gekommen waren, ist geschichtlich erwiesen, 
oder auch nur wahrscheinlich, dass es eine philosophische Wissen- 
schaft gehabt. hat. Wir hören zwar von theologischen und kos- 



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36 Einleitung. [81. 82] 

mologischen Vorstellungeii^ aber dioße alle^ so weit me wirklich 
in's Alterthum hiDaufzureichen gcheineii; sind so roh und phan- 
tastisch^ dass den Griechen von daher kaum irgend eine Anregung 
zum philosophischen Denken kommen konnte ; die ihnen ihre 
einheimischen Mythen nicht ebensogut gewährt hätten; auch 
Aegypten hatte wohl seine heiligen Bücher; allein | diese Bücher 
enthielten schwerlich etwas anderes, als Kultusvorschriften, prie- 
sterliche und bürgerliche Gesetze, vielleicht untermischt mit 
Mythen, von der wissenschaftlichen Glaubenslehre, welche Neuere 
darin gesucht haben ^), findet sich in den dürftigen Mittheilungen 
über ihren Inhalt keine Spur. Die ägyptischen Priester selbst 
scheinen noch zu Herodots Zeit an einen ägyptischen Ursprung 
der griechischen Philosophie nicht gedacht zu haben, so eifrig sie 
sich auch schon damals bemühten, griechische Mythen, Gottes- 
87 dienste und Gesetze ausAegypten abzuleiten, und so wenig sie ftir 
diesen Zweck die augenscheinlichsten Erdichtungen scheuten ') ; 
denn was sie von wissenschaftlichen Entdeckungen an die Griechen 
abgegeben zu haben behaupten '), das beschränkt sich auf astro- 
nomische Zeitbestimmungen; dass die Lehre von der Seelenwaa- 



1) Roth a. a. O. S. 112 ff. 122, unter Bernfung anf Clembss Strom. VI, 
633, B ff. Sylb., wo bei firwAhnung der hermetischen Büoher n. a. gesagt 
wird: es seien 10 Bücher xa tU t^v Tt(i^v awfxovTa tojv 3rap* aOxot« Oc6>v xoä 
T7}v AtyuTCTiav sCa^ßeiav Ktpii/ovxoi' oTov nep\ 6u(i.ir(ov, a7capx,<ov, 6{&vuiv, t^X^^i 
9cop.7ca)v, loptiöv xa\ T(5v xoüiotc 6{ao{<dv, und andere sehen nipi tc vöjauv x«\ 
6cü>v xa\ T^$ SXtjc Kat^etzc t<ov (c&^cov. Dass Jedoch diese Bücher auch nur 
theilweise wissenschaftlichen Inhalts waren, lässt sich aus den Worten des 
Clemens nicht abnehmen, auch die sehn letztgenannten handelten wohl schwer- 
lich vom Wesen der Götter, sondern von der Gottesverehrung, und vielleicht 
in Verbindung damit von der Göttersage; wenn Clemens sagt, Jene Schriften 
haben die gesammte „Philosophie'* der Aegypter umfasst, so haben wir 
dieses Wort hier in dem unbestimmteren Sinn zu nehmen , von dem S. 1 f. 
gesprochen wurde. Wir wissen aber überdiess nicht im geringsten, wie alt 
diese heiligen Bücher waren, und ob sie bis zur Zeit des Clemens ohne 
Aendernngen und Zusätze geblieben waren. 

2) So soll II, 177 Solon eines seiner Gesetze von Amasis entlehnt haben, 
dessen Begierungsantritt um 20 Jahre später fäUt, als die solonische Gesets- 
gebung, und e. 118 versichern die Priester den Geschichtschreiber, was si« 
ihm von Helena erzählten, wisse man aus dem eigenen Munde des Menelaua. 
Weitere Beispiele dieses Verfahrens sind uns schon S. 20, 8 vorgekommen, 

8) Heroo. II, 4. 



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[39*83] Gegen oriental. Ursprung der griecli. Philosophie. 37 

ieivng aas Aegjpten stamme, ist Herodofs eigene Vermuthung ^), 
und selbst von dei-Measkunst sagt er (II, 109) nicht, wieDiodor, 
nach ägyptischen Angaben, sondern nach eigener Schätzung, die 
Griechen scheinen sie von den Aegyptern gelernt zu haben. Diess 
berechtigt zu der Annahme, man habe sich in Aegjpten noch im 
fünften Jahrhundert um die griechische Philosophie, und über- 
haupt um die Philosophie, nicht viel bekümmert. Auch Plato 
kann nach seiner früher angeführten Aeusserung im vierten Buch 
der Republik weder von phönicischer noch | von ägyptischer 
Philosophie gewusst haben. Ebensowenig scheint dem Aristoteles 
von philosophischen Bestrebungen derAegypter bekannt gewesen 
zu sein, so bereitwillig er sie auch in der Mathematik und Astro- 
nomie als Vorgänger der Hellenen anerkennt*); Demokrit ver- 
sichert, er selbst habe es auch an geometrischem Wissen den ss 
ägyptischen Gelehrten, die er kennen lernte, vollkommen gleich- 
gethan '). Selbst noch bei DiODOR, als die griechische Wissen- 

1) II, 123. 

2) Auf astronomische Beobachtungen der Aegypter (über Conjunctionen 
der Planeten mit einander und mit Fixsternen) beruft er sich Meteorol. I, 6. 
343, b, 28, und Metaph. I, 1. 981, b, 23 sagt er': hio mp\ Alyu^ctov al (xa6T)(jLa- 
Ttx«\ jcpoirov x^vat auv^aTijaav ixei fkp a^ii^ ^oXt^iw xo twv UpEcov iBvo«. 
Dagegen macht es eben diese Stelle sehr wahrscheinlich, dass Aristoteles von 
philosophischer Forschung, die in Aegypten betrieben worden wttre, nichts 
bekannt war. Er führt nämlich a. a. O. aus, ein Wissen stehe höher, wenn 
es nur dem Zweck des Erkennens, als wenn es dem praktischen BedQrfniss 
diene, nnd er knflpft daran die Bemerkung: desshalb seien die rein theore- 
tiBcfaen Wissenschaften suerst an solchen Orten entstanden, wo man von 
der Borge für die Lebensbedflrfnisse frei genug gewesen sei, um sich ihnen 
widmen zu können. Diesem Satz sollen die obenangeführten Worte zum 
Beleg dienen. Hätte Arist. ausser der Mathematik auch die Philosophie für 
ein ägyptisches Erzeugniss gehalten, so würde er sie in diesem Zusammen- 
hang wohl um so weniger unerwähnt gelassen haben, da es gerade die 
Philosophie ist, von der er hier zeigen will, dass sie als eine rein theore- 
tische Wissenschaft über allem blos technischen Wissen stehe. — Dass die 
Anflbige der Astronomie von den Barbaren, und näher aus Syrien und 
Asgypten, zn den Hellenen gekommen seien, sagt auch die platonischü 
Epinomis 986, E f. 987, D f. Ebenso schreibt Stbabo XVII, I, 3. S. 787 
die Erfindung der Oeometrie den Aegyptern, die der Arithmetik den PhöAi- 
ciem zu,, und das gleiche hatte vielleicht schon Eudemus gethan, falls näm- 
lieh PaoELp in Euclid. 19, o. (64 f. Friedl.) diese Angabe ihm entnom- 
men bat. 

3) In dem Bruchstück bei Clemens Strom. I, 304, A, wo er nach Er- 



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38 Einleitung. [33] 

Schaft in Äegypten längst eingebürgert war, und die Aegypter in 
Folge dessen sich der Besuche von Plato, Pythagoras und Demo- 
krit rühmten ^), beschränkt sich doch das, was aus Äegypten zu 
den Griechen gekommen sein soll, auf mathematisches und tech- 
nisches Wissen, bürgerliche Gesetze, religiöse Einrichtungen und 
Mythen*); und nur hierauf bezieht sich auch die Behauptung 
der Thebäer (I, 50), j,bei ihnen zuerst sei die Philosophie und 
die genaue Kenntniss der Gestirne erfunden worden* 5 unter der 
j^Philosophie* haben wir hier die Sternkunde zu verstehen. 
Mögen daher auch die ägyptischen Mythologen, welche DiODOR 
benützt hat, den Göttervorstellungen physikalische Deutungen 
im Geschmack der stoischen Schule aufdrängen '), mögen spätere 
Synkretisten (wie der Verfasser der Schrift von den Geheimnissen 
der Aegypter, und die von Damascius *) gebrauchten Theologen) 
den ägyptischen Mythen ihre Spekulationen unterschieben, mag 
es zur Zeit des Posidonius eine angeblich uralte ^hönicische 
Schrift unter dem Namen des Philosophen Moschus oder Mochus 
gegeben haben*), mag Philo von Byblus, in der Maske Sanchunia- 
thon's, aus phönicischen und griechischen Mythen, aus der mo- 
39 saischen Schöpfungsgeschichte und aus verworrenen philosophi- 
schen Erinnerungen eine rohe Kosmologie zusammenschweissen, 
flir das wirkliebe Dasein einer ägyptischen und phönicischea 
Philosophie können so verdächtige Zeugen nicht das geringste 
beweisen. 

Gesetzt aber auch, es hätten sich bei diesen Völkern, als die 
Griechen mit ihnen bekannt wurden, philosophische Lehren ge- 



wähnung seiner weiten Reisen von sich B&gi : xai Xo^itov avOpcuTCcüv nXtiaxw» 
ECtjxouaa xai ^px^LiiiMM ?uvO^<rio; jxeTa «xtcoSeSio« oOöei? xw (« «apiJXXfltEc, ow8' 
ot khfMKxibyy xaXeojievoi 'AoTreSoviTiiai. Die Erklärung des letzteren Wortoa 
ist streitig ; aber es muss damit jedenfalls der Theil • der ägyptischen Ge- 
lehrten gemeint sein, bei welchem die meisten geometrischen Kenntnisse »u 
finden waren. • 

1) I, 96. 98. 

2) Man vgl. c. 16. 69. 81. 96 ff. 
^3) Bei DioD. I, 11 f. 

4) De princ. c. 125. Damascius nennt dieselben ausdrücklich ol A?Y^JtTioi 
xa6* ^|xa5 (ptXöao^oi yfiYovoTs;, für das ägyptische Alterthum sind sie also 
natürlich die unzuverlässigste Quelle. 

5) S. u. in dem Abschnitt über Demokrit, S. 688. 3. Aufl. 



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[33. 34] Gegen oriental. Ursprung, der griech. Philosopliie. 39 

fanden, bo war doch ihre Uebertragung nach Griechenland gar 
nicht so leicht; als man sich vielleicht vorstellt. Wenn man be- 
denkt, wie eng die philosophischen Begriffe, namentlich im Kin- 
desalter der Philosophie, mit dem sprachlichen Ausdruck ver- 
wachsen sind; wenn man sich erinnert, wie selten die Eenntniss 
fremder Sprachen bei | den Griechen zu finden war, wie wenig 
andererseits die Hermeneuten, in der Regel wohl nur auf den 
Geschäftsverkehr und das Erklären von Merkwürdigkeiten ein- 
gerichtet, zum Verständniss eines philosophischen Unterrichts 
führen konnten ; wenn man dazu nimmt, dass von der Benützung 
orientalischer Schriften durch die griechischen Philosophen oder 
gar von Uebersetzungen solcher Schriften, nicht das mindeste, 
was Glauben verdiente, gesagt wird; wenn man sich fragt, durch 
welche Vermittlungen vollends die Lehren der Inder und anderer 
Ostasiaten vor Alexander nach Griechenland hätten gelangen 
können, so wird man die Schwierigkeiten der Sache gross genug 
finden. Alle solche Bedenken müssten allerdings gutbezeugten 
Thatsachen gegenüber verstummen; aber anders verhält es sich, 
wo wir es nicht mit geschichtlichen Thatsachen, sondern vorerst 
nur mit Vermuthungen zu thun haben. Wäre der orientalische 
Ursprung der griechischen Philosophie durch glaubwürdige Zeug- 
nisse oder durch ihre innere Beschaffenheit zu erhärten, so müsste 
rieh unsere Vorstellung von den wissenschaftlichen Zuständen der 
orientalischen Völker und vom Verhältniss der Griechen zu den- 
selben nach dieser Thatsache richten; ist dagegen die Thatsache 
als solche weder erweislich noch wahrscheinlich, so wird diese 
Unwahrscbeinlichkeit allerdings noch dadurch vermehrt, dass sie 
mit dem, was wir in beiden Beziehungen sonst wissen, nicht über- " 
einstimmt. 

2. Die einheimischen Quellen der griechischen 
Philosophie. Die Religion. 

Wir brauchen indessen gar nicht nach fremden Quellen zu 
suchen: die philosophische Wissenschaft der Griechen erklärt sich 
vollkommen aus dem Geiste, den Hülfsmitteln und den Bildungs- 
zoständen der hellenischen Stämme. Wenn es jp ein Volk gege- 
ben hat, das seine Wissenschaft selbst zu erzeugen geeignet war, 
so sind diess die Griechen. Schon in der ältesten Urkunde der 



40 



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40 Einleitung. [84] 

griechischen Bildang^ in den homerischen Gesäng^^ tritt uns 
jene Freiheit und Klarheit des Geistes^ jener besonnene massvoUe 
Sinn, jenes Gefühl für das Schöne und Harmonische entgegen, 
welches diese Dichtungen von den Heldensagen ' aller andern 
Völker, ohne Ausnahme, so rortheilhaft unterscheidet. Von 
wissenschaftlichen Bestrebungen ist hier allerdings noch nichts 
zu finden: es zeigt sich durchaus kein Bedürfnise, die natürlichen 
Ursachen der Dinge zu erforschen, sondern man begnügt sich 
damit, sie in der Weise, welche dem Kindesalter der Menschheit 
zunächst liegt, auf persönliche Urheber, auf göttliche Mächte 
zurückzuführen. Auch an den Kunstfertigkeiten, welche die 
Wissenschaft unterstützen, fehlt es in hohem Grade, selbst die 
Schreibekunst ist dem homerischen Zeitalter unbekannt. Aber 
wenn wir die herrlichen Heldengestalten der homerischen Dich- 
tung betrachten, wenn wir sehen, wie sich alles, jede Erscheinung 
der Natur und jedes Ereigniss des Menschenlebens, in ebenso 
wahren, als künstlerisch vollendeten Bildern abspiegelt, wenn wir 
uns an der einfach schönen Entwicklung der zwei weltgeschicht- 
lichen Gedichte, an dem grossartigen ihrer Anlage und der har- 
monischen Lösung ihrer Aufgabe erfreuen, so begreifen wir voll- 
kommen, dass ein Volk, welches die Welt mit so offenem Auge 
und so unbewölktem Geist aufzufassen, das Gedränge der Er- 
scheinungen mit diesem Formsinn zu bewältigen, im Leben so 
frei und sicher sich zu bewegen wusste, — dass ein solches 
Volk bald auch der Wissenschaft sich zuwandte, und dass es in 
der Wissenschaft, nicht zufrieden mit dem Sammeln von Beobach- 
tungen und Kenntnissen, das einzelne zu einem Ganzen zu ver- 
knüpfen, das zerstreute auf einen geistigen Mittelpunkt zurück- 
zuführen, dass es eine von klaren Begriffen getragene in sich 
einige Weltanschauung, eine Philosophie zu erzeugen bemüht 
41 sein musste. Wie natürlich geht alles sogar in der homerischen 
Götterwelt zu ! In dem Wunderlande der Phantasie befinden wir 
uns auch hier, aber wie selten werden wir durch das phantastische 
und ungeheure, das uns in der orientalischen und nordischen Mytho- 
logie so oft stört, daran erinnert, dass es dieser vorgestellten Welt 
an den Bedingungen der Wirklichkeit fehlt, wie deutlich erkennen 
wir selbst in der Dichtung jenen gesunden Realismus, jenen feinen 
Sinn für das übereinstimmende und naturgemäase, dem später 



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[84. 35] Die grieahisclie Religion. 41 

freilich^ nach genauerer Erforschung der Welt und des Menschen; 
die gleiche Götterwelt zum grössten Anstoss gereichen mu^te. 
So weit daher auch die Bildung der homerischen Zeit von der 
Periode der beginnenden Philosophie noch entfernt ist; die geistige ' 
Eigenthümlichk^it; aus der diese hervorgieng, können wir schon 
in ihr .wahrnehmen. | 

In der weiteren Entwicklung dieser Eigenthttmlichkeit; wie 
sie sich auf dem Gebiete der Religion^ des sittlichen und bürger- 
lichen Lebens ; der allgemeinen Geschmacks- und Verstandes- 
bilduDg Tollzogen hat; liegt die geschichtliche Vorbereitung der 
griechischen Philosophie. 

Die Religion der Griechen steht; wie jede positive Religion; 
zur Philosophie dieses Volkes theils in verwandtschaftlicher Äeils 
iü gegensätzlicher Beziehung. Was sie aber von den Religionen 
aller anderen Völker unterscheidet; ist die Freiheit; welche sie der 
Entwicklung des philosophischen Denkens von Anfang an gelassen 
hat. Halten wir uns zunächst an den öffentlichen Gottesdienst und 
den allgemeinen Glauben der Hellenen; wie er sich uds besonders 
in seinen ältesten und anerkanntesten Urkunden; in den homeri- 
schen und hesiodischen Gedichten darstellt; so lässt sich seine Be- 
deutung für die Entwicklung der Philosophie allerdings nicht ver- 
kennen. Die religiöse Vorstellung ist immer; und so auch bei den 
Griechen; die Form; in welcher die Zusammengehörigkeit aller 
Erscheinungen und das Walten unsichtbarer Kräfte und allge- 
meiner Gesetze zuerst zum Bewusstsein kommt. Soweit auch der 
Weg vom Glauben an eine göttliche Weltregierung zur wissen- 
schaftlichen Erkenntniss und Erklärung des Weltzusammenhangs 
ist; das enthält dieser Glaube doch immer; selbst in der polj- 
ti^eistischen Gestalt; die er bei den Griechen hatte; dass daS; waa 
in der Welt ist und geschieht; von gewissen der sinnlichen Wahr- 
nehmung verborgenen Ursachen abhänge ; da sich ferner die Macht 49 
der Götter auf alle Theile der Welt erstrecken soll, und da 
andererseits die Vielheit derselben durch die Herrschaft des Zeus 
und die unabwendbare Gewalt des Fatums selbst wieder der Ein- 
heit unterworfen wird; so ist ebendamit der Zusammenhang des 
Weltganzen ausgesprochen; es sind alle Erscheinungen unter die- 
selben gemeinsamen Ursachen gestellt; und indem sich die Furcht 
vor der göttlichen Macht und dem unerbittlichen Schicksal all- 



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42 Einleitung. [35. 36] 

mt^lich zum Vertrauen auf die Güte und Weisheit der Götter 
läutert; 80 entsteht die Aufgabe für das Denken; die Spuren dieser 
Weisheit in den Gesetzen des Weltlaufs zu verfolgen. Bei dieser 
'Läuterung des Volksglaubens hat freilich die Philosophie selbst 
mitgewirkt; aber auch schon die religiöse Vorstellung enthielt die 
Keime, aus denen sich später die reineren Begriffe der Philo- 
sophen entwickelten. 

Auch die nähere Bestimmtheit des griechischen Glaubens 
ist für die griechische Philosophie nicht gleichgültig. Die grie- 
chische I Religion gehört ihrem allgemeinen Charakter nach in 
die Klasse der Naturreligionen, denn das Göttliche wird hier, wie 
diess schon die Vielheit der Götter beweist, unter einer Natur- 
bestimmtheit; deni Endlichen wesentlich gleichartig; und nur 
graduell darüber erhaben vorgestellt; der Mensch braucht sich 
daher nicht über die ihn umgebende Welt und über seine eigene 
Natürlichkeit zu erheben, um mit der Gottheit in Verbindung zu 
treten, sondern so, wie er von Hause aus ist, fühlt er sich ihr 
verwandt, es ist nicht eine innere Umwandlung seiner Denk- 
weise, ein Kampf mit seinen natürlichen Trieben und Neigungen, 
der von ihm verlangt wird, sondern alles menschlich natürliche 
gilt auch der Gottheit gegenüber ftlr l^erechtigt, der göttlichste 
Mann ist der, welcher seine menschlichen Kräfte am tüchtigsten 
ausbildet, und das wesentliche der religiösen Pflichterfüllung be- 
steht darin, dass der Mensch der Gottheit zu Ehren thue, was 
seiner eigenen Natur gemäss ist. Derselbe Standpunkt lässt sich 

" auch in der philosophischen Weltansicht der Griechen, wie diess 
tiefer imten noch näher gezeigt werden soll, nicht verkennen; 
und so wenig auch die Philosophen, im ganzen genommen, ihre 
Lehren unmittelbar aus der religiösen Ueberlieferung geschöpft 
haben, so entschieden sie nicht selten gegen den Volksglauben 

43 auftreten, so klar ist doch; dass die Denkweise, an weiche sich 
die Griechen in ihrer Religion gewöhnt hatten, ihre wissenschaft- 
liche Bichtung nicht unberührt Hess. Aus der griechischen Natnr- 
religion musste wohl zuerst eine Naturphilosophie hervorgehen. 
Nun unterscheidet sich femer die griechische Religion von 
allen andern Naturreligionen dadurch, dass ihr weder die äussere 
Natur noch das sinnliche Wesen des Menschen als solches, sondern 
nur die vom Geist verklärte, schöne Menschennatur das höchste 



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[36. 37] Die griechische Religion. 43 

ist. Der Mensch läset sich hier von den äussern Eindrücken nicht 
so überwältigen; dass er seine Selbständigkeit an die Natur- 
gewalten verlöre^ imd sich selbst nur als einen Theil der Natur 
fabltC; der sich dem Wechsel des Naturlaufs wiederstandslos hin- 
giebt; wie der Orientale; er sucht aber auch nicht in der unge- 
bundenen Freiheit roher und ^ halbwilder Völker seine Befriedi- 
gung, sondern während er im vollen Gefühl seiner Freiheit lebt 
und handelt; sieht er doch | ihre höchste Bethätigung darin, der 
allgemeinen Ordnung, als dem Gesetz seiner eigenen Natur, zu ge* 
horchen. Wiewohl daher die Gottheit menschenähnlich gedacht 
wird, so ist es doch nicht die gemeine Menschennatur, die man 
ihr zuschreibt : nicht blos die Gestalt der Götter ist zur reinsten 
Schönheit idealisirt, sondern auch den Inhalt der Göttervorstel- 
luDg bilden vorzugsweise, namentlich bei den eigenthümlich hel- 
lenischen Gottheiten, Ideale menschlicher Thätigkeiten ; und ge- 
rade desshalb steht der Grieche zu seinen Göttern in diesem heiteren 
und freien Verhältniss, wie kein anderes Volk des Alterthums, weil 
sich sein eigenes Wesen in ihnen so ideell abspiegelt, dass er sich 
in ihrer Betrachtung zugleich verwandtschaftlich angezogen und 
über die Schranken seines Daseins hinausgehoben findet, ohne 
diesen Vortheil durch den Schmerz und die Mühe eines inneren 
Kampfes zu erkaufen. So wird hier das sinnliche und natürliche 
zur unmittelbaren Verkörperung des geistigen, die ganze Religion 
erhält einen ästhetischen Charakter, die religiöse Vorstellung wird 
zur Dichtung, die Gottesverehrung und der Gegenstand der 
Gottesverehrung zum Kunstwerk, und wiewohl wir uns im allge- 
meinen noch auf der Stufe der Naturreligion befinden, so gilt 
doch die Natur s^elbst nur desshalb, weil sich der Geist in ihr 
offenbart, für die Erscheinung der Gottheit. Diese Idealität der 
griechischen Beligion war für die Entstehung und Ausbildung der 
griechischen Philosophie ohne Zweifel von der höchsten Bedeutung. 44 
Die Thätigkeit der Phantasie, durch welche dem sinnlich einzelnen 
aUgemeine Bedeutung gegeben wird, ist die nächste Vorstufe fftr 
die Thätigkeit des Verstandes, der von dem einzelnen als solchem 
abstrahirend zum allgemeinen Wesen und den allgemeinen Grün- 
den der Erscheinungen vorzudringen sucht. Indem daher die grie- 
chische Religion auf einer ästhetisch idealen Weltansicht beruhte, 
nnd alle Aufforderungen zur künstlerischen Darstellung dieser 



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44 Einleitung. [37. 38] 

Weltansicht in sich trug, mnsste sie mittelbar anch auf das Denken 
anregend und befreiend einwirken, und der wissenschaftlichen 
Betrachtung der Dinge vorarbeiten. Materiell hat besonders die 
Ethik durch diese schon in der Religion angelegte Richtung aufs 
Ideale gewonnen, aber ihr formaler Einfluss erstreckt sich auf alle 
Theile der Philosophie, sofern sie überhaupt das Bestreben voraus- 
setzt und fördert, das Sinnliche als Erscheinung des Geistes zu 
behandeln, und auf geistige Ursachen zurückzufahren. Ob nicht 
manche der griechischen Philosophen | in dieser Beziehung zu 
rasch verfuhren, soll hier nicht untersucht werden ; gerade wenn 
wir zugeben , dass ihre Lehren auf uns nicht selten mehr den 
Eindruck einer kühnen philosophischen Dichtung, als der stren- 
gen Wissenschaft machen, werden wir den Zusammenhang der- 
selben mit dem künstlerischen Sinn des griechischen Volks und 
dem ästhetischen Charakter seiner Religion nur um so weniger 
verkennen. 

So viel aber auch die griechische Philosophie der Religion 
zu verdanken haben mag: von noch grösserer Wichtigkeit ist der 
Umstand, dass ihre Abhängigkeit von derselben nicht so weit 
gieng, um die freie Bewegung der Wissenschaft unmöglich zn 
machen, oder wesentlich zu beschränken. Die Griechen hatten 
keine Hierarchie und keine unantastbare Dogmatik. Die gottes- 
dienstlichen Verrichtungen waren bei ihnen nicht das ausschliess- 
liche Eigenthum eines Standes, die Priester nicht die alleinigen 
Vermittler zwischen dem Menschen und der Gottheit, sondern 
jeder Einzelne und jedes Gemeinwesen war von sich aus zur Dar- 
bringung von Opfern und Gebeten berechtigt ; bei Homer opfern 
die Könige und Heerführer für ihre Untergebenen, die Hausväter 
für die Familie, jeder Einzelne {ür sich selbst, ohne Dazwischen- 
kunft der Priester; auch als der zunehmende Tempelkultus 
45 den letzteren grössere Bedeutung verschaffte, blieben sie doch 
immer auf gewisse Opfer und gottesdienstliche Thätigkeiten*in 
ihrem örtlichen Bereiche beschränkt; daneben finden sich aber 
fortwährend nichtpriesterliche Opfer und Gebete, und eine ganze 
Reihe vongottesdienstlichenHandlungeu ist andern als priester- 
lichen Geschlechtern, öffentlichen Beamten, die durch Wahl oder 
durch's Loos bestimmt wurden, zum Theil in Verbindung mit 
Gemeinde- und Staatsämtern, den Einzelnen und den Familien- 



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[88, 89] Die griechische Religion. .45 

häaptem überlassen. Die Priesterschaft konnte daher hier nie 
einen Einfluss gewinnen ; der ihrer Stellung bei den orientali- 
schen Völkern auch nur entfernt zu vergleichen gewesen wäre *); 
und so gross auch die Bedeutung war^ welche die Priester ein- 
zelner Tempel durch die mit denselben verknüpften Orakel er- 
langten : im ganzen verlieh das | Priesterthum ungleich mehr Ehre 
als Macht; es war ein politisches Ehrenamt; bei dem desshalb mehr 
auf Ansehen und äusserliche Vorzüge^ als auf besondere geistige 
Befähigung gesehen wurde, und es ist den griechischen Zuständen 
durchaus gemäss, wenn Plato ^) die Priester trotz der WUrde^ 
die sie nmgiebt, doch nur für Diener des Gemeinwesens gelten 
lässt ^. Wo aber keine Hierarchie ist, da ist eine Dogmatik ab 
allgemeines Glaubensgesetz zum voraus unmöglich, denn es 
sind keine Organe zu ihrer Ausbildung und Behauptung vor- 
handen. Auch an sich selbst aber widersprach eine solche dem 
Wesen der griechischen Beligion. Diese Religion ist nicht von 
Einem Punkt aus zum geschlossenen System erwachsen; son- 
dern von den einzelnen Völkerschaften, Gemeinden und Ge- 
schlechtern wurden die Anschauungen und Ueberlieferungen, 
welche die griechischen Stämme aus ihren ursprünglichen Wohn- 
sitzen mitgebracht hatten, in den verschiedenartigsten Umgebun- 48 
gen und unter sehr ungleichen äusseren Einflüssen, zu einer ausser- 
ordentlichen Maifnigfaltigkeit örtlicher Sagen und Gebräuche ge- 
staltet, und hieraus hat sich ein gemeinsam hellenischer Glaube nur 
allmählich, nicht durch theologische Systematik, sondern auf dem 
Weg des freien Einverständnisses entwickelt, dessen hauptsäch- 
lichste Vermittlerin, neben dem persönlichen Verkehr und den 
KultushandluBgen der nationalen Festspiele, die Kunst und vor 

t) Und es ist diese, heilänfig hemerkt, einer von den schlagendsten 
Grcmden g^en die Hypothese von einer umfassenden Uehertragnng orien- 
talischer Gottesdienste und Mythen nach Griechenhind; denn. diese orien- 
talischen Kulte sind mit der hierarchischen Verfassung so eng yerflochten, 
dass sie nur mit ihr zu den Griechen yerpflanat werden konnten, wUre diess 
ftb« iigend einmal geschehen , so müsste sich die Bedeutung der Priester 
lun so grösser zeigen, Je weiter wir in das Alterthum hinaufgeben, wfthrend 
in der Wirklichkeit gerade das Gegentheil der Fall ist; 

2) PoHt 290, C. 

8) Die jiSheren Nachweisungen zu der ohigen Darstellung bei HnucAim 
^^^. d« grieeh. Anti^Uten U, 158 ff. 44 f. 



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46 Einleitung. [39. 40] 

allem die Poesie war. Hieraus erklärt es sich; dass es in Griechen- 
land eigentlich nie eine allgemein anerkannte Religionslehre^ son- 
dern immer nur eine Mythologie gegeben hat; dass der Begriff 
der Orthodoxie hier unbekannt blieb. Ächtung der Staatsgötter 
wurde allerdings von jedem verlangt, und gegen solche, welche 
ihnen die herkömmliche Verehrung au verweigern oder zum Abfall 
von der Staatsreligion aufzufordern beschuldigt waren, erfolgte 
nicht selten die schwerste Strafe; aber so hart auch die Philosophie 
selbst in einigen ihrer Vertreter hievon betroffen wurde, im gan- 
zen war doch das Verhältniss der Einzelnen zum Glauben der Ge- 
sammtheit ein ungleich freieres, als bei den Völkern, die eine be- 
stimmt I ausgesprochene, von einer mächtigen Priesterschafi 
überwachte Glaubenslehre besassen. Die Strenge gegen religi5se 
Neuerungen bezog sich bei den Griechen nicht unmittelbar auf 
die Lehre, sondern zunächst auf den Kultus, und nur sofern eine 
Lehre die öffentliche Gottesverehrung zu gefährden schien, wurde 
auch sie von derselben betroffen; was dagegen die theologischen 
Meinungen als solche anbelangt, so hatte der griechische Glaube, 
eines theologischen Lehrgebäudes und geschriebener Religionsnr- 
kunden entbehrend, in den Tempelsagen, den Darstellungen der 
Dichter und den Vorstellungen des Volks eine viel zu unbe- 
stimmte und flüssige Gestalt, und fast jede Uebcrlieferung musste 
durch den Widerspruch anderer, abweichender Angaben zu viel 
von ihrem Ansehen verlieren, um das Denken in demselben Masse, 
wie diess anderwärts der Fall war, innerlich zu beherrschen und 
äusserlich zu beschränken. 

Wie folgenreich diese freie Stellung der griechischen Wissen- 
schaft ziu* Religion war, wird man ermessen, wenn man sich die 
Frage vorlegt, was wohl ohne dieselbe aus der Philosophie der 
Griechen und mittelbar auch aus der unsrigen geworden wäre. 
47 Alle geschichtlichen Analogieen erlauben nur die Antwort, dass 
es in diesem Fall bei den Griechen ebensowenig, als bei den orien- 
talischen Völkern, zu einer selbständigen philosophischen Wissen- 
schaft gekommen sein würde. Der spekulative Trieb würde wohl 
auch dann erwacht sein, aber von der Theologie eifersüchtig be- 
wacht, an sich selbst durch religiöse Voraussetzungen gebunden, 
in seiner freien Bewegung gehemmt, würde das Deuken kaum 
mehr als eine religiöse Spekulation, in der Weise der alten theo* 



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[iO. 41] Die griechiscbe Religion; die Mysterien, 47 

logischen Kosmogonieen^ erzeugt haben^ und wenn es sich auch 
Tielleicht nach langer Zeit andern Fragen zugewandt hätte, so 
läast sich doch nicht annehmen , dass es jemals jene Schärfe^ 
Frische und Unbefangenheit erreicht hätte^ wodurch die griechi- 
sche Philosophie die Lehrerin aller Zeiten geworden ist. Beden- 
ken wir wenigstens^ wie weit auch das spekulativste unter den 
orientalischen Völkern; das indische^ trotz seiner uralten Bildung; 
in seinen philosophischen Leistungen hinter den Griechen zurück- 
steht, vergleichen wir die Philosophie des christlichen und muha- 
medanischen Mittelalters, welche die griechische doch schon vor 
sich hatte, mit dieser, und müssen wir in beiden Fällen in der Ab- 
hängigkeit der Wissenschaft von der positiven Dogmatik eine 
Hauptui'sache ihres unbefriedigenden Znstandes erblicken; | so 
können wir das Schicksal nicht genug preisen, welches die Grie- 
chen durch ihre glückliche Begabung und durch den günstigen 
Gang ihrer geschichtlichen Entwicklung vor jener Abhängigkeit 
bewahrt hat. 

Einen engeren Zusammenhang hat man häufig zwischen der 
Philosophie und der Mysterienreligion vermuthet. In den Myste- 
rien, glaubte man, sei den Eingeweihten eine reinere, oder doch 
eine spekulativere Theologie mitgetheilt worden, durch die My- 
sterien haben sich die G^heimlehren orientalischer Priester zu den 
griechischen Philosophen fortgepflanzt, und von ihnen aus seien 
sie dann in die allgemeine Bildung übergegangen. Indessen steht 
es mit dieser Annahme in Betreff der Mysterien um nichts besser, 
alsinBßk'eff der bereits oben besprochenen orientalischen Wissen- 
schaft. Die neueren gründlichen Untersuchungen über diesen 
Gegenstand ^) erheben es zur Gewissheit, dass philosophische 
Lehren in Verbindung mit diesen gottesdienstlichen Handlungen 48 
theils gar nicht, theils erst unter dem Einfluss der wissenschaft- 



1} Unter denen fSr das folgende ausser Lobsck*8 grundlegendem Werke 
(Aglaopbamns. 1829), und der kursen- aber gründlichen Darstellung bei 
HxBiiAn Oriech. Antiquitt n, 149 ff., namentlich Pbsllbb's Demeter u. 
Penephone, desselben Arbeiten in Pault*8 Realencyklopädie d. klass. Alterth. 
(a. d. W. Mythologie, Mysteria, Eleusinia, Orpheus), nebst seiner grie- 
chiiehen Mythologie benfitzt sind. Ueber die Mysterien im allgemeinen ist 
«ich HioBL Phil. d. Ge^ch. 801 f. Aesthetik H, 57 f. Phil. d. Rel. H, 
150 C lu Tcrgleichen. 



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48 Einleitung. [41. 43] 

liehen Forschungen mitgetheilt wurden, dass mithin die PhiloBO- 
phie weit eher die Lehrerin, als die Schülerin der Mysterien zu 
nennen ist. Die Mysterien waren ursprünglich, wie wir wohl mit 
Sicherheit annehmen dürfen, gottesdienstliche Feierlichkeiten, die 
sich in ihrem religiösen Inhalt und Charakter von der öffentlichen 
Gottesverehrung nicht unterschieden, und die nur desshalb im 
geheimen begangen wurden, weil sie für gewisse Gemeinschaften, 
Geschlechter imd Stände, mit Ausschluss dritter, bestimmt waren, 
oder weil die Natur der Gottheiten, denen sie gewidmet waren, 
diese Form des Kultus verlangte. Das erstere gilt z. B. von den 
Mysterien des idsuschen Zeus, und der argivischen Here, das an- 
dere von den Eleusinien und überhaupt von den Geheimdiensten 
der chthonischen Gottheiten. In einen gewissen Gegensatz zur 
öffentlichen Religion kamen die Mysterien erst dadurch, | dass 
theils ältere Kulte und Kultusformen, die aus jener allmählich ver- 
schwanden, in diesen sich erhielten, theils auswärtige Götterdienste, 
wie der des thracischen Dionysos und der phrygischen Cybele, 
als Privatkulte in der Form von Mysterien auftraten, und mit 
der Zeit auch mit älteren Geheimdiensten mehr oder weniger ver- 
schmolzen. Aber weder in dem einen noch in dem andern Fall 
kann es sich um philosophische Sätze oder um die Lehren einer 
reineren, über den Volksglauben wesentlich hinausgehenden Theo- 
logie gehandelt haben ^). Schon der Eine Umstand würde diess 
beweisen, dass gerade die gefeiertsten Mysterien allen Griechen 
zugänglich waren ; denn was hätten die Priester einer so gemisch- 
ten Masse von höherer Weisheit mittheilen können, wenn sie auch 
selbst eine solche besessen hätten, und was soll man sich unter 
einer philosophischen Geheimlehre denken, in die ein ganzes Volk 
eingeweiht sein konnte, ohne durch längeren Unterricht dazu vor- 
49 bereitet, oder im Glauben an seine überlieferte Mythologie da- 
durch gestört zu werden ? Aber es liegt überhaupt nicht in der 
Weise des Alterthums, die gottesdienstlichen Handlungen zur 
Belehrung durch Beligionsvorträge zu benützen. Ein Julian 
mochte inNachahmung christlicher Sitte dazu den Versuch machen, 



1) Wie diofls Lobeck a. a. 0. I» 6 ff. erschöpfend gezeigt hat. In dem- 
selben Sinn äussert sich, mit dem gesunden geschichtlichen Blick, der ihn 
ausseichnet, schon Lsibxiz in dem Vorwort xur Theodicee, Ahs. 2. 



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[43. 44] Die griechische Religion; die Mysterien. 49 

aas der klassischen Zeit selbst ist uns kein Beispiel hievon über- 
liefert. Auch von den Mysterien sagt kein glaubwürdiger Zeuge, 
dass sie zur Belehrung der Theilnehmei^ bestimmt waren ; als ihr 
eigentlicher Zweck erscheinen vielmehr die heiligen Handlungen, 
deren Anschauung das Vorrecht der Geweihten (Epopten) ist, was 
dagegen von Mittheilung durch's Wort mit diesen Handlungen 
verknüpft war, das scheint sich auf kurze liturgische Formeln, auf 
Anweisungen zur Verrichtung der heiligen Gebräuche, und auf 
heilige Ueberlieferungen (tepoi ^oyoi) derselben Art beschränkt 
zu haben, wie sie auch sonst in Verbindung mit bestimmten Got- 
tesdiensten vorkommen: Erzählungen über die Stiftung der 
Kulte und Kultusstätten, über die Namen, die Abkunft und die 
Geschichte der Gottheiten, denen diese Verehrung geweiht war, 
mit Einem Wort, mythologische Erklärungen des Kultus, welche 
Wissbegierigen von den Priestern oder auch von anderen mitge- 
theilt wurden. Sind aber auch diese liturgischen und mythologi- 
schen Bestandtheile in der späteren Zeit benützt worden, um | phi- 
losophisch-theologische Lehren an die Mysterien anzuknüpfen, so 
lässt sich doch nicht annehmen, dass diess auch fachen ursprüng- 
lich geschehen sei; denn an zuverlässigen Spuren davon fehlt es 
durchaus, und aus allgemeinen Gründen ist es nicht wahrschein- 
Uch, dass die mythenbildende Phantasie von philosophischen Ge- 
sichtspunkten beherrscht war, oder dass in der Folgezeit ein Inhalt, 
den das wissenschaftliche Denken der Griechen noch nicht gewon- 
nen hatte, in die mystischen Ueberlieferungen und Gebräuche 
hineingelegt werden konnte. Selbst nachdem die Mysterien mit 
der zunehmenden Vertiefung des sittlichen Bewusstseins allmählich 
eine höhere Bedeutung gewonnen hatten, und nachdem seit dem 
sechsten vorchristlichen Jahrhundert, oder noch etwas früher, 
jeae Schule der Orphiker entstanden war, deren Lehre der grie- 
chischen Philosophie von Anfang an zur Seite geht *), scheint 



1) Die erste sichere Spur von orphischcn Schriften und orphisch diony- 
sischen Weihen liegt in der gut beglauhigten Nachricht (worQber Lobsck 
*. *. 0. 1, 3S1 ff. 897 ff. 692 ff. vgl. Gkrhabd „über Orpheus und die 
Orphiker*, Abh. d. Beri. Akad. 1861. Hist-phil. Kl. S. 22. 75. Schuster 
De Tet. Orphicae theogoni» indole. 1869. S. 46 ff.): Onomakritus, welcher 
*in HofiB dea Pitiatratoa und seiner Söhne lebte und mit zwei oder drei 
»ndem die Sammlung der homerischen Gedichte besorgte, habe unter dem 
**Mofc d. Gr. I. Bd. i. AulL i 



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50 Einleitung. [44] 

fiO der Einfluss der PhiloBophen auf diese mystische Theologie un- 
gleich grösser gewesen zu sein, als die Bückwirkung der Theo- 
logen auf die Philosophie, und wenn wir genauer in 's einzelne ein- 
gehen, so wird es sehr zweifelhaft, ob die Philosophie überhaupt 
etwas erhebliches von den Mysterien und der Mysterienlehre ent- 
lehnt hat. 

Es sind hauptsächlich zwei Punkte, bei denen man eine 
tiefergehende Einwirkung der Mysterien auf die Philosophie Ter 

61 muthet hat: der Monotheismus und die HoiBfnung auf ein Fort- 
leben nach dem Tode ; denn anderes, was wohl auch spekulativ 
gedeutet wurde, ist von der Art, dass wir keinen Gedanken darin 



Namen des Orpheus and Mns&us Orakelsprüche und Weihelieder (TsXcTa\) 
herausgegeben, die er selbst verfasst hatte. Diese Unterschiebung fiUlt etwa 
zwischen 640 und 620 ▼. Chr. Wahrscheinlich waten aber schon vorher 
nicht blos überhaupt orphische Lieder und Orakel im Umlauf, sondern es 
hatte sich auch schon seit lUngerer Zeit die Verbindung des dionysischen 
Mysterienwesens mit der orphischen Poesie vollzogen; zwei bis drei Men- 
schenalter sp&ter werden die Namen der Orphiker und Bakchiker ron Hb- 
BODOT (n, 81) als gleichbedeutend gebraucht, und der Glaube an eine ^e- 
lenwanderung wird Ton Philolaus (s. u. S. 388. 3. Aufl.) durch die Aus- 
sprüche der alten Theologen und Wahrsager gestützt, bei denen wir zunfichst 
gleichfalls an Orpheus und die übrigen Auktoritäten der orphischen Mystik 
zu denken haben. Das Zeugniss des Aristoteles freilich kann man für das 
höhere Alter d^r orphischen Theologie nicht geltend machen. Zwar bemerkt 
Philop. De an. F, 6, o. zu Abist. De an. I, 6. 410, b, 28: Aristoteles 
nenne die orphischen Gedichte „sogenannte'', imih^ \i.^ Boxet *Opt^i^ thai 
Tot CAT}, a>c xa\ oOto^ Iv Totf ntpt 91X00091«$ Xi^tu aOxou \ih ^^ <^^i "^ 
BöffMia. TttOxa Sk 9T)(f^v (wofür wohl 9a(T\v zu lesen ist) ovoj^a xp^trov 
iv^iceas xataTtfivai p. 'GvojjLÄxpixov iv raoi x«Tatiiv«i]. Allein die Worte: 
aJiTou-$Ö7|xata geben sich schon ihrer Form nach nicht als Bericht aas 
Aristoteles, sondern als eigene Bemerkunn: des Philoponus, und dieser wie- 
derholt hierin ohne Zweifel nur eine neuplatonische Ausrede, durch welche 
die aristotelische Kritik der orphischen Gedichte unsch&dlich gemacht wer- 
den sollte ; dass sich Aristoteles nicht so geäussert haben kann, erhellt aus 
Cio. N. D. I, 38, 107, der wahrscheinlich aus der gleichen Schrift desselben 
berichtet : Orpkeutn po&am docet ArUtotelet nunquam fuUae, -^ Die orphische 
Theogonie wird Onomakritus nicht zugeschrieben; andere orphische Schriften 
sollten noch Gerkops der Pythagoreer, firontinus, Zopjrrus Ton Herakles 
(der gleiche, welcher mit Onomakritus an der Ausgabe Homers arbeitete), 
Prodikus von Samos und andere yerfasst haben (Suin. 'Op9. Clbmehs Strom. 
I, 833, A); vgl. Schusteb a. a. 0. und S. 66 t Weiteres unten S. 79 f. 
8. Aufl. 



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[44. 45] Die griechische Religion; die Mysterien. 51 

finden können^ der nicht jedem zur Hand läge ^). Aber in keiner 
von beiden Beziehungen erscheint dieser Einfluss so gesichert 
oder so bedeutend; wie man häufig geglaubt hat. Was zunächst 
die Einheit Gottes betrifft, so dürfen wir den | theistischen Got- 
tesbegriff, an welchen man früher zu denken pflegte, in der 
mystischen so wenig als in der populären Theologie suchen. Dass 
die Einheit Gottes, im Sinn der jüdischen und der christlichen 
Beligion'), bei den Festen der eleusinischen Gottheiten, oder der 
Eabiren, oder des Dionysos gelehrt worden wäi^e, ist ganz uut 
denkbar. Anders verhält es sich allerdings mit jenem Pantheis- 
mus, welchen ein Bruchstück der orphischen Theogonie ^) vor- 
trägt, wenn es Zeus als Anfang, Mitte und Ende aller Dinge, 
als die Wurzel der Erde und des Himmels, als den Inbegriff der 
Luft und des Feuers, als Sonne und Mond, Mann und Weib u. s. f. 
beschreibt, wenn der Himmel sein Haupt, Mond und Sonne seine 
Aagen^ die Luft seine Brust, die Erde sein Leib, die Unterwelt 
sein Fuss, der Aether sein untrüglicher, allwissender, königlicher 
Verstand genannt wird. Ein solcher Pantheismus wäre mit dem 
Polytheismus, dessen Boden die Mysterien nie verlassen haben, 
nicht unverträglich. Da die Götter des Polytheismus in Wahrheit 
nur die Theile und Kräfte der Welt, die verschiedenen Gebiete 52 
der N^tur und des Menschenlebens zum Inhalt haben, so ist es 
natürlich, dass auch der Zusammenhang dieser besonderen Sphären 
und* das Uebergreifen der einen über die andern an ihnen zum 

1) 8o z. B. der Mythus Yon der Ermordung des Zagreus durch die 
Titanen (worüber das nähere bei Lobxck I, 615 ff.), den die Neuplatoniker 
allerdingt, und auch schon die Btoiker, philosophisch zu. erklären wussten, 
der aber seinem ursprünglichen Sinn nach schwerlich etwas anderes ist als 
eine siemlich rohe Variation des yielbehandelten Thema^s von dem Abster- 
ben des Naturlebens im Winter, an welches sich dann weiter der Gedanke 
sn die Hinfälligkeit der Jugend und ihrer Schönheit anschliesst. Auf die 
ältere Philosophie hat er keinen Binfluss gehabt, selbst wenn Empedokles 
V. 70 (U2) darauf anspielen sollte. 

3) Wie sie angeblich orphische Fragmente (Orphica ed. Hermasn Fr. 
1-8. LoBBCK I, 438 ff.) enthalten, von denen es theils wahrscheinlich, 
theils gewiss ist, dass sie von alexandrinischen Juden verfasst oder über- 
arbeitet sind. 

8) Bei Lobeck ^3. 520 ff., bei Herm. Fr. 6. Aehnlich das Bruchstück^ 
ftos den AtaOSixai (bei Lobeck S. 440, b. Hebm. Fr. 4) : eT<; Zeu(, sTi; 'A($7]{, 

4* 



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52 Einleitung. [45. 46] 

Vorschein kommt ; und so sehen wir denn wirklich in allen reicher 
entwickelten Naturreligionen verwandte Gottheiten verschmelzen, 
und die gesammte polytheistische Götterwelt in die allgemeine 
Vorstellung des allumfassenden göttlichen V^esens (6&7ov) zusam- 
mengehen. Aber gerade die griechische Religion gehört durch 
ihren plastischen Charakter zu denen ; welche dieser Auflösung 
der bestimmten Göttergestalten am meisten widerstreben. Hier 
ist daher der Gedanke an die Einheit des Göttlichen ursprünglich 
weit weniger auf dem Wege des Synkretismus, als auf dem der 
Kritik, nicht durch Verschmelzung der vielen Götter zu Einem, 
sondern durch grundsätzliche Bekämpfung des Polytheismus 
durchgeführt worden : erst die Stoiker und ihre Nachfolger such- 
ten den Polytheismus durch synkretistische Umdeutung mit ihrem 
I philosophischen Pantheismus zu vereinigen, dagegen tritt der 
ältere Pantheismus eines Xenophanes der Vielheit der Götter in 
scharfer Polemik entgegen. Auch der Pantheismus der orphischen 
Gedichte ist in dieser Gestalt wahrscheinlich weit jünger, als die 
ersten Anfange der orphischen Literatur. Die AiaOflxai gehören 
jedenfalls erst in die Zeit des alexandrinischen Synkretismus, aber 
auch die Stelle der Theogonie stammt so, wie sie uns vorliegt, 
gewiss nicht aus der Zeit des Onomakritus, welcher Lobeck ^) 
den Hauptkörper dieses Gedichtes zuschreibt. Denn diese Stelle 
stand im engsten Zusammenhang mit der Erzählung von det Ver- 
schlingung des PhaneS'Erikapäus durch Zeus : Zeus ist desshalb 
der Inbegriff aller Dinge, weil er die erstgeschaffene Welt oder 
den Phanes verschlungen hat, um alles aus sich selbst zu erzeugen. 
Von der Verschlingung des Phanes aber wird später *) noch ge- 
zeigt werden, dass sie keinen ursprünglichen Bestandtheil der 
orphischen Theogonie bildete. Wir müssen daher jedenfalls 
zwischen der späteren Bearbeitung und den älteren Grundlagen 
der orphischen Stelle unterscheiden. Zu den letzteren schdnt 
63 namentlich jener vielgebrauchte Vers ') zu gehören, auf den sich 
wahrscheinlich schon Plato ^) bezieht: Ze6; xe^aXYi, Zeuc \U(jaaLy 



1) A. a. O. 611. 

2) Bei der Untersuchang der or|>hi8cheii Kosmogonie, S. 79 ff. 3. Aufl. 

3) Bei Prokl. in Tim. 96, F und dem platonischen Scholiasten B. 
461 Bekk. 

4) Qes8. IV, 716, £. Weitere Nacliweisungen über den Gebrauch des 



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[46. 47] Die griechische Religion; die Mysterien. 53 

Ali; Ä* Ix wavTot TeTi^xTai ')• W*^ jedoch dieser Yeri u^wssgt, 
uDd was man sonst noch ähnliches in den muthmasslich alten Be- 
standtbeilen der orphischen Gedichte finden mag; das ftlhrt nicht 
wesentlich über eine Anschauung hinaus^ die der | griechischen 
Religion überhaupt geläufig ist^ und die im wesentlichen schon 
Homer ausgedrückt hat^ wenn er Zeus den Vater der Götter und 
Menschen nennt ^): jene Einheit des Göttlichen, die auch der Po- 
lytheismus anerkennt, wird in Zeus, als dem König der Götter, 
zur Anschauung gebracht, und es wird insofern alles, was ist 
und geschieht, in letzter Beziehung auf Zeus zurückgeführt ; mag 
dieses aber .auch so ausgedrückt werden, dassZeus Anfang, Mitte 
und Ende aller Dinge genannt wird, so ist doch damit noch lange 
Dicht gesagt, dass er der Inbegrifi^ aller Dinge selbst sei '), 
und der Standpunkt der religiösen Vorstellung, welche die 
Götter als persönliche Wesen neben die Welt stellt, ist dess- 
halb nicht mit dem der philosophischen Spekulation vertauscht, 
die in ihnen das allgemeine Wesen der Welt dargestellt sieht. 

Etwas anders steht es nun allerdings mit dem zweiten der 
obenberührten Punkte, mit dem Unsterblichkeitsglauben. Die 64 
Lehre von der Seelenwanderung scheint wirklich aus der My- 
Bterientheologie in die Philosophie gekommen zu sein. Doch war 
auch sie ursprünglich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mit 
allen, sondern nur mit den bakchischen und orphischen Mysterien 
verbunden. Die Eleusinien waren wohl als eine Feier der chthoni- 
Bchen Gottheiten, wie man annahm, von wesentlicher Bedeutung 
für den Zustand nach dem Tode : schon der homerische Hymnus 
auf Demeter weiss von dem grossen Unterschied im jenseitigen 



Venes bei Btoikem, PUtonikem, Neapythagereem lu a. giebt Lobeck 
8. 629 r, 

1) Fflr dieee Annahme spricht namentlich der Umstand, dass auch die 
Worte, welche Pbokl. in Tim. 310, D. Fiat. TheoL 17, 8. S. 363 m. ans 
Orphons anführt : t$ hl ACxi] koXüicoivo^ i^ciTcexo, mit der platonischen Stelle 
nutmmentreffen. IloXunoivoc heisst die A{xv) auch bei Parmbitides V. 14. 

2] M. TgL anch Teepaiiper (um 650) Fr. 4: Zcu n&vrcuv «Ipx« ^cavxuv 

8) Aach der Monotheismus kennt ja Ausdrücke, wie der: ^ «Otoü xA 
ii' a^Tou xa\ E?< aOxdv xavTa (Rom. 11, 36), ev aOTcu (fofiev xa\ xtvoü{u6a xA 
i9^ (Apg. 17, 28), ohne dass die Meinung dabei die wftre, das Endliche 
irirkfich in die Gottheit zu yersetBen. 



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54 Einleitung. [47. 48] 

Schicksal der Geweihten und der Ungeweihten *), und seitdem 
wird von den Lobrednern dieser Weihen gerühmt; dass sie nicht 

. blos für dieses^ sondern auch fiir das künftige Leben die seligsten 
Aussichten gewähren ^). Damit ist aber nicht gesagt, dass die 
Seelen der Geweihten wieder in's Leben zurückkehren oder dass 
sie in einem anderen Sinn unsterblich sein werden, als diess der 
gemeine griechische Volksglaube annahm,, sondern wie für dieses 
Leben von der Huld der Depaeter | und ihrer Tochter zunächst 
Beichthum und Fruchtbarkeit der Felder erwartet wurde •), so 
wurde den Theilnehmern an den Mysterien auch noch weiter ver- 
sprochen, dass sie im Hades in der nächsten Nähe der Gottheiten 
wohnen würden, die sie verehrt hatten, den Ungeweihten umge- 
kehrt wurde gedroht, sie werden in einen Sumpf geworfen wer- 
den *). Erhielten nun auch diese rohen Vorstellungen später und 
bei höher gebildeten eine geistige Deutung ^), so berechtigt uns 

65 doch nichts zu der AnnahiAe, dass diess auch schon ursprunglich 
geschehen, und dass den Mysten für's Jenseits etwas anderes 
verheissen worden sei, als die Gunst der unterirdischen Götter ; 
die Volksmeinungen über den Hades wurden dadurch nicht ver- 
ändert. Auch Pindar's bekannte Aussprüche führen nicht weiter. 
Denn wenn von den Genossen der eleusinischen Feier gesagt 
wird, es sei ihnen Anfang und Ende ihres Lebens bekannt ^), so 
ist die Lehre von der Seelenwanderung darin noch nicht ausge- 



1) V. 480 ff. oXßto(, li Ta$* oJCfoicEV ^)ci/^6ov{<i>v avOpcbiccov * 

^( d* at£X7)C UpOtV, 8( X^ Sfil.{10pO(, OÜRO&' 6(JL0{|]V 

aToav 6/,ei, 96i(uv6( 3ccp, 6ro I^ö^ci» EOp((>evxi. 

2) M. 8. die Nachweisangen bei Lobecx I, 69 ff. 

3) Hymn. in Cer. 486 ff. 

4) Aribtid. Eleuain. ^. 421 Dind. Dasselbe beeengt Ton den Dionj- 
sosmysterien , denen diese Darstellting vielleicbt ursprünglicb aUein ange- 
hört, Aristoph. Frösche 145 ff. Plato PhAdo 69, C. Gorg. 498, A. Rep. 
II, 363, C. vgl. Dioo. VI, 4. 

5) So Plato im Phädo und Gorgias, weniger rein Sophokles in den 
Worten (bei Plut. atid. po6t. c. 4, 8.21. F.) w; Tpi?oXß(oi 

XEIVOI ßpOtCüV, o1 TttÜta 8eiy6^vTE( tätj 

C>iv IffTi , Toi; 8' äXXoiai Jidlvx' ixit xaxdE. 

6) Thren. Fr. 8 (114 Bergk): oXßio«, Sari« Kwv x^v' th' ÖRO x^öv'- 
oT6e {i^v ßiou xeXcatav, oTdev ZI $iö($oxov apx^v. 



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[4S. 49] Die griechische Religion; die Mysterien. 55 

Bprochen ^), und wenn anderwärts diese Lehre unzweifelhaft vor- 
getragen wird ^), fragt es sich doch, ob sie der Dichter aus 
der eleusinischen Theologie entlehnt hat ; wenn er endlich auch 
die eleusinischen Mjthen und Symbole in diesem Sinn ver- 
wandt hätte, wttrde daraus nicht mit Sicherheit folgen, dass diess 
aach ihr ursprünglicher Sinn war '). In der orphischen Theologie 
^^^gen kommt jene | Lehre allerdings vor, und überwiegende 
Gründe machen es wahrscheinlich, dass sie ihr nicht erst durch 
die Philosophen bekannt wurde. Mehrere Schriftsteller nennen 
zwar Pherecydes den ersten, welcher die Unsterblichkeit *), oder 
genauer die Seelenwanderung ^), gelehrt habe ; aber diese An- 
gabe ist durch das Zeugniss eines Cicero und anderer später Ge- 66 
wfihrsmänner, bei dem Schweigen der älteren ®), nicht bewiesen, 
und wenn wir auch als wahrscheinlich zugeben müssen, dass 
Pherecydes von der Seelenwanderung gesprochen hat, so gründet 



1) Denn die Worte kennen recht wohl auch nur das besagen: wer die 
Weihen erhalten hat, der betrachtet das Leben als ein Geschenk der Gottheit 
und den Tod als den Uebergang za einem glücklichen Zustand. Weniger 
natürlich scheint mir die Erklärung Ton Pbelleb, Demeter und Fers. S. 286. 

2)' Ol. II, 68 ff. Thren. Fr. 4; s. u. S. 56, 4. 

8) Die Wiederbelebung der erstorbenen Natur im Frühling wird im De- 
meterkult als Rückkehr der Seelen aus der Unterwelt, die Emteseit als Nie- 
dergang der Seelen betrachtet (s. Prelleb Dem. und Pers. 228 ff. grieoh. 
MythoL I, 254. 463), und es wird diess nicht blos auf die Pfianzenseelen, 
denen es snnSchst gilt, bezogen, sondern die gleichen Zeiten sind es auch, 
in denen die abgeschiedenen Geister auf der Oberwelt erscheinen. Es lag 
nahe, diese Vorstellungen dahin zu deuten, dass die Menschenseelen aus der 
unsichtbaren Welt in die sichtbare eintreten, und aus dieser ifl Jene zurück- 
kehren. M. Tgl. Plato Ph&do 70, C: 7caXau>( (üv o3v eati xic Xöyo«, . . <oc 
clAv [od ^v^cä] M^vSe a^ixöfxevat ix£L xa\ n&kw yc 8cupo acpixvoüvxat xa\ yfYVovTai 
h, xoW TfOvci&Küv. 

4) Cic. Tusc. I, 16, 38 und nach ihm Lactaht. Institutt. VII, 7. 8. 
AvocsTOi c. Acad. III, 87 (17). epist. 137, S; 407, B. Maur. 

5) SuiDAS Ocpcxi^^Y)«. Hbstch. De his qui enid. dar. S. 56. Orelli. Ta- 
TiAS c. Graec. c. 3. 25 (nach der einleuchtenden Verbesserung der Maurinor 
Ausgabe) rgl. Pobph. antr. nymph. c. 31. Auf die Lehre Ton der Seelen« 
Wanderung bezieht Pbsllbb * Rhein. Mus. IV, 388 nicht ohne Wahrschein- 
lichkeit auch das, was Obig. c. Geis. VI, S. 804 aus Pherecydes anführt, 
und Tbemist. Or. II, 38, a. 

6) Eines Aristozenus, Duris und Hermippus, so weit Dioo. I, 116 ff. 
Vniy 1 ff. dieselben ausgezogen hat. 



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56 Einleitung. [49. ÖOJ 

sich doch die Behauptung^ dass er diess zuerst gethan habe, wohl 
nur auf den Umstand^ dass man keine älteren Schriften kannte^ 
die sie enthielten. Noch unsicherer ist die Annahme ^), Pytha- 
goras sei der erste gewesen; der sie aufbrachte. Hebaklit setzt 
sie schon deutlich voraus (s. u.); Philolaus beruft sich fUr den 
iSatZ; dass die Seele zur Strafe an den Körper gefesselt und 
gleichsam darin begraben sei; ausdrücklich auf die alten Theolo- 
gen und Wahrsager *), Plato *) leitet denselben Satz aus den | 
Mysterien, imd näher von den Orphikem her, und Pindar spricht 
die Vorstellung aus, einzelnen Lieblingen der Götter werde die 
Rückkehr auf die Oberwelt gestattet, und solche, die dreimal 
ein schuldloses Leben geführt haben, werden auf die Inseln der 
Seligen in's Reich des Kronos versetzt werden *). Die letztere 
57 Darstellung lässt uns nun freilich jedenfalls eine Umbildung der 
Lehre von der Seelei^wanderung erkennen, denn während die 



1) Maximus Tyb. XVX, 2. Dioo. VIII, 14. Pobph. V. Pyth. 19. 

2) B. Clemekb Strom. III, 438, A, und schon bei Gic. Horten». Fr. 
85 (Bd. IV, b, 485 Or.). Die Stelle selbst wird, sowie die platonischen, in 
dem Abschnitt über die pythagoreische Metempsychose (8. 388 f. 3 Aafl.) 
abgedruckt werden. 

3) Phado 62, B. Krat. 400, B. vgl. Phädo 69, C. 70, C. Gess. IX, 870, 
D und dazu Lobeck Aglaoph. II, 795 ff. 

4) PiNDAB^B Eschatologie folgt keinem festen Typus (vgl. Prbllbb De- 
meter und Persephone S. 239): wAhrend er anderwärts die gewöhnlichen 
Vorstellungen vom Hades vorträgt, heisst es Thren. 2, nach dem Tode dea 
Leibes bleibe die Seele, die allein von den Göttern stamme, lebendig, and 
zwei Stellen kennen eine Seelenwandorung : 

Thren. £r. 4 (110) bei Plato Meno 81, B: 

oTvi Sl 4>£p9£«pdva Tcoivav icaXatou TisvOeoc 

6$e'^ai, 6( Toy ü^iepOev £Xiov xeivwv htaxt^ Itei 

avSiSot J/uyav TcaXiv, 

ix TÖcv ßaatXiJc^ a^a\to\ xoi «O^vei xpainvo) oofict (uyiaxot 

avSpE( au^ovT"' i^ hl t'ov Xoitcov xpövov iJptoE^ orpo\ icpb( avOpci^ftbiv 
xaXEuvTSi. 
Ol. II, 68 (nachdem der Strafen und Belohnungen im Hades erwähnt ist) : 

oaoi 8' ETÖX|xaoav l?Tp{{ 

§xaT^pco6i (jL£ivavTE( «nb 7;a(i.nav aSixcov E^ltv 

(|>u^&v, ^TctXflcv Aib( oBoy Tcapa Kpövou xtipatv evOoc (tax«pct>v 

vaao; [vaaov] a>XEav'!$E( a^at jcEpticvsoiaiv. 
Thren. Fr. 3 (109), wo den Gottlosen die Unterwelt, den Frommen der 
Himmel zum Wohnsitz angewiesen wird, ist nicht für acht zu halten. 



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[50. 51] Die griechische Religion; die Mysterien. 57 

Rückkehr in's Körperleben sonst immer als eine Strafe und ein 
Besserungsmittel betrachtet wird^ so erscheint sie bei Pindar als 
ein Vorzug, der nur den Besten zu Theil wird, und' der ihnen 
Gelegenheit giebt, statt der geringeren Seligkeit im Hades die 
höhere auf den Inseln der Seligen sich zu erwerben. Aber diese 
Benützung jener Lehre setzt doch sie selbst schon voraus, und 
nach dem, was aus Plato und Philolaus angeführt ist, müssen 
wir annehmen, dass Pindar dieselbe den orphischen Mysterien ver- 
danke. Nun wäre es allerdings immer noch denkbar, dass sie 
den letzteren selbst wieder von dem Pythagoreismus aus zuge- 
kommen wäre, der schon frühe mit den orphischen Kulten in 
Verbindung gestanden | haben muss^). Daunsjedoch die ältesten 
Zeugen, und die Pythagoreer selbst, eben nur auf die Mysterien 
verweisen ; da es sehr zweifelhaft; ist, ob die pythagoreische Lehre zu 
Pindar's Zeit in Theben schon benfitzt werden konnte '), wogegen 
diese Stadt als alter Sitz der bakchischen und orphischen Religion 
bekannt ist; da endlich auch dem Pherecydes nicbt blos von den 
oben angeftihrten, sondern mittelbar von allen, die ihn zum 
Lehrer des Pythagoras machen ^, schon vor diesem Philosophen 
das Dogma von der Seelen Wanderung beigelegt wird, so hat es 
die überwiegende Wahrscheinlichkeit ftür sich, dass diese Lehre 
nicht erst seit Pythagoras in den orphischen Mysterien vorge- 
tragen wurde. Den Orphikem ihrerseits wäre sie nach Hbrodot 
von Aegypten aus zugekommen *). Diese Annahme beruht je- 

1) Eine Reihe orphischer Schriften soll von Pythagoreem unterschoben 
sein; s. Lobeck Aglaoph. I, 347 ff. und oben S. 50 imt. 

2) M. vgl. was in der Geschichte der pythagoreischen Philosophie über 
die ftussere VerbVeitnng des Pythagoreismus gesagt werden wird. 

S) VTorüber unten S. 254 f. 3. Aufl. 

4) II, 128: ÄptüTov Bl xa\ toütov xbv X6yov A?ifi57rrto( £?ai o! 6?Ädvte;, «o? «v- 
6f<üi;ou ^v)i}i aOdtvaTÖ^ ^TTt, Tou a«[»{iaTO< hl xaTa^OfvovTo^ Ic aXXo Cc5ov ot?e\ yi)f6\U' 
v«v i^hiiixan' Itzw hl KtpvOJ^T^ Tcoevia xa yizpaoCia xa\ ta OoXaaaia xa\ TCETCtvöc, au- 
Ti( e$ avOpcoffou ao>{ia Yivdpicvov l($üvciv* t^v jcepiTjXuaiv hl aux^ y^vsaGou £v xpi^^i- 
X{otai «t«. Touxep T«j) Xöycj) il<h o1 'EXXiJvcüV l)^pT{aavTO, o{ plv icpöxepov ot hl Cote- 
pov, (o( IhUa l(ouT(5v lövir Tfuv lyo) ilhu>^ taj oGvöjtaxa od yp^oci). Vgl. c. 81 : totvt 
*Op^(xoiai xaXcojiivotoi xa\ Box/jxolvi, o3ai S^A^yu^oi^i. Herodot glaubt nämlich 
(nach c 49), Melampug habe den ägyptischen Dionysoskultus,' von dem er 
durch Kadmas und dessen Begleiter Kunde gehabt habe, in Griechenland 
eingeführt, wogegen er c. 53 andeutet, dass er die orphischen Gedichte für 
jünger halte, ab Homer und Hesiod. 



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58 Einleitung. [51] 

58 doch ohne Zweifel entweder auf einer bloBsen Vermuthung Hero- 
dot'B; oder auf einer noch werthloseren Behauptung Sgyptiscfaer 
PrioBter; ab geschichtliches Zeugniss kann sie nicht in Betracht 
kommen. Ueber den wirklichen Sachverhalt fehlt uns jede ge- 
schichtliche Kunde ^ und was wir darüber muthmassen können, 
Ifisst sich schwerlich zu einer auch nur annähernden Gewissheit 
erheben. Es ist möglich, dass Herodot im allgemeinen das rich- 
tige getroffen hat, und der Glaube an eine Seelenwanderung 
wirklich aus Aegjpten, sei es Unmittelbar oder durch gewisse 
nicht näher nachweisbare Zwischenglieder, nach Griechenland 
verpflanzt wurde. Nur dürfte man die Bekanntschaft der Griechen 
mit demselben in diesem Fall schwerlich mit Herodot in die ersten 
Anfange des griechischen Kulturlebens verlegen, noch weniger 
natürlich an die mythischen Gestalten des Kadmus und Melampua 
anknüpfen; sondern das wahrscheinlichste wäre dann, dass er 
nicht allzu lange vor dem Zeitpunkt, in dem wir ihm zuerst be- 
gegnen, also etwa im siebenten Jahrhundert, in Griechenland 
Eingang fand. Man könnte aber auch annehmen, jener Glaube, 
dessen Verwandtschaft mit indischen und ägyptischen Lehren 
allerdings auf orientalischen Ursprung hinweist, sei schon in der 
Urzeit des griechischen Volkes mit ihm selbst eingewandert, an- 
fangs jedoch auf einen engeren Kreis beschränkt gewesen, und 
erst später zu grösserer Bedeutung und Verbreitung gelangt; und 
ftir diese Vorstellung von der Sache könnte man anführen, dass 
sich ähnliche Vorstellungen auch bei solchen Völkern gefunden 
haben sollen, bei denen sich an ägyptische Einflüsse nicht denken 
lässt ^). I Es wird sich endlich auch die Möglichkeit nicht unbe- 



1) Die thrAoisohen Oeten hatten nach Herodot IV, 94 f. den Glauben, 
die Geatorbenen kommen zu dem Gott Zalmo^s oder Gebeleizin, dem aie alle 
fünf Jahre dnrch ein eigenthümliches Menschenopfer einen Boten mit Auf- 
tragen an ihre yerstorhenen Freunde sandten; dass freilich hiemit die An. 
nähme einer Beelenwanderung verhnnden war, lässt sich aus der Behaup- 
tung hellespontisoher Griechen, Zalmozis sei ein Schüler des Pythagoras, der 
den Unsterblichkeitsglauhen zu den Thradem gebracht habe, nicht ab- 
nehmen. Noch weniger beweist die Sitte eines andern thracischen Stammes 
(Hbe. V, 4), die Geborenen zu bejammern, die Gestorbenen glücklich zu 
preisen, weil jene den Uebeln des Lebens entgegengehen, denen diese ent- 
ronnen seien. Den Galliern dagegen wird nicht blos der Unsterblichkeits- 
glaube, sondern auch die Lehre tou der Seelenwanderung zugeschrieben. 



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[52] Die griechische Religion; die Mysterien. 59 

dingt bestreiten lassen, dass sich ähnliche Meinungen über den 69 
Zustand nach dem Tode bei verschiedenen Völkern ohne ge- 
schichtlichen Zusammenhang gebildet haben; und selbst auf eine 
für uns so auffallende Annahme, wie die Seelen Wanderung, könn- 
ten Verschiedene unabhängig von einander gekommen sein ; denn 
wenn »ich aus dem natürlichen Wunsch, nicht zu sterben, über- 
haupt der Unsterblichkeitsglaube erzeugt, so wird eine kühnere 
Phantasie gerade bei solchen, die von der sinnlichen Gegenwart 
noch nicht zu abstrahiren wissen, jenem Wunsch und diesem 
Glauben leicht die Gestalt geben , dass eine Eückkehr in das ir- . 
dische Leben begehrt und gehofft wird ^). 

Wie es sich aber hiemit verhalten mag, so viel scheint jeden- 
falls sicher^ dass bei den Griechen die Lehre von der Seelenwan- 
derung nicht von den Philosophen zu den Priestern, sondern von 
den Priestern zu den Philosophen gekommen ist. Lidessen fragt 
es sich, ob man ihre philosophische Bedeutung in der älteren Zeit 60 
hoch anzuschlagen hat. Sys findet sich allerdings bei Pjthagoras 
und seiner Schule, der sich hierin Empedokles anschliesst ; von 
einem höheren Leben nach dem Tode redet auch Heraklit. Aber 
keiner von diesen Philosophen hat jene Lehre mit seinen wissen- 



CfiSAB B. Gall. VI, 14: inprimis hoc voltmt persuadere [Druides], nan inierire 
aninuu, aed ab alüs post mortem irannre ad alios. Diodob V, 28, Schi.: 
^to^tfei fop icap* autot( & fluOayöpou XdfCK, Sti Tof «j'^x^^ "^^^ ovOptoicuv aOo- 
vorrouf iTvat ou(ip^pY)xs xa\ 8(* fcü>v loptapi^ftfv n&kvi ßtoOv, il^ ftipov oa>|ia Tijc 
^'VX^C elcduo(ji^i)(, wesshalb manche, fügt Diodor bei, bei Bestattungen Briefe 
u ihre Angehörigen auf den Scheiterhaufen legen. Aehnlich AmtiAv. Mabg. 
XV, 9, Schi. 

1) Wenn man sich unter der Seele ein luftartiges Wesen denkt, welches 
im Körper wohne und ihn beim Tod wieder yerlasse, wie diess die älteste 
VoiBtellung, auch bei den Griechen, ist» so liegt die Frage sehr nahe, wo 
dieses Wesen herkomme und wo es hingehe; und fQr die Beantwortung 
dieser Frage beruhigt sich eine kindliche Phantasie am leichtesten bei der 
ebfaehen Vorstellung, dass es einen uns unsichtbaren Ort gebe, in dem die 
Abgeschiedenen Seelen sich aufhalten, und aus dem die der Neugeborenen 
herkommen. Und wirklich ist nicht blos der Glaube an ein Todtenreich 
gSBs allgemein, sondern auch die Vorstellung, dass die Seelen aus der Erd- 
tiefe, oder auch aus dem Himmel auf die Erde und in ihren Leib kommen, 
findet sich bei den Terschiedensten Völkern. Dann war aber nur noch ein 
kleiner Schritt zu der Annahme, es können wohl auch die gleichen Seelen, 
welche schon früher einen Leib bewohnt haben, später in einen neuen 
^Bsiehen. 



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60 Einleitung. [52. 5S] 

Bchaftlichen Annahmen in eine solche Verbindung gebracht; dass 
sie zu einem wesentlichen Bestandtheil seines philosophischen Sj- 
stems würde, sondern bei ihnen allen geht sie als ein für sich stehen- 
der Glaubenssatz neben der wissenschaftlichen Theorie | her, und 
niemand würdein dieser eine Lücke finden; wenn sie fehlte. Erst 
bei Plato wird der Unsterblichkeitsglaube philosophisch begrün- 
det; von ihm wird sich aber auch schwer behaupten lassen; daaa 
ihm dieser Olaube ohne die MytheU; die er ftlr denselben verwen- 
det; unmöglich gewesen wäre. 

Nach allen diesen Erörterungen werden wir der Mysterien- 
religion kaum eine grössere Wichtigkeit ftir die Entstehung der 
griechischen Philosophie beilegen können, als der öffentlichen. 
DieNaturanschauungen;die in den Mysterien niedergelegt waren, 
mochten dem Denken eine Anregung geben; der Gedanke, dass 
alle Menschen der religiösen Weihe und Reinigung bedürftig seien, 
mochte zu tieferen Betrachtungen über die sittliche Natur und 
Bestimmung des Menschen veranlassen; aber da eine wissen- 
schaftliche Belehrung bei den Handlungen und Erzählungen des 
mystischen Kultus ursprünglich nicht beabsichtigt war, so setzte 
jede philosophische Auslegung derselben den philosophischen 
Standpunkt des Auslegers schon voraus, und da die Mysterien doch 
am Ende nur aus allgemeinen; jedem zugänglichen Wahrnehmun- 
gen und Erfahrungen geflossen wareU; so konnten hundert andere 
Dinge der Philosophie im wesentlichen denselben Dienst leisten, 
wie jene. Der Wechsel der Naturzustände, der Uebergang vom 
Tod zum Leben und vom Leben zum TodC; brauchte der Wissen- 
schaft nicht erst durch den Mythus von Köre und Demeter be- 
kannt zu werden; er lag der täglichen Anschauung offen ; die 
Forderung sittlicher Eeinheit; die Vorzüge der Frömmigkeit und 
der Tugend; brauchten nicht erst aus den grellen Schilderungen 
der Weihepriester über das Glück der Geweihten und das Elend 
der Ungeweihten herausgedeutet zu werden; sie waren in dem 
sittlichen Bewusstsein der Griechen unmittelbar enthalten. Bedeu- 
61 tungslos sind die Mysterien trotzdem; wie diess auch aus unserer 
bisherigen Erörterung hervorgeht; flir die Philosophie nicht, aber 
ihre Bedeutung ist nicht so gross und ihr Einfluss kein so unmit* 
telbarer; als man häufig geglaubt hat. 



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[68. MJ Dai sittliche and politisohe Leben der Griechen. 61 

3. Fortsetzung. Das sittliche LebeU; die bürger- 
lichen und staatlichen Zustände. 

4 

Der Idealität des griechischen Glaubens entspricht die Frei- 
heit und Schönheit des griechischen Lebens^ und man kann keine 
von beiden Eigenthümlichkeiten strenggenommen als Grund oder 
ab I Folge der andern betrachten^ sondern beide haben sich Hand 
in Hand, sich gegenseitig fördernd und tragend, aus derselben 
Anlage und durch die gleiche Gunst der Verhältnisse entwickelt 
Wie der Grieche in seinen Göttern die natürliche und sittliche 
Weltordnung verehrt, ohne doch darum ihnen gegenüber auf 
seinen eigenen Werth und seine Freiheit zu verzichten, so steht 
auch die grieclüsche Sittlichkeit in der glücklichen Mitte zwischen 
der gesetzlosen Ungebundenheit wilder und halbwilder Stämme, 
nnd dem sklavenhaften Gehorsam, welcher die Völkermassen des 
Orients einem fremden Willen, einem weltlichen und geistlichen 
Despotismus unterwirft. Ein kräftiges FreiheitsgefUhl, und da- 
bei eine seltene Empfänglichkeit für Mass, Form und Ordnung, 
ein lebhafter Sinn für Gemeinsamkeit des Seins und Handelns, 
ein Geselligkeitstrieb, der es dem Einzelnen zum Bedürfhiss macht, 
an andere sichanzuschliessen, dem Gemeinwillen sich unterzuord- 
nen, der Ueberlieferung seiner Familie und seines Gemeinwesens 
2U folgen, — diese dem Hellenen so. natürlichen Eigenschaften er- 
zeugten in dem beschränkten Umfang der griechischen Staaten 
ein so reiches, freies und harmonisches Leben, wie es kein anderes 
Volk des Alterthums aufzuweisen hat. Selbst die Beschränktheit, 
in der sich seine sittlichen Anschauungen bewegten, musste dem 
Griechen die Erreichung dieses Ziels wesentlich erleichtern. Da 
flieh der Einzelne hier nur als Bürger dieses Staates frei und vom 
Rechte geschützt weiss, und da er ebenso sein Verhältniss zu an- 
dern nach ihrem Verhältniss zu dem Staat bestimmt, dem er an- 
gehört, 80 ist jedem seine Aufgabe von Anfang an klar vorge- 
seichnet : die Behauptung und Erweiterung seiner bürgerUchen 
Stellung, die Erfüllung seiner Bürgerpflichten, die Arbeit für die 62 
Freiheit und Grösse seines Volkes, der Gehorsam gegen die 
Gesetze, diess ist das einfache, dem Griechen bestimmt vorge- 
steckte Ziel, in dessen Verfolgung er um so weniger gestört wird, 
je weniger sein Blick und sein Streben über die Grenzen seiner 



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62 Einleitung. [64. 55] 

Heimath hinauBschweift^ je ferner ihm der Gedanke liegt, die Norm 
seines Handelns anderswo zu suchen, ab im Gesetz und in der 
Sitte seiner Stadt, je entbehrlicher ihm alle jene Reflexionen sind, 
durch die der moderne Mensch einerseits sein Einzelinteresse und 
sein natürliches Becht mit dem Vortheil und ] den Gesetzen des 
Gemeinwesens, andererseits seinen Patriotismus mit den Anfor- 
derungen einer kosmopolitischen Religion und Moral in's Gleich- 
gewicht zu bringen sich abmüht. Wir werden eine so beschränkte 
Auffassung der sittlichen Aufgaben allerdings nicht für das höchste 
halten können, wir werden uns nicht verbergen, wie eng die Zer- 
splitterung Griechenlands, die verzehrende Unruhe seiner Bürger- 
kriege und Partheikämpfe, um von der Sklaverei und der vernach- 
lässigten Erziehung des weiblichen Geschlechts nicht zu reden, mit 
dieser Beschränktheit zusaminenhängt; aber wir werden unsere 
Augen desshalb vor derThatsache nicht verschliessen, dass diesem 
Boden und diesen Voraussetzungen eine Freiheit und Bildung ent- 
sprungen ist, mit welcher das hellenische Volk einzig in der Ge- 
schichte dasteht. Wie wesentlich auch die Philosophie in der Frei- 
heit und Ordnung des griechischen Staatslebens wurzelt, liegt am 
Tage. Eine unmittelbare Verbindung beider fand allerdings nicht 
statt. Die Philosophie war in Griechenland immer Privatsache der 
Einzelnen, die Staaten kümmerten sich um dieselbe nur sofern sie 
gegen staatä- und sittengefahrliche Lehren einschritten, eine posi- 
tive Förderung und Unterstützung dagegen wurde ihr von Städten 
undFürsten erst spät, nachdem sie den Höhepunkt ihrer Entwick- 
lung längst überschritten hatte, zu Theil. Ebensowenig war die 
öffentliche Erziehung auf Philosophie, oder überhaupt auf Wissen- 
schaft berechnet. Selbst in Athen enthielt sie noch zur Zeit des Pe- 
rikles kaum die ersten Anfangsgründe von dem, was wir eine 
wissenschaftliche Bildung nennen. Lesen und Schreiben und noth- 
dürftiges Rechnen, das war alles, von einem Unterricht in Spra- 
chen, Mathematik, Naturkunde, Geschichte u. s. w. war nicht die 
Bede. Erst die Philosophen selbst, zunächst die Sophisten, gaben 
Anlass, dass einzelne einen weitergehenden Unterricht suchten, 
63 der sich aber meist einseitig auf die Redekunst beschränkte. Die 
herkömmliche Erziehungbestand neben jenen elementarischenFer- 
tigkeiten nur in der Musik und Gymnastik, und auch bei der Mu- 
sikhandelte es sich zunächst nicht um Verstandesbildung, sondern 



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[66. 56] Das sittliche und politiscbe Leben der Qrieohen. 63 

umKenntDiss der homerischen und hesiodischen Gedichte, der be- 
' liebtesten Lieder, des Gesangs, des Saitenspiels und des Tanzes. 
Aber diese Erziehung bildete ganze, tüchtige Menschen, und die 
nachfolgende Uebung des öffentlichen Lebens erzeugte einSelbst- 
Tertrauenund forderte eine Anspannung aller Kräfte, eine scharfe 
Beobachtung und verständige Beurtheilung der Personen und j 
der Verhältnisse, überhaupt eine Thatkraft und Lebensklugheit, 
die nothwendig auch für die Wissenschaft bedeutende Früchte 
tragen musste, sobald das wissenschaftliche Bedürftiiss erwacht 
war. DasB ea aber erwachte, diess konnte um so weniger aus- 
bleiben, da einerseits die Ausbildung der sittlichen und politischen 
Keflezion bei der harmonischen Vielseitigkeit des griechischen 
Wesens eine entsprechende Entwicklung des theoretischen Den- 
kens naturgemäss hervorrief, und da andererseits nicht wenige von 
den griechischen Städten im Gefolge der bürgerlichen Freiheit 
XQ einem Wohlstand gelangten, der wenigstens einem Theil ihrer 
Bürger die Müsse zu wissenschaftlicher Thätigkeit gewährte. So 
wenig daher auch das griechische Staatsleben und die griechische 
Erziehung in der alten Zeit unmittelbar der Philosophie zuge- 
wandt war, so wenig sich die älteste Philosophie ihrerseits in der 
Regel mit ethischen und politischen Fragen beschäftigte, so wich- 
tig war doch fUr ihre Entstehung die Bildung von Menschen und die 
Gestaltung von Zuständen, wie sienöthig waren, um eine Philoso- 
phie zu erzeugen. Die Freiheit und Strenge des Denkens war die 
natfirliche Frucht eines freien und gesetzlich geordneten Lebens, 
und jene gediegenen Charaktere, wie sie Griechenlands klassischer 
Boden hervorbrachte, mussten wohl auch in der Wissenschaft 
ihren Standpunkt mit Entschiedenheit ergreifen und mit EJarheit 
und Bestimmtheit, ohne Halbheit und Schwanken, durchftihren ^). 

1) Dieser Zasammenliang des politischen und des philosophischen Gha« 
f^^Un seigt sich namentlich auch darin, dass sich gerade Ton den Ältesten 
PhÜesophen nicht wenige als StaatsmAnner, Gesetzgeber, politische Refor- 
matoren nnd Feldherm einen Kamen gemacht haben. Die politische ThA- 
tigkeit des Thaies und der Pythagoreer ist bekannt, von Parmenides wird be- 
richtet, er habe seiner Vaterstadt Gesetco gegeben, Ton Zeno, er sei beim 
Vermch sor Befreinng der seinigen umgekommen, Empedokles war der 
Wiederhersteller der Demokratie in Agrigent, Archytas war gleich gross ala 
Feldherr und Staatsmann, und Melissus ist wahrscheinlich derselbe, welcher 
^ athenische Flotte beelogt hat 



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64 Einleitung. [56. 57] 

64 Wenn endlich ein Hauptvorzug der griechischen Bildung darin 
besteht j dass sie den Menschen nicht zersplittert ^ sondern in 
gleichmässiger Entwicklung aller Kräfte ein schönes QanzeS; ein 
sittliches Kunstwerk aus ihm zu machen strebt; so werden wir 
es hiemit in Verbindung bringen dürfen^ dass auch die griechi- 
sche Wissenschaft, besonders in ihrem Anfang, den Weg, wel- 
cher freilich dem jugendlichen Denken überhaupt zunächst liegt, 
den Weg von oben | nach u^ten gewählt hat; dass sie nicht aua 
der Sammlung des Einzelnen eine Ansicht yom Ganzen, sondern 
aus der Betrachtung des Ganzen den Masstab fUr das Einzelne 
zu gewinnen, und aus den Bruchstücken der anfanglichen- Welt- 
kenntniss sofort ein Gesammtbild zu gestalten sucht, dass die Phi- 
losophie hier den besonderen Wissenschaften vorangeht. 

Wollen wir die Umstände etwas genauer yerfolgen, durch 
welche der Fortschritt der griechischen Bildung bis auf die Zeit 
der beginnenden Philosophie bedingt war, so treten zwei Er- 
scheinungen von durchgreifendem Einfluss vor allen andern her- 
vor: die republikanische Ordnung des Staatswesens, und die 
Ausbreitung der griechischen Stämme durch Kolonisation. Die 
Jahrhunderte, welche der ältesten griechischen Philosophie zu- 
nächst vorangiengen, und noch theil weise mit ihr zusammenfalleui 
sind die Zeit der Gesetzgeber und der Tyrannen, die Zeit des 
Uebergangs zu den Verfassungsformen, welche die Grundlage 
für die höchste Blüthe des griechischen Staatslebens gebildet 
haben. Nachdem die patriarchalische Monarchie der homerischen 
Zeit allenthalben, in Folge des trojanischen Kriegs und der dori- 
schen Wanderung, durch Aussterben, Vertreibung oder Be- 
schränkung der alten Königshäuser, ii} Oligarchie übergegangen 
war, wurde diese Adelsherrschaft der Weg, um Freiheit und 
höhere Bildung zunächst in dem kleineren Kreise der herrschen- 
den Geschlechter gleicbmässig zu verbreiten. Als sodann der 
Druck und der innere Verfall derselben den Widerstand der 
Massen hervorrief, erhielten diese in der Regel aus der Zahl der 

65 bisherigen Herrscher ihre Führer, und diese Demagogen wurden 
fast überall in der Folge zu Tyrannen. Da aber diese Allein- 
herrschaft schon vermöge ihres Ursprungs ihren Hauptgegner an 
der Aristokratie hatte, und sich ihr gegenüber auf's Volk stützen 
musste, so wurde sie selbst ein Mittel, das Volk zu bilden und 



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[58J Das sittliobe und politische Leben der Griechen. 65 

zur Freiheit zu erziehen. Die Höfe der Tyrannen waren Mittel- 
punkte der Kunst und der Bildung ^), und als ihrer Herrschaft^ 
meist nach einem oder zwei Menschenaltern, ein Ende gemacht 
ward; fiel ihr | Erbe nicht mehr an die frühere Aristokratie zu- 
rück; sondern es wurden gemässigte demokratische Verfassungen 
mit festen Gesetzen eingeführt. Dieser Gang der Dinge war 
ebenso günstig für die wissenschaftliche wie für die politische 
Bildung der Griechen. In den Anstrengungen und Kämpfen 
dieser politischen Bewegung mussten alle die Kräfte erwachen 
und geübt werden^ die das öffentliche Leben der Wissenschaft 
zubrachte^ und das Gefühl der jungen Freiheit musste dem Geist 
des griechischen Volkes einen Schwung geben, von dem die 
theoretische Thätigkeit nicht unberührt bleiben konnte. Wenn 
daher gleichzeitig mit der Umgestaltung der politischen Zustände 
in regem Wetteifer der Grund zu der künstlerischen und wissen- 
schaftlichen Blüthe Griechenlands gelegt wurde, so lässt sich der 
Zusammenhang beider Erscheinungen nicht verkennen, vielmehr 
ist die Bildung gerade bei den Griechen ganz vorzugsweise, was 
sie in jedem gesunden Volksleben sein wird, die Frucht der 
Freiheit, 

Dieser ganze Umschwung erfolgte aber in den Kolonieen 
nicht blos schneller, als im Mutterland, sondern das Dasein dieser 
Kolonieen war auch für denselben vop der grössten Bedeutung. 
In den fünfhundert Jahren, welche zwischen den dorischen Er- 
oberungen und der Entstehung der griechischen Philosophie lie- 
gen, hatten sich die griechischen Stämme auf dem Weg einer 
geordneten Auswanderung nach allen Seiten bin ausgedehnt. Die 
Inseln des Archipelagus, bis nach Kreta und Rhodus herab, die 
West- und Nordküste Kleinasiens, die Gestade des schwarzen 66 
Meers und der Propontis, die Küsten von Thracien, Macedonien 
und lUyrien, Grossgriechenland und Sicilien, waren mit hunderten 
von Pflanzstädten bedeckt worden; selbst bis in's ferne Gallien, 
nach Cyrene und nach Aegypten waren griechische Einwanderer 
vorgedrungen. Die meisten von diesen Pöanzstädten gelangten 

1) Man erinnere sich z. B. an Periander, Polykrates, Pisistratus und 
Beine Söhne. — Doch ist von einer Verbindung der Philosophen mit Ty- 
rannen bis zum Auftreten der Sophisten ausser der Sage vom Yerhältniss 
Perianders zu den sieben Weisen nichts überliefert. 
PUlM. (L Or. I. Bd. 4. Anll. 5 



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66 Einleitung. [58. 59] 

nnn früher zn Wohlstand^ Bildung und freien Verfassungen; als 
die Staaten^ von denen sie ausgiengen ; denn wenn schon die Los- 
reissung vom heimischen Boden eine freiere Bewegung und eine 
veränderte Zusammensetzung der bürgerlichen Gesellschaft her- 
beiftthrte^ so waren sie auch durch ihre ganze Lage weit mehr, 
als die Städte des eigentlichen Oriechenlands; auf Handel und 
Gewerbe, auf rührige Thätigkeit und vielfachen Verkehr mit 
Fremden verwiesen; und so war es natürlich; dass sie den älteren 
Staaten in vielen Beziehungen vorauseilten. Wie bedeutend 
dieser Unterschied; und wie wichtig das rasche Aufblühen der 
Eolonieen { für die Entwicklung der griechischen Philosophie war^ 
sehen wir am besten aus dem Umstand; dass alle namhaften 
griechischen Philosophen vor SokrateS; mit alleiniger Ausnahme 
von einem oder zwei Sophisten, theils den jonischen und thraci- 
scheU; theils den italisch-sicilischen Kolonieen entsprungen sind. 
Hier*; an den Grenzen der hellenischen Welt; waren die bedeu- 
tensten Pflanzstätten einer höheren Bildung, und wie die unsterb- 
lichen Gesänge Homer's ein Geschenk der kleinasiatischen Grie- 
chen an ihr Heimathland wareU; so kam auch die Philosophie aus 
dem Osten und Westen in den Mittelpunkt des griechischen 
LebenS; um hier durch eine Vereinigung aller Ejräfte und ein 
Zusammentreffen aller fördernden Umstände ihre höchste Blüthe 
zu erreichen; als die Mehrzahl der Eolonieen die glänzendste Zeit 
ihrer Geschichte bereits unwiderruflich hinter sich hatte. 

Wie sich nun unter diesen Verhältnissen das Denken all- 
mählich bis zu dem Punkt entwickelte; auf welchem die ersten 
eigentlich wislsenschaftllchen Versuche hervortreten, darüber 
geben uns die noch erhaltenen Urkunden der kosmologischen 
und der ethischen Reflexion einen AufschlusS; der in Betreff seiner 
Vollständigkeit freilich manches zu wünschen übrig lässt. 

67 4. Fortsetzung. Die Kosmologie. 

In einem Volke, welches mit so reichen Anlagen ausgestattet 
war, wie das griechische; und welches für ihre Entwicklung von 
den Verhältnissen in so hohem Grade begünstigt wurdC; musste 
das Nachdenken bald erwachen; die Aufmerksamkeit musste sich 
den Erscheinungen der Natur und des Menschenlebens zuwenden^ 
und es mussten frühzeitig Versuche gemacht werden; nicht blos 



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[59. 60] Kosmologiiehe BpeknUtion. 67 

die Anssenwelt aus ihren EDtstehungsgründen zu erklären^ son- 
dern auch die Thätigkeiten und Zustände der Menschen aus all- 
gemeineren Gesichtspunkten zu betrachten. Eigentlich wissen- 
schaftlicher Art war diese Reflexion zunächst allerdings noch 
nicht, weil ihr die bestimmte Bichtung auf einen gesetzmässigen 
Zusammenhang der Dinge noch fehlte; die Kosmologie behielt 
bis auf Thaies herab, und sofern sie sich an die Eeligion anschloss 
auch noch länger, die Form einer mythologischen Erzählung, die 
Ethik bis auf Sokrates und Plato die Form einer aphoristischen 
Reflexion : an die Stelle des | Naturzusanmienhangs trat dort das 
zufällige, oft ganz abenteuerliche Eingreifen von FhantasieweseU; 
statt einer einheitlichen Lebensansicht hatte man hier eine An- 
zahl von Sittensprtichen und Elugheitsregeln, die aus verschieden- 
artigen Erfahrungen abstrahirt sich nicht selten widersprachen, 
und die auch im besten Fall auf keine allgemeineren Grundsätze 
zurückgeführt, und mit keiner theoretischen Ueberzeugung über 
die Natur des Menschen in wissenschaftliche Verbindung gesetzt 
waren. So verfehlt es aber auch wäre, diesen Unterschied zu ver- 
kennen, und die mythischen Eosmologen auf der einen, die 
Quomiker auf der andern Seite mit Aelteren und Neueren den 
Philosophen beizuzählen ^), so dürfen wir doch die Bedeutung 68 
dieser Versuche nicht zu gering anschlagen; denn sie dienten 
wenigstens dazu, die Aufmerksamkeit auf die Fragen zu richten, 
welche die Wissenschaft zunächst beschäftigen sollten, und das 
Denken an die Zusammenfassung des einzelnen zu gewöhnen, und 
damit war für den Anfang schon viel gewonnen. 

Die älteste Urkunde der mythischen Kosmologie bei den 
Griechen ist Hesiod's Theogonie. Wie viel von dem Inhalt dieser 
Schrift aus älterer Ueberlieferung, wie viel aus der eigenen Combi- 

1) Wie diess allerdings schon in der Blüthezeit der griecbisohen Philo- 
sophie theils Yon den Sophisten, theils von den Anhängern naturphiloso- 
pbiBcber Systeme geschah; Ton Jenen bezeugt es Plato Prot. 816, D vgl. 
338, E ff, Ton diesen Derselbe Krat. 402, B und Abibtotelbs Metaph. 
Ij 3. 983, b, 27 (vgl. Schweolbb e. d. St.). Später waren es besonders die 
Stoiker, welche die alten Dichter durch allegorische Auslegung zu den älte- 
sten Philosophen machten, und bei den Neuplatonikern überschritt dieses 
Verfahren alle Grenzen. Der erste, welcher Thaies für den Anfangspunkt 
der Philosophie erklärte, ist Tiedemamh ; m. s. seinen Qeist d. spekul. Phi- 
losophie I, Vorr. 8. XYIIf. 

5» 



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68 Einleitung. [60. 61] 

nation des Dichters und seiner späteren Bearbeiter stammt^ lässt 
sich jetzt allerdings nicht mehr mit Sicherheit festsetzen, und 
kann hier auch nicht untersucht werden: für unsern Zweck ge- 
ntigt die Bemerkung; dass die Theogonie ohne Zweifel schon den 
ältesten Philosophen; abgesehen von wenigen späteren Einschieb- 
seln, in ihrer jetzigen Gestalt vorlag 0- An eine wissenschaft- 
liche Fassung oder Beantwortung der Aufgabe ist nun bei 
diesem Werke noch nicht zu denken. Der Dichter legt sich die 
Frage vor, von der alle Kosmogonieen und Schöpfungsgeschichten 
ausgehen; und die wirklich auch dem ungeübtesten Denken nahe 
genug liegt; die Frage nach der Entstehung und den Ursachen 
aller Dinge. Diese Frage hat | aber hier noch nicht die Bedeu- 
tung; dass das Wesen und die Gründe der Erscheinungen auf 
wissenschaftlichem Weg erforscht werden sollen; sondern mit 
kindlicher Wissbegierde wird gefragt, wer alles gemacht hat, und 
wie er es gemacht hat; und die Antwort besteht einfach darin, 
dass man irgend etwaS; das man sich nicht wegzudenken weiss, 
als das erste setzt, und das übrige nach irgend einer erfahmngs- 
massigen Analogie daraus entstehen lässt. Nun zeigt die Erfah- 
rung überhaupt eine doppelte Weise des Entstehens. Alles, was 
wir werden sehen; bildet sich entweder von Natur, oder es wird 
von bestimmten Individuen mit Absicht gemacht. In dem ersten 
Falle sodann wird es entweder durch elementarische Wirkung, 
69 oder durch Wachsthum, oder durch Erzeugung hervorgebracht, 
in dem andern entweder mechanisch, durch Bearbeitung eines 
Stoffes, oder dynamisch, so wie wir auf andere Menschen ein- 
wirken, durch blosses Aussprechen des Willens. Alle diese 
Analogieen sind in den Kosmogonieen der verschiedenen Völker 
auf die Entstehung der Welt und der Götter angewandt worden, 
in der Regel mehrere zugleich, je nach der Natur des Gegen- 



1) M. vgl. hierüber Petersen Ursprung und Alter der hesiod. Theog. 
(Progr. des Hamburgischen Gymn.) 1862 , der mir so viel jedenfalb bewie- 
sen zu haben scheint, wie es sich auch mit seinen Übrigen Annahmen ver- 
halten mag. Schon die Polemik des Xenophanes und Heraklit gegen He- 
siod (worüber tiefer unten) und die merkwürdige Aeusserung Herodot's H, 
63 spricht entschieden gegen die Vermuthung, dass die Theogonie erst dem 
sechsten Jahrhundert angehöroi noch mehr aber der ganze Charakter ihres 
Yorstellungskreises und ihrer Sprache. 



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[61. 68] Kosmologisohe Spekulation. Hesiod. 69 

Standes ; um dessen Erklärung es sich handelte. Den Griechen 
mnsste die Analogie der Zeugung schon desshalb am nächsten 
liegen, weil sie die Theile der Welt, nach der eigenthümlichen 
Richtung ihrer Phantasie, zu menschenähnlichen Wesen personi- 
ficirt hatten, deren Entstehung man sich nicht anders vorzustellen 
wusste; denn an eine Natnranalogie musste man sich jedenfalls 
halten, da die griechische Denkweise zu naturalistisch und zu 
polytheistisch wai', um alles mit der zoroastrischen und der jüdi- 
schen Religionslehre durch das blosse Wort eines Weltschöpfers 
in's Dasein rufen zu lassen : auch die Götter sind ja hier entstan- 
den, und gerade die wirklich verehrten Volksgottheiten gehören 
darchaus einem jüngeren Göttergeschlecht an, es ist daher hier 
keine Gottheit, die als anfangslose Ursache von allem betrachtet 
würde und der eine unbedingte Macht über die Natur zukäme. 
So ist es denn auch bei Hesiod die Erzeugung der Götter^ um 
die sich seine ganze Kosmogonie dreht. Die meisten von diesen 
Genealogieen und den weiteren damit zusammenhängenden My- 
then sind nun nichts weiter als der Ausdruck für einfache Wahr- 
nehmungen oder für Vorstellungen derselben Art, wie sie die 
Phantasie überall im Eindesalter der Naturkenn tniss hervorbringt. 
Erebos erzeugt mit der Nyx den Aether und die Hemera, | denn 
der Tag mit seinem Glänze ist der Sohn der Nacht und des Dunkels. 
Die Erde gebiert aus sich allein das Meer, aus der Verbindung 
mit dem Himmel die Flüvse, denn die Quellen der Ströme nähren 
sich vom Regen, das Meer erscheint als eine von Anbeginn her 
in den Tiefen der Erde lagernde Masse. Uranos wird von Kronos 
entmannt, denn der Sonnenbrand der Erntezeit macht den be- 
fruchtenden Regengüssen des Himmels ein Ende. Aphrodite ent- 
steht aus dem Samen des Uranos, denn der Regen weckt im 
Frühjahr die Zeugungslust der Natur. Cyklopen, Hekatonchiren 
und Giganten, Typhöeus und die Echidna sind Kinder der Gäa, 70 
andere Ungethüme der Nacht oder der Gewässer: theils wegen 
ihrer ursprünglich physikalischen Bedeutung, theils weil das 
ungeheure überhaupt nicht von den lichten, himmlischen Göttern, 
sondern nur aus der unergründlichen Tiefe und Finsterniss her- 
stammen kann. Die Söhne der Gäa, die Titanen, werden von 
den Olympiern besiegt, denn wie das Licht des Himmels die 
Kebel der Erde bewältigt, so hat die ordnende Gottheit über- 



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70 Einleitung. [62. 63] 

haupt die wilden Natnrkräfte gebändigt. Der Gedankengehalt 
dieser Mythen ist gering: was darin über die nächsten Wahr- 
nehmungen hinausgeht, beruht nicht auf der Reflexion über die 
natürlichen Ursachen der Dinge, sondern auf einer Thätigkeit 
der Phantasie, hinter der wir auch da, wo sie wirklich sinnreiches 
hervorbringt, nicht zu viel suchen dürfen. Ebensowenig ist in 
der Verknüpfung dieser Mythen, die wohl vorzugsweise das Werk 
des Dichters ist, ein leitender Gedanke von tieferer Bedeutung 
zu entdecken^). Was in der Theogonie noch am meisten an 
naturphilosophische Ideen anklingt, und was auch wirklich von 
den alten Philosophen fast allein in diesem Sinn benützt wurde '), 
ist ihr Anfang (V. 116 ff.). Zuerst wurde das Chaos, hierauf die 
Erde, | (sammt der Erdtiefe, dem Tartaros) und der Eros. Aus 
dem Chaos entstand der Erebos und die Nacht, die Erde gebar 
zuerst den Himmel, die Berge und das Meer, dann mit dem 
Himmel sich begattend die Stammeltern der verschiedenen Götter- 
geschlechter, bis auf die wenigen, die vom Erebos und der Nacht 
herkommen. Diese Darstellung macht allerdings den Versuch, 
die Entstehung der Welt irgendwie zur Vorstellung zu bringen, 
und man kann sie insofern als den Anfang der Kosmologie bei 
den Griechen betrachten. Aber doch ist das ganze noch sehr 
71 roh und einfach. Der Dichter fragt sich, was wohl das .erste von 
allem war, und da bleibt er zuletzt bei der Erde als dem unver- 
rückbaren Grund der Welt stehen. Ausser der Erde war nichts, 
als finstere Nacht, denn die Leuchten des Himmels waren noch 
nicht vorhanden. Der Erebos und die Nacht sind daher gleich 
' alt mit der Erde. Damit endlich aus diesem ersten ein anderes 



1) Brandis Qesch. d. griech.-röm. Phil. T, 75 findet nicht Mos in dem An- 
fang der Theogonie, sondern auch in den Mythen über die Entthronung des 
Uranos und über den Kampf der Kroniden mit ihrem Vater und den Tit&nen 
die Lehre von einem Hervorgang des bestimmteren aus dem bestimmungslosen 
und Ton einer allmählichen Entfaltung des höheren Princips. Diese QedAs- 
ken sind aber yiel zu abstrakt, um die Motive der mythenbildenden Phan- 
tasie in ihnen zu suchen. Nicht einmal bei der Zusammenstellung Jener 
Mythen scheint den Dichter eine spekulative Idee bestimmt zu haben, sondern 
die drei Göttergenerationen bilden für ihn nur den Faden, an dem er seine 
Genealogieen äusserlich aufreiht. 

2) Belege dafür giebt die Gaisfobo -Rsiz^sche Ausgabe Hjbsiod*« su 
Y.116. 



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[63.64] Kosmologif che Spekulation. Hesiod. 71 

erzeugt wurde; muss von Anfang an schon der Zeugungstrieb; 
oder der EroS; vorhanden gewesen sein. Diess also sind die 
Gründe aller Dinge. Denkt man sich auch diese weg; so bleibt 
der Phantasie nur noch die Anschauung des unendlichen BaumeS; 
den sie sich aber auf dieser Bildungsstufe nicht abstrakt; als 
leeren; mathematischen Baum; sondern konkreter; als unermess- 
lichC; wüstC; formlose Masse vorstellen wird; das allererste daher 
ist das Chaos. So ungefähr mag diese Lehre vom Weltanfang im 
Geist ihres Urhebers sich erzeugt haben ^). Ein Trieb der For- 
schung; ein Streben nach zusammenhängenden und anschaulichen 
Vorstellungen liegt ihr allerdings zu Grundc; aber das Interesse; 
von dem sie beherrscht wird; ist mehr das der Phantasie; als 
des Denkens; es wird nicht nach dem Wesen und den allge- 
meinen Ursachen der Dinge gefragt; sondern die Aufgabe ist nur, 
über das thatsächliche des Urzustandes | und der weiteren Ent- 
wicklungen etwas zu erfahren; was denn natürlich nicht auf 
dem Wege der verständigen BeflexioU; sondern auf dem der 
Phantasieanschauung vefsucht wird. Der Anfang der Theo- 
gonie ist ein flir seine Zeit sinniger MjthuS; aber noch keine 
Philosophie. 

Der nächste; von dessen Kosmologie wir etwas näheres 
wissen , ist Pherecydes aus Syros *) ; ein Zeitgenosse des 72 



1) Ob dieser Urheber der Verfasser der Theogonie selbst, oder ein älterer 
Dichter ist, wftre an sich, wie bemerkt, ziemlich gleichgültig. Wenn Jedoch 
Bbavdis (Gesch. d. griech.-röm. Phil. I, 74) für die letztere Annahme be- 
merkt, der Dichter selbst würde schwerlich den Tartaros unter den ersten 
Weltprincipien, und gewiss nicht Eros als weltbildendes Princip angeführt 
haben, ohne im geringsten ferneren Gebrauch davon zu machen, so möchte 
ich diesen Umstand, abgesehen von dem zweifelhaften Ursprung des 119ten 
Verses, welcher des Tartaros erwähnt, der aber bei Plato (Symp. 178, B) 
und Abistoteles (Metaph. I, 4. 984, b, 27) fehlt, eher daraus erklären, 
dass die im folgenden verarbeiteten Mythen der älteren Ueberlieferung, die 
Anfangsverse dem Verfasser der Theogonie selbst angehören. 

2) Ueber sein Leben, sein Zeitalter u. seine Schrift vgl. m. Sturz Phere- 
cydis fragmenta S. 1 ff. Preller im Rhein. Mus. IV. (1846) 377 ff. Allg. 
Encyklop. r. Ersch. u. Gruber, III, 22, 240 ff. Art. Pherecydes. Zimmeemaw 
in Fichte *0 Zeitschr. f. Philosophie u. s. w. XXIV. B. 2 H. S. 161 ff. 
(abgedr. in Z.8 Studien. Wien 1870. S. 1 ff.), welcher aber dem alten 
Mythographen manches fremdartige leiht. Conrad De Phereoydis Syrii aetate 
atque cosmologia. Koblenz 1957. 



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72 Einleitung. [64] 

Anaximander ^) ; in der späteren Sage ein ähnlicher Wunder- 
xnann, wie Pythagoraa •). In einer Schrift, deren Titel verschie- 
den angegehen wird , bezeichnete er als das erste ; was immer 
war, Zeus, Chronos und Chthon % wobei er unter der Chthon 
78 die Erdmasse, unter Chronos oder Eronos ^) den der Erde näher 
stehenden Theil des Himmels und die denselben beherrschende 
Gottheit^), unter Zeus den höchsten, die ganze Weltbildung 

1) AIb solchen bezeichnet ihn Dioo. I, 121 und Eüb. Chron. zn Ol. 60, 
wenn Jener, wohl nach Apollodor, seine BlÜthe Ol. 59 (um 540 y. Chr.), 
dieser Ol. 60 setzt. Seine Gebart setzt Suin. 4»epEx., in einer Übrigens Ter- 
worrenen Stelle, Ol. 45 (600—596 v. Chr.), sein Alter giebt Ps.-Luciav. 
Macrob. 22 (wo er allerdings gemeint zu sein scheint) auf 85 Jahre an. 
Indessen ist weder die eine noch die andere Ton diesen Angaben für zarer- 
lässig zu halten, wenn auch Tielleicht beide der Wahrheit nahe stehen, und 
auch aus anderweitigen Gründen lAsst sich kein so bestimmtes Ergebnisa 
ableiten, wie das, mit welchem Conrad S. 14 seine sorgfftltige Erörterung 
dieser Frage abschliesst: Pher. sei OL 45 oder kurz Yorher geboren und 
gegen Ende Ton Ol. 62 j^octogenariiu fere*^ (von Ol. 45, 1 — 62, 4 sind es 
aber nur 71—72 Jahre) gestorben. Auch die Behauptung, dass ihn Pytha- 
goras in seiner letzten Krankheit yerpflegt habe, nützt nichts: theils weil sie 
selbst höchst unzuverlässig ist, theils weil die einen diese Thatsache vor Pvtha- 
goras* Auswanderung nach Italien, die andern erst in die letzte Zeit seines 
Lebens verlegen; vgl.PoBPH. V.P. 55 f. Jambl. V. P. 184. 252. Dioo. VIII, 40. 

2) M. vgl. die Anekdoten bei Dioo. I, 116 f. 

8) Ihr Anfang, bei Dioo. I, 119 (vgl. Damasc. De princ. S. 864 und 
ComiAD S. 17. 21): Zeu( pikv xa\ Xpdvo« i^ aii xa\ XOcuv ^v . XOovit) ZI ovo|ta 
ly^vEto Fii, imiZii atSifJ Zeuc f^P'^ Mol. Unter dem f^pa^ darf man weder 
mit TiEDEMAMH (Griechenlands erste Philosophen 172), Sturz (a. a. O. 8. 45) 
u. a. die Bewegung, noch mit Bbarois „die ursprüngliche qualitative Be- 
st! mmtheit'^ verstehen, denn das letztere ist für Pherecydes ein viel zu ab- 
strakter Begriff, und bewegt hat er sich die Erde wohl schwerlich gedacht, 
beides ist aber auch aus dem Wort nicht herauszubringen, sondern es heisst: 
da ihr Zeus Ehre verlieh ; mag man nun unter dieser Ehre, was mir immer 
noch das wahrsclieinliohste ist, den gleich zu erwähnenden Schmuck ihrer 
Oberfläche (das Gewand, mit dem Zeus die Erde bedeckte), oder mit Cosbad 
S. 82 die Ehre ihrer Verbindung mit Zeus verstoben, durch welche die Erde 
Mutter vieler Götter wurde (s. S. 74, 2). Von y^p«« ^iH ^^or» ^e» Namen 
yf) herleiten. Schon dieser Umstand verbietet nun, mit Rose De Arist. libr. 
ord. 74 statt f^pa« Tc/pa; zu setzen; aber auch der Sinn, den wir dadurch 
erhielten, empfiehlt mir diesen Vorschlag nicht. 

4) So nennt ihn Hermias Irris. c. 12, indem er den Kpovo^ ausdrücklich 
mit Xpövo( erklärt. Bei Daroascius dagegen, wo Conrad S. 2 1 auch Kpövov 
liest, finde ich nur Xpövov als Lesart der Handschriften angegeben. 

5) Unter dem Kronos des Pherecjdes versteht man gewöhnlich die Zeit 



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[65] Ko0mologiBcIie Speknlation. Pherecyclot. 73 

lenkenden Gott und zugleich | auch den höchsten Himmel Ter- 
standen zu haben scheint ^). Chronos bringt aus seinem Samen 
Feuer, Wind und Wasser hervor; die drei Urwesen erzeugen ^4 



BO schon Hebm. a. a. 0. und Probüs za Virg. Ed. VI, 31. Pber. selbst weist 
auf diese Bedeutung, wenn er statt Kp^vo« Xpovo( setzt. Aber doch ist es 
kaum glaublich, dass ein so alterthümlicher Denker den abstrakten Begriff 
der Zeit unter den ersten Urgründen aufgeführt hatte; und wirklich er- 
scheint Kronos als ein yiel konkreteres Wesen, wenn tou ihm encfthlt wird 
(a. n.), er habe aus seinem Samen Feuer, Wind und Wasser gemacht, und 
er sei der Führer der GOtter im Kampf gegen Ophioneus gewesen. Dass 
damit nur gesagt werden soll: im Laufe der Zeit seien Feuer, Wind und 
Wasser entstanden, im Laufe der Zeit sei Ophioneus überwunden worden, 
kann ich nicht glauben ; wenn vielmehr die mit OphiG^us streitenden GOtter 
gewisse Naturmftchte darstellen, muss auch der Kronos, welcher sie führt, 
etwaa realeres, als die blosse Zeit, sein, und wenn aus dem Samen des Chronos 
Feuer u. s. f. gebildet werden, muss dieser Same als eine materielle Substanz 
gedacht sein, und mithin auch Chronos einen gewissen Theil oder gewisse 
Öestandtheile der Welt repräsentiren. Erwägen wir nun, dass Feuer, Wind 
und Wasser sich beim Gewitter in der Atmosphäre bilden, dass der be- 
fruchtende Regeir in dem Mythus Ton Uranos als der Samen des Himmels- 
gottes dargestellt wird, dass aber auch Kronos seiner ursprünglichen Be- 
deutung nach nicht der Gott der Zeit, in ahatractOf sondern der Gott der 
heissen Jahreszeit, der Erntezeit, des Sonnenbrandes (Pbelles griech. Mythol. 
I, 42 f.) und als solcher ein Himmelsgott ist, dass er als Himmelsgott auch 
bei den P3rthagoreem erscheint, wenn sie das Himmelsgewölbe dem Xpövo; 
gleichsetzten, und das Meer Thräne des Kronos nannten (s. u. S. 378 der 

3. Ausg.), so wird die obige Anuahme — an welcher mich auch Co5Rai>*s 
(8. 22) und Bbavdis' (Gesch. d. Entw. d. griech. Phil. I. 59) Widerspruch 
nicht irre gemacht hat — die überwiegende Wahrscheinlichkeit ftir sich 
haben. 

1 ) Auf Zeus als weltschdpferischen Gott bezieht sich Abist. Metaph. XTV, 

4. 1091, b, 8: ot ipe {&C(i-iYH''^vot aOttüV (seil, xojv ocp^aicov TCOtviTcüy) xa\ xta (ji^ 
{jluOcxqS^ Sieavta XiytiVf oTov <I>cpcx;Sd7)( xa\ ?T6po( xive;, to yevvijaav «pötov 
ocpioTov TiO^aoi. Da aber der Vorstellung von Zeus als Himmelsgott von 
Hanse ans die Anschauung des Himmels selbst zu Grunde liegt, und die 
Götter des Pherecydes überhaupt zugleich gewisse Theile der Welt darstellen, 
werden wir annehmen dürfen, Pher. habe die weltschQpferische Macht, welche 
er Zeus nennt, von dem oberen Theile des Himmels nicht unterschieden. 
Wenn Jedoch Hebmias und Probus a. d. a. O. sagen, unter Zeus verstehe 
er den Aether, und der letztere statt des Aethers auch das Feuer setzt, so 
zeigt schon dieser Umstand, dass wir es hier zunächst nur mit einer stoischen 
Deutung, nicht mit einem urkundlichen Bericht zu thun haben. ^Ganz 
ttoiaeh ist es Ja auch, wenn Herm. Aether und Erde dann weiter auf das 
jcotoOv und das nicox^^ zurückführt; vgl. Th. IH, a, 119. 2. Aufl. 



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^-^^K?^«^ 



74 Einleitung. [65] 

Bodann zahlreiche weitere Götter in ftlnf Geschlechtem ^). Nach- 
dem sich Zeus zum 2iweck der Weltbildung in den Eros ver- 
wandelt hat ^); der nun einmal; der älteren Lehre gemäss^ die welt- 
bildende Kraft sein sollte ; macht er^ wie es heisst^ ein grosses 
Gewand, auf das er die Erde und den Ogenos (Okeanos) und 
die Gemächer des Ogenos ein wob , und er spannte dieses über 
7ß einen von Flügeln getragenen (uT^ÖTTrepo;) Eichbaum '), d. h. er 



1) Damabc. a. a. O. : xbv 3i Xpövov not^aat ix lou yövou {autou tcuo xa\ 
Ttveujxa xa\ CScop, . . . . 1^ cuv Iv izi^xt {lu^^^^ Äi7)p7)[jL^tov jcoXX^jv ^eveoiv ouottjvx! 
Bstav, T^v 7;svT^(jLU}^oy xaXou{i^vi]y. Auf die gleichen (au^^^^ bezieht eich vielleicht 
auch (wie Bbandib S. 81 annimmt) die Angabe Porphyb^s De antro nymph. 
c. 31, Fher. erwähnt p-u/^ou; xa\ ßöOpou; xa\ avipa xa\ Oüpa; xat 77ÜXoe(, wie- 
wohl PhorphTT darin die ^ev^veic xa\ ano^Ev^aeic «J^u^cov sieht. Die Bedeutung 
derselben betreffend, glaubt Pbeller Rh. Mus. 382 (Encykl. 248), es sollen 
damit fünf MischungSTorhältnisse der Elementarsubstanzen (Aeiher, Feuer, 
Luft, Wasser, Erde) bezeichnet werden, in denen Je eine derselben die vor- 
herrschende sei. Mir scheint es jedoch sehr bedenklich, dem alten Syrier 
schon die Annahme von Elementen im Sinn des Empedoklea oder Aristoteles, 
die eine viel entwickeltere philosophische Reflexion voraussetzt, und die 
philolaische Fünfzahl dieser Elemente zuzuschreiben. Auch Combad^s Modi- 
flcation dieser Deutung, wonach mit den fünf fJt.u}^o\ die fünf um einander 
gelagerten Schichten der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers und Aethers 
gemeint wären (a. a. O. S. 35), legt dem Pher., wie mir scheint, eine zu 
naturwissenschaftliche, der aristotelischen zu nahe stehende Ansicht vom 
Weltgebäude bei; namentlich die Annahme einer uns unsichtbaren Feuer- 
sphäre und die bestimmte Unterscheidung des Aethers von Feuer und Laft 
ist nach allen sonstigen Spuren weit jünger. Eher möchte man annehmen, 
Pher. habe olympische Götter, Feuer-, Wind-, Wasser- und Erdgottheiten unter- 
schieden. Nach den (aux^^ wurde die Schrift des Pher. nach Suidas kizzk- 
(iv)r^o( genannt. Pbelleb Rh. Mus. 378 vermuthet dafür ytevi^uu^o^, Conbad 
S. 35 fügt den 5 obengenannten (au)^o\ die zwei Theile der Unterwelt, Hades 
und Tartarus, bei, von denen zu vermuthen ist, wenn es auch aus Obio. c. 
Gels. VI, 42 nicht ganz sicher hervorgeht, dass auch. Ph. sie unterschieden 
hatte; etwas bestimmtes lässt sich nicht ausmachen. — Auf die hier bo- 
Bprochene Darstellung bezieht sich ohne Zweifel Plato Soph. 242. C: 6 pib 
(p.uov $t7]Y^Tai) co$ xpia isc ovia, KoXepiet 8k aXXvJXot^ Iviots auiu>y oc-rta :cii, 
TOTE 8k xa\ fiXa ^r(^6\n\a YfltfAou; te xa\ iöxou( xa\ ipocpa; xtov Ix^övcov Äfltp^x.Ei«i. 

2) Pbokl. in Tim. 156, A. 

3) Seine Worte bei Clemens Strom. VI, 621, A lauten: Za; tcoieI ff Sipo; 
^i-^a, TE xa\ xaXdv ■ xa\ £v aOr(j> «oixfXXsi ytjv xa\ (üYr,vov xa\ xa wYijvoiS 8(o(A.aTa. 
.Mit Beziehung darauf sagt Clemens 642, A : ^ Ottötztepov 8pu( xa\ to in^ oeOtj! 
ffc;cou(X{A^QV ^apo(, 



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7r 



[65] KoBmologische Spoknl«tion. Phereoydet. 75 

bekleidete das im Weltraum achwebende ^) Erdgerüste mit der 
mannigfach wechselnden Oberfläche des Landes und des Mee- 
res •). Dieser Weltbildung widerstrebt Ophioneus mit seinen 7« 



1) Die Flügel bezeichnen nämlich in diesem Fall nur das freie Schweben, 
nicht die rasche Bewegung. 

2) Der obigen Darstellung widerspricht Cohrad in doppelter Besiehung. 
Für's erste glaubt er n&mlich (S. 40) mit Sturz (S. 51), der geflfigelte 
Eichbaum solle nicht blos das Gerippe der Erde, sondern das des Welt- 
ganzen, und das Gewand, welches über ihn gebreitet wird, den Himmel be- 
zeichnen. Hi^egen kann ich aber nur wiederholen, was ich schon in der 
2. Auflage gegen Sturz bemerkt habe, dass das Gewand, auf welches Land 
und Meer eingewebt sind (nur diess können n&mlich die Worte: iv oOtci) 
TcoixiXXet bedeuten, und Clemens nennt ja auch das ^apo; selbst mJcotxiXji^vov), 
nicht den Himmel bezeichnen kann. Eher gienge es an, mit Preller (Rh. 
Uns. 387. Encykl. 244) „das die Welt umgebende Sichtbare'* fiberhaupt, also 
Himmel und Erdoberflttche darunter zu Terstehen; da aber nur Erde und 
Ocean als Gegenstand des Gewebes angegeben werden, haben wir keinen 
Grund, ausser der ErdflAche noch an etwas weiteres zu denken. Sodann 
nimmt Coxead (S. 24 ff.) an, unter X6a>v denke sich Pher. das Chaos, den 
Umtoff, der alle Stoffe, ausser dem Aether, in sich enthalten habe. Aus ihm 
Laben sich durch die Einwirkung des Zeus oder des Aethers die Elementar- 
stoffe, Erde, Wasser, Luft, Feuer, ausgeschieden, und die aus dem Urstoff 
ausgeschiedene Erdmasse werde zum Unterschied Ton der x6a>v die X^o^vf^ 
genannt. Allein schon die S. 72, 3 aus Diogenes angeführten Worte schliessen 
diese Annahme aus; denn wer könnte aus dem blossen Wechsel zwischen 
X^wv und -juPoviri abnehmen, dass zuerst Ton der Mischung aller Stoffe, jetzt 
Ton der aus ihr heryorgetretenen Erde gesprochen werde? Damabciub Tol- 
lende, den wir in dieser Sache eines Irrthums zu beschuldigen kein Recht 
haben, nennt (De,princ. c. 124 S. 384) als die drei Urgründe des Pher. 
ausdrücklich Zsu(, Xpövo( und X6ov{a. Wie kann femer Ton Feuer, Luft 
und Wasser, Ton denen Pherec. nach Damasc. a. a, 0. gesagt hatte, Chronos 
habe sie ix xoH ^övou iauxou gemacht, statt dessen behauptet werden, Zeus 
habe sie ans der Chthon ausgeschieden? Wenn endlich Conrad für sich 
geltend macht, bei seiner Annahme finde die Behauptung (Achill. Tat. in 
Phaenom. c. 3. 123, E. Schol. in Hesiodi Theog. IIS.Tzetz. in Lycophr. 145), 
dass Pherecydes ebenso, wie Thaies, das Wasser zum Princip gemacht habe, 
ihre beste Erklärung, so dürfte diess nicht yiel beweisen. Denn jene Be- 
hauptung, die sich nur bei Zeugen von geringer Zurerlflssigkeit findet, ist 
in der Hauptsache Jedenfalls irrig, und C. selbst erkennt S. 26 an, dass in 
dem chaotischen Urstoff, den er mit dem Namen der Chthon bezeichnet 
glaubt, die Erde im Uebergewicht gewesen sein müsse, wenn dieser Name 
für ihn gewählt wurde. Liegt aber hier einmal ein Irrthum Tor, so kann 
dieser auch irgend eine andere Veranlassung gehabt haben, mochte dieselbe 
nun in der eigenen Lehre des Pherecjdes, oder in einem missTerstandenen 



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76 Einleitung. [66. 66] 

Schaareii; wohl als Repräsentanten der ungeordneten Natur- 
kräftC; aber das Götterheer unter Chronoa stürzt sie in die Mee- 
restiefe und behauptet den Himmel ^). Von einem weiteren 
Götterkampf, zwischen Zeus und Kronos, scheint Pherecydes 
nicht gesprochen zu haben *). Diess ist | es im wesentlichen, 
^7 was sich aus den abgerissenen Ueberlieferungen und Bruch- 
stücken über die Lehre des Pherecydes ergiebt. Vergleichen 
wir sie mit der hesiodischen Kosmogonie , so zeigt sich darin 



Bericht über dieselbe liegen; selbst eine gegensätzliche Zusammenstellung 
des Pherecydes und Thaies, wie die bei Sextüs Pyrrh. III, 30, Math. IX, 
360 (Pher. habe die Erde, Thaies das Wasser zum Princip von allem ge- 
macht), könnte sich unter der flüchtigen Hand eines Abschreibers oder Com- 
pilators in ihre Gleichstellung' vorwandelt haben, oder es kann Jemand, 
welcher den Pherecydes nur überhaupt als einen der ältesten Philosophen 
mit Thalos zusammengestellt fand, ihm auch die gleiche Ansicht, wie diesem, 
zugeschrieben haben; es kann aber auch das, was Pher. über den Okeanos 
sagte, oder seine Aeusserung über den Samen des Kronos, oder irgend eine 
uns nicht überlieferte Bestimmung in dem angegebenen Sinn gedeutet worden 
sein, — Ob Pher. das Meer aus der im Urzustand feucht gedachten Erde 
aussickern, oder ans dem atmosphärischen (dem aus der yov^ des Kronos 
entstandenen) Wasser sich füllen liess, geht aus unsern Angaben nicht klar 
hervor, da es immerhin möglich ist, dass die Erzeugung des Wassers durch 
Kronos sich auf das Meerwasser nicht mitbezog. 

1) Celsüb b. Oeiq. c. Geis. VI, 42. Max. Tyr. X, 4. Philo von Byblus 
b. £us. praep. ev. I, 10, 33 (der letztere lässt Ph. diesen Zug von den Phöni- 
ciern entlehnen). Tertull. De cor. mil. c. 7. 

2) Das Gegentheil sucht Prellee Rh. Mus. 386 darzuthun, dem ich 
selbst in der 2. Aufl. folgte. Allein wenn sich auch bei Apollonius und 
andern (s. S. 81) Spuren einer Theogonie finden, in welcher Ophion, Kronos 
und Zeus als Weltherrscher aufeinanderfolgten, so haben wir doch kein Recht, 
diese Darstellung auf Pherecydes zurückzuführen ; bei diesem kämpft Ophio- 
neus zwar um den Besitz des Himmels, aber dass er denselben anfangs wirk- 
lich inne gehabt habe, wird nicht gesagt, und ist mit der Behauptung, dass 
Zeus von Ewigkeit her gewesen sei, und noch mehr mit der Aussage des 
Aristoteles (S. 73, 1 vgl. 79, 6) unvereinbar, welcher gerade diess als eine 
Eigenthümlichkeit des Pherecydes hervorhebt, dass er im Unterschied von 
den älteren Theogonieen das erste Erzeugende für das vollkommenste erkläre. 
Denn da an jenen getadelt wird, dass sie ßaaiXeüsiv xoc\ ap}^stv ^ao^v g& tou; 
TCpcüTou;, oTov vüxxa u. s. f., aXXk xov Aia, dass sie also die weltregierende 
Macht oder den Zeus nicht zugleich als das TcpbjTov setzen, .so muss Ihn 
Phorcc. als solches gesetzt haben. Diess schliesst dann aber, wie Cohrad 
S. 20 f. richtig bemerkt, auch die Annahme ans, dass Zeus erst durch Ueber- 
Windung des Kronos Herr des Himmds und Götterkönig geworden sei. 



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[66] Kosmologisohe Spekulation. Phereoydes. 77 

allerdings ein Fortschritt des Gedankens. Wir sehenTiier schon 
ein bestimmteres Bestreben^ theils die stofflichen Grundbestand- 
theile der Welt, die Erde, und die atmosphärischen Elemente, 
theils auch den Stoff und die bildende Kraft zu unterscheiden, 
und in dem, was vom Kampf des Chronos und Ophioneus erzählt 
wird, scheint der Gedanke zu liegen , dass der jetzige geordnete 
Weltzustand sich gebildet habe, indem die Kräfte der Tiefe*) 
durch den Einfluss der oberen Elemente gebändigt wurden. Aber 
das alles wird hier erst mythisch und im Anschluss an die ältere 
kosmogonische Mythologie ausgeführt, die Weltbildung voll- 
zieht sich nicht durch die natürliche Wirkung der ursprüng- 
lichen Stoffe und Kräfte, sondern Zeus bringt sie mit der unbe- 
griffenen Macht eines Gottes hervor; jene Zurückftihrung der 
Erscheinungen auf natürliche Ursachen, mit der die Philosophie 
erst wirklich beginnt, finden wir hier noch nicht. Es wäre da- 
her für die Geschichte der Philosophie von keiner grossen Be- 
deutung, wenn Pherecydes wirklich einzelnes, wie die Gestalt 
seines Ophioneus, phönicischer oder ägyptischer Mythologie ent- 
nommen hätte; indessen ist diese Angabe durch das Zeugniss 
eines Fälschers, wie Philo von Byblus *), so wenig beglaubigt, 
und die Verschiedenheit des pherecydischen, verderblichen 
Schlangengotts von dem schlangengestaltigen Agathodämon so 
augenscheinlich, dass wir ebenso gut an die Schlangengestalt 
Ahrimans, oder am Ende mit Oriqenes (a. a. 0.) all die Schlange 
des mosaischen Paradieses denken könnten, wenn ein so nahe- 
liegendes und auch bei den Griechen so häufiges Symbol über- 
haupt einer Herleitung aus der Fremde bedürfte. Der Versuch 
aber, die ganze Kosmogonie dos Pherecydes in ihren Grund- 
zügen bei den Aegyptern nachzuweisen ') , muss als verfehlt er- 
scheinen, sobald man die Vorstellungen dieses Mannes und an- 
dererseits die ägyptischen Mythen , soweit sie uns bekannt sind, 
treu auffasst^); | was einige späte und unzuverlässige Zeu- 78. 



1) Die Schlang ist ein chthonisches Thier, Ophioneus daher wohl ebenso 
zu deuten. S. Pbslleb Rhein. Mus. a. a. 0. und AUg. Eno.. S. 244. 

2) Bei EusBB. a. a. O. 

8) ZiMJCERMAHM a. a. 0. 

4) Eine andere, dem Pherecydes zugeschriebene Lehre, welche glelohfalls 



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78 Einleitung. [67] 

gen ^) von seinen orientalischen Lehrern sagen^ hat wenig Be- 
weiskraft*). 

Noch unvollständiger, als über Pherecydes, sind wir über 
einige andere Männer unterrichtet, welche ihm gleichzeitig oder 
nahezu gleichzeitig, kosmologische Lehren aufgestellt haben. 
Von EpimenideS; dem bekannten Weihepriester der soloni- 
schen Zeit ') , berichtet Damascius ^) nach Eudemus, er habe 
zwei erste Gründe angenommen, die Luft und die Nacht ^) , von 
diesen sei als drittes der Tartarus erzeugt, worden. Von 
ihnen sollen zwei weitere, nicht näher bezeichnete Wesen her- 
vorgebracht sein, aus deren Verbindung das Weltei entstanden 
sei; eine Bezeichnung der Himmelskugel, die in vielen Eosmo- 
gonieen vorkommt, und die sich auch wirklich sehr natürlich er- 
gab, wenn die Weltentstehung einmal der thierischen Lebens- 
entwickluug analog vorgestellt wurde, von der wir es daher un- 
entschieden lassen müssen, ob sie aus Vorderasien nach Grie- 



aoa dem Orient stammen soll, das Dogma Ton der Seelen wandening, ist schon 
S. 55 f. besprochen worden. 

1) Joseph, o. Ap. I, 2, 8chl. zfthlt ihn zu den Schülern der Aegypter 
nnd Chaldller. Cbdreh. Synops. 1, 94, B lässt ihn nach Aegypten reisen, Scn>. 
4^ep6x, die Geheimschriften der Phönicier benutzen, der Gnostiker Isidor b. 
Clemehs Strom. VI, 642, A aus der Prophetie Cham*s schöpfen , mit der 
aber wahrscheinlich nicht die ägyptische oder phönicische Weisheit über- 
haupt, sondern eine gnostische Schrift dieses Titels gemeint ist. 

2) Denn theils wissen wir durchaus nicht, auf welche Ueberlieferung jene 
Angaben sich stützen, theils lag es zu nahe, den Lehrer des Pythagoras, 
bei welchem man die Ägyptische Lehre Ton der Seelenwandernng fknd, ebenso, 
wie seinen Schüler, mit den Aegyptern in Verbindung zu bringen, denen 
die Chaldfter, was Pher. betrifft, vielleicht erst von Josephus beigefügt wur- 
den, während die Angabe des Suidas wohl aus Philo von Byblus stammt 

3) Ueber Epimenides* Persönlichkeit, seine Wirksamkeit in Athen, und 
die Sagen, die sich an ihti geknüpft haben, vgl. man Dioo. I, 109 ff. Suin. 
*Efft(A. Plut. Selon 12. s. sap. conv. 14. an seni s. ger. resp. 1,12 S. 784. 
def. orac. 1, 1 S. 409. De fac. lun. 25, 24. S. 940. Plato Gess. I, 642, D 
(und dazu meine Abhandlung über die piaton. Anachronismen, Abb. d. BerL 
Akad. 1878, Hist.-phil. Kl. 8. 95 f.). Was Damascius von ihm anführt, ist 
seiner eigenen Theogonie (Dioo. I, 111) entnommen. 

4) De princ. c 124. S. 383 Kopp. 

5) Die hier offenbar, nach der Weise der hesiodischen Theogonie, eine 
geschlechtliche Syzygie bilden: die Luft (& ajjp) ist das männliche, die Nacht 
das weibliche Urwesen. 



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[67. 6S] Eoflmologische Speknlation. Epimenidei u. a. 79 

chenland verpflanzt wurde ; oder ob die griechische Mythologie 
von selbst darauf kam; oder ob sie vielleicht noch von den Ur- 
sprüngen des griechischen Volkes her in uralter Ueberlieferung 
sich erhalten hatte. Aus dem Weltei seien dann weitere Er- 
zeagungen hervorgegangen. Der Gedankengehalt dieser Kos- 
mogoniC; so weit wir sie nach so dürftigen Angaben beurtheilen 79 
können^ ist unbedeutend, mag nun Epimenides selbst diese Ver- 
änderung mit der hesiodischen Darstellung vorgenommen habeU; 
oder mag er darin einem älteren Vorgänger gefolgt sein. Das 
gleiche gilt von Akusilaos'), der sich überdiess weit enger an 
Hesiod anschliesst; wenn er aus dem Chaos ein männliches und 
ein weibliches Wesen , den Erebos und die Nacht, hervorgehen 
lässig aus ihrer Verbindung sodann den Aether, den Eros *) und 
die Metis und sofort eine grosse Menge weiterer Gottheiten. 
Einige andere Spuren kosmogonischer Ueberlieferung ') | kön- 
nen wir übergehen, um uns sofort den orphischen Kosmogonieen 
zuzuwenden *). 

Wir kennen vier derartige Darstellungen unter dem Namen . 
des Orpheus. Die eine derselben, welche der Peripatetiker Eü- 
DEMU8 ^) und vor ihm wahrscheinlich schon Aristoteles ^) und 



1) Bei Damjlsciub a. a. O., gleichfalls nach Eudemas, wozu Brakdib S. 85. 
Plato Symp. 178, C. Schol. Theocrit. argum. Id. XIII. Clem. AI. Strom. VI, 
629, A. Joseph, c. Apion. I, 8 richtig beizieht. « 

2) Schol. Theoer. bezeichnet diesen als Sohn der Nacht und des Aethers. 

3) Die BEAifniB a. a. O. S. 86 berührt: dass Ibykos Fr. 28 (10) den 
Eros mit Hesiod aus dem Chaos entspringen Iftsst, und dass der Komiker 
Antiphanes bei Irenaus adv. haer. II, 14, 1 einiges Ton Hesiod abweichende 
vortragt. 

4) Zum folgenden Tgl. m. Schuster De ret. orphic« Theogoni» indole. 
Leipzig 1869. 

5) Bei Damabo. c 124. 6. 382. Dass unter diesem Eudemus der Schüler 
des Aristoteles gemeint ist^ erhellt aus Diogenes proosm. 9, Tgl. m. Damasc. 
8. 884. 

6) Metaph. XII, 6. 1071, b, 25: cü( Xi'^owjty o\ OtoXöfoi o( ix vuxxo« 
TCvvwvtEc. Ebd. XIV, 4. 1091, b, 4: o\ 8k 7Cotyita\ ot ap^^loi Taüti) 6{totfa>« f! 
Pft9iXi;Sttv xa\ «px^tv ^ao^v oC tou< npwiou;, oTov vUxta xa\ oCpavbv )) yi&o^ )) 
^xtBvov, oXXa ibv ACot. Diese Worte können sich nicht blos auf solche Dar- 
■teUungen beziehen, in denen die Nacht zwar unter den ftltesten Gottheiten, 
aber doch erst an dritter oder Tierter Stelle, Torkam, wie dien in der hesiodi- 
schen und der gewöhnlichen orphischen Theogonie der Fall ist, sondern sie 



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80 Einleitang. [66] 

80 Plato ^) gebraucht haben ^ setzte als das erste die Nacht, neben 
ihr Erde und Himmel ^), die, wie es scheint; ebenso aus ihr her- 
vorgegangen sein sollten, wie bei Hesiod die Erde aus dem 



setzen eine Kosmologie voraus, in welcher die Nacht entweder allein, oder 
mit andern gleich nniprünglichen Principien die erste Stelle einnahm, denn 
Metaph. XII, 6 handelt es sich um den Uncustand, der allem Werden. ToraoB« 
gieng, und mit Beziehung auf diesen sagt Arist., den Theologen, welche 
alles aus der Nacht entstehen lassen, und den Physikern, welche mit der 
Mischung aller Dinge heginnen, sei es gleich unmöglich, den Anfang der 
Bewegung zu erklären. Auch die zweite Stelle passt so wenig auf die „ge- 
wohnliche** orphische Kosmologie, dass Strian s. d. St. (Schol. in Ar. 985, 
a, 18) Aristoteles den Vorwurf macht, er stelle die orphische Lehre unrichtig 
dar ; sie weist vielmehr gleichfalls auf eine Theogonie, wie die von Eudemos 
besprochene; denn hier ist die Nacht ebenso das erste, wie bei Hesiod das 
Chaos und bei Homer Okeanos; der Himmel freilich ist es in keiner von 
den uns bekannten Darstellungen, doch steht er bei dem endemischen Orpheus 
wenigstens in der zweiten, bei Hesiod erst in dritter Reihe. Da nun joner 
neben Epimenides der einzige ist, von dem wir wissen, dass er die Nacht aU 
das ursprünglichste an die Stelle des Chaos setzte, so ist es sehr wahrschein- 
lich, dass ihn Aristoteles ebenso, wie sein Schüler Eudemus, berücksichtigt. 

1) Von ihm macht diess Schuster a. a. 0. 4 ff. aus Krat. 402, B. 
Tim. 40, D f. (wo bei den Dichtern, die sich selbst für Söhne von Göttern 
ausgeben, nicht an Hesiod, von dem diess nicht erzählt wird, sondern an 
die Rep. II, 864, £ genannten, Orpheus und Musäus, gedacht sein wird) 
wahrscheinlich. Dass in den Versen, welche der Kratylus anführt, die Ehe 
des Okeanos und der Thetys als die erste Ehe bezeichnet wird, während sie 
selbst doch Kinder des Uranos und der Gtta sind, steht dem, wie Seh. nach- 
weist, nicht im Wege, und wenn der Timäus den Abriss der Theogonie mit 
den Worten beginnt: File tE xa\ OupavoO jcoiSsc 'QxEavö« xe xa\ Tifiu^ lY<v^<rOi)v, 
folgt daraus nicht, dass ihm von der Nacht als Urwesen nichts bekannt war. 
Sollte sich die Stelle auf die hesiodische Theogonie beziehen (welche aber 
den Kronos und die Rhea nicht, wie Plato im folgenden, zu Kindern des 
Okeanos und der Thetys macht), so wäre ja auch das Chaos und die Nacht 
übergangen; aber Plato konnte die Nacht a. a. O. ebensogut w^lassen, als 
Aristoteles Metoph. XIV, 4 die Erde und Metoph. I, 8. 989, a, 10 {(fn^ 
II xa\ *H<jio8o« T^v pjv «pwxijv ^cv^aOoi toiv (Sta^ixiay) das Chaos. Er beginnt 
eben mit den Wesen, welche als Stammeltern die aus geschlechtlicher Paarung 
entsprungene Götterreihe eröffnen, was vor Erde und Himmel war, wird 
nicht gefragt. 

2) EüDEMUs a. a. 0. Jo. Lydus De mensib. H, 7. S. 19 Schow, dessen 
Worte: tpit« xptoTat xax* *0p9^a tSeßXavTY^vav apxo^t vu{ xa\ -pi xoi oupavb«, 
LoBxoK I, 494 mit Recht auf diese eudemiiche „Theologie des Orpheus** 
besieht. 



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[69] Orphische Kosmogonieen. 81 

ChaoS; an dessen Stelle hier die Nacht tritt ^) ; die Kinder des 
Uranos und der Gäa sind Okeanos und Thetys*); wie man 
sieht, eine ziemlich unerhebliche Abweichung von der hesio- 
dischen üeberlieferung. Eine zweite Theogonie, | vielleicht 
eine Nachbildung, vielleicht aber auch die Grundlage der phere- 
cydischen Erzählung vom Götterkampf ^ scheint ApollONIüS •) 
vorauszusetzen ; wenn er seinen Orpheus singen lässt^ wie am 
Anfang aus der Mischung aller Dinge Erde, Himmel und Meer 
sich ausschieden, wie Sonne, Mond und Sterne ihre Bahnen er- 
hielten, Berge, Flüsse und Thiere wurden, wie ferner zuerst 
Ophion und Eurynome die Oceanidc im Olymp herrschten, wie 
sie sodann von Kronos und Khea in den Ocean gestürzt, und 
diese ihrerseits von Zeus verdrängt wurden. Auch sonst finden 
sich Spuren dieser Theogonie*) ; aber von philosophischen Motiven 
ist in ihr nicht mehr, als bei Hesiod, zu bemerken. Eine dritte 
orphische Kosmogonie ^) stellte an die Spitze der Weltentwlck- 
luug das Wasser und den Urschlamm, der sich zur Erde ver- 81 
dichtet. Aus diesen entsteht ein Drache, mit Flügeln an den 
Schultern und dem Antlitz eines Gottes, auf beiden Seiten ein 
Löwen- und ein Stierkopf, von dem Mythologen Herakles oder 
Chronos, der nie alternde, genannt; mit ihm sollte (nach Damas- 
cius in mann weiblicher Gestalt) die Noth wendigkeit, oder die 
Adrastea, vereint sein, von der es heisst, dass sie sich unkörper- 



1) Filr diese Ansahme spricht ausser Arist. Metaph. XII, 6 (S. 
79, 6) namentlich Damaso. S. 882: )} hl Tcapa T(5 nepi7caTT)iixu> EuS7{(xca ava- 
YCYP'H^H^^ '*'( '^^^ ^Opfitoz oSja OecXo^i« nav xo votjtov £aia>7»]a6v . . . anb hk 
T^< wxTo^ iTzoiVflaxo -rfjv apy^ijv. 

2) So nach Plato; vgl. 8. 80, 1. 

3) Argonaut. I, 494 ff. 

4) M. Tgl. hierüber was Pbeller Rhein. Mus. N. F. IV, 385 f. aus 
LTcopaa. Alex. Y. 1192 und Tzetzes zu dieser Stelle, Schol. Aristoph. Nub. 
247. Schol. Aeschyf. Proxn. 955. Lucian. Tragodopod. 99 beibringt. Wird 
auch Orpheus in diesen Stellen nicht genannt, so bezeichnen sie doch, wie 
der Orpheus des Apollonius, Ophion, (b^zw. Ophion und Eurynome) Kronos 
und Zeus als die drei Götterkönige, von denen die zwei ersten durch ihre 
Nachfolger verdrängt wurden. Auf die gleiche Theogonie bezieht sich viel- 
leicht die Angabe des Nioidius Fioulus bei Seby. zu £kl. IV, 10: nach 
Orpheus seien Saturn und Jupiter die ersten Weltregenten; nur scheint die 
Üeberlieferung, der er folgt, Ophion und Eurynome beseitigt zu haben. 

5) Bei Damasc. 381. Athenao. Supplic. c. 15 (18). 
Philo«, d. Qr. I. Rd. 4. Aufl. 6 



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82 Einleitung. [70] 

lieh durch's ganze Weltall bis an seine Enden ausbreite. Chro- 
nos-Herakles erzeugt ein ungeheures Ei ^), das sich, in der Mitte 
zerberstend , mit seiner oberen Hälfte zum Himmel, mit der un- 
teren zur Erde gestaltet. Weiter scheint dann *) noch von einem 
Gott die Rede gewesen zu sein, der au den Schultern mit golde- 
nen Fitigeln, an den Hüften mit Stierköpfen versehen gewesen 
sei, und eine ungeheure, unter mancherlei Thiergestalten erschein 
nende Schlange auf dem Haupte gehabt habe ; dieser Gott, von 
Damascius als unkörperlich bezeichnet, wird Protogonos oder 
Zeus, und als der Ordner von allem auch Pan genannt. Hier 
ist nun nicht blos die Symbolik ungleich verwickelter, als bei | 
Eudemus, sondern auch die Gedanken gehen über das hinaus^ 
was wir in den bisher besprochenen Kosmogonieen gefunden 
haben: hinter Chronos und Adrastea stecken die abstrakten Be- 
griffe der Zeit und der Nothwendigkeit, die Unkörperlichkeit 
der Adrastea und des Zeus setzt eine Unterscheidung des Kör- 
perlichen und Geistigen voraus, wie sie selbst der Philosophie 
bis auf Anaxagoras fremd blieb, die Ausbreitung der Adrastea 
durch's Weltall erinnert an die platonische Lehre von der Welt- 
seele, und in der Auffassung des Zeus als Pan erkennen wir 
einen Pantheismus, dessen Keim allerdings von Anfang an in der 
griechischen Naturreligion lag, den aber anderweitige sichere 
Zeugnisse erst von der Zeit an beurkunden, als die Bestimmtheit 
82 der besonderen Göttergestalten durch den religiösen Synkretis- 
mus sich aufgelöst und der Stoicismus eine pantheistische Welt- 
anschauung in weiten Kreisen verbreitet hatte — denn von den 
älteren Systemen pantheistischer Richtung hatte keines einen 
derartigen allgemeineren Einfluss. Noch deutlicher tritt dieser 
pantheistische Zug in der Erzählung von der Geburt und Ver- 
Bchlingung des Phanes (s. u. S. 85. 87) hervor*). Hätte daher 



1) Nach Bbahdis I, 67 erzeugte Chronos zueret den Aether, Ctaos und 
Erebos, und dann erst das Weltei, mir scheint jedoch Lobeck*8 (Aglaoph. I, 
485 f.) Au£fa88ung der Stelle unzweifelhaft richtig, wonach sich dos, was 
über die Erzeugung des Aethers u. s. f. gesagt ist, nicht auf die Kosmogonie 
nach HellanikuSi sondern auf die gewöhnliche orphische Tbeogonie bezieht, 
in der sich diess auch wirklich findet. 

2) Denn die verworrene Darstellung des Damascius lässt es etwas un- 
sicher, ob diese Züge wirklich dieser Theogonie angehörten. 

8) Dass auch dieser Zug in der orphischen Theogonie des Hellanikas 



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[70. 71] Orphische Kosmogonieen, §3 

diese Kosmogonie, der gewöhnlichen Annahme ^) zufolge, schon 
dem Hellanikus ans Lesbos um die Mitte des fünften Jahrhun- 
derts vorgelegen , so müssten wir manche Ideen, die in der grie- 
chischen Philosophie erst später hervortreten, in eine frllhere 
Zeit hinaufrücken. Dass dem jedoch wirklich so sei, wird von 
Lobeck (a. a. O.) und Müller ^) mit Eecht bezweifelt. Da- 
MASCIL'S selbst deutet den unsicheren Ursprung der Darstellung 
an, der er gefolgt ist *) , ihr Inhalt trägt die Spuren einer späte- 
ren Zeit sichtbar genug an sich , und da wir überdiess wissen, 
dass unter, dem Namen des lesbischen Logographen unächte 
Schriften von sehr spätem Alter im Umlauf waren *) , so hat es 
alle Wahrscheinlichkeit für sich, dass die orphische Theologie 
ihm keinen falls angehört, wie es sich nun im übrigen mit ihrem 
Verfasser und ihrer Abfassungszeit verhalten mag ^). 



vorkam, erbellt aas Atbekao. c. 16 (20); denn dass dieser die orphischen 
Verse, welche des Phanes erwähnen, einer andern Darstellung entnommen 
habe, als diejenige, ans der er vorher mit der Hellanikus-Theogonie des 
Damascins genaxi übereinstimmendes angeführt hat, ist sehr unwahrscheinlich. 
Vgl. ScuüeTEK S. 32 (dessen weitere Vermuthungen, S. 88, jedoch sich mir 
nicht empfehlen). 

1) Der sich auch Bbakdib anschliesst a. a. O. S. 66. 

2) Fragmenta bist. grec. I, XXX. 

3) Seine Wqrte a. a. O. lauten: ToiautTj \Lh i\ ouvtJBt)? 'Op^ix^ BfioXoy^a. 
tj tk xata Tov 'lEpu>yu{iA ^epojjie'vT) xa't 'EXXavtxov, CiJZBp |i7) xa\ h aOtö; Icjiiv, 
ouT(iD( eyci. Ans diesen Worten scheint sich nun zu ergeben, dass die Dar- 
stellung, um die es sich handelt, sowohl dem Hieronymus als dem Hellanikus 
zugeschrieben wurde, und dass Damascius selbst oder sein Gewährsmann der 
Meinong war, unter diesen beiden Namen sei derselbe Verfasser verborgen, der 
dann aber natfirlieh nicht der alte lesbische Logograph gewesen sein könnte. 

4) S. MtJLLEE a. a. O. 

5) Schuster in seinem Excurs über die Theogonie des Hellanikus (a. a. O. 
S. 80—100) vermutbet den Verfasser derselben mit Lobeck in dem uns 
sonst freilich nicht weiter bekannten Hellanikus, dem Vater des „Philosophen** 
Bandon (Sutp. IzyS.) dessen Sohn der (Tb. HI, a, 520 2. Aufl. besprochene) 
Stoiker Athenodorus aus Tarsos, der Lehrer Augustes war (welcben Seh., 
ich weiss nicht warum, ApoUodorus nennt). Diese Vermntbung kann für 
sich anführen, dass Sandon nach Suid. CtcoO^osi^ tU 'Op^^a schrieb; und 
wenn Hellanikns ebenso, wie sein Enkel, und wohl auch sein Sohn, Stoiker 
war^ würde auch das dazu stimmen, dass unsere Theogonie sich (wie Seh. 
•. a. 0. 87 ff. zeigt) mit dem stoischen Pantheismus und der stoischen Mythen- 
behandlung berührt. Allein die in der vorletzten Anmerkung angeführte 

6* 



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34 Einleitung. 



Aeusserung des Damascius scheint mir geg6n sie zu sprechen. Wenn Uel]A> 
nikus aus Tarsus um das Rnde des 2. Jahrhunderts 'r. Chr. unter seinem 
Namen eine orphische Theogonie Toröffcntlicht hatte, hegreift man nicht, 
wie ehen diese Theogonie zugleich den Namen des Hieronymus tragen, und 
Damascius unter diesen heiden Namen den gleichen Verfasser vermuthcn 
konnte. Schuster glauht (S. 100), Hellanikns habe die Theogonie geschrieben, 
aber den Stoff ihres ersten Theils aus einem Werk des Hieronymus entlehnt. 
Aber für das Werk des Hellanikus kann diese Theogonie nicht ausgegeben 
worden sein, denn Athenagoras schreibt die Verse, welche Schuster mit 
Recht ihr zuweist (s. S. 82, 3), ausdrucklich „Orpheus*^ zu^ wie es denn auch 
in der Natur der Sache lag, dass ein Gedicht, das eine orphische Theogonie 
vortragen wollte, sich für ein Werk des Orpheus ausgeben musste. Auch 
Damascius sagt aber nicht, dass Hellanikus und Hieronymus als Verfasser 
der Theogonie bezeichnet werden; sondern wie er die von Eudemus benützte 
c. 124 ^ napa x(o TieptTcanjTtxbJ Eu8i{p.a) avaYEYpaixjie'vv) nennt, so wird auch 
j} xax^t ibv 'lEpa>vu(iov 9epo[jL^vY} xoi 'EXXdcvtxov eine solche bedeuten, deren 
Inhalt Hieronymus und Hellanikus dargestellt hatten, während ihr Verfasser, 
wie der aller anderen, Orpheus sein sollte. Dass aber diese Darstellung in 
ihren von der gewöhnlichen orphischen Theogonie abweichenden Zügen bei 
beiden gleich lautete, und dass Damascius in beiden den gleichen Verfasser 
vermuthen konnte, werden wir uns doch immer am . einfachsten durch die 
Annahme erklären, jene Darstellung habe sich in zwei Schriften gefunden, 
von welchen die eine den Namen des Hellanikns, die andere den des Hiero- 
nymus trug; Damascius glaube aber, dass die eine von diesen ihrem angeb- 
lichen Verfasser von dem der andern unterschoben seL Nun erhellt ans 
FoEPH. b. Eus. prssp. ev. X, 3, 10. Suin. ZafxoX^i;. Athen. XIV, 652, a. u. a. 
(vgl. Mi^LLEB a. a. O. und I, 65 ff.), dass in der späteren Zeit unter dem 
Namen des Hellanikus aus Lesbos Schriften über aussergriechische Völker 
im Umlauf wai-en, deren Aechtheit mit gutem Grund bezweifelt wurde; im 
besondern werden die Al^rjnxtaxa als eine Schrift genannt, die bei Epiktet 
Diss, H, 19, U vgl. Phot. Cod. 161. S. 104, a, 13 f. sprüchwörtlich für 
ein Fabelbuch steht, und schon wogen der Erwähnung des Moses (b. Justxh. 
Cohort. 9 S. 10, A) nicht von dem Lesbier herrühren kann. Andererseils 
hören wir (durch Joseph. Antt. I, 3, 6. 9) von einem Aegypter Hieronymus, 
welcher eine apyjanoXo-^ioL 9otvtxixY] verfasst habe (der aber unmöglich, wie 
Mt^LLEB a. a. O. meint, mit dem Peripatetiker aus Rhodus Eine Person sein 
kann). Es ist eine naheliegende Vermuthung (Mülleb II, 450), dass er 
derjenige sei, welcher nach Damascius unsere orphische Theogonie überliefert 
hatte; und diese Vermuthung erhält eine erhebliche Unterstützung dui*ch die 
Bemerkung (Sciiusteb a. a. O. 90 ff.), dass diese Theogonie gerade in ihrem 
von der „gewöhnlichen ** abweichenden Anfang mit phönicischen Kosmogonieen 
zusammentrifft. Jener Hieronymus mag Hellanikus die A^y^^"^^^^^ unter- 
schoben, die phönicische Geschichte aber unter eigenem Namen herausgegeben, 
und in beiden über die orphische Theogonie gleichlautend berichtet haben. 
Dass er selbst eine solche verfasst hatte, ist, wie gesagt, nicht wahrschein- 



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[71] OrphischeKosmogoDieen. 85 

Für älter hält Lobeck diejenige orphische Theogonie, 
welche vonDAMASCius (c. 123. S.380) ah die gewöhnliche, oder 83 
die in den Bhapsodieen enthaltene, bezeichnet wird, und von der 
uns noch ziemlich viele Bruchstücke und Nachrichten ') erhalten 
sind. Das erste ist nach dieser Darstellung Chronos. Dieser 
bringt den Aether und den dunkeln unerinesslichen Abgrund, 
oder das Chaos hervor, aus beiden bildet er sodann ein silbernes 
Ei, und aus diesem geht alles erleuchtend der erstgeborene Gott 
Phanes hervor, der auch Metis, Eros und Erikapäus*) genannt 
wird; er enthält die Keime aller Götter in sich, und aus diesem 
Grunde, wie es scheint, wird er als mannweiblich bezeichnet, und 
zugleich mit verschiedenen Thierköpfen und anderen derartigen 
Attributen ausgestattet. Phanes erzeugt aus sich selbst die 
Echidna oder die Nacht, mit ihr Uranos und Gäa, die Stammel- 
tem der mittleren Göttergeschlechter, deren Genealogie und 
Geschichte im wesentlichen nach Hesiod erzählt wird. Als Zeus 
zur Herrschaft gelangt ist, verschlingt er den Phanes, und eben- 
desshalb ist er selbst, wie schon früher aus Orpheus angeführt 
wurde ^), der Inbegriff aller Dinge. Nachdem er so alles in sich 
vereinigt hat, setzt er es wieder aus sich heraus, indem er die 



lieh; er scheint sich vielmehr darauf beschrllnkt zu haben, das, was er der 
TigewShnlicben^ Theogonie entnommen hat, in seinem Bericht durch die von 
der phönicischen Kosmogonie entlehnte Yoranstellung des Wassers und 
Sehlamms zu erweitern. Diesen Bericht muss nun ausser Damascius auch 
Athenagoras benützt haben; denn an eine Abhängigkeit des Neuplatonikers 
Ton dem christlichen Apologeten (Schuster S. 81) kann theils an sich kaum 
gedacht werden, theils geht auch die Darstellung des Damascius über die 
des Athenag. hinaus: gleich das, was er über Ilellanikus und Hieronymus 
sagt, fehlt ja bei jenem. 

1) Bei Lobeck a. a. O. 405 ff. 

2) Das letztere ein Name, über dessen Bedeutung viel gerathen worden 
ist. Vgl. GöTTLiKO De Ericap. (Jena 1862), der ihn von eap und %aizo^ 
oder x6lk\^ (Hauch, Athem) herleitet: ventorum vemalium a flatus; Schuster 
a. a. 0. 97 f. u. a. Mir ist mit den meisten eine orientalische Etymologie 
wahrscheinlich, wenn ich es auch dahingestellt sein lassen muss, ob Delitzsch 
(hei Schuster a. a. O.) mit mehr Grund an die kabbalistische Bezeichnung 
der ersten von den zehn Sephiroth VlpSfi^ 'H^'^dt (Ung von Gesicht) erinnert, 
als ßcBELLiHO (Gotth. V. Samothr. W.'w. 1. Abth. VIII, 402 f.) an das alt- 
testamentUche D;B» "^I» (langmüthig). 

3) Oben 8. 61 f, "" 



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86 Einleitung. [72] 

Götter der letzten Generation hervorbringt und die Welt bildet. 
Unter den Erzählungen über die jüngeren Götter, für die ich im 
übrigen auf Lobeck verweisen will, ist die hervorstechendste die 
von Dionysos Zagreus, dem Sohne des Zeus und der Persephone, 
der von den Titanen zerfleischt in dem zweiten Dionysos wie- 
der auflebt, nachdem Zeus sein unversehrt gebliebenes Herz ver- 
schluckt hat. 

Wiewohl aber die Annahme, dass diese ganze Darstellung 
in die Zeit des Onomakritus und der Pisistratiden hinaufreiche, 
seit I Lobeck *) vielen Beifall gefunden hat, kann ich ihr doch 
84 nicht beitreten. Die Aeusserungen älterer Schriftsteller, worin 
man Anspielungen auf unsere Theogonie finden wollte, führen 
uns nicht über die von Eudemus benützte hinaus. Für das 
Dasein derjenigen, deren Inhalt wir so eben kennen gelernt 
haben, findet sich das erste bestimmte Zeugniss in der pseu- 
doaristotelischen Schrift von der Welt *), also entweder nach 
dem Anfang der christlichen Zeitrechnung oder nicht lange vor- 
her •); denn dass die Stelle der platonischen Gesetze IV, 715, E 
nichts beweist, ist schon S. 52 f. gezeigt worden, und noch weniger 
folgt aus der aristotelischen *) , auf die Brandts ^) viel Gewicht 
legt; da vielmehr Plato im Gastmahl (178, B) unter den Zeugen 
für das Alter des Eros Orpheus nicht nennt, so ist zu vermuthen, 
dass er die Lehre unserer Theogonie von Eros-Phanes nicHt ge- 
kannt hat, und da die aristotelischen Verweisungen, nach dem 
früher bemerkten , nur auf die von Eudemus gebrauchte Theo- 
gonie passen, so dürfen wir sie auch nur auf diese beziehen. 
Hatten aber Plato, Aristoteles und Eudemus die später gewöhn- 



1) Der sie aber S. 611 doch nur behutsam vorträgt, ui ttatim cetsurtLSy 
«t gtiia Theogoniam Orphicam Flaione aut recentiorem aut certe non muUo 
antiquiorem este demonstraverit 

2) C. 7; Baoh Lobeck I, 522 u. a. wäre anch hier eine Interpolation 
anzunehmen. 

3) Etwas früher ist Yalebius Soranüs, von dem Vabbo b, Aüodst. 
Civ. D. Vn, 9 zwei Verse mittheilt, welche die orphische Theogonie, und 
vielleicht gerade die tc. K6(j\Lo\i angeführte Stelle derselben, zu berücksichtigen 
scheinen; auch er ist aber doch nur ein älterer Zeitgenosse Cicero*». 

4) Metaph. XIV^ 4, s. o. S. 79, 6. 
6) A. a. O. S. 69. 



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(72. 73] Orphisch© Kosmogon ioen, 87 

liehe Darstellung; der orphischen Lehre noch nicht in den Hän- 
den, so werden wir mit Zoüga^) und Preller*) schlieasen 
müssen , sie sei erst nach ihrer Zeit in Umlauf gekommen. 
Ebenso muss ich Zoega's weiterer Bemerkung beistimmen , dass 
ein so gelehrter Mythograph, wie Apollonius '), wohl schwer- 
lich Ophion und Eurynome als die ersten , Kronos und Bhea als 
die zweiten Weltherrscher von Orpheus besingen Hesse, wenn 
die damalige orphische | Ueberlieferung Phanes und die älteren 
Götter schon gekannt hätte. Selbst noch später sind die Spuren 
davon nicht ganz verwischt, dass Phanes, der Leuchtende, dieser 
Mittelpunkt der nachherigen orphischen Kosmogonie, ursprüng- 
lich nichts anderes war, als ein Beiname des Helios, dieses nach 
der späteren Darstellung weit jüngeren Gottes*). Prüfen wir 85 
endlich die Erzählung von Phanes und die damit zusammen- 
hängende Schilderung des Zeus nach ihrer inneren Beschaffen- 
heit und Abzweckung, so ist es nicht blos ihr früher ^) bespro- 
chener Pantheismus , der uns verhindert , ihr ein höheres Alter 
beizulegen, sondern diese Erzählung erklärt sich überhaupt nur 
aus der Absicht, die spätere Deutung, wonach Zeus der Libegriff 
aller Dinge und die Einheit des Weltganzen ist, mit der mytho- 
logischen Ueberlieferung auszugleichen , die ihn zum Begründer 
des letzten Göttergcschlechts macht. Hieftir wird der hesio- 
dische Mythus von der Verschlingung der Metis durch Zeus, 
ursprünglich wohl nur ein roher symbolischer Ausdruck für die 
intelligente Natur des Gottes, benützt, indem die Metis mit dem 



1) Abhandlungen herausgeg. v. Welcker S. 215 ff. 

2) In Pauly's Realencyl. V, 999. 

3) 8. o. S. 81. 

4) DioDOB I, 11 : manche alte Dichter nennen den Osiris, oder die Sonne, 
Dionysos : uiv Eu{xoX:co( (x^v . . . satposavT] Aiövuaov . . . 'Opf eu; ti Touvexa |iiv 
xaXcouTi «Pftvi]!« TS xa\ ^t^vu^ov. Macrob. I, 18: Orpheus aolem volens inleUlgi 
aü irUer cetera: . . . %v St^ vpv xaX^uji <I>4vTjTa le xai Atövuaov. Theo Smtrn. 
De Mas. c. 47, 8. 164 Bull, aus den orphischen opxot: i^^Aiöv t£, ^dvy^Ta |i^y^^> 
xot vüxTa (jLAaivav — 9av. {aey- steht nftralich hier, wie das Fehlen einer Yer- 
hindungspartikel zeigt, als Apposition zu ^fl^. : Belios, den grossen Erleuchter. 
Jambl. Thool. Arithm. 6. 60: die Pythagoreer nennen die Zehnzahl <I>avi]ta 
xdi JliXiov. «l^a^Owv heisst Helios öfters z. B. II. XI, 736. Od. V, 479; in 
der Grabflchrift b. Dioo. YIII, 78 und anderwili-ts. 

ö) B. o. 8. 51 t 



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88 Einleitung. [73] 

Helios-Dionysos der früheren orphischen Theologie, dem schöpfe- 
rischen Eros der Kosmogonieen, und vielleicht auch mit orienta- 
lischen Gottheiten , zu der Gestalt des Phanes verknüpft wird. 
Ein derartiger Versuch kann aber offenbar erst der Zeit jenes 
religiösen und philosophischen Synkretismus angehören , der seit 
dem Anfang des dritten vorchristlichen Jahrhunderts allmählich 
einriss, und durch die allegorische Mythendeutung der Stoiker 
zuerst zum System gemacht wurde *). In dieselbe Zeit müssen 
wir daher auch die vorliegende Bearbeitung der orphischen Theo- 
gonie herabrücken. 

Alles zusammengenommen erscheint der Gewinn, welchen 
die älteren Kosmologieen der Philosophie unmittelbar gebracht 



1) Anderer Meinnng ist Sghübter, wiewohl er in dem Ergebniss, dass die 
rhapsodische Theogonie erst dem letzten oder yorletzten Jahrhundert y. Chr. 
angehöre, mit mir zusammentrifft. Die Verse, bemerkt er (8. 42 f.), welche 
die Schrift k. Kö9{jlou a. a. 0. bringt, könnten recht wohl aus der Zeit der 
Pisistratiden herstammen, da sie über das bekannte (Th. II, a, 28, 2 an- 
geftihrte) Bruchstück des Aeschjlus nicht hinausgehen, und der Mythus von 
Phanes-Erikapttus könnte ebensogut, wie der von Dionysos Zagreus, schon 
im sechsten Jahrhundert aus dem Orient nach Griechenland gekommen sein. 
Mir scheint jedoch hiebei der eigen thümliche Charakter der orphischen Bruch- 
stücke nicht genug beachtet zu werden. Pantheistischo Anschauungen kommen 
allerdings auch schon bei Dichtern des fünften Jahrhundert« und noch früher 
Tor; aber es ist immerhin zweierlei, ob man allgemein sagt: „Zous ist 
Himmel und Erde", oder ob man mit den orphischen Versen in detaillirtor 
Aufzählung Zeus mit allen einzelnen Theilen der Welt identificirt, und ihm 
dabei unter anderem auch beide Geschlechter zugleich beigelegt (Ze-j( ap9i)v 
Y^vcTo, Zeuc a,aßpoioc e^Xeto vüfji^rj). Eine Darstellung der letzteren Art Iftsst 
sich aus der älteren Zeit nicht nachweisen. Auch von Aeschylus oder seinem 
Sohn Euphorion (dem wahrscheinlichen Urheber des Fragments) kann man 
übrigens nicht ohne weiteres auf Onoroakritus und die Pisistratidenzeit schliessen. 
HeisFt es rollends in den orphischen Versen, Zeus sei desshalb alles, weil er 
alle in sich verborgen und wieder aus sich heraus an's Licht gebracht habe, 
und ist eben dieses (wie schon S. 52 gezeigt wurde) die wesentliche Bedeutung 
der Erzählungen über Phanes in der späteren orphischen Theogonie, so fehlt 
es für diesen Gedanken (trotz Üeraklit) vor dem Auftreten der stoischen Phi- 
losophie an jeder Analogie. Die Wahrscheinlichkeit spricht daher entschieden 
für die Annahme, jener Zug sei erst aus dieser Philosophie in geschmackloser 
Nachbildung des Satzes (Th. III, a, 139 2. Aufl.), dass die Gottheit zeitenweise 
alle Dinge in sich zurücknehme und wieder aus sich heraussetze, in die 
orphische Theologie gekommen. 



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[74] Die ethische Beflexion; Homer. 89 

haben, nicht so bedeutend, wie man wohl geglaubt hat. Denn 
theilfl sind | die Betrachtungen, die ihnen zu Grunde Hegen, so 
einfach, dass das Denken auch ohne ihren Vorgang leicht so 
weit kommen konnte, sobald es sich nur erst auf die wissenschaft- 
liche Erforschung der Dinge zu richten anfieng, theils sind sie in ^^ 
ihrer mjthisch-symbolischen DarstelUmgsweise so vieldeutig und 
von so vielen phantastischen Bestandtheilen überwuchert, dass 
sie der verständigen Reflexion nur einen sehr unsicheren Halt 
darboten. Mögen daher die alten Theologen auch als Vorläufer 
der späteren Physik zu betrachten sein, so beschränkt sich doch 
ihr Verdienst in der Hauptsache auf das, was schon im Eingang 
dieser Untersuchung hervorgeh ohen wurde , dass sie das Nach- 
denken den kosmologischen Fragen zugewandt, und ihren Nach- 
folgern die Aufgabe hinterlassen haben, das Ganze der Erschei- 
nungen aus seinen letzten Gründen zu erklären. 

5. Die ethische Reflexion. Die Theologie und die 
Anthropologie in ihrem Zusammenhang mit der 
sittlichen Lebensansicht. 
Wenn die Aussenwelt ein Volk von dem lebhaften Natur- 
sinn der Griechen zu Versuchen einer kosmologischen Spe- 
kulation anregte , so musste das Leben und Treiben der Men- 
schen den Geist einer so klugen und gewandten, mit solcher 
Freiheit und Tüchtigkeit im praktischen Leben sich bewegenden 
Nation in keinem geringeren Grade beschäftigen. Es lag jedoch 
in der Natur der Sache , dass das Denken in diesem Fall nicht 
denselben Gang nahm, wie in jenem. Die Aussenwelt stellt 
sich schon der sinnlichen Wahrnehmung als Ein Ganzes dar, als 
ein Gebäude, dessen Boden die Erde und dessen Dach das Him- 
melsgewölbe ist; in der sittlichen Welt dagegen sieht der un- 
geübte Blick zunächst nur ein Gewimmel von Einzelnen oder 
von kleineren Massen, die sich willkührlich durcheinander bewe- 
gen. Dort sind es die grossen Verhältnisse des Weltgebäudes, 
die weitgreifenden Wirkungen der Himmelskörper, die wechseln- 
den Zustände der Erde und der Einfluss der Jahreszeiten, über- 
haupt die allgen^einen und regelmässig wiederkehrenden Er- 
scheinungen, welche die Aufmerksamkeit vorzugsweise fesseln, 
hier die persönlichen Thaten und Erlebnisse; dort findet sich 



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90 Einleitung. [75] 

die Phantasie aufgefordert, die Lücken der Naturkenntniss durcli 
kosmologische Dichtung zu ergänzen, hier der Verstand, Regeln 
des praktischen | Verhaltens für die besondere!} Fälle aufzu- 
stellen. Während sich daher die kosmologische Reflexion von 
87 Anfang an auf das Ganze richtet, und seine Entstehung begreif- 
lich zu machen sich bemüht , so bleibt die ethische bei einzelnen 
Beobachtungen und Lebensregeln stehen, denen zwar eine gleich- 
artige Auffassung der sittlichen Verhältnisse zu Grunde liegt, die 
aber nicht ausdrücklich und mit Bewusstsein auf allgemeine G rund- 
sätze zurückgeführt werden ; und nur in der unbestimmten und 
phantasiemässigen Weise des religiösen Vorstellens schliessen sich 
hieran allgemeinere Betrachtungen über das Loos des Menschen, 
die Schicksale der Seele im Jenseits und die göttliche Weltregie- 
rung. Dafür sind nun allerdings jene ethischen Reflexionen un- 
gleich nüchterner, als die kosmologische Spekulation; von einer 
gesunden, verständigen Beobachtung der Wirklichkeit ausge- 
gangen , haben sie zur formalen Uebung des Denkens gewiss 
nicht wenig beigetragen ; weil sie aber mehr aus dem prakti- 
schen als dem wissenschaftlichen Interesse entsprungen, mehr 
auf die besonderen Fälle, als auf die allgemeinen Gesetze und 
das Wesen des sittlichen Handelns gerichtet sind, so haben sie 
materiell nicht so unmittelbar auf das philosophische Denken ge- 
wirkt, wie die ältere Kosmologie, sondern zunächst hat sich an 
diese die vorsokratische Naturphilosophie angeschlossen, und erst 
in der Folge ist als wissenschaftliches Gegenstück der populären 
Lebensweisheit eine ethische Philosophie entstanden. 

Unter den Schriften, welche von der Ausbildung dieser ethi- 
schen Reflexion Zeugniss ablegen, ist zuerst der homerischen Ge- 
dichte zu erwähnen. Die hohe sittliche Bedeutung dieser Gedichte 
beruht aber freilich weit weniger auf den Sittensprüchen und den 
moralischen Betrachtungen , die sie bei Gelegenheit einstreuen, 
als auf den Charakteren und Schicksalen , die sie schildern. Die 
stürmische Kraft des Achilleus , die selbstvergessende Liebe dea 
Helden zu dem getödteten Freunde, seine Menschlichkeit gegen 
den flehenden Priamus, der Todesmuth Hektor's, die königliche 
Feldherrngestalt Agamemnon's, die reife Lebensweisheit eines 
Nestor, die unerschöpfliche Klugheit, der rastlose Unternehmungs- 
geist; di^ besonnen^ Beharrlichkeit eines Odysseus, die Anhäng- 



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[76] Die ethische Beflexion; Homer. 91 

lichkeit an Heimath und Angehörige , deren Anblick er dem 
unsterblichen Leben bei der Meergöttin vorzieht, die Treue der 
Penelope, die Ehre, welche allenthalben der Tapferkeit, der 
Klugheit, der Treue, der Freigebigkeit, | der Grossmuth gegen 
Fremde und Hülfsbediirftige gezollt wird, andererseits das Unheil, 88 
welches aus dem Frevel des Paris, der TJnthat Elystämnestra's, 
dem Vertragsbruch der Trojaner, dem Zwist der griechischen 
Fürsten, dem üebermuth der Freier sich entwickelt, — diese 
und ähnliche Züge sind es, denen es Homer's Dichtungen ver- 
danken, dass sie fUr die Griechen trotz alles rohen und leiden- 
schaftlichen, was noch im Geist jener Zeit lag, ein Handbuch der 
Lebensweisheit und eines der wichtigsten sittlichen Bildungsmit- 
tel geworden sind. Auch die Philosophie hat ohne Zweifel weit 
mehr mittelbar aus jenen Lebensbildern, als unmittelbar aus den 
sie begleitenden Beflexionen gelernt. Die letztem beschränken 
sich auf vereinzelte kurze Sittensprüche, wie jenes schöne Wort 
Hektor's über den Kampf fllr's Vaterland^), oder das des Alci- 
nous über die Pflicht gegen Verlassene *); auf Ermahnungen zur 
Tapferkeit, zur Ausdauer, zur Versöhnlichkeit u, s. w., die aber 
meist nicht in allgemeiner Form, sondern dichterischer in Bezieh- 
ung auf den einzelnen Fall ertheilt werden *) ; auf Beobachtnngen 
über das Thun und Treiben der Menschen und seine Folgen *), 
auf Betrachtungen über die Thorheit der Sterblichen, das Elend 
und die Hinfälligkeit des Lebens, die Ergebung in den Willen 
der Gottheit, die Scheu vor Unrecht ^). Solche Aussprüche bewei- 

1) II. XII, 243: äi o{u>v^( aptaToc, a{jLÜV£aOai nepi k&x^^. 

2) Od. Vin, 546: avii xaoiYVijTou ^eivö; 0' tx^Trj; xs i^Tuxxai. Vgl. Od. 
XVII, 485 u, a. 

3) Wie die vielen Feldherrnredes : av^pe; iazl u. 8. w., oder das odysseiBche 
zizXoL^i dl} xpadtY] Od. XX, 18, oder die Ermahnung des Phönix II. IX, 496. 
508 ff., oder die Aufforderung der Thetiß an Achilleus IL XXIV, 128 ff. 

4) Dahin gehören z. B. die Außsprüche D. XVIII, 107 ff. (über den 
Zorn), II. XX, 248 (über den Gebrauch der Zunge), II. XXIII, 315 ff^ (Lob 
der Klugheit), die Bemerkung Od. XV, 899 u. a. 

5) So Od. XVm, 129: oCSIv axiSvÖTEpov -^faia rpe'^si avOpunoio u. s.w. 
U. VI, 146 (vgl. XXI, 464j: oY») «€p 9üXXü)V ycve^ -zoirfie xa\ »vSpwv. II. XXIV, 
525: dem Sterblichen ist bestimmt unter Seufzern zu leben, Zeus verhängt, 
wie er will, Glück oder Unheil. Od. VI, 188: trage, was Zeus verbttngt hat. 
I>agegen Od. I, 32: mit Unrecht hält der Sterbliche die Götter für Urheber 
der üebel, die er selbst verschuldet. 



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92 Einleitung. [77] 

Ben allerdingB; dass nicht blos das sittliche Leben, sondern auch 
das Nachdenken über sitth'che Gegenstände in der Zeit, welcher 
die homerischen Gesänge angehören , zu einer gewissen Ausbil- 
dung gelangt war, und was überhaupt | über die Bedeutung der 
89 populären Lebensweisheit für die Philosophie bemerkt worden 
ist, das gilt auch von ihnen ; ebensowenig dürfen wir aber auch 
andererseits den Unterschied zwischen diesen gelegenheitlichen 
und vereinzelten Reflexionen und einer methodischen, ihres 
Zieles sich bewussten Moralphilosophie übersehen. 

Den gleichen Charakter haben die Lebensregeln und die 
moralischen Beobachtungen Hesiod*s ; doch ist es als eine gewisse 
Annäherung an die Weise der wissenschaftlichen Reflexion zu 
betrachten, dass er seine Gedanken über das menschliche Leben 
nicht blos nebenher, im Verlauf einer epischen Darstellung, son- 
dern in selbständiger Lehrdichtung ausspricht. Im übrigen sind 
dieselben, auch abgesehen von den ökonomischen Anweisungen 
und den mancherlei abergläubischen Vorschriften, welche die 
zweite Hälfte der ^Werke und Tage* ausflillen, nach Form und 
Inhalt ebenso unverbunden und ebenso nur aus vereinzelten Er- 
fahrungen abgeleitet, wie die Sittensprüche in den homerischen 
Reden. Der Dichter ermahnt zur Gerechtigkeit und warnt vor 
Unrecht, denn das allsehende Auge des Zeus wache über dem 
Thun der Menschen, nur das Rechtthun bringe Segen, der Fre- 
vel dagegen werde von den Göttern bestraft werden *) ; er ena- 
pfiehlt Sparsamkeit, Fleiss und Genügsamkeit und eifert gegen 
die entsprechenden Fehler^); er will lieber auf dem mühevollen 
Pfad der Tugend wandeln, als auf dem lockenderen des Lasters*) ; 
er räth Vorsicht in Geschäften, Freundlichkeit gegen Nachbarn, 
GefiLlligkeit gegen alle, die uns gefällig sind*); er klagt über die 
Leiden des Lebens, deren Grund er mythisch in der Verletzung 
der Götter durch menschliche Ungenügsamkeit sucht*); er schil- 



1) *EpYa X. ^fn. 200—283. 318 ff. 

2) Ebd. 359 ff. 11 flf. 296 ff. 

3) Ebd. 285 ff. 

4) Ebd. 368 ff. 704 ff. 340 ff. 

5) In dem Mythus von Prometheus (*£, x. fjjx. 42 ff. Theog. Ö07 ff.), der 
seiner allgemeinen Bedeutung nach dasselbe besagt, wie andere mythische 
Erklärungen der Uebel, von denen man sich gedrückt fClhU: sie soUqh 



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[78] Die ethische Üreflexion; Homer und Hesiod. 93 

dert in der Erzählung von den fünf Weltaltern ^), vielleicht unter ^^ 
dem Einfluss geschichtlicher | Erinnerungen *), die allmähliche 
Verschlimmerung der Menschheit und ihrer Zustände. Mag er 
sich aber auch hiebei materiell von dem Geiste der homerischen 
Dichtung in manchen Beziehungen entfernen, die Ausbildung der 
moralischen Reflexion steht hier im wesentlichen auf der glei- 
chen Stufe y wie dort , und nur ihr selbständigeres Hervortreten 
lässt uns in Hesiod bestimmter, als in Homer, den Vorgänger der 
späteren Gnomiker erkennen. « 

Ihre weitere Entwicklung würden wir genauer nachzuwei- 
sen im Stande sein, wenn uns von den zahlreichen Dichtungen 
aus den drei nächsten Jahrhunderten mehr übrig wäre. Aber nur 
wenige von diesen Ueberresten reichen über den Anfang des 
siebenten Jahrhunderts hinauf, und unter diesen ist wohl kaum 
etwas, was für unsere gegenwärtige Untersuchung in Betracht 
käme. Selbst die Bruchstücke aus dem siebenten Jahrhundert 
gewähren nur geringe Ausbeute. Wir hören etwa Tyrtäus^) die 
Tapferkeit in der Schlacht und den Tod fiir's Vaterland preisen, 
die Schande des Feigen, das Unglück des Besiegten schildern; 
wir vernehmen von Archilochus ^) (Fr. 8. 12 — 14. 51. 60. 65), 
von Simonides aus Amorgos ^) (Fr. 1. ff.)> von Mimnermus ^) 
(Fr. 2. u. ö.) Klagen über die Flüchtigkeit der Jugend, über die 
Beschwerden dss Alters, über die Unsicherheit der Zukunft, über 
den Wankelmuth der Menschen, zugleich aber auch die Ermah- 
nung, unsere Begierden zu beschränken, unser Schicksal muthig 



daraus entstanden Bein, dass der Men&cb, Über den anfänglichen glücklichen 
KindeezuBtand hinaasstrebend, seine Hand nach Gütern aasstrecktCi welche 
ihiD die Gottheit versagt hatte. 

1) "EpY- X. ^jjL. 108 ff. 

2} Vgl. Prelleb Demet. u. Pers. 222 ff. Griech. Mythol. I, 59 f. Hbrmakn 
Ges. Abh. S. 306 ff. u. a.; nur wird man sich hüten müssen, dass man die 
Yermuthungen über die geschichtlichen Verhältnisse, welche dem Mythus zu 
Grande liegen, nicht zu weit in's einzelne ausspinne. 

3) Ft, 7 — 9 in Bkrok^s Ausgabe der griechischen Lyriker, auf die sich 
auch die folgenden Anführungen beziehen. Tyrt. lebte um 685 ff. 

4) Um 700. 
6) Vor 650. 
6) Um 600. 



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94 Einleitung. [79J 

ZU tragen, den Erfolg den Göttern anheimzustellen, In Freude 
und Leid Mass zu halten : wir finden bei Sappbo ') gnomischc 
Aussprüche, wie der, dass der Schöne auch gut, der Gute auch 
schön sei (Fr. 102.), dassReichthum ohne Tugend nicht fromme, 
91 dass dagegen im Verein beider der Gipfel des Glücks liege (Fr. 83). 
Auch Simonides* weit ausgesponnene Satyre auf | die Weiber 
(Fr. 6) ist hier zu erwähnen. Im Ganzen scheinen aber die älteren 
Lyriker, und so auch die grossen Meister aus dem Ende des 
siebenten Jahrhunderts, Aldius und Sappho, und noch lange nach 
ihnen Anakreon, ziemlich sparsam mit solchen allgemeineren Be- 
trachtungen gewesen zu sein. Erst seit dem sechsten Jahrhundert, 
gleichzeitig oder nahezu gleichzeitig mit den Anfangen der grie- 
chischen Philosophie , scheint auch in der Poösie das lehrhafte 
Element wieder zu grösserer Bedeutung gelangt zu sein. In 
diese Zeit gehören jene Gnomiker , deren Sinnsprüche freilich, 
auch abgesehen von dem anerkannt unterschobenen, schwerlich 
ganz unvermischt auf uns gekommen sind, ein Selon, Phocylides 
und Theognis; in der ersten Hälfte des sechsten Jahrhunderts 
lebte auch Aesop, dessen sagenhafte Gestalt wenigstens so viel 
zu beweisen scheint, dass die belehrende Thierfabel eben damals, 
im Zusfunmenhang mit der allgemeinen Entwicklung der morali- 
schen Reflexion, zu weiterer Ausbildung und Verbreitung ge- 
langte. Bei den genannten finden wir nun allerdings im Ver- 
gleich mit den älteren Dichtern einen Fortschritt, der uns deutlich 
erkennen lässt, dass sich das Denken an einer reicheren Lebens- 
erfahrung, in der Betrachtung verwickelterer Verhältnisse geübt 
hat. Die Gnomiker des sechsten Jahrhunderts haben ein beweg- 
tes politisches Leben vor sich, in dem die mancherlei Neigun- 
gen und Leidenschaften der Menschen einen weiten Spielraum 
gefunden haben, in dem sich aber auch die Vergeblichkeit und 
der Unsegen massloser Bestrebungen im grossen herausgestellt 
hat. Es sind daher nicht blos die einfachen Verhältnisse des 
Hauswesens, der Dorfgemeinde und des alten Königthums, um 
die sich ihre Betrachtungen drehen, sondern neben den allgemein 
sittlichen Vorschriften und Beobachtungen tritt vor allem die 
Beziehung auf die politischen Zustände als massgebend bei ihnen 



1) Um 610. 



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[79. 80] Gnomikei des siebenten und sechgten Jahrh. 95 

hervor : es häufen sich einerseits die Klagen über das Elend des 
Lebens, die Verblendung und Unzuverlässigkeit der Menschen^ 
die Erfolglosigkeit aller menschlichen Bemühungen, andererseits 
wird es nur um so bestimmter als sittliche Aufgabe erkannt, 
durch Elinhalten des richtigen Masses, durch Ordnung des Gemein- 
wesens, durch besonnene Gerechtigkeit, durch genügsame Be- 
schränkung der Begierden, das dem Menschen erreichbare Glück^^ 
sich zu sichern. Gleich in den solonischen Elegieen herrscht 
diese Stimmung. Kein Sterblicher, heisst es hier, sei glückselig, 
sondern alle voll Mühsal *), jeder meine das rechte zu treffen, und 
doch wisse keiner, was der Erfolg seines Thuns sei, und keiner 
vermöge seinem Geschick zu entrinnen (Fr. 12, 33 ff. Fr 18) *)? 
den wenigsten dürfte man trauen (vgl. Fr. 41), niemand halte Mass 
in seinem Streben, durch Ungerechtigkeit richte das Volk selbst * 
die Stadt zu Grunde, der es am Schutz der Götter nicht fehlen 
würde (Fr. 3. 12, 71 ff.). Im Gegensatz gegen diese Fehler ist 
das erste, was Noth thut, gesetzliche Ordnung für den Staat, 
Zufriedenheit, und Mässigung für den Einzelnen. Nicht Beich- 
tlium ist das höchste Gut, sondern Tugend; zu grosser Besitz 
erzeugt nur Selbstüberhebung, der Mensch kann mit massigem 
glücklich sein, und keinenfalls möge er sich durch ungerechten 
Erwerb die unfehlbare Strafe der Gottheit zuziehen *). Auch 
das Wohl der Staaten beruht auf der gleichen Gesinnung. Ge- 
setzlosigkeit und Bürgerzwist sind die grössten Uebel, Ordnung 
und Gesetz das grösste Gut für ein Gemeinwesen ; Recht und 
Freiheit für alle, Gehorsam aller gegen die Obrigkeit, billige 
Vertheilung von Ehre und Einfluss, diess sind die Gesichtspunkte, 
welche der Gesetzgeber festhalten soll, mag er damit auch An- 
stoss erregen *). 



1) Fr. 14: ouS^ {ivxap o^SeU nikfzoLi ßpotb;, aXXa )tov)]pc\ jcavtcc, wo aber 
^ xovi}cb;, im Gegensatz zu (laxap gesetzt, ebenso wie in dem bekannten 
Yen £picharm*8 (unten S. 430, 5 8. Aufl.), bei Hesiod Fr. 43, ö u. ö., nicht 
aktiY (x6vo( Terursachend, schlimm), sondern passiv (tcövo^ erduldend, inijcovoc) 
za fassen ist. 

2) Bei H-EBoi>OT I, 31 sagt Solen sogar geradezu, der Tod sei besser 
für den Menschen, als das Leben. 

8) Fr. 7. 12. 15. 16 und dazu die bekannte Erzählung Hebodot*8 I, 80 iL 
4) Fr. 3, 30 AT. 4—7. 34. 85. 40. 



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96 Einleitung. [80. 81] 

* 

Aehnliche Grundsätze finden wir in dem wenigen , was uns 
von Phocylides (um 540) achtes erhalten ist. Edle Abkunft 
hat fUr den Einzelnen^ Macht und Grösse hat für den Staat kei- 
nen Werth; wenn nicht jene mit Einsicht; diese mit Ordnung ver- 
bunden ist (Fr. 4.5); das Mittel mass ist das beste, dler Mittelstand 
der glücklichste (Fr. 12) ; Gerechtigkeit ist der Inbegriff aller 
Tugenden ^). Auch T h e o gn i s ^) ist im allgemeinen damit ein- 
verstanden, nur macht sich bei diesem Dichter theils die aristo - 

Ö3 kratische Ansicht vom Staatsleben, theils die Unzufriedenheit 
mit seinem Schicksal, eine Folge seiner persönlichen und Parthei- 
erlebnisse, nicht ohne schroflfe Einseitigkeit geltend. Wackere 
und zuverlässige Leute sind in der Welt , wie Theognis glaubt, 
selten (V. 77 ff. 857 ff.) 5 misstrauische Vorsicht ist im Verkehr 

' mit den Menschen um so mehr zu empfehlen | (V. 309. 1163), je 
schwerer es ist, ihren Sinn zu ergründen (V. 119 ff.)- Di« Treue, 
klagt er (V. 1135 ff.), und die Sittsamkeit, die Wahrhaftigkeit 
und die Gottesfurcht haben die Erde verlassen, die Hofiiiung 
allein ist geblieben. Und vergebens suchst du die Schlechten zu 
belehren , sie werden dadurch nicht anders ^). Ungerecht, wie 
die Menschen, ist aber auch das Schicksal. Den Guten und den 
Schlechten geht es gleich in der Welt (V. 373 ff.) ; mit Glück 
richtet man mehr aus, als mit der Tugend (V. 129. 653) ; das 
thörichte Thun bringt oft Glück, das verständige Unglück 
(V. 133. 161 ff.) ; die Söhne büssen für den Frevel ihrer Väter, 
die Frevler selbst bleiben verschont (731 ff.). Der Reichtham 
ist das einzige, was die Menschen bewundern ^), wer arm ist, der 
mag noch so tugendhaft sein, er bleibt elend (173 ff. 649). Das 
beste wäre daher lUr den Menschen, nicht geboren zu sein , das 
nächstbeste, so früh wie möglich zu sterben (425 ff. 1013), denn 



1) Fr. 18, nach andern von Theognis, vielleicht auch von irgend einem 
Unbekannten. 

2) Aus Megara, Zeitgenosse des Phocylides. 

8) y. 429 ff.; damit stimmt es aber freilich (wie schon Plato im Meno 
95, D bemerkt hat) nicht recht zusammen, wenn V. 27. 31 ff. u. ö. gesagt 
wird, von Guten lerne man gutes, von Schlechten schlechtes. 

4} V. 699 ff., wozu ausser anderem das Fragment des Alcäus bei Dioo. 
I, Sl und das darin angeführte Wort des Spartaners Aristodemus zu ver- 
gleichen ist, der von einigen den sieben Weisen beigez&hlt wird. 



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[8i. 82] Gnomiker des sechsten Jahrhunderts. 97 

wahrhaft glücklich ist keiner (167). So trostlos diess aber auch 
lautet: das praktische Ergebniss ist bei Theognis am Ende das 
gleiche^ wie bei Solon. In politischer Beziehung allerdings nicht; 
denn da ist er entschiedener Aristokrat; die Edelgeborenen sind 
ihm die Guten^ die Masse blosser Pöbel; ^^die Schlechten^ (z. B. 
V. 31 — 68. 183 ff 893 u. ö.). Aber sein allgemeiner sittlicher 
Standpunkt steht dem solonischen nahe. Gerade weil das Glück 
unsicher ist; sagt er; und weil unser Loos nicht von uns selbst 
abhängt; bedürfen wir nur um so mehr des ausharrenden MutheS; 
der besonnenen Fassung im Glück und im Unglück (441 ff. 591 ff. 
657). Das beste für den Menschen ist die Einsicht, das schlimm- 94 
ste dieThorheit (895. 1171 ff. 1157 ff.); vor Selbstüberhebung sich 
zu hüteu; das richtige Mass nicht zu überschreiten; den goldenen 
Mittelweg einzuhalten, ist der Gipfel der Weisheit (151 ff. 331. 
335. 401. 753. 1103 u. ö.). Ein philosophisches Moralprincip ist 
diess allerdings noch nicht; denn die einzelnen Lebensregeln 
werden noch nicht auf allgemeine Untersuchungen über das We- 
sen der sittlichen Thätigkeit gegründet; | aber doch beginnen 
sich die mancherlei Eindrücke und Erfahrungen hier schon weit 
bestimmter und bewusster; als bei den älteren Dichtem; zu Einer 
Lebensansicht zu verknüpfen. 

Das Alterthum selbst hat die Bedeutung des Zeitpunkts, mit 
welchem die kräftigere Entwicklung der ethischen Reflexion be- 
ginnt; durch die Sage von den sieben Weisen bezeichnet. Die 
Namen derselben werden bekanntlich verschieden angegeben ^), 



1) Nur vier finden sich in allen Aufzählungen: Thaies, Bias, Pittakus 
und Bolon. Neben diesen nennt Plato Prot. 843, A noch Kleohul, Myson 
and Chiton ; statt Myson's setzten die meisten (Tvie Demetbius Phal. b. Stob. 
Floril. 3, 79. Pausak. X, 24. Dioo. I, 13. 41. Plütabch conv. s. sap.) 
Periander, Ephobus b. Diog. I, 41 und der Ungenannte bei Stob. Floril. 
48, 47 Anacharsis; Glemehs Strom. I, 299, B sagt, die Angaben wechseln 
zwischen Periander, Anacharsis und Epimenides; den letzteren nannte Leabdeb, 
indem er zugleich an KleobuVs Stelle Leophantus hatte (Dioo. a. a. O.); 
DicAAECH liess für die drei zweifelhaften die Wahl zwischen Aristodemus, 
Pamphilas, Cliilon, Kleobul, Anacharsis, Periander; einige rechneten auch 
Pythagoras, Pherecydes, Akusilaus, selbst Pisistratus dazu (Dioo. und Clemens 
a. d. a. O.); Hbemippus b. Dioo. a. a. O. nennt 17 Namen, unter denen die 
Angaben schwanken, nämlich Solon, Thaies, Pittakus, Blas, Chilon, Myson, 
Kleobul, Periander, Anacharsis, Akusilaus, Epimenides, Leophantus, Phere- 

7 



Philo«, a. Gr. I. Bd. 4. Aufl. 



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88 Einleitung. [82.63] 

und was uns näheres von ihnen erzählt wird *), klingt so unwahr- 
es scheinlich, djvss wir unmöglich etwas anderes als ungescfaichtliche 
Dichtung darin sehen können. Auch die Sinnsprüche^ die ihnen 
befgelegt werden*), sind mit späteren Bestandtheilen und mit 
sprüchwörtlichen Redensarten von unbekannter Herkunft aller 
Wahrscheinlichkeit nach in solchem Umfange gemischt, dasssich 
nur wenige davon mit annähernder Sicherheit auf den einen oder 
den andern von jenen Männeni zurückführen lassen *). Doch sind 
alle in dem gleichen | Charakter gehalten : vereinzelte Beobach- 
tungen, Klugheitsregeln und Sittensprüche, die ganz und gar dem 
Gebiet einer populären praktischen Lebensweisheit angehören *); 



cydeS) Aristodemus, Pythagoras, Lasus von Hermione, Anaxagoras; z&hlen 
wir dazu den Pamphilus und Pisistratus und die von Hippobotus b. Dioo. 
a. a. 0. neben 9 anderen mit aufgeführten: Linus; Orpheus und fipicharmuB, 
so erhalten wir im ganzen 22 Männer aus sehr verachiedener Zeit, welche 
den sieben Weisen beigezählt wurden. 

1) Wie die bekannte, bei Dioo. I, 27 ff. Plüt. Solon 4. Phöhix b. Athek. 
XI, 495, d u a. in verschiedenen Versionen erzählte Anekdote von dem 
Dreifußs (oder wie andere wollen, dem Becher, der Trinkschale oder Schüssel), 
welcher aus dem Meere aufgefischt und für den Weisesten bestimmt, zuerst dem 
Thaies, dann von diesem einem andern und wieder einem andern übergeben 
wurde, bis er am Ende wieder zu Thaies zurückkam, und von ihm Apollo geweiht 
wurde; die Berichte über die Zusammenkünfte der vier Weisen, bei Pi.dt. 
Solon 4. DioG. I, 40 (wo zwei Darstellungen solcher Versammlungen, von 
Ephorus und einem angeblichen Archetimus, angeführt werden, die wohl der 
plutarchischen analog waren), die Angabe Plato's (Prot. 353^, A) über die 
Sinnsprüche, die sie gemeinschaftlich nach Delphi gestiftet haben, die unter- 
schobenen Briefe bei Diooemes, die Behauptung bei Plut. De Ei c. 3, S. 385 
über Periander und Kleobulus. 

2) M. 8. DioG. I, 30. 33 ff. 68 ff. 63. 69 ff. 85 f. 97 ff. 103 ff, 108, 
Clemens Strom. I, 300, A f., die Sammlungen des Demetrius Phal. und 
SosiADEB b. Stob. Floril. 3, 79 f., Stobäub selbst an verschiedenen Orten 
der gleichen Schrift und viele andere. 

3) So z. B. die lyrischen Bruchstücke bei Dioo. I, 71. 78. 85, das Wort 
des Pittakus, welches Simonides bei Plato Prot. 339, C, das des Kleobul, 
welches derselbe bei Dioo. I, 90, das des Aristodemus, welches Alcäus bei 
Dioo. I, 31 anführt. 

4) Denn die auffallende Angabe des Sextus (Pyrrh. II, 65. M. X, 45), 
welche auch noch bei andern, als Thaies, physikalische Untersuchungen voraus- 
setzen würde, dass Bias die Wirklichkeit der Bewegung annehme, steht ganz 
vereinzelt, und ist wohl nur mit müssigem Scharfsinn aus irgend einem 
seiner Gedichte oder Apophthegmen abgeleitet. 



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[83.84] Die sieben Weisen. 99 

und damit stimmt aufs beste ^ dass die meisten der obengenann- 
ten als Staatsmänner^ Gesetzgeber u. s. f. berühmt sind *). Wenn 
daher DicÄARCnus*) die sieben Weisen zwar als Männer von 96 
Einsicht und als tüchtige Gesetzgeber, aber nicht als Philosophen 
oder als Weise im Sinne der aristotelischen Schule') aner- 
kannte, so müssen wir ihm hierin ganz Becht geben. Diese Män- 
ner sind nur die Repräsentanten der praktischen Verstandesbil- 
dung, die ungefähr seit dem Ende des siebenten Jahrhunderts, im 
Zusammenhang mit den politischen Zuständen des griechischen 
Volkes, einen neuen Aufschwung nahm. Von ihnen gilt desshalb 
alles das, was schon oben über das Verhältniss dieser Lebens- 
weisheit zur Philosophie bemerkt wurde. Zu den Philosophen im 
engeren Sinn können wir sie nicht rechnen, aber sie stehen an 
der Schwelle der beginnenden Philosophie, und auch die alte 
Ueberlieferung hat dieses Verhältniss treffend angedeutet, wenn 
sie als den weisesten von den Sieben, zu dem der mythische 
Dreifuss nach vollendetem Kreislauf zurückkehrt, den Stifter der 
ersten natnrphilosophischen Schule bezeichnet. 

Um den Boden vollständig kennen zu lernen, aus dem die 
griechische Philosophie hervorgieng, müssen wir noch die Frage 
aufwerfen, inwiefern sich die Vorstellungen der Griechen von der 
Gottheit und vom Wesen des Menschen bis gegen die Mitte des 
sechsten Jahrhunderts in Folge der fortschreitenden Bildung ver- 
ändert hatten. Dass eine solche Veränderung eingetreten war, | 
müssen wir im allgemeinen voraussetzen ; denn wie sich das sitt- 
liche Bewusstsein reinigt und erweitert, muss auch die Idee der 
Gottheit, von der wir das Sittengesetz und die sittliche Weltord- 
nung ableiten, sich reinigen und erweitern, und je mehr sich der 



1) 8o, ausser Solon und Thaies, Pittakns, der Aesymnet von Mytilene, 
Periander, der HeiTScher von Korinth, Myson, den Apollo nach Hipponax 
(Fr. 34 b. Dioo. I, 107) für den untadeligsten Mann erklärt haben soll, 
Bias, der sprüch v^örtlich für einen weisen Richter gesetzt wird (Hipponax, 
Demodikus und Hesaklit b. Dioo. I, 84. 88. Strabo XIV, 12. 8. 686 Gas. 
DioooK Exe. de virt. et vit. S. 652 Wess.), Chilon, von dem Herodot I, 
59 die Deutung eines Wunderzeichens erzählt. 

2) Bei Dioo. I, 40. Aehnlich Plüt. Solon c. 3, Schi. Wenn der an- 
gebliche Plato Hipp. maj. 281, C das Gegentheil sagt, so ist diess offenbar 
imriehtig. 

3) Vgl. Ahist. Metaph. I, 1. 2. Eth. N. VI, 7. 

7* 



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100 Einleitung. (84J 

Mensch seiner Freiheit und seiner Erhabenheit über andere Na- 
turweaen bewusst wird, um so mehr wird er das Geistige in sich 
nach seinem Wesen, seinem Ursprung und seinem künftigen 
Schicksal vom Leibe zu unterscheiden geneigt sein. Der Fort- 
schritt der Sitte und der ethischen Reflexion war da^er jedenfalls 
für die Theologie und die Anthropologie von hoher Bedeutung. 
Nur tritt diese Wirkung in bedeutenderem Umfang erst in der 
Zeit hervor, als die Philosophie bereits zu einer selbständigen 
Entwicklung gelangt war. Die älteren Dichter nach Homer und 
Hesiod gehen in ihren Vorstellungen von der Gottheit im wesent- 
lichen nicht über den Standpunkt ihrer Vorgänger hinaus, und 
97 nur schwache Spuren lassen uns erkennen, dass sich allmählich 
eine reinere Gottesidee vorbereitet, indem aus der vorausgesetz- 
ten Vielheit der Götter mehr und mehr Zeus als der sittliche 
Weltregent herausgehoben wird. In diesem Sinn preist ihn Ar- 
cbilochus, wenn er sagt (Fr. 79), er schaue auf die Werke der 
Menschen, die frevelhaften und die gesetzlichen, selbst derThiere 
Thaten überwache er; und je tiefer er es empfindet, dass Glück 
und Verhängniss alles ausrichten, dass der Sinn der Menschen 
wechsle wie der Tag, der ihnen von Zeus beschieden ist, dass die 
Götter gefallene erheben, und feststehende stürzen (Fr. 14. 69. 
51), um so dringender ermahnt er, der Gottheit alles anheimzustel- 
len (Fr. 51). Ebenso widmet Terpander *) (Fr. 4) Zeus, als dem 
Anfang und Führer von allem, den Eingang eines Hymnus, und 
der ältere Simonides singt (Fr. 1) : Zeus hat das Ende von allem, 
was ist, in der Hand, und ordnet alles, wie er will. Aehnliches 
treffen wir aber auch schon bei Homer, und es findet zwischen 
ihm und den genannten in dieser Beziehung höchstens vielleicht 
ein Gradunterschied statt. Bestimmter geht Selon über den älte- 
ren anthropomorphistischen Gottesbegriff hinaus, wenn er (13, 
17 ff.) ausführt: Zeus überwache wohl alles, und nichts sei ihm ver- 
borgen ; aber nicht über einzelnes geralhe er in Zorn, wie ein Sterb- 
licher, sondern w^enn der Frevel sich gehäuft habe, breche die 
Strafe herein | wie der Sturmwind, der das Gewölke vom Himmel 
fegt, und so erreiche jeden, bald früher, bald später, die Vergel- 
tung. Die Rückwirkung der sittlichen Reflexion auf die Vorstel- 



1} Jüngerer Zeitgenosse des Arcfailochns, um 680. 



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^*r/ V 



[85] Theologie des 7. u. 6. Jahrhunderts. JOl 

lung von der Gottheit lässt sich hier nicht verkennen *). In einer 
andern Richtung tritt diese bei Theognis hervor^ wenn ihn der 
Gedanke an die Macht und das Wissen der Götter zu Zweifeln 
an ihrer Gerechtigkeit verleitet Die Gedanken der Menschen, 
sagt er (V. 141. 402), sind eitel; die Götter vollbringen alles 
nach ihrem Gutdünken, und vergebens müht sich ein Mann ab, 
wenn ihm der Dämon Unglück bestimmt hat. Die Götter ken- 
nen die Gesinnung und Thaten der Gerechten und der Ungerechten 98 
(V. 887). Aber an diese Betrachtung knüpft sich nur theilweise 
(wie V. 445. 591. 1029 fF.) die Ermahnung zur Ergebung in den 
Willen der Gottheit, ein andermal rückt er es Zeus unehrerbietig 
genug vor, dasserGute und Schlechte gleich behandle, die Verbre- 
cher mit Reichthum überschütte, die Gerechten zur Armuth ver- 
damme, die Sünden der Väter an den schuldlosen Kindern heim- 
suche *). Wenn wir annehmen dürfen, dass derartige Betrach- 
tungen in jener Zeit überhaupt nicht ganz selten gewesen seien, 
so erklärt es sich um so leichter, dass gleichzeitig einige der älte- 
sten Philosophen dem anthropomorph istischen Götterglauben des 
Polytheismus einen wesentlich veränderten Gottesbegriff entgegen- 
stellten. Dieser selbst freilich konnte erst von der Philosophie 
ausgehen ; die unphilosophische Reflexion gieng nicht weiter, als 
.dass sie ihn anbahnte, ohne den Boden des Volksglaubens wirk* 
lieh zu verlassen. 

Aehnlich Verhält es sich mit der Anthropologie. Die Ge- 
schichte dieses Vorstellungskreises knüpft sich ganz an die An- 
sichten über den Tod und den Zustand nach dem Tode. Die Un- 
terscheidung der Seele vom Leib entsteht dem sinnlichen Men- 



1) Dm0 die göttliche Vergeltung oft auf sich warten lasse, ist ein Ge- 
danke, der sich hftnfig, und schon bei Homer findet (II. IV, 160 u. ö.), 
aber die ausdrückliche Entgegensetzung der göttlichen ßtrafgerechtigkeit 
and der nnenschlichen Leidenschaft zeigt eine reinere Vorstellung von der 
Gottheit. 

2} V. 373: ZeS p{Xg, 6au[i.s(co ae* al» f*? 7cavT€(iaiv «vadaei^ ... 
avOp(oniüv $' tZ oIq^ol v6ov xa\ Oufibv Ix^7Tou . . . 
7Cw< $tJ 9eu, KopoviSi]) toX(xS v<5o( avSpa; otXiipoü; 
iv laiiTJ (lotpa töv t£ 8{xaiov eysiv; u. s. w 
Ibolich 731 ff, wo gleichfalls gefragt wird: 

xa\ Toui', aOgivsiTcov ßaaiXeu, neu; hii $ixa(ov u. 8. f. 



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102 Einleitung. [86] 

sehen durch die Erfahrung | von ihrer wirklichen Trennung, 
durch die Anschauung des Leichnams, aus dem der belebende 
Athem gewichen ist. Desshalb enthält nun auch die Vorstellung 
der Seele zuerst nichts weiter, als was sich aus dieser Anschauung 
unmittelbar ableiten lässt: die Seele wird als ein hauch- und luft- 
artiges Wesen vorgestellt, körperlich, denn sie wohnt im Körper 
und verlässst ihn beim Tode auf räumliche Weise*), aber ohne 
die Fülle und Kraft des lebenden Menschen. Denkt man sich 
daher die Seele getrennt voin Körper, im Jenseits, so erhält man 
jene homerischen Vorstellungen vom Zustand der Abgeschiede- 
99 nen*): die Substanz des Menschen *) ist sein Leib, die körper- 
losen Seelen im Hades sind wie Schatten und Nebelgestalten, 
oder wie die Traumbilder , die den Ueberlebenden erscheinen, 
die sich aber nicht festhalten lassen, die Lebenskraft, die Sprache 
und die Erinnerung ist ihnen entschwunden*), und nur für kurze 
Zeit giebt ihnen derGenuss des Opferbluts Sprache undBewusst- 
sein zurück. Nur wenigen begünstigten blüht ein besseres Loos*^), 
im übrigen gilt von den Todten das Wort AchilFs, dem das Le- 
ben des ärmsten Tagelöhners lieber ist , als die Herrschaft über 
die Schatten. Da aber jener Vorzug nur auf vereinzelte Fälle 
beschränkt, und nicht an die sittliche Würdigkeit, sondern an eine 
zufallige Gunst der Götter geknüpft ist, so kann die Idee einei: 



1) Beim Erschlagenen z. B. entweicht sie durch die Wunde; II. XYI, 
505. 856. XXU, 362 und öfters bei Homer. 

2) Od. X, 490 ff. XI, 34 ff. 151 ff. 215 ff. 386 ff. 466 ff. XXIV, Anf. IL I, 
3. XXIII, 69 ff. 

3) Der auTo^ im Gegensatz gegen die «j^u/^^, II. I, 4. 

4) So die stehende Darstellung, wc^mit freilich Od. XI, 540 ff. 567 ff. 
eigentlich streitet. 

5) Tiresias, dem die Huld der Po'sephone im Hades die Besinnung er- 
hält, die Tyndaridon, die lebend abwochslungsweise unter und über der Erde 
sind (Od. XI, 297 ff.), Menelaus und Rhadamanthys , von denen jener als 
Eidam , dieser als »^ohn des Zeus , statt des Todes in*s Elysium entrückt 
wird (Od. IV, 561 ff.). Die eigenthümlicbe Angabe über Herakles, der 
selbst im Olymp ist, während sein Schattenbild im Hades verweilt (Od. XI, 
600), — eine Vorstellung, in der spätere Allogoriker so tiefsinnige Andeu- 
tungen gesucht haben, — erklärt sich einfach daraus, dass V. 601—603 
eine Interpolation aus einer Zeit sind, welche den Heros bereis apotheosirt 
hatte, und ihn sich nicht mehr im Hades zu denken wussto. 



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[87] Anthropologische Vorstellungen. ' ]()3 

jenseitigen Vergeltung kaum darin gesucht wurden. Bestimmter 

tritt dieselbe schon bei Homer in dem hervor, was von Strafen 
nach dem Tode berichtet wird ; aber doch sind es auch hier nur 
einzelne ausgezeichnete Verletzungen der Götter ^), welche diese 
ausserordentlichen Strafen | nach sich ziehen , diese tragen also 
noch den Charakter der persönlichen Bache ; und der Zustand 
nach dem Tode überhaupt, sofern er nach der einen oder der an- 
dern Seite über ein dämmerndes Schattenleben hinausgeht, be- 
stimmt sich weit mehr nach der Gunst oder Ungunst der Gottheit, 
als nach der Würdigkeit der Menschen. 

Eine inhaltsvollere Vorstellung vom Jenseits konnte sich 
theils an die Verehrung der Verstorbenen, theils an den Gedan- 
ken einer allgemeinen sittlichen Vergeltung anknüpfen. Aus der loo 
ersteren ist der Dämonenglaube entsprungen, den wir zuerst 
bei Hesiod treffen ^) ; auf dieselbe Quelle weist, ausser dem späteren 
Heroöndienst, Hesiod's Angabe ^), dass die Helden des heroischen 
Zeitalters nach ihrem Tod auf die Inseln der Seligen versetzt 
wurden. Die Annahme entgegengesetzter Zustände, nicht blos 
für einzelne, sondern ftir alle Verstorbenen, liegt in der früher 
berührten Lehre der mystischen Theologen , dass im Hades die 
Geweihten bei den Göttern wohnen , die Ungeweihten in Nacht 
und Schmutz liegen. Aber eine ethische Bedeutung musste die- 
ser Vorstellung erst in derFolge gegeben werden; zunächst ist sie, 
auch wenn sie nicht so krass gefasst wurde, doch immer nur e!n 
Mittel, die Weihen durch Furcht und Hoffnung zu empfehlen.. 
Unmittelbarer ist die Lehre von der Seelen Wanderung*) aus ethi- 
schen Motiven hervorgegangen; gerade der Gedanke der sittlichen 
Vergeltung ist es, der in derselben das gegenwärtige Leben des 



1) Die Odyssee XI, 575 ff erzählt die Bestrafung des Tityns, Sisyphns 
UDd Tantal ns uod II. III, 278 wird den Meineidigen Strafe nach dem Tod 
angedroht. 

2) 'E. X. ii[L. 120 ff, 139 f. 250 ff. 

3) A.a. O. 165 ff. vgl. Ibtkub Fr. 33 (Achill habe im Elysium die Medea 
geheiratbet) ; Derselbe lAsst Fr. 34 Diomedes , wie den homerischen Mene- 
laiia, unsterblich werden, ebenso Pindar Nem. X, 7. Achill wird auch bei 
Plato Symp. 179, fe Tgl. Pikdau Ol. II, 143, Achill und Diomed in dem 
Skolion des Kallistbatus auf Harmodius (Bebok Lyr. gr. 1020 , 10, aus 
Athex. XV, 695, B) auf die Inseln der Seligen versetzt. 

4) 8. 0. 8. 53 ff. 



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104 Einleitung. [881 

Menschen mit dem früheren und zukünftigen verknüpft. Es 
scheint jedoch, dass diese Lehre in der älteren Zeit auf einen ziem- 
lich engen Kreis heschränkt blieb; und erst durch die Pythago- 
reer, und dann durch Plato, zu grösserer Verbreitung gelangte. 
Selbst der allgemeinere Gedanke, der ihr zu Grunde liegt, die 
ethische Auffassung des Jenseits als eines allgemeinen Vergel- 
tungszustandes, scheint nur langsam zur Anerkennung | gelangt 
zu sein. Pindar setzt diese Auffassung allerdings voraus ^), und 
bei Späteren, wie Plato *), erscheint sie als alte, von der Aufklä- 
rung ihrer Zeit bereits wieder beseitigte Ueberlieferung; dage- 
gen tritt uns bei den älteren Lyrikern, wenn sie vom Zustand nach 
dem Tode reden, im wesentlichen noch die homerische Vorstel- 
101 lungsweise entgegen; und es ist nicht blosAnakreon, der jj vor des 
Hades schreckenvoller Kluft* zurückschaudert (Fr. 43) , auch 
Tyrtäus (9,31) weiss dem Tapferen keine andere Unsterblichkeit 
in Aussicht zustellen, als die des Nachruhms, auch Erinna(Fr. 1) 
lässt den Ruhm der Thaten bei den Todten verstummen , und 
Theognis (567 ff. 973 ff.) ermuntert sich zum Lebensgenuss 
durch die Betrachtung, dass er nach seinem Tode stumm daliegen 
werde, wie ein Stein, dass es im Hades mit den Freuden des Le- 
bens zn Ende sei. Die Hoffnung auf eine lebensvolle Fortdauer 
nach dem Tode lässt sich bei keinem griechischen Dichter vor Pin- 
dar nachweisen. 

Ziehen wir das Ergebniss aus unserer bisherigen Untersu- 
chung, so zeigt sich, dass die philosophische Betrachtung der 
Dinge in Griechenland vor dem Auftreten eines Thaies und 
Pythagoras zwar vielfach vorbereitet und erleichtert, aber noch 
von keiner Seite her wirklich versucht war. In der Religion, 
den bürgerlichen Einrichtungen, den sittlichen Zuständen des 
griechischen Volkes war ein reicher Stoff, eine vielseitige Anre- 
gung für^s wissenschaftliche Denken enthalten ; bereits begann 
auch die Reflexion, sich dieses Stoffes zu bemächtigen, kosmo- 
gonische Theorieen wurden entworfen, das Leben der Menschen 
nach seinen verschiedenen Seiten wurde aus dem Gesichtspunkt 
des religiösen Glaubens, der Sittlichkeit und der Lebensklugheit 



1) 8. o. S. 56, 4. 

2) Rep. I, 330, D. II, 363, C. 



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[88. 89] Anthropologie. Charakter der griech. Philos. 105 

denkend betrachtet^ mancherlei Regeln fdr's Handeln wurden 
aufgestellt; und in allen diesen Beziehungen bewährte und bildete 
sich die scharfe Beobachtungsgabe, der oflFene Sinn, das treffende 
Urtheil des hellenischen Volkes. Allein es fehlt noch an dem 
Bestreben, die Erscheinungen auf ihre letzten Gründe zurückzu- 
führen, sie aus einem einheitlichen Gesichtspunkt, aus den gleichen 
allgemeinen Ursachen natürlich zu erklären ; die Weltbildung 
erscheint in den kosmogonischen Dichtungen als ein zufälliger 
Ilergang, der von keinem Naturgesetz beherrscht wird, und wenn 
die I ethische Reflexion mehr auf den natürlichen Zusammenhang 
von Ursachen und Wirkungen eingeht, so bleibt sie dafür noch 
weit mehr, als die Kosmologie, beim besonderen stehen. Die Phi- 
losophie hat von diesen ihren Vorgängern gewiss in formeller und 
materieller Hinsicht vieles gelernt, aber sie selbst beginnt doch 
erst da, wo die Frage nach den natürlichen Ursachen der Dinge 
aufgeworfen wird. 



Dritter Abschnitt. 109 

lieber den Charakter der griechischen Philosophie. 

Wenn das gemeinsame angegeben werden soll, wodurch sich 
eine lange Heihe geschichtlicher Erscheinungen von anderen un- 
terscheidet, so stellt sich dem zunächst das Bedenken entgegen, 
dasB im Lauf, der geschichtlichen Entwicklung alle einzelnen 
Züge sich verändern, dass daher keine einzige Bestimmung mög- 
lich zu sein scheint, die auf alle Glieder des Ganzen, das man 
schildern will, zuträfe. Auch bei der griechischen Philosophie 
machen wir diese Erfahrung. Mögen wir nun den Gegenstand 
oder die Methode oder die Resultate der Philosophie in's Auge 
fassen, immer zeigen die griechischen Systeme unter einander so 
bedeutende Abweichungen und mit aussergriechischen so viele 
Berührungspunkte, dass wir, wie es scheint, in keiner Bestim- 
moDg, die unserer Aufgabe genügte, festen Fuss fassen können. 
Der Gegenstand der Philosophie ist für alle Zeiten im wesent- 
lichen der gleiche, die Gesammtheit des Wirklichen, und wenn 
dieser Gegenstand allerdings nach verschiedenen Seiten und in 



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106 Einleitung. [90] 

verschiedenem Umfang bearbeitet werden kann; so unterscheiden 
sich doch die griechischen Philosophen in dieser Beziehung von 
einander selbst so vielfach, dass wir Jiicht sagen können, worin 
ihre gemeinsame Verschiedenheit von andern bestehen sollte. 
Ebenso hat die Form und Methode des wissenschaftlichen Ver- 
fahrens sowohl in der griechischen als in der aussergriechischcn 
Philosophie so oft gewechselt , dass es kaum möglich | scheint, 
ein unterscheidendes Merkmal daher zu entnehmen. Wenn we- 
nigstens Fries ^) sagt, die alte Philosophie verfahre epagogisch, 
die neuere epistematisch , jene gelie von den Thatsachen zu den 
Abstraktionen , vom besonderen zum allgemeinen , diese umge- 
kehrt vom allgemeinen, den Principien, zum besondern, so kann 
ich diess nicht zugeben. Denn unter den alten Philosophen bedie- 
nen sich nicht blos die vorsokratischen ganz überwiegend eines 
103 dogmatisch constructiven Verfahren?, sondern auch von den Stoi- 
kern, den Epikureern, und ganz besonders von den Neuplatoni- 
kern gilt dasselbe; aber auch Plato und Aristoteles beschränken 
sich so wenig auf die blosse Induktion, dass sie beide die Wissen- 
schaft im strengeren Sinn erst mit der Ableitung des Bedingten aus 
den letzten Gründen beginnen lassen. Unter den Neueren umge- 
kehrt erklärt die ganze, so grosse und einflussreiche Schule der 
Empiriker überhaupt nur das epagogische Verfahren ftir zulässig, 
während die meisten andern Induktion und Construction verknüp- 
fen. Dieses Merkmal lässt sich daher nicht durchfuhren. Ebenso- 
wenig Schleiermacher's beiläufige Bemerkung *) : das Nicfatloslas- 
senwoUen der Poesie von der Philosophie sei ein charakteriscbea 
Merkmal des hellenischen Philosophirens gegen das indische, wo 
sich beide gar nicht unterscheiden, und das nordische, wo sie nie 
ganz zusammenkommen; sobald sich die mythologische Form unter 
Aristoteles verliere, gehe auch der höhere Charakter der Wisaen- 
schaft verloren. Das letztere ist ohnedem falsch, da vielmehr ge- 
rade Aristoteles die Aufgabe der Wissenschaft am reinsten und 
strengsten gefasst hat; auch von den übrigen waren aber nicht we- 
nige von der mythologischen Ueberlieferung sehr unabhängig, wie 
die jonischen Naturphilosophen, dieEIeatcn, dieAtomisten, dieSo- 



1) Gesch. der Phil. I, 49 ff. 

2) Gesch. dor PhU. S. 18. 



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|9I] Charakter der griechiBchen Philosophie. 107 

phisten^ wie Sokrates und die sokratischen Schulen^ Epikur und 
seine Nachfolger, die neuere Akademie und die Skepsis, oder sie 
bedienten sich des mythologischen nur als künstlerischer Aus- 
schmückung mit der Freiheit eines Plato, oder sie suchten es zwar 
durch philosophische Deutung zu stützen, wie die Stoa und Plo- 
tin^aber ohnedass darum ihr philosophisches System durch die My- 
thologie bedingt war. Andererseits war die christliche Philosophie 
von der positiven Religion | im Mittelalter ungleich mehr, in der neu- 
eren Zeit nicht weniger abhängig, als die der Griechen, und dass 
diese Religion hier anderen Ursprungs und Inhalts war als dort, 
ist für die Stellung der Philosophie zu ihr von untergeordneter 
Bedeutung : in beiden Fallen sind es doch gleicherweise unwis- 
senschaftliche Vorstellungen, die das Denken ohne Beweis ihrer 
Wahrheit voraussetzt. Auch sonst will sich kein so durchgrei- 
fender Unterschied im wissenschaftlichen Verfahren entdecken 104 
lassen, dass wir eine, bestimmte Methode der griechischen, eine 
andere der neueren Philosophie allgemein und ausschliesslich zu- 
schreiben könnten. Ebensowenig dürften die beiderseitigen Re- 
sultate als solche eine derartige Unterscheidung zulassen. Wir 
finden bei den Griechen hylozoistische und atomistisehe Systeme, 
wir finden deren aber auch bei den Neueren ; wir sehen dem Ma- 
terialismus in Plato und Aristoteles einen dualistischen Idealismus 
entgegentreten, und eben diese Weltansicht ist in der christlichen 
Welt die herrschende geworden; wir sehen den stoischen und 
epikureischen Sensualismus im englischen und französischen Em- 
pirismus, die neuakademische Skepsis in Hume wieder aufleben; 
wir können den eleatischen und stoischen Pantheismus mit der 
Lehre Spinoza's, den neuplatonischen Spiritualismus mit der 
christlichen Mystik und der Identitätslehre Schelling's, in man- 
cher Beziehung auch mit dem leibnizischen Idealismus zusam- 
menstellen ; wir können selbst bei Kant und Jacobi, bei Fichte 
und Hegel manche Analogieen mit griechischen Lehren aufzei- 
gen ; wir können auch in der Ethik der christlichen Zeit nur we- 
nige Sätze nachweisen, für die es an Parallelen aus dem Gebiete 
der griechischen Philosophie fehlte. Finden sie sich aber auch 
nicht für alles, so wären doch die Bestimmungen , welche eines- 
theils griechischen anderntheils neueren Philosophen eigenthüm- 
lich sind, nur dann zur Unterscheidung beider im ganzen und 



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108 Einleitung. [92] 

groflsen zu gebrauchen, wenn sie auf jeder von beiden Seiten ali- 
gemein erkannt wären. Aber wie viele giebt es, bei denen dieas 
der Fall ist? Somit lässt uns auch dieses Merkmal im Stiche. 

Nichtsdestoweniger lässt sich die FamiUenähnlichkeit nicht 
verkennen, welche selbst die entlegensten Zweige der griechi- 
schen Wissenschaft noch verbindet. Aber wie wir nicht selten 
die Gesichtsbildung von Männern und Frauen, Greisen und Kin- 
dern verwandt finden, ohne dass doch die einzelnen Züge darin 
sich gleich | wären, so verhält es sich auch mit der geistigen Ver- 
wandtschaft geschichtlich zusammenhängender Erscheinungen. 
Es ist nicht diese oder jene Einzelheit, die sich gleich bleibt, 
sondern die Aehnlichkeit liegt nur in dem Ausdruck des Ganzen, 
darin, dass die entsprechenden Theile nach der gleichen Grund- 
form gebildet und in analogem Verhältuiss verknüpft sind ; oder 
105 sofern sich auch diess nicht mehr findet, darin, dass wir uns das 
spätere aus dem früheren als seine naturgemässe Umbildung, 
nachdem Gesetz einer stetigen Entwicklung erklären können. So 
hat sich auch das Aussehen der griechischen Philosophie im Laufe 
der Zeit bedeutend verändert, aber doch sind die Züge, welche 
später hervortreten, in ihrer ersten Gestalt schon angelegt; und 
wie fremdartig auch ihr Anblick in den letzten Jahrhunderten 
ihres geschichtlichen Daseins erscheinen mag: wer genauer zu- 
sieht, wird doch finden, dass die ursprünglichen Formen selbst da 
noch, freilich verwittert und gealtert, zu erkennen sind. Nur dür- 
fen wir nicht erwarten, dass irgend eineEigenthümlichkeit unver- 
ändert durch ihren ganzen Verlauf sich hindurchziehe, und in 
jedem ihrer Systeme gleichmässig sich vorfinde, sondern ihr all- 
gemeiner Charakter wird dann richtig bestimmt sein, wenn es 
uns gelingt, die Grundform aufzuzeigen , aus der die verschiede- 
nen Systeme in regelmässiger Abwandlung sich begreifen. 

Vergleichen wir die griechische Philosophie zu diesem Be- 
hufe mit dem, was andere Völker entsprechendes hervorgebracht 
haben, so fällt zunächst ihr durchgreifender Unterschied von der 
älteren orientalischen Spekulation sofort in die Augeu. Die letz- 
tere hat sich, fast nur von Priestern gepflegt, ganz und gar aus 
der Religion entwickelt, von der sie auch fortwährend ihrer Rich- 
tung und ihrem Inhalt nach abhängig war ; sie ist eben dessbalb 
nie zu einer streng wissenschaftlichen Form und Methode gelangt. 



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[92. 93] Charakter der grieQhiBchen Philosophie. 109 

Bondem theils bei einem äusserlichen grammatischen und logi- 
schen Schematismus, theils bei aphoristischen Vorschriften und 
Bemerkungen^ theils endlich bei der Phantasieform dichterischer 
Beschreibung stehen geblieben. Erst die Griechen haben jene 
Freiheit des Denkens gewonnen, dass sie sich nicht an die reli- 
giöse Ueberlieferung, sondern an die Dinge selbst wandten, um 
über die Natur der Dinge die Wahrheit zu erfahren , erst bei 
ihnen ist ein streng wissenschaftliches Verfahren, ein Erkennen, 
das nur seinen eigenen Gesetzen folgt, möglich geworden. Schon 
dieser ihr formeller Charakter unterscheidet | die griechische 
Philosophie vollständig von den Systemen und Versuchen der 
Orientalen, und wir haben kaum nöthig, daneben auch den mate- 
riellen Gegensatz der beiderseitigen Weltanschauung besonders 
hervorzuheben, der sich aber in letzter Beziehung gleichfalls dar- 
auf zarUckfbhren lässt, dass der Orientale der Natur unfrei ge- i06 
genübersteht, und desshalb weder zu einer folgerichtigen Erklä- 
rung der Erscheinungen aus ihren natürlichen Ursachen noch zur 
Freiheit des bürgerlichen Lebens und zu rein menschlicher Bil- 
dung gelangt, wogegen der Grieche in der Natur eine gesetz- 
mässige Ordnung zu erblicken, im menschlichen Leben eine freie 
und schöne Sittlichkeit zu erstreben im Stande ist. 

Die gleichen Eigenschaften sind es, wodurch sich die grie- 
chische Philosophie von der christlichen und muhamedanischen 
im Mittelalter unterscheidet. Auch hier finden wir keine freie 
Forschung, sondern die Wissenschaft ist durch eine doppelte 
Auktorität gefesselt, durch die theologische der positiven Religion 
und durch die philosophische der alten Schriftsteller, welche die 
Lehrer der Araber und der christlichen Völker gewesen waren. 
Diese Abhängigkeit von Auktoritäten hätte an und für sich schon 
eine ganz andere Entwicklung des Denkens begründet , als bei 
den Griechen, selbst wenn der Inhalt der christlichen und muha- 
medanischen Dogmatik dem hellenischen Standpunkt verwandter 
gewesen wäre. Aber welch eine weite Kluft trennt nicht den 
Griechen von dem Christen im Sinn der alten und der mitelalter- 
lichen Kirche! Während jener das Göttliche zuerst in der Natur 
suchte verschwindet für diesen aller Werth und alle Berechtigung 
des natürlichen Daseins vor dem Gedanken an die Allmacht und 
die Unendlichkeit des Schöpfers, und nicht einmal für die reine 



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110 Einleitung. [93] 

Offenbarung dieser Allmacht kann die Natur gelten, denn sie ist 
gestört und verderbt durch die Sünde. Während der Grieche 
seiner Vernunft vertrauend die Weltgesetze zu erkennen strebt, 
flüchtet der Christ vor den Irrwegen der fleischlichen; durch die 
Sünde verfinsterten Vernunft zu einer Offenbarung, deren Wege 
und Geheimnisse er nur um so tiefer verehren zu müssen glaubt, 
je mehr sie der Vernunft und dem natürlichen Lauf der Dinge 
widerstreiten. Während der erstere auch im menschlichen Leben 
jene schöne Einheit von Geist und Natur anstrebt, welche daseigen- 
thümlichste Merkmal der griechischen Sittlichkeit ausmacht, liegt 
das Ideal d^s andern in einer Ascese, die alle Verbindung] zwischen 
Vernunft und Sinnlichkeit abbricht ; statt der menschlich käna- 
pfenden und geniessenden Heroen hat er Heilige von mönchischer 
•Apathie, statt der sinnlich begehrenden Götter geschlechtslose 
107 Engel, statt eines Zeus, der alle irdischen Genüsse mitdurchlebt 
und rechtfertigt, einen Gott, der Mensch wird, um sie durch sei- 
nen Tod thatsächlich zu verdammen. Bei einem so tiefen Gegen- 
satz der beiderseitigen Weltanschaung musste natürlich auch die 
Philosophie nach entgegengesetzten Richtungen auseinandergehen^ 
die des christlichen Mittelalters musste ebenso abgewandt von der 
Weltunddem weltlichen Leben sein, wie die griechische ihnen zu- 
gewandt war. Es ist daher ganz folgerichtig, wenn jene die 
Naturforschung vernachlässigt, welche diese begründet hatte; 
wenn die eine für den Himmel arbeitet, die andere für die Erde, 
die eine für die Kirche, die andere für den Staat; wenn die mit- 
telalterliche Wissenschaft zum Glauben an die göttliche Offen- 
barung und zur Heiligkeit des Asceten hinführen will, die grie- 
chische zumVerständniss der Naturgesetze und zur Tugend eines 
naturgemässen menschlichen Lebens; wenn überhaupt zwischen 
beiden jener ganze tiefgreifende Gegensatz stattfindet, der auch 
da noch zum Vorschein kommt, wo sie scheinbar übereinstimmen, 
und der selbst den eigenen Worten der Alten im Mund ihrer 
christlichen Nachfolger einen wesentlich veränderten Sinn giebt- 
Sogar die muhamedanische Weltansicht steht der griechischen 
darin noch näher, als die christliche, dass sie sich auf dem sittli- 
chen Gebiet zu dem sinnlichen Leben des Menschen nicht diese 
feindselige Stellung giebt; ebenso haben die mahamedanischen 
Philosophen des Mittelalters der Naturforschung grössere Auf- 



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[94. 95] Charakter der griechischen Philosophie. 111 

merksamkeit geschenkt, und sich weniger ausschliesslich auf die 
theologischen und die theologisch-metaphysischen Fragen be- 
schränkt; als die christlichen. Aber theils fehlt es den muhameda- 
nischen Völkern an jenem feinen Sinn für die geistige Behandlung 
und sitttliche Verschönerung der natürlichen Triebe, welche den 
Griechen von dem formlosen, Begierde und Entsagung in's unge- 
messene treibenden Orientalen so vortheilhaft unterscheidet, 
theils steht der abstrakte Monotheismus des Koran der griechi- 
schen Weltvergötterung noch schroffer, als die christliche Lehre^ 
gegenüber. Auch die muhamedanische Philosophie ist daher 
ihrer ganzen Richtung nach mit der griechischen nicht zu ver- 
gleichen, denn auch hier fehlt der freie Blick | in die wirk- 
liche Welt, und mit ihm die Ursprünglichkeit und Selbständig- 
keit des Denkens, welche den Griechen so natürlich ist; und mag 
sie auch mit allem Eifer auf Naturkenntniss ausgehen , immer 108 
kommen ihr doch wieder die theologischen Voraussetzungen ihrer 
Dogmatik und die magischen Vorstellungen des spätesten Alter- 
thums in den Weg, und das letzte Ziel liegt auch filr sie weit mehr 
in der Forderung des religiösen Lebens, in mystischer Abstrak- 
tion und übernatürlicher Erleuchtung, als in dem klaren wissen- 
schaftlichen Verständniss der Welt und ihrer Erscheinungen. 

Doch darüber wird weniger Streit sein. Viel schwerer ist 
es, die Eigenthüralichkeit der griechischen Philosophie in ihrem Un- 
terschied von der neueren zu bestimmen. Denn diese selbst ist 
wesentlich unter dem Einfluss der ersteren und durch eine theil- 
weise Rückkehr zu griechischen Anschauungen entstanden, sie 
ist daher der griechischen ihrem ganzen Geiste nach weit ver- 
wandter, als die des Mittelalters , trotz ihrer Abhängigkeit von 
griechischen Auktoritäten , es je war. Diese Aehnlichkeit wird 
aber dadurch noch verstärkt, und eine scharfe Unterscheidung bei- 
der erschwert, dass die alte Philosophie selbst im Verlauf ihrer 
Entwicklungsich der christlichen Weltanschauung, mit der sie sich 
in der neueren Wissenschaft verschmolzen hat, annäherte, und 
sie anbahnte. Die vorchristlichen Vorbereitungen des Christen- 
thums sehen dem christlichen, das durch klassische Studien mo- 
dificirt ist„ das ursprünglich griechische sieht dem, was sich später 
unter dem Einfluss der Alten entwickelt hat, oft so ähnlich, dass 
es kaum möglich scheint, allgemein gültige unterscheidende Merk- 



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112 .. Einleitung. [95. 96] 

male anzugeben. Aber doch begründet schon das einen durch- 
greifenden Unterschied^ dass jenes das frühere ist^ dieses das spä- 
tere, jenes das ursprüngliche, dieses das abgeleitete. Die griechi- 
sche Philosophie ist aus dem Boden des griechischen Volks- 
lebens und der griechischen Weltanschauung entsprungen, und sie 
lässt sich ihrem wesentlichen Inhalt nach auch da noch aus der Ent- 
wicklung des griechischen Geistes begreifen, wo sie die ursprüng- 
lichen Grenzen seines Gebietes überschreitet und den Uebergang 
der alten Zeit in die christliche vermittelt. Selbst in dieser Peri- 
ode lässt sich immer noch erkennen, dass es die Nachwirkung der 
klassischen Anschauungen ist, die sie verhindert, wirklich auf den 
späteren Standpunkt überzutreten. Ebenso lassen sich umgekehrt 
bei den Neueren selbst da, wo sie beim ersten Anblick ganz zur 
antiken Denkweise zurückzukehren scheinen, wennman genauer 1 
zusieht, doch immer Motive und Bestimmungen entdecken , die 
109 den Alten fremd sind. Die Frage wird daher nur die sein, wo 
wir dieselben in letzter Beziehung zu suchen haben. 

Wenn nun alle menschliche Bildung aus der Wechselwirkung 
des Innern und des Aeussern, der Selbstthätigkeit und der Em- 
pfänglichkeit, des Geistes und der Natur hervorgeht, und wenn 
desshalb ihre Richtung vor allem durch das Yerhältniss dieser 
beiden Seiten bestimmt ist, so haben wir auch schon früher ge- 
sehen, dass dieses Verhältniss bei dem griechischen Volke, ver- 
möge seiner ursprünglichen Eigenthümlichkeit und seiner ge- 
schichtlichen Zustände, von Hauae aus harmonischer angelegt 
war, als bei irgend einem andern- Der unterscheidende Charakter 
des griechischen Wesens liegt daher eben hierin, in jener unge- 
brochenen Einheit des Geistigen und des Natürlichen, welche 
ebensowohl den Vorzug als die Schranke dieser klassischen Na- 
tion bilden. Nicht als ob beide noch gar nicht unterschieden wür- 
den; vielmehr beruht der höhere Werth der griechischen Bildung, 
wenn wir sie mit andern gleichzeitigen oder früheren Erschei- 
nungen vergleichen, wesentlich darauf, dass im Licht des helle- 
nischen Bewusstseins nicht allein die dumpfe Verworrenheit des 
ersten Naturlebens , sondern auch jene phantastische Verwechs- 
lung und Vermischung des Ethischen mit dem Physischen, welche 
wir im Orient fast durchweg finden, sich auflöst. Indem der Hel- 
lene in freiem geistigem und sittlichem Schaffienseine Abhängigkeit 



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[96. 97] Charakter der griechischen Philosophie. 113 

von den Naturmächten durchbricht, indem er das Sinnliche; über die 
blossen Naturzwecke hinausgehend^ zum Werkzeug und Zeichen 
des Geistigen herabsetzt; so sondern sich ihm ebendamit beide 
Gebiete, und wie die alten Naturgötter von den Olympiern, so 
wird sein eigener Naturzustand von dem höheren einer sittlich 
freien, menschlich schönen Bildung verdrängt. Aber diese Unter- 
scheidung geht hier noch nicht zu der Annahme eines ursprüng- 
lichen Gegensatzes und Widerspruchs, zu dem grundsätzlichen 
Bruch des Geistes mit der Natur fort , der sich in den letzten 
Jahrhunderten der alten Welt vorbereitet, und in der christlichen 
sich im grossen vollzogen hat. Der Geist gilt allerdings für das 
höhere gegen die Natur, der Mensch betrachtet seine freie sitt- 
liche Thätigkeit als den wesentlichen Zweck und Inhalt seines 
Daseins; es genügt ihm nicht, sinnlich zu gemessen, oder in 
knechtischer Abhängigkeit von einem fremden Willen zuarbeiten; 
sondern was er thut, will er frei für | sich selbst thun, die Glück- HO 
Seligkeit, die er erstrebt, will er durch cUe Ausbildung und den 
Gebrauch seiner körperlichen und geistigen Kräfte, durch ein 
kräftiges Gemeinleben, durch Arbeit für das Ganze, durch die 
Achtung seiner Mitbürger erreichen, und auf dieser persönlichen 
Tüchtigkeit und Freiheit beruht jenes stolze Selbstgefühl, das 
den Hellenen so hoch über alle Barbaren emporhebt. Das grie- 
chische Leben hat gerade desshalb nicht blos schönere Formen, 
sondern auch einen höheren Inhalt, als das aller übrigen alten 
Völker, weil sich keines von diesen mit solcher Freiheit über die 
blosse Naturbestimmtheit erhoben, keines das sinnliche Dasein 
mit dieser Idealität zum Träger des geistigen herabgesetzt hat. 
Wollte man daher die Einheit des Geistes mit der Natur von 
einer Einheit ohne Unterscheidung verstehen, so wäre sein Charak- 
ter mit diesem Ausdruck allerdings sehr schief bezeichnet. Dage- 
gen wird diese Bezeichnung, recht verstanden , den Unterschied 
der griechischen Welt von dem christlichen Mittelalter und der 
Neuzeit richtig ausdrücken. Auch der Grieche erhebt sich über 
die Welt des äusseren Daseins und die unbedingte Abhängigkeit 
von den Naturgewalten, aber er hält die Natur desshalb weder 
für unrein noch für ungöttlich, sondern er sieht in ihr unmittelbar 
die Erscheinung höherer Kräfte ; seine Götter selbst sind nicht 
blos sittliche, sondern zugleich und ursprünglich Naturmächte, 

PhUot. d. Gr. L Bd.. 4. Aufl. ^ 



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114 Einleitung. [97. 98 

sie haben die Form des natürlichen Daseins ^ sie bilden eine 
Vielheit gewordener, menschenähnlicher Wesen, von beschränk- 
ter Wirkungskraft, welche die allgemeine Naturmacht als ewiges 
Chaos vor sich und als unerbittliches Schicksal über sich haben ; 
und weit entfernt, sich selbst und seine Natur um ihretwillen zu 
verläugnen, weiss er sie nicht besser zu ehren, als durch heiteren 
Lebensgenuss und durch festliche Darstellung der Kunstfertig- 
keiten, zu denen seine natürlichen Körper- und Geisteskräfte sich 
entwickelt haben. Demgemäss ruht auch das sittliche Leben hier 
durchaus auf dem Grunde der natürlichen Anlagen und Verhält- 
nisse. Auf altgriechischem Standpunkt ist nicht daran zu denken, 
dass der Mensch seine Natur für verderbt, dass er sich so, wie er 
von Haus aus ist, für öündhaft halten sollte ; es wird daher auch 
nicht verlangt, dass er seinen natürlichen Neigungen entsage, 
111 dass er seine Sinnlichkeit unterdrücke, dass er durch eine sitt- 
liche Wiedergeburt im Grunde seines Wesens verändert werde, 
es wird nicht einmal der Kampf mit der Sinnlichkeit gefordert, 
den unsere | Sittenlehre auch dann noch vorzuschreiben pflegt, 
wenn sie sich vom positiv christlichen Boden entfernt hat ; viel- 
mehr gelten die natürlichen Kräfte als solche für unverdorben, 
die natürlichen Triebe als solche für berechtigt, und die Sitt- 
lichkeit besteht — wie sie noch Aristoteles so acht griechisch 
aufFasst — nur darin, dass jene Kräfte auf das rechte Ziel ge- 
lenkt; jene Triebe im rechten Mass und Gleichgewicht erhalten 
werden : die Tugend ist nichts anderes , als die besonnene und 
kräftige Entwicklung der natürlichen Anlagen, und das höchste 
Sittengesetz ist, dem Zug der Natur frei und vernünftig zu fol- 
gen. Und dieser Standpunkt ist hier nicht ein Erzeugniss der Re- 
flexion , er ist nicht erst durch einen Kampf mit der entgegen- 
stehenden Forderung der Naturverläugung errungen, wie diess 
bei den* Neueren der Fall ist, wenn sie sich zu den gleichen 
Grundsätzen bekennen , er ist daher auch mit keinem Zweifel 
und keiner Unsicherheit behaftet; sondern dem Griechen erscheint 
beides gleichsehr natürlich und nothwendig, dass er der Sinnlich- 
keit ihr Recht lasse, und dass er sie durch den besonnenen Willen 
massige, er weiss es gar nicht anders und er bewegt sich desshalb 
mit voller Sicherheit, mit dem unbefangensten Gefühl seiner 
Berechtigung in dieser Richtung. Zu den natürlichen Voraus- 



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[98. 99] Charakter der griechiscben Philosophie. 115 

Setzungen der freien Thätigkeit gehören aber auch die geselligen 
Verhältnisse, in die der Einzelne durch seine Geburt gestellt ist. 
Auch diese nimmt der Grieche in unbedingterer Geltung, als wir 
es gewohnt sind, in sein sittliches Bewusstsein mit auf. Das 
Herkommen seines Volkes ist ihm die höchste sittliche Auktorität; 
das Leben im Staat und für den Staat die höchste, alles andere 
weit überwiegende Aufgabe , und über die Grenzen der Volks- 
and Staatsgeraeinschaft hinaus wird die sittliche Verpflichtung 
nur unvollständig anerkannt; die freie Selbstbestimmung aus 
persönlicher Ueberzeugung, die Idee allgemeiner Menschenrechte 
und Menschenpflichten kommt erst in der Uebergangsperiode zu 
allgemeinerer Geltung, welche mit der Auflösung des altgi*iechi- 
schen Staudpunkts zusammenfällt ; wie weit die klassische Zeit 
und Lebensansicht in dieser Beziehung von der unsrigen entfernt 
war, erhellt schon aus der durchgängigen Verschmelzung der 
Moral mit der Politik, aus der untergeordneten Stellung der 
Frauen, besonders bei den jonischen Stämmen, aus der Auflassung 
der Ehe und der geschlechtlichen Verhältnisse, vor allem aber 
aus der SchrofiTieit des Gegensatzes von Hellenen und Barbaren 
und aus j der damit zusammenhängenden, den alten Staaten so unent- 
behrlichen Sklaverei. Auch diese Schattenseiten des griechischen 
Lebens dürfen wir nicht übersehen. Aber Eines war dem Grie- 
chen leichter gemacht, als uns: sein Blick war beschränkter, seine 
Verhältnisse waren enger, seine sittlichen Grundsätze waren we- 
niger rein, streng und universell, als die unsrigen, allein sie waren 
vielleicht ebendesswegen geeigneter, ganze, harmonisch gebildete 
Menschen, klassische Charaktere zu erzeugen ^). 

Auch die Klassicität der griechischen Kunst ist wesentlich 
bedingt durch diese Beschränkung. Das klassische Ideal, wie 
ViscHER*) trefl^end bemerkt, ist das Ideal eines Volkes, das 
ethisch ist ohne Bruch mit der Natur j es ist daher im geistigen 
Gehalte, folglich im Ausdruck seines Ideals, kein Ueberschuss, 



112 



1) Man vgl. EU dem obigen ausser Heobl (Phil. d. Gesch. S. 291 f. 
297 ff. 805 ff, Ae«th. II, 56 ff. 73 ff. 100 ff. Gesch. d. Phil. I, 170 f. Phü. 
d. Rel. II, 99 ff.) und Braniss (Gesch. d. Phil. s. Kant. I, 79 ff.) nament- 
lich die geistvoll eindringenden Bemerkungen Yischeb^s in s. Aesthetik 
II, 237 ff. 446 ff. 

2) Aesth. II, 459. 

8* 



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116 Einleitung. [99. 100] 

der sich nicht hemmungslos in das Ganze der Gestalt ergiessen 
könnte. Das Geistige wird hier noch nicht im Widerspruch gegen 
die sinnliche Erscheinung, sondern in und mit derselben ergriffen, 
es kommt desshalb auch nur so weit zur künstlerischen Darstel- 
lung, als es des unmittelbaren Ausdrucks in der sinnlichen Form 
föhig ist. Das griechische Kunstwerk trägt den Charakter der 
einfachen, gesättigten Schönheit, der plastischen Buhe ; die Idee 
verwirklicht sich in der Erscheinung, wie die Seele in dem Leibe, 
mit dem sie sich als bildende Naturkraft umkleidet, ein geistiger 
Gehalt, welcher dieser plastischen Behandlung widerstrebte und 
nur an dem Unbefriedigeliden der sinnlichen Gegenwart zur Dar- 
stellung zu bringen wäre, ist noch nicht vorhanden. Die Kunst 
der Griechen hat dess wegen nur da das höchste geleistet, wo ihr 
durch die Natur ihres Gegenstandes keine Aufgabe gestellt war, 
die sich nicht vollständig auf dem bezeichneten Wege lösen liess: 
in der Plastik , im Epos , in der klassischen Form der Baukunst 
118 sind die Griechen unerreichte Muster für alle Zeiten geblieben, 
dagegen standen sie allem nach in der Musik weit hinter den 
Neueren zurück, weil diese Kunst ihrer Natur nach am meisten 
von allen aus dem schnell verschwindenden äusseren Elemente 
des Tons in das Innere des Geinhis und der subjektiven Stim- 
mung zurückweist; und | aus ähnlichen Gründen scheint ihre 
Malerei nur hinsichtlich der Zeichnung die Vergleichung mit der 
modernen auszuhalten. Selbst die griechische Lyrik, so gross 
und vollendet sie in ihrer Art ist, unterscheidet sich doch von 
der seelenvolleren und subjektiveren modernen nicht minder be- 
stimmt, als der metrische Vers der Alten vom gereimten der 
Neueren; und wenn kein späterer Dichter ein sophokleisches 
Drama hätte schreiben können, so fehlt es dafür der alten Schick- 
salstragödie im Vergleich mit der neuern seit Shakespeare an einer 
befriedigenden Entwicklung der Begebenheiten aus den Charak- 
teren, aus dem Innern der handelnden Personen, und sie hat inso- 
fern , ebenso , wie die Lyrik , atatt der vollen Entfaltung ihrer 
eigenthümlichen Kunstform in gewissem Sinne noch den epischen 
Typus. In allen diesen Zügen zeigt sich Ein und derselbe Cha- 
rakter; die griechische Kunst unterscheidet sich von der moder- 
nen durch ihre reine Objektivität, dadurch, dass der Künstler in 
seinem Schaffen nicht erst bei sich selbst, bei dem Innerlichen 



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[löO] Charakter der griechiscben Philosophie. 117 

seiner Gedanken und Gefühle verweilt, und in seinem Kunstwerk 
aof kein Inneres hinweist, das in demselben nicht zum vollen 
Ausdmck gekommen wäre. Die Form ist hier noch schlechthin 
erfhllt vom Inhalt, der Inhalt bringt sich seinem ganzen Umfange 
nach in der Form zum Dasein, der Geist ist noch in ungestörter 
Einheit mit der Natur, die Idee löst sich noch nicht ab von der 
Erscheinung. 

Der gleichen Eigenthümlichkeit müssen wir auch in der 
griechischen Philosophie zu begegnen erwarten; denn der Geist 
des hellenischen Volkes ist es, welcher diese Philosophie geschaf- 
fen, die hellenische Weltanschauung , welche sich in derselben 
ihren wissenschaftlichen Ausdruck gegeben hat. Und sie zeigt sich 
hier zunächst schon in einem Zuge, welcher sich freilich nicht 
ganz leicht auf einen erschöpfenden Begriff zurUckfllhren lässt, 
welcher aber doch jedem aus den Schriften und Bruchstücken der 
alten Philosophen entgegentritt : in der ganzen Art der Behand- 
lung, der ganzen Stellung, welche der Einzelne zu seinem Gegen- ^^^ 
stand einnimmt. Jene Unbefangenheit, die Hegel der alten 
Philosophie nachrühmt *), jene plastische Ruhe, mit der ein Par- 
menides, ein Plato, ein Aristoteles die schwierigsten Fragen behan- 
deln, ist das gleiche auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Den- 
kens, was wir auf dem der Kunst den klassischen Styl nennen. 
Der Philosoph reflektirt nicht erst auf sich selbst und seinen per- 
sönlichen Zustand, er braucht sich nicht erst mit einer Menge 
anderweitiger Voraussetzungen abzufinden, von seinen sonstigen 
Gedanken und Interessen zu abstrahiren, damit er zur reinen wis- 
senschaftlichen Stimmung gelange, sondern er ist von Hause aus 
schon darin ; er lässt sich daher in der Behandlung der wissen- 
schaftlichen Fragen weder durch fremde Meinungen, noch durch 



1) Gesch. d. Phil. I, 124. 

2) Man nehme z. B. die bekannten Aeiisserungen des Protagoras. „Aller 
Dinge Mass ist der Mensch, des Seienden, wie es ist, des Nichtseienden, wie 
CS nicht ist.'' »Von den Göttern habe ich nichts zn sagen, weder dass sie 
sind, noch dass sie nicht sind; denn vieles ist, was mich hindert, die 
Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens." Diese 
Satze waren für ihre Zeit im höchsten Grad anstössig, sie enthielten die 
Forderung einer rollstflndigen Umwälzung aller hergebrachten Begriffe. 
Aber in welchem Lapidarstyl, mit welcher klassischen Ruhe werden sie 
Torgetragen ! 



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118 Einleitung. 

die eigenen Wünsche stören ; er richtet sich von Anfang an rein 
auf die Sache, will sich in diese vertiefen und sie in sich wirken 
lassen, und er ist aus diesem Grunde bei den Ergebnissen sei- 
nes Denkens einfach beruhigt, das, was sich ihm als wahr .und 
wirklich darstellt, seinerseits anzunehmen bereit *). Diese Ob- 
jektivität war allerdings der griechischen Philosophie viel leich- 
ter gemacht, als der unsrigen : wo das Denken weder eine frü- 
here wissenschaftliche Entwicklung, noch ein festes religiöses 
Lehrgebäude vor sich hatte, konnte es die wissenschaftlichen 
Aufgaben, ganz von vorne anfangend, mit reiner Ursprüng- 
lichkeit in Angriff nehmen. Sie ist ferner nicht blos die Stärke, 
sondern auch die Schwäche dieser Philosophie ; denn sie ist 
wesentlich dadurch bedingt, dass der Mensch gegen sein eigenes 
Denken noch nicht misstrauisch geworden ist, dass er der sub- 
jektiven Thätigkeit, durch welche die Bildung seiner Vorstellun- 
gen vermittelt wird, und daher auch des Antheils, den diese Thätig- 
keit an ihrem Inhalt hat, sich erst unvollkommen bewusst ist, dass 
116 es ihm mit Einem Wort noch an Kritik gegen sich selbst fehlt. 
Aber der Unterschied der alten Philosophie von der neueren 
kommt ohne Zweifel schon hierin auf bezeichnende Weise zum 
Vorschein. 

Dieser Zug selbst aber kann uns auf weiteres aufmerksam 
machen. Jenes unbefangene Verhalten zu seinem Gegenstand 
war dem griechischen Denken nur desshalb möglich, weil es von 
einer viel unvollständigeren Erfahrung, einer beschränkteren 
Naturkenntniss, einer schwächeren Entwicklung des inneren Le- 
bens ausgieng, als das der Neuzeit. Je grösser die Masse der 
Thatsachen ist, die wir kennen, um so verwickelter werden auch 
die Aufgaben, welche bei dem Versuch ihrer wissenschaftlichen 
Erklärung zu lösen sind; je genauer einestheils die Vorgänge 
ausser uns in ihrer Eigen thümlichkeit erforscht sind, je mehr 
andererseits durch die Vertiefung des religiösen und sittlichen 
Lebens der Blick für die Selbstbeobachtung geschärft ist, und 
auch die geschichtliche Eenntniss menschlicher Zustände sich 
erweitert, um so weniger ist es möglich, die Analogie des mensch- 
lichen Geisteslebens auf die Naturerscheinungen , und die Ana- 
logie der äusseren Vorgänge auf die Bewusstseinserscheinungen 
zu übertragen, sich bei unvollkommenen, aus einer beschränkten 



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Charakter der grieohischen Philosophie. 119 

und einseitigen Erfahrung abstrahirten Erklärungen der That- 
aachen zu beruhigen, die Wahrheit unserer Vorstellungen ohne 
genauere Untersuchung vorauszusetzen. So ergab es sich von 
selbst, dass die Aufgaben, mit denen sich alle Philosophie zu 
beschäftigen hat, in der neueren Zeit eine theilweise veränderte 
Fassung und Bedeutung erhielten. Die neuere Philosophie be- 
ginnt mit dem Zweifel, inBaco mit dem Zweifel an der bisherigen 
Wissenschaft, in Descartes mit dem Zweifel an der Wahrheit 
unserer Vorstellungen überhaupt, depi absoluten Zweifel. Durch 
diesen Ausgangspunkt ist sie genöthigt, von Anfang an die Frage 
nach der Möglichkeit und den Bedingungen des Wissens in's Auge, 
zu fassen ; und zur Beantwortung dieser Frage stellt sie alle jene 
Untersuchungen über die Entstehung unserer Vorstellungen an, 
welche bei jeder neuen Wendung ihres Weges an Umfang, 
Gründlichkeit und Bedeutung gewonnen haben. Der griechischen 
Wissenschaft liegen diese Erwägungen zuerst ferne : sie wendet 
sich im guten Glauben an die Wahrheit des Denkens unmittel- 
bar der Erforschung des Wirklichen zu. Aber auch nachdem die- 
ser Glaube durch die Sophistik erschüttert, und die Nothwendig- 116 
keit einer methodischen Forschung durch Sokrates zur Anerken- 
nung gebracht ist, kommt es doch entfernt nicht zu jener genauen 
Zergliederung der Vorstellungsthätigkeit, wie sie in der neueren 
Philosophie seit Locke und Hume vorgenommen worden ist; 
selbst Aristoteles beschreibt wohl den Hervorgang der Begriffe 
aus der Erfahrung, aber die Bedingungen, von denen die Rich- 
tigkeit unserer Begiffe abhängt, hat er nur unvoUkomjnen unter- 
sucht, und an die Nothwendigkeit einer Unterscheidung zwischen 
ihren subjektiven und ihren objektiven Bestandtheilen scheint er 
gar nicht zu denken. Nicht einmal die nacharistotelische Skepsis 
gab zu gründlicheren erkenntnisstheoretischen Forschungen den 
Anstoss; der stoische Empirismus und der epikureische Sensualis- 
mus stutzt sich so wenig, wie die neuplatonische und neupytha- 
goreische Spekulation, auf Untersuchungen, durch welche die 
Mängel der aristotelischen Erkenntnisstheorie ergänzt würden. 
Die Kritik des Erkenntnissvermögens, welche für die neuere 
Philosophie so grosse Bedeutung erlangt hat, ist in der alten nur 
zu einer verhältnissmässig schwachen Entwicklung gekommen. 
Wo es aber an einer klaren Erkenntniss der Bedingungen fehlt; 



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120 Einleitung. 

unter welchen die wissenschaftliche Forschung angestellt wird, 
da fehlt es nothwendig auch dem wissenschaftlichen Verfahren 
selbst an der Sicherheit^ welche eben nur die Beachtung jener 
Bedingungen verleihen kann, und so finden wir denn auch wirk- 
lich bei den griechischen Philosophen^ und selbst bei den grössten 
und umsichtigsten Beobachtern unter denselben, jene so oft ge- 
tadelte Neigung, mit ihren Untersuchungen vorzeitig abzu- 
Bchliessen, auf unvollständige oder nicht gehörig geprüfte Er- 
fahrungen allgemeine Begriffe und Sätze zu gründen, die nun als 
unanfechtbare Wahrheiten behandelt und weiteren Folgerungen 
zu Grunde gelegt werden; mit Einem Wort, jene dialektische 
Einseitigkeit, welche davon herrührt, dass man sieh gewisser 
allgemein angenommener, durch die Sprache befestigter, durch 
ihre anscheinende Naturgemässheit sich empfehlender Vorstel- 
lungen bedient, ohne ihre Herkunft und Berechtigung genauer zu 
untersuchen, und in ihrem Gebrauche ihre thatsächlichen Grund- 
lagen fortwährend im Auge zu behalten. Auch die neuere Philo- 
sophie hat ja in dieser Beziehung mehr als genug gefehlt, und es 
117 macht einen wahrhaft beschämenden Eindruck, wenn man die 
spekulative Ueberstürzung mancher neueren Philosophen mit 
der Umsicht vergleicht, die ein Aristoteles bei der Prüfung frem- 
der Ansichten und bei der Erörterung der verschiedenen, für die 
Begriffsbestimmungen in Betracht kommenden Gesichtspunkte an 
den Tag legt. Aber in dem Gesammtverlaufe der neueren Wis- 
senschaft hat sich doch die Forderung eines strengeren und ge- 
naueren Verfahrens immer mehr zur Geltung gebracht, und auch 
wo die Philosophen selbst dieser Forderung nicht genügend ent- 
sprachen , boten ihnen doch die übrigen Wissenschaften nicht 
allein eine weit grössere Masse von Thatsachen und empirisch 
festgestellten Gesetzen, sondern diese Thatsachen waren auch viel 
sorgfältiger untersucht und gesichtet, diese Gesetze viel genauer 
bestimmt, als diess zur Zeit der alten Philosophie möglich gewesen 
war. Auch diese höhere Entwicklung der Erfahrungs Wissen- 
schaften, welche unsere Zeit vor dem Alterthum auszeichnet, 
ist durch jenes kritische Verhalten zu unsern Vorstellungen be- 
dingt, an dem es der griechischen Philosophie, wie der grie- 
chischen Wissenschaft überhaupt, in so hohem Grade gefehlt hat. 
Mit der Unterscheidung des Subjektiven und Objektiven 



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-^tCKTf**' 



Charakter der griechischen Philosophie. 121 

in uDsem VorstelliiDgen gejht die Unterscheidung des Geistigen 
und des Körperlichen, der Vorgänge in unserem Innern und der 
Vorgänge ausser uns , Hand in Hand. Wie jener, so fehlt es 
auch dieser in der alten Philosophie im allgemeinen an ihrer vol- 
len Schärfe und Deutlichkeit. Der Geist tritt allerdings schon 
bei Anaxagoras der Körperwelt genentiber, und in der platoni- 
schen Schule werden sich beide grundsätzlich so schroff als mög- 
lich entgegengestellt. Aber trotzdem werden beide Gebiete von 
den griechischen Philosophen fortwährend vermischt. Einerseits 
werden die Naturerscheinungen , welche die Götterlehre direkt 
von menschenähnlichen Wesen hergeleitet hatte, immer noch 
wenigstens nach der Analogie des menschlichen Lebens erklärt; 
denn auf dieser Analogie beruht nicht allein der Hjlozoismus 
vieler älteren Physiker und der Glaube an eine Beseelung der 
Welt; dem wir bei Plato, den Stoikern und den Neuplatonikern 
begegnen, sondern auch jene Teleologie, welche bei der Mehr- 
zahl der Philosophenschulen seitSokrates die physikalische Natur-, 
erklärung beeinträchtigt und nicht selten völlig zurückgedrängt 118 
hat. Andererseits wird aber auch die eigenthtimliche Natur der 
psychischen Vorgänge nicht scharf aufgefasst; und wenn auch nur 
ein Theil der alten Philosophen für dieselben so einfache mute- 
rialistische Erklärungen aufstellte, wie manche von den vorsokra- 
tischen Physikern, später die Stoiker und Epikurc^er und auch ein- 
zelne Peripatetiker, so muss es doch auch an der spiritualisti- 
schen Psychologie eines Plato, Aristoteles und Plotin auffallen, 
wie wenig sie den Unterschied zwischen den bewussten und den 
bewusstlos wirkenden Kräften und die Aufgabe in's Auge fasst, 
die verschiedenen Seiten des menschlichen Wesens in ihrer per- 
sönlichen Einheit zu begreifen. Nur hieraus erklärt es sich, dass 
esdiese Philosophen so leicht nehmen, die Seele aus verschiedenen, 
ursprünglich heterogenen Bestandtheilen zusammenzusetzen, und 
eben daher kommt es, dass in ihren Vorstellungen über die Gottheit, 
die Weltseele, die Gestimgeister und ähnliche Wesen die Frage, 
wie es sich mit der Persönlichkeit derselben verhält, in der Re- 
gel so unbestimmt gelassen wird : wie erst in der christlichen Zeit 
das Gefühl von der Bedeutung und Berechtigung der Persönlich- 
keit sich zu seiner vollen Stärke entwickelt hat, so hat auch erst 
die neuere Wissenschaft den Begriff derselben scharf genug ge- 



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122 Einleitung. 

fasBt; um jene Vermisch ung von persönlichen und unpersönlichen 
Bestimmungen unmöglich zu machen ; welche uns bei den alteii 
Philosophen so oft begegnet. 

Der Unterschied der griechischen Ethik von der unsrigen 
ist schon oben berQhrt worden ; und dass das^ was hierüber gesagt 
wurde, auch von der philosophischen Ethik gilt, braucht kaum 
ausdrücklich bemerkt zu werden. So viel auch die Philosophie 
selbst dazu beigetragen hat , dass die altgriechische Auffassung 
des sittlichen Lebens in eine strengere, abstraktere und univer- 
salistischere Moral übergieng, so haben sich doch die charakteristi- 
schen Züge derselben in ihr nur allmählich, und bis in die letzten 
Zeiten des Alterthums nicht vollständig verwischt: erst nach Ari- 
stoteles ist jene enge Verbindung der Moral mit der Politik gelöst 
worden, welche für das hellenische Wesen so bezeichnend ist, und 
die ihm eigenthümliche ästhetische Behandlung der Ethik können 
wir selbst noch bei einem Plotin deutlich erkennen. 

Nun hat allerdings das geistige Leben des griechischen Vol- 
kes in dem Jahrtausend, welches zwischen der Entstehung und 
119 dem Ende der griechischen Philosophie in der Mitte liegt, höchst 
eingreifende Veränderungen erlitten, und die Philosophie selbst 
war eine der wirksamsten, von den Ursachen, welche diese Ver- 
änderungen herbeiführten. Wie sich überhaupt der Charakter des 
griechischen Geistes in ihr darstellt, so müssen sich auch alle die 
Umgestaltungen in ihr abspiegeln, welche derselbe im Laufe der 
Zeit erfahren hat ; und diess um so mehr, da die meisten und ein- 
flussreichsten philosophischen Systeme gerade der Periode ange- 
hören, in welcher die ältere Form des griechischen Geisteslebens 
sich allmählich auflöste, der menschliche Geist sich immer mehr 
aus der Aussenwelt zurückzog, um sich mit einseitiger Energie 
in sich selbst zu vertiefen, der Uebergang von der klassischen 
in die christliche und moderne Welt sich theils vorbereitete, theils 
vollzog. Lassen sich aber auch aus diesem Grunde die Bestim- 
mungen, welche für die Philosophie der klassischen Zeit gelten, 
nicht ohne weiteres auf die ganze griechiscbe Philosophie über- 
tragen, so ist der anfangliche Charakter derselben doch von we- 
sentlichem Einfluss auf ihren ganzen weiteren Verlauf ; und sehen 
wir auch in dem Ganzen ihrer Entwicklung die ursprüngliche 
Einheit des griechischen Geistes mit der Natur sich stufenweise 



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[102] Charakter der grieohiiohen Philosophie. 123 

auflösen^ so kommt es doch, so lange' wir uns überhaupt noch auf 
hellenischem Boden befinden, nicht zu der schroffen Trennung 
zwischen beiden, von welcher die neuere Wissenschaft ausgieng. 
Beim Beginn der griechischen Philosophie ist es zunächst 
die Aussenwelt; welche die Aufmerksamkeit auf sich zieht und 
die Frage nach ihren Ursachen hervorruft; man unternimmt die 
Lösung dieser Frage ohne vorgängige Untersuchung der mensch- 
lichen Erkenntnissthätigkeit, und man sucht die Gründe der Er- 
BcbeinuDgen in solchem, was uns durch die äussere Wahrnehmung 
bekannt oder ihr wenigstens analog ist. Andererseits aber wer- 
den, gerade weil man zwischen derAussenwelt und der Welt des 
Bewusstseins noch nicht genau unterscheidet, den körperlichen 
Stoffen und Formen auch wieder Eigenschaften beigelegt und 
Wirkungen von ihnen erwartet, wie sie in Wahrheit nur geistigen 
Wesen zukommen. Diese Züge bezeichnen die griechische Phi- 
losophie bis auf Anaxagoras herab. Das philosophische Interesse 
beschränkt sich hier in der Hauptsache auf die Betrachtung der 
Natur und auf Vermuthungen über die Gründe der Naturerschei- 
nungen; die Thatsachen des Bewusstseins werden noch nicht in 120 
ihrer Eigenthümlichkeit erkannt und untersucht. 

I Gegen diese Naturphilosophie erhebt sich die Sophistik, indem 
sie dem Menschen die Fähigkeit zur Erkenntniss der Dinge ab- 
spricht, und ihn statt dessen auf seine eigenen praktischen Zwecke 
verweist. Aber schon in Sokrates lenkt die Philosophie wieder 
zur Erforschung des Wirklichen um, mag es auch zunächst noch 
nicht zur Aufstellung eines Systems kommen, und wenn die klei- 
neren sokratischen Schulen sich mit der Verwendung des Wis- 
sens für die eine oder die andere Seite des menschlichen Geistes- 
lebens begnügen, so lässt sich doch die Philosophie im grossen 
bei dieser subjektiven Fassung des sokratischen Princips so we- 
nig festhalten, dass sie sich | vielmehr jetzt gerade durch Plato 
und Aristoteles in den grössten Schöpfungen der griechischen 
Wissenschaft zu umfassenden Systemen vollendet. Diese Systeme 
stehen nun freilich der neuern Philosophie, auf die sie so bedeu- 
tend eingewirkt haben, um vieles näher, als die vorsokratische 
Physik. Die Natur gilt in ihnen weder für den einzigen, noch für 
den wichtigsten Gegenstand der Forschung, der Physik tritt die 
Ethik in gleicher, die Metaphysik in höherer Bedeutung zur Seite, 



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124 Einleitung. [103. 104] 

und das Ganze erhält durch Untersuchungen über den Ursprung 
derErkenntniss und die Bedingungen 'des wißsenschaftlichen Ver- 
fahrens eine festere Grundlage- Von der sinnlichen Erscheinung 
wird ferner die unsinnliche Form unterschieden, wie das wesen- 
hafte vom zufälligen, das ewige vom vergänglichen ; nur im Er- 
kennen dieses unsinnlichen Wesens, nur im reinen Denken wird 
das höchste und wahrste Wissen gesucht, und selbst flir die Na- 
turerklärung wird der Erforschung der Formen und Zwecke vor 
der Kenntniss der physikalischen Ursachen der Vorzug gegeben ; 
es wird im Menschen von dem sinnlichen Theil seiner Natur der 
höhere seinem Wesen und Ursprünge nach getrennt, es wird 
demgemäss auch die höchste Aufgabe des Menschen nur in seinem 
geistigen Leben und vor allem in seinem Erkennen gefunden. 
So vielfach sich aber die platonische und aristotelische Philosophie 
hierin neueren Systemen verwandt zeigt, so unverkennbar ist 
doch beiden das unterscheidende Gepräge des griechischen Gei- 
stes aufgedrückt, Plato ist Idealist, aber sein Idealismus ist nicht 
121 der moderne, subjektive : er hält nicht, wie Fichte, die objektive 
Welt für eine blosse Erscheinung des Bewusstseins, er setzt nicht 
vorstellende Wesen als das erste , wie Leibniz , er leitet auch 
die Ideen selbst nicht aus dem Denken ab , weder dem menschli- 
chen noch dem göttlichen , sondern das Denken aus der Theil- 
nahme an den Ideen. Das allgemeine Wesen der Dinge wird 
in den Ideen zu plastischen Gestalten hypostasirt, die Gegen- 
stand einer unsinnlichen Anschauung sind , wie die Dinge selbst 
Gegenstand der sinnlichen. Auch die platonische Erkenntniss- 
theorie hat nicht den gleichen Charakter, wie die entsprechenden 
Untersuchungen der Neueren. | Bei diesen ist die Hauptsache 
die Analyse der subjektiven Erkenntnissthätigkeit, sie 
fassen zunächst die Entwicklung des Wissens im Menschen nach 
ihrem psychologischen Verlauf und ihren Bedingungen in's Auge. 
Plato dagegen hält sich fast ausschliesslich an die objektive Be- 
schaffenheit unserer Vorstellungen, er fragt weit weniger 
nach der Art, wie dieAnschauungen und Begriffe in uns entstehen, 
als nach der Geltung, die ihnen an sich zukommt ; die Erkenntnis»- 
theorie verbindet sich daher bei ihm unmittelbar mit der Meta- 
physik, die Untersuchung über die Wahrheit der Vorstellung oder 
desBegriff^ fällt mit der über die Wirklichkeit der sinnlichen Er- 



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[104] Charakter der grie^chischeD Philosophie. 125 

scheinuog und der Idee zusammen. So tief ferner Plato die Er- 
scheinungswelt gegen die Idee herabsetzt; so weit ist er doch von 
der prosaischen und mechanischen Naturansicht der Neuzeit ent- 
fernt; die Welt ist ihm vielmehr der sichtbare Gott, die Gestirne 
sind lebendige^ selige Wesen ^ und seine ganze NaturerklUrung 
wird von jener Teleologie beherrscht, welche in der griechischen 
Philosophie seit Sokrates überhaupt eine so bedeutende Rolle 
spielt. Wenn endlich seineEthik den altgriechischen Boden durch 
die Forderung einer philosophischen ; auf die Wissenschaft ge- 
gründeten Tugend überschreitet; und wenn er durch die Flucht 
aus der Sinnen weit der christlichen Moral vorarbeitet; so wird 
dafür in der Lehre vom Eros der ästhetische; in den Einrichtun- 
gen des platonischen Staats der politische Charakter der griechi- 
schen Sittlichkeit aufs entschiedenste festgehalten; und trotz sei- 
nes moralischen Idealismus verläugnet auch seine Ethik jenen 
dem HeUenen angeborenen Sinn für Natürlichkeit ; Mass und 
Harmonie nicht; welcher sich bei seinen Nachfolgern in dem 
Grundsatz des naturgemässen Lebens und der ihm entsprechenden 
Tugend- und Güterlehre ausdrückt. Am deutlichsten tritt aber ^22 
wohl der griechische Typus in der Art hervor; wie die ganze Auf- 
gabe der Philosophie von Plato gefasst wird. Wenn dieser Phi- 
losoph die Wissenschaft von der Sittlichkeit und der Religion noch 
gar nicht zu trennen weisS; wenn ihm die Philosophie nichts an- 
deres ist; als die allseitig vollendete Geistes- und Charakterbil- 
dung; so erkennen wir hierin den Standpunkt des Griechen; für 
welchen die verschiedenen Lebens- und Bildungsgebiete schon 
desshalb weit weniger auseinanderfallen; als für unS; weil der 
Gmndgegensatz der geistigen und körperlichen Ausbildung bei 
ihm weniger entwickelt und gespannt war. Aber auch bei Ari- 
stoteles ist dieser Standpunkt noch deutlich genug ausgeprägt; 
so modern sich auch im übrigen die rein^ wissenschaftliche Hal- 
tung; die nüchterne Strenge; der breite empirische Unterbau sei- 
nes Systems im Vergleich mit dem platonischen ausnimmt. Auch 
ihm werden d\e Begriffe; in welchen das Denken die Eigen- 
schaften der Dinge zusammenfasst; unmittelbar zu objektiven; 
unserem Denken vorangehenden; ron den Einzeldingen zwar 
ihrem Dasein nach nicht getrennten; aber ihrem Wesen nach un- 
abhängigen Formen; und bei seinen Bestimmungen über die 



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126 Einleitung. [106] 

Art, wie sich diese Formen- in den Dingen zur Darstellung brin- 
geU; leitet ihn durchaus die Analogie des künstlerischen Schaffens. 
Wiewohl er daher den physikalischen Vorgängen und ihren Ur- 
sachen ungleich grössere Aufmerksamkeit schenkt, als Plato, so 
trägt doch seine ganze Weltansicht im wesentlichen denselben 
teleologisch ästhetischen Charakter, wie die platonische. Wäh- 
rend er den göttlichen Geist jeder lebendigen Berührung mit der 
Welt entrückt, kommt in seinem Begriff der Natur, als einer ein- 
heitlichen, mit vollendeter Zweckthätigkeit wirkenden Kraft, die 
poetische Lebendigkeit der altgriechischen Naturanschauung zum 
Vorschein; und ebenso erinnert es an den alten, mit dieser Natnr- 
anschauung in so nahem Zusammenhang stehenden Hjlozoismus, 
wenn Aristoteles der Materie als solcher ein Verlangen nach der 
Form beilegt, und eben hieraus alle Bewegung und alles Leben 
in der Körperwelt ableitet. Aecht griechisch sind femer seine 
Vorstellungen über den Himmel und die Gestirne, welche er mit 
Plato und der Mehrzahl der Alten theilt. Seine Ethik ohnedem 
bewegt sich durchaus in der Sphäre der hellenischen Sittlichkeit. 
Die sinnlichen Triebe werden von ihm als die Grundlage für's 
123 sittliche Handeln anerkannt, die Tugend ist ihm nichts anderes, 
als die Vollendung der natürlichen Thätigkeiten, das ethische 
Gebiet wird vom politischen zwar unterschieden, aber doch ist 
die Verbindung beider immer noch eine sehr enge, und in der 
Politik selbst treffen wir alle jene Züge, welche die hellenische 
Ansicht vom ^ Staatsleben mit ihren Vorzügen und ihren Män- 
geln so deutlich erkennen lassen: auf der einen Seite die Lehre 
von der natürlichen Bestimmung des Menschen zur politischen 
Gemeinschaft, von der sittlichen Aufgabe des Staats, von dem 
Werth einer freien Verfassung, auf der andern die Vertheidigung 
der Sklaverei und die Verachtung der Handarbeit. So haftet der 
Geist hier einestheils Qoch an seiner natürlichen Grundlage, und 
andererseits erhält die Natur eine unmittelbare Beziehung zum 
geistigen Leben: wir treffen bei einem Plato und Aristoteles weder 
den abstrakten Spiritualismus, noch die rein physikalische Natur- 
erklärung der modernen Wissenschaft, weder die Strenge und Uni- 
versalität unseres moralischen Bewusstseins, noch die Anerkennung 
der materiellen Interessen, die mit jener so häufig in Streit kommt. 
Die Gegensätze, zwischen denen sich das menschliche Leben und 



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[106. 107] Charakter der griechischen Philosophie. 127 

Denken bewegt, sind noch weniger entwickelt, ihr Verhältniss ist 
noch harmonischer und gefälliger, ihre Ausgleichung leichter, 
freilich aber auch oberflächlicher, als in der modernen, aus weit 
umfassenderen Erfahrungen, härteren Kämpfen und zusammen- 
gesetzteren Verhältnissen entsprungenen Weltansicht. 

Erst nach Aristoteles beginnt sich der griechische Geist der 
Natur so weit zu entfremden, dass sich die Weltanschauung der 
klassischen Zeit auflöst, und die christliche sich vorbereitet. Wie 
hedeutend sich in Folge davon auch das Aussehen der Philoso- 
phie verändert hat, wird später gezeigt werden. Nur um so 
merkwürdiger ist es aber, selbst in dieser Uebergangsperiode zu 
sehen, wie der altgriechische Standpunkt immer noch bedeutend 
genug nachwirkt, um die Philosophie dieser Zeit von der unsri- 
gen deutlich zu unterscheiden. Der Stoicismus hat keine selb- 
ständige Naturforschung mehr, . er zieht sich überhaupt von der 
objektiven Forschung einseitig auf das Interesse der moralischen 
Subjektivität zurück, aber die Natur gilt ihm darum doch für 
das höcbste und göttlichste, die alte Naturreligion wird eben als 
Verehrung der Naturkräfte von ihm vertheidigt, die Unterwer- 
fung unter das Naturgesetz, das naturgemässe Leben, ist sein J26 
Wahlspruch, die natürlichen Wahrheiten (yiMiäal Ivvowci) sind 
seine höchste Auktorität, und wenn er bei diesem Zurückgehen 
auf das ursprüngliche den bürgerlichen Einrichtungen nur einen 
bedingen Werth zugesteht, so betrachtet er daftir die Zusam- 
mengehörigkeit aller Menschen, die Ausdehnung der | politischen 
Gemeinschaft auf das ganze Geschlecht, in derselben Weise als 
eine unmittelbare Anforderung der menschlichen Natur, wie die 
Früheren das Staatsleben. Indem sich der Mensch hier von der 
Aussenwelt losreisst, um sich in der Kräftigkeit seines inneren 
Lebens gegen die äusseren Einflüsse abzuschliessen , stützt er 
sich doch zugleich noch durchaus auf die Ordnung des Welt- 
ganzen, der Geist fühlt sich noch zu sehr an die Natur gebun- 
den, um sich in seinem Selbstbewusstsein unabhängig von ihr ^u 
wissen. Ebendesshalb erscheint aber auch die Natur noch erfüllt 
vom Geiste, und der Stoicismus geht in dieser Richtung sogar 
Bo weit; dass der Unterschied des Geistigen und Körperlichen, 
welchen Plato und Aristoteles schon so deutlich erkannt hatten, 
ihm wieder verschwindet, und theils der Stoff unmittelbar belebt; 



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128 Einleitung. [106. 107] 

der Geist seinerseits zum stofflichen Pneuma; zum künstlerisch 
bildenden Feuer gemacht wird^ theils alle Zwecke und Gedanken 
des Menschen mit der äusserlichsten Teleologie in die Natur über- 
tragen werden. 

In anderer Weise äussert sich die Eigenthümlichkeit des 
griechischen Wesens im Epikureismus. Der Hylozoismus und 
die Teleologie sind hier einer durchaus mechanischen Naturer- 
klärung^ die Vertheidigung der Volksreligion ist ihrer aufkläre- 
rischen Bestreitung gewichen ^ und der Einzelne sucht seine 
Glückseligkeit nicht in der Hingebung an das Gesetz des Gau- 
zeU; sondern in der ungestörten Sicherheit seines individuellen 
Lebens. Aber das naturgemässe gilt auch dem Epikureer als 
das höchste^ und wenn die äussere Natur theoretisch zum geist- 
losen Mechanismus herabgesetzt wird, so bemüht er sich nur um 
80 mehr^ im menschlichen Leben jene schöne Einheit der selbsti- 
schen und der wohlwollenden Triebe, des sinnlichen Genusses 
und der geistigen Thätigkeit herzustellen, welche den Gtu-ten 
Epikurs zu einem Stammsitz attischer Feinheit und anmuthiger 
Geselligkeit gemacht hat. Und diese Bildungsform ist hier noch 
125 ohne die polemische Schärfe, welche neueren Wiederholungen 
derselben vermöge ihres Gegensatzes gegen die Strenge der 
christlichen Sittenlehre anhaften musste, die Berechtigung des 
sinnlichen Elements erscheint als natürliche Veraussetzung, die 
nicht erst einer besondem Rechtfertigung bedarf ; wie sehr uns 
daher der Epikureismus an neuere Erscheinungen erinnern mag, 
bei genauerer Untersuchung lässt sich auch hier der Unterschied 
des urspsrünglichen und naturwüchsigen von dem abgeleiteten 
und reflektirten nicht verkennen. | 

Aehnlich verhält es sich mit der Skepsis dieser Zeit, wenn 
wir sie mit der moderneu vergleichen. Die letztere hat immer 
etwas unbefriedigtes, eine innere Unsicherheit, einen geheimen 
Wunsch, das zu glauben, g^en das ihre Beweise gerichtet sind. 
Die antike Skepsis ist frei von dieser Halbheit, sie weiss nichts 
von der hypochondrischen Unruhe, die selbst ein HüME ^) so leb- 
haft schildert, sie betrachtet das Nichtwissen nicht als ein Un- 



1) Ueber d. menschl. Natur Istes Buch, 4ter Th., 7ter Absohn. 1, 509 S. 
der Uebersetzung von Jakob. 



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[108. 109] Charakter der griechiBcben Philosophie. 129 

glück, sondern als eine Naturnothwendigkeit; in deren Erkennt- 
niss der Mensch sich beruhigt. Noch in seinem Verzicht auf die 
Erkenntniss bewahrt er sich hier die Stimmung, der thatsäch- 
lichen Ordnung der Dinge sich zu fügeu; und er schöpft eben 
hieraus die Ataraxie, welche der neueren, von subjektiveren In- 
teressen beherrschten Skepsis in dieser Weise fremd ist ^). 

Sogar der Neuplatonisinus hat seinen Schwerpunkt doch 
immer noch in der antiken Welt, so weit er auch von der alt- 
griechischen Sinnesweise abliegt, und so entschieden er sich der 
mittelalterlichen annähert. Es erhellt diess nicht blos aus seiner 
nahen Beziehung zu den heidnischen Religionen, deren letzter 
Vertheidiger er gewiss nicht wäre, wenn ihn keine wesentliche 
innere Verwandtschaft mit ihnen verknüpfte; sondern auch an 
seinen philosophischen Lehren lässt es sich nachweisen. Sein ab- 
sti'akter Spiritualismus contrastii't allerdings stark genug mit dem 
Naturalismus der Früheren; aber wir dürfen seine Naturansicht 
nur mit derjenigen der gleichzeitigen Christen vergleichen, wir 
dürfen nur hören, wie warm Plotin die Herrlichkeit der Natur 126 
gegen gnostische Natur Verachtung in Schutz nimmt, wie lebhaft 
noch Proklus und Simplicius die christliche Schöpfungslehre be- 
streiten, um auch in ihm einen Sprössling des griechischen Geistes 
zu erkennen. Selbst die Materie wird dem Geiste durch die neu« 
platonische Lehre näher gerückt, als wenn man mit der Mehr- 
zahl der neueren Philosophen in beiden ursprünglich verschiedene 
Substanzen sieht*; denn wenn die Neuplatoniker der Annahme 
einer selbständigen Materie widersprachen und das Körperliche 
durch allmähliche Abschwächung aus dem Geistigen entstehen 
Hessen, so erklärten sie ebendamit den Gegensatz beider Prin- 
cipien nicht für einen ursprünglichen und absoluten, sondern für 
einen abgeleiteten und blos quantitativen. | So abstrus endlich 
die neuplatonische Metaphysik, namentlich in ihrer späteren Ge- 
stalt, uns erscheinen muss, so ist sie doch in ähnlicher Weise ent- 
standen wie die platonische Ideenlehre : indem die Eigenschaften 
und Ursachen der Dinge zu fürsichseienden, über der Welt 
und dem Menschen stehenden Wesen, zu Gegenständen einer 
intellektuellen Anschauung gemacht wurden; und wenn sich 

1) M. Tgl. hierüber Heoet/s treffende Bemerkungen Gesch. d. Phil. 
I, 124 f. 
Philo«, d. Or. I. Bd. I. Aufl. ^^ 



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130 Einleitung. [109] 

diese Wesen in einem bestimmten Verhältniss der Ueber-, Unter- 
und Beiordnung zu einem immer weiter ausgesponnenen Götter- 
reich ordnen; erscheinen sie als das metaphysische Gegenbild 
der mythischen Götterwelt, welche die neuplatonische Allegorik 
ja auch wirklich in ihnen wiederfand^ und ihr stufenweiser Her- 
vorgang aus dem Urwesen als das Gegenbild jener Theogonieen, 
mit welchen die griechische Spekulation in der Urzeit begon- 
nen hat. 

Während sich demnach der Geist in der mittelalterlichen Phi- 
. losophie in seiner Entfremdung gegen die Natur behauptet; in 
der neueren aus dieser Entfremdung zur Einheit mit ihr zurttck- 
strebt; ohne doch das tiefere Bewusstsein des Unterschieds von 
Geistigem und Natürlichem zu verlieren, so zeigt uns die grie- 
chische Philosophie diejenige Gestaltung des wissenschaftKchen 
Denkens, in der sich die bestimmtere Unterscheidung und schrof- 
fere Trennung beider Elemente aus ihrem ursprünglichen Gleich- 
gewicht und ihrem ruhigen Ineinandersein entwickelt, ohne 
sich doch innerhalb ihrer schon wirklich zu vollenden. Wiewohl 
aber hienach sowohl in der griechischen als in der modernen 
Philosophie beides ist, Unterscheidung und Zusammenfassung 
127 des Geistigen und des Natürlichen, so ist es doch in jeder von 
beiden auf verschiedene Weise und in verschiedener Verbindung. 
Für die griechische Philosophie ist das ursprüngliche, wovon sie 
ausgeht, jenes harmonische Verhältniss des Geistes zur Natur, 
worin die unterscheidende Eigenthümlichkeit der klassischen Bil- 
dung überhaupt liegt, und nur Schritt für Schritt, und fast un- 
willkührlich, sieht sie sich zu ihrer schärferen Unterscheidung 
gedrängt; die unsrige hat diesen, im Mittelalter so schroff g'efass- 
tenr Gegensatz in seiner ganzen Weite schon vor sich, und nur mit 
Anstrengung gelingt es ihr, die Einheit seiner beiden Seiten zu 
finden. Diese Verschiedenheit des Ausgangspunktes und der 
Richtung ist für den ganzen Charakter der beiden grossen Er- 
scheinungen massgebend. Die griechische Philosophie endet 
allerdings schliesslich in einem Dualismus, dessen wissenschaft- 
liche Ueberwindung ihr nicht | mehr möglich ist, und schon in 
ihrer Blüthezeit lässt sich die Entwicklung dieses Dualismus nach- 
weisen : die Sophistik bricht mit dem unbefangenen Glauben an 
die Wahrheit der Sinne und des Denkens, Sokrates mit der re- 



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[110. 111] Charakter der griechiichen Philosophie. 131 

flexionslosen Hingebung an die bestehende Sitte, Plato stellt 
der empirischen eine ideale Welt gegenüber^ aus der er die ers- 
tere so wenig ableiten kann, dass er die Materie nur für ein nicht 
seiendes zu erklären, und das menschliche Leben nur durch die 
Gewaltmassregeln seines Staats der Idee zu unterwerfen weiss; 
selbst Aristoteles hält den reinen Geist ausser der Welt fest, und 
lässt dem Menschen seine Vernunft nur von aussen her zukom- 
men. Noch klarer liegt dieser Dualismus bei den kleineren so- 
kratischen Schulen und in der nacharistotelischen Philosophie vor 
Augen. Aber wie wir gesehen haben, dass sich trotz dem die 
ursprüngliche Voraussetzung des griechischen Denkens immer 
wieder in entscheidenden Zügen geltend macht, so werden wir 
auch seine Unfähigkeit zur genügenden Vermittlung der Gegen- 
sätze gerade daraus zu erklären haben, dass es von jener Voraus- 
setzung nicht loskommt: diejenige Einheit des Geistigen und Na- 
türlichen, die es fordert und voraussetzt, ist eben die unmittelbare^ 
ungebrochene der klassischen Weltanschauung; nachdem sich 
diese aufgelöst hat, bleibt ihm kein Mittel, um die Kluft zu 
schliessen, die auf seinem Standpunkt gar nicht vorhanden sein 
durfte. Liegt es daher auch in der Natur der Sache, dass sich 
der eigenthümlich hellenische Charakter nicht in allen griechi- 
schen Systemen gleich stark ausprägt, und dass er namentlich in 128 
der letzten Periode der griechischen Philosophie allmählich mit 
fremdartigen Zügen verschmilzt, so lässt er sich doch in allen, 
theils mittelbar, theils unmittelbar, deutlich genug erkennen, und 
die griechische Philosophie als Ganzes bewegt sich in derselben 
Richtung, wie das sonstige Leben des Volkes, dem sie angehört. { 



Vierter Abschnitt. 

Die HanptentwickluDgsperioden der griecliisclien 
PliilosopMe. 

Wir haben drei Perioden der griechischen Philosophie imter- 
Bchieden,*von denen die zweite mit Sokrates beginnt und mit 
Aristoteles endet. Die Richtigkeit dieser Unterscheidung muss 
aber evAt näher untersucht werden. Ob sich diess freilich der 

9* 



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132 Einleitung. [111. 112] 

Muhe verlohnt, darüber könnte man zweifelhaft werden, wenn 
selbst ein so verdienter Bearbeiter unseres Gebietes, wieKiTTEU*), 
der Meinung ist, die Geschichte selbst kenne keine Abschnitte^ 
allePeriodentheilung sei desshalb nur ein Mittel zur Erleichterung 
des Unterrichts, nur eine Aufstellung von Rubepunkten zum 
Athemholen ; wenn sogar eine Stimme aus der hegePschen Schule ') 
uns erklärt, { man könne die Geschichte der Philosophie nicht nach 
Perioden schreiben, nur Persönlichkeiten und Congregationen bil- 
den die Gliederung der Geschichte. An der letzteren Bemerkung 
ist nun allerdings so viel richtig, dass man eine Reihe geschicht- 
licher Erscheinungen nicht einfach nach der Zeitordnung quer 
durchschneiden kann, ohne zusammengehöriges zu trennen und 
sachlich getrenntes zu verbinden; denn die Grenzen der aufein- 
anderfolgenden Entwicklungen schieben sich der Zeit nach in 
einander, und eben darauf beruht die Stetigkeit und der Zusam- 
menhang des geschichtlichen, wie des natürlichen Wachsthums, 
129 dass das neue schon beginnt und sich zu einer selbständigen Ge- 
stalt herausarbeitet, ehe noch das alte gänzlich vom Schauplatz 
abgetreten ist. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Eintheilucg 
in Perioden überhaupt zu verwerfen ist , sondern nur , dass sie 
sachlich, und nicht blos chronologisch verstanden werden muss: 
jede Periode dauert so lange , als ein geschichtliches Ganzes in 
seiner Entwicklung derselben Richtung folgt, wenn es diese ver- 
lässt, beginnt eine neue; wie lang aber die Richtung dieselbe sei, 
diess ist hier, wie immer, nach dem Theil, in welchem der 
Schwerpunkt des Ganzen liegt, zu beurtheilen, und wo aus einem 
gegebenen Ganzen ein neues sich abzweigt, da sind seine An- 
fänge in dem Mass in die folgende Periode herüberzuziehen, in 
dem sie sich von dem bisherigen geschichtlichen Zusammenhang 
ablösen und zu einer eigenen Reihe gestalten. Meint man aber, 
diese Zusammenfassung verwandter Erscheinungen diene nur der 
Bequemlichkeit des Geschichtschreibers oder des Lesers, die 
Sache selbst gehe sie nichts an , so haben dem schon die Erör- 
terungen unseres ersten Abschnitts hinlänglich begegnet. Und 
auch abgesehen davon wird man zugeben, dass es wenigstens für 
jenen Zweck der Bequemlichkeit nicht gleichgiltig ist , wo die 

1) Gesch. d. Phil. 2. Ausg. 1. B. Vorr. S. XUI. 

2) Mabbach Gesch. d. Phil, f, Vorr. S. VIU. 



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[112. 113] Hanptentwicklungsperloden. 133 

EinschDitte in einer geschichtlichen Darstellung gemacht werden. 
Dann kann es aber auch f(ir die Sache selbst nicht gleichgiltig 
sein : wenn die eine Abtheilung eine bessere Uebersicht gewährt, 
als die andere, so kann diess nur den Grund haben, dass jene 
von den Unterschieden und Verhältnissen der geschichtlichen Er- 
scheinungen ein treueres Bild giebt, als diese, die Unterschiede 
liegen mithin nicht blos in unserer subjektiven Betrachtung, son- 
dern im Gegenstand. Es ist ja auch wirklich unläugbar, | dass 
nicht nur verschiedene Individuen, sondern auch verschiedene 
Zeiten einen verschiedenen Charakter haben, dass sich die Ent- 
wicklung eines grösseren oder kleineren Kreises eine Zeit lang in 
einer bestimmten Richtung bewegt, dann umwendet und andere 
Wege einschlägt. Diese Einheit und Verschiedenheit des ge- 
schichtlichen Charakters ist es, wonach sich die Perioden zu rich- 
ten haben : die Periodentheilung soll das innere Verhältniss der 
Erscheinungen in den einzelnen Zeiträumen darstellen , und sie 
ist desswegen der Willkühr des Geschichtschreibers so wenig 
überlassen, als die Abtheilung der Gebirgszüge und Flussgebiete 
der des Geographen, oder die Bestimmung der Naturreiche der 130 
des Naturforschers. 

Fragen wir nun , wie es sich in dieser Beziehung mit der 
griechischen Philosophie verhält, so ergiebt sich schon aus un- 
serem zweiten Abschnitt, dass wir ihren Anfang nicht früher 
setzen dürfen, als Thaies, weil er zuerst, so viel uns bekahnt ist, 
über die Gründe aller Dinge in anderer als mythischer Weise 
geredet hat; mag auch das frühere Herkommen, die Geschichte 
der Philosophie mit Hesiod zu beginnen, immer noch nicht ganz 
verlassen sein ^). Als der nächste Hauptwendepunkt wird gewöhn- 
lich Sokrates betrachtet, mit dem man desshalb die zweite Periode 
zu eröffnen pflegt. Andere jedoch wollen die erste, hievon abwei- 
chend, schon längere Zeit vor ihm schliessen, wie Ast, Rixner 
undBraniss, oder umgekehrt über ihn hinaus verlängern, wie 
Hegel. Ast*) und Rixner*) unterscheiden in der Geschichte 
der griechischen Philosophie die drei Perioden des jonischen Re- 



1) Es findet sich diess noch bei Fries Gesch. d. Phil, und Deutihgisk 
im ersten Band seiner Gesch. d. Phil. 

2) Grandr. einer Gesch. d. Phil. 1. A. §. 43. 

3) Gesch. d. Phfl. I, 44 f. 



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134 Einleitung. [113.114] 

alismiiS; de» italischen Idealismus und der attischen Ineinsbildung 
beider. Die gleiche Unterscheidung des Eealismus und Idealis- 
mus legt auch Braniss *) zu Grunde, nur dass er jeder von den 
zwei ersten Perioden beide Richtungen zutheilt. Das griechische 
Denken ist nämlich ihm zufolge ebenso, wie das griechische Leben, 
durch den ursprünglichen Gegensatz des Jonischen und des Dori- 
schen bestimmt. Versenkung in die objektive Welt ist die |Eigen- 
thümlichkeit des jonischen, Versenkung in sich selbst die des dori- 
schen Stammes. Das erste ist nun, dass dieser Gegensatz in zwei 
parallelen Bichtungen der Philosophie , einer realistischen und 
einer idealistischen, sich entwickelt, das zweite, dass er sich in das 
Bewusstsein des allgemeinen Geistes aufhebt, das dritte, dass der 
Geist, nachdem er seinen Inhalt durch die Sophistik verloren hat, 
in sich selbst einen neuen und bleibenderen zu gewinnen sucht. 
Es ergeben sich daher nach Braniss drei Perioden der griechi- 
schen Philosophie. Die erste, mit Thaies und Pherecydes begin- 
181 nend, ist weiter durch Anaximander, Anaximenes und Heraklit 
auf der einen, Pjthagoras, Xenophanes und Parmenides auf der 
andern Seite vertreten, indem sich auf jeder ihrer Stufen der 
jonischen These eine dorische Antithese entgegenstellt; schliess- 
lich werden die Resultate der früheren Entwicklung von dem Jo- 
nier Diogenes und dem Dorier Empedokles in verwandter Weise 
zusammengefasst, es wird erkannt, dass das Werden ein Sein 
voraussetze, das Sein sich zum Werden aufschlicsse, Inneres und 
Aeusseres, Formbestimmung und Stoff gehen in das Bewusst- 
sein des allgemeinen Geistes zusammen , der erkennende Geist 
steht diesem gegenüber und hat ihn in sich zu reflektiren. Hiemit 
beginnt die zweite Periode, die sich sofort in drei Momenten ent- 
wickelt: durch Anaxagoras wird der Geist von dem räumlichen 
Objekt unterschieden, von Demokrit wird er diesem gegenüber 
als blos subjektives erfasst, von den Sophisten wird alle Objekti- 
vität in den subjektiven Geist selbst gesetzt, es kommt zu einem 
gänzlichen Aufgeben des Allgemeinen, zu einem in der sinnlichen 
Gegenwart ganz aufgehenden Geistesleben. Gerade in dieser Zu- 
rückziehung auf sich selbst geht aber dem Geist die Forderung auf, 
seine Wirklichkeit auf wechsellose Weise zu bestimmen, nach dem 



1) Gesch. d. Philos. s. Kaht I, 102 ff. 135. 150. f. 



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[114« 115J Hauptontwicklungspcrioden. 135 

absoluten Zweck zu fragen, aus dem Gebiet derNothwendigkeit In 
das der Freiheit einzutreten^ und in der Versöhnung beider das Ziel 
der Spekulation zu erreichen, es beginnt die dritte Periode, welche 
von Sokrates bis zumEnde der griechischen Philosophie herabreicht. 
Gegen diese Ableitung lässt sich jedoch manches einwenden. 
Zunächst werden wir schon die Unterscheidung eines jonischen 
Realismus und eines dorischen Idealismus in Anspruch nehmen 
müssen. Was hier dorischer Idealismus genannt wird, das ist, wie 
wir uns später^) tiberzeugen werden, weder Idealismus, noch ist 
es ! blos dorisch. Schon dadurch wird der ganzen Deduktion ihre 
Grundlage entzogen. Wenn ferner Ast und Rixner die jonische 
und die dorische Philosophie an zwei Perioden vertheilen, so ist 
diess bei der vollkommenen Gleichzeitigkeit und der lebhaften 
Wechselwirkung beider Richtungen ganz unzulässig, und es ist 
insofern allerdings richtiger, sie mit Braniss als Momente Eines 
zusammenhängenden geschichtlichen Verlaufs zu behandeln. Nur 182 
haben wir kein Recht, diesen Verlauf in zwei Abschnitte zu theilen, 
deren Unterschied dem Gegensatz der sokratischen und der vor- 
sokratiflchen Philosophie analog wäre. Keine von den drei Er- 
scheinungen, welche Braniss seiner zweiten Periode zuweist, hat 
diese Bedeutung. Die Atomistik, auch der Zeit nach schwerlich 
jünger, als Anaxagoras, ist ein naturphilosophisches System, wie 
nur irgend eines der früheren, und sie steht namentlich mit dem 
empedoklei'schen durch eine gleichartige Stellung zur eleatischen 
Lehre in einer so nahen Verwandtschaft, dass wir sie unmöglich 
in eine andere Periode verweisen können, als jenes. Ein Inter- 
esse, den Geist als das blos subjektive zu erfassen, tritt hier 
nicht Iiervor, es handelt sich ganz und gar um Naturerklärung. 
Ebenso werden wir in Anaxagoras einen Physiker, und zwar 
einen solchen erkennen, der gleichfalls älter zu sein scheint, als 
Diogenes, dem ihn Braniss nachsetzt. ' Auch sein weltbildender 
Verstand hat zunächst nur die Bedeutung eines physikalischen 
Princips, wie er denn auch gar keinen Versuch macht, das Ge- 
biet der Philosophie über die hergebrachten Grenzen hinaus zu 
erweitem. Es ist daher nicht begründet, vor ihm einen ebenso 
tiefen Einschnitt zu machen, wie vor Sokrates. Dass nicht ein- 
mal die Sophistik von den Systemen der ersten Periode zu tren- 

1} In der Einleitang zur ersten Periode. 

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136 Einleitung. [115. 116] 

neu ist, wird sogleich gezeigt werden. Wenn endlich Braniss den 
zwei Perioden, in welche er die vorsokratische Philosophie zer- 
theilt hat, den ganzen weiteren Verlauf bis zum Ende der griechi- 
schen Wissenschaft als dritte gegenüberstellt, so ist diess so un- 
förmlich, und die tiefgreifenden Unterschiede unter den späteren 
Systemen werden hiebei so wenig gewürdigt, dass schon dieser 
Eine Grund zur Verwerfung seiner Construction genügte. | 

Andererseits geht aber auch Hegel zu weit, w^enn er diese 
Unterschiede so gross findet, dass er dem Gegensatz der sokra- 
tischen zu den vorsokratischen Schulen im Vergleich mit ihnen 
nur einen untergeordneten Werth beilegt. Von seinen drei Haupt- 
perioden reicht nämlich die erste von Thaies bis auf Aristoteles, 
die zweite begreift die nacharistotelische Philosophie mit Aus- 
nahme des Neuplatonismus, die dritte den Neuplatonismus. Die 
138 erste, sagt er*), stelle den Anfang des philosophirenden Ge- 
dankens bis zu seiner Entwicklung und Ausbildung als Totalität 
der Wissenschaft in sich selbst dar. Nachdem hiemit die konkrete 
Idee erreicht ist, trete diese in der zweiten auf als in Gegensätzen 
sich ausbildend und durchführend, durch das Ganze der Weltvor- 
stellung werde ein einseitiges Princip hindurchgeführt, jede Seite 
bilde sich als Extrem gegen die andere in sich zur Totalität aus. 
Diess Auseinandergehen der Wissenschaft in die besonderen 
Systeme erfolge im Stoicismus und Epikureismus, gegen deren 
Dogmatismus die Skepsis das negative ausmache. Das afiirmative 
hiezu sei die Rücknahme des Gegensatzes in Eine Ideal- oder Ge- 
dankenwelt, die zur Totalität entwickelte Idee im Neuplatonismus. 
Erst innerhalb der ersten Periode tritt der Unterschied der alten 
Naturphilosophie von der späteren Wissenschaft als Eintheilungs- 
grund hervor, aber auch hier soll nicht Sokrates der Anfang einer 
neuen Entwicklungsreihe sein, sondern die Sophisten. Nachdem 

1) Gesch. der Philos. I, 182 (vgl. II, 378 f.), womit aber die frühere 
Unterscheidung von vier Stufen I, 118 f. nicht ganz zuBammenstimmt. — 
Aehnlich rechnet Deutinoeb, auf dessen Darstellung ich übrigens weder 
hier noch sonst näher eingehen will, (a. a. O. S. 78 ff. 140 ff. 152 f. 226 
fl*. 290) von Thaies bis Aristoteles Eine Periode, nach seiner Zählung die 
zweite, in der er dann wieder drei Zeiträume unterscheidet: 1) von Thaies 
bis Hcraklit, 2) von Anaxagoras bis auf die Sophisten, 3) von Sokrates bis 
Aristoteles. 



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[116. 117] HaaptentwickltingBperioden. 137 

die Philosophie in der ersten Abtheilung dieser Periode durch 
Anaxagoras zum Begriff des Nus fortgeschritten ist, wird dieser 
in der zweiten von den Sophisten , Sokrates und den unvollkom- 
menen Sokratikem als Subjektivität gefasst, und in der dritten 
gestaltet er sich als objektiver Gedanke, als Idee, zum Ganzen. 
Sokrates erscheint also hi6r nur als der Fortsetzer einer von an- 
dern begonnenen Bewegung, nicht als der Anfang eines neuen. 
An dieser Eintheilong muss aber zunächst schon das grossej 
Missverhältniss auffallen, das zwischen den drei Perioden hin- 
sichtlich ihres Inhalts stattfindet. Während die erste Periode 
einen ausserordentlichen Reichthum eigenthümlicher Erschei- 
nungen, und unter denselben die grossartigsten und vollendetsten 
Gestalten der klassischen Philosophie urafasst, ist die zweite und 
dritte auf wenige Systeme beschränkt, die an wissenschaftlichem 134 
Gehalt dem platonischen und aristotelischen unverkennbar nach- 
stehen. Schon diess lässt uns vermuthen, dass in der ersten Pe- 
riode allzu ungleichartiges zusammengefasst sei. Und wirklich 
ist auch der Unterschied des sokratischen vom vorsokratischen 
um nichts geringer, als der des nacharistotelischen vom aristoteli- 
schen. Durch Sokrates ist nicht nur eine schon vorhandene Denk- 
weise weiter entwickelt, sondern ein wesentlich neues Princip und 
Verfahren in die Philosophie eingeführt worden. Während alle 
frühere Philosophie unmittelbar aufs Objekt gerichtet war, wäh- 
rend die Frage nach dem Wesen und den Gründen der natür- 
lichen Erscheinungen in ihr die Grundfrage ist, von der alle an- 
dern abhängen, so hat Sokrates zuerst die Ueberzeugung ausge- 
sprochen , dass über keinen Gegenstand etwas gewusst werden 
könne, ehe sein allgemeines Wesen, sein Begriff, bestimmt sei, dass 
daher die Prüfung unserer Vorstellungen am Masstab des Begriffs, 
die philosophische Selbsterkenn tniss, der Anfang und die Bedin- 
gung alleö wahren Wissens sei; während die Früheren erst durch 
die Betrachtung der Dinge zur Unterscheidung der Vorstellung 
und des Wissens gekommen waren, macht er umgekehrt alle Er- 
kenntniss der Dinge von der richtigen Ansicht über die Natur des 
Wissens abhängig. Mit ihm beginnt daher eine neue Form der 
Wissenschaft, die Philosophie aus Begriffen; an die Stelle des 
fiüheren dogmatischen Philosophirens tritt das dialektische, und 
im Zusammenhang damit erobert sich die Philosophie auch dem 



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138 Einleitung. (117. 118] 

Umfang nach neue^ bisher unangebaute Gebiete : Sokrates selbst 
wird der Begründer der Ethik, Plato und Aristoteles trennen die 
Metaphysik von der Physik; die Naturphilosophie, früher die 
ganze Philosophie, wird jetzt zu einem Theil des Ganzen, welchen 
Sokrates ganz vernachlässigt, Plato stiefmütterlich genüg behan- 
delt, und selbst Aristoteles der ,, ersten Philosophie* an Werth 
nicht gleichgestellt hat. Diese Veränderungen sind so durchgrei- 
fend, sie betreffen so sehr den ganzen Charakter und Zustand der | 
Philosophie, dass es durchaus gerechtfertigt erscheint, mit So- 
krates eine neue Entwicklungsperiode derselben zu beginnen. 
Höchstens darüber könnte man zweifelhaft sein, ob dieser Anfang 
mit Sokrates selbst zu machen sei, oder mit seinen Vorläufern, den 
Sophisten. Wiewohl sich aber namhafte Stimmen ftir das letztere 
135 Verfahren erklärt haben ^), so scheint es doch nicht richtig. Die 
Sophistik ist allerdings das Ende der älteren Naturphilosophie, 
aber sie ist noch nicht der schöpferische Anfang eines neuen ; sie 
zerstört den Glauben an die Erkennbarkeit des Wirklichen mid 
mit ihm die Richtung des Denkens auf Erforschung der Natur, 
aber sie weiss keinen neuen Inhalt als Ersatz hieftir zu bieten ; sie 
erklärt den Menschen in seinem Handeln, wie in seinem Vorstellen, 
ftir das Mass aller Dinge, aber sie versteht unter dem Menschen 
nur den Einzelnen in aller Zufälligkeit seiner Meinungen und Be- 
strebungen, nicht das allgemeine wissenschaftlich zu erforschende 
Wesen des Menschen. So richtig es daher ist, dass die Sophisten 
mit Sokrates im allgemeinen den Charakter der Subjektivität 
theilen, so können sie darum doch nicht in derselben Weise, wie 
dieser, als Begründer einer neuen wissenschaftlichen Richtung be- 
trachtet werden, denn in der näheren Bestimmung ihres Stand- 
punkts gehen beide weit auseinander: die Subjektivität der So.- 
phisten ist nur eine Folge von dem, worin ihre philosopliische 
Leistung zunächst liegt, von der Auflösung des früheren Dogma- 
tismus, sie selbst dagegen, für sich genommen, ist das Ende aller 
Philosophie, sie führt nicht allein zu keiner neuen Erkenntniss, 
sondern auch nicht einmal, wie die spätere Skepsis, zu einer phi- 



1) Ausser Hegel nämlich auch K. F. Hermann (Gesch. d. Platonismns 
I, 217 ff.), Ast (Gesch. d. Phil. S. 96) und UEBERWEa (Grundr. d. Gösch, d. 
Phil. ly § 9), nur dass Hegel die zweite Abtheilung der ersten, Hermann und 
Ueberweg die zweite, Ast die dritte Hauptperiode mit den Sophisten erOfifuet« 



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[118. 119] Hauptentwicklnngsperioden. 139 

losophischen Geinüthsstimmung; sie zerstört vielmehr alles philo- 
Bophische Streheii; indem sie kein anderes Ziel übrig lässt^ als den 
Vortheil und das Belieben der Einzelnen. Die Sophistik ist eine 
indirekte Vorbereitung, nicht die positive Begründung des neuen, 
dieses selbst hat erst Sokrates gebracht. Nun pflegen wir aber 
auch sonst eine neue Periode erst da zu beginnen, wo das sie be- 
herrschende Princip positiv, mit schöpferischer Kraft und bestimm- 
tem Bewusstsein seines Zieles auftritt; wir eröffnen eine solche 
in der Religionsgeschichte mit Christus, nicht mit dem Verfall 
der I Naturreligionen und des Judenthums, in der Kirchenge- 
schichte mit Luther und Zwingli , nicht mit dem babylonischen 
Exil und dem Schisma der Päpste, in der Staatengeschichte mit 
der französischen Revolution, nicht mit Ludwig XV. Ebenso 186 
wird auch die Geschichte der Philosophie zu verfahren, und dem- 
nach Sokrates als den ersten Vertreter der Denkweise zu behan- 
deln haben; deren Princip er zuerst positiv ausgesprochen und 
in's Leben eingeführt hat. 

Mit Sokrates beginnt also die zweite Hauptperiode der grie- 
chischen Philosophie. Wie weit sie sich erstrecke, darüber sind 
die Ansichten noch weit getheilter , als über ihren Anfang. Die 
einen geben ihr Aristoteles zum Gronzpunkt ^), andere Zeno *) 
oder Karneades ^), eine dritte Klasse das erste Jahrhundert vor 
Christus *), wogegen ein vierter geneigt ist, den ganzen weiteren 
Verlauf der griechischen Philosophie bis auf die Neuplatoniker 
herab mit aufzunehmen ^). Die Entscheidung wird auch in die- 
sem Fall ganz davon abhängen, wie lange die philosophische 
Entwicklung durch die gleiche Grundrichtung beherrscht wird. 
Hier ist nun vorerst der enge Zusammenhang der sokratischen, 
platonischen und aristotelischen Philosophie unverkennbar. So- 
krates hat zuerst verlangt, dass alles Wissen und alles sittliche 
Handeln von der begrifflichen Erkenntniss ausgehe, und er hat 
dieser Forderung durch das von ihm aufgebrachte epagogische 



1) Bbavpu, Fbies u. a. 

2) Tkvhbmavv in fleinem grösseren Werk. 

3) TiEDEMAHH Geist d. spek. Phil. 

4) Tehnemahiv im Gmndriss, Ast, Reinhold^ Schlezebmacheb, Bitteb, 
UebbeweO'U. a. 

5) Bbajuss •• 0, 



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140 Einleitung. [119. 120] 

Verfahren zu entsprechen versucht. Die gleiche Ueberzeugung 
bildet den Ausgangspunkt des platonischen Systems; aber was 
bei Sokrates blos eine Regel für das wissenschaftliche Verfahren 
ist, das wird beiPlato zu einem metaphysischen Satz fortgebildet; 
hatte Sokrates gesagt : nur die Erkenntniss des BegriflFs ist ein 
wahres Wissen , so sagt Plato : nur das Sein des Begriffs ist ein 
wahres Sein, der Begriff allein ist das wahrhaft seiende. Aber 
auch Aristoteles, ti'otz seines Widerspruchs gegen die Ideenlehre, 
giebt diess zu , auch er erklärt die Form, oder den Begriff, für 
das Wesen und die Wirklichkeit der Dinge, die reine, für sich 
seiende Form, den abgezogenen, | auf sich selbst beschränkten 
187 Verstand, für das absolut Wirkliche. Was ihn von Plato scheidet, 
ist nur seine Ansicht über das Verhältniss der begrifflichen Form 
zu der sinnlichen Erscheinung und zu dem, was der Erscheinung 
als ihr allgemeines Substrat zu Grunde liegt, zum Stoffe. Wäh- 
rend die Idee nach Plato geti-eunt von den Dingen für sich ist, 
während aus diesem Grunde der begrifflose Stoff der Dinge von 
ihm schlechtweg für das Unw^irkliche erklärt wird, so ist nach 
aristotelischer Ansicht die Form in den Dingen, deren Form sie 
ist, es muss mithin dem stofflichen an ihnen eine Empfänglichkeit 
flir die Form beigelegt werden, die Materie ist nicht einfach das 
Nichtseiende, sondern die Möglichkeit des Seins, Stoff und Form 
haben den gkichen Inhalt, nur in verschiedener Weise, jener un- 
entwickelt, diese entwickelt. So entschieden diess aber der pla- 
tonischen Lehre in dieser ihrer Bestimmtheit widerspricht, und 
so lebhaft Aristoteles seinen Lehrer bestritten hat, so wird er 
doch der allgemeinen Voraussetzung der sokratisch-platonischen 
Philosophie, der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit des be- 
grifflichen Wissens und von der absoluten Wirklichkeit der Form, 
so wenig untreu, dass er vielmehr die Ideenlehre gerade desshalb 
verwirft, weil die Ideen nicht das substantielle, wahrhaft wirk- 
liche sein können, wenn sie von den Dingen getrennt seien. 

Bis hieher also haben wir einen stetigen Fortgang von Einem 
Princip aus, es ist Eine Grundanschauung, die sich in diesen drei 
grossen Gestalten ausführt, und wenn Sokrates im Begriff die 
Wahrheit des menschlichen Denkens und Lebens, Plato die ab- 
solute substantielle Wirklichkeit, Aristoteles nicht blos .das We- 
sen, sondern auch das formende und bewegende Princip des em- 



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[120. 121] Hauptentwicklungsperioden. 141 

pirisch wirklichen erkennt, so sehen wir hierin die Entwicklung 
Eines und desselben Gedankens. Mit den nacharistotelischen 
Schulen dagegen wird diese Entwicklungsreihe unterbrochen, 
und es beginnt eine neue Richtung des Denkens. Das rein wis- 
senschaftliche Interesse an der Philosophie tritt gegen das prak- 
tische zurück, die selbständige Naturforschung hört auf, der 
Schwerpunkt des Ganzen wird in die Ethik verlegt; und zum 
Beweis dieser veränderten Stellung lehnen sich alle nacharisto- 
telischen Schulen, so weit sie überhaupt eine metaphysische und 
physische Theorie haben, an | ältere Systeme an, deren Lehren 
sie zwar vielfach umdeuten, denen sie aber doch in allem wesent- 
lichen zu folgen die Absicht haben. Es ist nicht mehr die Er- 1S8 
kenntniss der Dinge als solche, um die es dem Philosophen in 
letzter Beziehung zu thun ist, sondern die richtige und befriedi- 
gende Beschaflfenheit des menschlichen Lebens. Um diese han- 
delt es sich auch bei den religiösen Untersuchungen, denen sich 
die Philosophie jetzt eifriger zuwendet; nur als ein Mittel für 
diesen praktischen Zweck wird die Physik von den Epikureern 
bezeichnet, und wenn die Stoiker allerdings den allgemeineren 
BetrachtuDgen über die letzten Gründe der Dinge einen selb- 
ständigeren Werth beilegen, so ist doch die Richtung derselben 
gleichfalls durch die ihrer Ethik bestimmt; ähnlich wird die Frage 
über das Kriterium von den einen nach praktischen Gesichts- 
punkten entschieden, wie von den Stoikern und Epikureern, 
während andere als Skeptiker alle Möglichkeit des Wissens auf- 
heben, um die Philosophie ganz auf ein praktisches Verhalten zu 
beschränken. Auch diese Praxis hat aber ihren Charakter geän- 
dert. Die frühere Verschmelzung der Ethik mit der Politik hat 
aufgehört, an die Stelle des Gemeinwesens, in dem der Einzelne 
für das Ganze lebt, tritt als sittliches Ideal der selbstgenügsame, 
auf sich zurückgezogene, in sich befriedigte Weise; nicht die 
Einführung der Idee in das Leben, sondern die Unabhängigkeit 
des Einzelnen von der Natur und der Menschheit, die Apathie, 
die Ataraxie, die Flucht aus der Sinnen weit erscheint als das 
höchste; und wenn das sittliche Bewusstsein allerdings in dieser 
seiner Gleichgiltigkcit gegen das Aeussere zu einer vorher un- 
erreichten Freiheit und Universalität kommt, wenn erst jetzt die 
Schranke der Nationalität überwunden, die Gleichheit und Zu- 



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142 Einleitung. [121. 122] 

sammengehörigkeit aller Menschen ^ der grosse Gedanke des 
Weltbtirgerthums anerkannt wird, so erhält dafür die Sittlich- 
keit einen einseitig negativen Charakter, wie er der Philosophie 
der klassischen Zeit fremd war. Die nacharistotelische Philo- 
sophie trägt mit Einem Wort das Gepräge einer abstrakten Sub- 
jektivität, und eben diess ist es, was sie von der früheren so we- 
sentlich unterscheidet, dass wir allen Grund haben, die zweite 
Periode der griechischen Philosophie mit Aristoteles zu schliessen. 
Nun könnte es freilich scheinen, ähnliches finde sich auch 
schon früher in der Sophistik und in den kleineren sokratischen 
Schulen. Aber diese Beispiele können nicht beweisen, dass die 
Philosophie im ganzen ihre spätere Richtung auch schon in der 
139 früheren Zeit gehabt habe. Denn fUr's erste sind es eben nur 
einzelne verhältnissmässig untergeordnete Erscheinungen, [welche 
das spätere in dieser Weise vorbilden, die massgebenden Systeme 
dagegen, durch, welche die Gestalt der Philosophie im ganzen 
und grossen zunächst bestimmt wird, .tragen einen andern Cha- 
rakter; und filr's zweite ist jene Verwandtschaft selbst, wenn 
man genauer zusieht, geringer, als man beim ersten Anblick 
glauben könnte. Die Sophistik hat nicht die gleiche geschicht- 
liche Bedeutung, wie die spätere Skepsis, sie ist nicht aus einer 
allgemeinen Ermattung der wissenschaftlichen Kraft, sondern 
zunächst nur aus der Abwendung von der herrschenden Natur- 
philosophie entsprungen, und sie hat nicht, wie jene, in einem 
unwissenschaftlichen Eklekticismus oder in einer mystischen Spe- 
kulation, sondern in der sokratischen BegriflFsphilosophie ihre po- 
sitive Ergänzung gefunden. Die Megariker sind mehr Ausläufer 
der eleatischen, als Vorläufer der skeptischen Lehre, ihre Zweifel 
richten sich ursprünglich nur gegen die sinnliche, nicht gegen 
die Vernunfterkenntniss, eine allgeineine Skepsis wird von ihnen 
nicht verlangt, und die Ataraxie, als praktisches Ziel der Skepsis, 
nicht angestrebt. Zwischen Aristipp und Epikur findet der merk- 
würdige Unterschied statt, dass jenem die augenblickliche und 
positive Lust das höchste ist, diesem die Schmerzlosigkeit als 
dauernder Zustand, jenem also der Genuss dessen, was die Aus- 
senwelt darbietet, diesem die Unabhängigkeit des Menschen von 
der Aussenwelt. Nur der Cynismus geht in der Gleichgiltigkeit 
gegen das Aeussere, in der Verachtung der Sitte und in der Ab- 



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[132. 123] Hanptentwicklungsperioden. 143 

Wendung von aller theoretischen Forschung weiter, als die Stoa, 
aber die vereinzelte Stellung dieser Schule und die unausgebil- 
dete Gestalt ihrer Lehre zeigt auch genügend; wie wenig aus ihr 
auf die ganze Denkweise ihrer Zeit geschlossen werden kann. 
Eben diess gilt aber von diesen unvollkommenen Sokratikem 
überhaupt : ihr Einfluss ist mit dem der platonischen und aristo- 
telischen Lehre nicht zu vergleichen ; und sie selbst machen sich 
eine bedeutendere Wirksamkeit unmöglich ^ weil sie es ver- 
schmähen; das Princip des begrifflichen Wissens zum System zu 
entwickeln. Erst nachdem der Zustand der griechischen Welt 
die eingreifendsten Veränderimgen erfahren hattC; konnten jene 
Bestrebungen mit grösserer Aussicht auf Erfolg wieder aufge- 
nommen werden. 

Mit Aristoteles schliesst also die zweite Periode, und mit uo 
Zeno, Epikur und der gleichzeitigen Skepsis beginnt die dritte. 
Ob nun diese bis an's Ende der griechischen Philosophie zu er- 
strecken sei; oder nicht; darüber könnte man zweifelhaft sein. 
Wir werden an | einem späteren Orte ^) finden; dass sich in der 
nacharißtotelischen Philosophie drei Abschnitte unterscheiden las-» 
seU; von denen der erste die Blüthezeit des StoicismuS; des Epi- 
kureismus und der älteren Skepsis umfasst; der zweite die Herr- 
schaft des EklekticismuS; die spätere Skepsis und die Vorläufer 
des Neuplatonismus ; der dritte den Neuplatonismus selbst in 
seinen verschiedenen Abwandlungen. Wollte man nun diese drei 
Abschnitte als dritte, vierte und fünfte Periode der griechischen 
Philosophie zählen; so erhielte man den Vortheil; dass sich die 
einzelnen Perioden der Ausdehnung nach viel gleicher würden, 
als wenn man alle drei zu Einer Periode verknüpft. Aber frei- 
lich, um wie viel sie sich an Dauer gleich werden, um ebensoviel 
werden sie ungleich an Inhalt, denn das Eine Jahrhundert vom 
Auftreten des Sokrates bis zum Tode des Aristoteles umfasst 
eine solche Fülle von wissenschaftlichen Leistungen; dass die 
acht oder neun folgenden Jahrhunderte zusammen keinen grös- 
seren Reichthum aufzuweisen haben. Und was die Hauptsache 
ist; die Philosophie bewegt sich während dieser neun Jahrhunderte 
in derselben Richtung einer einseitigen; dem rein theoretischen 



1) In der Einleitung zum dritten Theil. 

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144 Einleitung. [123. 124] 

Interesse an den Dingen entfremdeten^ aUe Wissenschaft auf die 
praktische Bildung luid die Glückseligkeit des Menschen be- 
ziehenden Subjektivität. Diesen Charakter trägt nicht blos der 
StoicismuS; Epikureismus und Skepticismus ; von denen diess 
bereits gezeigt wurde, nicht blos der Eklekticismus der römi- 
schen Periode, welcher das wahrscheinliche aus den verschie- 
denen Systemen durchaus nach praktischen Gesichtspunkten, 
nach dem Masstab des subjektiven Gefühls und Interesses, aus- 
wählt, sondern im wesentlichen auch der Neuplatouismus. Der 
genauere Beweis dieser Behauptung wird später gegeben wer- 
den, hier genügt es, daran zu erinnern, dass sich die Neuplato- 
niker zur Naturwissenschaft ganz in derselben Weise verhalten, 
141 wie die übrigen nacharistotelischen Schulen, dass sich ihre Phy- 
sik in derselben Richtung, nur noch einseitiger, bewegt, wie die 
stoische Teleologie, dass ebenso ihre Ethik der stoischen am 
nächsten verwandt ist, und nur die Spitze jenes ethischen Dua- 
lismus darstellt, der sich seitZeno entwickelt hat, dass der gleiche 
Dualismus für die Anthropologie durch den Stoicismus gleichfalls 
schon vorbereitet war, dass der ' Neuplatouismus zur Religion ur- 
sprünglich keine andere Stellung einnimmt, als die Stoa, dass 
selbst seine Metaphysik sammt der Lehre von der Anschauung 
der Gottheit den übrigen nacharistotelischen Systemen weit näher 
steht, als man beim ersten Anblick glauben könnte. In der neu- 
platonischen Emanationslehre wiederholt sich nämlich ganz un- 
verkennbar die stoische Lehre von der göttlichen Vernunft, 
welche das gesammte Weltall mit ihren Theilkräften durchdringt, 
und sie unterscheidet sich von ihr in letzter Beziehung nur durch 
jene Transcendenz des Göttlichen, aus der auch für den Men- 
schen die Forderung einer ekstastischen Berührung mit der 
Gottheit hervorgeht; diese Transcendenz selbst aber ist eine 
Folgö von der bisherigen Entwicklung der Wissenschaft, von 
der skeptischen Läugnung aller objektiven Gewissheit. Der 
menschliche Geist, hatte die Skepsis gesagt, hat absolut keine 
Wahrheit in sich. Er hat also, schliesst der Neuplatouismus, die 
Wahrheit absolut ausser sich, in seiner Beziehung zu dem Gött- 
lichen, das seinem Denken und der durch's Denken erkennbaren 
Welt jenseitig ist. Ebendesshalb aber ist die Vorstellung yon 
dieser jenseitigen Welt ganz nach subjektiven Gesichtspunkten 



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[124 125.] HauptentwioklangBperiocle'n. 145 

entworfen und auf die 'Bedürfnisse des Subjekts berechnet; and 
wie die verschiedenen Gebiete des Wirklichen den Theilen des 
menschlichen Wesens entsprechen^ so ist auch das ganze System 
darauf angelegt^ dem Menschen den Weg zur Gemeinschaft mit 
der Gottheit zu zeigen und zu eröifnen. Es ist also auch hier nicht 
das Interesse des objektiven Wissens als solches, sondern das des 
menschlichen Geisteslebens; von dem das System beherrscht wird, 
und auch derNeuplatonismus liegt noch in der Richtung, welche 
der nach aristotelischen Philosophie übel'haupt eigen ist. Wie- 
wohl ich daher dieser Frage kein übermässiges Gewicht beilegen 
möchte; ziehe ich es doch vor, die drei Abschnitte, in welche die 
Geschichte der Philosophie nach Aristoteles zei'tUllt; in Eine 
Periode zusammenzufassen; die ihrem äusseren Umfang nach U2 
freilich die vorangehenden weit übertrifft. > 

Ich unterscheide demnach drei Hauptperioden der griechi- 
schen Philosophie. Die Philosophie der ersten Periode ist Phy- 
sik; oder genauer physikalischer Dogmatismus; jenes, weil sie | 
zunächst nur die Naturerscheinungen ans ihren natürlichen Ur- 
sachen erklären will; ohne in den Dingen oder den Gründen der 
Dinge das Geistige vom Körperlichen bestimmt zu unterscheiden ; 
dieses, weil sie unmittelbar auf die Erkenntniss des Gegenständli- 
chen lossteuert; ohne den Begriff; die Möglichkeit und die Beding- 
ungen des Wissens vorher zn untersuchen. In der Sophistik er- 
reicht diese Stellung des Denkens zur Aussenwelt ihr Ende;, die 
Be&hignng des Menschen zur Erkenntniss der Wirklichkeit wird 
zweifelhaft; das philosophische Interesse wendet sich von der Na- 
tur ab; und es zeigt sich das Bedürfniss, auf dem Boden des 
menschlichen Bewusstseins ein höheres Princip der Wahrheit zu 
entdecken. Dieser Forderung entspricht Sokrates, indem er die be- 
griffliche Erkenntniss für den alleinigen Weg zum wahren Wis- 
sen und zur wahren Tugend erklärt; Plato folgert daraus weiter, 
dass nur die reinen Begriffe das wahrhaft wirkliche seien, er be- 
gründet dieses Princip im Streit mit der gewöhnlichen Vorstel- 
lungsweise dialektisch; und führt es zu einem die Dialektik; die 
Physik und die Ethik umfassenden System aus; Aristoteles end- 
lich zeigt in den Erscheinungen selbst den Begriff als ihr Wesen 
und ihre Entelechie auf; führt ihn in der umfassendsten Weise 
durch alle Gebiete des Wirklichen durch; und stellt zugleich die 

Philo«, d. Gr. T. Rfl. 1. Aiifl. 10 



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146 Einleitung. [126. 126] 

Grundsätze des wissenschaftlichen Verfahi«CD8 ftir die Folgezeit 
fest An die Stelle der einseitigen Naturphilosophie tritt so in der 
zweiten Periode^ eine Begriffsphilosophie, die von Sokrates be- 
gründet; durch Aristoteles sich vollendet. Indem aber so der Be- 
griff der Erscheinung gegenübertritt; jenem allein ein volles und 
wesenhaftes; dieser nur ein unvollkommenes Sein beigelegt wird; 
so entsteht ein Dualismus; der bei Plato zwar schroffer und un- 
vermittelter erscheint; den aber auch Aristoteles weder im Prin- 
•cip; noch im Resultat zu überwinden im Stande ist; denn auch 
143 er beginnt mit dem Gegensatz der Form und des Stoffs und en- 
digt mit dem Gegensatz Gottes und der Welt; des Geistigen und 
des Sinnlichen.* Nur der Geist in seinem Fürsichsein; der auf 
nichts äusseres gerichtete; in sich selbst befriedigte Geist ist das 
mangellose und unendliche; daS; was ausser ihm ist; kann diese 
seine innere Vollkommenheit nicht erhöhen; ist für ihn werthlos 
und gleichgültig. Auch für den menschlichen Geist wird daher 
die Aufgabe die seiu; in sich selbst und in seiner Unabhängigkeit 
von allem Aeussern seine unbedingte Befriedigung zu suchen. 
Indem sich das Denken dieser Richtung hingicbt; zieht es | sich 
aus dem Objekt auf sich selbst zurück; und die zweite Periode 
der griechischen Philosophie geht in die dritte über. ^ 

Kürzer lässt sich diess auch so darstellen. Der Geist; kön- 
nen wir sageu; ist sich auf der ersten Stufe des griechischen Den- 
kens xm^iittelbar in dem natürlichen Objekt gegenwärtig; auf der 
zweiten unterscheidet er sich von ihm; um im Gedanken des über- 
sinnlichen Objekts eine höhere Wahrheit zu gewinnen; und auf 
der dritten behauptet er sich im Gegensatz gegefl das Objekt; in 
seiner Subjektivität; als das höchste und unbedingt berechtigte. 
Weil aber damit der Standpunkt der griechischen Welt verlassen 
ist; ohne dass doch auf griechischem Boden eine tiefere Ver- 
mittlung jenes Gegensatzes möglich wärC; so verliert das Denken 
durch diese Losreissung vom Gegebenen seinen Inhalt; es ge- 
räth in den Widerspruch; die Subjektivität als das letzte und 
höchste festzuhalten; und ihr doch zugleich das Absolute in un- 
erreichbarer Transcendenz gegenüberzustellen; an diesem Widei*- 
spmch erliegt die griechische Philosophie. | 



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Erste Periode. >^* 

Die Yorsokratisehe Pbilosophie. 



Einleitung. ^ 

Feber den Charakter und Entwieklnngsgang der Philosophie 
in der ersten Periode. 

. Man pflegt in der vorsokratischen Zeit vier Schulen zu unter- 
scheiden : die jonische; die pythagoreische^ die eleatische und die 
sophistische. Den Charakter und das innere Verhältniss dieser 
Schulen bestimmt man theils nach dem Umfange theils nach dem 
Geist ihrer Untersuchungen. In ersterer Beziehung wird als die 
unterscheidende Eigenthtimlichkeit der vorsokratischen Periode 
die Vereinzelung der drei Zweige bezeichnet, welche später in 
der griechischen Philosophie verknüpft sind : von den Joniern, 
sagt man ; sei die Physik einseitig ausgebildet worden, von den 
Pythagoreem die Ethik, von den Eleaten die Dialektik, in der 
Sophistik sehen wir die Entartung und den Untergang dieser 
einseitigen, die miltelbare Vorbereitung einer umfassenderen 
Wissenschaft ^). Dieser Unterschied wissenschaftlicher Richtun- 
gen wird dann weiter mit dem Stammesunterschied des Jonischen 



1) ScHLBiESUACHER Gosch. d. Phil. S. 18 f. 51 f. Ritter Gesch. d. 
Phil. I, 189 ff. Bbiitdis Gesch. d. griech.-röm. Phil. I, 42 ff. Fichte's 
Zeitschr. f. Philos. XIII, (1844) S. 131 ff. Sp&ter, in seiner Geschichte der 
Entwicklungen d. griech. Phil. I, 40 ff., hat Bbandis dieses Schema yer- 
lassen; er bespricht hier 1) die ältere jonische Physik, mit Einschluss der 
heraklitischen Lehre; 2) die Eleflten; 3) die Versuche, den Gegensatz zwi- 
schen Sein and Werden zu vermitteln (Empeduklcs, Auaxagoras, Atomiätik) ; 
4) die pythagoreische Lehre; 5) die Sophistik. 

10* 



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148 CHarakter n. Entwicklung d. vorsokrat. Philosophie.- [128] 

145 und des Dorischen in Verbindung gebracht '); | andere *) legen 
den letztern ihrer ganzen Betrachtung der älteren Philosophie 
zu Grunde^ indem sie aus den Eigenthümlichkeiten des jonischen 
und des dorischen Charakters den philosophischen Gegensatz 
einer realistischen und einer idealistischen Weltanschauung ab- 
leiten. Wie dann hieran die weitere Eintheilung unserer Periode 
geknüpft wird, ist bereits gezeigt worden. 

Indessen ist weder die eine noch die andere von diesen Un- 
terscheidungen so richtig oder so eingreifend, wie hier vorausge- 
setzt wird. Ob die pythagoreische Lehre einen ethischen, die 
eleatische einen dialektischen Charakter trägt, ob wenigstens 
diese Elemente als massgebend fUr diese Systeme zu betrachten 
sind, wird später noch untersucht werden, und wir werden uns 
überzeugen, dass auch sie so gut, wie die übrige vorsokratischc 
Philosophie, aus dem naturwissenschaftlichen Interesse entsprun- 
gen sind, das Wesen der Dinge und zunächst der Naturerschei- 
nungen zu erforschen. Sagt doch auch Aristoteles ganz all- 
gemein, erst mit Sokrates haben die dialektischen und ethischen 
Untersuchungen begonnen, und die physikalischen aufgehört ^). 
Hermann hat daher ganz Becht mit der Bemerkung: von dem 

146 Standpunkt der alten Denker selbst aus lasse sich nicht behaup- 



1) SctiLiBiBRifACHEB E. E. O. S. 18 f. durch die Bemerkung: ^Jonisth 
sei das Sein der Dinge im Menschen überwiegend, ruhiges Anschauen in 
der epischen PoSsie, dorisch das des Menschen in den Dingen , der Mensch 
streitend gegen die Dinge, seine Selbständigkeit behauptend, sich selbst als 
Einheit verkündend in der lyrischen PoSsie. Aus jener die Physik bei den 
Joniern, aus dieser die Ethik bei den Pjthagoreern. Wie die Dialektik den 
beiden realen Zweigen gleich entgegengesetst sei, so seien auch die Eleaten, 
um weder Jonier noch Dorier zw sein, beides, das eine der Geburt^ das an- 
dere der Sprache nach.'' Aehnlich Rittkr a. a. O., weniger Bbandts 8. 47. 

2] Ast, Rixneb, Braniss, s. o. S. 133 f. Pbteksen philologisch >histor. 
Studien 8. 1 ff. Hermann Gesch. u. Syst. d. Plat. I, 141 f. 160; vgl. Böckh's 
geistreiche Bemerkungen in dieser Richtung, Philolaos 8. 39 ff. 

3) Part. anim. I, 1. 642, a, 24: bei den Früheren finden sich nur ver- 
einzelte Ahnungen der formalen Ursache: atttov Z\ toü (a^ ^Otiv tou( icpGyc- 
vE9T^pou( iiii xbv xpÖTCov Touiov , oti To ti ^v sTvai xai To Spfaa^Oai t^v ouaiav 
oöx f[v, aXX* {J^I'^TO [kh Av^fJLÖxptTo^ npoixo^, to^ oix avaYxouou $1 t^ fvioixij 
Occopio, aXX* Ixfspöfuvoc Cn* aCtou tov» npir(^OLXo^^ iiii Swxpatou« ^l xoSto |ilv 
i)^^Oy], ib $€ ^TixCiyf xa nepi ^liaeu»^ eXv)^«» ^po( Bl t^v xpil^tf^ov opcTJ^v xa\ xijv 
roXsTixT^v ar/xXtvav ot 9(Xo90^oOvte;. 



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[139] Dialektik, Physik, Ethik. ' 149 

tenj dasft die Dialektik; die Phjgik und die Ethik gleichzeitig 
und gleichgültig neben einander in's Dasein getreten wären; von 
einem leitenden ethischen Princip habe nicht eher die Rede sein 
können, als bis das Uebergewicht des Geistes über die Materie 
erkannt war, ebensowenig habe die Dialektik als solche mit Be- 
wusstsein geübt werden können, ehe die Form im Gegensatz mit 
dem Stoff ihre grössere Verwandtschaft zu dem Geiste geltend 
gemacht hatte; der Gegenstand aller philosophischen Versuche 
sei von Anfang an die Natur, und wenn auch die Forschung bei- 
läufig auf andere Gebiete gerathe, bleibe doch der Masstab, den 
sie anlege, ursprünglich dem naturwissenschaftlichen entnommen, 
ihnen fremdartig, wir tragen daher insofern nur unsem Stand- 
punkt in die Geschichte der frühesten philosophischen Systeme 
herein, wenn wir dem einen derselben einen dialektischen, dem 
andern einen ethischen, dem dritten einen physiologischen Cha- 
rakter beilegen, das eine als materialistisch, das andere als for- 
malistisch bezeichnen, während alle im Grunde das gleiche Ziel 
nur auf verschiedenen Wegen verfolgen ^). Die gesammte vor- 
sokratischjB Philosophie ist ihrem Inhalt und Zweck nach. Natur- 
philosophie, und mögen auch da und dort ethische oder dialek- 
tische Bestimmungen zum Vorschein kommen, so geschieht diess 
doch nirgends in solchem Umfang, und kein System unterschei- 
det sich in dieser Beziehung so durchgreifend von allen andern, 
dass wir es desshalb dialektisch oder ethisch nennen könnten. 

Schon dieses Ergebniss muss uns nun auch gegen die Unter- 
scheidung einer realistischen und einer idealistischen Philosophie 
misstrauisch machen. Ein wirklicher Idealismus ist nur da, wo 
das Geistige mit Bewusstsein vom Sinnlichen unterschieden und 
fhr das ursprünglichere gegen dieses erklärt wird. In diesem 
Sinn sind z. B. Plato, Leibniz, Fichte Idealisten. Wo aber diess 
geschieht, da wird sich immer auch das Bedürfniss herausstellen, 
das Geistige als solches zum Gegenstand der Untersuchung zu 
machen, es wird sich die Dialektik, die Psychologie, die Ethik von 
der Naturphilosophie ablösen. Wenn daher keine dieser Wissen- 
schaften vor Sokrates zu einiger Ausbildung gelangt ist, so be- 
weist diess, dass die bestimmtere Unterscheidung des Geistigen 



1) Qmch. o. Syst. d. Plat. I, 140 f. 

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150 Charakter u. Entwicklung d, vorsokrat. Philosophie. [130] 

U7 vom Sinnlichen und die Ableitung des letztern aus dem erstem, 
dass mithin der philosophische Idealismus überhaupt dieser Zeit 
noch fremd war. Wirklich sind auch weder die Py thagoreer noch 
die Eleateü Idealisten, sie sind es in^ keinem Fall mehr, als an- 
dere, die man der realistischen Seite zuweist. Im Vergleich mit 
der älteren jonischen Schule zeigt sich allerdings bei ihnen ein 
Hinausgehen über die sinnliche Erscheinung : während jene das 
Wesen aller Dinge in einem körperlichen [Jrstoff gesucht hatte, 
suchen es die Pythagoreer in der Zahl, die Eleaten in dem Seien- 
den ohne weitere Bestimmung. Allein für's erste gehen die beiden 
Systeme in dieser Beziehung nicht gleich weit; wenn vielmehr die 
Pythagoreer der Zahl, als der allgemeinen Form des Sinnlichen, 
dieselbe Stellung und Bedeutung geben^ wie die Eleaten seit Par- 
menides dem abstrakten Begriff des Seienden, gehen sie in der Ab- 
straktion von den Eigenschaften der sinnlichen Erscheinung lange 
nicht so weit, wie jene. Es wäre also jedenfalls nicht nur von 
zwei, sondern von drei philosophischen Richtungen zu spre- 
chen, einer realistischen, einer idealistischen und einer mittleren. 
Wir haben aber überhaupt nicht das Hecht, die italischen Philo- 
sophen als Idealisten zu bezeichnen. Denn wiewohl ihr Urwesen 
nach unsem Begriffen uukörperlicher Art ist, so fehlt ihnen doch 
die bestimmte Unterscheidung des Geistigen vom Körperlichen. 
Weder die pythagoreische Zahl noch das eleatische Eins ist eine 
von der sinnlichen verschiedene, geistige Wesenheit, wie die pla- 
tonischen Ideen , sondern unmittelbar von den sinnlichen Dingen 
selbst behaupten sie, dass sie ihrem wahren Wesen nach Zahlen, 
oder dass sie nur Eine unveränderliche Substanz seien ^). Die 
Zahl und das Seiende sind hier die Substanz der Körper selbst, 
der Stoff, aus dem sie bestehen, und sie werden aus diesem Grunde 
doch auch wieder sinnlich gefasst: die Zahlen- und die Grössen- 
bestimmungen laufen bei den Pythagoreern durcheinander, die 
Zahlen werden zu etwas räumlich ausgedehntem, und unter den 
Eleaten beschreibt selbst Parmenides das Seiende als raumerftil- 
lende Substanz. So wird auch in der weiteren Betrachtung der 



1) Diess mag immerhin der Sache nach (wie Steihhaet in der Hall. 
Allg. Literaturz. 1845, Novbr. S. 891 einwendet) widersprechend sein, daraus 
folgt nicht, dass es nicht die Meinung der alten Philosophen sein konnte. 



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[131] Realismus und Idealismus. 151 

Dinge Geistiges und Körperliches nicht auseinandergehalten. 
Die Pythagoreer erklären die Körper für Zahlen , aber auch die 
Tugend, die Freundschaft^ die Seele gelten ihnen für Zahlen oder 
Zahlenverhältnisse, ja die Seele wird wohl auch geradezu ftlr ein 
körperliches Ding gehalten *). Ebenso sagt Parmenides •), die 
Vernunft des Menschen richte sich | nach der Mischung seiner 
. körperlichen Theile, denn der Körper und das Denkende sei Ein 
und dasselbe ; und auch der berühmte Satz von der Einheit des 
Seins und des Denkens ^) hat bei ihm nicht den gleichen Sinn^ 
wie in neueren Systemen, er ist nicht, wie Ribbing will*), j,der 
Grundsatz des Idealismus*, denn er wird nicht daraus abgeleitet, 
dass alles Sein aus dem Denken stamme, sondern umgekehrt 
daraus, dass auch das Denken unter den Begriff des Seins falle ; 
idealistisch wäre er aber nur in dem ersteren Falle, ia dem an- 
dern bleibt er realistisch. So ist es ja auch da, wo Parmenides 
die Physik an seine Seinslehre anknüpft, nicht der Gegensatz des 
Geistigen und Körperlichen, sondern der des Lichten und Dun- 
keln, welcher dem des Seienden und Nichtseienden gleichgesetzt^ 
wird. Wenn daher Aristoteles von den Pythagoi*eern sagt, 
sie theilen mit den übrigen Naturphilosophen die Voraussetzung, 
dass die Sinnenwelt alles Wirkliche umfasse *), wenn er ihren 
Unterschied von Plato darin findet, dass sie die Zahlen für die 
Dinge selbst halten , während jener die Ideen von den Dingen 
unterscheide ^), wenn er die pythagoreische Zahl, trotz ihrer Un- 
körperlichkeit , als ein stoffliches Princip bezeichnet l), wenn er 

1) Abistot. De an. I, 2. 404, a 17. Weiteres S. 384 3. Aufl. 

2) y. 146 ff. 8. 8. 487 d. Aufl. Dass Parm. dieses nur im zweiten Theil seines 
Gedichts sagt (Steikuabt a. a. O. S. 892), beweist nichts gegen die An- 
wendung, welche im obigen von diesem Satz gemacht wird ; wenn ihm der 
Unterschied des Geistigen und Körperlichen überhaupt deutlich bewusst 
wäre, würde er sich auch in seiner hypothetischen Erklärung der Erschei- 
nungen nicht so äussern. 

3) V. 94 ff. unt. S. 473, 2 3. Aufl. 

4) Genet. Darst. d. piaton. Idoenlehre I, 378 Tgl. 28 f. 

6) Metaph. 1, 8. 989, b, 29 ff.: Die Pythagoreer haben zwar unsinnlicho 
rrincipien, nichtsdestoweniger beschränken sie sich ganz und gar auf Natur- 
erkl&rung, m^ ijiwXoyoÖVTes xot; aXXot; ^uatoXö^oi;, Sti xö f* ^^ '^^^'^^ ^^^ 
99oy ftfaOr^TÖv itjxi xai iztpi£\Xi\t^ty i xaXuü(ievo( oOpavö^. 

6) Metaph. I, 6. 987, b, 25 ff. 

7) Metaph. I, 5. 989, a, 15: ^aivoviai h^ x» oStoi tov apiOjjiöv vo(&(|^ovte( 



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152 Charakter n. Entwicklting d. xorsokrat; Philosophie. [132] 

149 ebenso den Parmenides mit einem ProtAgoras, Demokrit wid Em- 
pedokles unter der gemeinsamen Aussage zusammenfasst, sie ha- 
ben nur d^s Sinnliche für ein Wirkliches gehalten *), und wenn 
er eben hieraus die eleatische Ansicht | über die Sinnenwelt ab- 
leitet *)j so müssen wir ihm hierin durchaus Recht geben. Auch 
die italischen Philosophen fragen znnächst nur nach dem Wesen 
und den Gründen der sinnlichen Erscheinungen ; und suchen sie 
diese nun allerdings in dem^ was den Dingen sinnlich nicht wahr- 
nehmbares zu Grunde liegt; so gehen sie damit doch nur über die 
ältere jonische Physik, aber nicht über die Jüngern naturphilo- 
sophischen Systeme hinaus. Dass die wahre Beschaffenheit der 
Dinge nicht mit den Sinnen, sondern nur mit dem Verstand 
zu erfassen sei, lehrt auch Heraklit, Empedokles, Anaxagoraa 
und die Atomistik. Der Grund des Sinnlichen liegt auch nach 
ihnen im Unsinnlicjben. Selbst Demokrit, dieser ausgeprägte 
Materialist , hat füi* die Materie keine andere Bestinunung, als 
den eleatischeu Begriff des Seienden, Heraklit betrachtet als das 
bleibende in den Erscheinungen nur das Gesetz und Verhältniss 
des Ganzen, Anaxagoras vollends ist der erste, welcher den Geist 
klar und bestimmt vom Stoff unterscheidet, und desshalb von 
Aristoteles in einer bekannten Stelle weit über alle früheren er- 
hoben wird ^). Sollte daher der Gegensatz des Materialismus und 
Idealismus den Eintheilungsgrund für die ältere Philosophie ab- 
geben, so müsste dieße Eintheilung nicht blos mit Brakiss auf 
die Zeit vor Anaxagoras, sondern schon auf die vor Heraklit be- 



apx^^v c7vai xa\ toi ^Xr^v tot; o^at, xak &>( 7C&6y) te xa\ E^etf. Ebd. b, 6: eo{x9i9i $* t'*^ 
is öXijt vZti xi oxütyitia TaTieiv ^x toütcüv y«P ^i ^vu7:ap)^dvTfi>v ouvEot^vat xa\ 
ntnXMat ^aol x^v oua{av. 

1) Metaph. IV, 5. 1010, k, 1 (nachdem von Protagoras, Demokrit, Em- 
pedoklee und Parmenides gesprochen war): aiitov 8i i^^ 8ö(i}( toütoic, Sti 
7ccp\ |jlIv Tb>v ovKov T^jv aXiJOEiav laxöicouv, xa $' ovta ÖTCE'Xaßov slvgit loc alaOi^'^^ 

2) De coelo III, 1. 298, b, 21 ff. Extivot 81 [ol ntfi M^ioaov xe xa 
nap{jiEvi87}v] §ta xb [irfih [xkv aXXo napa x^v xä>v o(?96iixa>v oOaCav 67coXo4i,ß^vEiv 
sTvat, xoiauxac hi xiva^ [sc. axtvTjxou;] vofjvat Tcptoxoi ^üoecf EtitEp loxac xi; Y^tü9i( 
^ 9p(5vijai?, oÖTu) pLEXiivcfxfltv ljc\ xaux« xou; ExstÖEV X^you;. 

3) Metaph. I, 3. 984, b, 15: voOv $t{ xi« E?9ca>v Ivitvai xaSajup Iv xotc 
C({)oi; xä\ Iv xjS 9^061 xbv aTxiov xoC xöajxou xa't xtjc xa^Et^ K&ar^^ oTov v^i^^Dv 
ifivij Äop» c^x^J X^YOVta« xouc «p^xepov. 



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[133] Boftlismus und Idealtsmas; Jonieob und Dorisob. 153 

•chränkt werden ; auch hier lässt er sieb jedoch strenggenommen 
nicht anwenden; und reicht auch nicht aus, um die mittlere Stel* 150 
lang der Pythagoreer zwischen den Joniern und den Eleaten zu 
erklären. 

Weiter soll diese doppelte Richtung des wissenschaftlichen 
Denkens dem Gegensatz des Jonischen und des Dorischen ent- 
sprechen; und es sollen sich demnach alle Philosopheti bis auf 
SokrateS; oder doch bis auf Anaxagoras, an eine jonische und eine 
dorische Entwicklungsreihe vertheilen. Diess ist nun allerdings 
ungleich richtiger , als wenn man mit einigen Ton den Alten ^)| 
die ganze griechische Philosophie in eine jonische und eine ita- 
lische zerfallen wollte. Aber doch lässt sich diese Unterschei- 
dung auch an den älteren Schulen , sofern es sieh um die Dar- 
stellung ihres innem Verhältnisses handelt; schwerlich durch* 
fuhren. Zu den Doriern zählt Braniss Pherecydes, die Pythago- 
reer; die Eleateu; und Empedokles. Ast fllgt auch noch Leucipp 
und Demokrit bei. Wie jedoch Pherecydes unter die Dörfer 
kommt; lässt sich nicht absehen; und das gleiche gilt von Demo- 
krit; und wahrscheinlich -auch von Leucippus. Aber auch der 
Stifter des Pytbagoreismus war seiner Geburt nach ein jonischer 
KleinasiatC; und lässt sich in seiner Lebensrichtung der dorische 
Geist nicht Terkenneu; so scheint doch seine Philosophie zugleich 
auch den Einfluss der jonischen Physik zu verrathen. Empedo- 
kles stammt zwar aus einer dorischen Kolonie; aber die Sprache 
seiner Gedichte ist die des jonischen Epos. Die eleatische Schul« 
ist von einem Jonier aus Eleinasien gestiftet; sie hat auch ihre 
weitere Ausbildung in einer jonischen Pflanzstadt erhalten; und 
in einem ihrer letzten namhaften SprösslingC; in MelissuS; kehrt 



1) DiooEVSS I, 13; dass dieser hiebe! Alteren GewfthrsmAnnem folgt, 
erhellt (wie Bbahpis a. a. O. 8. 43 zeigt) daraus, dass er die von ihm ge- 
nannten Schulen nur bis auf Klitomachus (129 — 110 t. Chr.) herabführt. 
Aehnlich August» Civ. D. VIII, 2, der aristotelische Soholiast, SchoL in 
Arist. 323, a, 36, und der angebliche Galisn (bist. phil. c. 2. S. 228 Kühn) ; 
der letztere unterscheidet dann weiter unter den italischen Philosophen Py- 
thagoreer und Eleaten, und trifit insofern mit der Annahme von drei Schulen, 
der italischen, Jonischen und eleatischen (Clemehs AI. Strom. I, 300, C), 
ausammen. Die Ueberaicht über die früheren Philosophen , welche Abisto- 
TELxs im ersten Buch der Metaphysik giebt, folgt in der Anordnung dog- 
matisehen Gesichtspunkten und gehört nicht hieher. 



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154 Charakter u. Entwicklnng d. vorsokrat. Philos. [133. 134] 

sie auch [tusserlich nach Kleinasien zurück ^). Es bleiben mithin 
151 als reine Dörfer nur diePjthagoreer mit Ausschluss ihres Stifters, 
und wenn man will, Empedokles. Nun sagt man freilich, es sei 
nicht nothwendig, dass die Philosophen jeder Reihe ihr auch durch 
die Geburt angehören'); und von allen Einzelnen ist diess auch 
nicht zu verlangen; aber wenigstens im ganzen und grossen 
mtlsste es der Fall sein, und wenn auch nicht gerade jonische 
oder dorische Geburt, so müsste doch der einen Seite jonische, 
der andern dorische Bildung nachzuweisen sein. Statt | dessen 
gehört die volle Hälfte der angeblich dorischen Philosophen nicht 
blos durch ihre Abstammung auf die jonische Seite, sondern eben- 
daher hat sie auch ihre Bildung durch die Stammessitte, die bür- 
gerlichen Einrichtungen, und was besonders in's Gewicht fallt, 
durch die Sprache erhalten. Unter diesen Umständen bleibt den 
Stammesunterschieden nur eine sehr untergeordnete Bedeutung, 
und mögen sie auch auf die Richtung des Denkens mit einge- 
wirkt haben, so lassen sie sich doch durchaus nicht als massgebend 
für dieselbe betrachten *). 

In der weiteren Entwicklung der beiden Reihen, der joni- 
Bchen und der dorischen, stellt Braniss Thaies mit Pherecjdes, 
Anaximander mit Pythagoras. Anaximenes mit Xenophanes, He- 
raklit mit Parmenides, Diogenes von Apollonia mit Empedokles 
zusammen. Eine derartige Construction thut jedoch dem ge- 
schichtlichen Charakter und Verhältniss dieser Männer vielfache 
Gewalt an. Schon auf der jonischen Seite ist die Zusammen- 
stellung Heraklif s mit den Früheren ungenau, denn er steht zu 
Anaximenes nicht in demselben Verhältniss einfacher Fortbil- 
dung, wie dieser zu Anaximander. Diogenes umgekehrt gestattet 
dem heraklitischen Standpunkt so^g^ir keinen Einiluss aufsein 
Denken, dass er nicht mit Braniss (S. 128) als derjenige genannt 
werden kann, welcher mit ausdrücklicher Beziehung auf Heraklit 
das Resultat der ganzen jonischen Entwicklung gezogen habe. 



1) AnsBerdem glaubte Petersen philol.-hist. Stud. S. 15 bei den Eleaten 
anob ftoliBcbe BeimiBchmig zu entdecken. Dass wir aber zu dieser Vermu- 
tbung nicht den mindesten Qrund haben, ist schon von Hebmakm Zeitschr. 
f. Alterthnmsw. 1884, 8. 298 gezeigt worden. 

2) Beahiss a. a. O. 6. 103. 

S) Ebenso urtheilt Ritter I, 191 f, 



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[134. 135] Jonische und dorische Philosophie. Braniss. 155 

Noch weit gewaltsameres müssen sich aber die Dorier gefallen 
lassen. Pherecydes flir's erste gehört, wie schon früher (S. 76 f.) 162 
bemerkt wurde, überhaupt nicht zu den Philosophen, und noch 
weniger zu den dorischen oder den idealistischen Philosophen; 
denn was wir von ihm wissen , knüpft an die alte hesiodisch-or- 
phische Kosmogonie, die mythische Vorgängerin der jonischen 
Physik an, und auch die Unterscheidung der bildenden Kraft von 
dem Stoffe, auf die Braniss (S. 108) übermässiges Gewicht legt, 
ist in mythischer Weise schon von Hesiod, in philosophischer am 
bestimmtesten von dem Jonier Anaxagoras vorgebracht worden, 
während sie umgekehrt bei den italischen Eleaten ganz fehlt 0, 
und bei den Pythagoreern von zweifelhaftem W^rth ist. Den 
Glauben | an eine Seelcnwanderung theilte Pherecydes aller- 
dings mit Pythagoras, aber diese einzelne, mehr religiöse als 
philosophische Lehre ist Air die Stellung des Mannes nicht 
entscheidend. Wenn sich weiter Xenophanes ebenso an Pytha- 
goras anschliessen soll, wie Parmenides an ihn, oder Anaximenes 
an Anaximander, so ist hiebei der innere Unterschied des eleati-. 
sehen Standpunkts vom pythagoreischen übersehen, und es wird 
mit Unrecht ein^ Lehre, die ein eigenthümliches, von dem pytha- 
goreischen wesentlich verschiedenes Princip hat, und die sich in 
einer eigenen Schule neben der pythagoreische^ fortpflanzte, als 
blosse Fortbildung der letzteren behandelt. Dass ferner Empe- 
dokles ausschliesslich der pythagoreisch-eleatischen Reihe zuge- 
wiesen wird, werden wir auch noch später als einseitig bekämpfen 
müssen. Mit welchem Recht endlich kann Braniss die spätere 
Ausbildung des Pythagoreismus durch Philolaus und Archytas, 
und ebenso die Eleaten Zeno und Melissus übergehen , während 
er zugleich in Männern, die keinenfalls bedeutender sind, wie 
Anaximenes und Diogenes von Apollonia, die Repräsentanten 
eigener Entwicklungsstufen anerkennt? Sein Schema ist hier ein 
Prokrustesbett fUr die geschichtlichen Erscheinungen , und die 
dorische Philosophie hat das Unglück, dass sie nach beiden Sei- 
ten zu Schaden kommt: an dem einen Ende wird sie über ihr 



1) Nur im zweiten Theil des parmenideischen Gedichts (V. 131) wird 
Eros als bfldende Kraft orwähniy aber dieser sweite Theil redet ja nur im 
Sinn der gewöhnlichen Meinung. 



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156 Charakter u. Entwlcklang d. Torsokrat. Philos, [135. 136] 

natttrliched Mass Terlängert; an dem andern werden ihr Glieder 
abgeschnitten^ die wesentlich mit ihr verwachsen sind. 
163 Das gleiche gilt von der Art, wie schon früher Petersen *) 

das geschichtliche Verhältniss der vorsokratischen Schulen be- 
stimmt hatte. Die allgemeine Grundlage ist auch hier der Ge- 
gensatz des Bealismus, oder genauer des Materialismus ; und des 
Idealismus. Dieser Gegensatz entwickelt sich in drei Abschnitten, 
von denen jeder wieder ein doppeltes enthält, zuerst ein schrof- 
feres Gegehübertreten der entgegengesetzten Richtungen, dann 
Vermittlungsversuche, die aber noch keine wirkliche Ausgleichung 
bringen, sondern ebenfalls noch der einer oder der anderen | Seite 
augehören. Im ersten Abschnitt beginnen die Gegensätze sich 
zu entwickeln, es tritt zuerst dem hjlozoistischen Materialismus 
der älteren Jonier (Thaies, Anaximander, Anaximenes, Heraklit 
und Diogenes) , der mathematische Idealismus der dorischen Py- 
thagoreer entgegen; sodann wird eine Vereinigung des Gegen- 
satzes in idealistischer Richtung von den Eleaten , in materiali- 
stischer von dem kölschen Arzt Elothales, seinem Sohn Epichar- 
mus und Alkmäon versucht. Im zweiten Abschnitt gehen die 
Gegensätze schroffer auseinander, wir treffen eii^erseits einen rei- 
nen Materialismus bei den Atomikem, andererseits einen reinen 
Idealismus bei den jüngeren Pythagoreem, Hippasus, Oenopides, 
Hippo, Ocellus, Timäus und Archytas; zwischen beiden auf idea- 
listischer Seite den Pantheismus des Empedokles, auf der entge- 
gengesetzten den Dualismus des Anaxagoras. Im dritten Ab- 
schnitt endlich führen beide Richtungen gleichmässig, auf die 
Spitze getriebeil, zur Aufhebung der Philosophie durch den 
Skepticismus der Sophisten. So ist nun freilich Ein Schema 
durch die ganze vorsokratische Philosophie durchgeführt, aber 
dieses Schema drückt schwerlich den wirklichen geschichtlichen 
Verlauf aus. Mit welchem Recht die Philosophen dieser Zeit in 
Materialisten, oder Realisten, und Idealisten getheilt werden, ist 
so eben untersucht worden. Wenn sodann unter den ersteren 
Heraklit mit den älteren Joniern in Eine Reihe gestellt wird, so 



1) Phllol.-hist. Stud. 6. 1—40, wogegen Hebmasr (Zeitsohr. f. Alter- 
thumsw. 1834, 8. 285 ff.) zu vergleichen ist, an den sich die ohigen Be- 
merkungen theflweise ansoblieflsen, 



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[136. 137] Petersen. 157 

werden wir uns auch tiefer unten noch hiegegen erklären mttssen. 
Umgekehrt müssen wir die Lostrennung der jüngeren Pjthago- 
reer von den älteren desshalb in Anspruch nehmen^ weil die an- 154 
geblichen Bruchstücke ihrer Schriften, die ihr allein eine Be- 
rechtigung verleihen würden ^ durchaus für neupjthagorelsche 
Unterschiebung zu halten sind. Wie ferner den Eleaten eine 
vermittelnde Stellung zwischen den Joniern und den Pjthago- 
reem angewiesen werden kann^ während doch sie gerade die von 
den Pythagoreern begonnene Abstraktion von der sinnlichen Er- 
scheinung auf die Spitze getrieben haben, lässt sich nicht ab- 
sehen; und wenn ihnen als Materialisten mit beginnendem Dua- 
lismus Elothales, Epicharmus und Alkmäon gegenübergestellt 
werden, so sind diese Männer zwar überhaupt keine systemati- 
schen Philosophen, sofern sie sich aber einzelne philosophische 
Sät2se angeeignet haben, scheinen diese hauptsächlich aus der 
pythagoreischen und eleatischen Lehre geflossen zu sein. Wie 
kann endlich Empedokles der idealistischen, Anaxagoras | mit 
seinem Nus der materialistischen Reihe zugezählt werden, und wie 
lässt sich das empedoklelsche System mit seinen sechs Urwesen, 
von denen vier körperlicher Art sind, theils überhaupt als Pan- 
theismus, theils im besondern als idealistischer Pantheismus be- 
zeichnen? ^) 



1) Mit Branigs und Peteroen berührt sich auch St£iiiHABT (AUg. Eneykl. 
V. Ersch n. Gruber, Art. „Jonischo Schule«, Beet. II, Bd. XXII, 457 f.). 
Er unterscheidet nAmlich zunächst gleichfalls die jonische und die dorische 
PhUosophie, doch so, dass er bei den Pythagoreern, und noch mehr bei den 
Eleaten, nicht reinen Dorismus, sondern eine Mischung des Dorischen und 
Jonischen findet. Die Jonische Philosophie sodann lässt er sich in drei 
Hauptstufen fortentwickeln: bei Thaies, Anaximander, Anaximenes bemerke 
man erst vereinselte , dunkle Ahnungen einer geistigen Weltmacht , bei He- 
raklit, Diogenes und am reinsten bei Anaxagoras breche die Anerken- 
nung des geistigen Princips immer klarer hervor, Leucipp und Demokrit 
endlich negiren dasselbe mit Bewusstsein, und bereiten dadurch dieser 
ganaen einseitig physischen Richtung den Untergang. Mir scheint es (auch 
abgesehen Ton dem Gegensatz des Jonischen und Dorischen , dessen Bedeu- 
tung Steinhart selbst wesentlich ermässigt) bedenklich, den Empedokles von 
den Männern, denen er so nahe verwandt ist, den Atomikem und Anaxa- 
goras, zu trennen; ich kann mich femer nicht überzeugen, dass die Ate* 
nistik ursprünglich aus dem Widerspruch gegen die Annahme eines welt- 
bildenden Geistes hervorgieng, und in ihrer Entstehung Jünger ist, als die 



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158 Charakter u. Entwicklung d. vorsokrat. Philosophie. [137] 

Durch ^ die vorstehenden Erörterungen wird eine positive 
155 Bestimmung über den Charakter und den Gang der philosophi- 
schen Entwicklung während unserer ersten Periode angebahnt 
sein. Ich habe die Philosophie dieses Zeitraums ^ vorläufig noch 
abgesehen von der Sophistik, als Naturphilosophie bezeichnet. 
Sie ist diess zunächst schön wegen des Gegenstandes^ mit dem 
sie sich beschäftigt. Sie beschränkt sich allerdings nicht aus- 
schliesslich auf die Natur im engeren Sinn^ auf das Körperliche 
und die im Körperlichen bewusstlos wirkenden Kräfte^ denn eine 
solche Beschränkung würde in ihrer Absichtlichkeit selbst schon 
eine Unterscheidung des Geistigen und Körperlichen voraus- 
setzen^ die hier noch fehlt. Aber theils ist sie doch ganz über- 
wiegend den äusseren Erscheinungen zugewendet | theils wird 
auch das Geistige^ sofern sie es berührt; im wesentlichen aus dem 
gleichen Gesichtspunkt betrachtet; wie das Körperliche; und 
eb^ndesshalb kommt es hier noch zu keiner selbständigen Aus- 
bildung der Ethik und der Dialektik. Alles Wirkliche wird 
noch unter den Begriff der Natur gestellt; es wird als eine gleich- 
artige Masse behandelt; und da sich nun das sinnlich wahrnehm- 
bare der Beobachtung immer zuerst aufdrängt; so ist es ganz 
natürlich; dass alles aus den Gründen abgeleitet wird; welche 
zur Erklärung des sinnlichen Daseins die geeignetsten zu sein 
scheinen. Die Naturanschauung ist die Grundlage; von welcher 
die älteste Philosophie ausgeht; und auch wenn unsinnliche Prin- 
cipien aufgestellt werden; lässt sich doch bemerken; dass das 
Nachdenken über das sinnlich gegebene; nicht die Beobachtung 
des geistigen Lebens darauf geführt hat; die pythagoreische 
Zahlenlehre z. B. knüpft sich zunächst an die Wahrnehmung 
der Regelmässigkeit in den Verhältnissen der TönC; den Abstän- 
den und Bewegungen der Himmelskörper u. s. w. ; die Lehre des 
Anaxagoras vom weltbildenden Verstand bezieht sich zunächst 
auf die zweckmässige Einrichtung der Welt; und namentlich auf 
die Ordnung des Weltgebäudes ; imd selbst die eleatischen Sätze 
von der Einheit und Unveränderlichkeit des Seienden sind nicht 



anazagorische Physik, ich bin endlich, wie diess tiefer unten anjunfuhren 
sein wird, auch mit Steinhartes Auffassung des Diogenes nicht durchaas 
einverstanden. 



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•?• ■ JV 



[138] Gemeinsame Eigenthttmlichkeit derselben. 159 

dadurch entstanden; dasB der sinnlich enErscheinuDg | das Geistige 
als eine höhere Wirklichkeit gegenübergestellt; sondern nur da- 
durch, dass aus dem Sinnlichen selbst alles das, was einen Wider- 
spruch zu enthalten schien , entfernt, der Begriff des Körperli- 
chen oder des Vollen ganz abstrakt gefasst wurde. Es ist also 156 
auch hier im allgemeinen die Natur, mit der sich die Philosophie 
beschäftigt. 

Zu diesem seinem Gegenstand steht nun ferner das Denken 
noch in einer unmittelbaren Beziehung, es betrachtet die ma- 
terielle Erforschung desselben als seine nächste und einzige Auf- 
gabe, es macht die Eenntniss des Objekts noch nicht abhängig 
von der Selbsterkenntniss des denkenden Subjekts, von einem be- 
stimmten Bewusstseiu über die Natur und die Bedingungen des 
Wissens, von der Unterscheidung des wissenschaftlichen Erken- 
nens und des unwissenschaftlichen Vorstelleus. Diese . Unter- 
scheidung kommt allerdings seit Heraklit und Parmenides häufig 
genug zur Sprache, allein sie erscheint hier nicht als die Grund- 
lage, sondern nur als eine Folge der Untersuchung über die Na- 
tur der Dinge: Parmenides läugnet die Zuverlässigkeit der sinn- 
lichen Wahrnehmung, weil sie uns ein getheiltes und veränder- 
liches, Heraklit, weil sie ein beharrliches Sein zeigt ;Empedokles, 
weil sie uns die Verbindung und Trennung der Stoffe ^als ein 
Werden und Vergehen erscheinen lässt, Demokrit und Anaxago- 
ras, weil sie die Urbestandthcile der Dinge nicht zu erkennen 
vermag. Bestimmte Grundsätze über die Natur des Erkennens; 
die ihnen in 'ähnlicher Weise als Norm fUr die objektive For- 
schung dienten , wie etwa Plato die sokratische Forderung des 
b^rüHichen Wissens, finden sich hier noch nicht; und mögen 
auch Parmenides und Empedokles in ihren Lehrgedichten die 
Ermahnung zur denkenden Betrachtung der Dinge und zur Ab- 
wendung von den Sinnen voranstellen, so lautet doch dieses 
selbst theils immer noch unbestimmt genug, theils folgt aus der 
Voranstellung im Gedicht nicht, dass diese Unterscheidung auch 
in ihren Systemen die Voraussetzung, und nicht erst die Folge 
ihrer Metaphysik ist. Wiewohl daher durch dieselbe der Grund 
zu der späteren Ausbildung der Erkenntnisstheorie gelegt wurde, 
so hat sie selbst doch noch nicht diese Bedeutung; die vorsokra- 
tische Naturphilosophie ist ihrer Form nach Dogmatismus, das 



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160 Charakter u. Entwicklung d. yorsokrat. Philo«. [189] 

Denken riohtet sich hier im guten Glauben an seine Wahrheit 
^ unmittelbar auf das Objekt ^ und erst aus der objektiven Weltan- 
sicht selbst gehen die Sätze über die Natur | des Wissens hervor^ 
welche der späteren Begriffsphilosophie vorarbeiten. 

Sieht man endlich auf die philosophischen Resultate , so ist 
157 schon oben gezeigt worden, wie wenig die vorsokratischen Sy- 
steme zwischen dem Geistigen und dem Körperlichen bestimmt 
zu unterscheiden wissen. Die alten jonischen Physiker leiten 
alles aus dem Stoff ab, den sie sich durch eigene Kraft bewegt 
und belebt denken. Die Pytliagoreer setzen statt des Stoffes 
die Zahl , die Eleaten das Seiende als unveränderliche Einheit ; 
aber wir haben bereits bemerkt, dass weder diese noch jene die 
unkörperlichen Gründe ihrem Wesen nach von der körperlichen 
Erscheinung unterscheiden , dass daher die unkörperlichen Prin- 
cipien selbst wieder stoffllich gefasst werden, und dass ebenso im 
Menschen Seele und Leib, ethisches und physisches, unter die 
gleichen Gesichtspunkte gestellt werden. Noch auffallender ist 
diese Vermischung bei Heraklit, wenn er den Urstoff mit der 
bewegenden Kraft und dem Weltgesetz in der Anschauung des 
ewiglebenden Feuers unmittelbar zusammenfasst. Die Atomi- 
stik ist von Hause aus auf eine streng materialistische Natnrer- 
klärung angelegt, sie kennt daher weder im Menschen noch ausser 
demselben etwas unkörperliches; aber auch Empedokles kann 
die bewegenden Kräfte unmöglich rein geistig gefasst haben, 
denn er behandelt sie ganz wie die körperlichen Elemente, mit 
denen sie in den Dingen vermischt sind; ebenso fliesst ihm auch 
im Menschen das geistige mit dem leiblichen zusammen, das Blut 
ist die Deukkraft. Erst Anaxagoras erklärt mit Bestimmtheit, 
der Geist sei mit nichts stofflichem vermischt; aber theils ist hie- 
mit auch die Grenze der älteren Naturphilosophie erreicht, theils 
wirkt der weltbildende Geist hier doch nur als Naturkraft, wie 
er denn auch selbst noch in halb sinnlicher Form, wie ein feiner 
Stoff, geschildert wird. Auch dieses Beispiel kann daher unser 
obiges Urtheil über die vorsokratische Philosophie, sofern es sich 
hiebei um die sie im ganzen beherrschende Richtimg handelt, 
nicht umstossen. 

Alle diese Züge lassen uns die unterscheidende Eigenthüm- 
lichkeit der ersten Periode in einem Uebergewicht der Naturan- 



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[140] Gemeinsame Kigenthamlichkeit derselben. 161 

schaunng über die Selbstbetrachtung; in eiuer Hingebung des 
Denkens an die Aussenwelt erkennen, die ihm nicht erlaubt, einen 
anderen Gegenstand, als die Natur, mit selbständigem Interesse 
zu verfolgen, das Geistige vom Körperlichen scharf und grund- , 
sätzlich zu I unterscheiden, die Form und die Gesetze des wissen- 158 
schaftlichen Verfahrens für sich zu untersuchen. Von den äusse- 
ren Eindrücken Überwältigt, fühlt sich der Mensch erst als Theil 
der Natur, er kennt daher auch für sein Denken keine höhere 
Aufgabe, als die Erforschung der Natur, er wendet sich dieser 
Aufgabe unbefangen und unmittelbar zu , ohne sich vorher bei 
der Untersuchung über die subjektiven Bedingungen des Wissens 
aufzuhalten, und wenn er auch durch seine Naturforschung selbst 
über die sinnliche Erscheinung als solche hinausgeführt wird, so 
geht er darum doch nicht über die Natur als Ganzes hinaus und 
nicht zu einem idealen Sein fort, das seinen Bestand und seine 
Bedeutung in sich selbst hätte; hinter den sinnlichen Erschei- 
nungen werden wohl Kräfte und Substanzen gesucht, welche 
nicht mit den Sinnen wahrzunehmen sind, aber die Wirkung 
jener Kräfte sind eben nur die Naturdinge, die unsinnlichen 
Wesenheiten sind die Substanz des Sinnlichen selbst und sonst 
nichts, eine geistige Welt neben der Körper weit ist noch nicht 
gefunden. 

Inwiefern diese Bestimmung auch auf die Sophistik passe, 
ist schon früher untersucht worden. Das Interesse der Natur- 
forschung und der Glaube an die Wahrheit unserer Vorstellungen 
hört hier allerdings auf, aber ein neuer Weg zum Wissen und 
eine höhere Wirklichkeit fehlt fortwährend , und weit entfernt, 
der Natur das Beich des Geistes entgegenzustellen, behandeln di^ 
Sophisten auch den Menschen nur als sinnliches Wesen. Wie- 
wohl sich daher in der Sophistik die vorsokratische Naturphilo. 
Sophie auflöst, so kennt sie doch so wenig, wie diese, etwas höhe- 
res, als die Natur, sie hat mit ihr das gleiche Material, und jene 
Auflösung selbst vollbringt sich nicht dadurch , dass der bisheri- 
gen eine andere Gestalt der Wissenschaft entgegengestellt, son- 
dern nur dadurch, dass die vorhandenen Elemente, insbesondere 
die eleatische und die heraklitische Lehre, benützt werden, um 
das wissenschaftliche Bewusstsein in's Schwanken zn bringen, 
und den Glauben an die Möglichkeit des Wissens zu zerstören. 

Philo», d. Gr. I. Bd. 4. Aufl. 1 l 



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162 Charakter u. Entwicklung d. vorsokrat. Philosophie. [141] 

Durch das obige Ergebniss sind wir nun genöthigt, die drei 
ältesten philosophischen Schulen, die jonische, die pythagoreische 
und die eleatische, näher zusammenzurücken, als diess bisher ge- 
wöhnlich war. Diese drei Schulen stehen sich nicht blos der 
159 Zeit nach am nächsten, sondern auch in ihrer wissenschaftlichen 
' EigenthUmlichkeit sind sie sich näher verwandt, als man beim 
ersten Anblick glauben sollte. Während sie nämlich mit der 
ganzen älteren Philosophie in der Richtung auf Naturerklärung 
übereinkommen, so bestimmt sich diese Richtung hier näher 
dahin, dass zunächst nur nach dem substantiellen Grund der 
Dinge, oder nach demjenigen gefragt wird, was die Dhige ihrem 
eigentlichen Wesen nach sind, und woraus sie bestehen, dass da- 
gegen die Aufgabe noch nicht ausdrücklich in's Auge gefasst wird, 
das Werden und Vergehen , die Bewegung und die Vielheit der 
Erscheinungen zu erklären. Thaies lässt alles aus dem Wasser, 
Anaximander aus der unendlichen Materie, Anaximenes aus der 
Luft entstanden sein und bestehen, die Pythagoreer sagen : alles 
ist Zahl, die Eleaten: alles ist das Eine unveränderliche Wesen. 
Nun haben allerdings nur die letzteren, und auch sie erst seit 
Parmenides, die Bewegung und das Werden geläugnet, wogegen 
die Jonier und die Pythagoreer die Entstehung der Welt ein- 
gehend beschreiben. Aber weder die einen noch die andern 
haben die Frage nach der Möglichkeit des Werdens und des ge- 
theilten Seins in dieser Allgemeinheit aufgeworfen , und bei der 
Aufstellung ihrer Principien durch besondere Bestimmungen be- 
rücksichtigt. Die Jonier erzählen uns, dass sich der Urstoff ver- 
ändert, dass sich aus der Einen ursprünglichen Materie entgegen- 
gesetztes ausgeschieden und in verschiedenen Verhältnissen zu 
einer Welt vereinigt habe, die Pythagoreer erzählen, dass aus 
den Zahlen die Grössen, aus den Grössen die Körper hervor- 
giengen; aber worin dieser Hervorgang begründet war, wie es 
kam, dass der Stoflf sich verwandelte und bewegte, dass die Zahlen 
anderes erzeugten, diess wissenschaftlich zu erklären machen sie 
keinen Versuch. Was sie anstreben , ist weit weniger die Er- 
klärung der Erscheinungen aus den gemeinsamen Urgründen, 
als die ZurückfÜhVung derselben auf die Urgründe, ihr wissen- 
schaftliches Interesse ist mehr dem identischen Wesen der Dinge, 
der Substanz, aus der alles besteht, als dem mannigfaltigen der 



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[142] Die Ältesten und die Jüngeren Physiker. 163 

Erscheinung und den Gründen dieser Mannigfaltigkeit zugewen- 
det. Wenn daher die Eleaten das Werden und die Vielheit ganz 160 
läugnetjen^ so nahmen sie damit nur eine unbewiesene Voraus- 
setzung ihrer Vorgänger in Anspruch, und wenn sie | alles Wirk- 
liche als eine Einheit auffassten , welche die Vielheit schlechthin 
ausschliesst, so vollendete sich damit nur die Richtung, der auch 
schon die zwei älteren Schulen gefolgt waren. Erst Heraklit 
ist es, der in der Bewegung, Veränderung und Besonderung die 
Grundeigenschaft des Urwesens sieht, und erst durch die Polemik 
des Farmen i des wurde die Philosophie zu eingehenderen Unter- 
suchungen über die Möglichkeit deä Werdens veranlasst *). Mit 
Heraklit nimmt daher die philosophische Entwicklung eine 
neue Wendung, die drei älteren Systeme dagegen liegen in der- 
selben Keihe, sofern sie alle mit der Anschauung der Substanz, 
ans welcher die Dinge bestehen, sich begnügen, ohne den Grund 
der Vielheit und der Veränderung als solchen ausdrücklich zu 
untersuchen ; und wenn diese Substanz von den Joniern in einem 
körperlichen Stoff, von den Pythagoreern in der Zahl, von den 
Eleaten in dem Seienden als solchem gesucht, wenn sie von den 
ersten sinnlich, von den zweiten mathematisch, von den dritten me- 
taphysisch gefasst wird, so sehen wir hierin nur die stufenweise 
Entwicklung derselben Richtung im Fortgang vom konkreteren 
zum abstraktem, denn die Zahl und die mathematische Form ist 
ein mittleres zwischen dem Sinnlichen und dem reinen Gedanken, 
und wird als das eigentliche Bindeglied beider auch noch später, 
namentlich von Plato, betrachtet. 

Der Wendepunkt, den ich hier in der Entwicklung der vor- 
sokratischen Philosophie annehme, ist in Betreff der jöniscbeu 



1) Man könnte insofern geneigt sein, den zweiten Abschnitt unserer 
Periode mit Heraklit und Parmenides zu beginnen, wie mein Recensent 
in Gersdorfs Roperlorinm 1844, H. 22, 8. 385 vorschlug, Indem er be- 
merkte, bis auf diese beiden sei die Frage: woraus wird alles? durch An- 
gabe eines Stoffs beantwortet worden, erst sie haben den Begriff des 
Seins und des Werdens untersucht. Da aber hiemit der Zusammenhang 
zwischen Parmenides und Xenophanes unterbrochen würde, und da die Lehre 
des Parmenides, bei aller ihrer geschichtlichen und wissenschaftlichen Be- 
deatong, doch ihrem Inhalt und ihrer Richtung nach den früheren Syste- 
men näher steht, scheint es mir besser, Heraklit allein als Anfangspunkt 
des zweiten Abschnitts zu setzen. 

11* 



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164 Charakter u. Entwicklung d. vorsokrat. Philosophie. [143] 

161 Schulen auch schon anderen aufgefallen. Aus diesem Grund un- 
terschied zuerst SCHF.EIEBM ACHER ^) zwei Perioden der jonischen 
Philosophie^ von welchen die zweite mit Heraklit anfangt. Zwi- 
schen diesen Philosophen und seine Vorgänger, bemerkt er, falle 
eine bedeutende chronologische Lücke, wohl in Folge der Unter- 
brechung, I welche die philosophischen Bestrebungen durch die 
Unruhen in Jonien erlitten haben. Während ferner die drei 
älteren Jonier aus Milet seien, so zeige sich die Philosophie jetzt 
geographisch über einen weiteren Kreis verbreitet. Auch durch 
. den Gehalt seines Philosophirens erhebe sich Heraklit weit über 
die früheren Physiker, so dass er vielleicht wenig von ihnen ge- 
nommen habe. Von Heraklit bekennt auch Ritter *), er unter- 
scheide sich von den älteren Joniern in mancher Rücksicht, seine 
Ansicht von der allgemeinen Naturkraft lasse ihn ganz aus der 
Reihe derselben heraustreten, und in noch engerem Anschluss 
an 3chleiermacher sagt Brandis ^), mit Heraklit beginne eine 
neue Entwicklungsperiode der jonischen Physiologie, welcher 
ausser ihm selber Empedokles, Anaxagoras, Leucipp und Demo- 
krit, Diogenes und Archelaus augehören ; alle diese Männer un- 
terscheiden sich nämlich von den früheren durch wissenschaft- 
lichere Versuche, aus dem Urgründe die Mannigfaltigkeit der 
Einzeldinge abzuleiten, durch deutlicher bestimmte Anerkennung 
oder Aufhebung des Unterschieds von Geist und Stoff, sowie 
einer weltbildenden Gottheit, und sie alle seien bestrebt, die Rea- 
lität der Einzeldinge und ihrer Veränderungen gegen die Allein- 
heitslehre der Eleaten zu sichern. Diess ist auch ganz richtig, 
und mag blos etwa in Betreff des Diogenes von Apollouia einem 
Anstand unterliegen. Nur genügt es nicht , desshalb zwei Klas- 
sen von jonischen Physiologen zu unterscheiden, sondern dieser 
Unterschied greift tiefer in das Ganze der vorsokratischen Philo- 
sophie ein. Weder Empedokles, noch Anaxagoras, noch die 
Atomisten lassen sich aus der Entwicklung der jonischen Physio- 
logie als solcher begreifen, und sie stehen zu der eleatischen 
Lehre auch nicht blos in dem negativen Verhältniss, dass sie die 



1) Gesch. d. Phil. (Vorl. v. J. 1812) 8. 33. 

2) Gesch. d. Phil. I, 242. 248. Jon. Philos. 65. 

3) Gr.-röm. Phil. I, 149. 



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[144] Di© Älteren und die jüngeren Pbyilker. 166 ' 

Bestreitung des Werdens und der Vielheit abwehren^ sondern sie 
haben auch positiv nicht wenig von den Eleaten gelernt; sie alle 162 
erkennen den wichtigen Grundsatz des parmenideischen Systems 
an, dass es kein Werden oder Vergehen im strengen Sinn gebe, 
sie alle erklären desshalb die Erscheinungen aus der Zusammen- 
setzung und Trennung der StofFe y und sie entlehnen theilweise 
den Begriff des Seienden geradezu aus der eleatischen Metaphy- 
sik. Sie können daher der eleatischen Schule nicht | voran-; 
sondern nur nachgestellt werden. Von Heraklit allerdings ist 
es weniger sicher, ob und wie weit er die Anfange der eleati- 
schen Philosophie schon berücksichtigte , aber der Sache nach 
stellt er sich niclit blos zu ihr in den entschiedensten Gegensatz, 
sondern er eröffnet überhaupt eine neue , von der bisherigen ab- 
weichende Richtung; denn indem er jeden festen Bestand der 
Dinge läugnet, und das Gesetz ihrer Veränderung als das einzige 
bleibende in ihnen anerkennt, so erklärt er ebendamit die bis- 
herige Wissenschaft, welche zunächst nach dem Stoff und der 
Substanz gefragt hatte , für verfehlt, und die Erforschung der 
Ursachen und Gesetze, durch welche das Werden und die Ver- 
änderung bestimmt ist, für die wichtigste Aufgabe der Philosophie. 
Wird daher auch die Frage nach dem Wesen und Stoff der 
Dinge von Heraklit und seinen Nachfolgern so wenig über- 
gangen, als umgekehrt die Beschreibung der Weltentstehung von 
den Joniern und Pjthagoreern, so stehen doch beide Elemente 
bei beiden in einem verschiedenen Verhältniss: für die einen ist 
die Grundfrage die nach der Substanz der Dinge, und die Vor- 
stellungen über ihre Entstehung sind von der Beantwortung die- 
ser Fri^e abhängig, bei den anderen ist die Grundfrage die nach 
den Gründen des Werdens und der Veränderung, und die Vor- 
stellung von der ursprünglichen Beschaffenheit des Seienden 
richtet sich nach den Bestimmungen , die dem Philosophen zur 
Erklärung des Werdens und der Veränderung nothwendig zu 
sein scheinen. Die Jonier lassen die Dinge durch Verdünnung 
und Verdichtung eines Ursloffs entstehen, weil diess zu ihrer 
Vorstellung vom Urstoff am besten passte, die Pythagoreer durch 
mathematische Construction , weil sie alles auf die Zahl zurück- 
führen, die Eleaten läugnen das Werden und die Bewegung, weil 
sie das Wesen der Dinge nur im Seienden finden; umgekehrt 



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16ß Charakter w. Entwicklung d. vorsokrat. Philos [144. 145] 

setzt Heraklit das Feuer als UrstofF, weil er sich nur durch diese 
163 Annahme den Fluss aller Dinge zu erklären weis», Empedokles 
setzt die vier Elemente und die zwei bewegenden Kräfte, Leucipp 
und Deraokrit setzen die Atome und das Leere voraus, weil ihnen 
die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen eice Mehrheit der ur- 
sprünglichen StoflFe, die Veränderung in denselben eine bewe- 
gende Ursache zu fordern scheint, und ähnliche Erwägungen sind 
es, die bei Anaxagbras die Lehre von den Homöomerieen und 
dem Weltverstand hervorrufen. Beide Theile reden vom Sein 
und vom Werden, aber bei den einen erscheinen die Bestimmun- 
gen über das | Werden nur als eine Folge ihrer Ansicht über 
das Sein , bei den andern die Bestimmungen über das Sein nur 
als eine Voraussetzung flir ihre Ansicht über das Werden. Wenn 
wir daher die drei ältesten Schulen einem ersten , Heraklit und 
die übrigen Physiker des fünften Jahrhunderts einem zweiten 
Abschnitt der vorsokratischen Philosophie zuweisen, so stimmt 
diess nicht bloss mit der Zeitfolge, sondern auch mit dem inneren 
Verhältniss dieser Philosophen überein. 

Näher nimmt die philosophische Entwicklung in diesem Ab- 
schnitt folgenden Verlauf Zuei-st spricht Heraklit das Gesetz 
des Werdens ganz unbedingt als allgemeines Weltgesetz aus, 
dessen Grund er in der ursprtlnglichen BeschaflFenheit des Stoffes 
sucht. Der Begriff des Werdens wird sofort von Empedokles 
und den Atomisten genauer untersucht, das Entstehen wird auf 
die Verbindung, das Vergehen auf die Trennung der Stoffe zu- 
rückgeführt, es wird in Folge dessen eine Mehrheit ungeworde- 
ner Stoffe angenommen, deren Bewegung durch ein zweites, von 
ihnen verschiedenes Princip bedingt sein soll ; während aber Em- 
pedokles die UrstofFe qualitativ verschieden setzt, und die be- 
wegende Kraft in den mythischen Gestalten der Freundschaft 
und Feindschaft daneben stellt , kennt die Atomistik nur einen 
mathematischen Unterschied der ursprünglichen Körper, und 
ebenso sucht sie die Bewegung derselben rein mechanisch, aus 
der Wirkung der Schwere im leeren Raum zu erklären, der den 
Atomikern eben desshalb so unentbehrlich ist, weil ohne ihn, wie 
sie glauben, keine Vielheit und keine Veränderung möglich wäre. 
Diese mechanische Naturerkläi'ung findet Anaxagoras unzurei- 
chend, er setzt daher dem Stoffe den Geist ab bewegende Ür- 



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[145.146] Der zweite Abschnitt derselben. 167 

Bache zur Seite ^ und indem er nun beide unterscheidet; wie das 
zusammengesetzte und das einfache , bestimmt er den Urstoff als 164 
eine Mischung aller besonderen Stoffe, in der aber diese als qua- 
litativ bestimmte enthalten sein sollen. Heraklit erklärt diese 
Erscheinungen dynamisch aus der qualitativen Veränderung Eines 
Urstoffs, der seiner Natur nach ip beständiger Umwandlung be- 
griffen ist; Empedokles und die atomistischen Philosophen er- 
klären dieselben mechanisch , aus der Verbindung und Trennung 
verschiedener Urstoffe , Anaxagoras endlich überzeugt sich, daes 
sie überhaupt nicht aus | dem blossen Stoffe sondern nur aus der 
Wirkung des Geistes auf den Stoff ssu erklären seien. Hiemit 
ist nun der Sache nach auf die rein physikalische Naturerklämng 
verzichtet, es ist durch die Unterscheidung des Geistes vom Stoff 
und durch die höhere Stellung, die er gegen den Stoff einnimmt, 
eine Umgestaltung der gcsammten Wissei^schaft auf Grund die- 
ser Ueberzeugung gefordert. Da aber die Fähigkeit dazu dem 
Denken vorerst noch fehlt, so ist das nächste nur dieses, dass 
die Philosophie an ihrem Beruf überhaupt irre wird , am objek- 
tiven Wissen verzweifelt, und sich als formales Bildungsmittel 
in den Dienst der empirischen , kein allgemein gültiges Gesetz 
anerkennenden Subjektivität stellt. Diess geschieht im drit. 
ten Abschnitt der vorsokratischen Philosophie durch die So- 
phistik. 1) I 

1) Mit der oben angenommenen Reihenfolge der vorsokratischen Schu- 
len stimmen Tekhemakn ned Fbies wohl nur aus chronologischen Gründen 
überein; auf tiefergehende Bemerkungen über das innere Verhältniss der 
Systeme statzt sie sich hei HEOEr/, der aber die zwei Hauptrichtungen der 
ftlteren Physik nicht ausdrücklich unterscheidet, und die Sophistik, wie be- 
merkt, Ton den andern vorsokratischen Lehren abtrennt; ebenso bei Braniss» 
dessen allgemeine Voraussetzung ich jedoch gleichfalls bestreiten mussto. 
Unter den Jüngeren hat sich Noack und früher auch Schweoleb an meine 
Darstellung angeschlossen; Haym dagegen (AUg. Encykl. Sect. ![!, B. 
XXIY, 8. 25 ff.), im übrigen mit mir einverstanden, stellt Heraklit den 
Eleaten voran. In seiner Gesch. d. griech. Phil. U f. bespricht Schweglcr 
1) die Jonier, ?) die Pythagoreer, 3) die Eleaten, 4) als Üebergang zur 
zweiten Periode die Sophistik, indem er dann wieder unter den Joniem die 
älteren und jüngeren nach dem gleichen Gesichtspunkt, der S. 162 f. geltend 
gemacht wurde, unterscheidet, und jenen Thaies, Anaximander, Anaximenos, 
diesen Heraklit, Empedokles, Anaxagoras, Demokrit zutheilt. Ebenso glaubt 
RiBBisQ piaton. Ideenl. I, 6 ff., da Heraklit, Empedokles, die Atomikcr und 



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168 Tli^lei. [147] 

Erster Abschnitt. 
Die älteren Jonier, die Pythagoreer und die Eleaten. 

I. Die ältere joniBche Physik*). 
1. Th»lc8«), 

165 Für den Stifter der jonischen Naturphilosophie wird Tha- 

ies gehalten, ein Bürger von Milet, Zeitgenosse des Solon und 
Crösus '); dessen Vorfahren angeblich aus Phönicien, wahrschein- 

Anaxagoras principiell tiefer stehen, als die Pythagoreer nnd Eleaten, mflasen 
Bie ihnen ebenso, wie die älteren Jonier, Yorangestellt werden. Uebebwso 
bebandelt in vier Abschnitten 1) die Alteren Jonier, mit Einschlusf Hera- 
• klit's, 2) die Pythagoreer, 3) die Eleaten, 4) Empedokles, Anaxagoras nnd 
die Atomistiker ; die Sophisten aber weist er der zweiten Period« «u, in wel- 
cher sie (um diess gleich hier zu bemerken) den ersten, Sokrates nnd seine 
Nachfolger bis auf Aristoteles den zweiten, der Stoicismus, Epikureismus 
und Skepticismus den dritten Abschnitt ausfüllen. Auf eine ntthere Prüfung 
dieser Abweichungen kann ich hier nicht eintreten; ebenso wird sich aus 
dem Verlauf dieser Darstellung ergeben, was ich sowohl in chronologischer 
als in sachlicher Beziehung gegen die Ansicht STBt^MPELL's (Gksch. der 
theoret. Philosophie der Griechen. 1864. 8. 17 f.) einzuwenden habe, welcher 
den Verlauf der Torsokratischen Philosophie in folgender Weise darstellt: 
Zuerst kommen die filteren jonischen Physiologen, von der Betrachtung des 
Wechsels in der Natur ausgehend, in Heraklit zum Begriff des ursprAnglichen 
Werdens. Dieser Lehre stellen die Eleaten ein System entgegen^ welches 
das Werden ganz läugnet, während gleichzeitig die jüngeren Physiker, einer- 
seits Diogenes, Lencipp und Demokrit, andererseits Empedokles und Anaxa- 
goras, dasselbe auf blosse Bewegung zurückführen. Eine Vermittlung des 
Gegensatzes zwischen Werden und Sein, Meinung und Erkenn tniss, yersuchon 
die Pythagoreer, eine dialektische Auflösung desselben ist die Sophistik. Hier 
mag es genügen, Heraklit, die Eleaten, Diogenes, und ganz besonders die 
Pythagoreer als diejenigen zu bezeichnen, deren Stellung mir bei dieser Auffiss- 
sung mehr oder weniger verfehlt scheint 

1) RiTTEK Gesch. d." jonischen Philosophie 1821. Steinrabt Jonische 
Schule, Allg. Encykl. v. Ersch u. Gruber, Sect. 11, Bd. XXII, 457—490. 

2) Decker De Thalete Milesio. Halle 1865. Aeltere Monographieen 
bei Uebesweo Grundr. d. Gesch. d. Phil. I, 35 f. 3. Aufl. 

3) DasB Thaies diess war, steht ausser Zweifel; genauer llsst sich je- 
doch die Chronologie seines Lebens (über welche jetzt Diels über AppoUodor*» 
Chronika Rhein. Mus. XXXI, 1, 15 f. zu vergleichen ist) nicht bestimmen. 
Nach Dxo«. I^ 37 setzte Apollodob seine Geburt Ol. 85, 1 (6*^/» ▼. Chr.); 



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PerBÖnlicbkeit und Lebensverhältnisfe. 169 

lieber jedoch ans Böotien in ihre spätere Heimath eingewandert 166 
waren *). Für das Ansehen, dessen dieser Mann sich unter sei- 



ebenso setzt sie Ecbeb. Cbron. arm. zn Ol. 35, 2 und Hieroh. Cbron. 01. 
85, 2; Ctkilj. c. Jul. 12, C Ol. 35. Allein diese Angabe mbt wobl nnr 
anf einer annJlbernden Scbätzung, fllr welcbe man von der Sonnenfinstemiss 
Ausgegangen zu sein scheint, welcbe Tbales vor ausgesagt haben soll (s. 
u. 171. 1). Diese wird nAmlich nicht, wie man früher annahm, fllr die des 
Jahrs 610 V. Chr., sondern mit Airy (On the eclipses of Agathocles, Thaies 
and Xerxes, Philosophical Transactions Bd. 143, S. 179 ff.), Zech (Astro- 
nomische Untersnchungen der wichtigeren Finsternisse u. s. w. 1853, S. 57, 
wozu UsBEBWBa Gnindr. d. Gesch. d. Philo». I, 36. 3. Aufl. z. vgl.) Haxbeh 
(Abb. d. K. s&chs. QesoUsch. d. Wissensch. Bd. XI — Math.-phys. Kl. Bd. 
VII— S. 379), Martin (Bevue arch^ol. nouv. g6r, Bd. IX. 1864. S. 184] u. a. 
für diejenige zu halten sein, welche den 28*<en (oder nach gregorianischem 
Kalender 228««»} Mai 565 v. Chr. stattfand. Pi.in. R. nat. II, 12, 53 setzt 
sie Ol. 48, 4 (58*,g), 170 a. u. c, F.udemus b. Clemens Strom. I, 802, A 
nra Ol. 50 (580—576), Eübebiub in der Chronik Ol. 49, 3 58*/i); si« denken 
mithin gleichfalls an diese zweite, bei Plinius am genauesten berechnete, 
Finstemiss. Um die gleiche Zeit (unter dem Archon Damasias, 586 v. Chr.) 
lAsst DsMETRius Phaler. b. Dioo. I, 22 Thaies und die andern sieben Weisen 
diesen Namen erhalten. Nach ApoUodor b. Dioo. I, 38 wHre Thaies 78 
Jahre alt geworden (Decker*s Vorschlag S. 18 f , dafür 95 zn setzen, leuchtet 
mir nicht ein); nach Sosivbates (ebd.) 90, nach Ps.-Luctab (Macrob. 18) 
100, nach Sykcbll. S. 213, C mehr als 100. Sein Tod wird bei Dioo. a. 
a. O. Ol. 58 gesetzt; ebenso von Edseb., Uikron. und Ctrili.. a. d. a. O.; 
dann mnss aber, wie Diel.3 zeigt, und auch durch Porputr bei Abulfaradsch 
8. 33 ed. Pococke besttttigt, seine Geburt von ApoUodor nicht Ol. 35, 1, sondern 
Ol. 89, 1 (624 V. Chr. 40 Jahre vor der Sonnenfinstemiss) angesetzt worden 
sein, und die abweichenden Angaben anf einer alten Textverderbniss in der 
QueUe des Diogenes beruhen. Ueber die Todesart und das Grab des Thaies 
finden sich unzuverlässige Angaben b. Dioo. I, 39. 11, 4. Plut. Sol. 12. Epi- 
gramme auf ihn Anthol. VII, 83 f. Dioo. 34. Ob mit dem Thaies, welcher nach 
Arist. Polit. n, 12. 1274, a, 25 zugleich für den ßchfller des Onomakritus 
und den I^rer des Lykurg nnd Zaleukus ausgegeben wurde, der Milesier oder 
ein anderer gemeint war, ist gleichgültig; dass nach Aristoteles bei Diog. 
II, 46 (wenn diese Angabe noch von ihm herrührt) Pherccydes ungünstig 
über Thaies nrtheilte, ist gleichfalls unerheblich. 

1) Hero]>ot I, 170 sagt von ihm: BätXcw av8pbc MtXi}atou, xb av^xaOcv 
Y^o« ^jvTOf 4»o{v»o$, Clemers Strom. I, 302, C nennt ihn einfach 4»o1v{ ib 
^rvo«, nnd nach Dioo. I, 22 (wo Jedoch R(}rBR Philo!. XXX, 563 ^jcoXctbü- 
^aav nnd ^XOov vorschlügt) scheint er von irgend einer Seite für einen in 
Milet eingewanderten Phönicier ausgegeben wordon zu sein. Diese Angabe 
beruht aber ohne Zweifel nur darauf, dass seine Vorfahren zu den böoti- 
•chen Kadmeem gehörten, welch« den kleinasiatisohen Joniern beigemischt 



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170 Thaies. 

167 nen Mitbürgern erfreute; bürgt schon seine Stellung an der Spitze 
der sieben Weisen ^) ; während aber dieser Zug zunächst nur auf 
jene praktische. Tüchtigkeit und Lebensklugheit führen würde^ 
von der auch sonst Beweise erzählt werden *), hören wir zugleich 



waren (Hebodot I, 146. Strabo XIV, 1, 3. 12. ß. 633. 636. PxuBiJf. VII, 
2, 7; nach dem letzteren hatte namentlich Prione einen starken Zuzug von 
thehanischen Kadmeern erhalten, so dass für diese Stadt sogar der Name 
Kadme vorkam; KaSijitot nennt auch Hellamikus b. Hesych. u. d. W. die 
Bewohner Priene^s). Denn Dioo, I, 22 sagt: 9Jv toivuv 6 6aX^;, ro; ^th 'Hpo- 
doio; xat\ Aoupt; xz\ \T^[i6y.^iv6i ^i^at, jcatoo; [kh 'C^a^iou, {iT^tpoc hk KXeoßouXivi];, 
Ix Ttov 6i)X($(üV (oder BtjXu8.) ot e?<ji <l>o(vixe?, E'iyev^aTaxoi löv kizo KaSfiou 
xa\ 'AfvSvopo;, er erkl&rt also das «l^otvi^ durch „Nachkomme des Kadmus", 
und er folgt hiebei entweder Dnris, oder schon Demokrit, also Jedenfalls 
einer sehr achtbaren Quelle. Auch Hei'odot jedoch deutet mit dem dlv^xaOEv 
an, dass nicht Thaies selbst, sondern nur seine entfernteren Vorfahren, Phö- 
nicier gewesen seien. Ist aber Thaies nur in diesem Sinn 4>&iv($, %o gehört 
er, selbst wenn die Sage von der Einwanderung des Kadmus eine geschieht* 
liehe Grundlage haben sollte, doch seinerseitn nur der griechischen, nicht 
der phönicischen Nationalitllt an, und hierin wird auch durch den Umstand 
nichts gelindert, (über den Schuster Acta soc. philol. Lips. IV, 328 f., auch 
I>ECKEB De Thal. 9 zu vergleichen ist), dass Thaies^ Vater vielleicht noch 
einen ursprünglich phönicischen Namen trug. Dioo. a. a. O. und I, 29 
nennt denselben nach unserem Text im Genetiv *F!fa{x{ou. Indessen ist dafür 
jedenfalls '£(qc{jiüou zu lesen; und einige Manuscripte bieten 'E^apiüXou oder 
*Eia{jLUOüXou, was allerdings auf eine semitische Herkunft des Namens hin- 
deutet. Allein dieser gräcisirte phönicische Name kann sich so gut, wie 
der des Kadmos und andere, bei den in Griechenland eingebürgerten Phöni- 
ciem Jahrhunderte lang forterhalten haben ; auf eine unmittelbar phönicische 
Abkunft des Thaies oder seines Vaters kann man daraus nicht schliasscn. 
Der Name der Mutter ohnedem ist rein griechisch. 

1) Vgl. S. 97 f. TiMON b. DiOG. I, 34. Cic. Legg. II, 11, 26. Acad. II, 
37, 118. Bei Aristoph. Wolken 180. Vögel 1009. Plaut. Rud. IV, 3, 
64. Bacch. I, 2, 14. Capt. 11, 2, 124 steht Thaies sprüchwörtlich für einen 
grossen Weisen. Angebliche Aussprüche desselben b. Dioa. I, 35 ff. Stob. 
Floril. III, 79, 5 u. ö. (s. d. Index). Plct. s. sap. conv. c. 9 u. ö. 
, 2) Nach Herodot I, 170 rieth er den Joniern vor ihrer Unterwerfung 
durch die Perser, sich zur Abwehr derselben zu einem Bundesstaat mit ein- 
heitlicher Centralregierung zu vereinigen; und nach Dioo. 25 war er es, 
welcher die Milesier abhielt, sich durch Anschluss an Krösus die gefllhrliche 
Feindschaft des Cyrus zuzuziehen. Damit verträgt sich aber nicht, und es 
lautet auch an sich nicht eben glaubwürdig, da.<!s er, nach der Sage bei 
HxBOD. I, 75, den Krösus auf seinem Zuge gegen Cyrus begleitet, und ihm 
durch Anlegung eines Kanals die Ueberschreitung des Halys möglich gemacht 
habe, Noch unglaublicher ist es, dass Thaies, der erste mi(er den siebeo 



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Perstinlicbkeit und LobensTorhältniflse. 171 

auch; er habe sich durch mathematische und astronomische Kennt- 
nisse ausgezeichnet *), er sei es gewesen, welcher die Anfangs- 



Weisen, jener onpraktisohe Grdbler gewesen sei, als der er in einer bekann- 
ten Anekdote (Plato Theftt. 174, A.. Dioo. 34 vgl. Arist. Eth. N. VI, 7. 
1141, b, 8 n. a.) verspottet wird; mit dem Geschicbtchen von den Oelpressen 
freilich (Aeist. Polit. 1, 11. 1259, a, 6. Hiebon. b. Dioo. I, 26. Cic. Diviii. 
I, 49, 111), das diese Meinung widerlegen soll, steht es um nichts besser; 
am der Anekdote b. Plut. boI. anim. c. 16, 8. 971 nicht zu erwähnen. 
Auch die Behauptung (Klytus b. Dioo. 26), {Aovjipij auibv iftY®^^^** **^ ^dtoa-ri^v, 
kann in dieser Allgemeinheit nicht richtig sein, und auf die Anekdoten über 
seine Ehelosigkeit b. Plut. qu. conv. UI, 6, 8, 3. Sol. 6. 7. Dioo. 26. 
Stob. FloriL 68, 29. 34 ist gleichfalls nicht viel zu geben. 

1) Thaies ist einer von den gefeiertsten unter den alten Mathematikern 
und Astronomen, und schon Xenophanes hatte seiner in dieser Beziehung 
rühmend gedacht. Tgl. Dioo. I, 23: Soxfit ^l xaxi -nva; ]:p(oTG( irspoXo-plaon 
xa\ 4Xtax3cc lxXs{^s(; xot Tponac nposorctv, &^ ^ijotv Eudif}{io( ^v ttJ i:cp\ tu>v aaxpo- 
Xo^ou^i^vcDV trcopCa* o6ev a&xbv, xa> S«vo9&vy); xa\ *Mpö$oio( Oaupi&Cct' (lapTup^ 
$*auTfai xot 'HpaxXsiTO^ xa\ AT](A(SxpiTO(. Phönix b. Athen. XI, 495, d: BoXtJ; yop, 
W:ii aoxfyt)^ 3vif!7To; u. s. w. (wo jedoch andere aai^cuv lesen)^^ Strabo XIV, 
1, 7. S. 635: OaXijc ... & izpStxo^ 9uaioXoYia( «p^ftC ev toi; "EXXi}9( xoi ptsOv^- 
aazixffi, Apüi,ej. Flor. IV, 18 S. 88 Hild. Hippoi.yt. Refut. 'h«r. I, l. 
Pbokl. in Eucl. 19 (s. folg. Anm.). Auf seine Geltang als Astronom bezieht 
sich auch die vor. Anm. berührte Anekdote bei Plato Thettt. 174, A. Unter 
den Beweisen seines Wissens auf diesem Gebiete, von denen erzählt wird, 
ist der bekannteste die oben erwilhnte Voraussagung der Sonnenfinsterniss, 
welche wfthrend einer Schlacht zwischen den Heeren des Alyattes und Cya- 
xares (oder Astyagos) eintrat (Herod. I, 74. Eudem. b. Clemens ^trom. I, 
302, A. Cic. Divin. I, 49, 112. Plin. H. nat. II, 12, 53; wohl aus diesem 
Anlass wird ihm überhaupt die Voraussagung und Erklftrung von Sonnen* 
und Mondsfinstornissen zugeschrieben ; so bei Dioo. a. a. 0. £us. pr. ev. X, 
14, 6. AuoüSTiN. Civ. D. VIII, 2. Plüt, plac. II, 24. Stob. Ekl. I, 628. 
560. BiMPL. in Categ. Sohol. in Arist. 64, a, 1. 65, a, 80. Amuon. ebd. 
64, a, 18. Schol. in Plat. Remp. S. 420 Bekk. Cic. Rep. I, 16. Theo in 
der aus Dercyllides entnommenen (von Anatolius in Fabric. Bibl. gr. III, 
464 wiederholten) Stelle Astron. c. 40, S. 324 Mart. Der letztere sagt nach 
Eademos: BoiX^t Bl [eSpe ^cpuio^] J^Xiou lxXett|>(v xa\ xf^v xaia la; xpoicac aCxoG 
icspiooov [al. fCftpodov] co^ oi^x if<n) iii oujißaivsc. (Ueber diese auch sonst vor- 
kommende Meinung vgl. m. Martin a. a. O. S. 48.) Hiemit tbeilweise 
übereinstimmend berichtet Dioo. I, 24 f. 27: Thaies habe tf^v olizo xpoTC^c 
ijsi Tpori!|v TCctpoSov (der Sonne) entdeckt, und die Sonne fQr 720 Mal so 
gross erkl&rt, als den Mond; er, oder nach andern Pythagoras, habe zuerst 
bewiesen, dass die Dreiecke auf dem Kreisdnrchmesser rechtwinklig seien 
^r.f^xo'* xatttYP^t^At xi^xXou ib to^ywvov ^pSo^coviov), er habe die Lehre von 
den axÄX?jv3c TpfyMV« (Corbt: <jx«X, x«\ xpC^.) und überhaupt die YP^i^^i^cx^ 



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172 Thaies. 

169 gründe dieser Wissenschaften aus den östlichen und südlichen 
Ländern nach Griechenland verpflanzte ^). Dass er die Beihe 



Ocfopta ausgebildet, die Jalireszoiten bestimmt, das Jabr in 365 Tage getheilt, 
die Höhe der Pyramiden dorch die Länge ihres Schattens gemessen (letzteres 
nach Hieronymus; das gleiche bei Plik. H. nat. XXXVI, 12, 82, etwas 
anders b. Plut. b. sap. conv. 2, S. 147); Kallimachus b. Dioo. 22 Ittast 
ihn das Sternbild des kloinen BUren zuerst bestimmen, was Theo in Arati 
ph»n. 27. 69 und der Scholiast Plato's 8. 420, Nr. 11 Bekk. wiederholt; 
Proki.us giebt an, er solle zuerst bewiesen haben, dass der Durchmesser den 
Kreis halbirt (in Enclid. 44, o. 157 Friedl.)» dass im gleichschenkligen 
Dreieck die Winkel an der Grundh'nie gleich sind (ebd. 67, n. 250 Fr.), 
dass die Scheitelwinkel einander gleich pind (ebd. 79 u. [299] nach Eudemos), 
dass Dreiecke sich gleich sind, wenn sie je zwei Winkel und eine Seite 
gleich haben, und dass. man mittelst dieses Satzes die Entfernung von Schiffen 
auf dem Meere messen könne (ebd. 92f [352] gleichfalls nach Eudemus). 
AruLEJUS Flor. lY, 18. 8. 88 H. lässt ihn temporum nmbittuf. vtniorum ßa- 
iuSf itellarum meatu9f tonitruum 8onara mtraeu2a, nderum oUiqua curriculaj 
solit annua reveriiada (die ipo::a(, die Sonnenwenden, von denen auch Theo 
und Dioo. a. d. a. 0. und Schol. in Plat. S. 420 Bekk. redet) entdecken, 
ferner die Phasen und Vorfinstcrungeu des Mondes, und eine Methode, um 
zu bestimmen, quotten^ sol magnittidine stia circulum, fjuem permeat, metiatur. 
Stobaus legt ihm, neben später zu erwähnenden philosophischen und physi- 
kalischen Sätzen, die Eintheilung des Himmels in ffinf Zonen (Ekl. 1, 502. 
Plut. Plac. II, 12, 1), die Entdeckung, dass der Mond von der Sonne be- 
leuchtet werde (ebd. 556. Plac. II, 28, 3), die Ei*klärnng seiner monatlichen 
Verdunklung und seiner Verfinsterungen (560) bei. Plxn. H. nat. XVIil, 
25, 213 berichtet von ihm eine Annahme Aber das Siebengestirn, Theo in 
Arat. 172 eine über die Hyadcn. Nach Cic. Kep. I, 14 soll er die erste 
Himmelskugel verfertigt haben, nach Pnii.osTB. Apoll. II, 5, 8 hätte er von 
Mykale aus die Sterne beobachtet. Wie viel an diesen Angaben thatsächlicb 
ist, lässt sich freilich nicht ausmitteln; dass auch die Vorausbestimmung 
der Sonnenfinsterniss nicht geschichtlich sein kann, zeigt Mabtiv in der 
Revue arch^ol. nouv. s^r. Bd. IX (1864), 170 ff.; vgl. namentlich 8. 181 f. 
1) Bei den Phöniciern, sagt Pbokl. in Eud. 19, o. [65], sei die Arith- 
metik, bei den Aegyptem, aus Anlass der Nilüberschwemmnngen, die Geo- 
metrie erfunden worden! OaATJ^ hl npojTov e?; Atpfctov ^Soiv (jL€'D[YaYev tU 
Ti)v 'EXXaSa r^v OE(i>piav xaijiijv. xoi itoXka ji^v auiof «Spe, noXXcov tk toi ap- 
yrjk^ i^ (icT* a'jibv G^i^pjaaTo. Woher Proklus diese Nachrichten hat, giebt 
er nicht an, und ist es auch nicht unwahrscheinlich, dass Eudemus seine 
Quelle ist, so wissen wir doch weder, ob er seine ganze AHttheilung diesem 
Gelehrten entnommen hat, noch kennen wir die Gewährsmänner des Endemus. 
Von der ägyptischen Reise des Thaies, seinem Verkehr mit den dortigen 
Priestern, und den mathematischen Kenntnissen, die er ihnen verdankte, 
spricht auch pAMfnri.K und Fibrohymüs b. Dioo. 24. 27, der Verfasser dea 



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[148] Mathematik. Physik. 173 

der alten Physiker eröffnete, sagt | schon Aristoteles *), und 170 
diese Angabe erscheint auch ganz begründet. Er ist wenigstens 
der erste, von dem uns bekannt ist, dass er in allgemeiner Rich- 
tung nach den natürlichen Ursachen der Dinge gefragt hat, wäh- 



Briefs «n Pherecydes ebd. 43. Pljn. H. nat. XXXVI, 12, 82. Plut. De Is. 
10, 8. 354; s. sap. conv. 2, 8. 146; plac. I, 3, 1. Clemexi Strom, f, SOG, 
D. 302. Jambl. V. Pyth. 12. Schol. in Plat. 8. 420, Nr. 11 Bekk. u. a. 
(vgL Dkckkb a. a. O. 8. 26 f.); mit dieser Angabe steht Tieileicht eine 
ikm beigelegte Vermathung über den Gritnd der Nil Überschwemmungen 
(DiODOB I, 38. Dioo. I, 37. Plut. plac. IV, 1. Sekrca nat qu. IV, 2, 
22. Schol. in Apoll. Rhod. IV, 269) in Verbindung. Wenn es wahr i«t, 
dass Thaies Handel trieb (wie Plct. 8o1. 2, 8ehl. mit einem 9a^v sagt), 
so kdnnte man annehmen, er sei zunächst dnrch seine Handelsreisen nach 
Aegypten geftlhrt worden, habe dann aber die Gelegenheit zur Erweiterung 
seiner Kenntnisse benutzt. Für TollstAndig erwiesen kann allerdings seine 
Anwesenheit in Aegypten nicht gelten, so wahrscheinlich die 8ache auch ist, 
weil wir die XJberlieferung über dieselbe doch nicht weiter, als höchstens bis 
zu Eudemus hinauf verfolgen können, welcher Ton der angeblichen That- 
sacho immer noch dritthalbhundert bis dreihundert Jahre enti>)mt ist. Noch 
weniger beweist ein so spätes und unbestimmtes Zengniss, wie das des. Jo- 
sephus c. Ap. I| 2, seine Bekanntschaft mit den Chaldäern, oder das der 
pseadoplutarchischen Placita I, 3, 1 die lange Dauer seines Aufenthalts in 
Aegypten. Lässt ihn gar ein Scholium (Schol. in Ar. 533, a, 18) als Lehrer 
des Moses nach Aegypten berufen werden, so ist diess für die Art, wie man 
in der byzantinischen Zeit und auch schon früher Geschichte machte, be- 
zeichnend. Dass Thaies ausser geometrischen und astronomischen Kennt- 
nissen auch noch anderweitige, philosophische und physikalische Ansichten 
Ton den Orientalen entlehnt habe, sagt keiner von unseren Zeugen, als etwa 
Jamblich und die Placita. RÖth*b Versuch aber (Gesch. d. abendl. Phil. II, 
a, 116 ff.), diese Thatsache aus der Verwandtschaft seiner Lehre mit der 
ägyptischen zu erweisen , löst sich in nichts auf, sobald man Thaies nur 
das zuschreibt, was ihm mit Grund zugeschrieben werden kann. 

1) Metaph. I, 3. 983, b, 20. Dass es nicht die griechische Philosophie 
überhaupt, sondern nur die jonische Physik ist, die hier auf Thaies zurück- 
geführt wird, erinnert Bovitz z. d. 6t. mit Recht. Nur vermuthungsweise 
sagt Theopbrast b. 8impl. Phys. 6, a, m, es werde wohl auch vor Thaies 
Naturforscher gegeben haben, deren Namen aber der seinige in Vergessenheit 
gebracht habe. Dagegen bemerkt Plut. 8olon c. 3, Schi., Thaies sei unter 
seinen Zeitgenossen der einzige, welcher seine Forschung auf andere als 
praktische Fragen ausgedehnt habe (jcepati/pco xf|( XP^^^ i^ixia^oit Tij Otcopta). 
Aehnlich Strabo (b. 8. 171, 1). Hippoltt. Refut. her. I, 1. Dioo. I, 24. Die 
Behauptung des Tsbtbes (Chil. H, 869. XI, 74), er habe den Pherecydes 
zum Lehrer gehabt, ist ohne alles Gewicht, und wird durch die Chronologie 
widerlegt. 



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174 Thaies. (148] 

^ rend sich die früheren theils mit mythischer Kosmogonie; theils 
mit vereinzelter ethischer Reflexion begnügt hatten ^). Diese 

171 Frage beantwortete er nun dahin, dass er im Wasser den Stoff 
aufzeigte, aus dem alles bestehen, und aus dem es entstanden 
sein sollte ^) lieber die | Gründe dieser Annahme war schon 



1) Dass jedoch Thaies seine Ansichten noch nicht hi Schriften nieder- 
gelegt hatte (Dioo. I, 23. 44. Ai.rx. in Metaph. I, 3. 8. 21 Bon. Themist. 
Or. XXVI, 317, B. Himpl. De an. 8, a, o. vgl. Philop. De an. C, 4 unt. 

'Galbx in Hipp, de nat. hom. I, 25, Schi. T. XV, 69 Kühn), müssen wir 
schon desshalh annehmen, weil Aristoteles (Metaph. I, 3. 983, h, 20 ff. 
984, a. 2. De ccbIo II, 18. 294, a, 28. De an. I, 2. 405, a, 19. c. 5. 411, 
a, 8. Polit I, 11. 1259, a, 18 vgl. Schwegler z. Metaph. T, 3) immer nur 
nach unsicherer UeberUefernng oder eigener Vermuthung von ihm redet, 
ebenso Eudemus b. Prokl. in Eucl. 92 [352]; und mehr als seltsam ist es, 
wenn Köth Gesch. d. abendl. Phil. II, a, 1 1 1 die Aechtheit der thaletischen 
Schriften aus ihrer Uebereinstimmung mit den Sätzen erschliesst, welche 
Thaies beigelegt werden; denn für's erste h&lt er selbst von Jenen Schriften 
nur zwei für acht, über deren Inhalt nicht das geringste überliefert ist, die 
vauTix^ a^TpoXoY^x und die Schrift icep\ ipoTrijc; und sodann liegt doch am 
Tage, dass Ueberlieferungen über die Lehre des Thaies ebensogut aus unter- 
schobenen Schriften entnommen, wie andererseits von den Verfassern solcher 
Schriften benutzt werden kohnten. Unter den Werken, welche Thaies bei- 
gelegt wurden, scheint die vauTtxJj mx^oXo^Iol^ deren Dioo. 23. Simpl. Phys. 
6, a, m erwähnt, das älteste gewesen zu sein. Nach Simpl. wäre sie seine 
einzige Schrift gewesen, Diog. bemerkt, sie werde für ein Werk des Samiers 
Phokus gehalten. Nach Plut. Pyth. orac. 18, S. 402, der sie für acht hält, 
war sie in Versen geschrieben ; sie scheint auch mit den bei Dioo. 34 ge* 
nannten Im) gemeint zu sein. Ob das von Süin. 6aX. unserem Philosophen 
beigelegte Gedicht >ccp\ {lettcopcüv von ihr verschieden ist, oder nicht, lässt 
sich nicht ausmachen. Zwei weitere Schriften, welche von manchen lür 
seine einzigen erklärt wurden, izipi Tpojcfjt xoi {<TriiJLep{a(, führt Dioo. 28 vgl. 
Sun>. an; ein Werk n. otpx^v, dessen Unächtheit aber schon durch seine 
eigene Mittheilung ausser Zweifel gestellt wird, der angebliche Galen In 
Hippocr. De humor. I, 1, 1. Bd. XVI, 37 K. An die Aechtheit der von 
Dioo. 35 angeführten Verse (über welche Decker 6. 46 f. z. Tgl.) und 
vollends der Briefchen ebd. 43 f. ist auch nicht zu denken. Auf welche 
von diesen Schriften sich die Behauptung Augustinus Civ. D. VIII, 2, dass 
Thaies Lehrschriften hinterlassen habe, sammt der zweifelnden Berührung 
thaletischer Bücher bei Joseph, c. Apion. I, 2, und den Anführungen bei 
Sbjieca nat. qu. III, 13, 1. 14, 1. IV, 2, 22. VI^ 6, 1. Plut. plac. I, 3. 
IV, 1. DioDOR I, 38. Schol. in Apoll. Khod. IV, 269 bezieht, ist unerheblich. 

2) Aeibt. Metaph. I, 3. 988, b, 20: 6aX^( y.h h f^ -coiaviv)« «p'X^T^ 
^iXoao9iac iS^cop ihoLi fvjaiv [sc. atoty^etov xa\ apX,V icijv ovtuv]. Cic. Acad. 
II, 37, U8; Thaies . . . ex aqua dixU consfare ovinia, und viele andere (ein 



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[149] Das Wassor als Urstoff. 175 

den Alten nichts durch geschichtliche Ueberlieferung bekannt; 
Aristotelks *) bemerkt zwar, Thaies möge zu derselben durch 
die Beobachtung geführt worden sein , dass die Nahrung aller 
Thiere feucht ist, und dass alle aus Samenfeuchtigkeit entstehen, 
aber er bezeichnet diess ausdrücklich als seine eigene Verrauthung. 
Erst spätere minder genaue Schriftsteller geben diese Vermu- 
thung als Thatsache, und fügen die weiteren Gründe Jiinzu, dass 
auch die Pflanzen aus dem Wasser und selbst die Gestirne aus 
den feuchten Dünsten ihre Nahrung ziehen, dass das absterbende 
vertrockne, dass das Wasser das bildsamste und das allumfassende 172 
sei*), dass Ein Urstoif angenommen werden müsse, weil sich 
sonst der Uebergang der Elemente in einander nicht erklären 
Hesse, und dieser bestimmte ürstofF, weil alles durch Verdünnung 
und Verdichtung daraus werde *>. Um so weniger können w i r 



Verzeichniss derselben bei Dbckeb 8. 64). Wenn sich hiefür (bei Stob. Ekl. 
I, 290, and fast wörtlich gleich bei Justin Coh. ad Or. c. 5. Plut. Plao. 
I, 3, 2) auch der Ausdruck findet: «PX^^ "^^^ ovicov «jcc^jJvaTo xb OSwp, ii 
5daxof Y^F ?^i^^ navta cTvai xoi ili Udoip avocAÜeiOati - so ist auch diess aus 
Aristoteles geflossen, welcher kurz vor den oben angeführten Worten sagt, die 
Mehnahl der Alteren Philosophen kenne nur materielle Gründe: ii ou f^P (^'^^^ 
hcaonüL la ovts xai ^ o5 YC^vdoc. icpcuxou xa\ kU % 99cipExa( tiXeotatov . . . touxo 
oToc^tftov xa\ xaÜTTjv «px^ «paviv sTvat icov ovxcov. Aristoteles ist atoo in 
Wahrhe.t unsere einzige Quelle iiir die Kenntniss des thaletischen Satxes. 

1) A. a. O. Z. 22: Xaßwv T<jü>« t^ SjcöXtj^Jiv ix xow jcxvkuv opSv t^v 
xpo^jV 6pYav ouaav xok «ixb xb Ocp(ibv £x xoütou '^i^yi6\uyuyi xä\ xoüx^i twv . . . 
xal ftia xb «avxcav xa i77icp{xaTqF tfjv cüffiv Gypoiv ty[tv^* "^'^ ^' CStop apx^v xt]« 
oü^ccuf eTvoii xotf ^Ypotf. Unter dem 0£p|xbv darf man aber nicht (wie Bbandis 
I, 114) das Warme überhaupt mit Einschluss der Gestirne (s. folg. Anm.) 
Terstehen, sondern es bezieht sich auf die Lebenswttrme in den Thieren, 
anf welche das navxtuv durch den Zusammenhang beschränkt wird. 

2) Plut. Plac, I, 3, 2 f. (ebenso bei Eus. pr. ev. XIV, 14, 1, und wesent- 
lich gleichlautend 8tob. a. a. O.}* Alex zu Metaph. 983, b, 18. Philop. Phys. 
A, 10, o. De an. A, 4, u. Simfl. Phys. 6, a. 8, a unt. De coslo 273, b, 36 
Karst. Schol. in Arist. 514, a, 26. Dass auch Simplicius hier nur eigener oder 
fremder Muthmassung folgt, dass sich die spätere Berufung auf Theophrast auf 
die angeblichen Beweisgründe des Thaies nicht beziehen lässt, dass wir mit- 
bin durchaus kein Recht haben, aus der vermeintlichen Uebereinstimmnng 
des Aristoteles und Theophrast (mit Brandis I, 111 f.) auf das Dasein su- 
verUesiger Nachrichten über die thalotische Beweisführung zu schliessen, ist 
schon Ton Rittbb I, 210 und Kuische (Forschungen auf dem Gebiete der 
alten Philosophie. I, 36) gezeigt worden. 

3) 8o Galest De elcra. scc. Ilippocr. I, 4. T. I, 444. 442. 484 von 



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176 Thaies. [150] 

etwas I bestimmteres darüber aussagen: es ist möglich; dass den 
milesischen Philosophen solche Erwägungen geleitet haben; wie 
sie Aristoteles vermuthet; er kann namentlich von der Beobach- 
tung ausgegangen sein ; dass alles Lebendige aus einer Flüssig- 
keit entsteht und bei der Verwesung wieder zerfliesst, er kann 
aber auch durch andere Wahrnehmungen; wie die Entstehung 
festen Landes durch Anschwemmung, die befruchtende Kraft des 
Kegens und der FlüssC; die zahlreiche thierische Bevölkerung der 
Gewässer; zu seiner Annahme veranlasst worden seiu; und neben 
derartigen Bemerkungen können die alten Sagen vom Chaos und 
vom Götter vater Okeanos Einfluss auf ihn gehabt haben; wie es 
sich hiemit verhielt; lässt sich nicht ausmitteln. Ebensowenig 
können Wir angebei), ob er sich das Wasser als Urstoff unendlich 
gedacht hat; denn die Aussage des SiMPLiciuS hierüber ^) ist 
sichtbar nur aus der aristotelischen Stelle; die er eben erläutert ^); 
geflossen ; diese selbst $ber nennt nicht blos den Thaies nicht; 
178 sopdem sie behauptet überhaupt nicht; dass einer von deneu; 
welche das Wasser ftir den Grundstoff hielten; diesem Element 
die Eigenschaft der Unendlichkeit ausdrücklich beigelegt habe'). 
Jedenfalls würden wir aber in diesem Fall eher an Hippo (s. u.); 
als an Thaies ; zu denken haben ; da die Unendlichkeit des Ur- 
Stoffs sonst immer als eine Bestimmung betrachtet wird; die Ana- 



Thaies, AnaximeneB, Aoaximander und Heraklit gemeinschaftlich; in Wahr- 
heit hat aber erst Diogenes von Apollonia (s. u.) die Einheit des Urstoffii 
aus der Umwandlung der Elemente bewiesen. 

. 1) Phys. 105, b, m : o{ |ilv ?v n viot^tiov unottO^Tc; louio antipov eXf- 
Yov X(j) {uy^st, b>9n£9 OacXf^; {ikv CScop u. e. w. 

2) Phys. III, 4. 203, a, 16: ot 6k ntp\ fussco; ebcavu« x%i OnottO^aaiv 
iitfpav Twa ^üatv i(j> intlpt^ tcov XeYO{jiv(ov cttoi/cioov, oTov Cdcap i^ aipa. f^ to 
(JKTa^ tout(i)V. 

8) Es handelt sich nämlich a. a. O. nicht darum, ob der Grundstoff un- 
endlich ist, sondern dainim, ob das Unendliche Prädikat eines von ihm ver- 
schiedenen Körpers ist, oder ob es, wie von Plato und den Pytbagoreern, 
für etwas selbständiges und fürsichbestehendes gehalten wird; Arist. sagt 
also nicht: alle Physiker setzen den Urstoff unendlich, sondern: alle geben 
dem Unendlichen irgend ein Element zum Substrat, und diess konnte er 
sagen, wenn auch einzelne der Unendlichkeit des Urwesens gar nicht aus- 
drücklich erwähnt hatten: das aicaviEC wird durch den Zusammenhang auf 
diejenigen Physiker beschränkt, welche überhaupt ein äretpov kennen. 



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[160. 161] Der Urstoff; die Gottheit. 177 

ximander zuerst aufgestellt habe; Thaies hat sich wohl diese 
Frage überhaupt noch nicht vorgelegt. 

Von dem Wasser, als dem Urstoff, soll Thnles die Gottheit, 
oder den Geist unterschieden haben'), welcher den Urstoff durch- 
dringe I und aus ihm die Welt bilde*). Allein Aristoteles^) 
läugnet ausdrücklich, dass die alten Physiologen, unter denen 
Thaies obenan steht, die bewegende Ursache vom Stoff unterschie- 
den, oder dass ein anderer, als Anaxagoras, und vielleicht auch 
schon Her motimus, die Lehre vom weltbildenden Verstand aufge- 
bracht habe. Wie wäre diess möglich, wenn ihm schon von Tha- 
ies bekannt war, dass er Gott die Vernunft der Welt nannte? 
Hat aber Aristoteles davon nichts gewusst, so dürfen wir über- 
zeugt sein, dass das, was die Späteren darüber zu wissen behaup- 174 
ten, nicht aus geschichtlicher Ueberlieferung hei*stammt. Und 
da nun überdiess die Lehre, welche sie demMilesier beilegen, mit 
der stoischen Theologie ganz übereinstimmt, da selbst der Aus- 
druck bei StobäüS der stoischen Terminologie entnommen zu sein 
scheint^), da noch Clemens von Alexandria •'^) und AüGUSTlN^) 
bestimmt behaupten, weder Thaies noch die nachfolgenden Phy- 



1) Cic. N. De. I, 10, 26: Thaleg , . . aquam dixit esse inttium rertinif 
Deum autem eam mentem , quce. ex aqua euncta fingeret ^ eine Angabe , die 
nach KsiscHs's trefifender Wahrnehmung (Forschungen 39 f.) gans dasselbe 
besagt, und in letzter Beziehung wahrscheinlich aus der gleichen Quelle ge- 
6o8sen ist, wie der Bericht des StobÄus Ekl. I, 56: 9aX^; vouv tou xöapiou 
tbv Osbv, und der gleichlautende bei Plut. Plac. I, 7, 11 (wonach auch b. 
Eus. pr. ev. XIV, 16, 5 wonl nicht mit Gaibford zu lesen ist: BaX^^ xbv 
xÖ9|A0v eTvai 9&bv, sondern: voüv toO x^ojjlou Ocöv). Athemao. Supplic. e. 21. 
Galbk bist. phil. c. 8 S. 251 Kühn. 

2) Cic. a. a. O. vgl. mit Stob« a. a. O. to tk kw e{i'}u)r,ov «jjia xot lai- 
(i,övcov nXTJpcc 5t)jxeiv 8^ xot 8ta tou axoiyiujjhou^ &YP^^ duv«(j.iv 6eiav xtvi^itx^v 
«Ctou. Phii^p. De an. C, 7, u.: Thaies solle gesagt haben, oi« f| icp^voia 
(A^j>( tcüv iT/jxxiQyt 8ufjxst xa\ ovSIv aut^v Xav6av«i. 

3) Motaph. I, 3. 984, a, 27. b, 15. 

4) Als die mens universi wird Gott z. B. von Sbmeca nat. qu. prol. 
13 bexeiehnct; als der apirUus permeator univerti von Kleantues b. Tertull. 
Apologet. 21, als Suvajii; xivi^tix^ irj^ ISXr^; b. Stob. Ekl. I, 178, als der 
voS«, der alles durchdringe (Stvixetv), bei Dioo. VII, 138. 

5) Strom. II, 364, G vgl. Tert. e. Marc. I, 13: Tkales aquam (Denn 
jMTOnurUiavUJ, 

6) Civ. D. Vni, 2. 

PhlloB. 4. Gr. I, nd. 4. Aufl. 1'^ ' 



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178 Thale». [151. 152] 

Biker haben Gott oder den göttlichen Geist ftir den Welturheber 
gehalten^ sondern erst Anaxagoras habe diess getban, so können 
wir die entgegengesetzte Annahme mit aller Sicherheit für ein 
Missverständniss der nacharistotelischcn Zeit erklären ^ dessen 
Quelle sich uns sogleich in einigen aristotelischen Stellen zeigen 
wird. Dass Thaies persönlich an keinen Gott und an keine Göt- 
ter geglaubt habC; folgt hieraus natürlich entfernt nicht; wenn 
ihm jedoch der Satz in den Mund gelegt wird ^), Gott sei das äl- 
teste, denn 6r sei imgewordeu; so ist auch diese Ueberlieferung 
nicht sehr glaubwtirdig. Denn theils ist der Ausspruch um nichts 
besser verbürgt^ als die unzähligen andern Apophthegmen der 
sieben Weisen^ und dem Thaies ist er wohl ursprünglich in irgend 
einer derartigen Spruchsammlung mit derselben Willktihr , wie 
anderen anderes, beigelegt worden; theils wird sonst immer Xe- 
nophanes als der erste bezeichnet, der die Gottheit im Gegensatz 
176 gegen den hellenischen Volksglauben für ungeworden erklärte. 
Ungleich wahrscheinlicher ist die Angabe^), Thaies habe gelehrt, 
dass alles voll von Göttern sei; wenn diess jedoch dahin ausgelegt 
wird, dass er dabei an eine Verbreitung der Seele durch das Welt- 
ganze gedacht habe, so zeigt das vorsichtige ^vielleicht* des Ari- 
stoteles zur Genüge, wie wenig sich diese Erklärung auf Ueber- * 
lieferung stützt, und wir gehen gewiss nicht zu weit, wenn wir 
annahmen, nicht blos die Späteren, sondern schon Aristoteles habe 
nach seiner Weise dem alten Philosophen Vorstellungen zuge- 
traut, die wir von ihm noch nicht erwarten dürfen. Dass er sich 



1) Plct. Pap. conv. c. 9. Dioo. I, 35. Stob. Ekl. I, 54; denselben 
Sinn hat aber gewiss 'auch die Angabe des Clemens Strom. V, 595, A (und 
HiPPOLTT. Refut. hser. I, 1), in der Krische S. 38 obne Grund einen rich- 
tigeren Ausdruck siebt, Thaies habe auf die Frage: ti hxt xo Octov; geant- 
wortet: To jii{Te «py/^v ji>(« T6>05 e/ov, denn da sofort ein weiterer angebli- 
cher Ausspruch des Thaies über die göttliche Allwissenheit angeführt wird 
(der gleiche, welchen auch Dioo. 36. Valer. Max. VlI, 2, 8 giebt), so 
hat das unpersönliche Oetov hier dieselbe Bedeutung, wie das persönliche 
0e6(. — Dass Tertull. Apologet, c. 46 die Erzfihlung Cicero^s (N« L). I, 
22, 60) über Hiero und Simonidos auf Krösus und Thaies fiberträgt, ist 
blosses Versehen. 

2) Aribt. De an. I, 5. 411, a, 7: xat ev tut oXco ^i Ttv£( aurf^v [xjjv 
^'^X.V] K^H-^X®^* ^OLüv^y SOev ?9Yü< xat 6oiX^; co yJOy} noEvta icXvJpi] Occjv cTvat. Dioo. 
I, 27: töv xoajiov E{a^ux,ov xoct Saift^vcov icXvJpT], ebenso Stob. b. o. 177, 2. 
Dereelbc Satz wird dann auch (Cic. Lcgg. II, 11, 26) moralisch gewendet. 



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[152. 153] Die Gottheit; Beseeltheit der Natur. 179 

alle Dinge lebendig gedacht, alle wirkenden Kräfte nach Analogie 
der menschlichen Seele personificirt hat; diess allerdings ist zum 
voraus wahrscheinlich, weil es jener phantasievollen Naturan- 
achauung gemäss ist, die der wissenschaftlichen Naturforschung 
tiberall, und so namentlich auch bei den Griechen, vorangeht-, und 
es ist insofern ganz | glaublich, dass er, wie Aristoteles sagt ^), 
dem Magnet wegen seiner Anziehungskraft eine Seele beilegte, 
d. h. dass er ihn für ein lebendiges Wesen hielt. Ebenso dachte 
er sich ohne Zweifel auch seinen Urstoff lebendig, so dass er, wie 
das alte Chaos, durch sich selbst, ohne Däzwischenkunft eines 
weltbildenden Geistes, die Dinge erzeugen konnte. Auch das ent- 
spricht der altg^iechischen Denkweise aufs beste, wenn er in den 
Naturkräften gegenwärtige Gottheiten und in dem Leben der 
Natur den Beweis sah, dass sie mit Göttern erfUUt sei. Dass er 
dagegen die einzelnen Naturkräfte und die Seelen der einzelnen 
Wesen in die Vorstellung der Weltseele zusammengefasst hat, 
lässt sich nicht annehmen ; denn diese Vorstellung setzt voraus, 
dass die unendliche Vielheit der Erscheinungen in dem Begriffe 
der Welt zur Einheit verknüpft, und die wirkende Kraft nicht 
blos in den Einzelwesen, wo diess auch der einfacheren Vorstel- 176 
lungsweise näher liegt, sondern im Weltganzen überhaupt, vom 
Stoff unterschieden und dem menschlichen Geist analog gedacht 
wird. Ueber diese erste, dürftige Philosophie scheinen beide Be- 
stinunungen hinauszugehep, und da wir ohnedem durch die ge- 
schichtlichen Zeugnisse nicht berechtigt sind, sie Thaies beizu- - 
legen *), so ist zu vermuthen, dieser Philosoph habe sich seinen 
Urstoff zwar lebendig und zeugungskräftig gedacht, er habe auch 
den Götterglanben seines Volkes getheilt und auf die Naturbe- 
trachtung angewandt, von einer Weltseele dagegen und von 
einem den Stoff durchdringenden weltbildenden Geiste habe er 
noch nichts gewusst *). 

1) De an. I, 2. 405, a, 19: eoixc tk xa\ BaXij; il^ cov a:co(Lvy){Aov£v{ouoi xivt)- 
Tixov Ti T^v 4»w3fV ÖÄoXaßelv, ««ep tbv XiOov eft) «Juy^^v ^x^iv, 8ti tov aidv^pov 
xtvct. Dioo. I, 24: 'AptaTotA)]; 8e xot 'ln:c{a( ^avlv auibv xa\ xoi^ a^j^ü^oi; 
Sc$4vai ^^ftC Tex|jiaip6j«vov Ix xfl^ XiOow lij? jiayviriiiöo? xai xoö ^^XfxTpow. Vgl. 
Stob. Ekl. I, 758: BoX^t xa\ la ^uia ((i^fu/^a Ca>a. 

2) Denn Plüt. Plac. II, 1,2: 0aX% xa^ ol otiC aOtoS ha tov xöo|jlov, 
kann natürlich für kein geschichtliches Zeugniss gelten. 

3) Nach dem ohigen ist auch die Frage zu beantworten , welche im 

12* 



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180 ' ThaleB. [154] 

lieber die Art, wie die Dinge aus dem Wasser enistaadeD; 
scheint sich Thaies noch nicht erklärt zu haben. | Aristoteles sagt 
awar^ diejenigen Physiker^ welche Einen qualitativ bestimmten 
Urstoff haben, lassen die Dinge aus demselben durch Verdünnung 
und Verdichtung entstehen ') ; aber daraus folgt nicht, dass alle 
diese Philosophen ohne Ausnahme sich ausdrücklich in diesem 
Sinn ausgesprochen batten ^), sondern Aristoteles konnte sich ganz 
wohl so ausdrücken, wenn auch nur die Mehrzahl derselben sich 
dieser Ableitung bedient hatte, und eben diese ^ihm unter jener 
Voraussetzung die folgerichtigste zu sein schien. Erst Simpli- 
CIUS *) fasst Thaies in dieser Beziehung ausdrücklich mit Ana- 
177 ximenes zusammen; aber er hat hiebei nicht blos Theophrast 
gegen sich, sondern er sagt uns auch selbst, dass er seine Angabe 
nur aus der allgemeinen Fassung der aristotelischen Worte er- 
schlossen hat^), und einen andern Grund hat auch die überein- 
stimmende Annahme Galen's ^), welche ohnedem in verdächtigem 
Zusammenhang steht, und einiger andern ^) gewiss nicht. Das 

▼ongen Jahrhundert lebhaft verhandelt, jetzt so sücmlich yerscholleii i^t, ob 
Thaies Theist oder Atheist gewesen sei. Das richtige ist ohne Zweifel, dass 
er keines you beidem war, weder in seinem religiösen Glauben, noch in 
seiner philosophischen Ansicht, denn jener ist griechischer Polytheismus, 
diese pantheistischer Hylozoismus. 

1) Phys. I, 4, Anf.: to^ f q\ ^u9txo\ Xe^ouai $üo xp6izoi elaiv. o( (ikv yap 
Sv jcotiJaoevTsc xo Sv oo>p.a to 6;rox£i(icvov . . . iSXXa yewbjat rvxvönjTi xai fiavö- 
Ti)Tt noXka Tcotouvte; ... ot 8Wx tou Wo^ Ivoüaa; t«; ^vavTtöiijxa; IxxpivsaOat, 
fioTCEp *AvQi^i(iav8p6c ^v^aiv u- s. w. 

2) Heraklit z. B. licss die Dinge aus dem Urfeuer nicht durch Ver- 
dünnung und Verdichtung entstehen, sondern durch Verwandlung. 

3) Phys. 39, a, o.: xoi ol Iv 3^ xai xtvoü{jLevov t^v ap/f^v 6}:oO^{jL£vot, r«»< 
HaXiJ^ xa\ 'AvaEipi^vT)? , (lavcooei xa\ Ruxv<o7£t t^v f^caiv icotcuvtE« u. s. w. 
Aehnlich 810, a, u. Pbrüdoalex. zu Metaph. 1042, b, 33. 8. 518, 7 Bon. 
und der Ungenannte 8choL in .\riftt. 516, a, 14. b, 14. 

4) SiMPL. Phys. 32, a, n. : iiii ^ap roütou [jlövou ['Avo^ipivou;] 6iÖ9pa9io^ 
h TV] ""laxopia x^v piavb)9iv «Tcv^xe xa\ i^v nüxvuiatv. (Diese Aussage ist übri- 
gens auf die Altern Jonier zu beschränken, denn Diogenes schrieb auch 
Theophrast die Verdünnung und Verdichtung zu, s. u.) 8^Xov hk m; xa\ o( 
aXXot tij (LOcvoTY}!! xa\ jcuxvÖTijit ^ypwvTo , xa\ *)(•*? ^ApiaiOTÄij? Ktpi 3:«vtcov 
ToUnov sTtcc xotvtü{ u. s. w. 

5) 8. o. 8. 175, 3. 

6) HippoL. Refut. I, 1. Abhob, adv. nat. II, 10. Prilop. Phys. C, 1, 
n. 14, u., welcher Thaies an beiden Stellen so Tollstilndig mit Anaximene« 
verwechselt, dass er ihm die Luft als Urstoff zuschreibt. 



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[154. 165] Entstehung der Dinge; sonstige Annahmen. X8l 

wahrscheinlichste ißt daher immer, das» Thaies auch diese Frage. 

noch nicht in's Auge gefasst, sondern sich bei der unbestimmten 
Vorstellung der Entstehung oder Erzeugung aus dem Wasser 
beruhigt hat. 

Was uns sonst über die Lehre unseres Philosophen erzählt 
wird, ist theils nur vereinzelte empirische Beobachtung oderVer- 
niuthung, theils ist es zu schlecht beglaubigt, als dass wir darauf 
bauen könnten. Das letztere gilt nicht blos von den mancherlei 
mathematischen und astronomischen Entdeckungen und den ethi- 
schen Sinnsprüchen, die ihm zugeschrieben werden ^), von der '. 
Behauptung^), dass die Gestirne erdartige glühende Massen seien, 
dass der Mond sein Licht von der Sonne erhalte*) u. dgl., son- 
dern auch von den philosophischen Lehren über die Einheit der 
Welt*), die unendliche Tbeilbarkeit und Veränderlichkeit der 
Materie*), die Undenkbarkeit des leeren Raums*), die Vier- 178 
zahl der Elemente '), die Mischung der Stoffe *) , die Natur 
und die Unsterblichkeit der Seele *) die Dämonen und He- 



1) Vgl. S. 98. 171, 1. 

2) Plüt. Plac. II, 13, 1. Achill. Tat. Isag. c. 11. 

3) Plüt. Plac. II, 28, 3. — Plüt. conv. sap. c. 15 (w? Si 6aX^; X^yet, 
Tijs Y'i? «VÄtoeOsiaij? au^/uatv xbv oXov ^siv x6a|iL0v) gehört kaum hieher, da 
das plutarcliische Gastmahl keine geschichtliche Schrift ist; die Meinung 
ist übrigens ohne Zweifel nur: die Vernichtung der Erde würde (nicht: sie 
werde dereinst) eine Zerstörung der ganzen Welt zur Folge haben. 

4) Plüt. Plac. II, 1, 2. 

5) Plüt. Plac. I, 9, 2. Stob. Ekl. I, 318. 348. 

6) Stob. 378, wo die von Roth abcndl. Phil. II, b, 7 empfohlene ältere 
Lesart l7:e'yv(üaav schon sprachlich unannehmbar ist. 

7) Diese setzt das Bruchstück der unftchten Schrift s. «px^Sv bei Galen 
(oben S. 174, 1 g. E.) und vielleicht nach ihm Heraklit Alleg. hom. c. 22 in 
der Art voraus, dass die vier Elemente ausdrücklich auf das Wasser zurück- 
geführt werden; dass aber erst Empedokles die Vierzahl der Grundstoffe 
festgestellt hat, wird später gezeigt werden. 

8) Stob. I, 368 — in der Parallelstelle der plutarohischen Placita I, 
17, 1 ist Thaies nicht genannt, sondern esheisstnur: o\ «pxaio»i was offen- 
bar richtiger und wohl das ursprünglich plutarchische ist. 

9^ Nach Plüt. Plac. IV, 2, 1. Nemes. nat hom. c. 2. S. 28 hätte er 
die Seele als 9uai( asixtv/jtoc tj aOToxivTjto; bezeichnet, nach Theodoeet gr. 
äff. cur. V, 18. 8. 72 als 9iJai« «xivtjto« (wofür aber gleichfalls «ixiv. zu 
lesen ist), eine Unterschiebung späterer Bestimmungen, welche ohne Zweifel 
durch die oben (179, 1) angeführte aristotelische Aeusserung veranlasst ist 



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182 Thaleg. [165. 156] 

roen *). Alle diese Angaben stammen von so unzuverlässigen Zeu- 
gen, und die meisten derselben stehen mit glaubwürdigeren Nach- 
richten mittelbar oder unmittelbar so sehr in Widerspruch, dass wir 
ihnen nicht den geringsten Werth beilegen können. Glaublicher ist, 
was Aristotelks *) als Ueberlieferung mittheilt, dass Thaies ge- 
meint habe, die Erde schwimme auf dem Wasser, denn es würde 
diess zu ihrer Entstehung aus dem Wasser sehr gut passen, und 
auch an ältere kosmologische Vorstellungen sich leicht anschlies- 
sen ; und hiemit liesse sich auch die weitere Angabe *) verbinden, 
dass er die Erdbeben von der Bewegung jenes Wassers hergeleitet 
habe. Indessen scheint sich die letztere nur auf eine von den 
Schriften zu gründen, die unserem Philosophen unterschoben 
worden waren, und die wohl auch noch fUr andere ihm zuge- 
schriebene Lehren die letzte Quelle bildeten. | Besser beglaubigt 
179 ist die Aussage des Aristoteles; doch erhalten wir auch durch sie 
über das Ganze der thaletischen Lehre wenig Aufschluss ^). Alles, 
was wir von ihr wissen, lässt sich daher im wesentlichen auf den 
Satz zurückführen, dass das Wasser der Stoff sei, aus dem alles 
entstanden ist und besteht. Welches dagegen die Gründe waren, 
die Thaies zu dieser Annahme bestimmt haben, darüber sind uns 
nur Vermuthungen möglich, und wie er sich die Entstehung der 
Dinge aus dem Wasser näher vorgestellt hat, wissen wir gleich- 
falls nicht sicher; das wahrscheinlichste ist jedoch, dass er sich 
den Urstoff, wie die Natur überhaupt, belebt dachte, übrigens 
aber bei dem unbestimmten Begriff der Entstehung oder Erzeu- 



Tbbtull. De an. c. 5 legt ihm und Hippo den Satz bei, dass die Beele 
aus Wasser bestehe; Philoi». De an. C, 7, n. beschränkt diese Behauptung 
auf Hippo, während er sie ebd. A, 4, u. ausser ihm auch Thaies zuschreibt. 
Dase er zuerst den Unsterblichkeitsglauben aufgebracht habe, sagt Chörilus 
bei Dioo. I, 24 und Suidas BaX. 

1) Athen AO. Supplic. c. 23. Plut. I*lac. I, 8. 

2) Metaph. I, 3, 983, b, 21. De ccelo II, 13. 294, a, 29. 

3) Plut. Plac. III, 15, I.. Hippol. Kefut. hsör. I, 1. Seh. nat qu. 
VI, 6. III, 14. Der letztere scheint sich dabei auf eine pseudothaletieche 
ßchrift zu beziehen. 

4) Dagegen spricht schon diese Annahme gegen die Behauptting (Plut. 
Plac. III, 10), er habe die Erde für kugelförmig gehalten; eine Bestimmung, 
welche noch Anaximander und Annximcnes, ja noch Anaxagoras und Dio- 
genes fremd ist. 



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[156] Anaximandcr. 183 

gung atehen blieb, ohne dieselbe durch Verdichtung und Ver- 
dünnung des Urstoffs vermittelt zu setzen. 

So dürftig und unscheinbar diess aber noch ist, so war es 
doch von der äussersten Wichtigkeit, dass einmal überhaupt der 
Versuch gemacht war, die Erscheinungen aus einem gemeinsamen 
natürlichen Grund zu erklären, und so sehen wir denn an Thaies 
eine Reihe weiterer Forschungen sich anschliessen, und schon 
seinen nächsten Nachfolger zu reicheren Bestimmungen fortgehen. 

2. Anaximander *). 
Wenn Thaies das Wasser für den Grundstoff von allem er- 
klärt hatte, so bezeichnete Anaximander *) als dieses ursprüng- 



1) ScuLEiEBHACHER Uebor AnaximandroB (v. J. 18il; jetzt Werke, zur 
Philo«., II, 171 ff.). Teichmüller fc?tnd. z. Gesch. d. Begr. 1—70. Die Ab- 
handlung voD Ltmo On den ionlske NatarphiloBOphi , ister Anaximander's 
(Abdruck aus den Yid.-Selskabets Forhandlinger for 1866) bedaure ich nicht 
benützen zn können, weil mir ihre Sprache fremd ist. 

2) Anaximander, ein Mitbürger, nach späterer Vorstellung (8ext. Pyrrh. 
III, 30. Math. IX, 860. Hippoltt. Refut. h»r. I, 6. Simpl. Phys. 6, a, m. 
SuiD. u. d. W. ; das gleiche besagt aber auch der Ausdruck Hatpo^ b. Simfl. 
De ccbIo 273, b. 38. Schol. in Arist. 614, a, 28. Plut. b. Eus. pr. er. I, 
8, 1, sodalis b. Cic. Acad. II, 37, 118, Yvtopijio? b. Stbabo I, 1, 11, 8. 7, 
wie denn das letztere wirklich XIY, 1. 7, 8. 635 mit {jLaOi}T^( Tertauseht ist) 
Schüler und Nachfolger des Thaies, war nach Apollodob's Angabe (Dioo. 
II, 2) Ol. 58, 2 (54«/7 V. Chr.) 64 Jahre alt und starb bald darauf, so dass 
demnach seine Geburt Ol. 42, 2 (611 v. Chr.) oder wie Hippolyt. Refut. I, 
6 will, Ol. 42, 3 fallen würde. Ol. 58 Insst ihn Plin. H. nat. II, 8, 31 
die Schiefe des Zodiakus entdecken. Die Zuverlftssigkeit dieser Angaben 
können wir freilich nicht benrtheilen; indessen empfiehlt sich die Termu- 
thnng von Diels (Khein. Mus. XXXI, 24), Anax. selbst habe sick in seiner 
Schrift als 64j)lhrig bezeichnet, ApoUodor, welcher nach Diog. diese Sdirift 
in Händen gehabt hatte, habe nach irgend einer darin vorkommenden Notiz 
ihre Abfassung auf Ol. 58, 2 berechnet, und auf der gleichen Berechnung 
beruhe die Angabe des Plinius, sofern dieser die Schiefe der Ekliptik eben 
in jener Schrift erwähnt gefunden hatte. Wenn Diog. dann aber weiter als 
Aussage Apollodor^s beifügt: ax;xsaavxa rt] |AaXiaia xaia IIoXuxpiTTiv tHv 
£ap«u Tupavvov, so iiat diess etwas auffallendos, da Anaximander Jedenfalls 
bedeutend älter war, als Polykrates^ und etwa 22 Jahre vor ihm gestorben 
ist. Doch brauchen wir desshalb nicht mit Diels a. a. O. anzunehmen, 
die angeführten Worte haben sich ursprünglich auf Pythagoras bezogen, 
dessen «xfjijj allerdings unter Polykrates fHllt, da er unter ihm, in seinem 
40. Jahr, ausgewandert sein soll; sondern sie lassen sich auch aus einer 
ungenauen Wiedergabe einer Aeusserung ApoUodor's über Anaximander er- 



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]^g4 Anaxini ander. [^^7] 

180 liphe das | Unendliche oder das Unbegrenzte^). Unter dem Un- 
endlichen verstand er aber hiebei *) nicht^ wie Plato und die Py- 
thagoreer, ein unkörperliches Element^ dessen Wesen in nichts 
anderem bestände, als eben in der Unendlichkeit, sondern die un- 
endliche Materie : das Unendliche ist nicht SubjektsbegrifF, sonderiv 
Prädikat, es soll nicht die Unendlichkeit als solche bezeichnen, 
sondern einen Gegenstand, welchem die Eigenschaft, unendlich 
zusein, zukommt. Denn ftir's erate sagt Aristoteles*), dass 



klären. Ich möchte vermuthen, dass derselbe die «xj^fj dieses Philosophen, 
um nach der Weise der alten Chronologen einen synchronistischen Anhalts- 
punkt zu geben, dem Anfang der Tyrannis des Polykrates annähernd (ni)) 
gleichzeitig gesetzt ^atte, wofür man gewöhnlich Ol. 53, 3, also das 44ste 
Lebensjahr Anaximanders, annimmt. Ecsebiub in der Chronik nennt Anax. 
zu Ol. 51. — Ucber Anaximander's Leben ist nichts weiter bekannt, doch 
weist die Nachricht (Aeliam. Y. H. III, 17), dass er Führer der milesischen 
Kolonie in Apollonia gewesen sei, auf eine angesehene Stellung in seiner 
Vaterstadt. Sein Buch n6p\ ^i^vsco; wird als die erste philosophische Schrift 
der Griechen bezeichnet (Dioo. II, 2. Themibt. orat. XXVI, S. 317, C; wenn 
Clemens Strom. I, 308, C dasselbe von Anaxagoras sagt, verwechselt er ihn 
offenbar mit Anaximander) , Rbandis bemerkt aber I, 125 mit Recht, nach 
Dioo. a. a. O. müsse es schon zu Apollodor*s Zeit selten gewesen sein, und 
Simplicius könne es nur aus Anführungen bei Theophrast u. a. gekannt 
haben. Dass Suidab u. d. W. mehrere Schriften unseres Philosophen nennt, 
ist ohne Zweifel ein Missverständniss, dagegen wird ihm eine Erdtafel (Dioo. 
a. a. O. Strabo a. a. O., nach Eratosthenes. Agathemerus Geogr. Inf. 
1) beigelegt. Eudemub b. Simpl. De C€elo 212, a, 12. (SchoL in Arist. 497, 
a, 10) sagt, er sei der erste, welcher die Grösse und die Entfernungen der 
Gestirne zu bestimmen versucht habe. Auch die Erfindung der Sonnenuhr 
wird von Dioo. II, 1. Eus. pr. ev. X, 14, 7 Anaximander, von Plik. Hist. 
n. II, 76, 187 dagegen Anaximenes zugeschrieben; beiden wohl mit Unrecht, 
da sie nach Hebod. II, 109 von den Babjloniern zu den Griechen kam; 
doch mag es sein, dass einer von ihnen in Sparta die erste Sonnenuhr auf- 
stellte, welche man hier zu sehen bekam. 

1) Arist. Phys. III, 4. 203, b, 10 ff. Simpl. Phys. 6, a, unt. und un- 
zählige andere, s. d. folgenden Anmerkk. 

2) Wie ScuLEiEBMACHER a. a. O. S. 176 f. erschöpfend gezeigt hat. 

3) Phys. III, 4. 203, a, 2: jcivxe? «o; *P7,''I^ ^^^* xiO^aai twv ovtuv [to 
«TCdpov], ol (ilv a><7}C£p Ol HuOav^psiot ^^ nXatcDV^ xaO* aGtb, oO)f co( vufißeßrp 
x(Jc Tivt iWpo), «XX' ou(j{av «Ctö Sv xb «Tisipov . . . ol 8k iztpi ^Ujeio; Snavte^ 
&ii uJCottO^a^iv It^pav iiva otiatv tio aneipo) to>v XEyofx^vrov (rzoiyzitoy^ oTov Üi8wp 
?, a^po ?) TO ixetafu töütiüv. Vgl. Metaph. X, 2. 105?, b, 15: nach der An- 
nahme der Physiker sei das h keine Substanz für sich, sondern es hab« 



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[157. 156] Das Unendliche. ]g5 

alle Physiker vom Unendlichen nur in diesem Sinn reden , zu 
den Physikern hat er aber unsern Philosophen ganz unstreitig 
gerechnet^). Sodann hat Anaximander^ nach den einstimmigen 
Berichten jüngerer Schriftsteller*), seine Annahme vornehmlich 
daraus bewiesen; dass nur das Unendliche in den fortwährenden isi 
Erzeugungen sich nicht erschöpfe; eben diesen Grund führt aber 
Aristoteles ') als einen Hauptbeweis für die Behauptung eines 
unendlichen körperlichen Stoffes an, und zwar da, wo er es mit 
der Ansicht zu thun hat, in welcher wir wirklich Anaximander's 
Lehre erkennen werden, dass das Unendliche ein von den be- 
stimmten Elementen verschiedener Körper sei. Aus dem Unend- 
lichen liess ferner unser Philosoph, welchen Aristoteles dess- 
halb mit Empedokles und Anaxagoras zusammenstellt, die be- 
sonderen Stoffe und die aus ihnen zusammengesetzte Welt durch 
^Ausscheidung* hervorgehen*); was doch nur unter der Voraus- 
setzung möglich war, dass es selbst gleichfalls etwas stoffliches 
sei. Wenn es endlich in Frage steht, wie unser Philosoph sein 
Unendliches näher bestimmt habe, so sind doch alle Bericht- 
erstatter über seine Körperlichkeit einverstanden, | und auch 
unter den aristotelischen Stellen, die sich möglicherweise auf ihn 
beziehen können, und von denen sich die eine oder die andere 
auf ihn beziehen muss, ist keine, die sie nicht voraussetzte^). 



irgend eine ^üat^ zum Substrat; Ixcivmv yotp o H^^v it; (piXiav sivat fy)ai ib 
Iv, o 8^ ^pS) o 8^ (Anaz.) to aTceipov. 

1) M. vgl a. a. O. S. 203, b, 13 s. n. 

2) Gic. Acad. II, 37, 118. Simpl. De ccelo 273, b, 38. Schol. 514, a, 
28. Philop. Pbyg. L, 12, in. Plüt. Plac. I, 3, 4 und gleichlautend Stob. 
Ekl. I, 292: X/y« ouv- 8ia ti a7;£ip<iv loTiv, tva [krfih IXXiiJtij ^ ^evcai« Ij öfi- 

3) Pby8. III, 8. 208, a, 8: outs ^ap '^'« h Y^veai; {x^ eniXeiiCT) avafxotov 
h&pytia «neipov cTvat o(5{Aa alo^x6^j vgl. e. 4. 203, b, 18 und Plut. a. a. O. 

4) S. u. 190, 2. und 8. 194, 3. Aufl. 

6) Wenn daher bei Simpl. Phys. 32, b, o. in unserem Text steht: ^voti- 
90^ Ta; cvscvitÖTv^ta^ £v xm 67Cox£({a^vu) otTcstpcü ovit a9()L>[Jt.ari IxxptvevOai fi^atv 
\\va&'(xav8po(, so kann für äotupiaTtv statt des von Scrleierm acher a. a. O. 
178 vorgeschlagenen a<o(xaxt nur dann (mit Brandis gr.-röm. Phil. I, 130) 
Mtü^xTto gelesen werden, wenn Simpl. hier unter dem aatup-atov dasjenige 
verstand, was noch zu keinem bestimmten Körper gestaltet ist. Indessen 
giebt 9ia\kSLXi nicht blos einen besseren Sinn, sondern es empfiehlt sich auch 
desshalb, weil Simpl. im vorhergehenden (S. 32, a. Schol. in Ar. 384, b, 



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186 Anaximander. ' [168] 

Dafls er demnach mit dem Unendlichen einen der Masse nach 
unendlichen Stoff bezeichnen wollte^ kann keinem Zweifel unter- 
liegen ')^ und ebendaher werden wir uns wohl auch den Aus- 



18) Ton dem Obj^ia to ^tcoxsijjlcvov Anaxioiander*s gesprochen hat, ebenso Ari- 
stoteles in der Stelle, welche der hier erläutert^ unmittelbar vorangeht, 
Pliys.I, 4. 187, a, 13 von dem arü|xa to Gttoxsijjlevov und anderswo (s. vorl. Anm.) 
von dem anstpov aSt^a, aMrix6^. Zu erklären sind die Worte: „in dem Ur- 
Stoff als einem ansipov acujjta.'^ 

1) £ineB andern belehrt mich zwar Miciielis (De Anax. Infinito. Ind. 
lect. Braunsberg 1874), im Ton eines Mannes, dem seine eigene Unfehlbar- 
keit ungleich weniger zweifelhaft zu sein scheint, als die des Papstes. In- 
dessen sind seine Beweise schwach ausgefallen. Er behauptet, Abibtotei.e^ 
unterscheide in der bis Jetzt von niemand verstandenen Stelle Phys. III, 4. 
204, a, 2 f. das affirmativ Unendliche oder Absolute von dem negativ Un- 
endlichen, welches sich nur auf das Körperliche und Sinnliche beziehe; jenes 
erstere aber sei es gerade, das Anaximander bei seinem an^ipov im Sinne 
habe. Allein von jener Unterscheidung findet sich in der anstotelischen Stelle 
(die wirklich bisher niemand so verstanden hat) keine Spur; sie sagt vielmehr 
nur: ein «icstpov könne man theils das nennen, dessen Dnrchmessung nicht 
vollendet werden kann, theils das, was sich nicht durchmessen lasse toi (ay) 
;ccfux^va( diü^vai, &(Rep f) 9covy) aöparo^, mit andern Worten (vgl. c. 5. 204, 
a, 12) das, was nicht unter den Begriff der Grösse fällt und daher so wenig 
etwas durchmessbares und somit begrenztes sein kann, als die Stimme etwas 
siohtbares. Um das Absolute als solches handelt es sich bei dieser Bedeu- 
tung des Ausdrucks a7:eipov nicht im geringsten; das ansipov in diesem Sinn 
fällt vielmehr mit demjenigen zusammen, von dem III, 4, Anf. gesagt wird, 
es könne weder a^cetoov (im gewöhnlichen Sinn) noch 7C67:€pa9(ievov genannt 
werden, wie z. B. der Punkt oder das naOo^ Wirklich muss auch M. selbst 
S. 7 f. zugeben, dass Arist. auf jenes „affirmativ Unendliche" nie wieder 
znrflckkomme; und wie wonig er überhaupt daran gedacht hat, hätte er 
schon au8 Phys. I, 2. I8n, a, 32 ff. sehen können, wo ohne alle Beschrän- 
kung von dem «jceipov überhaupt, nicht blos von einer bestimmten Art des- 
selben, gesagt wii*d, es finde sich nur sv xo) noacu, ouatav Sl a7:cipov £'l[vat 
3) 9cot6Ty)ia y) naOo^ oux Mi-j/^ixai il (i^ xaia 9U{JLßsßr|xb(, d atia xot noak axxx 
6^V' denn das Absolute ist doch, wenn irgend etwas, oOoia, und zwar eine 
solche, der das tcovöv auch nicht einmal xaia vu|jLßeßr|Xo; zukommen kann. 
Der Begriff des Absoluten und der des äicetpov schliessen sich nach aristo- 
telischer Anschauung geradezu aus; denn jenes ist das Vollendete, die reine 
Energie (s. Bd. II, b, 275, 7 2. Aufl.), dieses dagegen das, was immer un- 
vollendet, immer nur duv&iut, nie evsp^eia ist (Phys. III, 5. 204, a, 20. c. 6. 
206, b, 34 ff. Metaph. IX, 6. 1048, b, 14), welches daher nur materielle 
Ursache sein kann, und auch immer niur als solche gebraucht worden ist 
iPhys. III, 7. 207, b, 34 ff. vgl. c. 6. 206, a. 18. b, 13). Aristoteles hat 
mithin ganz unbestreitbar an ein immaterielles anetpov we49r selbst gedacht 



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[158] Da« Unendliche^ 187 

druck «Twtpov zu erklären haben'). Waö ihn aber zu- dieser Be- 



noch Anaximander ein solches beigelegt. Selbst in Betreu desjenigen aTcctpov, 
welches Mich, missrerstlhidlich zu seinem „alÜrniativ Unendlichen" gemacht 
hat, sagt er Phys. III, 5. 204, «, 13- ausdrücklich: aXk' oux '-'^'^«'^^ ^^^ 9*^^ 
ih%: o\ 9&axovTE( elvat tb ansi^ov, outs ^{lei; C'}'^oi^(ACv, aXX* fo{ a8t^odov. Eben* 
sowenig kann man sagen: Arist. schreibe Anaximander's ajcetpov wenigstens 
keine körperliche Materialität zn, er thtit diess vielmehr in den S. 184, 3 
185, 3. 5. 190, 2 angeführten Stellen ganz augenscheinlich; und was Mich. 
S. 11 dagegen anführt, —dasB nach Metapb. X. 2. 1053, 6, 15 (s. o. 184,3) 
Anaximander mit Empedokles (aber auch mit Anaximenes) zusammengestellt 
werde, und dass ihm bei meiner Auffassung die gleiche Ansicht beigelegt 
würde, wie Melissus , — hat nicht das geringste auf sich; man kann doch 
nicht schliessen: weil die ^tXta des Empedokles kein körperlicher Stoff ist, 
müsse auch Anaximanders aitEi^ov keiner s^in, und ebensowenig kann man 
es für unmöglich erklären, dass Melissiis zu einer Bestimmung über das 
Seiende geführt wurde, durch die er sich ebenso mit Anaximander berührte, 
wie Plato durch seine Lehre vom Unbegrenzten mit den Pythagoreem. 
Schliesslich soll daher (S. 11) schon Aristoteles (dessen Worte Phys. III, 
4. 203, b, 4 übrigens Mich, unrichtig anfgefasst hat) Anaximanders Lehre 
entstellt haben; und das gleiche müssten auch alle andern Berichterstatter, 
wie namentlich Theoph rast in der 8. 189, l angeführten Aeusserung, gethan 
haben; womit aber Jede Möglichkeit einer historischen Beweisführung für 
Michelis* Behauptung aufgegeben und an ihre Stelle ein einfaches Sie voloy 
iic jubeo gesetzt wird. Je vollständiger es aber dieser Behauptung an Be- 
weisen fehlt, um so kräftiger wird mit Invectiven (zu denen doch wirklich 
diese Frage möglichst wenig Anlass bot) nachgeholfen, und statt sich mit 
den gelehrten Quisquilien weiter zu behelligen, wird die Sache mit der Er- 
klärung (S. 11 f.) abgemacht: ex defectu igitur ingenii vere pJiilosophi pro- 
fecta etse eontendo et Aristotelis amhiguUatenx et recentigsimi critici audaeiam 
infeUeem. Aristoteles wird im Elysium ungemein bekümmert darüber sein, 
dass ein Denker wie ^üchelis ihn für keinen Philosophen gelten lässt, und 
auch für mich lautet sein Urtheil äusserst niederschlagend; da jener indessen 
in der gleichen Verdammniss mit mir ist , finde ich mich in derselben in 
so guter Gesellschaft, dass ich die des Herrn Michelis und seiner Speku- 
lationen auch fernerhin nicht vermissen werde. 

1) StsOmpell (Gesch. d. theor. Phil. d. Gr. 29), Sevdbl (d. Fortschr. 
d. Metaph. innerh. d. Schule d. Jon. Hylozoismus. Lpz. 1860. S. 10) und 
TEicHMf^M^EE (Stud. z. Gcsch. d. Begr. 7. 57) glauben, das otRetpov solle 
bei A. das qualitativ unbestimmte im Unterschied von den bestimmten Stof- 
fen bezeichnen. Allein diese Bedeutung scheint das Wort erst bei den Py- 
thagoreem erhalten zu haben, und auch bei diesen ist sie eine abgeleitete, 
die ursprüngliche ist auch hier die des Unbegrenzten (nur dass dieses bei 
der Anwendung auf die Zahlen das ist, was der Theiliu|g, nicht das, was 
der Vermehrung keine Grenze setzt; s. u S. 299 3. aX.) Für Anax. er- 



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188 Anaxlmander. [158. 159] 

stimmuDg über den Urstoff veranlaflst hat, das war nach dem 
obigen vor allem die Erwägnng, der ürstofF müsse unendlich 
sein, wenn es möglich sein solle, dass immer neue Wesen daraus 
hervorgehen. Dass diess kein bündiger Beweis ist, konnte Ari- 
stoteles (a. a. O.) allerdings leicht zeigen, aber dem ungeübten 
Denken der ersten Philosophen mochte er vollkommen genügend 
erscheinen'), und auch wir werden wenigstens das zugeben 
182 müssen, dass Anaximander durch seine Behauptung eine wichtige 
philosophische Frage zuerst angeregt hat. 

So wenig aber hierüber ein Streit möglich ist, so weit gehen 
die Ansichten auseinander, wenn es sich darum handelt, eine ge- 
nauere Vorstellung von dem Urs^tofl' unseres Physikers zu gewin- 
nen. Die Alten bezeugen so gut wie einstimmig, dass derselbe 
mit keinem der vier Elemente zusammenfiel*), aber während er 
nach der einen Angabc überhaupt kein bestimmter Körper ge- 
wesen sein soll, bezeichnen ihn andere als ein mittleres zwischen 
Wasser und Luft oder auch als ein mittleres zwischen Luft und 
Feuer, und eine dritte | Dai'ntellung macht ihn zu einem Gemenge 
aller besonderen Stoffe, worin diese als verschiedene und be- 
stimmte enthalten gewesen wären, so dass sie daraus ohne eine 
Veränderung ihrer Beschaffenheit, durch blosse Ausscheidung 
sich entwickeln konnten. Auf die letztere Ansicht ist dann in 
neuerer Zeit *) die Beliauptung gebaut worden, dass nicht blos 



giebt sich diese Bodcutimg thoÜR aus dem Grund, welcher ffir die ancipia 
des Urstoffs angegeben wurde, dass er sich sonst erschöpfen würde, tboils 
daraus, dass er das oc7:eipov gerade wegen seiner Unendlichkeit alles umfassen 
Hess; vgl. S. 1S8, 3. 193, 1 3. Aufl. 

1) Macht doch noch. Melissus und später der Demokriteer Metrodor 
denselben Fehlschluss; s. u. S. 511. 777, 3 3. Aufl. 

2) Die Belege im folgenden. Nur die pseudoaristotelische Schrift De 
Melisso u. s. w. c. 2. 975, b, 22 behauptet, sein Urwesen sei Wasser (hier- 
über 8. 194, 3 3. Aufl.), und bei Sext. Math. X, 313 heisst es, er lasse 
alles ii Ivbc xai notou, nämlich der Luft, entstehen. Wiewohl aber hiebei 
sein Name zweimal vorkommt, liegt es doch nahe, die Quelle dieser Angabe 
in einer Verwechslung des Anaximander mit Anaximenes zu yermuthon, 
die einem Abschreiber, sei es im Texte des Sextns oder in dem des Schrift- 
stellers begegnete, den er hier anssclireibt. Pyrrh. IIl, 30 giebt er über beide 
Philosophen das richtige. 

3) Von RiTTEB, Gesch. d. jon. Phil. S. 174 fl'. und Gesch. d. Phil. I, 
201 f, 283 ff., wo auch da« frühere Zuge8tÄndni.«*s, dass Ai^ax. die Dinge 



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[159. 160] Das Unendliche keine mechanische Mischung. 189 

unter den späteren, sondern auch schon unter den ältesten joni- 
schen Philosophen zwei Klassen zu unterscheiden seien, Dynami- 
ker und Mechaniker, solche, die alle Dinge aus Einem UrstoflF 
durch lebendige Veränderung, und solche, die sie aus einer Viel- 
heit unveränderlicher UrstoiFe durch räumliche Trennung und 
Zusammensetzung entstehen Jassen. Zu den ersteren wird ausser 
Thaies und Anaximencs auch Ilerakllt und Diogenes, zu den 
andern neben Anaxagora« und Archelaus unser Anaximander ge- • - 
rechnet. Ich piüfe zunächst diese Annahme, da sie nicht blos in 
die Auffassung der vorliegenden Lehre, sondern in die ganze 
Geschichte der älteren Philosophie am tiefsten eingreift. 

Sie kann nun allerdings raehreres für »ich anführen. SlM- 
PLicius ^) scheint Anaximander dieselbe Ansicht beizulegen, die 
wir bei Auaxagoras finden werden, dass bei der Ausscheidung i83 
der Stoffe aus dem Unendlichen das verwandte sich vereinigt 
habe, die Goldtheilchen mit Goldtheilchcu, die Erde mit | P>de 
u. s. w., so dass also die Stoffe, als diese bestimmten, in dem ur- 
sprünglichen Gemenge schon enthalten gewesen wären, und er 
hat diese Angabe, wie man annimmt, Theophrast entnommen. 
Die gleiclie Auffassung begegnet uns aber auch sonst ^), und 



nur dem Keime und Vermögen nach, nur als nicht verschieden von einander 
im Urwesen enthalten sein lansc, thatsächlich wieder zurückgenommen ist. 

1) Phyß. 6, b, u., nach einer Darstellung der anaxagorischen Lehre von 
den Urstoffen: xa\ Taüia ©rjaiv 6 öcÖQoaTCö; napanXr^albii Tto ^AvacS([jLav$p(ü 
Afftiv Tov 'Ava5*T^p»'''. ^/.£woc y*? 9»iffiv ev ttj ota/.pi9Ci toü dtneipou xi auYYCvfj 
9^peoOa( npb^ aXXvjXa, xat -o xi p.6v ev xfTi navx*« jrpwao? ijv, ytveaOai XP'^^^^j ^ *^' 
dg pi Pi^> Ojxoiw? oe xai xdSv acXXtov fxajxov, ro; ou yivojjl^vüiv aXX' ÖTcap/^öv- 
Twv iscdxepov. (Vgl. hiezu S. 51, b, u.: (A 8^ ttoXX* ul^v Ivunap/^ovxa tk Ix- 
xp{ve90a( cXsyov x^)v y^viatv avaipoövxs;, ro; 'AvafifxavSpo« xa\ 'AvaSa^öp«?.) xfjc 
5k xtvrJoEco^ xa\ xij^ ysy^aetoi aixtov iizhxriai xbv voöv o 'AvaSaY^pac 6©' oS 
8taxp(v6{jL£va xo'Jf xe xöa(i.ou; xat x^v xü)v ccXXcüv ^ü^tv ^y^wr^Tav. f,Ka\ otixco (Jiiv, 
fujoi, Xapißavövxcüv Sö^eiev «v 6 'Ava^ayopa; xa; iaIv uXixac olo'/jx^ «TCEipou^ rot^v, 
x^v Sk xij« xivi{9ft(0( xai xtJ; yEv^cjccü^ ahiav (xCav xbv voÖv e? 8^ xi? x^v (ii^iv 
X(üv a;cavx(ov äicoXaßot (xiav süvai cpüatv a<5pt7xov xai xax^ eT^o; xa\ xaxa pi^yeOo<, 
aujißaivei SJo xa? apy.a; auxbv Xs'yeiv, xfjv xoO aTceipou ^uaiv xa\ xbv voöv &9Xi 
^vcxai x« 9(t>(xaxtxa axotysia icapa7iXrj9i(ü( ;roi(J5v 'AvaEiiicEvSpw**. Dieselben 
Worte fahrt Simpl. S. 33, a, u., wie er hier bemerkt, aus Theophrasfs ouvtx^ 
l9Xop{a an. 

2) ßiDOH. Apolj-. carm. XV, 83 ff. nach Auoustin Civ. D. VIII, 2. 
Philop. Phys. C, 4, u. Bei Irkn. c. hsBr. II, 14, 2 ist nicht klar, welche 
Vorstellung über das arsicov er mit den Worten ausdrücken will: Anaxi' 



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190 • Auaximander. [160] 

Aristoteles selbst scheint sie zu rechtfertigen , indem er Ana- 
ximander's Urstoff als eine Mischung bezeichnet*). Wenn end- 
lich derselbe Gewährsmann unsern Philosophen ausdrücklich de- 
nen beizählt; welche die besonderen Stoife aus dem UrstoiF nicht 
durch Verdünnung und Verdichtung, sondern durch Ausschei- 
dung sich entwickeln lassen '), so scheint es keinem Zweifel mehr 
zu unterliegen; dass auch er sich diesen Urstoff dem des Anaxa- 
184 goras analog gedacht hat, denn was aus demselben ausgeschie- 
den, werden soUtC; muBste doch vorher darin sein. Indessen sind 
diese Gründe, wenn wir genauer zusehen, doch nicht beweisend*). 
Was zunächst die aristotelischen Stellen betrifft, so belehrt uns 
Abistoteles selbst*) darüber, dass er von einer Ausscheidung 
und einem Enthaltensein nicht blos da spricht, wo ein Stoff aktuell, 
sondern auch da, wo er nur potentiell in einem andern enthalten 
ist; wenn er daher sagt, Anaximander lasse die besonderen Stoffe 
aus dem Urstoff sich ausscheiden, so folgt daraus nicht im ge- 
ringsten, dass sie als diese bestimmten Stoffe in jenem lagen*, 
sondern der Urstoff kann ebensogut auch als das unbestimmte 
gedacht sein, aus dem sich das bestimmte erst in der Folge, durch 
eine qualitative Veränderung, entwickelt, und die Vergleichung 
Anaximanders mit Anaxagoras und Empedokles kann sich eben- 
sogut auf eine entferntere, als auf eine nähere Aehnlichkeit ihrer 



mander autem hoc quod immenmm est omnium iniiium tuhjecU (&]c^6cto) «e- 
minaliter haberu in nemetipso o7iiniwn genenn. 

1) Metaph. Xll, 2. 1069, b, 20: xa\ toui' i9Xi zo 'Ava^ayöpou h xa\ 
*E|iXcdoxX^ou; ib {d-^-^a xa\ *Ava(i(i.avopou. 

2) Phys. I, 4, Anf.j ws S' o\ 9u<jtxo\ Xe^ouai $üq rpoKoi eWv. o\ jikv f«? 
K XQCTJoavTCc xo Sv aü(Aa i'o 6rox£{{Kvov , i) twv Tpiöiv (Wasser, Luft, Feuer) 
tt, ^ aXXo, 2 iaxi icupb{ {jlIv ;cuxvoT£pov a^po( hl XETCi^TSpov, laXXa yevvcoat 
ffuxv^njTt Ml {iftvfSTi^Ti noXkk noiouvte; . . . o{ 8Wx toO Ivb« Ivotioa; xa{ JvavTiö- 
tTiT«« ixxpiveaOat, &a7:ip *Ava^{(i.av$p<Sc 91)01 xa\ Saoc 8^ Sv xa\ icoXXa ^aotv ctvat 
Atficip *E(ix£$oxXii( xoi 'Ava^aYÖpa;* ex iou (L{-)f(ifliToc yap xa\ oStot ^xxptvouat 
iIXXo. 

3) M. vgl. I um 'folgenden 6ciiLKiERMAcuEB a. a. O. 8. 190 f. Branpis, 
Khoin. Mus. von Niebnhr und Brandis lU, 114 ff. Gr.-röm. Phil. I, 132 f. 

4) De ccbIg 111, 3. 302, a, 15: latü) 5y) otot/^ttov tü>v 9(i>(jLdftcüv , iU ^ 
ToXX« acujiaia Statpeixai, lyv7c«p)fov 8uv3(ji£( ?) Ivsp^eix . . . ^v uiv yoip 9apx\ SüXcj» 
xoi ix&oTb) Tcov ToiouTCüv EV£aii Suvi((A£i Tcuo xoi ^7)* '^avEpoc fap TaDia i^ ixfiivti>v 
€xxpr/6p.Eva. 



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[161] Das Unendiiciie ktine mechHiiische Mischung. 191 

Lehren | beziehen^ und bezieht sich wirklich nur auf jene *). In 
demselben Sinn konnte dann aber Anaximanders Urstoff auch 
[AtYfJix genannt; oder er konnte wenigstens unter diesem; zunächst 
auf Empedokles und Anaxagoras bezüglichen, Ausdruck in freierer 
Weise mitbegriffen werden , ohne- dass desshalb diesem Philo- 



1) Iq der oben (190, 2) angeführten SteUe Phys. I, 4 unterscheidet 
Arist. diejenigen , welche einen bestimmten Körper als Urstoff setzen, von 
Anaximander und denen, oaoi h xai icoXXx fa^iv, welche behaupten» das Sv 
(der ursprüngliche Stoft*) sei zugleich Eines und. vieles, indem es nämlich 
ein Gemenge vieler qualitativ verscliiedener Stoffe sei. Man könnte nun 
zwar fragen, ob unser Philosoph mit zu den letzteren gerechnet werde, oder 
nicht; und die Worte xai ouoi 8' würden für die letztere Annahme noch 
nicht unbedingt entscheiden, da sie sich nicht blos erklären Hessen: „und 
ebenso diejenigen'' u. s. w., sondern auch: „und überhaupt diejenigen.*' 
Allein (vgl. 8eydel a. a. O. 8. 13) in dem Zusatz: ivL xoO (iCYjtaio^ u. s. w. 
kann das xa\ oSxot auf Anaximander nicht mitgehen, denn dieser ist der 
einzige, mit dem die oStot (durch das xa\) verglichen werden können, da 
nur er, nicht die Sv icotTJaavre^ to ov <jtZ\i.a^ eine £xxp(9t; der IvayciÖTvjte; aus 
dem Iv lehrte. Wenn aber dieses, so werden diejenigen, '^9ot h xa\ icoXXoc 
fAviv eTvat, von Anaximander, gerade indem sie in Betreff der exxptat^ mit 
ihm verglichen werden, in anderer Beziehung zugleich unterschieden, er 
wird also nicht zu denen gerechnet, die den Urstoff als Iv xa\ noXXa setzen, 
er hielt ihn nicht für ein Gemenge verschiedener, ihre qualitativen Unterschiede 
in der Mischung festhaltender ^Btoffe. Wenn Büsgen (Ueb. d. aTieipov Anaximan- 
ders Wiesb. 1867. S. 4. f.) glaubt, in unserer Stelle müsse Anaximander 
zu denen gezählt werden, die Iv xai noWk behaupten, da ja sonst zwischen 
ihm und denen, welche einen einheitlichen Urgrund annehmen (Anaximenes 
u. 8 f.) kein .Gegensatz wäre, so hat er den Gedankengang derselben falsch 
aufgefasst. Anaximander wird nicht hinsichtlich der Einheit oder Vielheit 
der Grundstoffe, sondern hinsichtlich der Art, wie die Dinge aus diesen her- 
vorgehen, (ob durch Verdünnung und Verdichtung oder durch Ausscheidung) 
gemeinschaftlich mit Empedokles und Anaxagoras denr Anaximenes u. s. f. 
entgegengesetzt; es wird aber zugleich angedeutet, wodurch er sich von je- 
nen beiden, und es wird endlich im weiteren noch auseinandergesetzt, wo- 
durch sie selbst sich von einander unterscheiden. Ebenso verfehlt ist Büsgens 
Versuch (ß. 6), Phys. l, 2, Auf. und I, 5 Anf. für sich zu benützen, da in 
der ersten von diesen Stellen Anaximander, wenn er überhaupt genannt 
wäre, unter diejenigen einzureihen sein würde, welche eine {xia ap)(^^ xtvou- 
[liyri annehmen, die zweite aber eine vollständige Aufzählung der verschie- 
denen Systeme gar nicht beabsichtigt: Empedokles, Anaxagoras und die 
Pythagoreer werden hier gleichfalls nicht erwähnt, und Heraklit Hesse sich 
unter denen, welche Verdünnung und Verdichtung des Uratoffs annehmen, 
nur gezwungen unterbringen. 



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192 Änaximander. [161] 

sophen die Aunahme einer ursprünglichen Mischung aller be- 
sonderen Stoffe im eigentlichen Sinn beigelegt würde ^). Dass 
185 daher Aristoteles Änaximander die letztere zuschreibe, ist 
durchaus nicht zu beweisen. Ebensowenig thut es Theophrast; 
er sagt vielmehr ausdrücklich; Anaxagoras stimme hinsichtlich 
desUrstoffs nur in dem Fall mit Änaximander überein, wenn bei 
ihm statt einer Mischung aus bestimmten und qualitativ ver- 
dchiedenen Stoffen Ein Stoff ohne bestimmte Eigenschaften (^lIol 
ffdai^ a6pi(rro;) als das ursprüngliche gesetzt werde'). Dass sich 
nämlich die Lehre des Anaxagoras bei weiterer Entwicklung auf 
diese, von ihrem nächsten Sinn allerdings abweichende, Annahme 
zurückfiiiiren Hesse, hatte schon Aristoteles®) bemerkt; die- 



. 1) Der Trennung entspricht die Mischnng (ttov fap aOicov {j-l^ic hxi xa\ 
X^(i)p(a(ib(, wie es in einer Stelle, deren Vergleichnng überhaupt sehr belehrend 
ist, Metaph. 1, 8. 989, b, 4 heisstj; wenn alles durch Ausscheidung aus 
dem Urstoff entstanden ist, so war dieser vorher eine Mischung von allem; 
so, gut daher Aristoteles von einer Ausscheidung oder Thcilung sprechen 
kann^ wenn das ausgeschiedene auch nur potentiell in dem Urstoff enthalten 
war, ebensogut in dem gleichen Fall von einer Mischung, und es ist dazu 
keineswegs nöthig, dass das fi'^y-OL erst durch ein Zusammentreten der be- 
sonderen 8toffe entstanden ist, wie diess Büsgjen (S. 3. 7. 11 f. der S 191, 1 
genannten Abhandlung) hinsichtlich des anaximandrischen aneipov anzuneh- 
men scheint, wie es sich aber freilich mit dem Begriff des Urstoffs, des 
£w]gcn und Ungewurdenen , schlechterdings nicht vertragen würde. Für 
die Beurtbeilung der vorliegenden Stelle kommt aber ausserdem in Betracht, 
dass in derselben das {JL^YH^a zunächist Empcdokles zugeschrieben, und erst 
an zweiter Stelle durch den Zusatz x8t\ ^Avo^ipLOvSpou auf diesen mitbezogen 
wird; wollte man nun hier ein leichtes Zougraa annehmen, so dass aus dem 
Wort, welches in seiner vollen Strenge nur auf Empedoklcs passte, blos 
der allgemeine Begriff (Einheit, die eine Mannigfaltigkeit in sich schliesst] 
auf Änaximander anzuwenden wäre, so gienge dioss nm so leichter, da die 
Worte, um die es sich handelt, einem Abschnitt angehören, mit dem sich 
(vielleicht weil er ursprünglich nur eine Aufzeichnung zu eigenem Gebrauch 
war) an Knappheit des Ausdrucks von allem, was Aristoteles geschrieben 
hat, nur weniges vergleichen lässt, wo daher die eigentliche Meinung des 
Schriftstellers sehr oft nur durch Ergänzung dessen gefunden werden kann, 
was er kaum mit den leichtesten Strichen andeutet. 

2) In den S. 189, 1 mit Anführungszeichen versehenen Worten: xot 
o6i(i> [ih — *Ava(i(jLavSp(i) , dem einzigen, was Simplicius dort wörtlich aus 
ihm anführt. 

3) Metaph. I, 8. 989, a, 30 vgl. ebd. XII- 2. 1069, b, 21. 



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[161. 162] Das Unendliche keine mechanische Mischung. 193 

selbe Folgerung zieht hier Theophrast^), und nur fllr den Fall, 
dass man sie ihm zugebe, will er Anaxagoras mit Änaximander 
zusammenstellen. Er hat daher diesem | ganz sicher nur einen 
solchen Urstoff zugeschrieben, in dem von allen besonderen 
Eigenschaften der Körper noch keine vorhanden war, nicht einen 
solchen, der alles besondere als besonderes in sich befasste. Eben- 
sowenig wird der letztere im vorhergehenden Änaximander bei- 
gelegt, vielmehr beziehen sich die Worte, worin diess geschehen 
soIP), auf Anaxagoras ^). Diese Worte werden aber tiberdiess 



1) Tov 'Ava5aY<5pav e?^ tbv *AvaEi[j.av8pov ouvwOwv, wie es bei Bimpl. Phya. 
33, a, u. heisst. 

2) Bei SiMPL. a. a. O. von exsivo? yotp bis unaj^^^dvrwv 7cp($Tgpov, wo noch 
Bramdis Gr.-röHL Phil. I, 131 einen aus Theophrast geflossenen Bericht über 
Änaximander sieht. 

3) Dieselben könnten an sich allerdings auf Änaximander, sie können 
jedoch auch auf Anaxagoras gehen, da ^A£lvo( zwar gewöhnlich auf das 
entferntere, aber doch oft genug auch auf das nähere von zwei vorherge- 
nannten Subjekten hinweist; m. vgl. z. B. Plato Polit. 303, B. Ph»dr. 231, 
C. 233, A. K. Abist. Metaph. I, 4. 985, a, 14 f. Sext. Pyrrh. I, 213. Dass 
diess aber nur dann möglich sei, wenn der den Worten nach näher stehende 
Begriff, auf den mit fxstyo;, hingewiesen wird, „dem Gedanken des Verfassers 
feiner stehe'* (Kern Beitr. z. Darst. d. Philos. d. Xenophanes. Danz. 1871, 
S. 11; BCsGENs Bemerkungen über denselben Gegenstand — üb. d. «tc. Anax. 
S. 8 — werde ich übergehen dürfen), kann ich nicht zugeben. Wenn z. B. 
Abist. Metaph. XU, 7. 1072, b, 22 sagt: x'o y*P öe/.tixov toö vot^toj xai t^; 
ouaia^ voü?- £v£pY£i oe £)(^wv. wai' Ixsivo (das ly^etv und ivepYstv, das aktuelle 
Denken) {/.oXXov touiou (in höherem Grad, als das blosse Denkvermögen, 
das istj, % SoxE'i 6 vou; OeIov ex^iv, so bczielit sich das ixEivo nicht blos auf 
den der "Wortstellung nach näher liegenden, sondern zugleich auch auf den 
IJauptbegriff, toüiou auf den entfernteren, nur zur Vergleichung mit diesem 
herbeigezogenen. Wenn ebd. X, 2, Anf. gefragt wird, ob das 2v eine Sub- 
stanz für bich sei, wie die Pythagoreer und Plato annehmen, 5) [jloXXov ^r.ii- 
xciTai Ti5 cu7t5, xai ttüj; 8et YvcjDptjjLtüTs'&io^ Xs/^O^vai xa\ (JiaXX6v w^Ksp o! 7C8p\ 

^üiew;- exEivwv y«? u. s, w. (s. o. Ö. 184, 3), so kann man nicht sagen, die 
Physiker, auf welche sich das ^xeivcov bezieht, stehen dem Gedanken des 
Arist. ferner, als die Pythagoreer und Plato. Aehnlich sindPhsedr. 233, E die 
rpoaaiToüvTss, auf welche IxEivot zurückweist, nicht allein der nUher stehende, 
sondern aucli der Üauptbcgriff. Noch weniger wird man die von Kern auf- 
gestellte Kegel bei einem so spAten Schriftsteller, wie SimpliciuF, unbedingt 
durchführen können. Im vorliegenden Falle zeigt der ganze Zusammenhang 
der Stelle entschieden, dass mit dem ^xelvo; nur Anaxagoras gemeint sein 
kann. Bezieht man denselben auf Änaximander, so würde Simplicius sagen: 
„1. Kach Theophrast ist Anaxagoras^ Lehre von den Urstoffen der des Anaxi- 
PUüos. a. Gr. X. Bd. 4. Anfl. H 



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194 Anaximander. [162] 

18G von Simplicius nicht ans Theophrast angeführt, sondern sie ent- 
halten zunächst nur seine eigene Aussage; und dass sich diese 
auf das Zeugniss Theophrast's gründe, ist eine Verinuthung, 
welche zwar an sich selbst die Wahrscheinlichkeit durchaus für 
sich hat, welche sich aber doch nur so lange halten lässt, als 
zwischen ihr und dem, waa nachweislich aus Theophrast stammt, 
kein Widerstreit stattfindet; im übrigen haben Schleiermaciier ^ 
und Brandis ^) hinreichend gezeigt, dass Simplicius keine genaue 
und selbständige Kenntniss von Anaximander's Lehre gehabt hat, 
und dass er sich in seinen Aussagen über dieselbe in auifallcnde 
Widersprüche verwickelt. Sein Zeugniss dürfte uns daher so 
wenig als das eines Augustin und Sidouius oder eines Philoponus 
veranlassen, Anaximander eine Vorstellungsweise beizulegen, 
die ihm Theophrast so entschieden abspricht ; vielmehr berech- 
tigt uns dieser zuverlässige Gewährsmann nebst den weiteren 
sogleich anzuführenden Zeugen zu der bestimmten Behauptung, 
dass unser Philosoph seinen Urstoff nicht als ein Gera enge der 
besonderen StoflFe betrachtet haben könne, und dass es demnach 



raander ähnlich. 2. Anaximander liess nämlich die besonderen Stoffe als 
solche im aneipov enthalten sein und bei seiner Scheidung sich zu einander 
bewegen. 3. Die Bewegung und Scheidung aber leitete (nicht Anaximander, 
sondern) Anaxagoras vom Nus her. 4. Anaxagoras scheint demnach zahlloBO 
Urstoffe und Eine bewegende Kraft, den Nus, anzunehmen. 5. Setzt man 
Jedoch bei ihm an die Stelle des aus vielen Stoffen bestehenden Gemenges (d. h. 
der Annahme, in der er nach dieser F>klärung mit Anaximander überein- 
stimmte) eine einzige gleichartige Masse, so würde die Ansicht des Anaxagoras 
mit der des Anaximander übereinstimmen.'' Von diesen fünf Sätzen würde der 
zweite mit dem dritten und vierten in gar keinem Zusammenhang stehen und 
dem fünften aufs augenscheinlichste widersprechen, und im vierten wäre die 
Folgerung, dass Anaxag. „demnach*^ zahllose Urstoffe annehme, durch das voran- 
gehende nicht begründet. Der Ixeivo; kann daher nur Anaxagoras sein. Auch 
das afceipov, von welchem der Ixeivo^ gerodet haben soll, steht nicht im Wege, 
da Anaxagoras (s. u. S. 798, 1 3. Aufl.) die aTCcipia der Urstoffe sehr ent- 
schieden behauptet hatte; und wenn es Kern auffallend findet, dass das 
sonst von Anaximanders Urstoff gebrauchte a7:£tpov zur Bezeichnung des 
seinigen stehen sollte, so zeigt (neben der ihm von Arist. Mctaph. I, 7. 988, 
a, 28 beigelegten a^Etpia loSv aTor/£icov, an die Kern selbst erinnert) auch 
unsere Stelle, wie wenig wir zu diesem Bedenken Anlass haben : Theophrast 
führt ja die anaxagorischen Urstoffe sofort auf die ^üai; toG a^eipou zurück. 

1) A. a. 180 f. 

2) Gr.-rbm. Phil. I, 125. 



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[162.163] Das Unendliche keine mechanische Mischung. 195 

anrichtig sei; ihn als Anhänger einer mechanischen Physik yon 
den PTnamikern Thaies und Anaximenes zu trennen. Und das 
um so mehr; da es auch aus allgemeineren Gründen unwahr- 
scheinlich ist; dass die Ansicht; welche Ritter ihm zuschreibt; 
schon einer so frühen Zeit angehören sollte. Denn die Annahme 
unveränderlicher UrstofFe setzt einerseits die Erwägung voranS; 
dass die Eigenthümlichkeit der besonderen | Stoffe so wenig; als 
der Stoff überhaupt, habe entstehen können ; diesem Gedanken 
begegnen wir aber bei den Griechen erst seit dem Zeitpunkt; 
wo Parmenides die Möglichkeit des Werdens geläugnet hattd; 
auf dessen Sätze EmpedokleS; Anaxagoras und Demokrit aus- 
drücklich zurückgehen. Andererseits hängt dieselbe nicht allein 
bei Anaxagoras mit der Annahme eines weltbildenden Verstandes 
zusammen; sondern auch die analogen Vorstellungen des Empe- 
doklos und der Atomiker waren durch ihre Bestimmungen über 
die wirkenden Ursachen bedingt; und keiner von diesen Philo- 
sophen hätte sich die Urstoffe qualitativ unveränderlich denken 187 
können; wenn sie nicht — Anaxagoras am NuS; Empedokles am 
Hass und der LiebC; die Atomiker am Leeren — ein eigenes be- 
wegendes Prineip gehabt hätten. Bei Anaximander aber weiss 
niemand von einer ähnlichen Bestimmung, und ebensowenig 
läSBt sich ^) ans dem bekannten kleinen Bruchstück seiner Schrift *) 
die Vorstellung ableiten; dass er die bewegende Kraft in die 
Einzeldinge verlege; und sie durch eigenen Trieb aus der ur- 
sprünglichen Mischung heraustreten lasse; sondern das Unend- 
liche selbst ist es '); das alles bewegt. Es fehlt daher hier an 
allen Bedingungen einer mechanischen Physik^); und wir haben 



1) Hit Rittes Gesch. d. Phil. I, 284. 

-2) ^i ßiMPL. Phys. 6, a, unt.: ii u>v Sk t) f^vcaic ^ati lolc otSai xa\ t^v 
•6opav e{( Tauxa yivcaOflti xata ib yjpt^^. SiSdvai y^P «^"c« '^i^iv xa\ 6{xi)v x9i( 
itixla^ xaT& 'djv toO )^p6vou Ta^iv. Diess sage Anax. , setzt Bimpl. hinsu, 

1COI7jTtXCüT^pO(( ^v6(Jia9iv. 

3) Nach der S. 203, 1 anzufahrenden Aeussorung hei Abist. Phys. HI, 4. 

4) D. h. einer mechanischen Physik in dem Sinn, in dem Ritter hei 
seiner Eintheilung der Jonischen Philosophen in Dynaroiker und Mechaniker 
diesen Ausdruck gehraucht: unter Mechanikern versteht er diejenigen, welche 
die hesonderen Stoffe als solche im Urstoff präexistiren, unter Dynamikern 
die, welche ihre unterscheidenden Eigenschaften erst heim Hervortreten aus 
einem qualitativ gleichartigen Urstoff' sich entwickeln lassen. Mit der letz- 

13* 



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196 . Anaximander. [168. 164] 

durchaus kleinen Grund, sie im Widerspruch mit den zuverlässig- 
sten Berichten bei uuderem Philosophen zu suchen. 

Weiter fragt es sich nun, wenn sich Anaximander seineu 
UrstoflP nicht als eine Mischung der besonderen Stoffe, sondern 
als eine gleichartige Masse gedacht hat, von welcher Beschaffen- 
heit diese Masse sein sollte. Dsss sie aus keinem der vier Ele- 
mente bestand, sagen die Alten seit Aristoteles einstimmig; 
dagegen > erwähnt der letztere mehrfach der Ansicht, dass der 
Urstoff hinsichtlich seiner Dichtigkeit zwischen dem Wasser und 
der Luft ^), oder dass er | zwischen der Luft und dem Feuer *) 
in der Mitte stehe, und nicht wenige von dep Alten ^) haben diese 
Aussagen auf unsemPhilosophen bezogen. So Alexander *),The- 
MiSTiüs'^), SiMPLicuß*), Philoponus'), Asklepius ^). Wie- 



teren Annahme ist es aber nicht unverträglich, wenn im weiteren die Natur- 
erscheinungen mechanisch, ans der Bewegnng und Mischling der ans dem 
Urstoff hervorgegangenen Stoffe, erklärt wurden. Wenn daher Anaximander, 
wie TEicBiftyLLEB a. a. O. 58 f. nachweist, und wie auch wir finden werden, 
das letztere gethan hat, so kann diess nicht auffallen, so gewiss auch aus 
diesem Verhalten hervorgeht, dass er weder eine rein mechanische noch 
eine rein dynamische Naturerklärung grundsätzlich beabsichtigte und darch- 
fcihrte. Noch weniger wird man (mit Teichm. S. 24) daran Anstoss nehmen 
können, dass ich Anaximander ein eigenes bewegendes Princip abspreche, 
während ich doch später (S. 203, 4) die Bewegung des Himmels vom anctpov 
ausgehen lasse. Ich läugne, das Anax. ein von dem Urstoff, dem «hei^ov, 
verschiedenes bewegendes Princip gehabt habe, und ich behaupte gerade 
desshalb, er habe die bewegende Kraft in diesen Urstoff selbst verlegt, 
und von seiner Bewegung die des Himmels abgeleitet. Wo ist da der Wi- 
derspruch? 

1) De coelo HI, ö. 303, b, 10. Phys. HI, 4. 203, a, 16. c 5. 205, a, 
25. Gen. et corr. H, 5. 332, a, 20. 

2) Phys. I, 4. 187, a, 12; s. o. S. 190, 2. Gen. et corr. a. a. O. und 
11, 1. 328, b, 35. Metaph.'L 7. 988, a, 30. I, 8. 989, a, 14. 

3) Nachgewiesen von 8chlki£bmacber a. a. O. 175. Bb4.ndis gr.-r&m. 
PhiL I, 132. 

4) Zu Metoph. I, 5. 7. S. 34, 2. 36, 1. 45, 20. 46, 28. Bon. und bei 
SiMPL. Phys. 32, a, m. 

5) Phys. 18, a, m. 33, a, u. 33, b, m. (S. 124. 230. 232 Sp.). Als 
Grund dieser Bestimmung wird hier, 8. 33, a, u., angegeben: da die Elemente 
einander entgegengesetzt seien, so müsste Ein Element, unendlich gesetat, 
die andern vernichten, das Unendliche mfisse daher zwischen den verschie- 
denen Elementen in der Mitte stehen. Dieser Gedanke kann aber Anuxl- 



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[164] DaB Unendliche kein bestimmter Stoff. 197 

wohl aber diese Annahme auch neuerdings noch gegen die Ein- 188 
Wendungen vertheidigt worden ist *), welche ihr schon Schleier- 
MACHER entgegengestellt hat'); kann ich mich doch von ihrer 
Richtigkeit nicht überzeugen. Es scheint sich zwar in einer von 
den angeführten aristotelischen Stellen eine Beziehung auf Aus- 
drücke zu finden; deren sich Anaximander bedient hatte'); in- 
dessen steht theils diese Beziehung selbst nicht ausser Zweifel; 
theils würdC; auch wenn man sie annimmt, noch nicht folgen; 
dasB die ganze Stelle auf ihn zielt ^); während andererseits dasj 189 



rDaoder nicht wohl angehöi-en, da er die spätere Lehre von den Elementen 
Toraassetzt, und ist gewiss nur Aribt. Phys. III, 5. 204, h, 24 entnommen. 

6) Phys. 104, u. 105, b, m. 107, a, u. 112, b, o. De ccelo 273, b, 38. 
251, a, 29. 268, a, 45. (Sciiol. in Ar. 514, a, 28. 510, a, 24. 513, a, 35). 

7) De gen. et corr. 3, u. Phys. A, 10, o. C, 2, o. u. 3, m. 

8) Schol. in Arist. 553, b, 33. 

1) Hatm in d. Allg. Encykl. III. Sect B. XXIY, 26 f. F. Kkbm im 
Philologus XXYI, 281 und 8. 9 ff. der 8. 193, 3 genannten Abihandlung. 

2) A. a. O. 174 ff. 

3) De'coelo III, 5, Anf.: Ivioi yotp h (jlövov ^TCOTiOsviac xai toütcüv o\ jiiv 
li^p, o\ 8' ie'pi, ol o\ izupy Ol o* uSaro; jisv XsTriÖTepov, a^po; h\ TcuxvÖTepov, 
% ntpxi/tw «a3\ 7cavTa{ tou; oupavou; aicccpov ov vgl. m. Phys. III, 4. 208, b, 
10 (s. 8. 203, 1), wo die Worte: nspis/^eiv a::avra xa\ isavta xußgpvSv mit 
Wahrscheinlichkeit für anaximandrisch gehalten werden, und Hippoltt. Refut. 
hanr. I, 6 (ebdas.). 

4) Die Worte ^ Äcpt^/etv — anetpov 3v lassen nämlich eine doppelte Auffas- 
sung zu. Sie können entweder blos auf das nAchstvorhergehende Subjekt, das 
£»SaTo; XsicToiepov ti. s. f., oder auf das Hauptsubjekt des ganzen Satzes, das 
h, bezogen werden. In jenem Fall würde denen, welche ein mittleres 
zwischen Wasser und Luft zum Urstoff machten, die Behauptung zugeschrie- 
ben, dass dasselbe alles umfasse. In diesem wäre der Sinn der Stelle: 
n einige nehmen nur Einen Urstoff an — bald Wasser, bald Luft, bald Feuer, 
bald einen Körper, der dünner als das Wasser und dichter als die Luft sein 
soll — nnd von diesem Urstoff sagen sie , er umfasse vermöge seiner Unbe- 
grenztheit alle Welten.'' Stylistisch scheint mir auch die letztere Auffassung 
ganz unbedenklich zu sein; dagegen lässt sich allerdings gegen sie einwen- 
den (Kebn Beitrag u. s. w. 8. 10), dass nach Phys. III, 5. 205, a, 26 oOOEt; 
ib Iv xflc\ aJCEtpov TcDp Inoir^'stv ouBk y^^ "^^i"* 9U9toA.0Y(ov (Heraklit nämlich 
wird ebd. 205, a, 1 f. zu denen gerechnet, welche das All für begrenzt hal- 
ten), dass mithin der Belativsatz % Tceps^/^etv u. s. f. sich auf diejenigen, 
welche das Feuer zum Urstoff machten , nicht mit beziehen könne. Allein 
ähnliche Ungenanigkeiten sind bei Aristoteles nicht so ganz selten; und auch 
im vorliegenden Fall halte ich es nicht für unmöglich, dass er die Unend- 
lichkeit 4^0 Urstoffs, welche die grosse Mehrzahl der Physiker ausdrücklich 



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198 Anaxiraander. [165] 

Gegen theil gleich aus deti nächsten Worten klar hervorgeht; 
denn Aristoteles schreibt hier den Philosophen, welche ein mitt- 
leres zwischen Luft und Wasser als Urstoff setzen, die Ansicht 
ZU; die er Anaximander aufs bestimmteste abspricht, dass die 
Dinge aus dem UrstoflP durch Verdtlnnung und Verdichtung ent- 
stehen ^). Sonst ohnedem findet sich bei Aristoteles nichts, was 
man fUr die Annahme anführen könnte, dass er diese Bestimmung 
über den UrstofF bei Anaximander gefunden habe '). Was die 



behauptet oder stillschweigend vorausgesetzt hatte, in einer susaromenfassen- 
den AeuBserung, wie wir sie hier haben, allen zuschrieb, und diese Bestim- 
mung mit den Worten dessen ausdrückte, der sie zuerst aufgebracht hatte. 
Andererseits steht aber auch der Annahme nichts im Wege, dass einer Ton 
den Philosophen, welche den Urstoff zwischen Wasser und Luft setzten 
(oder wenn nur Einer diese Ansicht aufgestellt hatte, dass dieser), im An- 
Rchluss an Anaximander sich zur Bezeichnung seiner Unendlichkeit des Aus- 
drucks izt^iiy(tiy R«via( toÜ( oCpavob; (Anax. selbst sagt Phys. III, 4 nur: 
itepi^X^tv ocTcavta) bedient hatte; ähnlich wie Anaximenes (s. u. 8. 207, 1 
3. Aufl.) von der Luft sagte, dass sie SXov Vov xoojaov Tcepi^x^t, und Diogenes 
(Fr. 6. S. 220, 7 3. Aufl.) auf dieselbe einen andern Ausdruck des anaximan- 
drischen Bruchstücks, das TcavTa xußepvöv, anwendet. Unsere Stelle giebt 
daher kein Recht, Anaximander eine Bestimmung zuzuschreiben, Ton der 
sogleich gezeigt werden wird, dass sie ihm Aristoteles nicht beilegt. 

1) Arist. fuhrt nftmlich De ccelo III, 5 unmittelbar nach den angeführ- 
ten Worten so fort: Saot {ikv oiSv to h touto ;sotou9iv C$(op ?) a^pa 3) C>8octo( 
jjilv Xeircötepov a^po? Sl Tcuxvöiepov, eTt' U to^Jtou tcuxvötiiti x«\ pL«v6Tr,tt tSXXa 
7evvwöiv u. 8. w. 

2) Ks^ Philolog. XXVI, 281 glaubte in dieser Beziehung die S. 184, 3 
angeführte Stelle Phys. III, 4 benützen zu können, da nach dieser auch 
Anaximander zu denen gerechnet werden müsse, die beim Unendlichen an 
einen zwischen zwei Elementen in der Mitte stehenden Körper denken. In 
dem Beitr. z. Phil. d. Xen. S. 8 will er die fraglichen Worte lieber so 
auflassen, dass sie besagen sollen: „die -Physiker geben alle dem Unend- 
lichen eines der Elemente oder das zwisclien ihnen liegende zum Sub- 
strat.'' Ich kann nun zwar diese): Erklärung nicht beitreten, glaube viel- 
mehr, dass Arist. diesen Qedanken anders ausgedrückt, und etwa gesagt 
h&tte: 6noti6^a«v Ixepocv Ttva 91^917 xco intl^w^ { xt tcov Xc^Ofiivojv aTOi/t{(ov 
^ TO pLeToc^u ToÜTü>v. Dagegen kann ich es fortwährend nicht für unstatthaft 
halten, dem Ausdruck: Ir/pav tiva ^Uotv x&v Xe-fopi^tov 9T0ixet(i>v die allge- 
meinere Bedeutung zugeben: „einen von ihm selbst yerschiedenen elementa- 
rischen Körper", so dass auch der allen besonderen Stoffen zu Grunde liegende 
Stoff darunter initbegriffen ist. Die Möglichkeit dieser Anf&ssung erhellt 
ausser dem umfassenden aristotelischen Gebranch des «lotxetov (z. B. Metaph. 
I, 8. 989, a, 30 vgl. b, 16. XII, 4. De an. I, 2. 404, >, 11) schon aas der 



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[165] DftB Unenclliche kein bestimmter Stoff. 199 

Aassagen der Späteren betrifft, so scheinen diese sich alle ledig- 
lich auf die aristotelischen Stellen zu gründen. Simplicius we- 
nigstens kann die seinige unmöglich aus Anaximander's Schrift 
aelbst geschöpft haben, sonst könnte er sich nicht so nnentschie- 
den äussern, wie er diess wohl thut '), oder gar dem Philosophen, 
als ob diess gar nichts auf sich hätte, beides zugleich beilegen, 
daaa sein ürstoff ein mittleres zwischen Luft und Feuer, und dass 
er ein mittleres zwischen Luft und Wasser gewesen sei'); denn 
dass dieses beides sich ausschliesst und nicht zugleich in Anaxi- 
mander^s Buch gestanden haben kann, liegt wohl am Tage. 
Auch bei seinen Vorgängern kann er aber keine Berufung auf 
diese Schrift gefunden haben, wie denn eine solche dem Streit 
schnell eine andere Wendung hätte geben müssen; und ebenso- 
wenig Porphyr ^), sonst würde dieser seine von Alexander ab- 
weichende Meinung gewiss nicht blos aus der aristotelischen Stelle 
b^ründen. Das gleiche gilt von Alexander ^) und von Philo- i90 



Definition desselben Metaph. V, 3 , and auch das Xe^ofA^wv steht ihr nicht 
im Wsgej denn wir haben kein Recht, darin |,die vier beksnnten Elemente" 
angedeutet zu finden; Arist. sagt vielmehr a. a. O. 1014, a, 32 ausdrfl^- 
lich: xa twv aiu(jiaTu>v aioi)(^ila X^youoiv o! XiY0VTE(, s{( Sc diatpfiTat t« ocIh 
\L%zaL layrnroiy ^xetv« Sk ^71x0* iU «XXa ilBn ha^ipovxv xa\ siti iv cTtc icXciw 
ta TOUtSta, TsCxa atot^cia Xi'^oMdiw, Aehnlich De ccelo IH, 3. 302, a, 15 ff. 
Die XcY^i&cva otoixeia sind hiernach, m. a. W., diejenigen gleich theiligen 
Köiper, welche den letzten Bestandtheil oder die letzten Bestandtheilo der 
znaammengesetzten Körper ausmachen. Ein solcher ist aber das anttpov Ana- 
ximanders, wenn man darunter einen Stoff versteht, welchem die Eigen- 
schaften der besonderen Stoffe noch nicht zukommen, unstreitig. Meine 
Auflassung der aristotelischen Worte ist aber auch schon desshalb noth- 
wendig, weil dieselben sonst weder auf Anaxagoras, noch auf die Atomiker 
passen wfirden^ denn zu den vier bekannten Elementen oder dem (ASTa^ü 
xwkwi gehören weder die Homöometieen noch die Atome, deren a7cecp(a 
doch Arist. selbst hervorhebt (vgl. 8. 198, 3 g. E. und 8. 698, 4. 798, 2 
3. Aufl.), die daher gleichfiiUs eine dem otREipov als Substrat dienende irc'pa 
9Ü9(( sind. 

1) Phys. 32, a, m. 

2) Jenes Phys. 107, a, u., dieses Phys. 105, b, m. De coelo 273, b, 
38. 261, a, 29. 

3) Bei BiMFL. Phys. 32, a, m. 

4) Zu MeUph. 988, a, 1 1. 8chol. 553, b, 22 : -rl^v 'Avoi(i|&iiy$pou i6(«v, U 
opxV ^*f® "^^ (utÄpj ^-Jjiv Ä^po; T5 *a\ Ätfpo«, ?j a^po« xi xa\ Q5«To?' X^cta; 



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200 Anaximanaer. - [165. 166] 

rONus 1). Diese späteren Angaben beruhen daher ohne Zweifel 
sammt und sonders auf blosser Muthmassung, und die aristoteli- 
schen Stellen wurden nur desshalb auf unsern Philosophen bezo- 
gen^ weil man sie auf keinen andern bekannten Mann zu deuten 
wusste. Nun erhellt aber aus unzweifelhaften Aeusserungen der 
glaubwürdigsten Zeugen^ dass ^iess unrichtig ist; dass Anaxi- 
mander seinen Urstoft' nicht als ein mittleres zwischen zwei be- 
stimmten Stoffen bezeichnet; sondern sich entweder gar nicht 
über seine Beschaffenheit erklärt; oder ihn sogar ausdrücklich 
als I dasjenige beschrieben hatte ; dem keine von -den Eigen- 
schaften der besonderen Stoffe zukomme. Denn wenn Aristoteles 
in der eben besprochenen Stelle ganz allgemein von solchen 
redet; die ein bestimmtes Element oder ein mittleres zwischen 
zwei Elementen als Uratoff setzen; und das übrige auf dem Wege 
der Verdünnung und Verdichtung daraus ableiten; so liegt am 
TagO; dass es nicht seine Absicht ist; von diesen noch andere zu 
unterscheiden; die gleichfalls einen bestimmten Urstoff von der 
angegebeneu Art haben; aber die Dinge auf einem anderen Weg 
aus demselben entstehen lassen; sondern mit der Ableitung der 
Dinge aus Verdünnung und Verdichtung glaubt er die Annahme 
Eines Urstoffs von bestimmter Qualität überhaupt widerlegt zu 
haben. Noch klarer ist diess in der Stelle der Physik I, 4 *). 
Die eineU; heisst es hier, von der VoraussetzungEines bestimmten 
Urstoffs ausgehend; lassen die Dinge durch Verdünnung und 
Verdichtung daraus entstehen; die anderen; wie Anaximander, 
Anaxagoras und EmpedokleS; behaupten; dass die Gegensätze in 
dem Einen Urstoff schon enthalten seien und durch Ausscheidung 
aus ihm hervorgehen. Hier ist doch ganz deutlich; dass sich Ari- 
stoteles die Verdünnung und Verdichtung mit der Annahme eines 
qualitativ bestimmten Urstoffs ebenso wesentlich verknüpft denkt; 
wie die Ausscheidung mit der Voraussetzung einer ursprüng- 
lichen Mischung aller Dinge oder eines Urstoffs ohne qualitative 
Bestimmtheit; und diess ist auch ganz nothwendig; denn um 
191 dureh Ausscheidung aus dem Urstoff zu entstehen; mussten die 



1) Auch er ist an den angeführten Orten durchaus unsicher darüber, 
ob das Unendliche Anaxim anderes zwischen Luft und Feuer oder Luft und 
Wasser in der Mitt« st«he. 

2) 8. o. 190, 2. 



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[166. 167] Das Unendliche kein bestimmter Stoff. 201 

besonderen Stoffe potentiell oder aktuell darin enthalten sein, 
diess war aber nur dann möglich, wenn der Urstoff nicht selbst 
schon ein besonderer Stoff, nnd auch nicht blos ein mittleres zwi- 
schen zweien von diesen war, sondern alle gleichsehr oder gleich 
wenig in sich befasste. Nehmen wir dazu, dass es sich in dem 
fraglichen Abschnitt der Physik ursprünglich überhaupt nicht 
um die Art, wie die Dinge aus den Elementen entstehen, sondern 
um die Zahl und Beschaffenheit der Urstoffe selbst handelt *), 
so erscheint es unzweifelhaft, dass Anaximander nicht blos in je- 
ner, sondern auch in dieser Beziehung den andern Joniern ent- 
gegengesetzt wird, dass mithin sein | Unendliches weder eines 
von den späteren vier Elementen, noch ein mittleres zwischen 
zweien derselben gewesen sein kann. Nur dieser Grund ist es 
auch wohl, aus dem wir uns die üebergehung Anaximander's 
Metaph. I, 3 zu erklären haben, und ebendahin weist uns die Be- 
merkung*), der wir sonst keine geschichtliche Beziehung zu ge- 
bto wtissten, und bei der auch die griechischen Comraentatoren*) 
an unsem Philosophen denken, dass einige das Unendliche in 
keinem der besonderen Elemente, sondern in dem suchen, woraus 
diese erst geworden seien, weil jeder besondere Stoff, als unend- 
lich gedacht, die ihm entgegengesetzten vernichten müsste. Die- 
sen Grund freilich, welcher schon auf die spätere Lehre von den 
Elementen hinweist, hat Anaximander schwerlich so aufgestellt, 
sondern Aristoteles mag ihn, nach seiner Weise, aus einer unbe- 
stimmteren Aeusserung herausgelesen, oder durch eigene Muth- 
massung gefunden, oder mögen ihn sonst Spätere hiuzugethan 
haben, aber die Lehre, für die er angeflihrt wird, gehört ohne 
Zweifel ursprünglich unserem Philosophen. Ausdrücklich sagt 
diess Theophbast *), wenn er das Unendliche Anaximander's als 192 



1) Wa« zwar Haym a. a. O. läugnct, was aber an« c. 2, Auf. unwider- 
sprechlich hervorgeht. 

2) Phys. III, 5. 204, b, 22: aXXa [a^v oOSk h xxt anXouv Mi^tvon e7vat 
ib «HEtpov atiSjJLa, ooie w; X^Y^udi tive; to Tcapa xa axoij^Eia, iE o5 xaÖTa yty- 
vtoaiv, oiJO' affXtu;. tl<Ä y«P "cive?, ol touto noiouat tb aneipov, aXX* oOx otdpa 
ij Odcop, w$ {1^ ToXXa ^Oefpijrai \tzo xou a«sipou auTÖv iyouai y«P ^p'o? «XXijXa 
^vfltvtiw^tv, oTov b [jLkv Äfjp «j/uxpo?, to 5' ti8wp öypbv, to h\ TcSp OepfJLOv. Jjv 6? 
^v iv äiatpov li^öapTo «V ^8»j TaXXa- vuv 8' ?T8pov sTvai *aaiv tf ou TaSxa, 

3) SiMPL. Phys. 11. a, u. Thbmwt. 33, a, u. (230 Sp.) 

4) Bei SivPL., 8. 0. 189, 1. 



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202 Anuxlm ander. [166. 168} 

Einen Stoff ohne qualitative Bestimmtheit bezeichnet; und damit 
stimmen Diogenes*) und Pseudoplütabch *), und unter den 
Commentatoren des AriBtoteles PorphyB; und wahrscheinlich auch 
Nikolaus von Damaskus') zusammen^ von denen wenigstens die 
zwei ersteren; wie es scheint^ eine eigenthümliche Quelle benützt 
haben; ja Simplicius selbst sagt anderwärts das gleiche^). Dass 
daher Anaaciroander's Urstoff | kein qualitativ bestimmter Stoff 
war, ist gewiss, und nur darüber könnte man zweifelhaft sein, ob 
er demselben ausdrücklich jede Bestimmtheit absprach, oder ob 
er ihm nur keine Bestimmtheit ausdrücklich beilegte. Das wahr- 
scheinlichere ist aber das letztere; denn theils wird diess von 
einigen unserer Zeugen wirklich behauptet, theils scheint es auch 
einfacher, und insofern für ein so alterthümliches System passen- 
der, als die andere Annahme, welche doch immer schon Erwä- 
gungen, wie die vorhin aus Aristoteles angeführten, voraussetzt; 
theils lässt es sich endlich so am leichtesten erklären, dass Aristo- 
\e\es Anaximander nur da nennt, wo er von der Frage über End- 
lichkeit oder Unendlichkeit des Urstoffs und vom Hervorgang 
der Dinge aus demselben, nicht aber da, wo er von seiner ele- 
mentarischen Zusammensetzung handelt; über den letzteren 
Punkt war ihm nämlich in diesem Falle nicht ebenso, wie über 
die zwei ersten, eine bestimmte Aussage Anaximander*s bekannt, 
auch nicht einmal die verneinende, dass das Unendliche kein be- 
sonderer Stoff sei, und so zieht er es vor, ganz darüber zu schwei- 
gen. Ich glaube mithin, dass unser Philosoph ganz einfach bei 
dem Satze stehen blieb, vor allen besonderen Dingen sei das Un- 
193 endliche, oder der unendliche Stoff, vorhanden gewesen, ohne 
über die materielle Beschaffenheit dieses Urstoffs etwas genaueres 
festzusetzen. 



1) II, 1: Ifoaxcv apxV ^*^ 9TO(X,etov x6 a^ceipov, o6 Siopi^iov idpa ?) SBcop 
9J aXko II. 

2) Plac I, 3, 6: a{iapT^et tk oSio« |ijj Xi-^tas Ti im xo aiceipov, is^xepov 
«iijp loTtv ?| &S(0() 4 "f^ il) oXXoc Ttva 9(ü(iaTa. 

3) Bei SiMPL. Phys. 32, a, m. 

4) Phy8. 111, a, u.: X^ouaiv o\ ģp\ 'Avafijxov^pov [fo aiaipov iTvai] xo 
TCOfa xa 9T0()^e(a £E oS xa axocx^a f&fvC»9f^, 6, a, in.: Xi^i 8' oux^ [xi^v «p- 
)^^v] {Aifie CScop (iijxs aXXo Tb>v }(aXou|i^(üv ixovj/itita^ ^ «XX* Ix^pav tiv9( f^v 
«vccipovi Ebenso 9, b, o« 



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[168. 169] Das Unendliche; ieine Ewigkeit u. Lebendigkeit 203 

Weiter lehrte Anaximander^ das Unendliche sei ewig nnd 
novergänglich ^), und im Zusammenhang damit soll er für den 
Grund der Dinge die Bezeichnung ip^^T) aufgebracht haben '). Mit 
dem Stoffe dachte er sich ferner von Anfang an die bewegende 
Kraft yerknttpft '), oder wie diess bei Aristoteles a. a. 0. aus- 
gedrückt wird, I er sagte von dem Unendlichen nicht blos, dass 
es alles umfaßse, sondern auch, dass es alles lenke ^). ^r dachte 
sich mithin den Urstoff in der Weise des alten Hylozoismus, als 
bewegt durch sich selbst, als lebendig, und in Folge dieser Be- 
wegung liess er die Dinge aus ihm entstehen. Wenn ihn daher 



1) Akut. Phys. III, 4. 208, b, 10 (Ygl. De ocelo III, 5; oben S. 197, 8): 
daa Unendliche ist ohne Anfang and Ende u. i. f. 8ib, xa0«jccp Xrfotuv, oii 
TsuTi}; «pX^t ^^* ^^"^ ^^^ aXXu>v elvai hoxd xa\ nipii'^it^ anavta xa\ 
xdivTaxußcpvav, &( faotv Saot [jl^ icoioSat icapa tb ancipov aXXo^ Mai, 
oTov vouv i) fiXtav* xa\ toOx* eTvai tb O^ov «Gdivaiov yocp xa,\ avcaXcOpev, 
bi; ^T^Tiv h 'AvaSi{jLav$po( xou o( kXeTttoi tuv ^uaioXö^wv. Die gesperrt ge- 
druckten Worte sind wohl Anaximander^s Schrift entnommen; statt des 
ovcoXfOpov mag aber hier i^pw gestanden haben , welches Hifpoltt. 
Befat. hier. I, 6 (xaütijv [tljv apxVl ^ ' «tdtov eTvai xai\ «Y^pw xa\ navia^ xcpt- 
^stv xou( x69{iou() an die Hand giebt Modemer Dioo. II, 1 : xa \th ^pi) 
luxsßoXXfcv, xb Sl jcav dtiiix&ßXi^xov sTvau 

2) HippoLTT. a. a. O. und Simpl. Phys. 82 b, o. sagen diess allerdings, 
und Tbichvüllek (Stud. z. Gesch. d. Begr. 49 ff.), welcher es bestreik, 
thut dem Wortlaut dieser Stellen, wie mir scheint, Gewalt an. Eine andere 
Frage ist es, ob die Angabe richtig ist, und diess Ittsst sich schwer aus- 
machen. So selbstverstHndlich, wie Teichmflller, ist mir schon diess nicht, 
dass er den Ausdruck ap^^ brauchte, nm so mehr, da ich auch die Angabe, 
schon Thaies habe das Wasser ap^^ genannt, weder bei Dioe. I, 27 noch 
sonstwo %VL finden weiss, und ihr auch keinen Glauben schenken würde. 
Sollte er aber auch sein Unendliches als die opx^ oder die apx^ niivxtov oder 
sonst in ähnlicher Weise bezeichnet haben, so wUre doch damit erstgesi^ 
es sei der Anfang von allem, was yon dem platonisch-aristotelische^ Be- 
griff der ofX^t ^^^ letzten Ursache, noch ziemlich weit abliegt. 

3) Plut. b. Eüs. pr. ev. I, 8, 1 : 'Ava((|AavSpov . . xb «Jcsipov f divai i^v 
xovov alxia>f Ix^tv xvj« xou navxb« y<v^8scoc tc xa\ fOopo^. Herm. Irris. c 4: 
'Avo^ xou ^YpoD npeaßux^pttv apx?)v cTvai X^^'^ "^^^ &fS(ov x{vi29iv, xa\ xaüxi) xa 
|A<v Yevva96au xa tk ^6e{p(96au Hippoltt. a. a. O.: icpoc $e to^xip x{vi}9tv 
afdiov tlvai, jv fj au^ißatvec YiveoOou xou( oOpovou«. Simpl. Phys. 9, b, o. ; «xftp^v 
xcva 9u9tv . . . opx^v eOexo , ^( x^y afSiov xivi)9(v aUlw elvai x^c xcov Svxuv 
Yey^ma« IXrft. Aehnlich 107, a, u. 257, b, m. 

4) An die Bewegung des Himmelsgehttudes werden wir nftmlich bei dem 
xußfpväv, welches Ja ursprdnglich die Leitung der Schiffsbewegung durch du 
Steuer beseichnet, sooftcbst zu 4euken haben. 



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204 Anax im ander. [169] 

Aristoteles a. a. O. als das göttliche Wesen bezeiclinet, so ist 
diess der Sache nach richtig 0? wiewohl wir nicht wissen, ob er 
selbst sich dieses Ausdrucks bedient hat *). 
194 Näher sollten die besonderen Stoffe, wie es heisst, aus dem 

Urstoff auf dem Wege der Ausscheidung sich entwickeln (ex- 
xpCveodai; ai:o)^pivs<rOai). ^) Anaxiraander scheint dieses Wort selbst 
gebraucht zu haben *) ; aber was er sich unter der Ausscheidung 



1) Wenn dagegen Roth Gesch. d. abcndl. Phil. II, a, 142 glaubt, die 
dem Unendlichen beigelegte selbstHndigo bewegende Kraft setze eine Intelli- 
genz , ein bewusstes geistiges Wesen voraus , äaa Unendliche müsse . daher 
als nnendlicher Qeist gedacht sein, so ist diess eine volIstAndige Verkennung 
der Denkweise jener Zeit, welche schon durch die bekannte Aussage des 
Aristoteles (Metaph. I, 3. 984, b, 15 f.), dass Anaxagoras der erste ge- 
wesen sei, welcher den voC« für den Welturhebev erklUrte, widerlegt wird; 
und wenn sich Böth für seine Behauptung, in Ermanglung jedes anderen 
Zeugnisses, auf die 8. 189, 1 angeführten Worte Theophrast's beruft, so hat 
er übersehen, dass Anaximander hier mit Anaxagoras ausdrücklich nur hin- 
sichtlich seiner Bestimmung über die aojjianxa oroi/sia verglichen wird. 
Schon hiemit ßlllt dann, auch abgesehen von weiteren Ungenauigkeiten, die 
Entdeckung, mit der sich Roth a. a. 0. so viel weiss, dass Anaximander^s 
Lehre vom Unendlichen nicht sowohl physikalische als theologische Bedeu- 
tung habe, nebst der ganzen Uebereinstimmung mit der ägyptischen Theo- 
logie, die er nachzuweisen sich bemüht. 

2) Denn das Zeugniss dos Simplicius Phys. 107, a, u., das nur eine 
Umschreibung der ebenbesprocheneu aristotelischen Stelle ist, kann das Ge- 
wicht derselben natürlich um nichts verstärken. Andererseits möchte ich 
aber diese Frage doch nicht so bestimmt verneinen, wie Büsoek a. a. O. 
B. 16 f.; nur dass Anax. sein Unendliches wohl keinenfalls xo Oeiov im 
monotheistischen Sinn , sondern nur 6^ov, göttlich , genannt haben könnte. 

3) AttisT. Phys. I, 4; s. o. S. 190, 2. Plut. b. Ecs. a. a, 0. Simpl. 
Phys. 6, a, u. : o-jx iXX&tou|jisvou toü <rtoiy tio\j ?rjv ys'vs^iv iroiei, xW «noxpi- 
vopivcov iwv IvavTifov 8ia t>)« oli^Iom xivr[7£tü;. Ders. ebd. 32, b, o. 51, b, u. 
(s. 0. S. 185, 5. 189, 1), wo aber freilich Anaximander^s Lehre mit der des 
Anaxagoras allzusehr vermengt wird. Themist. Phys. 18, a, u. 19, a, m. 
(124, 21. 131, 22 Sp.) Philop. Phys. C, 2, u. Wenn Simpl. Phys. 295. b, u. 
310, a, u. unserem Philosophen die Verdünnung und Verdichtung beilegt, 
80 ist diese unrichtige Angabe ohne Zweifel durch die falsche Annahme 
veranlasst, dass sein Urstoff ein mittleres zwischen zwei Elementen, dass er 
daher bei Arist. De ccelo III, 5 (s. o. 197, 3). Phys. I, 4, Auf. (s. o. 190, 2) 
gemeint sei. Vgl. Philop. Phys. C, 3, m. 

4) Darauf weist theils das y7)a\ bei Arist. a. a. O. und die Art, wie er 
die Kosmogonie des Bmpedokles und Anaxagoras gleichfalls auf das IxxpivcjOai 
zurückführt; theils sieht man Überhaupt nicht, wie Aristoteles und seil» 



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[169. 170] Ausscheidung der Stoffe. 205 

näher gedacht hat; wird uns nicht gesagt. Wahrscheinlich liess er 
diesen Begriff in ähnlicher Unbestimmtheit^ wie den des Urstoffs, 
und was ihm dabei vorschwebte, war nur die allgemeine Vor- 
stellung eines Heraustretens der von einander, verschiedenen 
Stoffe aus der ursprünglichen, in allen ihren Theilen gleichartigen 
Masse. Dagegen hören wir, er habe durch die Ausscheidung 
zuerst das Warme und das Kalte sich trennen lassen ^). Aus der 
Mischung dieser beiden sollte, wie es scheint, zunächst das Flüssige 195 
hervorgehen 2) ; das unser Philosoph demnach, hierin mit Thalea 



Nachfolger dazu gekommen wären, Anaximander die exxpt9i( zuzuschreiben, 
wenn sie sie nicht hei ihm selbst gefunden hatten. 

1) SiMPL. PhjB. 82, b, o. : tac ivavttÖTviias . . £xxp(ve96a{ »vj^tv *AvaSt{&av- 
5po< . . . ^ftvTiÖTYjTfc hi bIqi 0£p[jLbv, ^'^/pov, Evjp^^t UYpbv xou Ott otXXou. Gmiauer 
Plut. b. Eus. a. a. O. : f t)9i 8i lo ex tou aidiou yövijxov 0£P{lou is xat r^u/j>oO 
xsToc TfjV yrycaiv iouoe toü xöa(xou axioxpiO^vat. Stob. EkL I, 500: 'A. ix OepfioÖ 
xou ^*/^ou {jLiyjxaTOf [eTvai ibv oupavöv]. Dass A. , wie man gewöhnlich an- 
nimmt, neben dem Kalten und Warmen auch das Trockene und Feucht« unter 
den ursprünglichen Gegensätzen aufgezählt habe, sagt Simplicius nicht, 
sondern er selbst giebt aus der aristotelischen Lehre diese Erläuterung der 

„ivOCVTtÖTTjT«?.** 

2) Schon Abist. Meteor. II, 1. 353, b, 6 erwähnt der Meinung, dass das 
rpüjxov ^Ypbv den ganzen Kaum um die Erde ausgefüllt habe; bei seiner 
Austrocknung durch die Sonne to (ikv $iax(jLi9Av iivEÜfiara xat tpoTcx; f}X{ou 
xa\ ^sXiJvrif ^aai ;:oie(v, -r) ^k XeivOkv OaXatTav s?vai, wesshalb auch das Meer 
allmählich austrockne. Alex. z. d. »St. S. 91, a, u. (Arist. Meteor, ed. Idel. 
I, 268. Theophrasti Opp. ed. VV immer III, fragm. 39; bemerkt dazu: rauTi;; 
Tf,; oo5t,; €ysvovto, «o; bio^isi o BEÖ^pa^io;, 'Ava?{[iavSp4; t» x«l Ato^evTi;. 
Damit übereinstimmend sagen die Plac. III, 16, 1 : 'A. ti^v OaXaaaxv ^n^aiv 
e?vou x^( npcuTT^t \»ypa7iai Xe{']>xvo', t^i xo (Jikv tcXeiov |jLepo; ave^pave ib ffupi 
tb 8e u7:oX£if0iv 8ia xfjv exxaujtv uExeßaXEv. Eben dieses ist auch das uypbvi 
dessen Hebmiab (s. o. 203, 3) erwälmt. Dass nun aber mit Rücksicht auf 
diese Annahme Aristoteles oder Theophrast von Anax. auch wohl hätten 
sagen können, was die Schrift über Melissus (s. o. 188, 2) von .ihm sagt: 
Soci>p »scjAEvoc eTvat xb irav, kann ich Kern (Bsofpflfixou ntpi MeXiaarou, Philo- 
logus XXVI, 281 vgl. Beitr. z. Phil. d. Xonoph. 11 f.) nicht zugeben; 
denn diese Worte bezeichnen das Wasser nicht blos als das, woraus die 
Welt geworden sei, sondern als das, woraus sie fortwährend bestehe, 
als ihr frzoiytloy (in dem B. 198, 2 erörterten Binn;, und diess widerspricht 
den bestimmtesten Erklärungen jener beiden Philosophen. Noch weniger 
kann ich Rose (Arist. libr. ord. 75) einräumen, dass Anax. wirklich nur 
das Feuchte oder das Wasser für den Stoff aller Dinge erklärt habe, und daa 
ftTCfipov, welches alle unsere Quellen ihm mit ausnahmsloser Einstimmigkeit 
zuschreiben, ihm aus dem späteren ^«prachgebrauch unterschoben sei. 



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206 Anazimander. [170] 

dich berührend^ als den näcbsteD faber nichts wie dieser, als den 
letzten) Grundstoff der Welt betrachtet hätte, und das er dess> 
halb wahrscheinlich, vielleicht gleichfalls an seinen Vorgänger 
anknüpfend, ihren Samen genannt hat *). Aus dem flüssigen 
WeltstoiF sonderte sich durch fortgesetzte Ausscheidung dreierlei 
ab: die Erde, die Luft, und ein Feuerkreis, der das Ganze wie 
eine Rinde kugelförmig umgab'); diess scheint wenigstens die 
Meinung* der abgerissenen Angaben, die sich hierüber finden'). 
Aus Feuer und Luft bildete» sich die Gestirne, indem der feurige 
Umkreis der Welt zersprang und das Feuer in radförmige Hülsen 
ans zusammengefilzter Luft eingeschlossen wurde, aus deren 
Oeffnungen es ausströmt; wenn diese sich verstopfen, entstehen 
Sonnen- und Mondfinsternisse, und den gleichen Grund hat auch 
^e Ab- und Zunahme des Mondes ^). Dieses Feuer wird durch 



t 1) M. B. Plutabch in der vorletzten Anm. 

^ 2) Plut. b. £u8. nach den S. 205, 1 angeführten Worten: xai tiv« ix 
toiiiou ^Xo^oc vfotpoEV nept^Svai tc5 9Cff»\.T^v y^v aijpt, <•>( tc5 S^Sp<o fXot^v. 
^crtyo« itKo^crftiari^ xtii cT« nvo« anoxXeioOeioijc xüxXou; GnoaTiivai xbv ^Xiov 
xo^ Tf|V 98Xi{vv}V xa\ touc ftOT^pa^. 

8) Dagegen kann ich der Annahme (Teicumüllke a. a. 0. 8. 7. 26. 66} 
nidit Jieitreten, dass er sich das aneipov selbst ursprünglich als eine grosse 
Kngel, und die ewige BeT^^ung desselben (oben S. 203) als eine Achsen- 
drehung gedacht habe, durch welche sich ein Kugelmantel von Feuer ab- 
gesondert und um die übrige Masse gelegt habe. Diese Vorstellung wird 
Anaximander von keinem unserer Berichterstatter beigel^t ; denn die o^otpa 
)tupbf soll sich nicht um das axctpov, sondern um die Erdatmosph&re ge- 
lagert haben. Wenn vielmehr gesagt wird, das Unendliche umfasse alles, 
oder: alle Welten (s. 8. 197, 3. 203, 1), so schliesst diess die Voraussetzung^ 
ans, dass es selbst von der Grenze unserer Welt umfasst seL Auch an sich 
selbst aber ist ein kugelförmiges Unendliches ein so harter und unmittel- 
barer Widerspruch, dass nur die glaubwürdigsten Zeugnisse uns berechtigen 
könnten, ihn dem alten Milesier zuzutrauen; w&hrend wir im vorli^enden 
Fall überhaupt kein Zeugniss dafür haben. 

' 4) HipPOLTT Refut. I, 6. Flut. b. Eus. a. a. O. Plac. II, 20, 1. 21, 
1. 25, 1 (Galen h. phil. 15). Stob. Ekl. I, 510. 524. 548. Theodoket 
gr. äff. cur. IV, 17. 8. 58. Achilles Tatius Isag. o. 19. 8. 138 f. Alle 
diese Schriftsteller stimmen in dem, was unser Text giebt, überein. Ver- 
suchen .wir nun aber diese Vorstellung im einzelnen nfther zu bestimmen, 
•0 stossen wir auf erhebliche Abweichungen und Lücken in den Berichten. 
Plutaroh bei Eusebius sagt nur, dass sich Sonne und Gestirne gebildet haben, 
indem die Feuerkugel zerbarst und in gewisse Kreise eingeschlossen wurde. 
Hippolytus fügt bei, diese Kreise haben Oeffnungen an den Stellen, an denen 



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(170] Weltbildung, aestirne. 207 

die Ausdlinstimgen der Erde unterhalten; durch die Sonnen- IH 



wir die Geetirne sehen; durch ihre Verstopfung entstehen die Finsteminse 
und die Mondsphasen. Nach den Placita, Stohftus, Ps. Galen und Theodoret 
dachte sich Anax. dieselben einem Wagenrad JIhnlich; in dem hohlen , mit 
Feuer gefiUlten Kranz des Rades sollten sich die Oeffhungen beftnden, duroh 
welche das Feuer ausströme. Achilles Tatins endlich sagt tou der Sonne, 
nach Anaz. habe sie die Gestalt eines Rades ; ans der Nabe desselben dringe 
das Licht hervor, welches sich von hier aus strahlenförmig (wie die Speichen 
des Rads) bis sum Umkreis der Sonne verbreite. Die letztere Angabe schien 
mir nun Artther den Vorzug zu verdienen; ich muss Jedoch TeicbxÜllek 
(Studien u. s. w. S. 10 ff.), welcher die Berichte über diesen Gegenstand 
einer sorgftitigen Erörterung unterworfen hat, zugeben, dass der des Achilles 
Tatius nicht sehr urkundlich ausaieht; und da nun aueh berichtet wird 
(Plac. II, 16, 3. Stob. 516), Anas, lasse die Gestirne 6nb twv xüxX«>v x«\ 
TöSv 9ooup<5v, if Sv ?xa9T0< ß^ßrjxe ^^peoOat, was durch die ihm von AaisTo- 
TSLBS Meteor. II, 2. >355, a, 21 beigelegten TpoTca'i tou oi^pavoO eine Bestei- 
gung erhält, so ist es mir Jetzt wahrscheinlich, dass Roth (G^ch. d. abend I. 
Phil. II, a, ld5) das richtige gesehen hat, wenn er unter den mit Feuer 
gefüllten (Roth sagt schief: auf der Aussenseite mit Feuer umgebenen) rad- 
lärmigen Kreisen Gestimsphttren versteht; indem diese bei ihrer Achsen* 
drehung aus einer Oeffhung Feuer ausströmen, bringen sie die Erscheiaang 
eines die Erde umkreisenden feurigen Körpers hervor. Da aber diese Ringe 
nur aus Luft bestehen, hat TüichmOllbb S. 32 f. nicht Unrecht, wenn er 
die Annahme fester Sphären und eines festen Himmelsgewölbes (Rötk a. 
a. O. Gtfü^PE Kosm. Syst. d. Gr. S. 37 ff.) bei Anax. bestreitet. Mit dieser 
AuiGMsung verträgt sich auch die Angabe (Stob. 546. Plac. II, 25, 1. Galbh 
c 15), der Mond sei nach Anax. ein Kreis, 19mal sc gross als die Erde; 
denn es ist wohl möglich, dass dieser Philosoph aus Gründen, die wir frei- 
lich nicht kennen, den Umfang der Mondsbahn (welcher in diesem Fall mit 
dem der Mondsphäre zusammenfallt) auf das 19fache des Erdumfangs schätzte. 
Wenn Jedoch der gleiche Bericht (Stob. I, 524. Plac. 20, 1. 21, 1, Galb« 
h. phil. c. 14, 8. 274. 276. 279 K.) angiebt, Anax. habe den Sonnenkreis 
für 28mal so gross gehalten, als die Erde, die Sonne selbst aber (die Geff- 
nung dieses Kreises, welche wir als Sonnenscheibe sehen) für gleich gross, 
wie die Erde, so ist diese- mit der Annahme, der Sonnenkreis sei die Sonnen- 
sphäre, seine Grösse demnach die der Sonnenbahn, unvereinbar, denn dass 
die letztere blos 26mal so gross sein sollte, als die Sonnenscheibe, wider- 
streitet dem Augenschein zu aul&llend, als dass wir Anax. diese Vorstellung 
zutrauen könnten. HippoLTTUft Jedoch sagt (wie TeichmOllbb S. 17 richtig 
bemerkt) : elvai $k t'ov xüxXov xoS ^X{ou iTciaxacetxoainXaaiova Tij(asXiSvii)(; und 
wenn nun damit die Angabe, der Mond sei 19mal so gross als die Erde, 
verbanden wird, so würde sich für die Sonnenbahn das ÖlSfache des Erd- 
omfangs, und somit «uch das ölSfache des Umfange der Sonne ergeben, 
was Anaximander immerhin ausreichend scheinen mochte. Mit voller Sicher- 



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^08 Aaaximander. [170] 

wärme wurde dann wieder die Austrocknung des Erdkörpers 
und die Bildung des Himmels befördert '). Dass auch der Mond 
'und die Planeten eigenes Licht haben *)^ folgt aus Anaximanders 
Annahmen über diese Himmelskörper von selbst. Dia Bewegung 
der Himmelskörper leitete Anaximander von den Luftströmungen 
her, welche die Drehung der Gestirnsphären herbeiftlhren *) ; 
seine Annahmen über die Stellung und die Grössenverhältnisse 
derselben*) sind so | wiUktihrlich, als wir es nur in der Kindheit 



lieit IttsBt sich hiei* freilich, bei der Beschaffenbeit unserer Berichte, nicht 
artheilen. 

1) Abibt. Meteor. II, 1 vgl. g. 205, 2 Ebd. c. 2. 355, a, 21, wo zwar A. 
nicht genannt, aber nach Alexander*» glaubwürdiger Angabe (a« a. O. und 
S. 93, b, o.) mit gemeint ist. 

2) Was vom Monde die Placita II, 28. ■ Stob. 1, 5ö6 behaupten, Dioo. 
II, 1, nach dem eben angeführten mit Unrecht, lHugnet. 

3) Aribt. u. Alex. a. d. a. 0. vgl. vor. Anm. u. S. 205, 2. In welcher Weise 
die Drehung des Himmels bewirkt werden sollte, sagt Arist. nicht; aber doch 
erlauben seine Worte sowohl c. 2 als in der S. 205, 2 angeführten Stelle 
aus c. 1 kaum eine andere Auffassung, als die, dass der Himmel durch die 
icv£Ü(&aTa bewegt werde, eine Vorstellung, die sich auch bei Anaxagoras und 
sonst findet (Idelee Arist. Meteor. I, 497). Alexander erklärt a. a. O. die 
8. 205, 2 angeführten aristotelischen Worte: uYpou yap ovro^ lou ;7Ep( xr^^t y^v 
TÖnou, ta icftüta tQ( u^pöxriioi ^k6 tou y^Xiou efaxiit^coO«! xot y^veaOai xa jcvev» 
(ABxi xc e( a-^xsu xa\ xpon«; f^Xiou X£ xdti asXiJvriC, (•>( Sia xa; ax(Ai8a( xaüxac 
stau xa< «va6u|At3ioe(( xix6{v{i)v xa« ipona^ 7ioiou|A^vct>v, evOa tj xauxi]« auxol^ yopvjYt« 
yivcxai jcep'i xauxa xpeiroa^vcüv. Ob die Bemerkung, dass Theophrast diese 
Ansicht Anaximandcr und Diogenes zuschreibe, sich auch auf diesen Theil 
von Als^Ander's Darstellung bezieht, ist nicht ganz sicher. TeichuClekr's 
Annahme, a. a. O. 22 ff, dass Anax. die Drehung des Himmels von der 
Achsendrehuug des kugelförmig gedachten sTceipov herleite, kann ich, auch 
abgesehen von den eben aiigefülirtcu Zeugnissen, aus den 8. 206, 3 ent- 
wickelten Gründen nicht zustimmen, und wenn dieser Gelehrte einen Wider- 
spruch darin findet, dass ich 8. 203, 4 das dem Unendlichen zugeschriebene 
;:dlvxa xußcpvav auf die Bewegung des Himmelsgcbkudes beziehe, während ich 
dieee Bewegung hier von den Tiveüfiaxa herleite, so kann ich einen solchen 
nicht zugeben. Wenn der Philosoph sagte, das Unendliche bringe durch 
seine Bewegung die des Weltgebäudes hervor, so ist damit nicht ausgeschioa- 
sen, dass er die Art, wie es dieselbe hervorbringt, in der 8. 204 f. angegebenen 
Weise näher beschrieb, und demgemäss die nächste Ursache für die Drehung 
der Gestirnkreise in den Luftströmungen suchte. 

4) Nach Stob. 510. Plac. II, 15, 6 stellte er zu oberst die 8onne, 
dann den Mond, zu unterst die Fixsterne und Planeten (was Köper im 
Philologus VH, 600 mit Unrecht inV (»«gentheil umdeutet}; dns gleiche sagt 



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[171. 172] Gestirne. Erde. 209 

der Steinnkunde erwarten können; wenn er aber wirklich die 
Gestirne durch die Drehung der Kreise herumgeführt werden 
liess, ans denen ihr Feuer ausströmen sollte, so würde er als 
der erste Begründer der Sphärentheorie in der Geschichte der 
Sternkunde keine unbedeutende Stelle einnehmen; und das 
gleiche würde von der Entdeckung der Schiefe der Ekliptik *) 
gelten, wenn ihm dieselbe mit Recht beigelegt wird. Der alter- 
thümlichen Vorstellungsweise gemäss betrachtete Anaximander, 
wie berichtet wird, die Himmelskörper auch als Götter und sprach 
demnach von einer unzählbaren oder unendlichen Menge himm- 
lischer Götter *). 

Die Erde soll sich aus ursprünglich flüssigem Zustand ge- idS 
bildet I haben, indem die Feuchtigkeit durch die Einwirkung des 
umgebenden Feuers vertrocknete, und der Ueberrest, salzig und 
bitter geworden, in der Meerestiefe zusammenrann'). Ihrer Ge- 
stalt nach dachte sie sich Anaximander als eine Walze, deren 
Höhe, wie er annahm, ein Drittheil der Breite betrage; auf der 
oberen Fläche befinden vfic uns *). Im Mittelpunkt des Welt- 
ganzen ruhend, sollte sie sich durch den gleichen Abstand von 
seinen Grenzen schwebend erhalten^). Aus dem Urschlamm 



HiPFOL. a. a. O., nur dass er der Planeten nicht erwähnt. Ueber die Qrösse 
der Sonne und des Mondes vgl. in. S. 207. Auf diese Annahmen bezieht 
sich die 8. 183, 2 g. £. angeführte Angabe des Eudemus. 

1) Plih. bist. nat. II, 8, 31. Andere schreiben jedoch diese Entdeckung 
dem Pythagoras zu, s. u. S. 365, 2 3. Aufl. 

2) Cic. N. D. I, 10, 25 (nach Philodcmus) : Änaximandri autem opinio 
est nadvos esse DeoSy longis intervaüis Orientes occidentesque eosque innumera- 
hiies esse mundos. Plac. I, 7, 12 : *A. xou; aaispa« oupav{ou( 660Ü(. 8tob. 
in der Parallelstellc Ekl. I, 56: 'A. ant^vIvaTo tou( aneipou^ oOpavou; Ocoü^. 
Ps. Galem h. phil. c. 8, S. 251 K.: 'A. h\ lou; aneipouf vov( (wofür Hberen 
SU Stob. a. a. O. das allein richtige oOpavou; setzt) Oeolif (7vai. Cybill c. 
Jul. I, S. 28, D: \V. Oeov ^lopiU^ixai E?vat xobc a7Citpou( x6a{A0*j{. Tebt. adv. 
Marc I, 13: Anaximander universa coelestia (Deos pronuiUiavitJ. Wie wir 
die unendliche Zahl dieser Götter zu verstehen haben, wird sogleich näher 
untersucht werden. 

3) S. o. S. 205, 2. 

4) Plüt. b. Eüs. pr. ev. I, 8, 2. Plac. III, 10, 1. Hippolyt. Befut. 
I, 6. Wenn Dioo. II, 1 der Erde statt der walzenförmigen die Kugelgestalt 
giebt, ist diess als Versehen zu betrachten. Eingehend handelt hierüber 
TEicnMÜLLER a. a. O. 40 ff. 

5) Abist. De ccelo II, 13. 295, b, 10. Simpl. z. d. St. 237, b, 45 f. 
Philo«, d. Qr. i. Bd. 4. Aufl. 14 



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310 Anaximander. [172. 173] 

Bind nach Anaximander auch die Thiere, unter dem Einfluss der 
Sonnen wärme, ursprtingh'ch entstanden; und da ihm nun der 
Gedanke an eine stufenweise, den Perioden der Erdbildung ent- 
sprechende Aufeinanderfolge der Thiergeschlechter erklärlicher 
Weise ferne lag, so nahm er an, die Landthiere, mit Ein- 
schluss des Menschen, seien zuerst fischartig gewesen und erst 
in der Folge, als sie im Stande waren, sich in ihrer neuen Ge- 
stalt fortzubringen, seien sie an's Land gestiegen und haben ihre 
Schuppen abgeworfen *). Die Seele soll er für luftartig gehalten 
haben ^), und wir haben keinen Grund, diess unwahrscheinlich 
zu finden ; sicherer ist jedoch, dass in seinen Annahmen über die 
Entstehung des Regens, der Winde, des Blitzes und Donners ') 
199 da« meiste auf die Wirkung der Luft zurückgeführt wurde. Im 
übrigen stehen dieselben mit seiner philosophischen Ansicht in 
keinem näheren Zusammenhang. 

Wie aber alles aus dem Einen UrstofF hervorgegangen ist, 
so muss auch alles in denselben zurückkehren, denn alle Dinge 
'.müssen, wie unser Philosoph sagt*), Busse und Strafe erleiden 
für ihre Ungerechtigkeit, nach der Ordnung der Zeit. Die 
Sonderexistenz der Einzeldinge ist gleichsam ein Unrecht, eine 
Vermessenheit, die sie durch ihren Untergang büssen müssen. 

Schol. 607, b, 20. Dioo. II, 1. Hippolyt. a. a. O. Die Behauptung TnsoVs 
Astron. 8. 324, welche dieser selbst Dercyllides entnommen hat, dass A. die 
Erde um den Mittelpunkt der Welt sich bewegen lasse, ist ein Missverständ- 
niss dessen, was A. über das Schweben derselben gesagt hatte. Vorsichtiger 
Äussert sich darüber Alexander b. Simpl. a. a. O. 

1) M. B. Plüt. b. Eus. a. a. O. Qu. conv. VIII, 8, 4. Plac. V, 19, 4 
und dazu Brandis I, 140, namentlich aber Teichmüllee a. a. O. 68 ff., 
welcher mit Recht an die Berührungspunkte zwischen dieser Vermuthung 
und der Darwin^schen Theorie erinnert. Nur in der Angabe (8. 68) kann 
ich ihm nicht folgen, dass A. nach Plut. qu. conv. den Grenuss der Fische 
verboten habe; mir scheint er nicht zu sagen, dass derselbe diesen Gennss 
ausdrücklich untersagt habe, sondern nur, dass er ihn durch seine Lehre 
über die Abstammung der Menschen von den Fischen implieüe als etwas 
unerlaubtes erscheinen lasse. 

2) Theodoret gr. äff. cur. V, 18. S. 72. 

3) Plüt. Plac. III, 3, 1. 7, 1. Stob. Ekl. I, 690. Hippolyt. a. a. O. 
Seheca Qu. nat. 11. 18 f. Ach. Tat. in Arat. 33. — Pow. h, nat. II, 79, 191 
lässt Anaximander den Bpartanern ein Erdbeben voraussagen, fügt aber doch 
selbst ein wohl angebrachtes si credimtis bei. 

4) In dem S. 195, 2 angeführten Bruchstück. 



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[173] Lebende Wesen. Weltuntergang. Zahllose Welten. 211 

Denselben Grundsatz soll Anaximander auch auf das Weltganze 
angewandt , und demnach einen dereinstigen Weltuntergang an- 
genommen haben; dem aber vermöge der unaufhörlichen Be- 
wegung des unendlichen StofFps eine neue Weltbildung folgen 
sollte, so dtiss er also eine unendliche Reihe aufeinanderfolgender 
Welten gelehrt hätte. Doch ist die Sache nicht ausser Streit *). 
Dass Anaximander von zahllosen Welten gesprochen habe, wird 
öfters versichert; ob aber damit nebeneinanderbestehende oder 
aufeinanderfolgende Welten gemeint waren, und ob er, das erstere 
angenonunen, bei diesem Ausdruck au vollständige, von einander 
getrennte Weltsysteme, oder nur an verschiedene Theile Eines 
Weltsystems dachte, ist eine Frage, deren Beantwortung nicht 
ganz leicht ist *). Wenn Cicero sagt, Anaximander habe die un- 
zählbaren Welten fUr Götter gehalten, so wird man hiebei zu- 
n<Hclist an ganze Weltsysteme, wie die Welten Demokrit's, zu 
denken geneigt sein ; und ebenso scheinen die zahllosen ^Himmel^ 
bei Stobäus (und dem falschen Galen) um so mehr verstanden 
werden zu müssen, da Cyrill statt der Himmel Welten setzt. 
Allein die Placita haben dafUr Gestirne, und dass diess Anaxi- 
manders Meinimg entspreche, müssen wir desshalb annehmen, 
weil er mit dem Satze: die unzählbaren, ausser unserem Welt- 
gebäude vorauszusetzenden Welten seien Götter, nicht blos in 
der ganzen alten Philosophie allein stände, sondern weil sich 
auch schwer angeben lässt, wie er zu dieser Behauptung ge- 
kommen sein sollte. Denn unter Göttern hat man doch jeder- 
zeit und ohne Ausnahme solche Wesen verstanden, welche Gegen- 
stand der Verehrung für die Menschen sind, und selbst Epikur's 
Götter sind diess, so wenig sie sich ihrerseits auch um die Men- 
schen bekümmern ^). Jene Welten aber, die sich unserer Wahr- 
nehmung gänzlich entziehen, die man ohne jede anschauliche 
Vorstellung von denselben nur einer spekulativen Hypothese zu 
gefallen annimmt, haben nichts au sich, was sie dazu machen, 
sie dem frommen Gefühl näher bringen könnte, wogegen die 
altherkömmliche, in der hellenischen Denkweise so tief einge- 



1) M. 8. hierüber Schleiermaciier a. a. O. 195 fT. Kriscre Forsch. I, 
44 ff. 

2) Die Belege zum nächstfolgenden B. 209, 2. 
3j Vgl. Th. III, a, 395 2. Aufl. 



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212 Anazimander. 

wurzelte Verehrung der Gestirne uns bekanntlich auch bei den 
Philosophen unendlich oft begegnet. Mit Anaximanders zahllosen 
Göttern müssen daher die Gestirne gemeint sein. Wenn aber 
diese Götter auch j^Himmel^ genannt werden ^ so findet diesa 
seine Erklärung in dem^ was sich uns über seine Vorstellung 
von den Gestirnen ergeben hat. Was wir als Sonne^ Mond oder 
Stern sehen; ist ja nur die Lichtöffuung eines Binges, welcher 
aus Luft gebildet und mit Feuer gefüllt in grösserer oder ge- 
ringerer p]ntfernung sich um die Erde herumzieht. Die concen- 
trischen^ Licht ausstrahlenden Ringe, die uns so umfassen, und 
die in Verbindung mit der Erde das Weltgebäude bilden, konnten 
füglich Himmel, vielleicht auch Welten genannt werden *) ; mög- 
lich aber auch, dass erst die Späteren, von dem Sprachgebrauch 
ihrer Zeit ausgehend, die „Himmel" durch „Welten* erklärt oder 
ersetzt haben. Auch von unendlich vielen Himmeln konnte der 
Philosoph in diesem Sinn reden, sobald er die Fixsterne, wie 
diess bei seiner Ansicht von den Gestirnen das natürlichere war, 
nicht in eine einzige Sphäre verlegte *), sondern in jedem die 
Oeffnung eines eigenen Bings sah ; denn so werden wir jenen 
Ausdruck doch nicht pressen wollen, dass in einer so frühen Zeit, 
wie die Anaximanders, das, was für uns durchaus unzählbar ist, 
nicht hätte zahllos genannt werden können. ^ 

Von einer anderen Seite zeigt sich die Annahme unbegrenzt 
vieler aufeinanderfolgender Welten im System dieses 
Philosophen begründet. Das Gegenstück zur Weltentatehung 
ist die Weltzerstörung : hat sich die Welt, wie ein lebendes Wesen, 
in einem bestimmten Zeitpunkt aus einem gegebenen Stoff ent- 
wickelt, so liegt die Vermuthung nahe, sie werde sich auch, wie ein 
solches, in ihre Bestandtheile wieder auflösen. Wird andererseits 
jenem UrstofF die schöpferische Kraft und die Bewegung als eine 
wesentliche und ursprüngliche Eigenschaft beigelegt, so ist es 
nicht mehr als folgerichtig, wenn man annimmt, vermöge dieser 



1) Sagt doch s. B. Simpl. (in der S. 189, 1 angeführten Stelle) aach ron 
Anaxagoras, dem doch niemand die Annahme mehrerer WoltBysteme zu- 
schreibty der Nus erzeuge nach ihm loü; te xÖ9(jlou( xa\ t^v tcov aXXuv 9Ü9tv. 

2) Eine solche hätte einerseits darchlöchert sein müssen, wie ein Sieb, 
da jeder Fixstern eine Oeffnung derselben bezeichnet, und andererseits würde 
sie uns (nach S. 208, 4) den Mond und die Sonne verdecken. 



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Weltzerstorung und Weltbildung. 213 

seiner Lebendigkeit werde es nach dem Untergang unserer Welt 
eine andere erzeugen , und aus dem gleichen Grund müsse es 
schon vor ihrer Entstehung andere erzeugt haben^ wenn man mit- 
hin eine nach vorwärts und nach rückwärts unendliche Reihe 
aufeinanderfolgender Welten annimmt. Und wirklich sagt 
Plutarch von unserem Ehilosophen, er lasse aus dem Unend- 
lichen^ als der einzigen Ursache für die Entstehung und den 
Untergang des All, die Himmel und die zahllosen Welten über- 
haupt in ewigem Kreislauf hervorgehen*), und ähnlich 
HiPPOL YTUS *) : das Unendliche; ewig und nie alternd, umfasse 
alle Welten; diesen aber sei eine Zeit ihrer Entstehung, ihres Da- 
seins und ihres Untergangs bestimmt'). Ebenso r^det Cicero*) 
von unzähligen Welten, die in langen Zeiträumen entstehen und 
vergehen, und Stobäus legt Anaximander einfach die Annahme 



1) B. Eü8. pr. ev. I, 8, 1: ( *Av«?t{xav8pov ^a^c) to ««eipou ^otvai xijv 
icaaocv ahiov r/ttw i^? toü Kavio; Y'^^a£a>( xe . . xa\ 96opa(. il ou 8i[ ©ijai 
Toüf XI oupftvol»; ttTcoxexpioOat xai xaOöXou toIi; Sbcaviac ocTcstpou; ovcac xÖ9fi.ou(. 
aiuf rjvaxo tl t^v ^Oopav yivE^Oai x«\ «oXl» Tcpöiepov tJ^v -y^veaiv i^ iiztipoM aJoivo? 
aysxuxXou(ji^Vta)v navTuv ouxtov. 

2) Refnt. I, 6: o5to{ apxV ^9^ "^^»^ ovtwv 9Üa(v iiva xoS ai:eipou, i^ ^{ 
'.YiviaOat xow? oupavou; xai xou? £v auxoif xöapLOo;, xaüxr,v 8' afStov slvat xa\ 

ap[p(i>, ijv xa\ icovxot; ^rept^j^Etv xob^ xöa|jiou(. Xi-^a hl /pövov co^ mp(9[Ji^vi< x^5 
Yev^9Eii>( xa\ x^c otjota^ xai xv}; o6opa<. (Diese Stttze scheinen übrigens, bei- 
lllufig bemerkt, einer anderen Quelle entnommen zu sein, als das folgende.) 

3) In diesen beiden Stellen lassen sich die unzähligen Welten nicht wohl 
anders, als von aufeinanderfolgenden verstehen. Wenn Hippolytus 
anmittelbar an die Erwähnung der x<SapLOi die Bemerkung anknüpft, die Zeit 
der Entstehung u. s. f. sei bestimmt, so kann die Meinung doch nur die 
sein, dass diese xöapioi eine solche bestimmte Zeit haben; dann werden wir 
aber auch die Vielheit eben hieraus zu erklären haben: es sind mehrere, 
weil jeder einzelne nur eine Zeit lang dauert. Eben darauf weist im vor- 
angehenden die Verbindung der zwei Sätze: dass das anetpov ewig sei, und 
dass es alle Welten umfasse. Coexistirende Welten könnte es umfassen, auch 
wenn es nicht ewig wäre, aufeinanderfolgende nur, wenn es alle überdauert. 
Bei Plutarch beweist schon das Entstehen und Vergehen xoö Tcavxb« und 
das avaxuxXou{i.^ü>v Tcavxcov aOxotv, dass es sich um aufeinanderfolgende W* ei- 
len bandelt. 

4) In der 8. 209, 2 abgedruckten Stelle, wo die Worte: lonffis iiiter- 
vaUis Orientes occidentesque jedenfalls nur auf solche Welten bezogen werden 
können, von denen die eine entsteht, wenn die andere vergeht, gesetzt auch 
Cicero oder sein Gewährsmann haben diese mit den von Anax. als Götter 
bezeichneten anscpoc oupavoi (s. o.) vermischt. 



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214 Anaximander. 

eines einstigen Weltuntergangs bei ^). Auf einen solchen weist 
aber auch die Nachricht *), dass er eine dereinstige Austrocknung 
des Meera angenommen habe ; denn diese lässt uns überhaupt ein 
zunehmendes Uebergewicht des Feurigen vennuthen, aus dem 
sich am Ende eine Zerstörung der Erde und des Weltsystems 
ergeben musstc, dessen Mittelpunkt sie bildet. Da nun über- 
diess Heraklit; welcher unter den altjonischen Physikern keinem 
so nahe verwandt ist, als Anaximander, und wahrscheinlich auch 
Anaximenes und Diogenes, gleichfalls einen Wechsel von Weltent- 
stehung und Weltzerstörung annahmen, schaben wir um so weni- 
ger Veranlassung, diese Vorstellung Anaximander abzusprechen, 
wir haben vielmehr allen Grund zu der Annahme, dass er schon 
einen beständigen Wechsel zwischen Ausscheidung der Dinge 
aus dem UrstofF und Rückkehr derselben in den Urstoff, und 
somit eine endlose Reihe aufeinanderfolgender Welten gelehrt 
habe»). 

Eine andere Frage ist es, ob dieser Philosoph auch die Co- 
existenz unendlich vieler, oder überhaupt mehrerer von einander 



1} Ekl. I, 416: ^A. u. s. f. 90apxov tov xö^^iov. 

2) Thbophrabt und wahrscheinlich auch Abibtoteles; s. o. 205, 2. 

3) Was ScHLEiERMACHEB a. a. O. S. 197 gegen diese Annahme einwen- 
det, acheint mir nicht entscheidend. Anaximander, glaubt er, könne (gemäss 
dem S. 165, 2. 3 angeführten) keine Zeit angenommen haben, in welcher 
die Erzeugung gehemmt gewesen wäre, wie diess vom Anfang einer Welt- 
Zerstörung bis zur Entstehung einer neuen Welt der Fall sein müsste. 
Allein für*s erste besagen die Worte: ?va ^ -^fiyttJi^ (jl^ l];iX£i3i7) nicht: „die 
Erzeugung dürfe nirgend und niemals gehemmt werden'', sondern vielmehr : 
die Erzeugung von immer neuen Wesen dürfe nicht aufhören ; diess ist aber 
auch dann nicht der Fall, wenn sie sich in einer neuen Welt statt der zer- 
störten fortsetzt; und sodann fragt es sich sehr, ob wir bei Anaximander 
schon die Erwägung voraussetzen dürfen, welche strenggenommen ohnedem 
einen Weltanfang so gut, wie ein Weitende, ausschliessen würde, dass wegen 
der unaufhörlichen Wirksamkeit des Urgrundes (worüber 8. 203, 3) die 
Welt nie aufhören könne, zu sein; er konnte diese Wirksamkeit vielmehr 
gerade dadurch zu wahren glauben , dass er sie nach dem Untergang einer 
Welt immer wieder eine neue bilden Hess. Glaubt aber Rose Arist. libr. 
ord. 76, die Annahme eines Wechsels von Weltbildung und Weltzerstörung 
sei a vetustissima cogitandi ratione plane aliena^ so ist hierauf theils schon im 
Text geantwortet, theils wird uns diese Annahme ausser Anaximenes, Heraklit 
und Diogenes, denen sie freilich Rose gleichfalls abspricht, auch bei Empe- 
doklcs begegnen. 



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Die zahllosen Welten. 215 

getrennter Weltsysteme, wie sie später die Atomiker annahmen, be- 
hauptet bat. SiMPLiciiJS und wie es scheint auch Auoustin legen 
ihm diese Behauptung allerdings bei '), und auch von den Neueren 
sind ihnen einzelne darin beigetreten'). Allein Augustin spricht 
gewiss nicht aus eigener Kenntniss, und welchem Gewährsmann er 
folgt, sagt er uns nicht. Auch Simplicius hat aber Anaximanders 
Schrift nicht in Händen gehabt *), und er selbst verräth deutlich, 
dass er seiner Sache hier nicht gewiss ist*). Ebenso fehlt es 
an anderweitigen glaubwürdigen Zeugnissen daftir, dass der 
Philosoph jene Ansicht gehabt habe, ganz und gar*^). Durch sein 

1) SiMPL. Phys. 257, b, m. : üt {jlev ya^ ajceipou? xw TiX^iOsi toü; x<$9[xou( 
&7co6e{Uvoi, fo( ot 7C£p\ *Ava^i(jLav$pov xau Aeüxitctcov xa't AT)|ji<Sxpttov xa\ GaTepov 
o( ic£p\ 'Eicixoupov, YtvopLfvou; aOTou« xat ^OsipopiEvouc Ctc^Osvto in* ecTrstpov, 
«XXcüv (liv ae\ ytvofjL^vcüv aXXiuv Se oOÄtpojx^vcov. Vgl. Anm. 4. Auo. Civ. 
D. VIII, 2: rerum principia Singularum esse credidit ir^nita, ei innumerabi- 
Ui mundps gignere et quaecunque in eis oriuntur, eosque mundoi modo dis- 
eolvi modo iterum glgni exintimxivitj quanta quisque aetate aua manere pohierit, 

2) So namentlich Büsoen S. 18 f. der oben (191, 1) genannten Ab- 
handlung. 

3) Wie diesB schon S. 194 bemerkt wurde, und aus den Widersprttofaen 
klar hervorgeht, die sich ergeben, wenn man seine S. 189, 1. 196, 6. 199, 
1. 2 nachgewiesenen Aeusserungen mit einander vergleicht. 

4) Vgl. De cojIo 91, b, 34 (Schol. in Ar. 480, a, 35); ot 6k xat tw 
RXijBei isEipou; xöajiou; , cu; 'Ava^ijiavBpo; jjl^v aittipow tö jjigY^Oei x^v apxV 
0^{jLCvo(, aseipou^ e( auTou [ — lij;] x& nXiffiii xö(7[iou( icotetv 8oxcl, Asüxin;co( 
dk xoi di2{töxfiio( ftsetpou^ xip izXifiii xou; x6o(aou( u. s. w. Ebd. 273, b, 43: 
xa'i xöa(iiou; aff£ipou( outo( xat ?xa<jx&v xcov xÖ9(i(ov e( aicstpou xou xoiouxou 
oxoe^aou 6k€0£xo, m ( 8 o x Et. 

5) Wie es sich in dieser Beziehung mit Cicero und Philodemus verhält, 
ist schon S. 211. 213, 4 untersucht worden. Ebenso ist über die S. 213, 
1. 2 angeführten Stellen des Uippolytus und Plutarch ebendaselbst das 
erforderliche bemerkt, und auch das hat nichts i^uf sich, dass der letztere 
im Präteritum sagt: xou( xe oOpavoü; x;cox£xpiaOat xat xaOöXou xou; x;cavxa; 
«jESLpou; ovxa; xöa(xou( ; denn theils können die x6a|xot in ähnlicher Bedeutung 
wie oupavo\ stehen (vgl. S. 212), theils konnte auch von aufeinanderfolgen- 
den Welten gesagt werden, es seien ihrer unendlich viele aus dem iniiyy* 
hervorgegangen, da es schon der bis jetzt in der Vergangenheit liegenden 
unzählige sind. Dass Stob. 1, 56 nichts beweist, ist gleichfalls S. 211 
schon nachgewiesen. Wenn endlich derselbe I, 496 sagt: 'AvaStfjiavopo; 
'AvfliJtjjirfvTj« 'ApxÄao; EEvo^avij« AioY^viji Afiuxirtjtoi Arjjx6xpixö5 'Ejcixoupo; 
8):eipouc xö^j^u^ ^v x(^ ajüEipo) xaxa Tcaaav nEpiaYoiyriv, xoiv 8* aTCEipouj aso^ijva 
|t^va>v xou« x^9|JL0u< *AvaEi|iav8po{ xb Taov auxöj; a.7ziyiw iXXyJXwv, *E;cixoupo< 
avi9ov f|y0(( TQ (AfTa^u xujv xöa[xcov 6iiaxrj^;ia, so geht seine Meinung zwar ohne 



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216 ' Anaximander. 

ganzes System aber wird dieselbe nicht allein nicht gefordert^ 
spndem es ist auch manches darin, was ihr widerstrebt. Man 
könnte glauben, aus der Unbegrenztheit des Urstoffs habe sie 
sich mit Nothwendigkeit ergeben müssen. Allein die Nachfolger 
Änaximandera, ein Anaximenes, Anaxagoras und Diogenes be- 
weisen, wie wenig diess nach dem damaligen Stande des Denkens 
der Fall war. Keiner von ihnen findet eine Schwierigkeit in der 
Annahme, dass unsere Welt begrenzt sei, während der sie um- 
gebende Stoff, zu keinen weiteren Welten gestaltet, sich iu's 
unendliche ausdehne. Die Reflexion aber, welche SchleieU- 
MACHER unserem Philosophen zutraut ^), dass es mehrere Welt- 
ganze geben müsse, damit in dem einen Tod und Zerstörung 
walten könne , während in dem andern Belebung vorherrsche, 
erscheint für sein Zeitalter viel zu künstlich. Es lässt sich daher 
nicht absehen, was Anaximander zu einer Annahme veranlasst 
haben sollte, welcher die sinnliche Anschauung, die nächste 
Grundlage jeder alten Kosmologie, nicht den mindesten An- 
knüpfungspunkt bot. Diese Annahme musste vielmehr gerade 
einem solchen besonders ferne liegen, der alles Einzelne so ent- 
schieden, wie er, aus Einem Urgrund ableitete und in denselben 
wieder zurücknahm ^). Demokrit verfuhr ganz folgerichtig, wenn 

Zweifel dahin, dass Anaximandor ebenso, wie Demokrit und Epikur, zahllose 
nebeneinanderbestehende Welten angenommen liabe ; und das gleiche gilt ron 
Theodoret, welcher cur. gr. afF. 4V, 15 S. 58 den gleichen und in der 
gleichen Ordnung, wie bei Stob., aufgezHhlten Philosophen jcoXXoü; xfti anct- 
pou( xoTfxou; beilegt. Allein der letztere ist augenscheinlich kein 8clb> 
ständiger Zeuge, sondern er hat aus der gleichen Darstellung geschöpft, 
deren Worte Stob, ohne Zweifel vollständiger wiedergiebt. Diese selbst aber 
erscheint hier höchst uuznyerlttssig. Denn welches Vertrauen kann man 
einem Schriftsteller schenken, welcher auch Anaximenes, Archelaus, Xeno- 
pbanes die anstpoi xÖ7{x9i beilegt, und welcher überdiess durch den Beisatz: 
xata naorav Ttepia^wT^jV , der seinei-seits auf die Atomiker und Epikur durch- 
aus unanwendbar ist, deutlich verräth, dass hier zweierlei Annahmen zusam- 
niengewirrt sind : diejenige, welche aus den mpiOL^ta-^oii (dem Kreislauf, dessen 
Plutarch oben S. 213, 1, erwähnt) zahllose aufeinanderfolgende Welten hervor- 
gehen Hess, und die, welche zahllose gleichzeitige behauptet. Was Anaximander 
über den gleichen Abstand der Welten eigentlich gesagt hatte, ob sich seine 
AeujBserung auf die räumliche Entfernung der oupavoY oder die zeitliche der 
aufeinanderfolgenden Welten bezog, lässt sich nicht ausmachen. 

1) A. a. O. 200 f. 

2) W^ie diess auch Sculeibmaciieb anerkennt; a. ». O. 197. 200. 



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.[176] GeBchichtliclie Stellung und Bedeutung. 217 

er seine zahllogen, durch keine einheitliche Ursache zusammen- 
gehaltenen Atomen in den verschiedensten Theilen des unend- 
lichen Raumes sich mit einander verwickeln nnd so von ein- 
ander unabhängige Weltsysteme bilden liess; Anaximander da- 
gegen konnte von der Anschauung des Einen Unbegrenzten^ 
das alles lenkt; nur zu der Annahme eines einzigen ^ durch die 
Einheit der weltbildenden Kraft verbundenen Weltganzen ge- 
fuhrt werden. 

I Vergleichen wir nun die Lehre Anaximander'S; wie sie sich 202 
uns nach der vorstehenden Untersuchung darstellt, mit dem, was 
uns über Thaies berichtet wird ; so lässt sich nicht verkennen, 203 
dass sie einen viel reicheren Inhalt hat, und eine höhere Ent- 
wicklung des Denkens beurkundet. Ich möchte zwar gerade der 
Bestimmung, welche in unsern Berichten am stärksten hervor- 
tritt, weil sie die bequemste Bezeichnung für Anaximander's 
Princip bot, der Unendlichkeit des Urstoflfs, keine so grosse Be- 
deutung beilegen ; denn die endlose Reihe natürlicher Bildungen, 
wegen deren sie Anaximander zunächst aufstellte, war auch ohne 
sie zu erreichen ^), die unbegrenzte räumliche Ausdehnung der 
Welt aber, für die sie nöthig gewesen wäre, hat dieser Philosoph 
selbst, wie oben gezeigt ist, nicht gelehrt. Dagegen ist es nicht 
unwichtig, dass Anaximander nicht einen bestimmten Stoff, wie 
Thaies, sondern nur den unendlichen Stoff überhaupt zum Aus- 
gangspunkt nahm, und was ihn auch hiezu veranlasst haben mag, 
immer liegt doch darin eine Erhebung über die nächste sinnliche 
Anschauung. Wenn ferner Thaies über die Art, wie die Dinge 
aus dem Urstoff entstehen, nichts gelehrt hatte, so ist zwar 
Anaximanders „Ausscheidung^ gleichfalls noch unbestimmt ge- 
nug, aber es ist doch wenigstens ein Versuch, diesen Hergang 
zur Vorstellung zu bringen, das mannigfaltige der Erscheinungen 
auf die allgemeinsten Gegensätze zurückzuführen, und von der 
Weltbildung eine physikalische, von den mythischen Bestand- 
thcilen der alten theogonischen Kosmologie freie Anschauung 
zu gewinnen. Ebenso zeugen Anaximanders Vorstellungen über 
das Weltgebäude und über die Entstehung der lebenden Wesen 
nicht allein von Nachdenken, sondern sie sind auch für die Folge- 



1) Wie di688 Bcbon Abistoteleb bemerkt, 8. o. S. 185, 3. 

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218 Anaximander. ' 1177] 

zeit wichtig geworden. Hat endlich dieser Philosoph nicht blQs 
einen Anfang, sondern auch ein Ende unseres Weltsystems und 
eine unendliche Reihe aufeinanderfolgender Welten angenommen; 
so beweist auch dieses nicht blos eine sehr achtungswerthe Folge- 
richtigkeit, I sondern es ist damit auch der Anfang dazu gemacht, 
die mythische Vorstellung von einer Entstehung der Welt in 
der Zeit zu verlassen, es wird durch die Einsicht, dass die welt- 
bildende Kraft nie müssig gelegen haben könne, die aristotelische 
Lehre von der Ewigkeit der Welt vorbereitet. 

Der Ansicht jedoch kann ich nicht beitreten, dass Anaximan- 
der von Thaies und seinen Nachfolgern zu trennen und einer ei- 
genen Entwicklungsreihe zuzuweisen sei, wiediessin neuerer Zeit 
204 aus entgegengesetzten Gründen verlangt wurde, von Schleiek- 
MACHBR ^), weil er in Anaximander den Anfang d^r spekulativen 
Naturwissenschaft, von RitTEK*), weil er in ihm den Urheber 
der mechanischen, mehr der Erfahrung zugewendeten Physik 
sieht. Was die letztere betrifft, so ist schon früher gezeigt wor- 
den, dass Anaximanders Naturerklärung so wenig, als die seines 
Vorgängers und seiner nächsten Nachfolger, einen mechanischen 
Charakter trägt, und dass er namentlich Heraklit, diesem Typus 
eines Dynamikers, nähersteht, als einer der andern. Aus densel- 
ben Gründen ist auch SCHLKrERMACHER's Behauptung unrichtig, 
seine Richtung gehe, im Unterschied von Thaies und Anaximenes, 
mehr auf das individuelle, als auf das universelle ; denn er gerade 
hält die Einheit des Naturlebens besonders streng fcst^), und 
das» er ein Heraustreten der Gegensätze aus dem Urstoff an- 
nimmt, kann hiegegen nichts beweisen, dieses hat auch Anaxime- 
nes und Diogenes. Auch das endlich muss ich bestreiten , dass 
Anaximander, wie Ritter*) behauptet, von Thaies für seine 
Forschung gar nichts könnte gewonnen haben. Denn gesetzt 
auch, er hätte sich materiell keine einzige seiner Vorstellungen 



1) Ueber Anax. a. a. O. 8. 188. Gösch, d. Phil. 25. 31 f. 

2) Gesch. d. Phil. I, 214. 280 ff. 345. Vgl. Gesch. d. Jon. Phil. 
177 f. 202. 

3) S. o. S. 210 mid Schleiekmacuer selbst üb. Anax. 197, wo A. der- 
jenige genannt wird, „dessen ganze Forschung so entschieden auf die Seite 
der Einheit und der Unterordnung aller Gegensätze gerichtet sei.** 

4) Gesch. d. PhiJ. I, 214. 



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[178] Anaximenes. 2t9 

angeeignet^ so war schon das formelle Ton der höchsten Bedeu- 
tung; dass ThaleS; und er zuerst, nach dem allgemeinen Natur- 
grund der Dinge gefragt hatte. Indessen haben wir. schon oben 
gesehen, dass Anaximander nicht blos überhaupt durch seinen 
Hjlozoismus, sondern auch noch im besonderen durch die An- 
nahme eines ursprünglich flüssigen Zustaudes der Erde | wahr- 
scheinlich an thaletische Lehren anknüpfte. Nehmen wir hinzu, 
dass er ein Mitbürger und ein jüngerer Zeitgenosse des Thaies 
war, und dass beide sehr bekannte und angesehene Männer in 
ihrer Vaterstadt waren, so werden wir es höchst unwahrschein- 
lich finden müssen, dass der jüngere von beiden von dem älteren 
gar keine Anregung empfangen haben sollte, und dass Anaximan- 
der, der Zeit nach in der Mitte zwischen seinen zwei Landsleuten 
Thaies undAnaximenes, wissenschaftlich ganz allein stände. Der 205 
Beweis des Gegentheils wird aber allerdings noch vollständiger 
geführt sein, wenn wir uns auch von seiner eigenen Bedeutung 
für seinen nächsten Nachfolger überzeugt haben. 

3. A n a X i m 6 n e 8 *). 

Die philosophische Ansicht dieses Mannes wird im allge- 



1) Von den Lebensumständen des Anaximenee wissen wir fast nichts, 
als dass er aus Milet war, und dass sein Vater Euristratus hiess (Dioo. II, 3. 
ßiMPL. Phys. 6, a, unt u. ö.). Spätere Schriftsteller machen ihn zum Schaler 
(Cic. Acad. II, 37, 118. Dioo. II, 3. Auo. Civ. D. VIII, 2),. Genossen 
(SiMPL. a, a. O. De ccelo 273, b, 45. Schol. 514, a. 33) oder Bekannten 
(Bus. pr. ev. X, 14, 7) und Nachfolger (Cleu. Strom. I, 301. A. Theodobet 
gr. äff. cur. II, 9. S. 22. Auo. a. a. 0.) Anaximander's. So wahrscheinlich 
es aber auch durch das Verhttltniss ihrer Lehren wird, dass er mit diesem 
Philosophen in Verbindung stand, so sind doch jene Angaben ohne Zweifel 
nicht aus geschichtlicher Ueberlieferung, sondern aus blosser Combination 
geflossen, die freilich ungleich begründeter ist, als die wunderliche Behauptung 
(b. Djoo. II, 3) , er sei ein Schüler des Parmenides gewesen. Nach Afoi.- 
ix>DOB b. Dioo. a. a. O. wäre er Ol. 63 (528—524 t. Chr.) geboren, und 
lun die Zeit der Eroberung von Sardes gestorben. Wäre nun mit der letz- 
teren die Eroberung durch die Jonier unter Darius Ol. 70 (499 v. Chr.) 
gemeint (welche aber sonst nie als chronologische Epoche gebraucht wird), 
so wäre Anaximenes 45—48 Jahre nach Anaximander gestorben; dagegen 
erschiene auch in diesem Fall Ol. 63 viel zu spät für seine Qeburt. Um 
den Fehler zu heilen, will Hermahm (philos. Jon. »t. 9.21) statt Ol. 63 die 
von EusEB. Ofaron. angegebene Ol. 55, Roth (Gesch. d. abendl. Phil. II, «, 
242 f.) OL 53 setzen. Da jedoch Hippoltt. Refut. I, 7, Sohl die Blüihe 



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220 Anaximenes. (179] 

meinen durch den Satz bezeichnet, dass das Princip oder der 
Grund aller Dinge die Luft sei *). Dass er hiebei unter der Luft 
206 etwas anderes, | als das Element dieses Namens, verstanden, und 
die Luft als Grundstoff von der atmosphärischen Luft unterschie- 
den hatte *), ist uner^fr'eislich und unwahrscheinlich : er sagt wohl, 
die Luft sei im reinen Zustand unsichtbar, und nur durch die 
Empfindung ihrer Kälte, Wärme, Feuchtigkeit und Bewegung 
wahrnehmbar*); diess passt ja aber vollkommen auf die uns um- 
gebende Luft, und auch unsere Berichterstatter denken gewiss an 
nichts anderes, da keiner derselben jenen Unterschied irgendwie 
andeutet, und die meisten den Urstoflf des Anaximenes sogar aus- 
drücklich als eines der vier Elemente, einen qualitativ bestimm- 
ten Körper, bezeichnen*). Dagegen legte er der Luft eine Ei- 
genschaft bei, die schon Anaximander dazu gedient halte, dasUr- 



des Anaximenes Ol. 66, 1 setzt, so hat Dirlb (Rhein. Mus. XXXI, 27) wohl 
Rocht mit der Vermuthung, bei Diog. sei mit Umstellung der beiden Sätz- 
chen zu lesen: yt-^iviqxai jjl^v . . . icsp\ Tijv SipSstov aXuxriv, eTfiXeütrjae Sk tj 
{fr^xoaxj tpiTT) 8Xü[i7ciÄSt, und ebendaher habe Suidas seine Angäbet Y^yovev 
6v TjJ v^ ^XüfiTuiaSi 6v T^ SotpSecov aXwdfit oi£ Kupo« o UepOTj; Kpotorov xaöetXev, 
nur dass er oder ein späterer Interpolator EuseVs Zeitbestimmung (Iv i^ ve 
oX.) ungehörig zwischeneinschob,' mit der Eroberung von Sardes aber sei 
auch bei Diog. die durch Cyrus (Ol. 58f 3. 646 v. Chr.) gemeint, und das 
Ye'Yovgv oder ytfi^itixatf wie diess Öfters vorkommt, nicht auf die Geburt, son- 
dern auf die Lebenszeit, die axjiij, zu beziehen. — Die Schrift des Anaxi- 
menes, Ton welcher ein kleines Bruchstück erhalten ist, war nach Dioa. in . 
jonischem Dialekt einfach geschrieben; die zwei gehaltlosen Briefchen an 
Pythagoras bei Demselben sind natürlich unterschoben. 

1) Arist. Metaph. I, S. 984, a, 5 : 'Ava^t^iiviq^ 61 a^pa /.a\ AtOY^VY]^ npöxcpov 
uSäto? xa\ (AaXiax* apxV TiOe'aai iwv aJcXuv 9(i>(taT(i>v, ebenso die Späteren ohne 
Ausnahme. 

2) Wie Ritter I, 217 und noch entschiedener Brandis I, 144 annimmt. 

3) HiPPOLYT. Refht. h«r. I, 7. 'Av«5tjji^»j? h\ . . i^pa a««pov eJpij "ri^v 
apX^v 6?v«t, g? oS ti fgvöjjieva xa •>[t^o>f6xci xa\ t^t loröpieva xa'i Öeou« xai 6^a 
Yiveaöat, x« 81 Xotwa i% töv toütou aÄOY^vwv, xb 8k elSo; xou aipo^ xoiouxov 
Sxav {ilv bpiaXcüxaxo; fj, o^n a8y)Xov, 8y]Xou90a( 8k xco ^^X9^ *^ "^^ Oep^ico xai 
xcT) vorepüi xai xü> xivou{ji^o>. 

4) Z. B. ÄRisT. a. a. O. und Phys. I, 4, Anf. Plut. b. Eüs. pr. ev. I, 
8, 3: *AvaEt{jL^*jv 8^ ^a« x^v xwv 5X<ov «pxV "^o^ *^P* ^^^^^^ *"^ touxov cTvai 
xö jikv Y^Ei [1. jiey^0it wie Simpl. hat, vgl. folg. Anm, und S. 176, 1] awttpov 
xai( 8k ffep\ aOxbv Tcotöxijaiv (opiafxcvov. Simpl. Phys. 6, a, u.: (iiav (Uv x^v 
6;coxct{jivi]v 9Jaiv xa\ «Tcsipöv 91J01V . . oöx aöpioxov 8k . . aXXa wpiajiivTjv, o^a 
X^ycov oäxijv. Ebenso Do coelo s. u. 223, 1. 



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[J80J Die Luft. , 221 

weseu TOD allem Gewordenen zu unterscheiden^ wenn er sie der 
Grösse nach als unendlich beschrieb. Diess wird nämlich nicht 
blos von den späteren Berichterstattern einstimmig bezeugt ^), 
sondern auch Anaximenes selbst weist darauf hin ') wenn er 207 
sagt, die Luft umfasse die ganze Welt; denn sobald man | sich 
die Luft nicht vom Himmelsgewölbe umschlossen denkt, liegt 
es ohne Zweifel weit näher, sich dieselbe in's unendliche ausge- 
breitet vorzustellen; als einem so flüchtigen Stoff eine bestimmte 
Grenze zu stecken. Ueberdiess erwähnt auch Aristoteles *) 
der Ansicht, dass die Welt von der grenzenlosen Luft umgeben 
sei; und liesse sich diess allerdings an sich auch auf Diogenes oder 
Archelans beziehen, so scheint er doch die Unendlichkeit des Ur- 
stoffs allen denen zuzuschreiben, welche die Welt von demselben 
umgeben sein lassen. Es lässt sich daher nicht wohl bezweifeln^ 
dass sich Anaximenes diese Bestimmung Anaximander's angeeig- 
net hat. Mit ihm stimmt er ferner auch darin überein, dass er 
sich die Luft in beständiger Bewegung, in einer ununterbroche- 
nen Umwandlung ihrer Formen, und in Folge dessen in einer 
fortwährenden Erzeugung abgeleiteter Dinge begriffen dachte*); 



1) Pi.uT. und HiPPOL. 8. die zwei letzten Anmm. Cic. Acad. II, 37, 118: 
Anaximenes infinitum aera; $ed ea, quae ex eo orirerUttr definita, N. D. I, 
10, 26: Ancuc, dtra deum statuüj eumque gi^i (ein Missverständniss, worüber 
Krischb I, 55 zu vergleichen ist), esseque immeneum et inßnüum ei semper 
in inotu. Dioo. II, 3 : o3ro( ot'PXh'* ^F' ^^^ ^^ '^^ ancipov (dem Sinne nach 
jedenfalls gleichbedeutend mit dem von Wolf z. Orig. [Hippol.] a. a. O. und 
Kruche Forschungen S. 55 vorgeschlagenen adpa tov octc.). ' Simpl. Phyg. 5, 
b, u.: 'AvaSt(jLav$pov xat 'AvaSi|jL^VT)v . . Iv (ji^v, a;;€tpov Bl tcJ> (aiycOci to 
oxo(x,^v 6}co0e{A/vou(. ebd. 6, a, s. vor. Anm. ebd. 105, b, s. o. S. 176, U 
ebd. 273, b, u. : ^v i(j) ajueipb» . . xtp 'AvaEi(A^ou( xa\ 'Ava^tfA^vSpou. Ders. 
De coelo s. u. 223, 1. Ebd. 91, b, 32 (Schol. 480, a, 35): 'Avo{i(i^v>}; tbv 
a^pa sscipov ccpxV £?vai X^ycov. 

2) In den Worten Plac. I, 3, 6 (Stob. Ekl. I, 296): otbv ^ ^u^^ fj ^(ui^pa 
aj)p oZoa ou^xpat^ ^jf^^^t xa\ oXov ibv x($apLOV Tcveujia xat qfiip icepi^^ec. 

3) Phys. III, 4; 8. o. S. 176, 2. ebd. c. 6. 206, b, 23: u><ncep f^ouiiv o\ 
)>u9ioXö-]fO(, xo E^cü 9<ü(ia Tou xöapiou, od ^ oOaia f^ a^p ^ «XXo ti toioütov, anstpov 
sTvau M. vgl. auch die S. 197, 3 angeführte Stelle De ccelo III, 5. 

4) Plut. b. £u8. pr. ev. I, 8 nach dem S. 220, 4 angeführten: Yevva(jOai 
tt ff&VT« xata tivflt Tcüxvcoatv touiou, xal icaXiv apaicoaiv. ttIv y< H^4^ xivi)aiv !£ 
a{b>vo( 6;r^px^tv. Cic. N. D. I, 10 (Anm. 1). Hippoltt. nach dem 8. 220, 3 
angeführten: xivstdOai ^\ xou iii- ou ^ap {ifiiaß^Xstv oaa pieTaß&XXtt, e{ pi^ 
xivotTo. SiMiPL. Phys.. 6, a, u.: xivi^jiv 6k xa\ o3co( af^iov notet $t' IJv xat tj^m 



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222 Anaximene». [180] 

was ftir eine Bewegung diess aber sein sollte, wird nicht überlie- 
fert 1). Wenn endlich von ihm, wie von jenem; gesagt wird, er 
habe seinen ürstoff für die Gottheit erklärt *), so mag zwar da- 
hingestellt bleiben, ob er diess ausdrücklich gethan hat, ja es ist 
diess desshalb unwahrscheinlich, weil er (s. u.) ebenso, wie sein 
Vorgänger, die Götter zu dem Gewordenen rechnete, aber der 
Sache nach ist es nicht unrichtig, weil auch ihm der ürstofF zu- 
208 gleich die Urkraft und insofern die schöpferische Ursache der 
Welt war»). 

Den Grund, wesshalb Anaximenes die Luft zum Princip 



jjL6T»PoX7]V Ytvgaöai. Dass ihm trotzdem Plac. I, 3, 7 vorgeworfen wird, er 
habe keine bewegende Ursache, erklärt Kbische Forsch. 54 richtig ans 
AsisT. Metaph. I, 3. 984, a, 16 ff. 

1) TeicrmÜlleb (Studien u. s. w. S. 76 ff.) denkt auch hier, wie bei 
Anaxtmander (s. o. 206, 3, b), an eine Drehung: die grenzenlose Luft soll 
sich von Ewigkeit her im Wirbel drehen. Ich kann dieser Ansicht schon 
desshalb nicht beitreten, weil unter allen unseren Zeugen nicht Einer von 
dieser Bestimmung etwas weiss. Kine Drehung des Unbegrenzten scheint mir 
aber auch eine so widersprechende Vorstellung zu sein, dass wir sie dem 
Philosophen ohne zwingende Gründe nicht beilegen dürfen; wollen wir uns 
vielmehr die ewige Bewegung desselben zur Anschauung bringen, so würde 
schon die Analogie der atmosphärischen Luft die Annahme eines Hin- und 
Herwngens weit näher legen. Beruft sich endlich T. auf Arist. De coelo 
n, 13. 295, a, 9 ((Sat* eI ßia vöv ^ y? H^«^«^ 'tat auvijXOgv iiii xo ji^aov ^epOiirvTj 
dioc tfjv SCvTjffiv raÜTTiV yop tijv «?Tiav rivTg? Xi^OM^iy ^ u. s..w. 8io 8^ xa\ -cfjV 
Y^v «avT£5 oaoi tov oupavbv yiwioatv, iiz\ zo jx^ctov arüvgXÖEiv ©aaiv), so scheint mir 
diese Stelle für die vorliegende Frage, auch abgesehen von dem S. 225 
zu bemerkenden, unerheblich zu sein; denn sie sagt nichts darüber ans, ob 
der Wirbel, welcher bei der Weltbildung die erdigen Stoffe in die Mitte führte, 
vor derselben schon vorhanden war, oder nicht; sachlich aber folgt das eine 
nicht aus dem andern: Demokrit z. B. denkt sich die Atome ursprünglich 
flicht in Wirbelbewegung, sondern diese entsteht erst an einzelnen Punkten 
ans ihrem Zusammenstoss. 

2) Cic. N. D. 8. S. 221, 1, Stob. Ekl. 1 , 56 'Avaf. tov a^oa (Osbv aneoiIvaTo). 
Lactakz Inst. I, 5. S. 18 Bip.: Cleantli^ et Anaximenes aethera dicunt esse 
mmmum Deunij wo aber der „Aether** dem späteren Sprachgebrauch angehört. 
Tbrt. c. Marc. I, 13: AnaximeTies aerem (Deum pronuntiavitj. 

3) Wenn jedoch Roth (Gesch. d. abendl. Phil. II, a, 250 ff.) Anaximenes, 
und zwar im Gegensatz zu Xenophanes, vom Begriff des Geistes als ^ der Ur- 
gottheit ansgehen lässt, und ihn desshalb den ersten Spiritualisten nennt, so 
giebt diess eme ganz schiefe Vorstellung von der Bedeutung seines Princips 
und dem Wege, auf dem er zu demselben gekommen ist. 



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[181] Verdünnung und Verdichtung. 223 

machte; findet Simplicius ') in ihrer leichtveränderlichen Natur, 
durch welche | sie sich vorzugsweise zum Substrat für die wech- 
selnden Erscheinungen eigne. Nach der eigenen Aeusserung des 
Philosophen ^) scheint ihn bei seiner Annahme hauptsächlich die 
Vergleichung der Welt mit einem lebenden Wesen geleitet zu 
haben. In Thieren und Menschen erschien ihm, nach alterthüm- 
lich sinnlicher Vorstellungsweise, die beim Athmen aus- und ein- 
strömende Luft als der Grund des Lebens und der Zusammen- 
halt des Leibes, denn mit dem Stocken und Entweichen des 
Athems erlischt das Leben, der Körper zerfallt und verwest. 
Dass es sich ebenso auch mit dem Weltganzen verhalte, mochte 
Anaximenes um so eher voraussetzten, da der Glaube an die Le- 
bendigkeit der Welt uralt, und schon von seinen Vorgängern in die 
Physik eingeführt war, und so lag es ihm nahe genug, in den viel- 
fachen und bedeutenden Wirkungen der Luft, welche die Wahr- 
nehmung erkennen liess, den Beweis zu finden, dass es überhaupt 
die Luft sei, die alles bewege und hervorbringe. Damit war aber 
für einen Standpunkt, welchem die Unterscheidung der wirken- 
den Ursache vom Stoff noch fremd war, zugleich ausgesprochen, 
dass die Luft der Urstoff sei, und auch dieser Annahme bot theils 
die Beobachtung, theils eine naheliegende. Vermuthung manche 
Stütze. Denn da sich die atmosphärischen Niederschläge auf der 
einen, die feurigen Erscheinungen auf der andern Seite als Er- 
zeugnisse der Luft betrachten liessen, so konnte leicht die Vor- 
stellung entstehen, dass die Luft überhaupt der Stoff sei, aus 
dem sich die anderen Körper in auf- und absteigender Richtung 209 
bilden, und diese Meinung mochte noch durch die scheinbar un- 
begrenzte Ausbreitung der Luft im Weltraum unterstützt wer- 
den, zumal nachdem Anaximander das Unendliche für den Ur- 
stoff erklärt hatte. 

Aus der Luft soll nun alles durch Verdünnung und Verdich- 
tung entstanden sein '). Diese selbst scheint Anaximenes für eine 



1) De ccelo 273, b, 45. Schol. in Arist. 514, a, 33: 'Ava(i(Aev9]C $i hoipo« 

a^piotov, apa yap sX^yr/ sTvat, o{ö{Aevo( apxciv xh tou o^po; cuaXXofwtov Tcpo^ 
{ux«poXi{v. 

2) Oben S. 221, 2. 

3) Abistoteleb Phys. I, 4, Anf. De c<ßlo IIl, 6, Anf. (8. o. 198, l) 



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224 Anaximenes. [182] 

Folge I ihrer Bewegung gehalten zu haben '). Mit der Verdün- 
nung ist ihm die Erwärmung, mit der Verdichtung die Erkäl- 
tung gleichbedeutend *). Die Stufen, welche der Stoff bei dieser 
210 Verwandlung durchlaufen sollte, gab er ziemlich unmethodisch 
so an: durch Verdünnung werde die Luft zu Feuer, durch Ver- 
dichtung zuerst zu Wind, weiter zu Gewölke, hierauf zu Wasser, 
dann zu Erde, zuletzt zu Steinen ; aus diesen einfachen Körpern 



schreibt diese Annahme einer ganzen Klasse von Natarphilosophen zu; Anaxi- 
menes war sie so eigen thümlich, dass Theophhast sie ihm allein (yielleicht 
aber nur: allein unter den ältesten Philosophen) beilegte; s. o. 180,4. Von 
weiteren Zeugnissen vgl m. Plut. De pr. frig. 7, 3; s. S. 224, 2. Ders. 
b. Eus pr. ev. I, 8, 3. s. o. 221, 4. Hippoltt. Refut. I, 7. Hebhiab Irris c. 3. 
SiMPL. Phys. 6, a, u. 32, a« u. Die Ausdrücke, mit denen die Verdünnung 
und Verdichtung bezeichnet wird, sind verschioden: Aristoteles sagt {jLav«o<Ji( 
und nüxvfi>ai( ; statt des ersteren steht bei Plutarch und Simplicius auch 
apaiWi^j spaiou^Oai, bei ilermias apatoü[isvoc xot 8tax.tö[iEvo(, bei Uippolytus: 
oTav €?{ To apaiötspov Stay^üOj, nach Plut. De pr. frig. (vgl. Siupl. Phys. 
44, b, o.) scheint Anax. selbst von Ziisammenziehung und Nachlassung, 
Ausdehnung oder Auflockerung gesprochen zu haben. Die anaximandrische 
Lehre von der Ausscheidung wird ihm bei Simpl. De coelo 91, b, 43 (Schol. 
480, a, 44) nur in Mörbeke^s Rückübersetzung (Aid. 46, a, m.) zugeschrieben, 
der ftchte Text hat dafür: ol $k ^ ivo; navia yiv^aOai X^ou7i xai* euOelav 
(so dass die Umwandlung der Stoffe nur nach Einer Richtung geht, nicht 
im Kreislauf wie bei Heraklit), fo; *AvaSi{Aav$po; xa\ 'Avafijjivi);. Phys. 44, 
a, u. wird die Verdichtung und Verdünnung von Simplicius in eigenem 
Namen durch aÜY^^p^v^ und Staxpiaic erläutert. 

1) S. o. 8. 221, 4 vgl. 203. 

2) Plut. pr. frig. 7, 3. S. 947: JJ xaOrfjtgp 'AvaEipivi)« h «aXaib« wno, 
|ii(te TO (|'U)^pbv iv oOaia \tMxg xo 6£p[Aov anoXei7;cü{ASV, iXka naOi] xo(va i^ic CXv^^ 
i;»Y(vö(ieva Tai( iietaßoXat; xb f^P au9teXXö(xevov aut^; xa\ jcuxvoüp^vov 4>uXP^^ 
i?v8t ^1291, tb 8k opaibv xai to )(^aXapbv (oIStcd tzm^ 3vo(jLd9a{ xcu t& ^(laTi) 
OepfAÖv. Hiefür habe sich A., wie weiter bemerkt wird, darauf berufen, dass 
die Luft, welche mit offenem Mund ausgehaucht wird, warm, die mit zu- 
sammengedrückten Lippen hervorgestossene kalt sei, was jedoch Aristoteles 
vielmehr daraus erkläre, dass jenes die Luft im Mund, dieses die vor dem 
Mund sei. Hippol. a. a. O. (S. 220, 3. 225, 1). Nach Pobpr. b. Simpl. 
Phys. 41 , a, m. Aid. hätte Anaximenes das Feuchte und das Trockene 
als GrundgegensAtze angenommen; diese Angabe ist aber um so verdächti- 
ger, da sich tJimpl. fßr dieselbe auf einen Hexameter beruft, welcher von 
ihm herrühren soll, sonst aber Xenophanes beigelegt wird (s. u. S. 459, 2 
8. Ausg.), und in der Prosa des Anaximenes sich nicht gefunden haben kann ; 
wahrscheinlich ist mit Brandts Schol. 338, b, 31 a. a. O. für *Ava^t(A^v7}v 
ftu setzen: Hevo^dcvijv. 



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'?*-- 



[183] VerduDnung und Verdichtung. Weltbildud^ 225 

sollten sodann die zusammengesetzten sich bilden ^); ßelic^te^ 
welche die Vierzahl der Elemente bei ihm voraussetzen *), sind 
hierin für ungenau zu erachten. | 

Bei der Weltbildung selbst Hess Anaximenes durch Verdich- 
tung der Luft zuerst die Erde entstehen •), die er sich breit, wie 
eine Tischplatte, und desshalb von der Luft getragen dachte ^). 



1) SiupL. Phyg. 32, a, u., und wörtlich gleich schon 8. 6, a, a.: *A. 
apaioü{Uvov {liv tov s^pa TCüp y^vE^Oai 99}ai, nuxvoü[jt£vov Sk av£(iov, sTta v^90(, 
tt'ft ixi iaoaXov u8a>p , tha pjv , tha, XtOou( , Ta ^l «XXa ^x toüicov. Hippol. 
(nach dem S. 220, 3 angeführten) : 7;uxvoü{X6vov yap xa\ apaioü(jLCvov Sta^ opov 
^aivcoOsc oTav -^a^ tl^ x6 apaiöiepov Sta/uO^ nOp f^^saOai, (icaco; $k Ikov sl^ 
iipa jnjxvoüjjLevov l^ a^po; v^cpo; «notEXE^Orj xata xf^v jcdXi^aiv (wofür etwa mit 
RopER Philol. VII, 610 und Dunckisr in s. Ausg. zu lesen sein mag: (a^9(ü( 
dk Tzxkiy eli o^^ot) 17UXV. s^ a^p. vEf aicoiEXEt^Oat x. i. 7ctXv)9iv — vielleicht steckt 
aber auch in dem (jLEaeu; ein «vE'piou; und die folgenden Worte sind anders zu 
verbessern) eti Sk p-oXXov 58 wp, l«\ tsXeiov ÄuxvtoÖEVTa y^v, xa\ tU "cb jxaXiaxa 
ruxvwx«Tov XiOoof. Ä<JT8 Töt xupt(ütata rfj{ y*^^^^*'^^ ^vavua eTv« 6ep(a6v te xa\ 
(|>uxpov .... av^piou; Si Y^^^^^^^^ ^'^^^ ^x7CS7:uxvci}(jL^vo; 6 A^p apauu6£\c 9^pi]tat, 
(das heisst wohl: wenn verdichtete Luft sich wieder ausdehne; wenn nicht 
etwa statt apaicoOs^c zu lesen ist: ap6E\;, in die Höhe geführt, was an sich, 
trotz der grösseren Schwere der verdichteten Luft , ebenso möglich* wftre, 
als dass, nach S. 226, 2; in der Gestimregion ordartige Körper sind) vuvsX- 
OdvT« t\ xot iiii äX^v Äft^^uO^vT« v^^r; y^^^*'^"* [YCvvSv oder: oruvgXOdvt o ; x. 
l. ffX. icax^u6^vxo; v. YSVvavOai], xeti oSko; tU ^^<t>p ptEiaß&XXEiv. 

2) Cio. Acad. II, 37, 118: ffigni aiUem terram aquam ignem tum ex hia 
omnia, Hebhias a. a. O. Unbestimmter Nehes. nat. hom. c. 5, S. 74. 

S) Plct. b. EüR. pr. ev. I, 8, 3: iciXoupL^vou Sk ToO ac'po; np(iStT)v YSYEviJ<;6a( 
Xi'^uy T^v Y^v. Das gleiche folgt daraus, dass die Qestirne erst aus den 
Dünsten der Erde entstanden sein sollten. Wie es kam, dass die Erde sich 
zuerst bildete und ihre Stelle in der Mitte der Welt einnahm, wird nicht 
gesag^. Das 7C(Xou{x^vou tou dl^po; bei Plutarch erlaubt die AniBOusung, dass 
bei der Verdichtung ' der Luft die dichtesten Theile defselben nach unten 
gesunken seiett; und wenn sie Teicumüller a. a. O. S. 83 statt dessen durch 
die S. 222, 1 besprochene Wirbelbewegung dahin geführt werden Iftsst, 
so giebt dazu die dort angeführte aristotelische Stelle De ocelo II, 13, wie 
mir scheint, kein Recht ; denn das TcivtE; in dieser Stelle Uisst sich nicht so 
pressen, dass man daraus auf alle einzelnen Philosophen, die überhaupt eine 
Weltentstehung annahmen, schliessen könnte: Plato z. B. (Tim. 40, B) weiss 
nichts von der SivTjug, ebensowenig wird derselben bei lleraklit erwähnt, 
und die Pythagoreer verlegten die Krde gar nicht in den Mittelpunkt des 
Weltgebftudes. 

4) Arist. De calo Et, 13. 294, b, 13. Plüt. b. Eus a. a. O. Plac. III, 
10, 3 (wo Idrler in Arist. Meteorol. I, 585, f. ohne Grund 'Ava^aYOpa? für 
'AvaftpLs'vi]« vermuthct). Hirroi.. a. a. (). 
Philo», d. Qr. I. Bd. 4. AuO. 15 



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226 Anaximenes. [183] 

Dieselbe Gestalt schrieb er auch der Sonnfe und den Gestirnen 
fcu, indem er von ihnen gleichfalls behauptete^ dass sie auf der 
Luft schweben *) ; ihre Entstehung betreffend nahm er an, aus 
den aufsteigenden Dünsten der Erde habe sich durch fortgesetzte 
Verflüchtigung Feuer gebildet, indem dieses durch die Gewalt 
des Umschwungs zusammengedrückt wurde, seien daraus die 
Gestirne geworden, denen er desshalb einen erdigen Kern bei- 
211 legte*). Die Beleuchtung des Mondes durch die Sonne und den 
Grund der Mondsfinstemisse soll Anaximenes zuerst entdeckt 
haben ^). Die Bewegung der Gestirne sollte nicht in der Rich- 
tung vom Zenith gegen den Nadir, sondern seitwärts um die Erde 
herumgehen, und die Sonne bei Nacht hinter den nördlichen Ge- 



1) HiPPOL. a. a. 0.: x^v 8k y^v ^cXaretav E?vai in* aepo^ bx.ou(jivr^v , Spoico^ 
ti xa\ ^Xiov xa\ asXyjvijv xa\ ta oXXa aorpa* icivra yotp jn^piva ovia iTzo^ii^^ai 
Tüi al^pt Sta nXito;. Die flache Gestalt .der Sonne erwähnt auch Stob. I, 524. 
Plac. II, 22, 1 (*A. nXairuv fo( »E'taXov t&v ^Xiov). Von den Gestirnen dagegen 
sagen dieselben (£kl. I, 510. Plac. II, 14), A. lasse sie fJXcov $ixv]v xaiaTcc- 
TZTjY^vai T(7) xpu9iaXXoei8si, und damit stimmt es, wenn Galen h. phil. 12 sagt: 
*A. 'rijv icEpifopav T^v ^fcoiixrjv -pjfvrjV elvai (Plac. II, 11, 1 hat unser Text 
dafür: t. Tucpi^. x. ^cDiatcu y^( filfvat, Stob. £kl I, 500: t. Jcsptf. x. c^coiaTcu 
'^C "X^i s?vai tbv oupavcSv, der falsche Galen scheint aber hier wirklich das 
lU'sprttnglichere zu geben). Es ist nun möglich, dass Anax., wie TeichmOller 
a. a. O. 86 ff. annimmt, nur Sonne, Mond und Planeten auf der Luft schwe- 
ben, die Fixsterne dagegen in dem krystallartigen Himmelsgewölbe befestigt 
sein liess, wie er sich nun die Entstehung des letzteren erklärte (Teichm. 
vermuthet, er habe es, wie Empedokles Plac. II, 11, 2, durch das Feuer aus 
der Luft ausschmelzen lassen). Nur hätte sich Hippolytus in diesem Fall 
sehr ungenau ausgedrückt. 

2) HiPPOL. a. a. O. Ye^ov^vai 8k t« irzpa ix y^^ Sia xo -ri^v {x(jLdiSa e* 
TaJTy)( av{9iaa6ai, r^i apatou{i.^vr^; xb itup Y^v£a6ai, ix $k xou 7Cupb( (UXfwpi^ofA^vou 
xou( aax^pa( ouviaxavOai. sTvai 8k xat f^aidsi; 9Ü9Ct( £v xto xonco xtuv aax^pcitv 
ou(x^Epo(ji^a( ^xeivoi; (oder wie es Stob. I, 510 heisst: Rvpi'vr^v ^h x^v füaiv 
xuv a9X€pb>v, 7;€pi^^£{v 8^ xiva xa\ YS(«>8rj aufiaxa oup.n£pt^£popi£va xovSxoi^ a6paxa). 
Plut. b. Eus. a. a. O. : xöv ^Xtov xa\ xr^v 9cXvJvi]V xoi xoc Xoiica ötaxpa xj^v 
*PX^^ "^5 IfSv^OEto; Ij^eiv £x -^i. ajco^aivexai youv xov 5JXiov ytjv, Sta 8k x^v 
^^ctsv xivi^vtv xoi |AdEX^ Ixavü>( OeppLOiaxTjv xivTjatv (? yielleicht ist OEp(A<ixY)xa ohne 
xiv. zu lesen) Xaßctv. Nach diesen Zeugnissen ist Theodoret's Behauptung 
(Gr. äff. cur. IV, 23. S. 59), dass A. die Gestirne aus reinem Feuer bestehen 
lasse, welche wohl nur aus den Anfangsworten der von Stobäus erhaltenen 
Notiz entstanden ist, zu berichtigen. 

3) EiTDEMüs b. Theo (bzw. Dercyllides) Afitron. B. 324 Mart. 



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[183] Weltbildiing; Weltgebftnde. 227 

birgen verachwinden *) ; dass ihre Bahn einen Kreis beschreibt, 



1) HipPOL. a. a. 0. oO xivstiOai 8^67:0 y^v toc aaipa Xi^ti xaOw^fT«poi ö«eiXiI- 
«aatv, «X).a k e fi\ y^v, warepe^ «Ep\ Tf,v {jftex^pav xe<paXi)v aip^9>ETat xb niXiov, xpuÄxeaOat 
t« Tov ^Xtov oü)f^ Gtto y?^ y^^'^P*^®^« *^' ^^^ "f^^v 1^5 Y?; O'^Xoxepcov ugpoiv axsicd- ' 
|A£vov, xo^ 8ia i^v nXeiova ^[xcSv aiioö Yevo{jL^Y]v an^otaatv. Stob. I, 510: oOy öicb 
ifjV Y?v 8^ aXXa «ep^ aC-rijv oip^^wOai T0U5 agT^pa^. Nach dieseu Zeugnissen, 
von welchen namentlich das des Hippolytus aus einem zuverlässigen Bericht 
zn stammen scheint, werden wir es auf Anaximenes mit zu beziehen haben, 
Kenn Abist. Meteor. II, 1. 354, a, 28 sagt: tb äoXXoI? itSKjO^vai twv ap^aicov 
{UTS<i)poXÖYü>v TOV fSXiov j*.^ 9^p6<jOai \n:o y?v, aXka rep\ div y'Jv xa\ tov tö;cov 
ToSiov, a9«vi^6(j8ou 8k xa\ icoiliv v?JxTa 8ia tb ö^Xf^v cTvät «pb{ apxTov x^v y^v. 
Gerade Anaximenes ist der einzige, von dem uns bekannt ist, dass er die 
Höhen im Norden zu Hülfe nahm, um das nllchtliche Verschwinden der 
Sonn« zu erklären; ja es findet zwischen der Aussage des Hippolytns über 
ihn und der des Aristoteles über die alten Meteorologen eine solche Aehn- 
iichkeit statt, dass sich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen iHsst, die letztere 
berücksichtige ihn ganz speciell. TeichuÜller's Ansicht (a. a. O. S. 96), — 
welcher bei den ap^otoi pieTEcopoXoYot nicht an naturwissenschaftliche Theo- 
rieen, sondern ähnlich, wie bei den itpy(jxioi xa\ 8(aTpißovxE; kco\ xa{ OeoXoYi«; 
am Anfang des Kapitels, an die mythischen Vorstellungen über den Okeanog 
gedacht wissen will, auf dem Helios während der Nacht von Westen nach 
Osten zurückfahre, — kann sich auf den Zusammenhang der Stelle nicht be- 
rufen, denn ein solcher findet zwisehen den beiden weit von einander ent- 
fernten Aeilsserungen überhaupt nicht statt, während, der Ausdruck entschie- 
den gegen sie spricht: die Vertreter der mythischen und halb mythischen 
Kosmologieen nennt Arist. immer „Theologen'^ ; unter (uxftopoXoY^a dagegen 
(|jieTUi>poX^Y^< kommt bei ihm überhaupt nur hier vor) versteht er (Meteor. 
I, 1, Anf.) einen bestimmten Theil der Naturwissenschaft ((lipo; xij( pis6^8ou 
xat#xi]^), und er stimmt darin, wie er a. a. O. ausdrücklich bemerkt, mit dem 
allgemeinen Sprachgebrauch zusammen; Meteorologie, Meteorosophie u. dgl. 
ist ja eine stehende Bezeichnung für die Naturphilosophen; vgl. z. B. 
AiUSTOPH. Nub. 228. Xen. Symp. 6, 6. Plato Apol. 18, B. 23, D. Prot. 
315, C. Wir wissen ja aber auch von Anaxagoras, Diogenes und Demokri^ 
daM sie die Sonne ebenfalls seitlich um die Erde gehen liessen (s. u. S. 821, 
7. 225. 723 3. Aufl.). Nun könnte es freilich scheinen, wenn sich Anaxi- 
menes den Kreisabschnitt, welchen die Sonne vom Morgen bis zum Abend 
am Horizont beschreibt, zur vollstJlndigen Kreisbahn fortgesetzt dachte, habe 
er nothwendig denselben unter der Erde durchführen müssen. Aber wenn 
dieser Kreis auch die Ebene unseres Horizonts schnitt, führte er desshalb 
doch nicht unter die Erde, d. h. unter die Omndfiäche der Walze, auf 
deren oberer Seite wir uns befinden (vgl. S. 225, 4), sondern bildete einen 
um diese Walze zwar in schiefer Richtung, aber immer noch seitlich herum- 
laufenden Ring, er gieng nicht 69cb y^^) sondern r,ip\ y^v; undTwenn A. dem- 
selben einen hinreichenden Abstand von dem Nordraud der von uns bewohn- 

15* 



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228 Anaximenes. [183] 

wurde von dem Widerstand der Luft hergeleitet*). In den Ge- 



len Erdoberflfiche zuschrieb, der nach seiner Erdkenntniss wohl von der 
Nordküste des schwarzen Meeres nicht allzuviel entfernt war, mochte er 
immerhin glauben, ohne eine Erhebung der Erde an diesem ihrem nurdlichon 
Rande würde die Sonne für uns gar nicht vollst&ndig untergehen und trotz des- 
selben würde wenigstens von ihrem Licht auch bei Nacht etwas zu uns dringen, 
wenn es nicht (nach Hippolytus) durch die weite Entfernung zu sehr abge- 
schwächt wäre. Auch die Möglichkeit mochte ich aber keineswegs aus- 
schliesseh, dass A. die 8onne und die Gestirne (denn es wird ja ausdrück- 
lich auch von ihnen gesagt), beziehungsweise die Planeten (falls er sich die 
Fixsterne im Himmelsgewölbe befestigt dachte, vgl. S. 226, 1), bei ihrem 
Untergang gar nicht oder nur wenig unter die Ebene des Horizonts herab- 
sinken liess. Denn da sie (nach S. 226, 1) flach wie Blätter, und gerade 
desshalb von der Luft getragen sein sollten, koAnte er wohl annehmen, wenn 
sie bis an den Horizont gelangt seien, verhindere der Widerstand der Luft 
ihr weiteres Sinken ; vgl. folg. Anm. Aus dem vorstehenden wird nun, wie 
ich hoffe, erhellen, welchen Werth Röth's (Gesch. d. abendl. Phil. II, 258) 
Deklamationen über die Gedankenlosigkeit derjenigen haben, die nicht ein- 
sehen, dass eine seitliche Bewegung der Gestirne bei Anax. platterdings un- 
möglich sei. Eine solche seitliche Drehung der Sonne um die Erde, wobei 
die Achse ihrer Bahn schräg gegen den Horizont steht, findet auch Teicr^ 
HÜLLER a. a. O. bei unserem Philosophen; nur soll sie sich nach ihrem 
Untergang nicht „dicht um die Erde, oder gar auf der Erde hinter den hohen 
Nordgebirgen herumschieben'' (S. 103), welche Vorstellung aber bis jetzt 
meines Wissens niemand Anaximenes zugeschrieben hat. — Plac. II, 16, 4 
und daher auch bei Ps. Galen c. 12 lesen wir statt des oben aus Stob. 
I, 510 angeführten: * Ava^ta^vyjc , o^xouo; (tKo (Galen offenbar falsch: iizi) x^v 
Yijv xxc nept aut^v aip^^evOai tou« asrepa;. Darin findet Teichmülleb S. 98 
ausgesprochen, dass die Bewegung der Sonne (der Gestirne) über und unter 
der Erde dieselbe sei, die Kreisbewegung des Himmels mit dem gleichen 
Radius oben wie unten erfolge. Aber ffep\ heisst nicht: oben, und wenn es 
auch an sich eine in jeder beliebigen Richtung vor sich gehende Bewegung 
iim die Erde bezeichnen könnte, kann es doch im Unterschied von einem 
6nb, wie man schon an den Stellen aus Aristoteles, Hippolytus und Stobäns 
sieht, nur für eine seitliche Umkreisung gebraucht sein. Mir scheint in 
den Placita einfach eine ungeschickte Correctur des ächten, durch die übrigen 
Zeugen gesicherten Textes, vielleicht durch eine Verstümmelung oder Ver- 
derbniss desselben veranlasst, vorzuliegen. 

1) Stob. I, 524 berichtet: ^A. ;:üpivov 6;c&p/^£iv tbv 4JX(ov aTCE^Tjvaio, uko 
^cenuxvcopivou hl afyoi xot ivTiiÜ7;ou l^foOoujJieva toc aaTp» ta( tponac Roi^vOai. 
Ebenso Plac. II, 23, 1 : 'A. tnzo Tccnuxvtixi^vsu aepo; xa\ avit-n>]rou l^coOEiaOat 
xa aaxpa. Bei beiden steht diess unter der Ueberschrift ntoi xpoT;e5v {]Xiou 
(Stob. K, oMa^ 7]Xiou . . . xa\ xpo37b>v u. s. w.), und so werden sie wohl dabei 
an das, wm man gewöhnlich so nennt, die beiden Sonnenwenden, gedacht 



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(184] Weltbildung; Weltgebaudo. 229 

Stirnen haben wir wohl auch die gewordenen Götter zu suchen; 
von denen Anaximenes^ wie Anaximander, gesprochen | haben 
soll *), wogegen man bei jenem, wie bei diesem, zweifelhaft sein 
kann, ob die unendlich vielen Welten, die ihm beigelegt werden*), 
auf die Gestirne, oder auf eine unendliche Reihe aufeinanderfol- 212 
gender Weltsysteme zu beziehen sind '). Wie es sich aber hie- 
mit verhalten mag, jedenfalls sind wir durch die übereinstimmen- 
den und sich gegenseitig ergänzenden Angaben des Stobäus*) 



haben, die sich Anaximenes bei seiner Voratellung von der Sonne füglich 
so erklärt haben könnte. Auffallend ist nur, dass beide von dem Verdritngt- 
werden (8tob. auch den rconat) der acTpa. reden, denen doch sonst xpoico^ 
in diesem Sinn nicht beigelegt werden. Es ist daher wahrscheinlich, dass 
der Satz, den sie Anax. beilegen, ursprünglich eine andere Bedeutung hatte, 
und besagen wollte, ^die Gestirne werden durch den Widerstand der Luft 
aus der Richtung ihres Laufes herausgedrängt. Der Ausdruck steht dem 
nicht im Wege: auch Aristoteles redet ja De coelo II, 14. 296, b, 4 von 
xpoicoi Ttuv a^ipcüv, Meteor, II, 1. 353, b, 8 von Tpo}ca\ ^Xiou xa\ oeXvjvr};, 
ebd. 355, a, 25 von Toonai tou o^pavoO, und Anaxagoras, der sich in seinen 
astronomischen Ansichten so vielfach an Anaximenes anschliesst, lehrte nach 
HirpoL. 1, 8 Z. 37: Tpona; Sk rotEioOat xa\ ^Xtov xa\ (tsXijvt^v ajc<i>6ou{iivou( 
uno lou a^po;. ^EXijvr^v hl noXXaxtv Tp^TCEaOat 8ia rb [jl^ SuvaoBai xparetv lou 
^u/poO. Tpoi:f| scheint daher jede Umkehr der Grestirne auf ihren Bahnen 
bezeichnen zu können, wodurch ihr Lauf seine bisherige Richtung ver- 
läset. Dem entaprechond wird auch der oben angeführte Satz des Ana- 
ximenes nicht die Umkehr der Sonne in den Solstitien, sondern die kreis- 
förmige Bahn der Gestirne (soweit diese nicht am Himmelsgewölbe befestigt 
sind), erklären sollen. Zugleich kann er aber auch den Grund dafür angeben 
wollen, dass sich ihre Bahnen nicht oder nur wenig unter die Ebene unseres 
Horizonts fortsetzen (s. vor. Anm.). Mit den Tpo7:a\ wäre dann eben das Um- 
biegen in die von ihnen beschriebenen Curven bezeichnet. 

1) Hjppol. 8. o. 220, 3. Auo. Civ. D. VIII, 2: omiies rerum causas infinito 
a^i dedit: nee deos negatiit aui iacuU: non tarnen ab ipsis aerem factumy sed 
ip$0s ex oXre fadoB crediditf und ihm folgend Sidon. Apoll. XV, 87; vgl. 
Krische Forsch. 55 f. 

2) Stob, Ekl. I, 496. Theod. gr. äff. cur. IV, 15. S. 58. 

3) Dass er keine Mehrheit gleichzeitiger Weltsyterae annahm, sagt Sim- 
PLICIÜ8 ausdrücklich, s. S. 230, 1. 

4) A. a, O. 416: 'AvafijJLavSpo;, *Ava?i{jL^vr,5, 'AvaSayöpa?, *ApxA«o«, Aio- 
Y^5, AeüxiTWCo« fOapfov tbv xöajxov, xa\ o\ 21tiüYxo\ yOapxbv tbv xöafjLOv, xat' 
^xicupcü9(v 8^. Die Weltverbrennung wird hier nicht dem Anaximanderu.s. f., 
sondern nur den Stoikern zugeschrieben, wenn sie gleich auch bei jenem nicht 
unwahrscheinlich ist; s. o. S. 214. 



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230 Anaximcncei. [184. 185] 

und SiMPLicius *) berechtigt; ilnn die Lehre von einem Wechsel 
der Weltbildung und Weltzerstörung zuzuschreiben. 

Die Hypothesen über die Entstehung des Regens," des Schnees, 
des Hagels, der Blitze, des Regenbogens ^), der Erdbeben ^), 
welche unserem Philosophen zum Theil von guter Hand zuge- 
schrieben werden, haben für uns untergeordnete Bedeutung, und 
seine Annahme über die Natur der Seele *), zunächst nur der 
volksthtimlichen Vorstellung entnommen, scheint er selbst nicht 
weiter verfolgt zu haben. 

Nach dieser Uebersicht über die Lehren, welche Anaxime- 
nes beigelegt werden, wird sich nun beurtheilen lassen, ob es 
richtig I ist, dass er von Anaximander höchstens nur in Neben- 
dingen etwas für seine Forschung gewonnen haben könnte *). 
Mir scheint seine Ansicht im ganzen den Einfluss dieses Vor- 
gängers deutlich zu verrathen ; denn nicht blos die Unendlich- 
keit, sondern auch die Lebendigkeit und die ununterbrochene Be- 
213 wegung des Urstoffs hatte aller Wahrscheinlichkeit nach erst 
Anaximander ausdrücklich hervorgehoben; dieselben Bestim- 
mungen wiederholt aber auch Anaximenes, und um ihretwillen 
scheint er die Luft für das ursprünglichste zu halten. Mag er da- 
her auch von der unbestimmten Vorstellung des unendlichen 
Stoffes zu einem bestimmten Stoff" zurückkehren, aus dem er die 
Dinge nicht durch Ausscheidung, sondern durch Verdünnung und 
Verdichtung entstehen Hess, so ist er doch sichtlich bestrebt, auch 
das festzuhalten, was Anaximander vom Urstoff verlangt hatte^ 
und sein Priucip ist insofern als die Verknüpfung der beiden 
frttheren zu bezeichnen : mit der Lehre des Thaies hat es die 



1) Phya. 257, b., u: o^oi »et p^v ^aatv thai xoajAOv, ou p-i^v ibv auTov oet, 
«XXa aXXoTE aXXov Y^vöfxevov xata tiva; ''/(jp6s{t}y nepiöSou^, w? 'Ava^((jirvv]( t6 xa\ 
'HpaxXettoc xa\ Ato^^vT];. 

2) HiPPOL. R. a. 0. Plac. III, 4, 1. ö, 10. Stob. I, 590. Jon. Dahabc. 
Parall. ^ I, 3, 1. (Stob. Floril. cd. Mein. IV, 151). Theo in Arat. V. 940. 

3) Abist. Meteor. II, 7. 365, a, 17. b, 6. Plac. III, 15, 3. Sem. qu. nat. 
VI, 10, ygl. Ideler Arist. Meteorol. I, 585 f. A. folgte vielleicht anch hierin 
Anaximander, i, o. S. 210, 8. 

4) In dem S. 221, 2. 223 erörterten Bruchstück, aus dem ohne Zweifel 
auch die kurze Angabe bei Stob. Ekl. I, 796. Theoporet gr. äff. cur. V, 
18. B. 72 herstammt. 

5) Ritter I, 214. 



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[185. 186] Geschichtliche Btellung. 231 

qualitative Bestimmtheit des Urstoffs gemein, mit Anaximander 
die ausdrückliche Anerkennung seiner Unendlichkeit und Be- 
lebtheit. In dem weiteren liält er sich sogar vorherrschend an 
Anaximander; und sollte ihm auch die Lehre vom Weltunter- 
gang und von den unzähligen aufeinanderfolgenden Welten mit 
Unrecht beigelegt werden, so bleibt doch immer in seinen Bestim- 
mungen über den ursprüngliclien Gegensatz des Warmen und 
Kalten, über die Gestalt der Erde und der Gestirne, über die 
atmosphärischen Erscheinungen, in dem, was er über die Gestirne 
als die gewordenen Götter sagt, vielleicht auch in der Annahme, 
dass die Seele luftartiger Natur sei, die Abhängigkeit von seinem 
Vorgänger ^). Doch ist diese Abhängigkeit nicht so gross, und 
das eigenthümliche, was er aufgestellt hat, nicht so bedeutungs- 
los, dass wir zu der Behauptung ') berechtigt wären, es sei kei- 
nerlei philosophischer Fortschritt in seiner Lehre zu erkennen. 
Denn die anaximandrische Vorstellung des unendlichen Stoffes ist 
allzu unbestimmt, um die besonderen Stoffe zu erkläret!, und an 
derselben Unbestimmtheit leidet die ^Ausscheidung^, auf die bei 
Anaximander alle Entstehung des Abgeleiteten aus dem | Ur- 
prünglichen zurückgeführt wird : da die bestimmten Stoffe im 
Urstoff noch nicht als solche enthalten sind, so ist die Ausschei- 
dung eben nur ein anderer Ausdruck für das Werden des Beson- 
deren. Wenn daher Anaximenes den Versuch machte, eine be- 
stimmtere Vorstellung von dem physikalischen Process zu gewin- 214 
nen, durch den sich die Dinge aus dem Urstoff bildeten, und wenn 
er flir diesen Zweck auch den Urstoff selbst als einen bestimmten, 
zum Substrat jenes Processes geeigneten Körper betrachtete, so 
war dieses Bestreben immerhin von Werth, und es lag darin nach 
dem damaligen Standpunkt der Forschung ein wirklicher Fort- 
schritt. Aus diesem Grund sind ihm auch die späteren jonischen 
Physiker hierin so überwiegend gefolgt, dass Aristoteles die 
Verdünnung und Verdichtung allen denen beilegt, welche einen 
bestimmten Stoff zum Princip machen '), und dass noch ein 



1) Wenn daher Stböhpkll Anaximenes vor Anaximander setzt, so ent- 
spricht dies» ihrem inneren Verhftltniss so wenig, als der Zeitfolge 

2) Hatm Ailg. £nc. Sect 111, Bd. XXIV, 27. 

3) 6. 0. S. 19S, 1. 



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232 SpUtere Jonier. [186] 

Jahrhundert nach ihm Diogenes von ApoUonia und Archelaus 
j seine Lehre vom UrstofF wieder aufnehmen. 

4. Die späteren Anhänger der jonischen Schule. Diogenes von 

Apollonia. 

Nach Anaximenes ist in unserer Kenntniss der joniscben 
Schule eine Lücke; denn Heraklit^ durch den sie der Zeit nach 
ausgefüllt würdC; mussten wir wegen seiner wissenschaftlichen 
Eigenthümlichkeit von den älteren Joniern trennen. Indessen 
müssen die Ansichten der milesischen Physiker auch in dieser Zeit 
sich nicht blos fortgepflanzt^ sondern auch zu einigen neuen Be- 
stimmungen Anlass gegeben habeu; wie diess aus dem späteren 
Vorkommen verwandter Lehren erhellt, über die wir freilich nur 
zum kleineren Theil näher unterrichtet sind. Die Philosophen, 
deren wir in dieser Beziehung zu erwähnen haben, schliessen sich 
meist an Anaximenes an, indem sie entweder die Luft selbst oder 
einen luftartigen Körper für den Grundstoff halten; dass aber 
auch die Lehre des Thaies noch ihre Freunde fand, sehen wir an 
Hippo *), einem Physiker der per ikleischen Zeit*), dessen Her- 
2^15 kunft übrigens unsicher*) und dessen sonstige Lebensumstände 



1) M. vgl. über ihn Scni.Ei£BMACHEB über den Philosophen Hippon 
(Gelesen i. J. 1820, jetzt in densäromtl. Werken 3te Abth. lU, 405—410). 
Bekgk Reliquie comcBd. att. 164—185. Backuuizen van den Bsikk Variae 
leciiones ex hintoria philosophiae anliquae (Leyd. 1842) 36—59. 

2) Diess erhellt aas der von Berqk aufgefundenen Angabe des Scholiasten 
zu Abistopb. Nub. 96, dass Kratinus in den Panopten sich über ihn 
lustig gemacht habe (s. u. 234, 4); auch seine Ansichten weisen ihn einer 
jüngeren Zeit zu : die ausfährlichen Untersuchungen über die Erzeugung und 
die Entwicklung des Fötus scheinen auf Einpedokles Bücksicht zu nehmen 
(s. B. Y. D. Bkimk 48 f.), und denselben scheint er bei seinem Widerspruch 
gegen die Annahme, dass die Seele Blut sei , im Auge zu haben (doch ist 
dieses woniger sicher, da jene Vorstellung als Yolksmeinung wohl alt genug 
ist); jedenfalls aber lassen uns Jone Untersuchungen die Richtung der jün- 
geren Physiker auf Beobachtung und Erklärung des Organischen erkennen. 
Auch die abstraktere Fassung des thaletischen Princips, die ihm Alexander 
zuschreibt, stimmt damit zusammen. Dass ihn nach Gens. Di. nat. c. 5 
schon Alkmäon bestritten habe (Schleiermacheb 409), ist unrichtig. 

3) Aristoxenus b. Ckms. Di. nat. c. 5 und Jambl. y. Pyth. 267 bezeich- 
nen ihn alsSamier, und diess ist immerhin das wahrscheinlichste ; andere nennen 
ihn, Yielleicht durch Verwechslung mit Hippasus, einen Rh^iner (Sext. 
Pyrrh. Ill, 30. Math. IX, 361. Hippolyt. Refut. hier. I, 16) oder Mctepon- 



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[187. 188] Hippo. 233 

unbekannt sind ^). Für den Grund aller Dinge erklärte er näm- 
lich mit Thale« das Wasser «), oder wie Alexander ^) wohl ge- 
nauer*) sagt, das Feuchte (t6 Gypöv) ohne nähere Bestimmung. 
I Was ihn hiebei leitete^ scheint namentlich die Rücksicht auf die 
feuchte BeschaiFenheit des thierischen Samens gewesen zu sein^); 
wenigstens war es dieser Grund ohne Zweifel, wesshalb er die 216 
Seele fiir eine dem Samen, aus dem sie seiner Meinung nach ent- 
steht, gleichartige Feuchtigkeit hielt ^); er schloss also wohl äfan- 



tiner (Cfisg. a. a. O.); die gleiche Yerwecfaslung könnte die Veranlassung 
gegeben haben, dass er bei Javbl. a. a. O. unter den Pythagoreem steht, 
wiewohl es dessen für den Verfasser Jenes Verzeichnisses kaum bedurfte 
(Yielleicht hatte Aristoxenus bemerkt, dass er die pythagoreische Lehre be- 
rücksichtige, und Jamblich oder sein Gewährsmann ihn desshalb zum Pytha- 
goreer gemacht). Bestimmter wird sich die Angabe, dass er ein Melier ge- 
wesen sei (Clemevs Cohort 15, A. Abnob. adv. nat. IV, 29 j, auf eine Ver- 
wechslung mit Diagoras, welcher ihm a. d. a. O. als Atheist zur Seite gestellt 
wird, wenn nicht gar auf einen blossen Schreibfehler im Text des Clemens, 
zurückführen lassen. 

1) Nur das folget aus den Angriffen des Kratinus, dass er längere Zeit 
in Athen gelebt haben muss; weiter schliesst Bkbok S. 180 aus dem Vera bei 
Athes. XIII, 610, b, er habe in Versen geschrieben, doch sind prosaische 
Schriften dadurch nicht ausgeschlossen. Die Vermuthung (B. y. d. Bbine 
8. 55), dass Hippo der Verfasser der 8. 174, 1. 182, 3 angeführten pseudo- 
thaletischen Schrift k. ap)(^(ov sei, ist mir schon wegen der darin gebrauchten 
Ausdrücke «px^ ^^^ atot^^ov unwahrscheinlich. 

2) Aeist. Metaph. I, 3. 984, a, 3. Simpl. Phys. 6, a, m. 32, a, m. 
De coelo 268, a, 44. Schol. in Arist. 513, a, 35. Philop. De. an. A, 4, u. 
U. 7, u. 

3) Z. d. St. der Metaphysik S. 21. Bon. 

4) Aristoteles stellt ihn nämlich nur im allgemeinen mit Thaies zusam- 
men, ohne bestimmt zu sagen, dass er das Wasser zum Princip mache, diess 
fragen vielmehr erst die Späteren. Auch von Aristoteles ist aber nach seinem 
sonstigen Verfahren anzunehmen, dass er kein Bedenken getragen hätte, das 
^fpo^i mit dem bestimmteren S^cop zu vertauschen, 

5) S. folg. Anm. Bestimmter sag^ Simpl. De coelo 273, b, 36. Schol. 
in Arist. 514, a, 26 und Puilop. De an. A, 4, u. von Thaies und Hippo, 
sie hätten w0gen der Feuchtigkeit des Samens und der Nahrung das Wasser 
für den Urstoff gehalten , indesen ist schon S. 175 bemerkt worden, dass 
sie biemit nur die Vermuthung des Ahistotelbs Metaph. I, 3 in eine Be- 
hauptung verwandeln. 

6) Abist. De an. I, 2. 405 b, 1 : tqSv 8i ooptixcot^pcov xa\ &$(op xtve« a9:ffv[- 
vavto [div 'I'ux.n^'l xa6a3C6p "Ijcäwv. jteiaO^vau 8' ^oixaaiv 6x t^? Y®^?<, 2ti ic&vt«üv 
•jyp«, xa\ yflip A^Y5^«i lou^ alji« (powxovTa; lijv «[»oj^ijv, 2ti tj yov^ ouj^ «Tfi« (er 



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234 Hippo. [188. 189J 

lieh, wie AnaximeneS; waa Ursache des Lebens und der Be* 
weguug ist^ müsse auch der Urstoff sein. Aus dem Wasser 
liess er das Feuer, und aufl der lieber windung des Wassers durch 
das Feuer die Welt entstehen ^), wesshalb auch geradezu gesagt 
wird, seine Principen seien Wasser und Feuer ^); wie er sich 
aber die Weltbildung näher dachte, und ob der irrigen Behaup- 
tung, dass er die Erde für das erste gehalten habe '), irgend etwas 
thatsächlicbes üu Grunde liegt, ob er vielleicht, an Anaximander 
und Anaximenes anknüpfend, aus dem Flüssigen unter der Ein- 
wirkung des Feuers zuerst die Erde, und aus dieser erst die Ge- 
stirne sich bilden liesS; können wir aus Mangel an Nachrichten 
nicht beurtheileij *). Ebensowenig wissen [ wir, auf was sich der 
217 Vorwurf des Atheismus gründet, der ihm vielfach gemacht wird*). 
Indessen lässt das geringschätzige Urtheil des Aristoteles über 
seine philosophische Befähigung^) die Dürftigkeit der Ueber- 



suohte nämlioh nach Cbms. a. a. O. durch Untersuchungen an Thieren dar- 
zuthun, dasB der Samen aus dem Mark komme), xaJi7)v V tlvai t^v Kpcuir^v 
^l^u^viv. Hbbm. Irris, c. 1 (vgl. Jubtim Cohort. c. 7): Hippo halte die Seele 
für ein !^8(i>p ^ovoicotöv. Hxfpolyt. a. a. O. : t^v Sk ^u^^v noil [ilv EYxtfoXov 
f^^eiv [L Xi^ti oder mit Dubckeb : etpi^ eTvai] noTÜ h\ tiScop , xa\ y^P "^ axcppia 
tlvai ib ©atv^(jL£Vov ^j«v i? ^ypoö, ef o5 9i)ai '^u^k* Y^^**^*'* Stob. I, 798. 
Tkrtull. De an. c. 5. Philop. De an. A, 4, n. C, 7, u. 

1) HiPPOL. a. a. O.: "Itttccov hk h 'PyjYIvoc otpy(a^ s^t] ^u)^bv to 6$(i>p xoi 
OEpjibv TO TcOp. Y&vvta(ASvov Z\ xb nup önb Qoaio; xatavixijaai T^v Tou YEVVYJaavto; 
Süvapitv, auoT^oai ic ibv xövjaov. 

2) S. vor. Anm. und Seztus a. d. a. O. Galen h. phiL c. ö, S» 243. 

3) Johannes Diac. AUeg. in Hes. Theog. V. 116, S. 456. 

4) Aehnlich verhttlt es sich mit der S. 232, 2 berührten Angabe, dass 
Kratinus dem Hippo dasselbe vorgeworfen habe, was Aristophanes dem 
Sokrates, wenn er ihn lehren l&sst, der Himmel sei ein icviy6u< (ein durch 
Kohlen erwärmter Ofen oder Hohldeckel) und die Menschen die Kohlen darin ; 
er mag sich den Himmel kuppelförmig auf der Erde aufsitzend gedacht haben, 
wie diess aber mit seinen sonstigen Vorstellungen zusammenhängt, wissen 
wir nicht. 

5) Plut. comm. not. c. 31, 4. Alexander a. a. O. und andere Auslegen 
BiifPL. Phys. 6, a, m. Do an. 8, a, m. Philop. De an. A, 4, u. Clbmen. 
Gohort. 15, A. 36, G. Abnob. IV, 29. Athen. XUI, 610 b. Aeliar V. H. 
II, 31. EuBTACH. in n. <I>, 79. Odyss. F, 381. Was Alexander und Clemens 
über seine Grabschrift als Anlass der Beschuldigung sagen, erklärt nichts. 
PsEUDOALEX. z. Mctaph. VII, 2. XU, 1. S. 428, 21. 643, 24 Bon., giebt 
seinen Materialismus als Grund an, offenbar nur aus Vermuthung. 

6) An den zwei S. 233, 2. 6 angeführten Btellen. 



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[189. 190] IdäuB u. a. 235 

lieferungcn Über seine Lehre weniger bedauern. Er war wohl 
weniger Philosoph^ als empirischer Naturforscher; auch als solcher 
scheint er aber nach dem; was von ihm überliefert ist ^); nicht 
eben bedeutend gewesen zu sein. 

Wie Hippo dem ThaleS; so scheint Idäus aus Himera dem 
Änaximenes gefolgt zu sein'); aus der Lehre des letzteren sind 
aber wohl auch die Annahmen hervorgegangen, deren Aristo- 
teles an einigen Stellen erwähnt *), dass der Urstoflf in Bezie- 
hung auf Dichtigkeit zwischen dem Wasser und der Luft; oder 
zwischen der Luft und dem Feuer in der Mitte stehe. Dass beide 
einer jüngeren Generation von jonischen Physikern angehören^ 
ist schon desshalb wahrscheinlich, weil sie eine vermittelnde Stel- 
lung zwischen älteren Philosophen einnehmen; die eine zwischen 
Thaies und AnaximencS; die andere zwischen Änaximenes und 
Heraklit; von Änaximenes aber müssen wir sie desswegen zu- 
nächst herleiten, weil er der erste war; der die Frage über das 
Dichtigkeitsverhältniss der Stoffe anregte, und die besonderen 
Stoffe durch Verdichtung und Verdünnung entstehen Hess. Auf 218 
diesem Weg hatte er zunächst den Gegensatz der verdünnten und 
der verdichteten; | oder der warmen und kalten Luft erhalten; 
wurde nun jene für das ursprünglichere erklärt; so ergab sich 
ein mittleres zwischen Luft und Feuer, wurde es diese, ein tnitt- 
leres zwischen Luft und Wasser*). 



1) Ausser dem angeführten gehören hieher seine Annahmen über die 
Eraeagnng nnd die Bildung des Fötus b. Ceksob. Di. nat. c. 5— 7. 9. Plut. 
Plac. y, &, 3. 7, 8, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, und eine 
Bemerkung gegen die Unterscheidung zahmer und wilder Pflanzen hei Thbo- 
rnsABT Hist plant I, 3, 5. III, 2, 2. Weiter glebt Atrbk. XIII, 610, b 
von ihm einen Vers gegen die souXu{jLaOi][ioouvY], welcher dem bekannten Aus- 
spruch Heraklit*s fthniich ist; den gleichen Vers theilt er aber auch aus 
Timon mit, der ihn allerdings von Hippo entlehnt haben kann. 

2) Bext. Math. DC, 360: 'AvaS((x^v7)( 61 xa\ 'Idoio^ o 'I{Mpato( xa\ Ato^^ 
VT); . . . o^p« [^X^^ eXe^ov]. Sonst ist uns über Idftns nichts bekannt 

3) 8. o. S. 196, 1. 2. Dass sich diese Stellen nicht auf Diogenes be- 
Kiefaen, soU sogleich gezeigt werden. 

4) Mit Beziehung auf Änaximenes ist hier auch des Melesagoras zu 
crwiUinen, den Clbmeks (8trom. VI, 629, A), wie Bbahdis I, 146 angiebt, 
als Urheber eines von Änaximenes ausgeschriebenen Buchs nenne, dem er 
mithin jedenfalls verwandte Ansichten beigelegt haben mflsste. Wirklich sagt 
auch Clemens : tot tk 'HotöSou (ietrjXXa^av tU tus^^ov Xö^ov xai lo^ TScft ^^vsfxav 



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236 Diogenes von Apollonia. [190] 

Vollständiger sind wir über Diogenes von Apollonia *) 
219 unterrichtet, und gerade an ihm haben wir ein merkwürdiges Bei- 
spiel dafür, dass die jonische Schule ihre Voraussetzungen auch 
da noch festhielt, als bereits andere- weiter führende Ideen Ein- 
gang I gefunden hatten. Einerseits nämlich schliesst er sich in 



Eu(jLT)Xd; Tf xat *Axou9iXao( o{ {aToptoypdc^ot. McXijaaiföpou y^P cxXe^^ev Fop- 
Y^ac Aeovttvo; xa\ £uSy)(AO( 6 Noc^toc o\ loiopixo'i, xa\ iiii loÜToi; 6 ITpoxovvii- 
9io( Buov . . *A{A^{Xox.öc Ti xat 'Api9ToxX^( xa\ AesvBpto^ xa\ 'Ava&(xev>](, xa\ 
'£XXavixo( II. 8. w. Allein dieser von verschiedenen Historikern benutzte 
Melesagoras ist schwerlich ein anderer als der bekannte Logograph, der auch 
Amelesag. genannt wird (über ihn Müller Hist. gr. II, 21), und der Ana- 
ximenes , den Clemens mitten unter lauter Geschichtschreibem aufiiihrt, 
ist gewiss nicht unser Philosoph, sondern gleichfalls ein Geschichtschreiber, 
wahrscheinlich der von Dioo. II, 8 erwähnte Lampsacener, der Neffe des 
Kedners. Es fragt sich übrigens, ob nicht statt MEXijaay^pou, ,fKu{ii{Xou", 
oder umgekehrt statt Eu(i>]Xo( „MeXi^aa^öpa;^^ zu lesen ist, und ob die Worte 
*A(A9iXox,o< u. s. f. noch mit sxXe^ev, und nicht vielmehr mit xa 'H?. {iet. zu 
verbinden sind. 

1) Die Nachrichten der Alten über diesen Mann und die Bruchstücke 
seiner Schrift hat nach 8chleikrmacher*8 Vorgang (über Diog. v. A., ge- 
lesen i. J. 1811, jetzt in der 3ten Abth. der sftmmtl. Werke, 11, 149 ff.) 
Favzerb»ter (Diogenes ApoUoniates 1830) sorgfältig gesammelt und er- 
läutert Vgl. auch Bteikhart Allg. Encyklop. von Ersch u. Grnber Sect I, 
Bd. XXV, 296 ff. Mullach Fragm. philos. Gr. I, 252 ff. Ueber sein Leben 
wissen wir nur sehr wenig. Er war aus Apollonia gebürtig (Diog« IX, 57 
u. a.), unter dem 8t£ph. Byzaht. De urb, s. v. 8. 106 Mein., das kreten- 
sische versteht; da er aber im jonischen Dialekt schrieb, fragt es sich, ob 
nicht an ein anderes zu denken ist. Seine Lebenszelt wird später besprochen 
werden. Nach Demetrius Phal. b. Dxoo. a. a. O. kam er in Athen durch 
Neid in Gefahr, womit wohl gemeint ist, es habe ihm dort eine ähnliche 
Anklage gedroht, wie Anaxagoras. Doch ist hier eine Verwechslung mit 
Diagoras nicht unwahrscheinlich. Die von Auoustin Civ. D. VIII , 2 wieder- 
holte Angabe des Geschichtschreibers Antisthenes, b. Dioo. a. a. O., er sei ein 
Zuhörer des Anaximenes gewesen, beruht gewiss nur auf Vennuthung und 
hat als Zeugniss nicht mehr Wertli, als die Behauptung des Diogenes (II, 6), 
dass Anaxagoras den Anaximenes gehört habe, welcher aller Wahrscheinlich- 
keit nach seine Greburt nicht mehr erlebt hatte. Vgl. Kriscbe Forsch. 167 f. 
Diogenes* »Schrift nifi ^üvsco; hat noch Simplicius benützt; doch scheint er 
(wie Krische S. 166 bemerkt) das zweite Buch derselben, welches Galeh 
in Hippocr. VI epidem. Bd. XVII, a, 1006 K. anführt, nicht gekannt zu 
haben. Dass Diog. noch zwei weitere Werke verfasst habe, ist ohne Zweifel 
eine irrige, aus Missverständniss einiger seiner Aeusserungen geflossene An- 
gabe dieses Bchriftstellers (Phys. 32, b, u.); s. Schleiermacber S. 168 f. 
Pakzerbibter S. 21 ff. 



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[191] Das Urwesen. 237 

seiner Lehre sehr eng an Anaximenes an^ andererBeits gieng er 
nicht blos durch die methodischere Form seiner Darstellung und 
die sorgfältigere Ausführung des einzelnen aller Wahrscheinlich- 
keit nach über seinen Vorgänger hinaus^ sondern er unterschei- 
det sich von ihm auch dadurch; dass er für die Luft als Urgrund 
und Urstoff zugleich geistige Eigenschaften in Anspruch nimmt^ 
und das Seelenleben aus ihr zu erklären bemüht ist. Um eine 
feste Grundlage für seine Untersuchung zu gewinnen ^), bestimmte 
Diogenes die Merkmale; welche dem Urwesen zukommen müs- 
seu; zunächst im allgemeinen^ indem er die Forderung aufstellte^ 
dass dasselbe einestheils der gemeinsame StoiF aller Dinge^ ande- 
rerseits aber zugleich ein denkendes Wesen sein müsse. Das 
erste bewies er damit; dass kein Uebergang des einen in das an- 
derC; keine Mischung der Stoffe und keine Einwirkung der Dinge 
aufeinander möglich wäre, wenn die verschiedenen Körper ihrem 
Wesen nach verschieden; und nicht vielmehr Ein und dasselbe 
wäreU; aus demselben entständen; und in dasselbe sich wieder 220 
auflösten *). Für das andere berief er sich theils im allgemeinen 
auf die zweckmässige und wohlgeordnete Vertheilung des Stoffes 
in der Welt*), theils im besonderen auf die | Erfahrung, dass 

1) Seine Schrift begann nach Dioo. VI, 81. IX, 57 mit den Worten: 
A^you rgtvTOf apyö{i£vov honüi {loi /^pecov E?vai T7)V apx.V «va{jL9i9ßii(ti2tov Kapi- 
/£a6«i, -ri^v hl IpfinivTjfijv aTcXTJv xoi ae{j.vriv. 

2) Fr. 2, bei Sihpl. Phys. 32, b, u.: I{jio\ Sk Sox&i, xo \ih ^t^TCoev e?:cEiv, 
r,onxa xa i6vxa hzo tou auiou StepotousOoti xoi to auio £?vai. xoi xouio cuSi^Xov. 
tl fap ^v Ta)8s xiti x^a[Au> lövra vOv y^ xa\ &$(i>p xa\ TaXXa, ova ^a{vstai iv 

TUI^E Tfa> x6<J\Ll^ iÖVta, tl XOUTECÜV T{ ^V TO fiepOV TOO Sl^pOU ftipOV ^V Xfl {(iT] 

ouoei xa\ oO xo aOib fov jisi^ÄtTirg noXXayw; xa\ jjTepotouto, oOda{i.9j out« |iitf- 
Y^oOai oXXiJXotc i{8;$vaTo, ouu a>^/Xij9t( x& ixipta ouTe ßXÄß?} . . . oO$' av oute 
fuTov ix xf^^ '>fii ^Ovat, oüT6 ^wov oute aXXo yEv^vOai ou8kv, e{ \t^ ot»Tii> auvt- 
oraTo, &axt Ttoüxb «Tvat. aXXa TcavTa TouTa Ix xoO ocOtou lTspotoü(X£va aXXoTE 
aXXota ^{yvETat xc^ I; to auTo a^^ayjophu Fr. 6, b. Bimpl. 33, a, o.: oudsv 
^'oIäv T£ YEvfoOai Tüiv iTEpotoujx^wv fxEpov iT^pou Ttpiv Sv To a^To f^vijTat, und 
Abist, gen. et corr. I, 6. 322, b, 12. Hiebe! ist zwar vorausgesetzt, was 
Dioo. IX, 57 unsem Philosophen lehren lässt, dass nichts aus nichts oder 
zu nichts werde, ob er es aber ausdrücklich ausgesprochen hat, muss dahin- 
gestellt bleiben. 

3) Fr. 4, b. SiMFL. a. a. O.: oO y^P ^ ^^"^^^ SsSa^Bai [sc djv apxV] 
oTöv tE ^v «vEü voiiaioj, wijTE ÄflivTcüv jiÄpa 6X*'^» X^'H"^^^? "^ **^ O^peo; xa\ 
vuxTb{ xoA ^{A^p72< xa\ Cetcuv xa\ av^(Au>v xa\ eO^küSv xa\ Ta «XXot ei T(( ßoJXsTa; 
cwo^eoOri, E^piaxoi Sv o&rro B(ax£{{iEva co; ivuaTov xotXXiaxo« 



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238 Diogenes von Apollonia. [192] 

das Leben und das Denken in allen lebendigen Wesen durch die 
Luft; welche sie einathmen^ bewirkt; und an diesen Stoff ge- 
knüpft sei ^). Er schloss mithin^ dasjenige; woraus alles besteht; 
sei ein ewiger und unveränderlicher Körper, gross und gewaltig 
und reich an Wissen *). Diese Eigenschaften glaubte er aber 
alle in der Luft zu entdecken; da sie nicht blos überhaupt alles 
durchdringe; sondern namentlich auch in Thieren und Menschen 
Leben und Bewusstsein hervorbringe; da endlich auch der thie- 
rische Samen luftartiger Natur sei ^), und so erklärte er sie denn 
mit Anaximenes für den Stoff und Grund aller Dinge *). Diess 
bezeugen nicht blos die Alten fast einstimmig ^), sondern Dioge- 
nes selbst sagt^J; die Luft sei das Weseu; welchem die Vernunft 
221 inwohnO; welches alles lenke und beherrsche; denn in ihrer Natur 
liege eS; sich überall hin zu verbreiten; alles zu ordnen und in 
allem zu sein. Wenn daher Nikolaus von Damaskus und Por- 
phyr '); an Einer Stelle ^) auch SimpliciuS; unserem Philosophen 

1) Fr. 5, ebd.: sti Ss TCpb; toütotc xat Ta8e [it^aXa ari^LÜa' avOpüiJCo; ykp 
xai TOI aXka X^^ avanveovra l^tSiv i^ a^pt, xa\ toSto ovioit^ xa\ ^»X^ ^^^ ^^ 
v^7j9i< . . . xot iav anoikXoc/ßfi azoOvTJaxei xai I) v(S9}ai; imUimL 

2) Fr. 8 aus Simpl. Phys. 33, a. 

3) 8. S. 237, 3. 238, 1. 6. 

4) Oder wie Theophrast De sensu 3, 42. Cic. N. D. I, 12, 29 sagt, 
für die Gottheit; vgl. Arist. Phys. III, 4 (ob. S. 203, 1). Dass Sidok. Apoll. 
XV, 91 die Luft des Diog. als Sto£f der Schöpferthätigkeit Ton Gott unter- 
scheidet, ist natürlich ganz unerheblich. 

5) Die betreffenden Stellen finden sich sehr Tollständig bei Panzebbietek 
ß. 68 ff.; hier genügt es, auf Abist. Metaph. I, 3. 984, a, 5. De an. 405, 
a« 21. Theophrast b. Simpl. Phys. 6, a, u. zu verweisen. 

6) Fr. 6, b. Siupi.. 83, a: xa{ {xoi Sox^ei xb x^v vöi)aiv ^ov slvat h a^p 
xaXsö|Uvo« 6nb xiov «vOpcuSfuv, xa\ 6ffb xoiixou novxa xa\ xußepvaaOat xa\ n&vxrov 
xpax&iv. anb y^P V-^^ xoiixou dox^i s6o( thcu (statt olko liest Panz. hier aux&v, 
was mir besser gefällt als Mullach^s Aenderung, der aizo lilsst, aber für 
iOo{ v^o< setzt) xa\ iiii icav a^I/^Oai xa\ navxa SiaxiOevai xa> ^v navx\ ^vstvat. 
xa\ ^ax\ \Lrfil h o xt (x^ H^'^^X^^ xoüxou . . . . xa\ tcovxcov tuv ^({mdv 8k ^ ^^//J 
xb aOxö ^axiv, a^p Ocp|A^xc|>o{ \th xou e^ta £v & i(s\xh, xou i&^vxot izcifa, xcu ^tXiui 
KoXXbv {'uxpoxspo;. Diese Seele sei nun bei den verschiedenen Wesen sehr 
verschieden, S(ico( de x« icavxa xco auxu xa\ ^rj xai opa xai axoÜEi xa^i x^v 
aXXv)v vÖY)9tv t;^et 6rcb xou auioS icdcvta* xa\ ioi^r^^ dsixvuotv, fügt 8unpl. bei, 
Sxt xa't xb oicipi&a X(5v I^umuv 7:v£u(jiax(o8^( ^(txi xa\ voiJ9st( y^^^^*^*' "^^^ o^po^ 
ouv xtu «TJAaxi xb 3Xov aöSpia xaxaXapißavovxof 8ia xotv ^Xeßbjv. 

7) Nach SiMPL. Phys. 33, b, m. 6, b, o. 

8) Phys. 44, a, u. 



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[193] Das UrweBen. 289 

jenes Yon ArisloteleB | mehrfach erwähnte Mittelding zwischen 
Luft und Feuer ^) zum Princip geben^ so ist diess jedenfalls ein 
Irrthum, zu dem sie wahrscheinlich dadurch verleitet wurden, 
dass Diogenes die Seele, deren Analogie er sonst für die Bestim- 
mung des Urwesens beibringt ^), für warme Luft hielt. Ebenso- 
wenig kann ich der verwandten Annahme von Ritter^) beistim- 
men, das Urwesen des Diogenes sei nicht die gewöhnliche atmo- 
sphärische, sondern eine dünnere, durch Wärme entzündete 
Luft; denn theils reden die Berichte und seine eigenen Erklär 
rungen von der Luft überhaupt, ^dem, was man gewöhnlich die 
Luft nenne^, theils konnte Diogenes, w^nn er alles durch Ver- 
dünnung und Verdichtung aus der Luft entstehen Hess, das ur- 
sprüngliche, was den verschiedenen Arten und Wandlungen der 
Luft zu Grunde liegt, nach seinen eigenen Grundsätzen nur in 
dem gemeinsamen Element der Luft, nicht in einer bestimmten 
Art von Luft suchen *). Auch Schleiermachers ^) Vermuthung 
ist unwahrscheuilich, dass Diogenes selbst zwar die Luft für den 
UrstoflT gehalten, dass aber Aristoteles hierüber geschwankt, und 
ihm bald die Luft überhaupt, bald die warme und die kalte Luft 222 
beigelegt habe ; denn ein solches Schwanken der aristotelischen 
Aussagen über die Principien seiner Vorgänger ist ohne Beispiel, 
und nach dem ganzen Geist und Verfahren des Aristoteles ist 
weit eher zu befürchten, dass er unbestimmte Vorstellungen der 
Früheren auf zu bestimmte Begriffe zurückgeführt, als dass er 
über ihre bestimmten Annahmen schwankend und unsicher be- 
richtet habe. Wenn er mithin von Diogenes wiederholt und be- 

1) S. o. S. 196, 2. 

2) M. vgl. die S. 238, 1. 6 angeführten Stellen , und den allgemeinen 
Kanon bei Abibt. De an. I, 2. 405, a, 3, auf den Panzebbieteb S. 69, in 
Aaaffihrung der obigen Vermuthung, verweist. 8. auch 8. 221, 2. 

S) Gesch. d. Phil. I, 228 ff. 

4) Mag er daher auch die Luft im Vergleich mit den andern Körpern 
im allgemeinen als das Xe:cTO(up^aTaTov oder XcntÖTaiov bezeichnet haben (Abist. 
De an. a. a. O.), so folgt daraus doch nicht, dass er nur die dünnste oder 
wftrmste Luft für den Urstoff hielt, vielmehr sagt er selbst Fr. 6 (s. u. 241, 2), 
nachdem er die Luft überhaupt für das Urwesen erklärt hat, es gebe ver- 
schiedene Arten derselben, wärmere und kältere u. s. w. Weiteres über diesen 
Punkt -tiefer nnten. 

5) In der Abhandlung über Anaximander WW. 8te Abth. III, 184, m, 
vgl dagegen Pahzbbbieteb 56 ff. 



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240 Diogenen von Äpollonia. [194] 

Stimmt sagt; dass die Luft sein Princip sei; und er redet | da- 
neben; ohne sie zu nennen^ auch von solchen, die ein mittleres 
zwischen Luft und Wasser zum Princip haben^ so können sich 
diese verschiedenen Aussagen nicht auf dieselben Personen bezie- 
hen; und es ist desshalb nicht zu bezweifeln; dass es die Luft im 
gewöhnlichen Sinn des Wortes ist; die unser Philosoph fUr das 
Wesen aller Dinge erklärt hat. 

In der näheren Beschreibung der Luft treten bei Diogenes 
nach dem oben angeführten zweierlei Bestimmungen hervor; die 
seinen allgemeinen Anforderungen an das Urwesen entsprechen. 
Als der Stoff von allen\ muss sie ewig und unvergänglich sein; 
sie muss in allem enthalten sein und sich durch alles verbreiten; 
als die Ursache des Lebens und der zweckmässigen Welteinrich- 
tung muss sie ein denkendes; vernünftiges Wesen sein. Beides 
fällt aber hier zusammen *, denn gerade desshalb; weil die Luft 
alles durchdringt; ist sie eS; wie Diogenes glaubt; die alles leitet 
und ordnet; weil sie der Grundstoff von allem ist; ist ihr alles be- 
kannt; weil sie der feinste Stoff ist; ist sie das beweglichste und 
der Grund aller Bewegung '). Dass sie Diogenes ausserdem auch 
als das Unendliche bezeichnete, wird ausdrücklich bezeugt ^), und 
diese Angabe ist um so glaubwürdiger; da auch AnaximeneS; 
welchem Diogenes sonst zunächst folgt; die gleiche Bestimmung 
aufgestellt hatte, da unser Philosoph ferner die Luft (Fr. 6) ähn- 
lich beschreibt; wie Anaximander sein Unendliches; da endlich 
223 Aristoteles sagt, die Unendlichkeit des Urstoffs sei von den 
meisten Physiologen gelehrt worden ^). Allerdings scheint aber 
diese Bestimmung für ihn geringere Wichtigkeit gehabt zu haben, 
die Hauptsache ist ihm die Lebendigkeit und Kräftigkeit des Ur- 
wesens, die er ja auch als den hauptsächUchsten Beweis seiner 
luftartigen Natur anführt. 

Vermöge dieser ihrer Lebendigkeit und ihrer beständigen 



1) S. o. S. 238, 6 und Asht. De an. I, 2. 405, a, 21: Aiof^vi); o*, &'3Ktp 
iztpoi Tivfi^, aipa (seil. ^TcAaßc ty)v ^u/^v), xoutov o^rjOet^ TcivTtov Xc7cxopL£s^<s- 
TttTOV thai xa\ op^^iv »«^ 8ia touio -^ivtiyjjLttyt xi xai xivetv xf^v <I»üX^*^» 5 \^^^ 
Tcpcoxöv 2axt xa\ Ix xoutou x« Xoma^ -^t^biOnn^y fj h\ Xenxöxaxov, x(VT)Ttxov cTvai. 

2) SiMPL. Phys. 6, a, u. , wahrscheinlich nach Theophrast: X9)v hk xoS 
navxb( «tioiv ii^a xat oSxö; fTjaiv aicsipov cTvat xa\ afdiGv. 

3) S o. S. 221, 3. 



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[195] Das Urwesen. Verdannnng und Verdichtung. 241 

Bewegung nimmt nun die Luft die verschiedensten P^ormen au. 
Ihre Bewegung ist nämlich nach Diogenes^ welcher hierin wieder 
dem I Anaximenes folgt^ zugleich qualitativ^ Veränderung/ Ver- 
diinnung und Verdichtung ^), oder was dasselbe ist^ Erwärmung 
und Erkältung; und so entstehen in der Luft, den verschiedenen 
Stufen ihrer Verdünnung und Verdichtung entsprechend, unend- 
lich viele Artunterschiede in Beziehung auf Wärme und Kälte, 
Trockenheit und Feuchtigkeit, leichtere und schwerere Beweg- 
lichkeit u. s. w. '). Uebrigens scheint Diogenes diese Unterschiede 
nicht systematisch, nach Art der pythagoreischen Kategorieen- 
tafel, aufgezählt zu haben, wenn er auch die verschiedenen Eigen- 
schaften der Dinge theils von Verdünnung theils von Verdich- 224 
tung. herleiten, und insofern theils auf die Seite des Warmen 
theils auf die des Kalten stellen musste ^). Ebensowenig findet 
sich bei ihm eine Spur von der Vierzahl der Elemente, und wir 
wissen überhaupt nicht, ob er bestimmte Mittelglieder zwischen 
den besonderen Stoffen und dem Urstoff annahm, und nicht viel- 
mehr die unendliche Mannigfaltigkeit der besonderen Stoffe den 



1) Plut. b. £uB. pr. ev. I, 8, 13: xo7|io?:oiii $^ oOtto;' Zxi tou navtb; 
xivou{A^vou xat ^ [ih «patoü ^ Sl nuxvou '^iyo\ki'*o\j Zkou (juv«xüp7)98 to nuxvbv 
auoTpOf^v icoi^aai, xat oCt(i> Ta ).oi7ca xaia ibv a^TÖv Xo-j^ov la xou^^xaxa i^jv 
avw TK^tv Xaßdvra tbv IjXtov xKo^zkiioit. Siupl. a. a. O., nach den obigen 
Worten :^^^ oZ icuxvou^vou xa\ {jLoivouurvou xa\ (jictaßaXXovto; xoi^ ic&Oeai T7)v 
iwv aXX<üv f (vsoOsi (itopfijv, xa\ xauxa \ih BEÖspaoio; loTopgt nsp'i lou Aiofcvou;. 
Dioo. IX, 57. Man vgl. was S. 198, 1 aus Aristoteles angeführt wurde, und 
Denselben gen. et corr. II, 9. 336, a, 3 ff. 

2) Fr. 6, ob. S. 238, 6 (nach den Worten: 3 ii j*^ [^'^^'/J^^ xoüiou): jjlet^ci 
)s ou$l Iv 6[ji,o{cü; 10 frepov toi ^TEpoj, aXXa 7CoXXo\ tpÖTcoi xa\ aöxou lou a^po; 
xat Tf,( voiioto; £^a''v. iixi yap RoXuipoTCo;, xat OEppL«STEpo; xa\ d/u/pöiEpo; xa\ 
^r|c4xgpoc xk\ 6fp<^tepo( xat aiaot{jL(i>Tepo( xait o^ux^pr^v x(v7|aiv e/^cov, xa\ aXXai 
;:oXXx\ lx£90ta»7is< Ivciat xa: ^dovvjf xa\ /^potr^; an-ipot. Die fi^ov); erklärt Pamzkb- 
niRTER 8. 63 f. durch „Geschmack**, wie das Wort auch bei Anaxao. Fr. 
3 (unt. 798, 3 3. AuH.) Xknoph. Anab. II, 3, 16 steht; noch besser wäre 
wohl die verwandte Bedeutung „Geruch*^ , welche der Ausdruck in einem 
Bruchstück Ueraki.it's bei Hippol. Kt-fut. hser. IX, 10 (s. u. 8. 550, 2 
3. Aufl.) und bei Theophkast De sensu 16, 00 hiit; Sciilkiermacheb a. a. 
<). 154 iibersetxt „Gefühl'', Ahnlich ScuAruACii Amixag. fragm. S. 86: aßectioj 
KiTTKR Gesch. d. jon. Phil. 50 „Verhalten*', Gesch. d. Phil. I, 228 „innerer 
Muth", Bramdis I, 281 „innere Bi^chaffenlieif^. Philippson TXt, avOpwn{vT) 
S. '205: bona conditio interna* 

3) Wie diess Pakzebbieter S. 102 ff. im einzelnen ausführt. 
Philoa. d. Qr. I. Bd. 4. Aufl. 16 



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242 Diogenes von Apollonia. [195. 196J 

unzähligen Stufen der Verdünnung und Verdichtung unmittelbar 
gleichsetzte^ so dass die Luft auf einer Stufe der Verdichtung 
Wasser; auf einer andern Fleisch, auf einer dritten Stein wäre. 
Das wahrscheinlichste ist jedoch, und es scheint sich diess theib 
aus der oben angeführten Aeusserung über die Arten der Luft, 
theils aus | seiner Vorstellung über die Entwicklung des Fötus 
(s. u.) zu ergeben, dass er keine von beiden Erklärungsarten aus- 
schliesslich anwandte, und überhaupt in der Ableitung der Er- 
scheinungen kein festes und gleichmässiges Verfahren befolgte. 
Durch die Verdichtung und Verdünnung sonderte sich aus 
dem unendlichen Urstoff zunächst das Schwere ab, dsvs sich nach 
unten, und das Leichte, das sich nach oben bewegte. Aus jenem 
sollte die Erde, aus diesem die Sonne und wohl auch die Gestirne 
entstanden sein ^). Die Bewegung nach oben und unten musste 
Diogenes unmittelbar aus der Schwere und Leichtigkeit, und 
weiterhin aus der dem Stoff als solchem inwohnenden Lebendig- 
keit erklären, denn der bewegende Verstand fallt bei ihm mit dem 
Stoff schlechthin zusammen, die verschiedenen Arten der Luft 
sind auch verschiedene Arten des Denkens (Fr. 6), und davon, 
dass das Denken zu den Stoffen hinzugetreten wäre und sie in 
Bewegung gesetzt hätte ^), kann bei ihm nicht die Hede sein. 
Nachdem aber die erste Scheidung der Stoffe eingetreten ist, geht 
alle Bewegung von dem wärmeren und leichteren aus *). Wie 
daher Diogenes die Seele der Thiere für warme Luft erklärte, 
so sah er auch im Weltgebäude den Grund der Bewegung, die 
wirkende Ursache, in dem warmen, den Grund der körperlichen 
225 Consistenz in dem kalten und dichten Stoffe). In Folge der 



1) Plut. 8. o, 8. 241, 1. 

2) Wie Panzerbibteb 111 f. die Sache darstellt. 

3) Fr. 6, oben S. 238, 6. 

4) Aus der Vereinigung beider durcb die vÖTjai; soll nach Steivhabt 
S. 299 die sinnliche Luft entstanden sein; ich weiss Jedoch nicht, auf wel- 
ches Zeugniss diese Annahme sich stützt, die mir schon nach dem 8. 239 
gegen Ritter bemerkten unzulässig scheint. Ebenso vermisse ich den Nach- 
weis für die Richtigkeit der weiteren Bemerkung, „die sinnliche Luft sei 
unter der Vorstellung einer unzähligen Menge einfacher Körper gedacht 
worden''; denn bei Abist. De part. anim. II, 1, auf welchen Anm. 33 ver- 
weist, wird Diogenes gar nicht berührt. 



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[196. 197] Weltbildung; Weltgebände. 243 

Wärme ^) sollte das Weltganze in eine Kreisbewegung gerathen 
sein^ wodurch auch die Erde ihre runde Gestalt erhielt ^). Unter 
dieser Kreisbewegung scheint aber Diogenes eine blosse Seiten- 
bewegung, und demgemäss unter der Rundung derErde die wal- 
zenförmige; nicht die Kugelgestalt verstanden zu haben; denn 
er nahm mit Anaxagoras an, dass erst in der Folge, aus irgend 
einer unbekannten Ursache (ex toO aurojiuxTou), die Neigung der 
Weltachse gegen die Erdfläche entetanden | sei, während sie 
früher senkrecht durch sie hindurchgieng % er wird daher seine 



1) Ob der ursprfingUchen oder der Sonnen wärme , wird niobt gesagt, 
aber nacb Alex. Meteorol. 93, b, o. scheint die letztere gemeint zu sein. 

2) Dioo. IX, 57: T^v tk f^v <rrpOYywX7jv , lp7)pEi9{ji^vY)v Iv tu» {a^oco, -ri^v 
ouaraotv ElXi^^uTav xata tt)V Ix tou Oep(aou Tctpi^opav xoc tcij^iv 6xb tou «I'U^^oO, 
woEU Pavzbbbietfb 117 f. zu vgl. 

3) Nach Plac II, 8, 1 (Stob. I, 358, Ps, Galen c 11 gleichlautend) 
behauptete Diog. und Anaxagoras: (Jisia tb 9uatiivat xbv xo9{jlov xa\ xa (coa 
ix T^5 Y^? €Efliifaif«'iv If^^-Ö^ivai äw; tov x(S7(xov Ix xoö auiOfixTou e?5 xh {iCTv^pLßptvbv 
auxoS {AEpo( (7ou>;, fügt der Berichterstatter ohne Zweifel in eigenem Namen 
bei, URO Tcpovota;, damit nftmlich der Unterschied der bewohnbaren und un- 
bewohnbaren Zonen eintrete). Anaxagoras aber sagte nach Dioa. II, 9: la 
8' ävrpa xax* ^PX^^ ^^^ OoXoct$«>s Ivsy^Oijvai Saxs xaxa xopu^vjv x^( y^^ (senk- 
recht über der oberen Fläche der Erde, dar er mit Anaximenes und andern 
die Gestalt einer Walze gab; (S. 819, 5 3. Aufl.) xbv iii ^atvöfjisvov sTvai tcöXov, 
&9X&pov $k xJ^|V ffxXtotv Xaßiiv ; so dass sich demnach die Gestirne bei ihrem tfig- 
liohen Umlauf zuerst nur seitlich von Ost nach West um die Elrdscheibe ge- 
dreht hätten, und demnach die über unserem Iforizont stehenden nie unter dem- 
selben durchg^angen wären. Erst später soll die schräge Stellung der Welt- 
achse gegen die Erdobei'fläche eingetreten sein, die es bewirkte, das» die 
Bahnen der Sonne und der Gestirne die Ebene des Horizonts schneiden, und 
in Folge davon der Wechsel von Tag und Nacht eintritt. Wie man sich 
dicss aber näher vorstellen soll, ist (wie Pakzbbbibteb 129 ff. zeigt) schwer 
zu sagen. Wollte man das Weltganzc, d. h. Himmel und Erde, sich 
nach Süden neigen lassen, so hätte sich in der Stellung der Erde zum Him- 
mel nichts geändert, das zeitweise Verschwinden der meisten Sterne unter 
dem Horizont, der Wechsel von Tag und Nacht, wäre nicht erklärt. Sollte 
sich der Himmel (oder was da.sselbe ist, das obere Ende der Weltachse) 
nach Süden geneigt haben, so milsste die Sonne bei ihrer Drehung um die 
Weltachse dem Horizont um so näher kommen, je weiter südwärts sie geht: sie 
milsste im Qsten unter- im Westen aufgehen, wir hätten Mitternacht, wenn 
sie im Süden, Mittag, wenn sie im Norden steht. Nimmt man umgekehrt 
an, die Erde habe sich gegen Süden geneigt, während die Himmelsachse 
unverändert blieb, so scheint es, das Meer und alle Gewässer hätten den 
südlichen Theil der Erdoberfläche fiberschwemmen müssen. Panzerbieter 

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244 Diogenes von Apollonia. [^^7] 

Vorstellung über die Gestalt der Erde und die ursprüngliche Be- 
wegung des. Himmels um so eher getheilt haben^ da auch der 
Voi'gang des Anaximenes darauf hinftihrte. Die Erde dachte er 
sich mit Änaximander in ihrem Urzustand^ wie diess auch schon 
ihre Gestaltung durch den Umschwung beweist^ als eine weiche 
und flüssige Masse, die allmählich durch die Sonnenwärme ausge- 
226 trocknet sei; der Ueberrest der ursprünglichen Flüssigkeit sollte 
das Meer sein, dessen salzigen Geschmack er von der Verdun- 
stung der süssen Theile herleitete; durch die Dünste, welche sich 
aus der vertrocknenden Feuchtigkeit entwickelten, sei der Him- 
mel vergrössert worden *). Der Erdkörper sollte von Gängen 
durchzogen sein, in welche die Luft eindringe; werden ihr die 
Auswege aus denselben verstopft, so entstehen Erdbeben ^). 
Aehnlich hielt Diogenes die Sonne und die übrigen Gestirne *) 
für Körper von löcheriger, bimssteinartiger Beschaffenheit, deren 
Höhlungen mit Feuer (oder feuriger Luft) gefüllt seien*). Die 
Annahme, dass die Gestirne aus den feuchten Dünsten entstan- 
den seien ^), in Verbindung mit dem, was so eben | aus Alexan- 



vermuthet daher, Anax. habe den Himmel sich nicht nach Süden, sondern 
nach Norden neigen lassen, und in der Stelle der Placita sei ntatt (xcovjjjißptvbv 
etwa icpo(ß<5pEiov oder (xeaoßöpstov zu lesen. Diess ist indessen an sich schon 
hei der Uebereinstimmung unserer drei Texte kaum glaublich. Wir werden 
aber überdiess finden (S. 723, 5 3. Aufl.), dass auch Leucipp und Demoktlt 
eine Senkung des südlichen T^ils der Erdscheib^ annahmen. So gut diese 
eine uns unbekannte, für sie aber doch wohl befViedigende Wendung fanden, 
um sich den nahe liegenden Einwendungen gegen diese Annahme zu ent- 
ziehen, können auch Diogenes und Anaxagoras eine solche gefunden haben, 
während uns andererseits ihre Ansicht über die Neigung der Erde darüber 
AufschluBs giebt, wie wir die Behauptung Jener beiden über den gleichen 
Gegenstand zu verstehen haben. 

1) Abist. Meteor. 11, 2. 355, a, 21. Alex. Meteorol. 91, a, u. 93, b, o. 
wahrscheinlich nach Theophrast, vgl. oben 8. 208, 3. 

2) Seneca qu. nat. VI, 15 vgl. IV, 2, 28. 

3) Denen er auch die Kometen beizählte, Plac. III, 2, 9, wenn hier 
nicht der Stoiker Diog. gemeint ist. 

4) Stob. Ekl. I, 528. 552. 608. Plut. PUc. II, 18, 4. Theod. gr. äff. 
cur. IV, 17. S. 59. Aehnliohe Körper sind den drei letzteren Stellen zufolge 
die Meteorsteine, nur sollten sich diese, wie es scheint, erst beim Herabfallen 
entzünden, s. Pakzebb. 12'2 f. 

5) Diess sagt Stob. 522 wenigstens vom Monde, wenn es hier heiast, 
Diog. habe ihn für ein x'.avr^poEi^l; 7lvauL{jLa gehalten ; eben dahin deutet 



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[198] WeltgebÄude; Pflanzen und Thiore; die Seele. 245 

der über das Wachsthura des Himmels durch die Ausdunstung 
der Erde angefUhrt wurde, lässt vermuthen, dass Diogenes zuerst 
nur die Sonne aus der nach oben getriebenen warmen Luft, und 
erst in der Folge die Gestirne aus den durch die Sonnenhitze 
entwickelten Dünsten sich bilden Hess, von denen sich auch die 
Sonne fortwährend nähren sollte. Weil diese Nahrung in jedem 
Theil der Welt sich zeitweise erschöpft, wechselt die Sonne (wie 
wenigstens Alexander die Ansicht des Diogenes darstellt) ihre 
Stelle, wie ein Thier seine Weide *). 

Aus der Erde waren nach einer Meinung, welche Diogenes 227 
mit Anaxagoras und anderen Physikern theilt, die lebenden We- 
sen *), und auf ähnliche Art die Pflanzen '), ohne Zweifel durch 
den Einfluss der Sonnenwärme, hervorgegangen; ähnlich er- 
klärte er auch die Entstehung durch Zeugung aus der Einwir- 
kung, welche die belebende Wärme des mütterlichen Leibes auf 
den vom Vater gelieferten Stoff ausübe *). Die Seele suchte er 
seinem ganzen Standpunkt gemäss in einer warmen und trocke- 
nen Luft ; wie aber die Luft überhaupt zahlloser Verschieden- 
heiten fÄhig ist, so sollen auch die Seelen ebenso verschieden 
sein, als die Arten und Einzelwesen, denen sie angehören^). Die- 



Pakzebbibteb 121 f. auch die Angabe des Stob. ö08. Pj.ut. a. a. O., die 
Gestirne seien nach D. dtajcvotai (Ausathmungen) toü xÖ9[jlou, gewiss richtiger 
als RiTTEB I, 232, der nnter den dixizv. Athmungswerkzeuge versteht; Thko- 
DOBBT a. a. O. schreibt den Gestirnen selbst dtaicvoa; zu, was am einfachsten 
aof die von ihnen ausströmenden feurigen Dünste bezogen wurde. 

1) Vgl. 8. 208, 3. Einige weitere Annahmen des Diogenes, über Donner 
und Blitz (Stob. I, 594. 6en. qu. nat. U, 20), über die Winde (Alex. a. a. 
0. Ygl. m. Abist. Meteor. II, 1, Anf.), über die Ursachen der Nilüber- 
schwemmung (Sek. qu. nat. IV, 2, 27. Schol. z. Apollom. Rhoo. IV, 269), 
erörtert Paxzebbietbb S. 133 ff. 

2) Plac. II, 8, 1. Stob. I, 358. 

3) Theophrast Hist. plant. III, 1, 4. 

4) Das n&here b. Panzbbbietek 124 ff. nach Cenbobin. Di. nat. c. 5. 0. 
Plut. Plac. V, 16, 4. u. a. 

5) Fr. 6, nach dem S. 241, 2 angeführten: xa\ icavtcüV CcWv 8k ^ «{^u*/^^ ib 
rjiö ^omr, ajjp Oeppiorcpo^ p.kv tou e^oi, ^v J> E9(ikv, tou fievTot Tcapa t(5 f^sXiüi 7:oX- 

Xov TJ^pÖTCpO^. SfJLOlOV Sk TOÖTO TO OeOUOV OU$evb< TtüV ^ff)WV WTIV, Ml OoSi TfOV 

svOpctfffwv sXXtJXoi;. aXXa ^lao^pec [ni-^a (xsv ou, aXX* &9Xi. icapaTcXvJaia cTvai, ou 
|i^/toi «Tpfx^K yc S(AOiov cöv . . . aie o3v 7roAv»TpÖ7cou lv£o\S(ji)( irj; lTepoia>aioc 
KoXvTpojca x«( X9( ^(aa xat noXXa xai ovte loir^v aXXYjXoi; ^otxöta outi $(atTav 



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246 Diogenes von Apollonia. [lOO] 

sen Soelenstoif Hess er^ wie es scheint^ theils aus dem Samen ^)y 
tbeils von der nach der Geburt in die | Lunge eindringenden 
äusseren Luft ^), seine Wärme, nach dem eben bemerkten, von 
der Wärme der Mutter herstammen. Die Verbreitung des Lebens 
durch den ganzen Körper erklärte er sich mittelst der Annahme, 
dass ihn die Seele oder die warme Lebensluft zugleich mit dem 
Blut in den Adern durchströme ^) ; zur Bestätigung dieser An- 
228 niihme gab er eine ausführliche, und nach Massgabe der damali- 
gen Eenntniss vom menschlichen Leibe genaue Beschreibung des 
Adersystems ^). Aus der Berührung der Lebensluft mit den äus- 
seren Eindrücken wurden die Sinnesempfindungen^), aus der 
theilweisen oder gänzlichen Verdrängung der Luft durch das Blut 
Schlaf und Tod ^) hergeleitet. Den Sitz der Empfindung suchte 
Diogenes in der im Gehirn befindlichen Luft^); und er berief 
sich hiefbr auf die Erscheinung, dass wir äussere Eindrücke nicht 
wahrnehmen, wenn wir eben mit etwas anderem beschäftigt 
sind ®). Auch Lust und Unlust, Muth, Gesundheit u. s. w. erklärte 

OUTE vöi!)atv 6nb 7o5 7:Xi{0co; tö>v iTEpoKüietov SfjLco; Si n. B. w. (s. 8. 238, 6.) Vgl. 
Theophbast De sensu 39. 44. 

1) Denn er bemerkte ausdrücklich, dass der Barne luftig (^cveupiarüiScc) 
und schaumartig sei, und leitete daher die Bezeichnung s^podiota ab; s. o. 
238, 6 Clemekb Pädag. I, 105, C. 

2) Plac V, 15, 4. 

3) SiMPL. a. a. O. vgl. Theophb. De sensu 89 ff. Aus diesen Stellen 
ergiebt sich, dass D. den Sitz der Seele auf kein einzelnes Organ beschränkte ; 
wenn daher die Plactta IV, 5, 7 sagen, er habe das l)YC(AOV(xbv in die apti^ptoxi) 
xoiXCa iij; xap^ia; verlegt, so kann diess nur dann richtig sein, wenn damit 
nur gemeint ist, dass hier der Hauptsitz der belebenden Luft sei; vgl. 
Panzebb, 87 f. 

4) Mitgetbeilt von Abist. H. anim. III, 2. 511, b, SO ff., erlAutert von 
Parzebbieteb S. 72 ff. 

5) Die theil weise m issverständlichen, durch Einmischung des stoischen 
7)Ye[Aovtxbv verwirrten Angaben Plac. IV, 18, 2. 16, 3 erörtert Panzebb. 86. 90; 
das genauere giebt Theophbast a. a. O. vgl. Philippsoii TXij av6p(ü7:{vT] 101 ff. 

6) Plac. V, 23, 3. 

7) Den Geruch, sagt Theophbast a. a. O., lege er tco ntp\ tbv i^xifoL* 
Xov oc^pt bei; touiov fap aOpouv iTvai xoi o;i[X(Utpov ttJ avain^o^. Das Hören 
entstehe, oiav o ^v tot(.a>9\v a^p xtvi^Oe^s 6icb xou c$«ü StaScu icpb« tbv i'pLiffOi' 
Xov, das Sehen dadurch, dass das in^s Ang^ einfallende Bild sich mit der 
inneren Luft verbinde ((jL'lyvuoOat). 

8) A. a. O. 42: oti 8^ 6 Mo^ oc^p a^aOÄveiat (iixpbv Siv p.optov tou Oeou, 
9?2(jLEtov cTvat, oti jcoaXsxi^ TCpb^ aXXa Tbv vovv c^ovxcf ovO* ip«S|JLSV out abto;{o|uv. 



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[199.200] Seelenleben. Wcitbildung und Wcltzerstörung. 247 

er aus dem Verhältnisse in dem die Luft dem Blute beigemischt 
sei ^). Von der dichteren und feuchteren Beschaffenheit und der 
nnvollständigeren Circulation der belebenden Luft sollte die ge- 
ringere Verständigkeit der Schlafenden und Betrunkenen ^ der 
Kinder und der Thiere herrühren^); die Lebensluft selbst aber 
musste er natürlich in allem Lebendigen voraussetzen ; aus die- 
sem Grunde suchte er z. B. zu zeigen^ dass auch die Fische und 
Austern athmen können ^J. fc>elbst den Metallen schrieb er etwas 
demAthem entsprechendes zu, wenn er annahm^ dass sie feuchte 
Dünste (bcjü^;) in sich ziehen und ausschwitzen, und wenn | er 
hieraus die Anziehungskraft des Magnets zu erklären suchte *). 
Die Luft als solche jedoch sollten nur die Thiere aus- und ein- 
atbmen^ denn von den Pflanzen sagte er, sie seien desshalb ganz 229 
vemunftlosy weil sie keine Luft in sich aufnehmen ^). 

Wie von Anaximander und Anaximenes, so wird auch von 
Diogenes erzählt; er habe einen fortwährenden Wechsel der 
Weltbildung und Weltzerstörung und eine endlose Reihe aufein- 
anderfolgender Welten angenommen. Diess sagt nicht nur SiM- 
PLicius *) ausdrücklich ; sondern auf dieselbe Annahme müssen 
wir auch die Angabe beziehen; dass Diogenes unendlich viele 
Welten gelehrt habe ^); denn die Gesammtheit der gleichzeitigen 
Dinge wusste er sich; wie diess aus seiner ganzen Kosmologie 
noch bestimmter, als aus der Aussage des SimpliciüS a. a. O. *) 
hervorgeht; nur als Ein räumlich begrenztes Ganzes zu denken. 
Ebendahin weist; wasSTOBÄus^) von einem dereinstigen Weltende 
und Alexander*^) von einer allmählichen Austrocknung des 



1) Theopiibabt a. a. O. 43. 

2) 8. o. 8. 246, 5 Theophbast a. a. O. 44 ff. Plac. V, 20. 

3) Abist. De respir. c. 2. 470, b, 30. Pahzebb. 95. 

4) Alex. Aphb. quaest nat. II, 23, S. 138 Speng. 

5) Theophbast a. a. O. 44. 

6) Phys. 257, b, u., s. o. 230, 1. 

7) Dioo. IX, 57. Pi.üT. b. Eüs. pr. ev. I, 8, 13. Stob. I, 496. Theo- 
dobet gr. äff. cur. IV, 15, 8. 58. 

8) Wo nicht Ton einem xöajto; in der Einzahl gesprochen werden könnte, 
wenn an viele gleichzeitige Welten, wie die Demokrit's gedacht wäre. Plac. 
II, 1, 6 (Stob. I, 440) scheint der Stoiker Diogenes gemeint zu sein. 

9) I, 416 s. o. 229, 4. 

10) Meteorol. 91, a, u. nach Theophrast; s, o. 205, 2. 



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248 Diogenes von Apollonia. [200. 201] 

Meeres berichtet, und auch ohne diese bestimmten Zeugnisse 
müssten wir vermuthen, dass sich Diogenes auch in diesem Punkte 
von seinen Vorgängern nicht entfernt habe. 

Betrachten wir die Lehre des Diogenes als Ganzes, so lässt 
sich trotz der Vorzüge , die ihr im Vergleich mit den Aelteren 
durch die grössere Ausbildung der wissenschaftlichen und schrift- 
stellerischen Form und durch ihren verhältnissmässigen Reich- 
thum an empirischen Kenntnissen zukommen , doch ein Wider- 
spruch in ihren Grundbestimmungen nicht verkennen. Wenn 
sich die zweckmässige Einrichtung der Welt nur aus einer welt- 
bildenden Vernunft begreifen lässt, so setzt diess voraus, dass der 
Stoff als solcher zu. ihrer Erklärung nicht ausreiche; ihre Ursache 
kann daher nicht mit Diogenes in einem elementarischen Körper 
gesucht werden, und so sieht er sich denn auch genöthigt, diesem 
Körper Eigenschaften beizulegen, die sich nicht blos nach unse- 
rer Ansicht, | sondern ganz unmittelbar ausschliessen ; denn eines- 
230 theils erklärt er ihn als das alldurchdringende und belebende für 
das feinste und dünnste, und andererseits lässt er die Dinge nicht 
allein durch Verdichtung, sondern auch durch Verdünnung aus 
ihm entstehen, was doch nur möglich ist, wenn er selbst nicht das 
dünnste ist^). Dass es nämlich nicht blos*) die warme Luft oder 
die Seele, sondern die Luft überhaupt ist , welche Diogenes das 
dünnste genannt hat, sagt wenigstens Aristoteles') sehr deut- 
lich, wenn er bemerkt, Diogenes habe die Seele desswegen für 
Luft gehalten, weil die Luft das dünnste und der Urstoff sei; und 
auch Diogenes selbst (Fr. 6) behauptet , die Luft sei in allem 
und durchdringe alles, was sie doch nur dann kann, wenn sie das 
feinste ist. Ebensowenig lässt sich aber andererseits*) die Ver- 
dünnung auf eine abgeleitete, erst durch vprgängige Verdichtung 
entstandene Form der Luft beziehen , denn die Alten legen sie 
einstimmig, so gut wie die Verdichtung, dem UrstofF selbst bei ^), 
und eben diess liegtauch in der Natur der Sache, da Verdünnung 
und Verdichtung sich gegenseitig voraussetzen, und eine Verdich- 



1) Wie diess schon Batle bemerkt hat. Dict. Diogene Rem. B. 

2) Wie Pahserbietbu 106 und Wehdt zu Tennenann I, 441 wollen. 
S) In der 8. 240, 1 angeführten Stolle. 

4) Mit Ritter Jon. Philos. 8. 57. 

5) S. o, 241, 1, 



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[201. 202] Charakter und geschichtliche Stellung. 249 

tung eines Theik der Luftmasse nicht ohne gleichzeitige Verdün- 
DUDg eines andern möglich ist. Es ist daher schon in den ersten 
Grandlagen dieses Systems ein Widerspruch^ der davon herrührt; 
dass sein Urheber die Idee einer weltbildenden Vernunft aufnahm, 
ohne doch darum den altjonischen Materialismus; und namentlich 
die Annahmen des Anaximenes über den UrstofF; zu verlassen. 
Dieser Umstand lässt nun an sich schon vermutheu; dass die 
Lehre des Diogenes nicht rein aus der Entwicklung der altjoni- 
schen Phjsik hervorgegangen; sondern unter dem Einflnss eines 
anderen; von dem ihrigen verschiedenen Standpunkts entstanden * 
sei; und dass eben hiedurch widersprechende Elemente in sie ge- 
kommen seien ; und diese Vermuthung wird zu einem hohen 
Grad von Wahrscheinlichkeit erhoben, wenn wir gleichzeitig mit 
Diogenes eben jene Bestimmungen , die seiner materialistischen 
Voraussetzung widersprechen, von Anaxagoras im Zusammen- 
hang einer folgerichtigeren | Lehre aufgestellt sehen. Wir sind 231 
zwar über den Zeitpunkt, in dem Diogenes auftrat, nicht genauer 
unterrichtet ^), doch hat die Annahme, dass er später, als Anaxa- 
goras, und in theil weiser Abhängigkeit von dem letzteren ge- 
schrieben habe, das Zeugniss des Simplicius ^) -fUr sich, welches 
wahrscheinlich auf Theophrast zurückgeht. Auch die Sorgfalt, 
mit der Diogenes auf naturwissenschaftliche Einzelheiten ein- 
gieng, und namentlich die verhältnissmässige Genauigkeit seiner 
anatomischen Kenntnisse, verweist ihn in die Zeit der fortge- 



1) Denn das einzige sichere Datum, die Erwähnung des Meteorsteins 
von Aegoepotaraos, der 469 v. Chr. horahfiel (Stob. I, 508. Theod. gr. äff. 
eur. IV, 18. B. 59 und dazu Panzerbieter S. 1 f.)» Ittsst einen sehr weiten 
Spielraum. 

2) Phys. 6, a, u. xot Aioy^vt]« 8e h 'AiroXXwvia-ctj^, a)^e8bv vswTaTo? ttSv mp\ 
t«5t« ox^oXa^ÄvTwv, tot [xiv nXii9xat, 9U(i.ff690pi](JLiv(i); y^TP"?*» "^^ f*^^ **'^* 'Avafofr- 
YÖpov TA Sl xaToc \i6xnzTzoy Xd-^ta^, Hierauf das S. 240, 2. 241, 1 angefahrte mit 
der Berufung auf Theophrast. Dass der letztere unsern Philosophen wirklich 
ffir jünger hielt, als Anaxagoras, ist auch desshalh wahrscheinlich, weil er 
ihn demselben bei der Besprechung ihrer Ansichten wiederholt nachsetzt. 
So De sensu 89. Hist. plant. III, !. 4; s. Philippsom TXt] avOpcomvn) 199. 
Als jfingerer Zeitgenosse des Anaxagoras wird Diog. auch von Adoustim 
Civ. D. Vni, 2. SiDON. Atoll. XV, 89 ff. bezeichnet, und aus demselben 
Grande scheint bei Cic. N. D. I, 12, 29 seiner unter allen yorsokratischen 
Philosophen suletst erwähnt zu werden. 



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250 Diogenes ron A^pollonia. [203. 308] 

Bchrittenen Beobachtung^ in die Zeit eines Hippo und Demokrit^). 
Ebenso werden wir finden, dass wir Grund haben, ihn fiir jünger 
zu halten^ als Empedokles. Wird nun schon hiedurch eine Ab- 
liängigkeit des Diogenes von Anaxagoras wahrscheinlich, so kann 
das innere Verhältniss ihrer Lehren dieser Annahme nur zur Be- 
stätigung dienen. Dass beide unabhängig von einander entstan- 
den seien ^), ist bei ihrer auffallenden Verwandtschaft nicht glaub- 
lich : beide verlangen ja nicht blos überhaupt eine weltbildende 
Vernunft, sondern sie verlangen sie auch aus demselben Grunde, 
332 weil sie sich die Ordnung der Welt ohne sie nicht zu erklären 
wttssten; beide bezeichnen ferner diese Vernunft als das feinste 
von allen Dingen, beide leiten endlich die Seele und das Leben 
vorzugsweise von ihr her *). Ebensowenig werden wir aber Ana- 
xagoras für abhängig von Diogenes, und den letzteren für daa 
geschichtliche Mittelglied zwischen ihm und der älteren Physik 
I halten dürfen ^). Sculeiermacher glaubt zwar, wenn die Schrift 
des Anaxagoras Diogenes bekannt war, müsste dieser ihre An- 
nahme, dass die Luft etwas zusammengesetztes sei, ausdrücklich 
widerlegt haben ; aber theils wissen wir gar nicht , ob er diess 
nicht gethan hat^), theils dürfen wir auch das Verfahren der älte- 
ren Philosophen nicht so mit der Elle der späteren messen , um 
von ihnen ein umfassendes Eingehen auf abweichende Ansichten 
zu erwarten, wie.es sich selbst Plato noch gar nicht immer zur 



1) Auf die gleiche Zeit führt die Thatsache, welche Petebsen Hippo- 
cratis scripta ad temp. rat. disposita part. I (Hamh. 1839 Qymn.-Progr.), 
8. 30 f. wahrscheinlich gemacht hat, dass Abistoph. Nah. 227 ff. auf die 
6. 247, 2 berührte Lehre des Diogenes anspiele, welche demnach eben damals 
in Athen die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben muss. 

2) Pakzerbieteb 19 f. Schaubach Änaxag. fragm. 8. 32. Steinhabt 
a. a. O. 297, welcher D. fflr etwas älter als Anaxagoras hält 

3) Vgl. den Abschnitt über Anaxagoras. 

4) SCHLEIEBMACHE& Über Diog. W. W. 3te Abth. II, 156 f. 166 ff. 
Bbaniss Qesch. d. Phil. s. Kant I, 128 ff. s. o. S. 134; minder entschieden 
Kbische Forsch. 170 f. 8chleierraacher hat Jedoch seine Ansicht hierüber 
später geändert, denn Gesch. d. Phil. S 77 bezeichnet er unsem Philosophen 
als einen principlosen Eklektiker, der mit den Sophisten und Atomisten in 
den dritten Abschnitt der vorsokratischen Philosophie, die Zeit ihres Ver- 
falls gebore. 

5) Er selbst beseugt von sich b. Simpl. Phys. 32, b, Bd.: 3cpb( ^vaioXö- 



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[203.204] Charakter und geschichtliche Stellung. 251 

Pflicht gemacht hat. Gegen den Hauptsatz des Anaxagoras aber, 
g^en die Trennung des bildenden Verstandes vom Stoffe; scheint 
mir Diogenes in seinem sechsten Fragment dentlich genug auf- 
zutreten ^\ und wenn Schleiermacuer in dieser Stelle nicht blos 
keine Spur einer derartigen Polemik, sondern durchaus nur den 
Ton eines solchen finden will, der die Lehre vom Nus zum ersten- 
male aufbringe, so macht die Sorgfalt, mit der hier alle Eigen- 
schaften des Verstandes an der Luft nachgewiesen werden , auf 
mich den entgegengesetzten Eindruck. Ebenso scheint es mir, 
dass Diogenes ') die Undenkbarkeit mehrerer Urstoife nur dess- 
halb ausdrücklich beweise, weil ihm' eine Lehre vorangegangen 
war; welche die Einheit des Urstoffs läugnete, und dass diess nur 
die empedokleische, nicht auch die anaxagorische war ^), hat bei 233 
den sonstigen Berührungspunkten zwischen Diogenes und Anaxa- 
goras die Wahrscheinlichkeit gegen sich. Hätte er aber dabei 
auch zunächst nur Empedokles im Auge, so würde er doch schon 
dadurch zu einem jüngeren Zeitgenossen des Anaxagoras^ und es 
wäre zu vermuthen, dass er auch später auftrat, als dieser. Wenn 
es femer Schleiermacher { natürlicher findet, dass der Geist sich 
zuerst in der Einheit mit der Materie, als im Gegensatz zu ihr 
gefunden habe, so ist diess für das Verhältniss des Anaxagoras zu 
Diogenes schwerlich entscheidend ; denn jene unmittelbare Ein- 
heit des Geistes mit dem Stoffe, von der die ältere Physik aus- 
gieng; ist auch bei Diogenes nicht vorhanden, da er ja das Den- 
ken eben desshalb herbeizieht , weil ihm die rein physikalische 
Erklärung der Erscheinungen nicht genügt ; ist aber diese Be- 
deutung des Denkens einmal fUr sich zum Bewusstsein gekommen, 
so ist es allerdings wahrscheinlicher, dass das neue Princip zuerst 
in schroffem Gegensatz gegen die materiellen Gründe aufgestellt, 
als dass es mit ihnen auf eine so unsichere Weise , wie bei Dio- 
genes, verknüpft wird ^). Was überhaupt diese ganze Streitfrage 
entscheidet, ist der Umstand, dass der Gedanke des weltbildenden 
Verstandes von Anaxagoras allein folgerichtig ausgeführt ist, 
wogegen die Lehre des Diogenes den Versuch macht, diesen Ge- 



1) 8. o. 8. 238, 6. 

2) Fr. 2, 8. 0. 237, 2. 
S) KsiscRE 8. 171. 

4) Diese «ach gegen KaugH« 8. 172. 



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252 Diogenes von ApoIIoni«. [204.206] 

danken mit einem Standpunkt ^ zu dem er nicht passtO; wider- 
spruchsvoll zu verbinden. Diese eklektische Halbheit passt un- 
gleich besser ftir den Späteren, der das neue benützen möchte, 
ohne auf das alte zu verzichten , als fUr den, welchem das neue 
als ursprüngliches Jligenthum angehört^). Ich kann daher in 
23* Diogenes nur einen Anhänger der altjonisöhen Physik, aus der 
Schule des Anaximenes, sehen, der aber von der philosophischen 
Entdeckung des Anaxagoras lebhaft genug berührt war, um ein^ 
Verknüpfung seiner Lehre mit der des Anaximenes zu versuchen, 
dem er im übrigen sowohl im Princip als in der Anwendung 
grösstentheils gefolgt ist. Dass bei dieser Ansicht von Anaxagoras 
zu Diogenes ein Rückschritt wäre*), kann nichts beweisen, denn 
der geschichtliche Fortschritt im grossen schliesst Rückschritte 
im einzelnen nicht aus ') ; dass sich andererseits Anaxagoras nicht 
unmittelbar an Anaximenes anknüpfen lasse*), ist zwar richtig, 
nur darf man daraus nicht schliessen , dass gerade Diogenes das 
Mittelglied zwischen beiden bilde, und nicht vielmehr Heraklit, 
die Eleaten und die Atomistik. Wird endlich in der Homöome- 
rieenlehre eine künstlichere Betrachtungsweise gefunden , als in 
der des Diogenes^), so folgt daraus doch keinenfalls, dass sie 
auch die spätere sein muss; es ist vielmehr sehr wohl denkbar, 
dass gerade die Schwierigkeiten der anaxagorischen Naturerklä- 



1) Weniger entscheidend ist das Zusammentreffen beider Männer in 
einzelnen physikalischen Annahmen, wie die über die Gestalt der Erde, die 
ursprünglich seitliche Bewegung und die spatere Neigung des Himmelsge- 
wölbes, die Meinung, dass die Gestirne steinerne Massen seien, die Lehre 
von den Sinnen; denn solche Annahmen hängen in der Regel mit dem phi- 
losophischen Princip so wenig zusammen, dass sie jeder von beiden gleich 
gut von dem anderen entlehnt haben könnte. Doch zeigt sich wenigstens 
in der Erklärung der sinnlichen Wahrnehmung bei Diog. eine Erweiterung 
der anaxagorischen Lehre (s. Phxlippson TXij «v0p. 199), und der grössere 
Keichthum au empirischem Wissen, den wir bei Diogenes finden, weist, wie 
bemerkt, mehr auf einen Altersgenossen Demokrit^s, als auf einen Vorgänger 
des Anaxagoras. Auch in seinen Annahmen über den Magnet scheint er 
Empedokles zu folgen. 

2) SCHI.EIBRMACRER A. H. O. 166. 

3) Von Anaxagoras zu Archelaus ist ein ähnlicher Rückschritt. 

4) ScRLKrERHACHEB a. a. 0. 

5) Ebcndaselbsti 



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[206] Charakter und geschichtliche ßtellung. 253 

rung dazu beitrugen^ den Appolloniaten in seiner Anhänglichkeit 
an die einfachere altjouische Lehre zu befestigen. Dasselbe ist 
anch von dem Dualismus der Principien bei Anaxagoras zu 
vermuthen')^ und so lässt sich die Lehre des Apolloniaten über- 
haupt nur als der Versuch eines Späteren auffassen^ die phjsika- 
tische Ansicht des Anaximenes undderaltjonischen Schule gegen 
die Neuerung des Anaxagoras theils zu retten , theils mit ihr zu 
verbinden*). 

So merkwürdig daher dieser Versuch sein mag; so kann man 
doch seine philosophische Bedeutung nicht sehr hoch anschla- 
gen'); das hauptsächlichste Verdienst des Apolloniaten scheint 235 
vielmehr darin zu liegen, dass er die empirische Naturkenntniss 
erweitert, die Belebtheit und die zweckmässige Einrichtung der 
Natur im einzelnen vollständiger nachzuweisen sich bemüht hat; 
diese Ideen selbst aber waren ihm durch seine Vorgänger, An^ixa- 
goras und die alten Physiker, an die Hand gegeben. Die griechische 
Philosophie im ganzen hatte zur Zeit des Diogenes schon längst 
Bahnen eingeschlagen , die sie ungleich weiter über den Stand- 
punkt der altjonischen Physik hinausführten*). | 



1) Wesshalb Bbakpis I, 272 Diogenes mit ArchelauB und den Atomi- 
Bten unter den Gesichtspunkt einer Reaktion gegen den Dnalismus des Ana- 
xagoras stellt. 

2) So die Mehrzahl der Neueren, Reinhold Gesch. d. Phil. I, 60. 
FaiEs Gesch. d. PhiL I, 236 f. Weitdt zu Teknemahn I, 427 ff. Brako» 
a. a. O. Philippsoh a. a. O. 198 ff. ITeberweq Grundr. I, 42 u. a. 

3) Denn was Stbihhaet a. a. O. S. 298 bei ihm findet und ihm als 
bedeotenden Fortschritt anrechnet, „dass alles Erscheinende anzusehen sei 
als Selbstentftussernng eines doch bei sich bleibenden und beharrenden Prin- 
cips", das geht weit über seine eigenen Aussprüche hinaus. Was er wirk- 
lich sagt (Fr. 2; 8. o. 237, 2) ist nur, dass alles Werden und alle Wechsel- 
wirkung unter den Dingen die Einheit ihrea Grundstoffs voraussetze, und 
diess ist immerhin ein beachtenswerther und von Nachdenken zeugender 
Gedanke, aber der Begriff des Urstoffs und sein YerhAltniss zu den abge- 
leiteten Dingen sind bei ihm die gleichen, wie bei Anaximenes. 

4) An die physikalischen Vorstellungen des Diogenes, oder wenigstens 
der altjonischen Bchule, erinnert auch die pseudohippokratische Schrift xip\ 
9t;9(oc naidfou; Tgl. Pbtebsex S. 30 f. der oben (250, 1) angeführten Ab- 
handlung. Auch in ihr haben wir mithin ein Zeugniss für den Fortbestand 
jener Schule. 



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254 Pythagoreer. [206] 



IL Die Pythagoreer^). 

1. Unsere Quellen für die Kenntniss der pythagoreischen 
Philosophie. 

Unter allen Philosophenschulen^ welche wir kennen^ ist keine, 
deren Geschichte von Sagen und Dichtungen so vielfach uml^pou- 
23C nen und fast verhüllt, deren Lehre in der üeberlieferung mit einer 
solche^ Masse späterer Bestandtheile versetzt wäre, wie die der 
Pythagoreer. Die Schriftsteller vor Aristoteles erwähnen des Py- 
thagoras und seiner Schule nur selten^), und auch Plato, der mit 
dieser Schule in so nahem Zusammenhang stand , ist auffallend 
karg an geschichtlichen Mittheilungen. Aristoteles hat zwar der 
pythagoreischen Lehre grosse Aufmerksamkeit zugewendet , er 
hat sie nicht blos im Zusammenhang umfassenderer Untersuchung 



1) Die neuere Literatur über Pythagoras und seine Schale giebt^UEBsa- 
WEO Grundr. I, 48. Von umfassenderen Werken ist zu den Darstellungen 
der gesammten griechischen Philosophie und zu Ritter's Geschichte der 
pythagor. Phil. (1826) i. J. 1858 der zweite Band von Röth's Gesch. d. 
abendl. Philos., welcher sich sehr ausffihrlich (i. Abth. S. 261—984. 2. 
Abth. 8. 48—319) mit Pythagoras beschäftigt, und 1873 das zweibändige 
Werk von CHAiairBT: Pythagore Bt la philoaophie pythagoricienne hinzuge- 
kommen. K5tu*s Darstellung ist aber freilich von aller literarischen und 
historischen Kritik so voUstAndig verlassen, sie ergeht sich so zuversichtlich 
in den willkührlichsten Yermuthungen und den ausschweifendsten Phanta- 
sieen, sie lässt selbst die Ftthigkeit zum sprachlichen Yerstftndniss und zur 
nnverfftlschten Wiedergabe der Zeugnisse in solchem Grade vermissen, dass 
für die geschichtliche Auffassung des Pythagoreismus kaum irgend etwas 
von ihr zu lernen ist. Ungleich nüchterner ist Chaigket's fleissige Arbeit. 
Aber doch schenkt auch er nnftchten Bruchstücken und unzuverlässigen An- 
gaben noch ein viel zu grosses Vertrauen, und Iftsst sich dadurch nicht 
selten zu Annahmen verleiten, die einer schärferen Prüfung nicht Stand 
halten; wie diess lucht anders sein kann, wenn man von der Voraussetzung 
(I, 250, 4) ausgeht, die Zeugnisse (ohne Unterschied) seien vedables, tant 
qtC on fC a pa$ dimontri V impoMibüiU qu" iU ne le Boi^nt p<u, statt in 
jedem einzelnen FaUe die Frage aufznwerfen, ob ein Zeugniss von einer auf 
den geschichtlichen Thatbestand zurückgehenden Üeberlieferung herrührt, 
und ihm nur in dem Masse, wie die Wahrscheinlichkeit dafür spricht, Glau- 
ben beizumessen. 

2) Das wenige, was aus Xenophanes, Heraklit, Demokrit, Herodot, lo 
von Chius, Plato, Isokrates, Anaximander d. jung., Andren aus £pho8U8 
über si^ anzuführen ist, wird uns an seinem Ort vorkommen. 



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[206. 207] Qaellen; ältere und jflngera Bericbl^ . 255 

gen vielfach besprochen , sondern auch in eigenen Schniten be- 
handelt^); aber doch erscheint das^ was er uns über sie mittheilt^ 
wenn wir es mit jüngeren Darstellungen vergleichen; sehr einfach 
und fast djjrftig ; und während die Späteren ausführlich von Py- 
thagoras und seiner Lehre zu erzählen wissen, kommt der Name 
dieses Philosophen (s. u.) bei Aristoteles nie oder höchstens ein 
paarmal vor, seiner philosophischen Lehren geschieht nie Erwäh- 
nnng; und die Pythagoreer überhaupt werden so bezeichnet , als 
ob der Berichterstatter | nicht wüsste, ob und inwieweit ihre wis- 237 
senschaftlichen Ansichten auf Pythagoras zurückzuführen sind'). 
Auch die Angaben, die uns aus Schriften der älteren Peripatetiker 
und ihrer Zeitgenossen, eines Theophrast, Eudemus, Aristoxcnus, 
Dicäarchus, Heraklides, Eudoxus, erhalten sind'), lauten weit 
nüchterner und einfacher , als die spätere Ueberlieferung; doch 
sieht man aus ihnen bereits, dass sich die Wundersage schon da- 

1) Die Angaben über die betreffenden Schriften: Tcept tf>v lIuBafopeicüv, 
IC. tijc ^KpxyTtloM ftXo9op{ft$, ta ^x xou Ti{iaiou xa\ Xiow ^Ap^^ieiMV, 3cpb( xa 
*.4Xx{j.aifi>vo; , sind Tb. II, b, 8. 48 der 2. Aufl. nachgewiesen; über die 
Schrift 77. xeSv [ludaropEiQDV s. m. auch Alex, in Metaph. 542, b, 5 Br. 31, 
1 Bon. Stob. Ekl. I, 380. Theo Arithm. 30. Plüt. b. Gbll. N. A. IV, 
11. 12. PoRPH. V. Pyth. 41. Dioo. VIII, 19 vgl. Bbandis gr.-röm. Phil. I, 
439 f. II, b, 1, 85. Rose De Arist. libr. ord. 79 ff. Vielleicht sind die 
angeblichen Schriften über Archytas u. s. w. mit der Über die Pythagoreer 
oder einzelnen Theilen derselben identisch; im übrigen ist Qbuppe^b (über 
d. Fragm. d. Arch. 79 f.) und Rose's Verwerfung der Schrift über Archytas 
durch das spftter anzuführende Bruchstück derselben und das, was Rose a. 
a. O. aus Damascius beibringt, nicht gesichert, so möglich ihre UnKchtheit 
auch ist. Noch gewagter ist Rose^s Verwerfung aller der obengenannten 
Schriften. Die Anführung bei Dioo. VIII, 34 : 'ApivxoxAv]; mpi xuv xua^jiejv 
würde wohl gleichfalls auf einen Abschnitt der Schrift über die Pythago- 
reer gehen, wenn nicht hier ein Missverst&ndniss oder eine Unterschiebung 
wahrscheinlicher wäre. 

2) (A. xfliXot>(uvot nuOttf<Spetoi Metaph. I, 5, Anf. I, 8. 989, b, 29. Meteor. 
I, 8. 345, a, 14; ot mp\ x^w ^IxaXtav xaXou^xevoi ^l nuOayöpeioi De coslo II, 
13. 293, a, 20; xoSv ^IxaXtxoiv xivs< xa\ xaXoufjLs'vcov ITuOaYopEuov Meteor. I, 6. 
342, b, 30. Vgl. SciiWEGLEB Arist. Metaph. III, 44. 

3) Ruth Abendl. Phil. II, a, 270 fügt diesen auch Lyko den Gegner 
des Aristoteles (über den Th. II, b, 36, 2. 2. Aufl.) und den Stoiker Kleanthes 
bei ; aber dass jener ein Zeitgenosse des Aristoteles, und nicht vielmehr ein 
Neupythagoreer war, ist sehr unwahrscheinlich, und der Kleanthes des 
Porphyr ist keinenfalls der Stoiker, sondern wahrscheinlich aus Neanthes 
(dem Cyzicener) verschrieben. 



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256 Pythagoreer, [207. 208] 

luals des Pythagoras und seiner LebensgeBchichte bemächtigt 
hatte^ und dass die Späteren die - pythagoreischen Lehren weiter 
auszuspinnen begonnen hatten ; über die pythagoreische Philoso- 
phie erfahren wir ans diesen Quellen, von denen freilich nur 
Bruchstücke auf uns gekommen sind, kaum irgend etwas , das 
nicht schon' aus Aristoteles bekannt wäre. Weitere Fortschritte 
der PythagorassagC; welche aber gleichfalls mehr die Geschichte 
des Pythagoras und seiner Schule, als ihre Lehre betreffen, lassen 
sich im dritten und zweiten Jahrhundert, in den Angaben eines 
Epikur, Timäus, Neanthes, Hermippus, Hieronymus, Hippobotus 
und anderer wahrnehmen. Aber erst in der Zeit des Neupytha- 
goreismus, als Apollonius von Tyana sein Leben des Pythagoras 
schrieb, als Moderatus ein ausführliches Werk über die pythago- 
reische Philosophie verfasste, als Nikomachus die Zahlenlehre und 
diiB Theologie im Sinn seiner Schule bearbeitete , erst in dieser 
Zeit flössen die Quellen über Pythagoras und seine Lehre so 
reichlich, dass Darstellungen, wie die des Porphyr und Jamblich, 
möglich wurden '). So weiss uns also die Ueberlieferung über 
238 den Pythhgoreismus und seinen Stifter um so mehr zu sagen, je 
weiter sie der Zeit nach von diesen Erscheinungen abliegt, wo- 
gegen sie in demselben Mass einsilbiger wird, in dem wir uds dem 
Gegenstand selbst zeitlich annähern. Und mit dem Umfang der 
Berichte ändert sich auch ihre Beschaffenheit : waren auch früher 
schon manche Wundererzählungen über Pythagoras im Umlauf, 
so wird jetzt seine ganze Geschichte zu einer fortlaufenden Reihe 
der abenteuerlichsten Ereignisse, und trug das pythagoreische 
System nach den älteren Angaben einen einfachen, | alterthüm- 
liehen, mit der sonstigen Richtung der vorsokratischen Philosophie 
übereinstimmenden Charakter, so steht es nach der späteren Dar- 
stellung der platonischen und aristotelischen Lehre so nahe, dass 
die Pythagoreer der christlichen Zeit geradezu behaupten konn- 
ten*), die Philosophen der Akademie und des Lyceums hätten 



1) Dem Anfang dieses Zeitraums gehört, wie Bd. III, b, 74 ff. geaeigt 
ist, auch die Schrift an, welcher Albz ander Polyhistor b. Dxoo. VIII, 24 ff. 
seine Darstellung der pythagoreischen Lehre entnommen hat, und welche 
derjenigen des Sextus Pyrrh. III, 152 ff. Math. VII, 94 ff. X, 249 ff. gleich- 
falls au Grunde zu liegen scheint. 

2} Bei PoRPH. Y. Pyth. 53, wahrscheinlich nach Moderatus. 



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[208. 209] Quellen; Ältere und jüngere Berichte. 257 

ihre angeblichen Entdeckungen sammt und sonders dem Fjtba- 
goras entwendet*). Es liegt am Tage, dass eine solche Erwei- 
terung der Ueberlieferung nicht auf geschichtlichem Wege mög- 
lich war; denn wie lässt sich annehmen, dass den Schriftstellern 
der christlichen Zeit eine ganze Masse urkundlicher Nachrichten 
zu Gebote gestanden habe, die Aristoteles und seinen Schülern 
fehlten^ und wie könnten wir die ächte pythagoreische Lehre in 
Sätzen erkennen, welche Plato und Aristoteles den Pythagoreern 
nicht blos nicht beilegen, sondern grossentheils ausdrücklich ab- 
sprechen^ um sie als ihr eigenes ursprüngliches Eigenthum in 
Anspruch zu nehmen ? Das angeblich pythagoreische , welches 
von den älteren Zeugen nicht anerkannt wird , ist neupythago- 
reisch , und aus derselben Quelle stammt ohne Zweifel auch ein 
grosser Theil der Wundererzählungen und der unwahrscheinlichen 
Combi nationen, mit denen die pythagoreische Geschichte in den 
späteren Darstellungen so reichlich ausgeschmückt ist. ^ 

Ist aber demnach der unzuverlässige und ungeschichtliche 239 
Charakter dieser Darstellungen in der Hauptsache unbestreitbar, 
80 werden ebendamit ihre Angaben als solche auch da unbrauch- 
bar, wo sie für sich genommen der geschichtlichen Wahrschein- 
lichkeit und den älteren und zuverlässigeren Zeugnissen nicht 
widerstreiten würden ; denn wie können wir uns in den Neben- 
umständen auf die Aussagen derer verlassen, die uns in den 
Hauptsachen erweislich aufs gröbste getäuscht haben ? Die spä- 
teren Berichterstatter, seit dem | Auftreten des Neupythagoreis- 
mus, haben daher in allen den Fällen, wo sie mit ihrem Zeugniss 
allein stehen, im allgemeinen die Vermuthung für sich, dass ihre 
Angaben nicht aus wirklicher Kenntniss der Sache oder aus glaub- 
würdiger Ueberlieferung , sondern aus dogmatischen Voraus- 
setzungen , Partheiinteresseu , unsicheren Sagen , willkührlichen 



1) Dass es sich freilich in der Wirklichkeit umgekehrt verhielt, und 
dass die ältere pythagoreische Lehre von den Zuthaten, welche später zum 
Vorvcliein kommen, noch nichts enthielt, verräth sich in dem Zusatz: Dato 
niul Aristoteles haben gerade das, was sie sich nicht aneignen konnten, zu- 
sammengestellt, und mit Ueborgehung des übrigen für das Ganze der pytha- 
goreischen Lehre ausgegeben, und in der Behauptung des Moderatus (a. a. 
O. 48}, dass die Zahlen lehre bei Pythagoras und seinen Schülern nur Symbol 
einer höheren Spekulation gewesen sei. Vgl. Th. III, b, 96 f. 2. Aufl. 
Pbllos. d. Gr. I. Bd. 4. Aufl. H 



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"* "* 



258 Pythagoreer. [209] 

Erfindungen und unterschobenen Schriften entsprungen seien, 
und auch die Uebereinstlmmung mehrerer von diesen Zeugen 
kann hieran kaum etwas ändern, da sie einander ohne alle Prüfung 
auszuschreiben gewohnt sind *) ; nur in dem Fall verdienen ihre 
Aussagen Beachtung, wenn sie entweder ausdrücklich auf ältere 
Quellen zurückgeführt werden , oder wenn uns ihre innere Be- 
schaffenheit zu der Annahme berechtigt, das^ ihnen wirklich 
eine geschichtliche Ueberlieferung zu Grunde Hege. 

Wie mit den mittelbaren , so verhält es sich auch mit den 
angeblich unmittelbaren Quellen der pythagoreischen Lehre. 
Spätere Schriftsteller, fast ausnahmslos erst der neu pythagorei- 
schen und neuplatonischen Zeit angehörig, wissen von einer aus- 
gebreiteten pythagoreischen Litteratur , von deren Umfang und 
Beschaffenheit auch wir selbst uns nicht blo§ aus den wenigen 
erhaltenen Schriften, sondern noch weit mehr aus den zahlreichen 
Bruchstücken verlorener Werke ein Bild machen können *). Aber 
nur von dem kleinsten Theil dieser Schriften ist es wahrschein- 
lich, dass sie wirklich der altpythagoreischen Schule angehörten. 
240 Hätte diese Schule eine solche Masse schriftlicher Darstellungen 
besessen, so wäre es schwer zu begreifen, dass sich bei den älte- 
ren Zeugen keine bestimmteren Spuren davon finden, und dass 
namentlich Aristoteles von der eigenen Lehre des Pythagoras, 
dessen Namen doch mehrere von jenen Schriften trugen*), so 



1) So namentlich Jamblich den Porphyr, nnd beide, so viel sich aus 
ihren Anfähningen abnehmen lägst, den ApoUonius und Moderatns. 

2) Eine Uebersicht d erselben giebt Tb. III, b, S. 85 ff. 2. Aufl. In- 
zwischen hat auch Mullach den grössten Theil der im ersten Band seiner 
Fragmente übergangenen Bruchstücke in dem zweiten abdrucken lassen. 

3) Dioo. VIII, 6 kennt drei Schriften des Pyth., ein naiScuTixbv, leoXtxtxbv, 
oujtxbv, Hkraklides Lembus (um 180 ▼. Chr.) ebd. eine Schrift 7C. tou SXoi» 
und einen Upb; Xi^o^ in Hexametern. Wie sich der letztere zu dem Upo? 
X6^Qi verhielt, welcher aus 24 Rhapsodieen bestehend nach Suid. 'Op^. dem 
Orpheus, von andern jedoch dem Thessaler Theognet oder dem Pythagoreer 
Cercops zugeschrieben wurde, und welcber wahrscheinlich von der orphischen 
Theogonie nicht vorschieden ist (Lobeck Aglaoph. I, 714), Iftsst sich nicht 
ausmachen ; dass die Bruchstücke eines üvOa^öpEto^ C(avoc über die Zahl b. 
Prokl. in Tim. 155, C. 269, B. 331, E. 212, A. 6 , A. 96, D. Stria» k. 
Metaph. Schol. in Arist. 893, a, 19 ff. Simpl. Phys. 104, b, o. De cobIo 
259, a, 37. Schol. 511, b, 12 (vgl. Themist. zu Phys. III, 4. S, 220, 22 ßp.; 
zn De an. I, 2. S. 20, 21. Theo Mus. c. 38, S. 155. Skxt. Math. IV, 2. 



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[209] Quellen; pythagoreische Schriften. 259 



VII, 94, 109. Jambl. V. P. 162 and Lobeck a. a. 0.) un«erein Upb^ Xöyo^ 
angehören, ist durchaus anerweislich ; von dem orphischen Gedicht ohnedem 
unterscheidet Proklus den pythagoreischen Hymnus sehr bestimmt. Von 
einem sweiten lepb; Xö^oc, in Prosa» der auch Telauges zugeschrieben wurde, 
giebt Jambl. Y. P. 146 vgl. Pbokl. in Tim. 289, B den Anfang; Brach- 
stücke daraus bei Jambl. in Nicom. Arithm. S. 11. Syrian z. Metaph. 8chol. 
in Ar. 842, a, 8. 902, a, 24. 911, b, 2. 931, a, 5. Hierokles in carm. anr. 
B. 166 (Philos. gr. Fr. ed. Mull. I, 464, b); vgl. auch Pbokl. in Euclid 
8. 7 (22 Friedl.). Dieser It^o^ X6^o^ beschäftigte sich, wie ans den ange- 
führten Stellen hervorgeht, hauptsächlich mit der theologischen und meta 
physischen Bedeutung der Zahlen. Einen tspb« X^f^C ^^ Pythagoras, bei 
dem wir wohl eher an den in Versen, als an den, wie es scheint jüngeren 
in Prosa, xu denken haben, kennt auch Diodor I, 98. Ausser den genann 
ten erwähnt Heraklides a. a. O. Schriften n. «j^ux^rjc, tc. euoeßeta^, einen 
„Helothales** und einen „Kroton*', wie es scheint Dialogen, xa\ aXXou^; Jambl. 
Theol. Arithm. S. 19 ein atS^YP^P-H-' ^^p"^ Octuv, von den (fipot Xöyoi vermnthlich 
EU unterscheiden; Plin. H. nat. XXV, 2, 13. XXIV, 17, 156 f. ein Buch über 
die Wirkungen der Pflanzen ; Galeh De remed. parab. Bd. XIV, 567 K. ehie 
Bchrift :r6p\ 9x{XXt2< ; Prokl. in Tim. 141, D einen \6yo^ npb; *Aßapiv; Tzetz. 
Chil. II, 888 f. (vgl. Harless zu Fabr. Bibl. gr. I, 786) irpoYvcixjttxa ßtßXia; 
Malal. 66, D. CsDBEir. 138, G eine Geschichte des Krieges zwischen den 
Samiem und Gyrus; Porph. v..P. 16 eine Inschrift auf dem Grabe Apollo*s 
in Delos. lo von Ghins (oder wahrscheinlicher Epigenes, welchem Eallima- 
chas die Triagmen beilegte) hatte behauptet, er habe orphische Gedichte 
unterschoben (Glembrs a. a. O. Dioo. VIII, 8;)*, ihm selbst sollte von Hippasus 
ein liuomxb^ Xo']fO{, von dem Krotoniaten Asto eine Reihe von Schriften 
unterschoben sein (Dioa. VIII, 7). Eine xaraßaai^ tU ol^om scheint zn der 
Erzählung von der Fahrt des PhilDsophen in den Hades (s. u. S. 266, 3 
3. Aufl.) Anlass gegeben zn haben ; auf sie will Nietzsche (Beitr. z. Quellen, 
knnde d. La&rt. Diog. Base 1870. S. 16 f.) auch die Angabe Dioo. 8: aOTou 
X/fouTt xot xof 9xoici&Ba( zurückfahren, indem er für 9xo7cia$a$ „axoira; ATSao'* 
vermuthet. Auf ein von jüdischer Hand unterschobenes oder interpolirtes 
Gedicht weisen die Verse bei Justik De Monarch, c. 2, 9chl.; weitere Bruch- 
stücke pythagoreischer Schriften finden sich bei Just. Gehört, c. 19 (Glemens 
Protr. 47, C u. a. vgl. Otto z. d. St. Justin'»). Porph. De abstin. IV, 18. 
Jambl. Theol. Arithm. 19. Syrian. Schul, in Arist. 912, a, 32. b, 4 ff. Ob 
auch eine Arithmetik unter Pythagoras' Namen im Umlauf war, und sich 
hierauf die Angabe (Malal. 67, A. Gedren. 138, D. 166, B. Isidor. Orig. 
III, 2) bezieht, er habe die erste Arithmetik geschrieben, ist zu bezweifeln. 
Kbenso scheinen die> zahlreichen moralischen Aussprüche, welche Stobaüs 
im Florilegium von Pythagoras anführt, keiner ihm unterschobenen Schrift 
entnommen za sein. Auch das sog. goldene Gedicht wurde von manchen 
Pythagoras beigelegt, wiewohl es selbst diesen Anspruch nicht macht (m. s. 
McLLACH in B. Ausgabe des Hierokles in carm. aur. S. IX f., Fragm. Philos. 
gr. I, 410, und die Ueberschriften zu den Auszügen des Stobäus a. a. O.), 

17* 



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260 Pythagoreer. [210] 

241 gar nichts zu sagen | weiss ^). Es wird aber auch ausdrücklich 
bezeugt; Philolaus sei der erste Pythagoreer gewesen , der ein 
philosophisches Werk veröffentlicht habe, vor ihm seien dagegen 
keine pythagoreischen Schriften bekannt gewesen ^), Pythagoras 

242 selbst habe nichts geschrieben*), ebensowenig Hippasus •*), von 



und im allgemeinen redet Jambltch y. P. 158. 198 von vielen, die ganze 
Philosophie umfassenden Büchern, die theils von Pyth. seihst, theils auf 
seinen Namen verfasst seien. 

1) Denn dasMfthrchen von der Geheimhaltung jener Schriften (s. u. 261, 1), 
von der ohnedem zur Zeit des Aristoteles selbst nach Jamblich nicht mehr 
die Rede sein könnte, kann man uns nicht entgegenhalten, vollends nicht, 
wenn schon lo dieselben gekannt hfttte (vor. Anm.). — Röth'b bodenlose 
Behauptung, dass Aristoteles und überhanpt alle älteren Zeugen nur von 
den „Pythagoreem", den Kxoterikern der Schule, nicht von der esoterischen 
Lehre der „Pythagoriker" gewusst haben — eine ihm selbst freilich unent- 
behrliche Grundvoraussetzung seiner ganzen Darstellung — wird S. 269, 2 
3. Aufl. besprochen werden. Mit dieser Behauptung fftllt nun von selbst 
auch der Versuch, den Upbc Xiyoq des Pythagoras aus den Bruchstücken des 
mit ihm angeblich identischen orphischen Gedichts zu roconstruiren (Roth IT, 
a, 609 — 764), da der pythagorische Ursprung dieses Gedichts nicht allein 
vollkommen unerweislich, sondern auch mit allen glaubwürdigen Berichten 
über die pythagoreische Lehre durchaus unverträglich ist. Roth wirrt aber 
überdiess die Mittheilungen aus orphischen und pythagoreischen Werken, 
welche sich auf sehr verschiedene, Jahrhunderte weit auseinanderliegende 
Schriften beziehen, trotz Lobeck 's klassischer Vorarbeit, so kritiklos durch- 
einander, dass seine ganze anspruchsvolle und mühsame Erörterung den 
minder Unterrichteten nur irreführen kann, für den Sachverständigen ohne 
allen Werth ist. 

2) Dioo. VIII, 15, namentlich aber §. 85: touxöv 97)01 Ar^jAi[tpto( (Dem. 
Magnes, der bekannte Zeitgenosse Cicero^s) ev '0{icovu|iotc icpcoxov sxSouvat 
TüSv nu8«Y0pi*wv mpi ouaeto;. Jambl. v. P. 199 s. u. 261, 1. 

3) PoBPH. V. Pythag. 57 (wiederholt von Jambl. v. Pyth. 252 f.): nach 
der kylonischen Verfolgung ^^Airs xot ii £:;i9nJ(iY), af^r^xo^ £v lotc cxi^fitivt 
ctt fuXa^Oeiaa a^^^i töte, (i^voiv tü>v 8ua9uv^Tü>v napa to1( Sita S(a|jLVT2|i.ov£uo{i^- 
vb>v* oStc yap nuGayöpou oUyYpaiAfJia ^v u. s. w. Daher haben jetzt die, welche 
sich aus der Verfolgung retteten, für ihre Angehörigen Abrisse der pytha- 
goreischen Lehre geschrieben. Weil aber Porphyr selbst Schriften der älte- 
ren Pythagoreer voraussetzt, so fügt er bei, sie haben auch diese Schriften 
gesammelt. Philooem. 4:. euoeß. S. 66 Gomp.: manche behaupten, dass P. 
keine der ihm beigelegten Schriften verfasst habe. Dioo. VIII, 6: evioi {xlv 
oliv TIuOttY^pav [Lifil h xataXtTceiv 9ÜYYpa(jL|jia ^ aji. Bestimmter sagt diese 
Pi.UT. Alex. fort. I, 4. 8. 328. Numa 22. Lccian De salut. c. 5. Galer 
De Hipp, et Plat. I, 25. V, 6. T. XV, 68. 478 K. (wiewohl Derselbe anderswo 



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[211] Quellen; pythagoreisclie Schriften; Philolaus. 26t 

dem wir doch gleichfalls noch angebliche Bruchstücke besitzen ; 
und diesen Angaben gegenüber kann die unwahrscheinliche Aus- 
rede Jamblich's *), I es seien wohl Schriften vorhanden gewesen^ 
aber sie seien bis auf Philolaus streng als Geheimniss der Schule 
bewahrt worden^ nicht in Betracht kommen ; vielmehr ist auch sie 
uns eine willkommene Bestätigung der Thatsache, dass es den 
Späteren selbst an allen urkundlichen Spuren von dem Daeain py- 
thagoreischer Schriften vor Philolaus gefehlt hat. Wenn daher 
die Gelehrten der alexandrinischen und römischen Zeit voraus- 
setzen^ es müsse solche Schriften wenigstens innerhalb der pytha- 
goreischen Schule von jeher gegeben haben^ so gründet sich diese 
Annahme nur auf die eigene Aussage der angeblich alten Werke 
und auf die Vorstellungsweise eines Geschlechts ^ das sich eine 
Philosophenschule ohne philosophische Literatur nicht zu denken 
wusste^ weil es selbst seine Wissenschaft aus Büchern zu schöpfen 
gewohnt war. Dazu kommt^ dass auch die innere Beschaffenheit 
der meisten von den angeblich pythagoreischen Bruchstücken ihre 
Aechtheit höchst unwahrscheinlich macht. Die Fragmente des 
Philolaus müssen allerdings, wie diess Böckh in seiner be- 
kannten trefflichen Monographie^) gezeigt hat, ihrer Mehrzahl 243 
nach nicht blos auf Grund der äusseren Zeugnisse, sondern noch 
weit mehr desshalb für acht anerkannt werden, weil sie nach In- 
halt und Ausdruck unter einander und mit allem , was uns sonst 
als pythagoreisch verbürgt ist, übereinstimmen ; nur bei einer ein- 
zigen philosophisch wichtigen Stelle werden wir uns genöthigt 
sehen, in dieser Beziehung von BÖCKU. abzuweichen 'J. Dagegen 



— B. o. S. 259 — eine Schrift des Pytli. anführt). Joseph, c. Ap. I, 22, 
vielleicht nach Aristohul. Augustin De cons. evaDg. I, 12. 

4) Dioo. VIII, 84: pj<Ä 8' «Otov Ar,aT[Tpt05 ^v '0(jl(ovÜ{ioi( yjfih xaxaXintv* 

1) V. Pyth. 199: Oav(ia!^eToi( 81 xai f^ Tij; ^uXaxij; axptßcia* Iv y«P xoaaü- 
tac« Ytv«a*t; £tcov ouog\; ouSevi ^atvcTsi tüjv ITuOaYopE'lcüv &7:o|j.v7](xaTcov jieptTE- 
xtxt'/jün jcpb TTJ« •PiXoXoou I)Xix-!k(, aXX* ouro; Jtpwio; ^J^ve^xe la OpuXoujuva 
lauia zpia ßißXia. 

2) Philolaus des Pythagoreer's Lehren nebst den Bruchstücken seiner 
Werke. 1819. Weiter vgl m. Preller Philol., Allg. Encykl. von Ersch 
und Gruber S. III, Bd. 23, 370 f. 

3; Seit das obige zuerst geschrieben wurde, ist die Aechfh^it der phi- 
loUiscben Fragmente, die schon Böse Arist. libr. ord. 8. '. läugnete, von 



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262 Pythagoreer. [211] 

244 lässt sich schon nach dem oben angefiihrten die Unächtheit der 



ScHAAKBCHMiPT (Die angeH Scbriftstolierei des Philolaus 1864) lebhaft be- 
stritten, imd das Werk, dem sie angehörten, dem letzten oder frühestens 
dem vorletzten Jahrhundert y. Chr. zugewiesen worden. Wenn ich trotz- 
dem an meiner früheren Ansicht von ihnen festhalte, so kann ich meine 
Gründe dafür hier zwar nicht eingehender entwickeln, doch will ich wenig- 
stens die Hauptpunkte bezeichnen. — Was nun fßr's erste die Ueberlief e- 
rnng über die philolaisohe Schrift betrifft, so setzen zunächst HKRHirrus 
(b. UioQ. YllI, 85) und Sattbus (ebd. UI, 9) schon um 200 y. Chr. mit 
der Angabe, dass Plato die Schrift des Philolaus erkauft und aus ihr feinen 
TimäuB abgeschrieben habe, das Dasein eines Werkes unter dem Namen 
des Philolaus voraus; denn theils reden beide von dieser Schrift als einer 
bekannten, theils lässt sich nicht absehen, wie andernfalls jene Angabe hätte 
entstehen können. Hermippus hatte dieselbe aber überdieas aus einem älteren 
Schriftsteller entlehnt. Dass femer das philolaische Buch auch schon Yor 
ihm dem Nbanthbs (um 240) bekannt war, zeig^ die Behauptung dieses 
Schriftstellers b. Dioo. VllI, 55: bis auf Philolaus und Empedokles haben 
die 'Pythagoreer jedermann zu ihrem Unterricht zugelassen, als aber Empe- 
dokles ihre Lehre in seinem Gedicht veröffentlichte, haben sie beschlossen, 
sie keinem Dichter mehr mitzutheilen. Die Absicht des Neanthes bei dieser 
Erzählung kann doch nur die sein, den Philolaus als einen der ersten pytha- 
goreischen Schriftsteller mit Empedokles zusanmienzustellen, nicht aber 
(wie ScH. 76 will), die Einführung des Schulgeheimnisses bei den Pytha- 
goreem durch seine mündliche Lehrthätigkeit zu motiviren, mit der er ja, 
gerade nach Neanthes, nur gethan hätte, was bis dahin alle anderen aach 
thaten. Wenn aber Diog. im weiteren nur noch von Empedokles und der 
Ausschliessung der Dichter redet, so kann man daraus nicht schliessen, 
Neanthes habe „noch keine Schriftstellerei des Philolaus angenommen*; 
sondecp entweder hat Diog., der die Notiz im Leben des Empedokles bringt, 
AUS Neanthes nur das, was diesen betraf, aufgefaommen, oder Neanthes selbst 
hatte nur desjenigen Verbotes erwähnt, zu dem Empedokles, als der erste 
von den angebHc]hen pythagoreischen Schriftstellern, Anlass gegeben haben 
sollte. Nach diesen Zeugnissen werden wir dann aber auch die bekannten 
Verse Timok^b b. Gell. N. A. 111, 17 nur auf die Schrift des Philolaus 
beziehen können; denn dass sie auf gar kein bestimmtes Werk, sondern 
nur auf irgend ein pythagoreisches Buch überhaupt gehen (Sch. 76), ist 
doch kaum denkbar. Nun wird allerdings Philolaus von Aristoteles nie 
genannt, wenn auch Eth. Eud. II, 8. 1225, a, 33 ein Wort von ihm ange- 
führt wird, und auch Plato hat seine Physik ' im Timäus nicht ihm, son- 
dern einem sonst unbekannten Pythagoreer in den Mund gelegt. Allein 
dazu hatte Plato gerade dann besonderen Anlass, wenn eine Schrift des Phi- 
lolaus vorlag, deren Vergleichung den grossen Unterschied seiner Naturlehre 
von der pythagoreischen sofort an's Licht gestellt hätte. Was aber Aristo- 
teles anbelangt, so- nennt dieser die Quellen, denen er seine Kenntniss der 



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[211] ■ Quellen; pytBagoreische Schriften; Philolaus. 263 

Schriften, welche dem Pythagoras Beigelegt werden, nicht be- 245 



pythagoreischen Lehren verdankt, Überhaupt nicht, so wenig er auch seine 
sahireichen und in*8 einzelste eingehenden Mittheilungen über den Pytha- 
goreismuB blos aus mündlicher Ueberlieferung geschöpft haben kann; wie 
er Ja auch sonst von den älteren Philosophen vieles anführt, ohne zn sagen, 
wo er es her hat Man kann daher aus seinem Stillschweigen über Philo- 
lans nicht schliessen, dass ihm keine Schrift dieses Pythagorecrs bekannt 
war. Vergleicht man vielmehr Metaph. I, 5. 986, b, 2 ff. mit dem philo- 
Uiachen Bruchstück bei Stob. Ekl. I,^ 454 f. (unten S. 294, 2. 300, 1 3. Aufl.) 
Metaph. XIII, 6. 1080, b, 20. XIV, 3. 1091, a, 13 f. mit Stob. I, 468, 
Metaph. I, 5. 985, b, 29 f. mit dem Fragment bei Jambi.. Theol. Arithm. 
6. 56. 22 (unten S. 349, 2. 387, 1 3. Aufl.), so wird es sehr wahrscheinlich, 
dasB Aristoteles in diesen Stellen auf die Schrift des Philolaus Bezug nimmt; 
und dass wir dafür nicht mehr Belege beibringen können, kann bei dem ge- 
ringen Umfang unserer Bruchstucke nicht auffallen. (Nliheres* hierüber in 
meiner Abhandlung: Aristoteles und Philolaos. Hermes X, 178 ff.) Auch 
Xenokrates hatte sich nach Jambl. Theol. Arithm. S. 61 f. mit den Schrif- 
ten des Philolaus eifrig beschäftigt; und ist auch der Zeuge nicht unanfecht- 
bar» so st^t doch seiner Aussage sachlich um so weniger im Wege, da 
dieser Philosoph auch in der Annahme des Aethers mit unserem Philolaus 
überein9timmt (s. Th. II, a, 809, 1). Die gleiche Annahme begegnet uns 
in der platonischen Epinomis (m. s. a. a. O. 894, 2); aber auch Anklänge 
an eines unserer Phijolausfragmente (b. Stob. I, 8, unten S. 294, 1 3. Aufl.) 
scheinen sich in ihr (S. 977, D ff.) zu finden. Die äusseren Zeugnisse 
sprechen daher entschieden für die Annahme, dass Philolaus die ibm bei- 
gelegte Schrif( wirkUch verfasst habe, und. dass uns ächte Ueberbleibsol 
derselben erhalten seien. — In der Beurtheilung der uns überlieferten Bruch- 
stücke selbst bin ich mit Scuaabschmidt zunächst schon darin nicht ein- 
verstanden, dass er sie alle ohne Ausnahme von vorne herein demselben 
Verfasser zuweist, und in dieser Voraussetzung unbedenklich aus dem einen 
derselben Beweise gegen das andere herniuimt, während doch jedenfalls erst 
SU untersuchen war, wie es sich hiemit verhält; ich meinestheils finde den 
Abstand zwischen dem unten näher zu besprechenden Stück b. Stob. Ekl. 
l, 420 und der grossen Mehrzahl der übrigen nach Form und Inhalt so be- 
deutend, dass ich beide selbst dann nicht dem gleichen Verfasser beilegen 
möchte, wenn ich nicht blos jenes, sondern auch diese, für unächt hielte. 
Macht doch auch Sch. S. 26 darauf aufmerksam, dass die Aeusserungon 
dieses Fragments über die Weltseele mit der Philolaus sonst beigelegten Lehre 
vom Centralfeuer im Widerspruch stehen. — Weiter scheint es mir, dass 
der Kritiker, wie er zwischen den verschiedenen Fragmenten zu wenig unter- 
scheidet, so auch zwischen den Fragmenten der philolaischen Schrift und 
den Berichten über diese Schrift nicht genug unterscheide. So wird S. 37 
in der Angabe des Stobäus Ekl. 1 , 452 das stoische v)Ye{JLOvtxbv und der 
pUtonische Demiurg, es werden ebenso S. 30 in dem Auszug ebd. 488 Aus- 



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264 Pythagoroer. [211] 

246 zweifeln, tind was uns von denselben in abgerissenen Bruch- 
drücke, wie sJXixpivfiia tcuv <iioixeiwv, ^piXojigTaßoXo; Y^ve<ji;, dem „Fragmenti* 
sten" zugerechnet, wllhrend docb der Schriftsteller, dem Stobäus hier folgt, 
in diesem so gut, wie in hundert andern Fällen, ältere Lehren in die Sprache 
und die Begriffe der späteren Zeit gofasst haben kann; S. 38 wird das, 
was Athen AooRAS (äuppl. 6) aus einem ganz unverfänglichen philolaischen 
Wort folgert (die Einheit und Immatorialität Oottes) , als die eigene Aus- 
sage des angeblichen Philolans behandelt; S. 53 soll „Philolaus*' b. Stob. 
Kkl. I, 530 von einer dreifachen Sonne reden, so deutlich auch der Bericht- 
erstatter seine Bemerkung, nach Philo!, gebe es gewissermassen eine drei- 
fache Sonne, von dem, was Philol. gesagt haben soll, unterscheidet; der- 
selbe Berichterstatter, welcher unmittelbar nachher- auch dem Empedoklea 
zwei Sonnen beilegt. Mögen sich ferner in den Angaben über Philolans 
bei Schriftstellern, wie Stobäus, Pseudoplutarch, Censorin und Boethius, aller- 
dings manche Ungenau igkciten , 'Lücken und Unklarheiten finden, so wird 
man doch daraus nicht (wie Scii., z. B. S. 53 f. 55 f. 72) sofort auf die 
l'nächtheit der Schriften schliessen dürfen, über deren Inhalt sie berichten 
wollen, denn dieselben Mängel zeigen ihre Berichte auch da oft genug, wo 
wir sie durch urkundlichere Zeugnisse controliren können. Nicht ganz 
selten scheint mir aber auch Schaarschmidt Bedenken zu erheben, die nur 
in einer unrichtigen Auffassung der betreffenden Stellen und Lehren ihren 
Grund haben. So soll die Stelle b. Stob. £kl. I, 360 mit der Angabe dos 
Aristoteles (De cceIo II, 2. 285, a, 10), dass die Pythagoreer im Weltgc- 
bäude nur ein Rechts und Links, nicht auch ein Oben und Unten, Vorne 
und Hinten angenommen haben, im Widerspruch stehen (S. 32 ff.); aliein 
. diese letztere Angabe erläutert sich durch eine andere aus der Schrift über 
die Pythagoreer (s. u. S. 379, 2 3. Aufl.), welche wir, selbst w^enn sie nn- 
iicht wäre, doch schwerlich in die neupythagoreische Zeit herabrücken dürf- 
ton, dahin, dass die Pythagoreer nur kein Oben und Unten im gewöhnlichen 
und eigentlichen Sinn annahmen, weil sie nämlich das Oben mit der linken, 
das Unten mit der rechten Seite der Welt , zugleich aber auch jenes mit 
dem Umkreis, dieses mit der Mitte identiücirten ; das letztere aber scheint 
gerade der Sinn der verdorbenen Stelle bei Stobäus an sein: sie will den 
Gegensatz des Oben und Unten auf den des Aussen und Innen zurückführen. 
Wenn es ferner Sch. S. 38 ganz undenkbar findet, dass Philol. das Central- 
fcucr TÖ irpaxcv ap{jiO90h ib tv genannt haben sollte (s. S. 354, 1 3. Auü.), 
so mag er dies» mit Aristoteles ausmachen, welcher gleichfalls mit Beziehung 
auf das Centralfeuer von der Bildung des h redet; auch die Zahl Eins ist 
aber ihm zufolge bekanntlich aus dem Ungeraden und Geraden entstanden. 
Ebensowenig wird man es unpythagoreisch finden können (Scii. 65), dass 
bei Stob. Ekl. I, 454 ff. das «rsipov und jcfipoivov vom »pTiov und TKpwobv 
unterschieden werden ; das gleiche geschieht ja auch in der Tafel der Gegen- 
sätze .\ribt. Metoph. I, 5. 986, a, 23. Will endlich Scii. 8. 47 ff. (um an- 
deres zu übergelien) die fünf Elemente des Philolans desshalb nicht für alt- 
pythagoreisch halten, weil 1) nach Aristoteles die Pythagoreer gar keine 



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[211] Quellen; pythagoreische Schriften. 205 



körperlichen Elemente angenommen, 2) Empedokles «nerst die Lehre Ton 
den vier Elementen aufgestellt und 3) erst Aristoteles diesen den Aether als 
fAnftes beigefügt habe, so muss ich diese Gründe alle drei in Anspruch 
nehmen. Dass die Pythagoreer bei der Frage nach den letzten Grflnden 
an die Stelle der körperlichen Urstoffe die Zahlen setzten, hat Böckh und 
haben wir andern gewiss nicht „überselien*'; aber was hat diess mit der 
Annahme zu schaffen, dass einzelne von ihnen, wie eben Philolaus, di^ Ent- 
stehung des Körperlichen aus den Zahlen näher zu erklären versucht haben, 
indem sie die qualitativen Grund unterschiede der Körper auf den Gestalts- 
unterschied ihrer kleinsten Theile zurückfahrten , wie diess Plato von ver- 
wandtem Standpunkt ans auch thnt? Jene Lehre besagt Ja nicht, dass es 
gar keine Körper gebe, sondern nur, dass sie etwas abgeleitetes seien. Was 
femer Empedokles betrifft, so war dieser Philosoph ohne Zweifel um einige 
Jahrzehende &lter, als Philolaus; warum könnte er daher nicht durch seine 
Elementenlehre die des letzteren veranlasst haben, wie ich diess schon in der 
2. Aufl. S. 298 f. 508 f. wahrscheinlich gefunden habe? Auch da» aber 
liUst sich nicht annehmen, dass Aristoteles den fünften Körper, welcher für 
ihn allerdings seine eigenthümliche Bedeutung gewann, zuerst aufgebracht 
hat; vielmehr erhellt sein pythagoreischer Ursprung deutlich daraus, dass er 
sich auch in der alten Akademie bei allen denen findet, welche vom Plato- 
nismus auf den Pythagoreismua zurückgiengen: ausser der Epinomis nftmlich 
auch* bei Speusippus und Xenokrates, und bei Plato selbst in seinen späte- 
ren Jahren; vgl. Bd. II, a, 809, 1. 860,' 1. 876, 1. 894, 2 3. Aufl. Nach, 
allem diesem kann ich nun Schaarbchmidt's Ergebnissen nur zum kleinsten 
Theil beitreten. Dass die philolaischen Fragmente nicht unverfälscht auf 
uns gekommen sind, glaube ich allerdings, und ich habe diess schon frfiher 
(8. 269. 305 der 2. Aufl.) in Betreff des von Stpb. Ekl. I, 420 f. aufbe- 
wahrten Stücks aus dem Buche n. <|>ux^« ^^ zeigen versucht. Auch gegen 
den monotheistischen Ausspruch bei Philo mundi opif. 23, A und die Aus- 
frage Jamblich*8 in Nicom. Arithm. 11 habe ich dort (271, 4. 6 247, S 
S:^chl.) Zweifel geäussert Von den übrigen Fragmenten könnte *das 3. Aufl. 
8. 387 aus Theol. Arithm. 22 angeführte vielleicht am ehesten Bedenken 
erregen; indessen wird man in einer Zeit, in welcher der Begriff des vou; 
durch Anaxagoras bereits entdeckt war, eine solche Reflexion doch um so 
weniger unmöglich finden können, da auch Abist. Metaph. I, 5. 985, b, 30 
unter den Dingen, welche von den Pythagoreem auf gewisse Zahlen zurück- 
geführt wurden, den vou; und die 'i^u/^^ nennt; und andererseits verdient es 
alle Beachtung, dass die platonisch -aristotelische Lehre von mehreren Thei- 
len der Seele, welche andere angebliche Pythagoreer kennen (s. .Th. III, bi 
120 2. Aufl.), dem philolaischen Bruchstück noch fremd ist: die Unterschiede 
des Lebens und der Beseelung sind hier noch unmittelbar an die körper- 
lichen Organe geknüpft. Derselbe Grund spricht aber Überhaupt für die 
Aechthcit der meisten Fragmente: jener Einfluss der platonischen und ari- 
stotelischen Philosophie, der in allen pseudopythagoreischen Stücken so un- 
v^kennbar hervortritt, ist hier noch nicht wahrzunehmen; wir finden wohl 



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266 Pythagoreer. [211. 212] 

247 stücken erhalten ist; kann nach Inhalt und Form ^) nur zur Ver- 
stärkung dieses Verdachts beitragen. Ebenso ist man über die 
Unächtheit der Abhandlung von der Weltseele, die dem Lokrer 
Tim aus beigelegt wird, die sich aber beim ersten Blick als ein| 
Auszug aus dem platonischen Timäus darstellt, seit Tennemann's 
gründlicher Beweisführung ^^ einig, und in BetreiFdes Lukaners 
O c e 1 1 u s und seiner Schrift über das Weltganze könnte höchstens 
darüber gestritten werden, ob diese Schrift sich selbst für altpy- 
thagoreisch ausgeben wolle oder nicht, denn dass siees nicht ist, 
unterliegt keinem Zweifel ; der neueste Herausgeber hält aber mit 
Becht daran fest, dass das Werkchen dem angeblichen Pjthago- 
reer beigelegt sein wolle, dem es auch die Alten, soweit sie seiner 
überhaupt erwähnen, einstimmig zuweisen •'). Von den übrigen 
Ueberbleibseln der pythagoreischen Schule sind die wichtigsten 



manches darin, was sich für uns seltsam und fremdartig ausnimmt (wie die 
S. 337 der 3. Aufl. besprochene Zahlensymbolik, welche ^cHAASscniriDT 
B. 43 ff. ohne Noth zum Anstoss gereicht), aber wir finden nichts von dem, 
was dem späteren Pythagoreismus eigen ist^ wie der Qegensatz von Form 
und Stoff, Geist und Materie, der transcendente Gottesbegriff, die Ewigkeit 
der Welt, die platonisch-aristotelische Astronomie, die Weltseele und die 
entwickelte Physik des Timäus; ihr Ton und ihre Darstellung stimmt, ab- 
gesehen von Einzelheiten, welche auf Rechnung der späteren Berichterstatter 
zu aetzen sind, mit dem Bild überein, welches wir uns von der Darstellung 
eines Pythagoreers zur Zeit des Sokrates machen müssen, und in ihrem In« 
halt findet sich solches, was sich einem späteren Verfasser kaum zutrauen 
lässt« wie namentlich die von Böükm Philol. 70 besprochene Eintheilung 
der Saiten, statt deren z. B. Nikom. Harm. I, S. 9 Meib. schon dem Pytfaa^ 
goras die des Oktachords zuschreibt. — Schaarschmidt^s Urtheil über die 
philolaischen Fragmente ist Uebbrweo Grundr. I, 47. 50, Thilo Gesch. d. 
Fhil. 1, 57 und Rothenbücher d. Syst. der Pyth. nach den Angaben d. 
Arist. (Berl. 1867) beigeti'eten , und der letztere sucht dasselbe durch eine 
Kritik des Bruchstücks b. Stob. Ekl. I, 454 noch weiter zu begründen; ich 
kann jedoch hier auf diese Kritik um so woniger näher eingehen, da sich 
zur Beleuchtung ihrer Haupteinwürfe später noch Gelegenheit finden wird. 

1) Die Bruchstücke sind meist dorisch, Pythagoras aber sprach ohne 
Zweifel den jonisclien Dialekt seiner Vaterstadt, in der er bis in ein Mannes- 
alter gelebt hatte. . 

2) System, d. plat. Philos. I, 93 ff., wozu die weiteren Nachweisungen 
bei Hermann Gesch. und Syst. d. plat. Phil. I, 701 f. zu vergleichen sind. 

3) Mullach Aristot. de Melisso u. s. w. et Ocelli Luc. De univ. nat. 
(1845) S. XX ff. Ftagm. J'bilps. I, 383; vgl. Th. IH, b, S, 83. 99. 115 d«r 



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[212. 213] Quellen; pythagoreische Schriften. 267 

die des Archjtas; aber nach allem, was in neuerer Zeit hier* 
über verhandelt worden iet^), kann ich nur urtheilen^ daBs unter 
den vielen längeren und kürzeren Bruchstücken , die ihm beige- 24« 
legt werden, weit die meisten überwiegende Gründe gegen sich 
haben; den übrigen aber lässt sich für die Kenntniss der pytha- 
goreischen Philosophie im ganzen nur wenig entnehmen, da die- 
selben meist mathematischen oder sonstigen speciellen Unter- 
suchungen angehören *). Und dieses Urtheil lässt sich dadurch 
nicht umstossen, dass Archjtas, um das offenbar platonische in 
seinen angeblichen Büchern zu erklären , mit Petersen ') zum 
Vorgänger, oder mit Beckmann ^) zum Schüler der platonischen 
Ideenlehre gemacht wird; denn von diesem Piatonismus des 
Archjtas weiss kein einziger alter Zeuge, | sondern wo des Ver- 
hältnisses zwischen Plato und Archytas erwähnt wird, da be- 
schränkt sich diess auf eine persönliche Verbindung, oder auf 
einen wissenschaftlichen Verkehr, aus dem für die Gleichheit der 
philosophischen Ansichten nichts folgen würde ^); wo dagegen 



1) BiTTBB Gesch. d. pyth. Phil. 67 ff. Gesch. d. Phil. I, 877. Habtbh- 
BTEiB De Archyt» Taren tini fragm. (Lpzg. 1833), welche heide, xiameDtlich 
KiTTXB, die meisten und philosophisch wichtigsten Bruchstücke Terwerfen, 
während Eooebs De Archyt» Tar. Vita Opp. et phiL'Par. 1833. Pbtebsbb 
Zeitschr. für Alterthumsw. 1836, 873 ff. Beckmanh De Pythag. reliqaiis und 
Chaiohet a. a. O. 1, 191 ff. 255 ff. die Mehrzahl derselben in Schutz neh- 
men,. Gbuffb über d. Fragm. d. Arch. alle ohne Ausnahme verwirft, und 
MuLLACB Fr. phü. Gr. U, XVI f. es ebenfalls wahrscheinlich findet, dass 
uns fast nichts von ihm erhalten sei. Die weitere Litteratur bei Beck- 
MAHK B. 1. 

2) Dahin gehört, was Abistoteles Metaph. YIII, 2, g. E. und Eudb- 
MÜ8 bei SiMPL. Phys. 98, b, m. 108, a, o. mittheilt, und was sich bei Pto- 
lbmIus Harm. I, 13 und Porphyr in Ptol. Harm. S. 236 f. 257 m. 267 a* 
269 o. 277 m. 280 m. 310 m. 313. 315 findet. Vgl. Th. HI, b, 91 2. Aufl. 

3) A. a. O. 884. 890. 

4) A. a. O. 16 ff. Aehnlich Chaiohbt I, 208. 

5) Diess gilt strenggenommen auch von den zwei Zeugnissen, auf die 
BECKHAim 8. 17 f. grossen Werth legt, des Eratosthenbs (b. Eutoc. in 
Archimed. De sphsra et cyl. II, 2. 8. 144 Ox., angef. von Gruppe 8. 120), 
dass unter den Mathematikern der Akademie (tou( icopa icu IlXotiuivt tv *Axa- 
5i]|iia ywnUxpai) Archytas und Eudoxus das delische Problem gelöst haben, 
und des falschen Demosthebes Amator. 6. 1415, dass Archytas, früher von 
seinen I^andsleuten geringgeachtet, erst in Folge seiner Verbindung mit Plato 
SU Ehren (;ekomm6n sei; indessen wird die erBte von diesen Angaben von 



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268 Pythagoieer. [218J 

die philosophische Richtung des Archytas angegeben werden boII, 
249 da wird er immer als Pythagoreer bezeichnet, und diess geschieht 
nicht erst von späteren Schriftstellern seit Cicero's Zeit *), son- 
dern auch schon von AristoxenüS *) , dessen Bekanntschaft mit ' 
den jüngei'en Py thagoreern ausser Frage steht ') ; | ja Archytas 
selbst rechnet sich in einem erhaltenen Bruchstück; dessen Aecht- 
heit sich schwerlich anfechten lässt, deutlich zu den Pythago- 
reern*). Dass daneben auch in selbständiger Weise von der 
Schule des Archytas gesprochen wird*), steht dem natürlich nicht 
im Wege : diese Schule ist desshalb so gut eine pythagoreische, 
wie etwa die des Xenokrates eine platonische, oder des Theo- 



EratoRthenes selbst ausdrücklich als blosse Sage bczeicbneti die Aussage der 
pseudodemosthenischen Rede aber ist ohne Zweifel gerade ebenso geschicht- 
lich, wie die Behauptung derselben' Schrift, dass Periklcs durch den Unter- 
richt des Anaxagoras zu dem grossen Staatsmann, der er war, geworden sei. 

1) Von denen Beckmann S. 16 die folgenden anführt: Cio. De orat. 
in, 34, 139. (eine Stelle, die desshalb merkwürdig ist, weil sie, im übrigen 
der eben angeführten des falschen Demosthenes entsprechend, statt des Plato 
den Philolans zum Lehrer des Archytas macht; statt Philolaum Archytas 
ist nttmlich mit Orkli.i r/tilolaus Archytam zu lesen). Ders. "Fin. V, 29, 
87. Rep. I, 10. Vaj.ee. Max. IV, 1, ext. VII, 7, 3 ext. Apul. Dogm. 
riat. I, 3. S. 178 Hild. Dioo. VIII, 79. IIierom. epist. 53. T. I, 268 Mart. 
Olympiodoe V. Fiat. S. 3. Westcrm. Dazu füge man ausser Jamblich, Pto- 
LEMAUs Ilarm. I, c. 13 f. 

2) Dioö. VIII, 82: Y£y(5vaai 8* W^f^zai T^Ttape; . . fov 8e nuSayopixiv 
'Apioi^Sevö? ^Tjai |jl7j5£j:ot6 grpa-njY^^^"^* TjtTTjö^vai. Beckmamn's Zweifel an 
der Gültigkeit dieses Zeugnisses ist ungegründet. M. s. auch Dioo. 79. 
Eher mi>chte man sich bei Jambl. y. F. 251 (ol 8^ Xoticot tcüv ITuQaYopeuov 
an/aTTivav Tij; MtaXia« jtXtjv 'Ap/^vTou tou Tapaviivou) die Conjectur 'Apyisnou 
gefallen lassen, denn zur Zeit des Archytas brauchten sich die Fythagoreer 
ni<5ht mehr aus Italien zu flüchten; die Stelle ist jedoch so lückenhaft, dasa 
sich nicht mehr bcurtheilen läast, in welchem Znsammenhang die Angabe 
bei Aristoxenus stand. 

3) Vgl. Th. 11, b, 711 ff. und unten S. 288, 4 3. Aufl. Stob. FlorU. 
101, 4 nennt ihn selbst einen Fythagoreer, genauer Suid. 'ApiaiöJ. einen 
Schüler des Fythagoreers Xenophilus. 

4) Nach PoRPH. in Ftolem. Harm. S. 236 u. hatte nämlich seine 
Schrift nsp\ [jia67){jLaTi}c^( zu Anfang die Worte: xaXöjc {jloi Soxouvit [sc. ol 
nuOaY^p£(ot] "CO i^sp't ^^ (xaO>|(xaTa SiaYveovai* xai ouOr/ aroicov, op6(u( autou^- 
j;6p\ JxaoTov Oecopetv n£p\ y*P *p«« "t«*>v oXojv ^uato; 3p6(ü; öi«y^<5vi65 s|uXXov 
xoi 7C£p\ TÄv xata jispo; oTa £vt\ o<{>E90ai. 

5) S. Beckmann S, 23, 



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[214. 215] Quellen; pythagoreische Schriften; A^chytas. 269 

phrast eine peripatetische. War aber Archytas Pythagoreer , so 
kann er nicht zugleich ein Anhänger der Ideenlehre gewesen »ein; 
denn dass die Pythagoreer diese Lehre gekannt haben, ist nicht 
blos unerweislich *) , sondern es wird auch durch die bestimmte- 250 
aten aristotelischen Zeugnisse*) widerlegt. Wenn uns daher in 
den philosophischen Bruchstücken des angeblichen Arch3rtas bald 
platonische; bald peripatetische Lehren und .Ausdrücke begegnen; 
so sind nicht blos diese, sondern auch jenC; ein sicheres Zeichen 
des späteren Ursprungs; und so müssen wir denn freilich den weit- 
aus gröasten Theil dieser Bruchstücke verurtheilen. Als Urkun- 
den der pythagoreischen Lehre wären sie übrigens auch dann 
nicht zu brauchen; wenn ihre neuere Vertheidigung Aussicht auf 
Erfolg hätte ; denn wenn sie nur dadurch zu retten sind; dass ihr 
Verfasser zum Platoniker gemacht wird ; so lässt sich aus ihnen 
selbst in keinem gegebenen Fall abnehmen; wie weit sie die py- 
thagoreische Ansicht wiedergeben. 

In einem Zeitgenossen des Archytas, dem Taren tiner Ly s i S; | 
hat neuerdings Mullach *) den Verfasser des sogenannten gol- 
denen Gedichts vermuthet ; aber die verdorbene Stelle bei Dio- 
genes VIII; 6 *) giebt hiezu kein Recht ; und das kleine Werk 
selbst ist so farblos und unzusammenhängend ; dass es eher wie 
eine spätere Zusammenstellung von Lebensvorschriften aussieht; 
die vielleicht zum Theil schon länger In gebundener Fonn im Um- 
lauf waren'*). Für dieKenntnisft der pythagoreischen Philosophie 
liefert es uns jedenfalls keinen bedeutenden Beitrag. 



1) Die platonischen Aeusserungen Soph. 246 fT. darf man nicht mit 
PsTEBSEX a. a. O. und Mall et oc. de Mdgare LIII f. auf die jüngeren Py- 
thagoreer beziehen (vgl. II, a, 215 f.), und die Polemik der aristotelischen 
Metaphysik gegen eine mit der Ideenlehre verbundene Zahlenlehre geht gleich- 
falhi nicht auf Pythagoreer, andern auf die verschiedenen Zweige der Akademie. 

2) MeUph. I, 6. 987, b, 7. 27 ff. vgl o. 9 Anf. XIII, 6. 1080, b, 16. 
c. 8. 1083, b, 8. XIV, 3. 1090, a, 20. Phys. lU, 4. 203, a, 3.' 

3) In seiner obenerwähnten Ausgabe des Hierokles S. XX. Fragm. Philos. 
I, 413. 

4) yi^panxai h\ tcJ) nuöayöpa ouyYpajxjxaTa tpia, ÄaiScvitxbv, jcoXiTixbv, 
^uotxov- To 8( ^cpöpLcvov (o( riuOsf^pou AÜ9c$d( iau xou Tapaviivou. 

5) Wie diess von dem bekannten pythagoreischen Schwur V. 47 f., 
der allgemeiji für ein £igenthum der ganzen Schule gilt und nach Jambl. 
TbdoL Arlthm. S. 20 auch bei Empedokles vorgekommen sein soll, sicher 
ist (m. 8. Ast s. d. Theol. Arithm. und Mullaczi sum goldenen Gedicht 



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270 ' Pytkagoreer. ' [215. 216] 

Von den übrigen Fragmenten sind die, welche bekannte alt- 
pythagoreische Namen, wie den der Theano, des Brontinus, KU- 
251 nias und Ekphantus tragen, mit ganz wenigen und unerheblichen 
Ausnahmen sicher unächt; die meisten jedoch werden Männern 
beigelegt, von denen wir entweder überhaupt nichts wissen, oder 
doch nicht wissen, wann sie gelebt habeh. Da aber diese Bruch- 
stücke den übrigen nach Inhalt und Darstellung ganz ähnlich 
sind, so lässt sich nicht bezweifeln, dass auch sie altpythagoreisch 
sein wollen, dass sie daher, falls sie diess nicht sein sollten, nur 
fbr absichtliche Unterschiebungen, nicht für ächte Erzeugnisse 
eines späteren, der platonischen oder peripatetischen Philosophie 
näher stehenden Pythagoreismns zu halten sind. Und diess um 
so mehr, da dieser spätere Pythagoreismus , welcher aber doch 
älter sein soll, als der Neupythagoreismus, überhaupt erst aus 
diesen Fragmenten erschlossen ist, wogegen alle geschichtlichen 
Nachrichten darin übereinstimmen , dass die letzten Zweige der 
altpythagoreischen Schule nicht über die Zeit des Aristoteles 
herabreichen. Voh altpythagoreischem ist aber freilich in diesen 
vielen Stellen nur äusserst wenig zu finden. Im übrigen wird von 
denselben , wie von den übrigen pythagoreischen Ueberresten, 
alles, was in philosophischer Beziehung unsere Beachtung ver- 
dient, an seinem Orte berührt werden, und ebenso wird von den 
Ueberbleibseln der Männer, deren | Verhältniss zum Pythagoreis- 
mus nicht ganz sicher ist, eines Hippasus und Alkmäon, tiefer 
unten zu sprechen sein. 

2. Pythagoras und die Pythagoreer. 
Was sich über den Stifter der pythagoreischen Schule aus 
dem Gewirre unsicherer Sagen und späterer Vermuthungen mit 
geschichtlicher Wahrscheinlichkeit ermitteln lässt, dessen ist es^ 
wenn wir die Masse der Ueberlieferungen in Betracht ziehen, 
nur wenig. Wir wissen, dass sein Vater Mnesarchus hiess ^), 



a. a. 0.); eb«iiBo Terhftlt es sich aber wohl auch mit V. 54, dessen An* 
fühning durch Chrysippus b. A. Gell. VI, 2 aus diesem Grunde für daa 
Alter des Gedichts nichts beweist. 

1) So schon Hebaklit b. Dioo. VIII, 6; Herodot IV, 95 und weit 
die meisten. Wenn ihn nach Dioo. VIII, 1 einige Marmakus nannten, be- 
ruht diess Tielleicht auf einem blossen Schreibfehler, Justin^s (XX, 4) De- 
maratns wohl gleichfalls auf irgend einer Verwechslung. 



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[217] Pythagoraa: Abkunft; ZeiUlter. 271 

dass Samos seine Heimath; und ohne Zweifel auch sein Ge- 
burtsort war^); aber die | Zeit seiner Geburt, seines Todes 262 
und seiner Auswanderung nach Italien vermögen wir nur an- 
nähernd zu bestimmen ^) ; die Angaben | der Alten über seine 



1) Samier nennen ihn Heruippüb b. Dioo. VIII , 1, Hippobotus b. 
Clem. Strom. I, 300, D nnd die Späteren fast einstimmig; Jambi«. V« P. 4 
erwfthnt der Behauptung, dass seine beiden £Item von Ancäus, dem Qrfln- 
der Ton Samos, abstammten; Apollonids jedoch b. Pobph. V. P. 3 sagt 
dicss nur ron seiner Mutter. Mit dieser samischen Herkunft lassen sich 
die Angaben, dass er Tyrrhener ( Abistoxends , Abistarch, Theopomp b. 
Clembvs und Dioo. a. d. a. O. — aus der Stelle des Clemens ist die gleich- 
lautende Theodor£t*8 gr. äff. cur. I, 24. S. 7, nebst £ds. pr. ev. X, 4, IS 
geflossen — Diodoe. Fragm. S. 554 Wess. u. a.), oder Phliasier (Ungenann- 
ter b. PoRPH. Ton Pyth. 5) gewesen sei, vereinigen, wenn man ihn mit 
0. Mülles Gesch. d. hell, St. u. St. II, b, 398. Krisch^ De sqciet. a Pyth. 
condit» scopo politico 8L 3 u. a. ans einem von Phlius her nach Samos 
eingewanderten tyrrhenisch-pelasgischen Geschlecht stammen lässt. Wirklich 
erzählt auch Pausanias II, 13, 1 f. als phliasische Sage, Hippasns, der Ur- 
grosBvater des Pyth., sei von Phlius nach Samos gegangen; und dasselbe bestl^ 
tigt Dioo. L. VIII, 1 \ auch in der mährchenhaften Erzählung des Amt. Dio* 
OEBES b. FoBPH. V. P. 10, und Jn der beglaubigteren Angabe ebd. 2 er- 
scheint Mnesarchus als ein ans seiner Heimath ausgewanderter Tyrrhener. 
Dagegen ist die Behauptung bei Plüt. qu. conv. VIII, 7, 2, er sei in Etru- 
rien geboren, ein handgreifliches Missverständniss, ebenso die Meinung (b, 
PoRpii. 5), dass er aus Metapont stamme, und wenn Neanthes (wofür unser 
Porphyriustext , wie bemerkt, Kleanthes schreibt) b. Pobph. V. P. 1 den 
Mnesarchus zu einem Tyrier macht, der wegen seiner Verdienste um Samos 
das dortige Bürgerrecht erhalten habe (Clemeks und Thbod. a. d» a. O« 
sagen dafür ungenau: er erkläre den Pyth. selbst für einen Tyrier oder 
Sjrrer), so bat diese Angabe um so weniger Gewicht, da sie sich theils aus 
einer Verwechslung von Tüpto; nnd Tu^^Tjybc, theils aus dem Bestreben er- 
klärt, die vermeintlich orientalische Weisheit des Philosophen schon durch 
seine Abstammung zu motiviren. Wohl mit Beziehung auf diese Angabe 
lässt ihn Jamblich V. P. 7 seinen Eltern auf einer Reise in Sidon geboren 
werden. — Auf einen Zusammenhang mit Phlius weist auch die bekannte 
Erzählung des pontischen HcrakKdes und des Sosikrates (b. Cic. Tnso. V, 
3, 8. Dioo. I, 12. VIII, 8 vgl. Nieom. Arithm. Anf.) von der Unterredung 
des Pyth. mit dem Tyrannen Leon von Phlius, worin er sich für einen ^t- 
Xd^ofo^ erklärt. 

2) Die Berechnungen von Dodwell und Bentlet, von denen jener 
seine Gebart Ol. 52, 8, dieser Ol. 43, 4 setzt, haben Kbibchb a. a. O. 8. 1 
nnd Brahdis I, 422 genügend widerlegt. Die gewöhnliche Annahme ist 
jetzt, dass Pyth. um Ol. 49 geboren, um Ol. 59 oder 60 nach Italien ge- 
kommen nnd um Ol. 69 gestorben sei, nnd diess ist wohl auch annähernd 



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272 PythÄgorae, [217] 



richtig, aber genaueres lAsst sich nicht feststellen; und auch den Angaben 
der Alten liegen gewiss nur unsichere Schätzungen, keine bestimmten chro- 
nologischen Ueberlieferungen zu Grunde. Nach Cic. Rep. II, 15, ygl. Tusc. 
I,' 16, 38. IV, 1,2. A. Gell. XVII, 21. Jambl. V. P. 35 kam Pyth. Ol. 
62, im vierten Jahr des Tarquinius Superbus (532 v. Chr.) nach Italien, 
wfthrend ihn Liv. I, 18 noch unter Servius Tullius dort lehren l&sst. Andere 
nennen, ohne Zweifel nach Apollodor, Ol. 62 als die Zeit seiner Blüthe (so 
Clbm. Strom. I, 302, B. 332, A. Tatiam c. Grec. c. 41. Ctrill. in Jul. 
I, 13, A. EusEB. Chron. Arm. T. 11,-201 Auch. s. KBiscnE S. 11), Diodor 
a. a. 0. sogar Ol. 61, 4,-Dioo. VIII, 45 Ol. 60. Beide Angaben grfinden 
sich wohl auf die Aussage des Abistozenus, der nach Porph. 9 den Philo- 
sophen in seinem 40. Jahr nach Italien auswandern Hess, um sich der Ge- 
waltherrschaft des Polykrates zu entziehen; je nachdem der Anfang der 
letzteren angesetzt wurde, erhielt man diese oder jene Bestimmung. (Vgl. 
BoHDE die Quellen d. Jamblichus in s. Biogr. d. Pyth. Rhein. Mus. XXVI, 
568 f. DiELS üb. Apollodor's Chronika, ebd. XXXI, 25 f.). Setzt man 
nun das 40ste Lebensjahr des Philosophen Ol. 62 , 1, so erhält man für 
seine Geburt Ol. 52, 1 572 v. Chr.; ebendahin führt die Angabe Euseb's 
im Chronikon, dass er Ol. 40, 4 (497 v. Chr.) gestorben sei, wenn man ihn 
ein Alter von 75 Jahren erreichen lässt (Ungenannte bei Stncell. Chron. 
247, c). Indessen lauten die Ueberlieferungen über seine Lebensdauer un- 
gemein verschieden. Heraklides Lembus (b. Dioo. VlII, 44) giebt sie auf 
80 Jahre an (die aber allerdings aus dem Ausspruch, den Diog. VIII, 10 
berichtet, geflossen sein können), die meisten, nach Dioo. 44, auf 90, Tzets. 
ChiL XI, 93 lind Syrc. a. a. O. auf 99, ähnlich Jaubl. 265 auf fast 100, 
der Biograph bei Puor. Cod. 249, S. 438, b. Bekk. auf 104, eine pseudo- 
pythagoreische Schrift bei Galen, rem. parab. T. XIV, 567 K. auf 117 oder 
mehr. Soll ferner Pyth. (nach Jambl. 265) seiner Schule 39 Jahre vorge- 
standen haben, so erhielte man, die Ankunft in Italien 532 gesetzt, 493 ▼. 
Chr. als sein Todesjahr, und wenn er (Jambl. 1 9) 56jährig nach Italien kam, 
588 als sein Geburtsjahr; wird, andererseits (Jambl. 255) der Angriff auf 
seine Schüler, den er nicht lange überlobt haben soll (s. u. S. 282, 1 8.«A.ufl.), 
mit der Zerstörung von Sybaris (510 v. Chr.) in unmittelbare Verbindung 
gebracht, so müsste sein Tod noch in's 6. Jahrhundert fallen. Wenn endlich 
Ahtilochus b. Clem. Strom. I, 309, B die IjXtxia (nicht die Geburt, wie 
Bbamdis I, 424 sagt) des Pyth. 312 Jahre früher setzt, als den Tod Epikurs, 
der nach Dioo. X, 15 Ol. 127, 2 erfolgte, so kämen wir schon hiemit auf 
Ol. 49, 2, nnd die Geburt des Philosophen müsste bis an den Anfang des 
6. Jahrhunderts hinaufgerückt werden; noch weiter führte freilich Pliitiu!«, 
der Hist. nat. II, 8, 37 nach der beglaubigtsten Lesart eine astronomische 
Entdeckung des Samier's in's Jahr der Stadt 142, Ol. 42, verlegt; wogegen 
sein Epitomator Solimus c. 17 den Philosophen erst unter dem Consulat des 
Brutus, also 24^/^ a. u. c, oder 510 v. Chr., nach Italien kommen lässt. 
Mit der letzteren Behauptung combinirt Roth S. 287 f. die Angaben Jamb- 
UCh's (V. P. 11. 19), dass Pyth. 18jährig Samos verlassen, den Unterricht 



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1218] Zeitalter; Lehren. 273 



des Pherecydcs, TfaaleA und Anaximander genossen, sich 22 Jahre in Aegyp- 
ten und nach dessen Eroherung durch Rainhyses (525 v. Chr.) 12 weitere 
in Babylon aufgehalten habe, und 56jAhrig nach Samos zurückgekehrt sei; 
und er setzt demgeroäss die Geburt des Pyth. 569, seine Rückkehr nach 
SamoB 513, .seine Ankunft in Italien 510, seinen Tod 470 v. Chr. AUei« 
jenen Angaben fehlt es für's erste an aller und Jeder Beglaubigung; denn 
mag sie auch Jamblich von Apollonius (aus Tyana) entlehnt haben, so 
wissen wir doch nicht im geringsten, wo dieser sie her hat: nicht einmal 
die angeblichen krotoniatischen Denkwürdigkeiten, auf welche sich Apollo- 
nius b. Jambl. 262 für seine Erzählung über die Vertreibung der Pythago- 
reer aus Kroton beruft, werden hier genannt; diese Erzählung selbst aber 
ist mit Rdth^s Berechnung gar nicht zu vereinigen, da sie den Aufenthalt 
des Pythagoras in Kroton der Zerstörung von Sybaris vorangehen lässt 
(Jambl. 255). Nun ist freilich richtig, dass der Tod des Pythagoras min* 
destens bis gegen 470 v. Chr. herahgerückt werden müsste, wenn jener An- 
griff auf die krotoniatischen Pythagoreer, welchem nur Lysis und Archippus 
entronnen sein sollen, noch zu Lebzeiten des Pythagoras stattgefunden hätte, 
lirie diess Dicäarcbus und andere annahmen (s. u.) ; ja wir müssten in diesem 
Fallß sogar noch 18—20 Jahre weiter herabgehen, da die Geburt des Lysis, 
wie wir finden werden, kaum vor 470 gesetzt werden kann. Daraus folgt 
aber nur, dass jene Angabe zu verwerfen ist, dass Dicäarcbus in diesem 
Falle das Lob der Zuverlässigkeit, welches ihm Porph. Y. P. 56 ertheilt. 
Dicht verdient, und dass nur die vollkommene l^ukritik dieses Urtheil eines 
Porphyr als eine für die Glaubwürdigkeit der dicäarchischen Erzählung ent- 
scheidende Thatsache behandeln kann. Wie wenig PytTi. das Jahr 470 v. Chr. 
erlebt haben kann, erhellt schon aus der Art, wie Xenopbaues und Heraklit, 
beide vor diesem Zeitpunkt, von ihm sprechen (s. u. S. 388, 1 3. Aufl. 283, 
3); ihre Aeusserungen machen wenigstens nicht den Eindruck, als ob sie 
sich auf einen noch Lobenden bezögen. Das gleiche geht ferner daraus 
hervor, dass die Ankunft des Pyth. in Italien von keinem unserer Zeugen, 
ausser dem ganz unzuverlässigen Solinus, Fpätcr als Ol. 62 gesetzt wird; 
denn auch Jamblich (beziehungsweise Apollonius] hat mit der obenange- 
führten Behauptung (V. Pythag. 19), er sei erst 12 Jahre nach der Erobe- 
rung Aegyptens durch Kambyses (also nach 425 v. Chr.) dorthin gekommen, 
gewfss nicht diese Absicht (gerade Apollonius lässt ihn ja bei Jaubl. 255, 
wie schon bemerkt wurde, die Zerstörung von Sybaris nur um weniges 
überleben), sondern er ist nur in chronologischen Dingen zu unbekümmert 
oder zu unwissend , um den Widerspruch zu bemerken, in den er sich da- 
durch mit seiner eigenen Darstellung verwickelt. Das liegt aber freilich 
am Tage, dass keinem von unseren Berichterstattern zuverlässige und genaue 
chronologische Bestimmungen über das Leben des Pyth. zu Gebote standen, 
und vielleicht alle ihre Angaben nur aus wenigen Notizen — über seine 
Auswanderung zur Zeit des Polykrates, vielleicht auch übet den Pythago- 
reismus Milo's, des Siegers aoi Tracis — herausgesponnen wurden; und so 
Pliüoa. d. Gr. I. Bd. 1. Aufl. IB 



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274 Pythagora«. [218] 

Lehrer^) scheinen eines sicheren geschichtlichen Grandes fast 

264 durchaus zu entbehren, und sogar seine Verbindung mit Pherecy- 

265 des, die allerdings eine alte und achtungswerthe Ueberlieferuug für 
sich hat *), ist nicht über allen Zweifel erhaben •). Von den weiten 
Bildungsreisen femer, welche ihn in das Wissen und die Gottes- 
dienste der Phönicier*), der Chaldäer*), der persischen Ma- 

werden wir es denn dahingestellt sein lassen müssen, ob und wie lange 
der Philosoph das Ende des 6. Jahrhunderts überlebt hat. 

1) Dioo. VIII, 2 nennt Pherecydes und Hermodamas, einen Nachkom- 
men des Homeriden Kreophylus in Samos, der nach Jambl. 11 auch selbst 
Kreophylus genannt worden sein soll; Neanthes b. Porph. 2. 11. 16 fugt 
diesen Anaximander bei, Jambl. 9. ll. 184. 252 auch noch Thaies; statt 
des letzteren steht bei Apulej. Floril. II, 15. S. 61 Hild. Epimenides, den 
er auch nach Dioo. YIII, 3 gekannt hätte; der Scholiast Plato*s S. 420 
Bekk. Iftsst ihn zuerst Pherecydes hdren, dann Hermodamas, hierauf den 
Hyperboreer Abaris (über diesen tiefer unten), so dass man deutlich sieht, 
wie immer mehr bekannte Namen hereingezogen werden. Abaris und Epi- 
menides werden aber auch wieder Schüler des Pyth. genannt (Jambi.. 135). 

2) Ausser den eben angeführten Dioo. I, 118 f. VIII, 40 nach Aristo- 
xenus, Andron und Satyrus; die Grabschrift, deren Duris b. Oioo. I, 120 
erwähnt; Cic. Tusc. I, 16, 88. De Div. I, 50, 112. Diodob Pragm. S. 554. 
Ps.'Alex. in Metaph. 828, a, 19 Br. 800, 24 Bon. u. a. 

3) Denn theils ist es sehr erklUrlich, wenn dem Wundormann Pytha- 
goras ein älterer Zeitgenosse von ähnlichem Charakter, der sich gleichfalls 
durch das Dogma von der ^eelenwanderung ausgezeichnet haben soll, zum 
Lehrer gegeben wurde, theils sind auch die näheren Angaben nichts weniger 
als- übereinstimmend. Nach Dioo. VIII, 2 wäre Pyth. zu Pherecydes nach 
Lesbos gebracht, und erst nach seinem Tode dem Herraodamas in Samos 
übergeben worden, Jambl. 9. II lässt ihn erst in Samos, dann in Syros 
von Pher. unterrichtet werden, Porph. 15. 56 sagt nach Dicaahch u. a., 
er habe seinen erkrankten Lehrer vor seiner Abreise nach Italien in Dolos 
gepflegt und bestattet, dagegen lassen ihn Diodok a. a. O. Diog. VIII, 40. 
Jambl. 184. 252, nach Sattbus und seinem Epitomator Hebaklidbs, kurz 
vor seinem eigenen Ende zu diesem Behufe von Italien aus nach Ddos reisen. 

4) Nach Kleanthes (Neahthes) b. Porph. V. P. 1 wäre Pyth. nocB als 
Knabe von seinem Vater nach Tyrus gebracht, und dort von „den Chal- 
däern*^ unterrichtet worden. Jambl. V. P. 14 lässt ihn auf seiner grossen 
Bildungsreise von Samos aus zuerst nach Sidon gehen, hier mit Propheten, 
den Nachkommen des alten Mochus (s. o. S. 38, und unten S. 688 der 
3. Aufl.) und andern Hierophanten zusammentreffen, Tyrus, Byblns, den 
Karmel u. s. w. besuchen und in alle Mysterien des Landes eingeweiht werden. 
Genügsamer ist Pokphtb V. P. 6, welcher nur bemerkt, er solle sein arith- 
metisches Wissen von den Phöniciern erlernt haben. 

5) Den Unterricht der Chaldäer hätte Pyth. nach Neakthes schon als 



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[218] Lehrer; Reisen. 275 

« 

gier^), der luder*), der Araber*), der Judeo *), selbst der Thra- 257 



Knabe genossen (s. v. Anm.)- Die übrigen Zeugen lassen ihn sämmtlich 
erst später, von Aegypten aus, nach Babylon kommen, entweder aus eige- 
nem Antrieb, oder als Gefangenen des Kambyses. Am einfachsten tritt diese 
Angabe bei Steabo XIV, 1, 16. S. 638 auf, welcher nur sagt: ITüOaYÖpav 
taTopoöffiv . . . aicsXOEiv e?; ATpRiov xa\ BaßuXtova 9iXo(xa6£:a( X,4ptv. Auch 
Clemens Strom. 302, C beschränkt sich auf die Bemerkung: XaX$ai(i)v te 
xat AlaycDv xöT? a^lazoi^ ayvsYevero; ähnlich Eüs. pr. ev. X, 4, 9 f. Ahtipho 
b. DioG. VIII, 3, Schol. Plat. S. 420 Bekk., Porph. 6 lassen ihn von den 
Chaldäern die Himmelskunde erlernen, Justin XX, 4 ad perdiscendoa side- 
rum moltts originemque mundi apectandam nach Babylon und Aegypten reisen, 
Apul. Floril. II, 15 sagt, er sei von den Chaldäern in Sternkunde, Stern- 
deutung und Heilkunde unterrichtet worden. Nach Diogenes im Wunder- 
buch (b. PoBPii. 11) lernte er bei den Chaldäern und Ebräern (oder nur 
bei den letztem?) die Traumdeutung; Jambl. V. P. 19. Theol. Arithm. 
S. 41 erzählt, bei der Eroberung Aegyptens durch Kambyses sei er als Ge- 
fangener nach Babylon gebracht worden, und habe sich während eines zwölf- 
jährigen' Aufenthalts in dieser Stadt im Verkehr mit den Magiern nicht allein 
in der Mathematik und Musik aufs höchste vervollkommnet, sondern nament- 
lich auch ihre gottesdienstlichen Vorschriften und Uebungen sich vollständig 
angeeignet; dass er jedoch hiebei einer älteren Quelle (ohne Zweifel Apollo- 
nios) folgt, zeigt die Angabe des Apul. Floril. II, 15: manche behaupten, 
dass Pyth. von Kambyses, bei dessen ägyptischem Feldzug, gefangen genom- 
men, und erst nach längerer Zeit von ^cm Krotoniaten Gillus befreit worden 
sei, und dass er in Folge dessen den Unterricht der persischen Magier, na- 
mentlich Zoroasters, genossen habe. 

1) Mit den Magiern und insbesondere mit Zoroaster wird Pyth. ver- 
faältnissmässig frühe in Verbindung gebracht, wenn richtig ist, was Hippolyt. 
Refut. h«r. I, 2. S. 12 D., vgl. VI, 23 nngiebt: Ai4$oipo? 8k 6 'EpeTpisu? 
(ein sonst unbekannter ^^chriftsteller) xai 'Asiaiö^Evo; 6 (jlouoixoc ^aat 
;;cb< ZapaTOtv tov XzXdoiov sXTjXuO^va'. ITuOtt^öpav; dieser habe ihm seine Lehre 
mitgetheilt, über welche Hippol. des weiteren, aber freilich in sehr unzu- 
verlässiger Weise bericbtet. Doch reicht die Aussage des Hippolytus kaum 
aus, um festzustellen, dass schon Aristoxenus von einer persönlichen Be- 
kanntschaft des Pyth. mit Zoroaster erzählt, und nicht etwa nur die Ver- 
wandtschaft der beiderseitigen Lehren bemerkt, und die Verrauthung ausge- 
sprochen hatte, Pythagoras habe die zoroastrische Lehre gekannt; denn wir 
haben durchaus keine Bürgschaft dafür, dass Hippolytus die Schrift des 
Aristoxenus aus eigener Anschauung kannte; was er ohnedem über die 
Koroastrischen Lehren sagt, welche Pyth. sich angeeignet habe, das kann 
schon desshalb, so wie er es giebt, nicht aus Aristoxenus stammen, weil 
es die Wahrheit der Sage von dem pythagoreischen Bohnenverbot vor- 
au5«setzt, von der wir finden werden, dass ihr Aristoxenus ausdrücklich 
widersprochen hatte. Auch das Zeugniss des Aristoxenus würde übrigena 

18* 



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276 Pythagoras. [218] 

natürlich nicht mehr beweisen, als dass man schon zn seiner Zeit zwi- 
schen der pythagoreischen und der damals in Griechenland wohlbekann- 
ten (vgl. Dioa. Lafirt. I, 8 f. Damasc. De princ. 125. S. 384) soroa- 
strischen Lehre Aehnlichkeiten entdeckt, und sich diese nach der Art der 
Griechen aus einem persönlichen Znsammenhang zwischen ihren Urhebern 
erklärt hatte. Die gleiche Quelle , wie Hippolytus, scheint Pldt. De an. 
proer. 2, 2. S. 1012 für seine kürzere Angabe zu benützen; um so weni- 
ger Iftsst sich bezweifeln, dass auch hier, wie bei Hippolytus, mit nZa- 
ratas** ursprünglich Zoroaster gemeint ist, gesetzt auch Plutarch selbst, wel- 
cher De Is. 46, S. 369 den Zoroaster 5000 Jahre vor dem trojanischen 
Krieg leben Iftsst, habe beide unterschieden. — Der nächste Zeuge für die- 
sen Zusammenhang ist Alexander (Polyhistor), welcheir nach Cleuemr 
Strom. I, 304, B in seiner Schrift über die pythagoreischen Symbole er- 
zlihlte: Na^apatco itj) ^Aa9vpio> {J.a0i]iet3aat t'ov ITuOftY^P^^* ^'^ diesem NaJ^a- 
paio^ wird nämlich jedenfalls Zoroaster gemeint sein, wenn nicht geradehin 
Zapaia dafür zu lesen ist. Dass Pyth. die persischen Magier besucht habe, 
sagt ferner Cic. Fin. V, 29, 87 vgl. Tusc. IV, 19, 44. Dioo. VIII, 3 (viel- 
leicht nach Antipho). £us. pr. ev. X, 4. Cyrill. c. Jul. IV, 133, D. Schol. 
in Pkt. S. 420 Bekk. Apul. (s. vor. Anm. Schi.) Suid. IIuO. Valer. Max. 
VIII, 7, 2 ext. lässt ihn in Persien von den Magiern Astronomie nnd Astro- 
logie lernen; Ahtokius Dioqekes b. Porph. V. P. 12 (^v toT« ör.kp HouXjjv 
«jtioTOi;, dem bekannten, von PnoT. Cod. 1 66 beschriebenen Fabelbuch, wel- 
ches aber nicht blos Porphyr, sondern auch Roth II, a, 343 als einen Be- 
richt von höchster Urkundlichkeit behandelt) erzählt, er sei in Babylon mit 
ZdißpaTo; zusammengetroffen, und durch ihn von den Verschuldungen seines 
früheren Lebens gereinigt, über die zur Frömmigkeit erforderlichen Enthal- 
tungen, die Natur und die Gründe der Dinge unterrichtet woitien. 

2) Clem. Strom. I, 304, B : axTjxoe'vai T£ Ttpb; loutöis FoXaTwv xa\ Bpay^- 
piivcov tbv rTuOaYÖpav ßouXsTat (nämlich Alexander in der vor. .Anm. ange- 
führten Schrift); nach ihm Eos. pr. ev. X, 4, 10. Apül. Floril. II, 15: von 
den Brachmanen, die er besuchte, habe er erfahren, quae merUium doai- 
menta corporumque exercitamenta j quot partes atiimt, quot vicea viteie, quae 
Diu manibus pro raerUo tut cuique tormenta rel praemia, Piiilostr. V. 

- Apoll. VIII, 7, 44: die Weisheit des Pyth. stamme von den ägyptischen 
Gymneten und den indischen Weisen. 

3) Dioo. b. Porph. 11. 

4) Dass Pyth. viele seiner Lehren von den Juden entlehnt habe, be- 
hauptet Aristobul b. Eus. pr. ev. XIII, 12, 1. 3 (IX, 6, 3). Die gleiche 
Behauptung wiederholt Joseph, c. Ap. I, 22. Clemens Strom. V, 560, A 
(welcher der Meinung ist, die Bekanntschaft des Pyth. und Plato mit den 
mosaischen Schriften erhelle schon aus ihren Lehren). Cyrii.l. c. Jul. I, 
29, D. Jos. beruft sich dafür auf Hermippus, welcher in seiner Schrift über 
Pythagoras sage: tauxa 5' sjcpatTE xa\ tXcye xa« 'lo«8aieüv xa\ BpaxöÜv 8öEa< 
|A({xo({[jL£vo« xai (jL£Ta9^p(i>v iU iotuTÖv. Aehnlich hatte er sich, wie Oriq. c. 
Geis. I, 13 mit einem "ki^txon berichtet, auch Iv tw npcuToi i:^\ voiJLO0rccuv 



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[218] Reißen. 277 

cier *) und der gallischen Druiden *), vor allem aber in die Geheim- 258 
Disae der Aegypter ') eingeführt haben aollen, lässt sich nicht ein- 



ge&aewrt. Sollten nun diese ßchriftsteller ihre Angaben von Aristobul ent- 
lehnt haben, ro stände schon das nicht sicher, dass sich Hermippus wirklich 
80 geftassert hat. Aber wenn er es auch gethan hat, so beweist diess doch 
nur, dass dieser Gelehrte, ein Alexandriner aus dem Anfang des zweiten 
Jahrh. y. Chr., bei alexandrinischen Juden jene Behauptung gefunden und 
geglaubt, oder auch selbst zwischen pythagoreischem und jüdischem einige 
Aehnlichkeiten bemerkt und daraus auf eine Bekanntschaft des Pyth. mit 
jüdischer Sitte und Lehre geschlossen hatte. 

1) Hermippus b. Jos. s. vor. Anm. Die Veranlassung zu dieser Be- 
hauptung lag ohne Zweifel in der Verwandtschaft der pythagoreischen My- 
sterien mit den orphischen, und namentlich in der beiden gemeinsamen Lehre 
Ton der Seelen Wanderung. Wegen dieser Verwandtschaft wurde Pyth. zum 
Schüler der Thracier gemacht: er sollte in Libethrä von Aglaophamus die 
Weihen erhalten haben, wie diess der angebliche Pythagoras selbst (nicht 
Telanges, wie Roth II, a, 357. b, 77 angiebt) in dem Bruchstück eines lepbc 
X4yo5 bei Jambl. V. P. 146 vgl. 161, und nach ihm Prokl. in Tim. 289, 
B. Plat. Theol. I, 5. S. 13 sagt. Ebenso wird aber auch umgekehrt, in 
der Sage über Zalmoxis (b. Herodot IV, 95 und anderen nach ihm; z. B. 
AüT. Dioo. b. Phot. Cod. 166. 8. 110, a. Strabo VII, 3, 5. XVI, 2, 39, 
S. 297. 762. HxppoLYT. s. folg. Anm.), der Unsterblichkeitsglaube der thra- 
cischen Geten von Pythagoras hergeleitet. 

2) So auffallend diess lautet, so unläugbar behauptet es Alexander in 
der S. 276, 2 angeführten Stell«, und Roth II, a, 346 ist auf einer ganz 
falschen Fährte, wenn er in dieser Aussage das Missverständniss der Nach- 
richt findet, dass Pyth. in Babylon mit Indern und Kalatiern (einem von 
Herodot III, 38. 97 berührten indischen Stamm, den er als dunkelfarbig 
c. 94. 101 auch Aethiopen nennt) zusammengetroffen sei; der Qrund jener 
Behauptung liegt vielmehr augenscheinlich darin, dass man bei den Galliern 
die pythagoreische Lehre von der Seelenwanderung fand oder zu finden 
glaubte (s. o. 8. 58, 1); da jede solche Verwandtschaft nun einmal auf 
einem Schülerverhältniss beruhen sollte, so machte man entweder mit Ale- 
xander Pythagoras zum Schüler der Gallier, oder umgekehrt die Druiden 
zu Schülern der pythagoreischen Philosophie (so Diodor und Ammian; 
8. o. 58, 1), in welche sie nach Hippolyt. Refut. h»r. I, 2 g. E. ebd. c. 25 
durch Zamoixis gründlich eingeweiht worden waren. Dass Pyth. von den 
Kelten, und selbst den Iberern gcleiiit haben solle, sagt auch Jambl. 151. 

3) Der erste uns bekannte Schriftsteller , welcher von Pythagoras' An- 
wesenheit in Aegypten spricht, ist Isokrates Bus. 11: li (TluO.) a9ix<S{&evo{ 
th AtjüJCTOv XQti |jLaOT)Tij? £xe'!vci>v Y£V(^(xeVO( ttJv t' aXXtjv ^iXovo^iav 7cpa>T0{ eU 
Tol? "'EXXTjvaj Ex.ö^taf, xa\ za Ä6p\ la; Out!«? xat x«; a^i^juia^ la; Iv toi? Upot{ 
^9:i90iv^97epov twv aXXtuv Eg7:ov8oi^5v. Der nächste Zeuge, Cic Fin. V, 29, 



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278 Pythagoras. [219]^ 

259 mal I die nach Aegypten^ wiewolil sie verhältnissmässig noch die 
beste Beglaubigung für sich hat und auch heute noch ihre Verthei- 
diger findet *), geschichtlich feststellen. Das älteste Zengniss flir 



87, sagt nur: Aegyptum lustravit; ähDlich Strabo (s. o. 274, 4); Justin 
HiBt. XX, 4; Schol. in Plat. S. 420 Bckk. Weit mehr hat Diodor I, 96. 
98 au8 den Mittheilungen der ägyptischen Priester, welche angehlich aus 
ihren heiligen Schriften geschöpft sein sollten, erfahren; s. o. S. 20, 3. Plut. 
qu. conv. VIII, 8,2, 1 lässt Pyth. in Aegypten lange verweilen, und sich 
hier namentlich die Vorschriften über die UpaT(xa\ aYtatetai, wie das Ver- 
bot der Bohnen und der Fische, aneignen; derselbe leitet De Is. 10, S. 354 
die pythagoreisch»! Symbolik aus Aegypten her, Ps.-Jüstin Cohort. 19 seine 
Lehre von der Monas als Urgrund; nach Apul. Floril. II, 15 lernte er von 
den dortigen Priestern caerimoniarum potentiaSy numerorum viceSf geometrim 
formulas; nach Valer. Max. VIII, 7, 2 fand er in den alten priesterlichen 
Büchern, nachdem er die ägyptische Schrift erlernt hatte, innumerctbüium 
»ceculorum observatioiiea; Antiphon erzählt bei Dioo. VIII, 3 und Porph. 
V. P. 7 f., wie ihm die Empfehlung des Polykrates an Amasis, und weiter- 
hin die des Amasis an die ägyptische Priesterschaft, nach vielen Schwierig- 
keiten, welche er alle duyeh seine Beharrlichkeit überwand, Zutritt zu den 
ägyptischen Heiligthümcm und Gottesdiensten verschaffte, und er fügt bei, 
dass er auch die Landessprache erlernt habe. Dem gleichen Schriftsteller 
haben wohl Clemens Strom I, 302, C und Theodoret gr. äff. cur. I, 15. 
S. 6 die Nachricht zu yerdanken, dass er sich in Aegypten habe beschneiden 
lassen. Anton. Diogenes (b. Porph. V. P. 11) bemerkt, er habe die Weis- 
heit der ägyptischen Priester, insbesondere ihre Götterlehre, die ägyptische 
Sprache und die drei Arten der ägyptischen Schrift gelernt. Jahbl. V. P. 
12 ff. (wozu S. 272 unt. z. vgl.) giebt zunächst einen umständlichen Bericht 
über Pyth. wunderbare Seefahrt vom Berg Carmel nach Aegypten (wohin 
er nach Thcol. Arithm. 41 sich vor der Tyrannei des Polykrates geflüchtet 
hätte), und erzählt dann weiter von seinem 22jährigen Verkehr mit den 
dortigen Priestern und Propheten, in dem er alles wissenswürdige, was dort 
zu finden war, gelernt, alle Tempel besucht, zu allen Mysterien Zutritt ge- 
funden, sich der Astronomie, der Geometrie und den gottesdienstlichen Uebun- 
gen gewidmet habe. Den König, unter welchem Pyth. nach Aegypten kam, 
nennt Plin. II. n. XXXVI, 9, 71 Psemetnepserphres (wofür die Handschrif- 
ten auch Scmetnepsertes und andere Formen geben^; als den Priester, wel- 
cher ihn unterrichtete, bezeichnet Plut. De Is. 1 Oinupheus von Ueliopolis, 
Clem. Strom. I, 303, C Sonches; Plut. seinerseits (De Is. 26. Sulon 10) 
macht diesen zum Lehrer des Solon. 

1) So, ausser Köth, namentlich Chaionet Pythagore I, 43 ff. 11, 353, 
der aber sehr ungenau berichtet, wenn er (I, 46) angiebt, ich erkläre es 
für gewiss , dass P. nicht nach Aegypten gekommen sei. Ich erkläre es 
für unerweislich, dass er dort war, nicht für erweislich, dass Qr nicht 
dort war. 



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[220] ReiHon. 279 

diese Reise^ das des Isokkates, ist über andertbalbhundert Jahre 
jünger, als der Vorgang; auf den es sich bezieh t^ | und dieses 
Zeugniss gehört überdiess nicht einer historischen Schrift an, son- 
dern einer Prunkrede, welche es selbst nicht verhehlt; dass sie auf 
geschichtliche Glaubwürdigkeit gar keinen Anspruch mache*). ^^^ 
Ein solches Zeugniss hat offenbar nicht das geringste Gewicht ; 
und:wenn auch Isokrates die Meinung; dass Pytbagoras in Aegyp- 
ten gewesen sei; nicht zuerst aufgebracht haben sollte; so würde 
sich doch immer noch fragen, ob sie sich bei denen, welchen er sie 
verdankte; auf eine geschichtliche Ueberlieferung gründete. Diess 
lässt sich aber nicht blos nicht beweisen; sondern es ist geradehin 
unwahrscheinlich. Herodot bemerkt zwar die Aehnlichkeit eines 
pythagoreischen Gebrauches mit einem ägyptischen ') ; er lässt 



1) Der Busirift des Isokrates ist eines von jenen Kunststücken, in wel- 
chen die griechischen Rhetoren seit der Zeit der Sophisten sich gegenseitig 
zn überbieten suchten, indem sie Lobreden auf schlechte oder werthlose Per- 
sonen und Dinge, Anklagen gegen allgemein bewunderte Männer verfassten. 
Der Rhetor Polykrates hatte eine Apologie des Busiris geschrieben; Isokra* 
tes will ihm zeigen, wie er sein Thema eigentlich hätte behandeln müssen. 
Von welchen Gesichtspunkten er aber hiebei ausgieng, setzt er selbst c. 12 
sehr offenherzig auseinander. Sein Nebenbuhler, sagt er, habe dem Busiris 
ganz unglaubliche Dinge zugeschrieben , einerseits die Ableitung des Nils, 
andererseits das Auffressen der Fremden. Er könne das, was er Yon ihm 
aussage, zwar auch nicht beweisen, aber er schreibe ihm doch weder un- 
mögliche Thaten, noch Akte thierischer Wildheit zu; eiceti^ tl xa\ XMy^i' 
vo^cv ftfi^ÖTEpot drtuSij Xi'>(0'ixi^, iXV oüSv i'^ui pikv xiy!j,ii\i.ai toJtoi; to1( 
Xöyot^, olc nep /^p^ lou^ ^xaivouvrac, 9Ü 8' ol; npotTjxst lol»; Xoi$opouvTa(. Es 
ist mit Hftnden zu greifen, dass Angaben, die sich selbst als rednerische 
Erfindung geben, nicht den geringsten Werth haben, und so wenig wir 
durch die isokratische Rede beweisen können, dass Busiris, wie ihm hier 
nachgesagt wird, der Urheber der ganzen ägyptischen Kultur war, ebenso- 
wenig können wir dieser Schrift einen geschichtlichen Beweis für die An- 
wesenheit des Pytbagoras in Aegypten und für seine Verbindung mit den 
dortigen Priestern entnehmen. 

2) II, 81: Die ägyptischen Priester tragen leinene Beinkleider unter 
den wollenen Oberkleidern , in den letzteren dürfen sie weder den Tempel 
betreten, noch bestattet werden. 6[jioXo')^^ou9t $k lauia "zoioi 'Op9txo(9t xaXco- 
(A^voiai xoi Bax-/ixo(9t, loöii 5i M^mizzIovHj xat Iluöayöpeiotai. D. h. „sie kom- 
men darin mit den sog. Orphikern und Bakchikern, die aber in Wahrheit 
Aegypter sind, und mit den Pythagoreern überein '^ *, nicht, wie Roth II, a, 
391 und (trotz der vorliegenden Anmerkung) noch Chaioket I, 45 über- 



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280 Pythagoras. [220] 

ferner den Glauben an die Seelenwanderung aus Aegypten in 
Griechenland einwandern^); aber dass gerade Pythagoras ihn 
von dorther gebracht habe , deutet er mit keinem Wort an , er 
scheint vielmehr eine viel frühere TIebertragung desselben zu den 
Hellenen anzunehmen *) , und über Pythagoras' Anwesenheit in 
Aegypten beobachtet er, so nahe auch die Veranlassung lag, ihrer 
zu erwähnen^ ein so tiefes Stillschweigen, dass wir nur vermuthen 
könncm, er habe von derselben noch gar nichts gewusst'). Nicht 
261 einmal Aristoxenus scheint sie gekannt zu haben ^). So fehlt es 
überhaupt an allen zuverlässigen Nachrichten über die angeb- 
lichen Reisen des Pythagoras in' den Orient: die Quellen fliessen 
über sie um so reichlicher , je weiter wir uns von der Zeit des 



Betzt: „sie stimmen hierin mit den Bräuchen der sog. orphischen und hak- 
chischen Weihedienpte, die aber ägyptische und pythagoreische sind.** 

1) IT, 123: Die Acgypter haben zuerst die Unsterblichkeit und die 
Seelen Wanderung gelehrt; toütco tw X^yio Bh\ ol 'EXX*[vcüv ^pifjaavto, o\ ja^v 
TcpötEpov, ol hl tigTEpov, (o^ l^ita icouTuv ^övtt' tqjv iyti} eföu)( xa oOvo^axa oO 
Ypaopto. 

2) So wahrscheinlich es auch ist, dass Her. in der ebenangeführten 
Stelle mit den Späteren, welche sich die Lehre von der Seelenwanderung 
aneigneten, namentlich Pjrthagoras meinte, so wenig folgt doch daraus, dass 
er sie diesem Philosophen in Aegypten selbst zukommen liess; beachten 
wir vielmehr, dass er Melampns für denjenigen hält, welcher den ägyptischen 
Dionysoskultus in Griechenland eingeführt habe (s. o. 57, 4), so werden wir 
auch bei den „Aelteren'^, welche die in den orphisch-dionysischen Mysterien 
einheimische Lehre von der Seelen Wanderung vortrugen, zunächst an ihn 
zu denken haben; dann brauchte aber Pyth. nicht nach Aegypten zugehen, 
um mit dieser Lehre bekannt zu werden. 

3) Denn KÖth^s (II, b, 74) Auskunft, dass Herodot aus Abneigung gegen 
die den Thnriern feindseligen Krotoniaten die Nennung des Pythagoras ge- 
flissentlich umgehe, ist nicht blos höchst gesucht, sondern sogar nachweis- 
lich falsch: er nennt ihn ja IV, 95, und zwar mit dem ehrenden Beisatz: 
'KXXtJvcüv oO TW aaOfiveaxaTw jo^KjTfj ITuOayöpT), und auch II, 123 (vorl. Anm.) 
übergeht er seinen und andere Namen nicht aus Abneigung, sondern aus 
Schonung. Wenn er von seiner Beziehung zu .\egypten schweigt, so ist 
der natürlichste Grund dafür der, dass ihm voii derselben noch nichts be- 
kannt war. Auch II, 81 (s. o. 279, 2) würde ersieh ohne Zweifel anders 
ausgedrückt haben, wenn er die Pythagoreer in der gleichen Weise aus 
Aegypten herleitete, wie die Orpbiker. 

4) Wenigstens beruft sich keiner von unsem Berichterstattern für die 
ägyptische Reise auf ihn. 



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[220] ReiBen. 281 

Philosophen entfernen, sie werden um so dürftiger, je näher wir 
ihr kommen, und noch vor dem Anfang des vierten Jahrhunderts 
versiegen sie gänzlich. Jeder spätere weiss mehr zu sagen als 
sein Vorgänger, und in demselben Masse, wie die Bekanntschaft 
der Griechen mit den orientalischen Kulturvölkern zunimmt, 
nimmt auch der Umfang der Reisen zu , welche den saraischen 
Weisen als Schüler zu ihnen geführt haben sollen. Diess ist der 
Gang unhistorischer Sagenbildung, nicht der einer geschicht- 
lichen Ueberlieferung. Für unmöglich kann man es freilich 
nicht erklären , dass Pjthagoras nach Aegypten oder Phönicien, 
oder selbst nach Babylon gekommen sei, um so mehr aber fUr 
durch«aus unerweislich. Die ganze Gestalt der Erzählungen von 
seinen Reisen spricht entschieden für die Vermuthung, dass diese 
Erzählungen , so wie sie vorliegen, aus keinerlei geschichtlicher 
Erinnerung geflossen sind ; dass nicht die bestimmte Kenntniss 
von seinem Verkehr mit auswärtigen Völkern zu den Annahmen 
über den Ursprung seiner Lehre , sondern vielmehr umgekehrt 
die Voraussetzung von dem auswärtigen Ursprung seiner Lehre 
zu den Erzählungen über seinen Verkehr mit Barbaren den An- 
stoss gegeben hat. Diese Voraussetzung selbst aber begreift 
sich, auch wenn ihr gar keine wirkliche, auf Augenzeugen zurück- 
gehende Ueberlieferung zu Grunde lag, zur Genüge ans dem 
Synkretismus der späteren Zeit, aus dem falschen Pragmatismus, 
welcher sich die Aehnlichkeit pythagoreischer Lebren und Ge- 
bräuche mit orientalischen nur durch die Annahme eines persön- 262 
liehen Zusammenhangs zu erklären wusste, und aus der panegy- 
rischen Tendenz der pythagoreischen Sage, welche die Weisheit 
des ganzen Menschengeschlechts in ihren Helden vereinigt zu 
sehen liebte '). Um nichts besser steht es mit der Angabe , Py- 
thagoras habe Kreta und Sparta besucht, um theils die Gesetze 
dieser Länder kennen zu lernen, theils in die Mysterien des idäi- 



1) Daraus aber, dass Pyth. Jene Polymathie, die ihm Heraklit nach- 
sagt («. u. 283, 3), kaum anders, als durch Reisen, sich habe erwerben 
können (Chaiovet I, 40. Scbustes Heraklit 372), würde noch lange nicht 
folgen, dass er gerade nach Aegypten gereist ist, oder überhaupt ausser- 
griechische LiLnder besucht hat; indessen leitet Heraklit seine Gelehrsamkeit 
Tielmehr aus Schriften her, die er benützt (möglicherweise allerdings rorher 
auf Reisen susammengebracht) habe. 



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282 Pythagoiī. [221] 

sehen ZeuAs sich einweihen zu lassen *). Die Sache wäre an sich 
wähl denkbar, aber die Zeugen sind zu unsicher; und die Wahr-' 
scheinlichkeit | einer geschichtlichen Ueberlieferung über diese 
Einzelheiten ist zu gering; als dass wir der Nachricht das ge- 
ringste Vertrauen schenken könnten. Ebenso beruht ohne Zwei- 
fel die Behauptung; dass der Philosoph seine Weisheit orphischen 
Lehrern und Schriften verdanke ^) ; selbst wenn sie in der Sache 
nicht durchaus Unrecht haben sollte ; doch so ; wie sie vorliegt; 
nicht auf geschichtlicher Erinnerung; sondern auf den Voraus- 
setzungen einer Zeit, in welcher sich zum Theil unter pythagorei- 
schen und neupythagoreischen Einflüssen eine orphische Theoso- 
phie und Literatur gebildet hatte. Das wahre ist; dass uns über 
den Bildungsgang des Pythagoras und über die Hülfsmittel ; die 
ihm hiefür zu Gebote standen; nicht das geringste bekannt ist, 
was mit einiger Sicherheit für historische Ueberlieferung gelten 
könnte. Ob es aber möglich ist, diese Lücke durch Schlüsse aus 
der inneren Beschaffenheit seiner Lehre auszufüllen; diess kann 
erst später untersucht werden. 

Der erste helle Punkt in der Geschichte unseres Philosophen 

ist seine Auswanderung nach Grossgriechenland; deren Zeit wir 

freilich nicht genauer bestimmen ') ; über ihre Gründe nur Ver- 

263 muthungen aufstellen können *). Er scheint jedoch, seine Thätig- 

keit nicht erst in Italien begonnen zu haben. Die^ewöhnlichcn An- 



1) Justin XX, 4. Valkr. Max. VUI, 7, ext 2. Dioo. VIll, 3. Jambl. 
25. FoBPH. 17 vgl. S. 254, 1 (Gpimenides). 

2) S. o. S. 277, 1. 

3) S. o. S. 271, 2. 

4) Denn die Angaben der Alten sind wahrscheinlich nichts weiter, als 
willkfihrliche Muthmassungen. Die meisten sagen nach Aristoxkhus (b. 
PoRPH. 9), die Tyrannei des Polykrates habe ihn zur Auswanderung veran- 
lasst (so 8TRAB0 XIV, 1, 16. S. 638. Dioa. VIII, 3. Hippolyt. Refut. I, 2, 
Anf. PoRPH. 16. Thbmist. or. XXIII, 285, b. Plut. Plac. I, 3, 24. Ovid. 
Metam. XV, 60 u. a.), und dass diese Annahme den unsichern Angaben 
über die Empfehlungsbriefe des Polykrates an Amasis widerspricht, soll ihr 
nicht zum Nachthoil gereichen, aber doch ist sie in keiner Weise für ver- 
bürgt zu achten, da die Combination zu nahe lag; andere (b. Jambl. 20. 
28) behaupteten, er sei ausgewandert, weil die Saniicr für Philosophie zu 
wonig Sinn gehabt haben, wogegen Jambl. 28 sagt, er habe es gethan, um 
der politischen ThAtigkei^ im ent^^ehen, welche ihm diQ Bewunderung seiner 
Mitbürger aufnöthi^te« 



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[222] Reisen. Pyth. in Samos. 283 

gaben lassen allerdings für eine längere Wirksamkeit iu Samos 
kaum den nötbigen Raum offen ; andere jedoch behaupten , er 
habe zuerst geraume Zeit mit Erfolg dort gelehrt ^) ; und würde 
auch diese Behauptung für sich genommen wegen der Fabeln^ 
mit denen sie verknüpft ist, und wegen der Unzuverlässigkeit 
der Zeugen kaum Beachtung verdienen; so spricht doch die Art 
für sie, wie Heraklit und Herooot des Pythagoras erwähnen*). 
•Denn wenn jener so kurze Zeit nach dem Tode dieses Philoso- 
phen von seiner Vielwisserei nnd seiner, wie er glaubt verkehrten, 
Weisheit wie von einer in Jonien allbekannten Sache redet '), 
so ist es nicht wahrscheinlich, dass man dort erst von Italien 
aus etwas von ihr gehört hatte, da nach den sonstigen Zeugnissen 
(s. u.) die weitere Verbreitung des italischen Pythagorei'smus 
erst durch die Versprengung des Pythagoreer, längere Zeit nach 
dem Tode des Meisters , herbeigeführt wurde ; und ebenso setzt 
die bekannte und oft wiederholte Erzählung von Zalmoxis*) vor- 
aus, dass Pythagoras schon in seiner Heimath in derselben Rolle ^^^ 
auftrat, wie später in Grossgriechenland ; denn so klar es auch 
ist, dass in dieser Erzählung eine getische Gottheit nur desshalb 
in einen Menschen verwandelt und mit Pythagoras in Verbindung 
gebracht worden ist, um die vermeintliche Aehnlichkeit des geti- 
schen Unsterblichkeitsglaubens mit der pythagoreischen Lehre 
(s. o. S. 58, 1) zu erklären, so konnte sich doch die Erzählung 
gar nicht bilden, wenn der Name des Philosophen den Griechen 
am Hellespont, von denen sie Herodot erhielt, nicht bekannt war, 
und wenn seine | Wirksamkeit ihrer Meinung nach erst in Italien 
begonnen hatte. Mag er nun aber bei seinen Landsleutcn doch 
nicht so viel Anklang gefunden haben, als er gehofft hatte, oder 
mögen ihm besondere Gründe, wie etwa die Gewaltherrschaft 



1) Ahtiphos b. PoBPH. 9. Jambl. 20 ff. 26 ff. 

2) Wie Bitter treffend bemerkt Pyth. Phil. 31; was Bbandss I, 426 
entgegenhält, scheint mir nicht entscheidend. 

3) Fr. 22 b. Dioo. VIII, 6: nuSayöpi]? Mvijaapj^ou liToptiiv rfliu^avt av- 
Opcpiccov (A^XcaTa jcavtcuv, xai lxXeSa|j.evo; laüiac xa; 9UYYp«9ftC inoir^^tv* Icouxou 
aofiijv, roXu{i.aOT}fi]v, xa}cox£xviir)v. (Vgl, ebd. iX, 1.) Die Worte exXef. -— au^- 
Ypatpac, welche ich für kein Einschiebsel des Berichterstatters halte, müssen 
sich auf Schriften beziehen, deren Heraklit vorher erwähnt hatte; vgl. 6. 287, 2 
3. Aufl. 

4) Hkkod. IV, 96, 



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284 Pythagoras. [228] 

des Polykrates oder die Furcht vor der persischen Eroberung, 
seine Vaterstadt verleidet haben ^ geiiug, erverlieas sie, und nahm 
seinen Wohnsitz in Kroton , welches sich ihm , auch abgesehen 
von etwaigen persönliclien Beziehungen zu dieser Stadt, durch 
die vielgerühmte Gesundheit seiner Lage und die Tüchtigkeit 
seiner Bewohner empfehlen konnte *). Hier fand er nun den ge- 
eigneten Boden für seine Bestrebungen, und die von ihm ge- 
gi'ündete Schule war bis zu ihrer Zersprengung so ausschliesslich 
in Unteritalien zu Hause, dass sie nicht selten geradezu mit dem 
Namen der italischen Philosophen bezeichnet wird *). 
265 Auch dieser Abschnitt seines Lebens ist aber freilich von 

einem so dichten Gestrüppe fabelhafter Angaben überschattet, 
dass es schwer ist, in dieser Masse von erdichtetem irgend einen 
geschichtlichen Grund zu^ finden. Hören wir unsere Berichter- 
statter, so war schon die Person des Pythagoras von allem Glänze 
des Wunderbaren umgeben. Ein Liebling, und angeblich sogar 
ein Sohn Apollo's ^) , soll er von den Seinigen als ein höheres 



1) Nach Einer Angabe (b. Poara. 2) wäre er zwar mit Kroton schon 
von früher her in Verbindung gestanden, denn er soll als Knabe mit seinem 
Vater hingereist sein, indessen ist diess wohl kaum geschichtlicher, als die 
8. 274, 4 Bohl, erwähnte Nachricht bei Apdlgjus Floril. II, 15, dass ihn 
der Krotoniate Gillus (es ist der von Hebod. III, 138 genannte Tarentiner 
dieses Namens gemeint) aus der persischen Gefangenschaft ausgelöst habe. 
— Ausser Kroton besuchte Pyth. nach JxMith, 33. 36. 142 auch viele an- 
dere italische und sicilische Städte, namentlich Sybaris; dass er jedoch zu- 
erst nach Sybaris und erst von hier aus nach Kroton gegangen sei (Roth 
II, a, 421), steht nirgends; wenn vollends Roth 468 ff. aus den von ihm 
ganz unrichtig erklärten AVorlen des Apollonius b. Jambl. 255 und aus Jvi.. 
FiRMic. Astron. S. 9 (Crotonam et Sybarim exrd incoluit) herausliest, nach 
der Zerstörung von Sybaris sei Pyth. auf die ihm geschenkten sybaritischen 
Ländereien gezogen, so ist diess, wie alles weitere, was er über dieses Land- 
leben sagt, reine Phantasie. 

2) Aristot. Metapb. I, 5. 987, a, 9. c. 6, Anf. c. 7. 988, a, 25. Do 
coelü II, 13. 293, a, 20. Meteor. I, 6. 342, b, 30. Vgl. Sextüs Math. X, 
284. HiPPOLYT. Refut. I, 2. Piüt. Plac. 1, 3, 24. 

3) PoBPH. 2 beruft sich dafür auf Apollonius, Jambl. 5 ff. auf Epimc- 
nides, Endoxus und Xenokrates; da aber freilich der erste von diesen drei 
Namen nur durch eine grobe Täuschung hieher kommen kann (denn der 
bekannte Kretenser, anch von Porph, 29. Jambl. 135. 222 zum Schüler, 
von andern, wie S. 274, 1 gezeigt wurde, zum Lehrer des Pyth. gemacht, 
kann höchstens noch scipe Geburt erlebt haben), so werden auch die zwei 



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[223. 224] Pythagoras in Italien. 285 

Wesen verehrt worden sein '), und er soll diese seine höhere Na- 
tur auch wirklich durch | Weissagungen und Wunder aller Art 
bewährt haben ^). Er allein unter den Sterblichen vernahm die 



andern unsicher. Xenokrates könnte (wie ich schon Th. II, a, 875, 3 3. Aufl. 
bemerkt habe) dieser Behauptung höchstens als eines Gerftchts erwähnt, 
aber sie nicht wohl sich selbst angeeignet haben. 

1) PoBFH. 20. Jam^l. 30. 255 nach Apollonius und Nikomachus. Dio- 
i>OB Fragm. 8. 554. Asxstoteles b. Jambl. 31. 144 führt als pythago- 
reische Eintheiluhg an: toS XoYtxou ^coou xo [jlcv hxi 6tb;, ib d* avOpcoico;, 
To 2* oTov nudayöpa;, und demselben legt Aelian II, 26 die oft wiederholte 
Angabe (auch bei Dioo. YIII, 11. Pobpm. 28 n. s. w.) bei, dass Pyth. der 
hyperboreische Apoll genannt worden sei; vgl. übrigens folg. Anm. 

2) Nach AELXAif a. a. O. vgl. IV, 17 hätte schon Aristoteles erzählt, 
dass Pyth. gleichzeitig in Kroton und Metapont gesehen worden sei, dass 
er eine goldene Llüfte gehabt habe und von einem Flnssgott angeredet wor- 
den sei; diese Angabe lautet aber sq, verdächtig, dass man versucht sein 
könnte, in den Worten xax£tva h\ npofSTctX^fEt 6 lou Nixofjiayou, mit denen 
sie Aelian einführt, einen Irrthum zu vermuthen, und statt des Aristoteles 
Nikomachus, den bekannten Neupythagoreer , für Aelian's Quelle ku halteh, 
wenn nicht Apollom. Mirabil. c. 6 gleiches ebenfalls aus Aristoteles mit- 
theilte. Der ächte Aristoteles kann diess aber unmöglich gewesen sein, 
er müsste denn jene Dinge blos als pythagoreische Sagen erwähnt, und erst 
die Späteren ihn selbst zum Gewährsmann dafür gemacht haben; und diess 
ist allerdings möglich, jene Angaben sind datier noch kein entscheidender 
Beweis für die Unächtheit der aristotelischen Schrift Ktp\ xöSv TIuOaYOpeiu>v, 
an die wir bei denselben zunächst denken werden. Die gleichen Wunder 
berichten Plut. Numa c. 8. Dioo. VIII, 11. Pobph. 28 f. Jambl. 90 ff. 134. 
140 f. (die letzteren nach Nikomachus vgl. Rohde Rh. Mus. XXVII, 44). 
Nach Plutarch zeigte er die goldene Hüfte der olympischen Festversaromlung, 
nach PoBPu. u. Jambl. dem hypcrbüreischen Apollopriester Abaris. (Nähe- 
res über diesen a. d. a. O., bei Uebodot IV, 36 u. a. s. Kbibche De societ. 
a Pyth. cond. 37, welcher die Abarissagen der Späteren mit Wahrschein- 
lichkeit auf den Pontiker Ueraklides zurückführt.) Viele andere, zum Theil 
höchst abenteuerliche, Wundergeschichten, voh Bändigung wilder Thiere 
durch's blosse Wort, wunderbarer Voraussicht, u. dgl. findet man bei Plut. 
a. a. O. Aful. De magia 31. Pobph. 23 ff., 34 f. Jambl. 36. 60 ff. 142, 
welche nur leider die „glaubwürdigen alten Schriftsteller'^, denen sie ihre 
Nachrichten verdanken, nicht genannt haben. Vgl. auch Hippol. Refut I, 
2. S. 10. Dass allerdings schon im vierten Jahrhundert Beweise eines über- 
natürlichen Vorherwissens von Pyth. einzahlt wurden, erhellt aus der An- 
gabe Porphtb^s b. £ii6. pr. ev. X, 3, 4: Andbon habe in seinem Tpinouc 
von den Weissagungen des Pyth. gesprochen, und namentlich eines Erd- 
bebens erwähnt, das er aus dem Wasser eines Brunnens drei Tage vor 
seinem Eintritt prophezeit habe; Theopomp habe dann diese Erzählungen 



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286 PythagoraB. [224] 

266 Harmonie der Sphären *), und Hermes, dessen Sohn er in einem 
früheren Dasein war, hatte ihm verliehen, die Erinnerung an seine 
ganze Vergangenheit in den wechselnden Lebenszuständen zu 
bewahren *). Auch einer Fahrt in den Hades geschieht Erwäh- 

267 nung •). Seine Lehren soll ihm sein Schutzgott durch den Mund 
der delphischen Priesterin Themistoklea überliefert haben*). Kein 



auf Pherecydes übertragen. Ungleich nüchterner lauten die. empedokleischen 
Yer«e b. Porph. 30. Jambl 67 (unten 8. 413, 4 3. Aufl.). Wie wenig da- 
mit ein übernatürliches Wissen bezeichnet ist, sieht man am besten daraus, 
dass die. alten Gelehrten nach Dioo. VIII, 54 nicht einig darüber waren, 
ob sich die Stelle auf Pythagoras oder Parmenides beziehe. Im übrigen ist 
es ganz glaublich, dass das Gerücht von Pythagoras, wie später von Empe< 
dokles, auch schon bei seinen Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tode 
viel wunderbares zu melden wusste. 

1) PoEPH. 30. Jambl. 65. SiMPfi. in Ärist. De coelo 208, b, 43. 211, 
a, 16. Schol. in Arist. 496, b, 1. 

2) Djoo. VIII, 4 f. nach Heraki.ides Pont. Porph. 26. 45. Jambl. 
63. HoRAT. carm. 1, 28, 9. Ovid. Metam. XV, 160. Lucias. Dial. mort. 
20, 3 u. ö. Tkrtüm.. De an. 28. 31. Nach A. Gei.l. IV, 11 erzählten 
auch Klearcrus und Dicaarchcs, die Schüler des Aristoteles, dass Pyth. 
behauptet habe, früher Euphorbus, Pyrander u, s. f. gewesen zu sein, wo- 
gegen die Verse des Xenophanbs b. Dioo, VUI, 36 von keiner Erinnerung 
an die eigene PrHexistenz reden. Auch mit der Seele eines Freundes soll 
Pyth. nach dessen Tod in fortwährendem Verkehr gestanden haben (Hkr- 
Mipp. b. Joseph, c. Ap. I, 22). Weiteres unten. 

3) Von HiERONTMUs, wohl dem Peripatetiker , bei Dioa. VIII, 21 vgl. 
38; eine ungesalzene natürliche Erklärung dieser Sage, über die sich Ter- 
TULL. De an. c. 28 unnöthig ereifert, giebt nach dem Muster der herodoti- 
Bchen Erzählung von Zalmoxis (FV, 95) Hermxppus b. Dioo. VIII, 41. Ihre 
wirkliche Veranlassung lag wahrscheinlich in einer Schrift u. d. T. Rax^- 
ßaat; £(( SSou , die dem Pythagoras beigel^t wurde. Vgl. Dioo. 14: aXXoc 
x«\ auTOi Iv T^ YP*9S ?'J^*» ^'' ^^"^^ (wofür Rohde Rh. Mus. XXVI, 568 aus 
Jambi«. Theol. Arithm. S. 41 lxxai$Exa wahrscheinlich macht) xa\ StouicxTttov 
iiEwv S afeew izapapa^t-^vt^iaBat e; avOpcoJCOu^. Ebd. 4: toyT(5v ©Tjgtv 'HpaxXsi- 
Stj« 6 UovTixo? Ä«p\ aGtou Ta8£ X^Y^iv, cot eTt) äotI y^T^vw; AtOaXtfir,; u. s. f., 
wo das Pnesens X^^^iv auf eine Schrift weist, und was Rohde a. a. 0. weiter 
beibringt. Dass derartige Schriftstellerei den Pythagoreern nicht fremd war, 
ist bekannt: die orphische Katabasis soll von dem Pythagorecr Kerkops ver- 
fasst sein (Cleu. Strom. I, 333, A). 

4) Abistox. b. Dioo. VIII, 8. 21. Porph. 41. Desshalb aber (mit 
CüRTitrs Griech. Gesch. I, 427) den Pythagoreismus zur delphischen Philo- 
sophie zu machen, giebt uns eine so sagenhafte und an sich selbst so un- 
wahrscheinliche Behauptung kein Recht. 



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[225] PythagoraB in Italien. 287 

Wunder, dass er gleich bei seinem ersten Auftreten in Kroton ') 
alles für sieh gewann ^) , und bald in ganz Italien des unbeding- 
testen Ansehens genoss '). Nicht allein aus den griechischen 268 
Pflanzstädten , sondern auch aus den italischen Stämmen ^) sol< 



1) DiüIabcbus b. PoRPU. 18 (vgl. Justin. Hist. XX, 4) hatte von Vor- 
trägen bericlitet, welche er gleich anfangs erst der Rathsvenammlang (tb 
Tcov yspövrcov i^j^iioyt)^ dann im Auftrag der Obrigkeit den Jünglingen und 
schliesslich den Frauen gehalten habe. Einen breiten deklamatorischen Be- 
richt über den Inhalt dieser Vorträge (an dei*en „gediegenem Metall*^ und 
untadelhafter Urkundlichkeit sich zu erbauen, ich meinerseits Lesern von 
Röth^s Geschmack und kritischem Urtheil überlassen muss) giebt Jambl. V. 
P. 37 — 67, eine modernisirende Paraphrase derselben R5th IT, a, 425 — 450. 
Dass aber diese Ausführung gleichfalls Dicäarch entnommen ist, glaube ich 
nicht, theils weil sie mir für diesen Peripatetiker doch zn gehaltlos scheint, 
theils weil Die. nach Porphyr den Pytb. zuerst vor dem regierenden Rath, 
dann erst vor den Jünglingen auftreten Hess, während er sich bei Jamblioh 
vielmehr umgekehrt zuerst in das Gymnasium begiebt, und erst anf die 
Kunde von seinem dortigen Vortrag die .Auiforderung erhält, vor dem Ratho 
zn sprechen. Es scheint vielmehr erst ein späterer Biograph des Pyth. DicIU 
arch*s Angaben weiter ausgeführt zn haben; und dass dieser kein anderer 
war, als Apollonius, wird durch den Umstand wahrscheinlich, dass Jambt«. 
V. P. 259 f. von ihm einen Bericht in ähnlichem Styl mittheilt, und dass 
(wie RoHDE Rhein. Mus. XXVII, 29 bemerkt) Apollonius ebd. 264 ausdrück- 
lich an den Tempel der Musen erinnert, zu dessen Errichtung nach §. 50 
jene Keden des Philosophen den Anstoss gegeben haben sollen. Apollonius 
selbst scheint (wie Rohds a. a. O. 27 f. aus Jambl. §. 56' vgl. m. Dioo. 
VIII, 11 und Just. XX, 4, Schi. vgl. ra. Pobph. V. P. 4 zeigt) eine Dar- 
stellung des Timäus der seinigen zu Grunde gelegt zu haben, benützt aber 
für dieselbe auch sonstige, von Aristoxenus u. a. überlieferte Aussprüche; 
vgl. Jambl. §. 37. 40. 47 mit Diou. VIII, 22. 23. Stob. Floril. 44, 21 (II, 
164 unt. Mein.); §. 55 mit Stob. 74, 53. 

2) M. s. ausser dem oben angeführten die legendenhafte Angabe des 
NiKOMACHUs bei Pobph. 20 und Jambl. 30. Diodob Fragm. S. 554. Favo- 
RiH b. Diog. VIII, 15. Valer. Max. VIII, 15, ext. 1. 

3) M. vgl. hierüber auch Alcidamas b. Abist. Rhet. II, 23. 1398, b, 
14: *ltaX((oTai ll\j%af6p«9 (h((i7)9av). Wenn jedoch Plut. Numa c. 8 unt-er 
Berufung auf Epicharm erzählt, Pythagoras sei mit dem römischen Bürger- 
recht beschenkt worden, so hat er sich durch eine unterschobene Schrift 
t&oschen lassen; s. Wblcker Klein. Schriften I, 350. Später, zur Zeit der 
Samniterkrtege, wurde ihm nach Plut. a. a. O. Plik. H. n. XXXIV, 6, 26, 
als dem weisesten Griechen, in Rom eine Bildsäule errichtet. 

4) PoRPH. 22: Tspo^TJXOov 8^ oi^tcü, b's ^v^^^v ^Apiatö^vo«, xa\ Aeuxavo^ 
xdl Mt9o&R(oi xa\ flEux^ioi xa\ 'P(i>p.aiot. (Dasselbe, ohne die Berufung auf 



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288 Pythagoras. (226. 226] 

len ihm Schüler und Schülerinnen') zugeströmt sein^ die be- 
rühmtesten Gesetzgeber jener Gegenden *) sollen ihn zum Lehrer 
gehabt haben, und durch seinen Einfluss soll in Kroton und ' weiter- 
hin in ganz Grossgriechenland Ordnung, Freiheit, Sitte und Ge- 
setz wiederhergestellt worden sein^. Selbst die gallischen Drui- 
den heissen bei Späteren seine Schüler ^). Die pythagoreische 
Schule wird uns nicht blos als ein wissenschaftlicher Verein, 
sondern zugleich und hauptsächlich als eine religiöse und poli- 
tische Verbindung geschildert. Die Aufnahme in den Bund, heisst 



AriBtox., Dioo. VIII, 14.) Nikom. b. Porph. 19 f. Jambl. 29 f. 265 ff. 127 
(wo ein etniscischer Pythagoreer erwAhnt wird). 

1) M. vgl. fiber die pythagoreiichen Frauen Dioo. 41 f. Porfu. 19 f. 
Jambl. 80. 54. 132. 267 Schi.; fiber die berühmteste derselben, Theano, 
welche von den meisten die Frau, von einigen auch die Tochter des Pytha- 
goras genannt wird: Hekmesiakax b. Athen. XIII^ 599, a. Dioo. 42. Pobpr. 
19. Jahül. 132. 146. 265. Clkm. Strom. I, 309, C. IV, 522, D. Pi.üt. 
conj. pr»c. 31, 8. 142. Stob. EkL I, 302. Floril. 74, 32. 53. 55. Floril. 
Monac 266—270 (Stob. FtorU. ed. Mein. IV, 289 f.); über die Kinder des 
Pyth. PoRFH. 4 (wo eine, auch von Hieron. adv. Jovin. I, 42 berichtete 
Angabe des TimXüs aus Tauromenium über seine Tochter). Dioo. 42 f. 
Jambl. 146. Sohol. in PUt. S. 420 Bekk.; über seine Oekonomie Jambl. 170. 

2) So namentlich Zaleukns und Charondas, von welchen diess Sen. ep. 
90, 6 mit PosiDONius behauptet; ebenso Oioa. VIII, 16 (ob nach dem vor- 
her genannten Aristoxenus, lässt sich nicht ausmachen). Porph. 21. Jambl. 
33. 104. 130. 172 (beide wahrscheinlich nach Nikomachub) vgl. Ael. V. 
H. III, 17; von Zaleukus sagt es auch Diodor XII, 20. Nun war Zaleukus 
freilich um ein volles Jahrhundert Alter, als Pythagoras, und das gleiche 
gilt wahrscheinlich auch von Charondas (vgl. Hermann griech. Antiquit. I, 
§. 69); wollte man andererseits den letzteren mit Diodor XII, 11. Schol. in 
Fiat. S. 419 Bekk. zum Gesetzgeber von Thurii (445 ff. v. Chr.) machen, 
so würde er für einen persönlichen Schüler des Pythagoras viel zu jung. 
Wenn Jene Behauptungen dennoch bei den genannten Schriftstellern vorkom- 
men, so beweist diess aufs neue, wie wenig selbst verbreitete und verliält- 
nissmftssig alte Angaben über Pythagoras eine Bürgschaft ihrer Geschicht- 
lichkeit in sich tragen. Einige weitere angeblich pythagoreische Gesetzgeber 
nennt Jambl. 130. 172. Die Sage von Numa's Verbindung mit Pythagoras 
ist Bd. III, b, 69 2. Aufl. besprochen. 

3) Dioo. VIU, 3. Porph. 21 f. 54. Jambl. 33. 50. 132. 214. Cic. Tusc. 
V, 4, 10. Diodor Fragm. S. 554. Justin. XX, 4. Dio Chrtsost. Gr. 49, 
ß. 249 R. Plüt. c princ. philos. 1, 11. S. 776. M. vgl. .die angebliche 
Unterredung des Pyth. mit Phalaris b. Jambl. 215 ff. 

4) S. o. S. 58, 1 vgl. m. 277, 2. 



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[226] Schule de» Pythagoras. 289 

es, war an strenge Prüfung und an die Bedingung eines mehr- 
jährigen Stillschweigens geknüpft ') ; an geheimen Zeichen er- 
kannten sich die Verbündeten ^) ; nur ein Theil der Mitglieder 269 
wurde zu der engeren Verbindung und den Geheimlehren der 
Schule zugelassen^); solche, die nicht zum Bunde gehörten, 



1) Taubus b. Qslu I, 9. Dioo. VUI, 10. Apül. Floril. II, 15. Clem. 
Strom. VI, 580, A. Hippol. Refut. I, 2. S. 8. 14. Jambl. 71 ff. 94, vgl. 
21 ff. Philop. Dean. D, 5, u. Lücian Vit. auct. 3. Die Prüfangen selbst, 
unter denen aneh eine physignomische vorkommt (Hippol. nennt Pythago- 
ras den Erfinder der Physiognomik), und die Dauer der Echemythie werden 
verschieden angegeben; den Novizen soll der Anblick des Lehrefs, nach 
Art der Mysterien, durch einen Vorhang entzogen gewesen sein. Vgl. auch 
Dioo. 15. 

2) Jambj.. 238. Ein solches Erkennungszeichen soll namentlich der 
Drudenfuss gewesen sein (Schol. zu Aristopii. Wolken 611. I, 249 Dind. 
LuciAN De salut. c. 5), Kbische S. 44 glaubt, auch der Gnomon. 

3) Gell. a. a. O. nennt drei Klassen pythagoreischer Schüler: axouaii- 
xo\ oder Novizen, [jia07){jLaTtxo\ ©ü<jixo{; Clem. Strom. V, 575, D. Hippolyt. 
Refut. I, 2. S. 8. 14. Pobph. 37. Jambl. V. P. 72. 80 ff. 87 f. und in 
ViLLoisoN^s Anecd. II, 216 zwei, die Esoteriker und Exoteriker; jene heissen 
auch Mathematiker, diese Akusmatiker; nach Hippolytus und Jamblicti 
wären nur die Esoteriker Pythagoreer, die Exoteriker Pythagoristen ge- 
nannt worden; der Ungenannte b. Phot. Cod. 249, Anf. unterscheidet Se- 
bastiker, Politiker, Mathematiker, ferner Pythagoriker, Pythagoreer und Py- 
thagoristen, indem er die persönlichen Schüler des Pyth. Pythagoriker, die 
Schüler von diesen Pythagoreer, die a^Xtu; efroOev ^ijXwiai Pythagoristen ge- 
nannt werden Ifisst. Auf diese Angaben, an deren spätem Auftreten er 
natürlich nicht den mindesten Anstoss nimmt, stützt Roth II, a, 455 f. 
756 f. 823 ff. 966. b, 104 die Behauptung: die Mitglieder der engeren py- 
thagoreischen Schule haben Pythagoriker geheissen, die des weitereu An- 
hängerkreises dagegen Pythagoreer; zwischen beiden finde sich aber ein 
höchst wichtiger Lehrunterschied; alle Systeme der Pythagoreer seien näm- 
lich auf den zoroastrischen Dualismus gegründet, welcher (nach S. 421 f. 
von dem Arzt Demokedes in Kroton iniportirt) in dem acht ägyptischen 
Ideenkreise des Pythag^ras sich nicht finde; nur diese Pythagoreer seien 
es aber, zu denen Empedokles, Philolaus, Archytas gehörten, an welche Plato 
und seine Schüler sich anschlössen, von welchen die Berichte des Aristote- 
les Nachricht geben, welche überhaupt den Alten vor den Zeiten der Ptole- 
mäer bekannt waren. Nun nennen freilich alle die Schriftsteller, welche 
dieser Unterscheidung überhaupt erwähnen, die Exoteriker Pythagoristen, 
die Esoteriker dagegen, die ächten Schüler des Pythagoras, Pythago- 
reer; und dass der Ungenannte des Photius diesen Namen für dieselben 
erst von der zweiten Generation an gebraucht, ist ganz unerheblich. Allein 

Phllos. d. Or. I. Bd. 4. Aufl. 1 9 



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290 Pythagoras. [227] 

270 wurden in gemessener Entfernung | gehalten *), unwürdige Mit- 
glieder auf entehrende Art ausgeschlossen ^). Die Pythagoreer 
des höheren Grades lebten den späteren Angaben zufolge in voll- 
. ständiger Gütergemeinschaft •) , nach einer genau vorgeschrie- 
benen, als göttliche Satzung von ihnen verehrten Lebensord- 
nung*), zu der neben durchaus leinener Kleidung^) namentlich 
auch die gänzliche Enthaltung von blutigen Opfern und Fleisch- 
speisen ^) , von Bohnen und einigen anderen Nahrnngsmit- 



Röth weiss sich* zu helfen. Wir dürfen nur den Ungenannten dahin ver- 
bessern, dass unter den Pythagoreern sämmtliche Aknsmatikcr zu verstehen 
sind, und bei Jamblich „Pythagoriker statt Pythagoreer und Pythago- 
reer statt Pythagoristen setzen" (die Stelle des Hippolytus bat K. übersehen), 
„so ist alles in Richtigkeit Auf so windige EinfUlle wird hier eine Dar- 
stellung aufgebaut, welche nicht allein die ganze bisherige Ansicht vom 
Pythagoreismus, sondern auch die Zeugnisse des Philolaus, Plato, Aristote- 
les u, s. w. von Grund aus umwerfen soll. Warum auch nicht? Ein Luft- 
schloss zu tragen, sind Wind und Wolken gerade solid genug. 

1) Apollon. b. Jambl. 257. 

2) Jambl. 73 f. 246. Clemens Strom. V, 574, D. 

3) Die ältesten Zeugen dafür sind Epikub (oder Diokles) b. Dioo X, 
11 und TimXus von Tauromenium ebd. VUI, 10. Schol. in Plat. Phftdr. 
S. 319 Bekk.; später, seit dem Aufkommen des Neupythagoreismus, für den 
neben allem andern schon das platonische Staatsideal bestimmend sein musst«, 
ist die Angabe allgemein; m. s. Diou. VIII, 10. Gell. a. a. O. Hippol. 
Refut. I, 2. 8. 12. Porph. 20. Jambl. 30. 72. 168. 257 u. a. Phot. Lex. 
xoiva lässt den Pyth. gar bei den Bewohnern Grossgriechenlands die Güter- 
gemeinschaft einführen, und nennt auch hiefür den Timftus als Gewährsmann. 

4) Porph. 20. 32 ff. nach Nikomachus und Diogenes (dem Verfasser 
des Wunderbuchs}. Jambl. 68 f. 96 ff. 165. 256. Der letztere giebt eine 
ausführliche Beschreibung ihrer ganzen Tagesordnung. 

5) Jambl. 100. 149, beides, wie es scheint (Rohde Rh. Mus. XXVK, 
35 f. 47), zunUchst aus Nikomachus, §. 100 mittelbar aus Aristoxenus, der 
aber nur von den Pythagoreern seiner Zeit sprach. Apdlej. De Magia c. 56. 
Philostb. Apollon. I, 32, 2, welcher zu der leinenen Kleidung auch noch 
die unverschnittenen Haare hinzufügt. Andere reden blos von weissen Ge- 
wändern, z. B. Aelian V. H. XII, 32. 

6} Dem Pythagoras selbst zuerst von Eudozus b. Porph. V. P. 7 und 
Ohesikritüs (um 320) b. Strabo XV, 1, 65. S. 716 Gas., den Pythagoreern 
auch von Dichtern der alexandrin ischen Periode b. Dioo. VIII, 37 f. Athen. 
III« 108, f. IV, 161, a ff. 163, d beigelegt. Später ist die Behauptung fast 
allgemein; m. s. Cic. N. D. III, 36, 88. Rep. III, 8. Strabo VII, 1, 5, 
S. 298. DioG. VIII, 13. 20. 22. Porph. V. P. 7. De abstin. I, 15. 23. 



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[228] Schule des Pythagoras. 291 

teln ^) gehört haben soll ; selbst der Grundsatz der Ehelosigkeit 271 
wird ihnen beigelegt *). Aeltere Zeugen freilich, die mehr Glauben 
verdienen, wissen nichts von der Gütergemeinschaft*), so sehr ; 
sie auch die Treue der Pythagoreer gegen Freunde und Bundes- 
brtider rühmen*); und ebenso werden die Vorschriften über 
Speisen und Kleidung von ihnen, neben dem allgemeinen Grund- 
satz der Massigkeit und Einfachheit**^), auf wenige vereinzelte 



Jambl. 64. 68. 107 ff. 150. Plüt. De esu carn. Anf. Philostb. a. a. 0. 
Sext. Math. IX, 127 f. und viele andere. 

1) HsBAKLXDES (wohl der Pontiker) nnd Diogenes b. Jon. Lyd. De 
menB. IV, 29. S. 76. Kalumachub b. Gell. IV, 11. Dioo. VIII, 19. 24. 
33 nach Alexander Polyhitftor u. a. Cic. Divin. I, 30, 62. Flut. qn. conv. 

VIII, 8, 2. Clemens Strom. III, 435, D. r9RPH. 43 ff. Jambl. 109. Hipfol. 
Refnt. I, 2, 8. 12. Lucian V. anct. 6 u. a. Nach Hermippus u. a. bei Dioo. 
39 f. soll gar Pythagoras auf der Flucht erschlagen worden sein, weil er 
es versah mttbte, sich über ein Bofanenfeld zu flüchten. Das gleiche hatte 
schon Neanthss (b. Jambl. 189 ff.) von Pythagoreern ans der Zeit des Hlte- 
ren Dionys erzählt; derselbe fügt noch eine weitere 6. 297 unt. zu berührende 
Legende über die Standhaftigkeit bei, mit welcher der Grund des Bohnen- 
yerbots Tersch wiegen wurde; die letztere wird dann von David 8chol. in 
Arist 14, a, 30, wenig verändert, auf Tbeano übergetragen. Jambl. 107. 
69 und Epiph. Haer. S. 1087, B behaupten, Pyth. halje auch den Wein 
untersagt. Ansführliclr handelt vom Bohnen verbot Batle Art. Pythagoras 
Rem. H. 

2) Bei Clem. Strom. III, 436, C (Clemens selbst widerspricht) vgl. 
Dioo. 19: oujtot* iY^a>«Ot] (Pyth.) owts $(a}^<opwv oute aqppoStocaJ^wv oute {i£- 

3) S. o. S. 290, 3 und Krische S. 27 f., welcher den Anlass zu dieser 
Angabe (neben dein Vorgang des platonischen Staats) mit Kecht in einem 
Missverständniss des Spruchs xotva xx t(ov ^iXiov sucht, der zwar den Pytha- 
goreern schwerlich ausschliesslich eigenthümlich war (vgl. Arist. Eth. N. 

IX, 8. 1168, b, 6), den aber auch Timäus b. Dioo. 10. Cic. Leg. I, 12, 
34. Akt. Dioo. b. Porfh. 33 Pythagoras zuschreiben. 

4) M. vgl. ausser der bekannten Erzählung von Damon und Phintias 
(Cic. Off. III, 10, 45. Diodob Fragm. 8. 554. Porph. 59. Jambl. 233 ff. 
nach Aristoxrnds, dem Dionys selbst 4ie Sache mitgetheilt hatte, u. a.) 
weitere Anekdoten bei Diodor a. a. O. Jambl. 127 f. 185. 237 ff., und die 
aHgemeineren Angaben Cic. Off. I, 17, 56. Dioi». a. a. O. Porph. 33. 59. 
Jambl. 229 f. n. 8., auch Krische 8. 40 ff. Eben diese Angaben und Er- 
ziUilnngen setzen aber grossentheils ein Privateigenthum voraus. 

5) Aristoxbnub und Lyko b. Athen II, 46 f. X, 418, e. Porph. 33 f. 
Jambl. 97 f. Dioo. VIII, 19. 

19* 



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292 Pythagora». [228] 

Bestimmungen beschränkt ^), wie sie auch sonst in Verbin- 



1) Aribtoxeniis b. Athen. X, 418 f. Dioo. VIII, 20. Gei-l. IV, 11 
Ittugnet ausdrücklieb, dass sieb Pyth. des Fleisches enthalten habe, nar 
vom Pflugstier und vom Bock habe er nicht gegessen (von jenem wohl 
wegen seines Nutzens, von diesem wegen seiner Geilheit). Das gleiche be- 
richtet Plütarch b. GEf.r.. a. a. 0. vgl. Dioo. VIII, 19 aus Aristoteles. 
Nur einige Theile der Thiere und gewisse Fische sollen die I'ythagoreer 
nach diesem nicht genossen haben (wesshalb b. Dioe. VIII, 13 blos die 
Bemerkung über den unblutigen Altar, nicht die Erzählung von Pythagoras, 
aus Aristoteles entnommen sein kann). Auch Pj.ut. jqu. conv. VIII, 8, 1. 
3 und Athen. VII, 308, c sagen von den Pythagoreern nur, dass sie sich 
der Fische gänzlich enthalten und wenig Fleisch, hauptsächlich Opferfleisch 
geniessen; ähnlich führt Alexander b. Dioo. Vill, 33 unter manchen, schon 
theilweise unhistorischcn, Speiseverboten die gänzliche Enthaltung von Fleisch 
noch nicht auf. Selbst Ant. Dioo. b. Porfh. 34. 36 und Jambl. 98 (in 
einem mittelbar ohne Zweifel von Aristoxenus herstammenden Bericht) stim- 
men, im Widerspruch mit den sonstigen Behauptungen dieser Schriftsteller, 
hiemit überein, und Plut. Numa 8 sagt von den pythagoreischen Opfern 
gleichfalls nur, sie seien meist unblutig gewesen. Dagegen würde aller- 
dings schon Theophrast den Pythagoreern die Enthaltung vom Fleischge- 
nuss zuschreiben, welche für die orphisch- pythagoreischen Mysten seiner 
Zeit auch sonst bezeugt ist (vgl. Tb. II, a, 29, 1 3. Aufl. III, b, 65 f. 
2. Aufl.), wenn I^rph. De abstin. II, 28 vollständig aus ihm entlehnt wäre; 
indessen hält Bernays Th^ophr. v. d. Fromm. S. 88 die von den Pythago- 
reern handelnden Sätze Sc' Zntp . . . :capavo(jLia$ wohl mit Recht für einen Zusatz 
Porphyr's. Auch nach dieser Darstellung sollen sie aber vo^n Opferflei^ch 
wenigstens gekostet haben, so dass sie doch Thieropfer gehabt hätten; ein 
Stieropfer wird Pythagoras auch aus Anlass des pythagoreischen Lehrsatzes 
und anderer mathematischer Entdeckungen zugeschrieben (Apollodor b. 
Athen. X, 418 f. und Dioo. VlIl, 12. Cic. N. D. IH, 36, 88. Plüt. qu. 
conv. VIII, 2, 4, 3. n. p, suav. v. 11, 4. S. 1094. Prokl. in Euch 110 
u. 426 Fr. — Porph. v. P. 36 macht daraus die Opferung eines aiaiitvo; 
ßou(), und bei den Athleten soll er. die Fleischkost eingefühi-t haben (s. u.). 
Von den Bohnen behauptet Aristoxenus bei Gell. a. a. O., dass Pyth., 
weit entfernt, sie zu verbieten, dieses Gemüse vielmehr vorzugsweise empfoh- 
len habe; um so unwahrscheinlicher ist es, dass Hippol. Refut. I, 2. S. 12 
und Porph. 43 ff. ihre alberne (auch von Lucian. Vit. auct. 6 berührte) 
Begründung des Bohnen Verbots ihm, und nicht vielmehr dem Antonius Dio- 
genes verdanken, aus dem sie Jon. Lydus De mens. IV, 29. S. 76 mit den 
gleichen Worten, wie Porphyr, mittheilt; und setzt auch der Widerspruch 
des Aristoxenus voraus, dass das Bohnenverbot schon damals Pythagoras 
beigelegt wurde, so sieht man doch zugleich daraus, dass es von denjenigen 
Pythagoreern, deren Ueberlieferung er folgte, nicht anerkannt war. Gell. 
a. a. 0. erklärt die Sage vom Bohnenverbot aus dem Miss verstau dniss eines 



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[229] Schule des Pythagorag. 293 

dung mit eigenthümlichen Kulten vorkommen *) ; auch bei die- 272 
sen wissen wir aber nicht sicher, ob sie schon den italischen Py- 273 
tbagoreern und nicht erst den pythagoraisirenden Orphikern an- 
gehörten, ob sie daher ursprünglich aus dem Pythagoreismus 
oder aus den orphischen Mysterien herstammen. Die pythago- 
reische Ehelosigkeit ohnedem ist noch späteren Schriftstellern 
so fremd, dass sie Pythagoras selbst eine Frau beilegen *), und 
zahlreiche Vorschriften für d(is eheliche Leben von ihm und seiner 
Schule berichten (s. u.). Von den Wissenschaften pflegten die 
Pythagoreer, neben der eigentlichen Philosophie, vorzugsweise 
die Mathematik, welche ihnen ihre erste erfolgreiche Bearbeitung 
verdankt^). Durch Anwendung der Mathematik auf | die Musik 



symbolischen Ausspruchs; in Wirklichkeit ist sie wohl eher daraus entstan- 
den, dass eine Sitte, die den Orphikern mit Recht beigelegt wird, auf die 
alten Pythagoreer übertragen wurde. M. vgl. Krjsche S. 35. Der Angabe, 
dass die Pythagoreer nur leinene Kleider getragen haben, widerspricht 
noch der Bericht bei Dioo. VIII, 19 (über den im übrigen Krischb 6. 31 
»»1 vgl)j wenn er sie wegen ihrer wollenen Gewänder, ungeschickt genug, 
entschuldigt: die Lieinwand sei damals in Italien noch unbekannt gewesen. 
Nach Hebod. II, 81 beschränkt sich das ganze darauf, dass in den orphisch- 
pythagoreischen Mysterien wollene Todtenkleider untersagt waren. 

1) Wie diess Alexander b. Dioo. VIII, 33 ausdrücklich bemerkt: aizi^ 
yeaOai ßpcoTcuv Ovi^asiStcov xe xpeöSv xa\ Tpty^Xcov xsi {AcXavoupcuv xa'i (oü>v xoc\ 
tcuv cooTÖxcov l^ttxov xat xudtAcov xac toiv oXXoiv üjv TtapaxfXcüovxai xa\ ot 
Ta< t£Xeia( ^v toT; U?öT« «RtTeXoüVTs?. Vgl. Pixt. qu. conv. VIII, 8, 3, 15. 
Dass die Pythagoreer eigenthümliche Gottesdienste und Weihen hatten, und 
dass diese den äusseren Vereinigungspunkt ihrer Verbindung bildeten^ müssen 
wir schon nach Hebod. II, 81 voraussetzen. Von einem icuOaYÖpcio; ipoTcof 
Tou ßiou, durch den sich die Schüler des Pyth. von andern unterscheiden) 
redet auch Plato Rep. X, 600, B; eine solche äusfierlich hervortretende 
Eigen thümlichkeit in der Lebensweise lässt aber an sich schon einen religiö- 
sen Charakter vermuthen, und noch bestimmter erhellt dieser, neben dem, 
was sich uns in den Angaben über das pythagoreische Leben als geschicht- 
lich bewährt hat, und was in den cJlrimoniellen Vorschriften bei Dioo. 10. 
33 f. Jambl. 163 f. 256 achtes enthalten sein mag, aus der frühen Vor- 
bindung des Pythagoreismus mit den bacchisch-orphischen Mysterien, für 
welche die Belege theils in den obigen Nach Weisungen, theils in der Unter- 
schiebung orphischer Schriften durch Pythagoreer (Clemens Strom. I, 833, 
A. Lobeck Aglaoph. 347 ff.) liegen. Vgl. auch Ritteb I, 363. 

2) ö. o. S. 288, 1 und Müsonius b. Stob. Floril. 67, 20. Vgl. auch 
Diott. 21. 

3) Was kaum nöthig ist mit Zeugnissen, wie das des Aristoteles Mo* 



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294 Pylhagoras. [230] 

274 worden sie die Begründer der wissenschaftlichen Tonlehre, 
welche in das pythagoreische System so bedeutend eingreift ^) ; 



taph. I, 5,^Anf. (ol xaXoüjuvot nuöaf'öpfitoi idiv |ia6i)jiaxtöv a^a^kVKn ÄpwTOi 
lauta JcpOTJyoiYov xai ^vipa^^vie; ^v aCiot; lac ioüt»i>v ccp/^a^ xtuv oviüjv afX'C 
oJiJÖTjaav cTvai ::«vi«üv), besonders zu belegen, da es durch den ganzen Cha- 
rakter der pythagoreischen Lehre und durch Namen , wie Philolaus und 
Archytas, hinreichend bewiesen wird. Auch später blieb ja Grossgriochcn- 
land und Sicilicn ein Hauptsitz der mathematischen und astronomischen 
Studien. Pythagoras selbst werden bedeutende mathematische und astro- 
nomische Kenntnisse und Entdeckungen beigelegt; m. s. Aristox. b. Stob. 
Ekl. I, '16 und Dioa. YIII, 12. Hebmesianax und AroLr.oDOR b. Athen. 
XIII, 599, a. X, 418, f. und Diog. I, 25. VIII, 12. Cic. N. I). III, 36, 88. 
Plin. H. n. II, 8, 37. Dioo. VIII, 11. 14. Porph. V. P. 36. Plut. qu. 
conv. VIII, 2, 4, 3. n. p. suav. vivi 11, 4, S. 1094. Plac II, 12. Pbokl. 
in Eucl. 19, m. (wo statt aXd^wv wohl avaXo-ywv zu lesen ist) 110 u. 111, 
m. (65. 426. 428 Fr.) Stob. Ekl. I, 502. Lücian vit. auct. 2: ti 8k jJ-«^i<Tia 
oTScvj ap(0[jLY)Tiy.^v, otarpovojiiav, lepaTEiav, yetüpiETpiav, (jiouoixijv, Y*^^*^"*^! (aä^'^*^ 
axpov ßX^Tceic. ^^o wenig wir aber auch bezweifeln können, dass Pyth. zu 
der folgenreichen Entwicklung der Mathematik in seiner Schule den Anstoss 
gegeben hat, so unmöglich ist es doch , aus den abgerissenen und durchaus 
unzuverIlUBigcn Angaben über ihn eine Vorstellung von seinem mathemati- 
schen Wissen zu gewinnen, welche auch nur annAhernde geschichtliche 
Sicherheit hätte; um vollends einen so umfassenden und in alle möglichen 
Einzelheiten sich erstreckenden Bericht darüber zu geben, wie wir ihn bei 
KÖTU II, a, 515>-r>91 finden, war alle die Kritiklosigkeit und Zuvei'Sicht- 
lichkoit nöthig, durch welche sich Röth's Werk auszeichnet. Selbst den 
Stand der mathematischen Wissenschaften in der pythagoreischen Schule 
zur Zeit des Philolaus und Archytas -würde nur ein genauer Kenner der 
alten Mathematik, und auch dieser ohne Zweifel nur mit grosser Vorsicht 
und Zurückhaltung, schildern können. In den Kreis der vorliegenden Dar- 
stellung gehört das, was hierüber mitgetheilt wird, nur so weit es theils 
die allgemeinen Grundlagen der Zahlcnichrc und Harmonik, theils die Vor- 
stellungen vom WeltgebRude betrifft. — Dass Pyth. in Tarent eine Erd- 
tafel verfertigt habe (Roth II, a, 962. b, 314), sagt Varbo in der von Roth 
mit wesentlichen Auslassungen und Acnderungen angeführten Stelle L. lat. 
V, 6 mit keiner Silbe; er redet dort vielmehr von einem ür^nzebild der 
Europa auf dem Stier, welches Pythagoras (nümlich Pyth. der Rheginer, der 
bekannte Bildhauer aus der Mitte des 5ten Jahrhunderts) zu Tarent vor- 
fertigte. Auch Marc:. Capem.a De nupt. Philol. VI, 5 S. 197 Grot. schreibt 
Pyth. nicht eine Erdtafel, sondern eine Bestimmung der Rrdzonen zu. 

1) Nach NiKOMACiius Harm. I, 10. Dioo. VIH, 12. Jambl. 115 ff. u. a. 
(s. u. 345, 2 3. Aufl.) hätte Pythagoras selbst die Harmonik erfunden. Siche- 
rer ist, dass sie in seiner Schule zuerst ausgebildet wurde, wie diess schon 
der Name und die Thcorieen des Philolaus und Archytas beweisen , über 



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[230. 231] Schule des Pythagoras. 295 

nicht geringer war aber fUr sie auch die praktische Wichtigkeit 
der Musik, die theils als sittliches Bildungsmittel , theils in Ver- 
bindung mit der Heilkunde geübt wurde ^), denn auch diese') 
soll ebenso, wie die Gymnastik ^), bei den Pythagoreem geblüht 275 
haben. Dass sich Pythagoras und seine Schüler der Mantik be- 
fleissigt haben | sollen *) , war schon nach den Proben von über- 
natürlichem Wissen zu erwarten, welche die Sage (s. o.) von dem 
samischen Philosophen berichtet. Als Hülfsroittel der Sittlichkeit 
war den Mitgliedern des Bmides, neben anderem ^) , wie erzählt 
wird, namentlich tägliche genaue Selbstprüfung vorgeschrieben^). 



dio unten noch zu sprechen sein wii-d. Daes die Pythagoreer die Tonlehre 
und die Sternkunde für zwei verschwisterte Wissenschaften hielten , sagt 
auch Plato Rep. VII, 530, D. 

1) M. g. die Angaben bei Porph. 32. Jambl. 33. 64. 110 ff. 163. 195. 
224. Strabo I, 2, 3. 8. 16. X, 3, 10. 8. 468. Plüt. Is. et Os. c. 80, 8. 384. 
virt. mor. c. 3, S. 441. Cic. Tusc. IV, 2. Sen. De ira III, 9. Quirtil. 
Instit. I, 10, 32. IX, 4, 12. Censobin Di. naf. 12. Aeliam Y. H. XIY, 
23. 8ext. Math. VI, 8. Chamalko b. Athen. XIII, 623 f. (über Klimas). 
Enthalten auch diese Aiigaben manches sagenhafte, so lässt sich doch ihr 
oben bezeichneter historischer Kern um so weniger bezweifeln, da die pytha- 
goreische Harmonik eine leShafte Beschäftigung mit der Musik voraussetzt, 
und da die ethische Anwendung dieser Kunst dem Charakter des dorischen 
Lebens und des apollinischen Kultus eutspricht, ihr medicinischer Gebrauch 
in Verbindung mit dem Kultos auch sonst vorkommt Iliezu passt es, dass 
die pylhag. Musik als ernst und ruhig und die Leyer als ihr Uauptinstru- 
ment bezeichnet wird; doch nennt Athen. IV, 184, e auch eine Keihe py- 
thagoreischer Flötenbläser. 

2) DiQu. VIII, 12. Porph. 33. Jambl. HO. 163. AroLi.OM. b. Jambl. 
264. Celsus De medic. I, pref. nennt Pyth. unter den berühmtesten Aerzten. 
Man vgl. was später über Alkmäon^s Verbindung mit den Pythagoreem be- 
merkt werden wird. 

3) lieber die ausser Jambl. 97 namentlich Stkabo VI, 1, 12, S. 263. 
Justin XX, 4, auch Diodok Fragm. 8. 554 zu vergleichen ist. Milo*s, des 
berühmten Athleten, Pythagoreismus ist bekannt. Auch die Angabe (Dioo. 
12 f. 47. Porph. V. P. 15. De abst. I, 26. Jambl. 25), dass Pyth. bei 
den Athleten die Fleischkost eingeführt habe, an sich freilich schwerlich ge- 
schichtlich, scheint sich ursprünglich auf unsern Pyth. zu beziehen. 

4) Cic. Divin. I, 3, 5. II, 58, 119. Dioo. 20. 32. Jambl. 93. 106. 
147. 149. 163. Clem. Strom. I, 334, A. Plut. Plac. V, 1, 3. Lüciak 
(s. o. 8. 293, 2). Auch magische Künste werden Pyth. beigelegt, Apül. de 
magia c. 27. 8. 504 u. a. 

5) DiODOR Fragm. 8. 555. 

6; CiMrm, i^ur. V. 40 ff., und demgemäss Cic. Cato 11, 38. Diopok a. 



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296 Pythagoras. [231] 

Wie aber das ethische in jener Zeit vom politischen nicht 
zu trennen ist, so wird auch von den Pythagoreern tiberliefert, 
dass sie sich nicht blos überhaupt eifrig mit Politik beschäftig- 
ten^), und auf die Gesetzgebung und Verwaltung der gross- 
griechischen Städte den bedeutendsten Einfluss gewannen'), son- 
dern dass sie auch in Kroton und andern italischen Städten eine 
förmliche politische Verbindung') bildeten, welche durch ihren 
Einfluss auf die Raths Versammlungen*) thatsächlich die Herr- 
schaft über diese Staaten in der Hand hatte, und diese ihre Macht 
im Sinn der altdorischen streng aristokratischen Staatsordnung 
benutzte^). Nicht minder streng sollen sie | an der Lehre ihres 



a. O. DioG. Vlli, 22. PoiiPii. 40. Jambl. 164 f. 256. Weiteres über die 
pythag. Ethik unten. 

1) Nach Jambl. 97 waren die Stunden nach Tiftch der Politik gewidmet, 
und Varro b. Auodstik De ord. II, 20 behauptet, Pyth. habe die Politik 
nur den gereifteaten unter seinen Schillern mitgetheilt. 

2) S. 0. S. 288, 2. 3 und Valeb. Max. VIII, 15, ext. 1. ebd. c, 7, 
ext. 2. 

3) In Kruton angeblich aus 300, nach andern aus mehr als 300 Mit- 
gliedeiii bestehend. 

4) In Kroton wird diese von Jambl. V. P. 45. 260 (nach Apollonius) 
mit dem Namen o{ yjXtoi bezeichnet, was freilich für einen Senat eine so 
grosso Anzahl wäre, dass man eher blos an den regierenden Theil der Bür- 
gerschaft dabei denken möchte; Diod. XH, 9 nennt sie ^fxXijto«, Porph. 
18 To Ta>v yspövitüv ao)(^£lov. Daneben redet aber sowohl Diodor als Jamblich 
von dem S^(io; und der sxxXr^via, welche indessen nach Jambl. 260 nur über 
das zu beschh'esscn gehabt hiltte, was von den /j!Xtot an sie gebracht wurde. 

5) Jamrl. 249 nach Aristoxenus 254 ff. nach ApoHonius. Dioo. VIII, 
3. JuHTiN. XX, 4. Auch Poi.YB II, 39 erwÄhnt der pythagoreischen «Juv^Spia 
in den grossgriechischen Städten, Plüt. c. princ. philos. 1, 11. S. 777 redet 
von dem Einfluss des Pythagoras auf die angesehensten unter den Italioten, 
und PoRPii. 54 sagt, die Italer haben den Pythagoreern die Verwaltting 
ihrer Staaten überlassen. Bei dem Streit zwischen Kroton und Sybaris, 
welcher mit der Zerstörung der letzteren Stadt endete, war es nach Diodor 
Xn, 9 das Ansehen des Pythagoras, welches in Kroton für den Beschluss 
entschied, die Auslieferung der geflüchteten sybaritischen Aristokraten zu 
verweigern und den Kampf mit dem übermächtigen Gegner aufzunehmen, 
und der Pythagoroer Milo führte seine Landsleute in der Vernichtungsschlacht 
am Tra^s. Dem steht nicht im Wege, dass Cic. De orat. III, 15, 56 vgl. 
Tusc. V, 23, 66 den Pythagoras mit .Anaxagoras und Demokrit unter die 
rechnet, welche einer politischen Wirksamkeit entsagt haben, um ganz der 
Wissenschaft zu leben, denn theils fragt es sich, woher er das hatte, theüs 



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[232] «chule des Pythagoras., ' ., 207 

Meisters festgehalten^ und jeden Zweifel daran mit dem bekann- 276 
ten auTÖ^ itfx niedergeschlagen haben*)-, zugleich wird aber be- 
hauptet; diese Lehre sei sorgfaltig auf den Kreis der Schule be- 
schränkt; und jede Ueberschreitung dieser Schranke aufs stärkste 
gerügt worden *) ; um sie den Uneingeweihten für alle Fälle un- 



bekleidete auch Pytiiagoras selbst keine StaatsAmter; noch weniger folgt 
aus Plato Rep. X, 600, C, dass sich die Pythagorecr einer politischen Wirk« 
samkeit enthielten, wenn gleich ihr Stifter selbst, dieser 8telle zufolge, nicht 
als Staatsmann, sondern durch persönlichen Umgang wirkte. Der streng 
aristokratische Charakter der pythagoreischen Politik erhellt auch aus den 
Anschuldigungen bei Jambj.. 260. Athen. V, 213, f, vgl. Uiog. VIII, 46. 
Tebtull. Apologet c. 46, und aus der ganzen kylonischen Verfolgung. 

.Dagegen fehlt es der Annahme Chaionet^s (I, 54 ff), dass die Verfassung 
von Kroton erst durch Pythagoras ans einer gemässigten Demokratie in 
eine Aristokratie verwandelt worden sei, an jeder Stütze in der Uöberliefe- 
rung; es steht ihr vielmehr entgegen, dass Strabo VIII, 7, 1. S. 384 (nach 
PoLTB. II, 39, 5) Ton den Italikern sagt, [Jisxa tt)v 9raa'.v x^v i:po^ i</u( Hu- 
Ooifopetou; xa irXsttTXa xöSv vo{ii{xcov (jL£X6VEYxaa6ai Tcapa xouxcov (den AchHern, 
die eine demokratische Verfassung hatten), was sie nicht nöthig gehabt hfttten, 
wenn sie nur ihre eigenen demokratischen Einrichtungen wiederherzustellen 
brauchten; während andererseits (vgl. vor. Anm.) auch unter der pythago- 

■ reiseben Staatsverwaltung über manche Ding^ die fxxXrjdia entscheidet. 

1) Cic. N. D. I, 6, 10. Dioo. VIII, 46. Clemens Strom. II, 369, C. 
Philo qu. in Gen. I, 99. S. 70 Auch. u. a. 

^ Schon Aristoxemus b. Dioo. VIII, 15 bezeichnet es als einen Grund- 
satz der Pythagoreer, [at) sTvat :cpb{ navxac nTtza ^7}xa, und nach Javbl. 31 
zählte Aristoteles die S. 285, 1 angeführte Aeusserung über Pythagoras 
zu den i:sw dno^^ijTocf der Schule; Spätere (wie Plut. Numa 22, Aristokles 
b. £u8. pr. ev. XI, 3, 1, der angebliche Lysis b. Jambl. 75 ff. und Dioo. 
VIII, 42 ^ Clemens Strom. V, 574, D, Jambl. V. P. 199. 226 f. 246 f. n, 
xoty. {xaO. Itckjx. in Villoison Anecd. If. S. 216, Porph. 58, ein Ungenann- 
ter b. Menage z. Diog. VIII, 50 vgl. Plato ep. II, 314, A) wissen viel 
von der Strenge und Slandhaftigkeit, mit welcher die Pythagoreer auch geo- 
metrische und andere rein wissenschaftliche Sätze als Ordensgeheimnisse 
bewahrt, von dem Abscheu und den Strafen der Götter, die jede Verletzung 
dieses Geheimnisses getroffen haben. Der erste Beweis für das Vorkommen 
dieser Vorstellung liegt in der S. 262 besprochenen Behauptung des Nean- 
thes über Empedoklos und Philolaus, und in der legendenhaften Erzählung 
desselben Schriftstellers, sowie des (nach Dioo. VIII, 72 beträchtlich jünge- 
ren) Uippobotus b. Jambl. 189 ff., wo Myllias und Timycha das äusserste 
erdulden, letztere sich sogar (wie Zeno von Elea) die Zunge abbeist, um 
dem älteren Dionys den Grund des pythagoreischen Bohnenverbots nicht 
XU v^rratben. Pa^gen fragt es sich, ob die Angabe des TimXus b. Dioq. 



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298 rythagoras. [232. 233] 

277 verständlich zu machen; sollen sich die Pythagoreer, und schon 
der Stifter der Schule , jener symbolischen Ausdrucksweise be- 
dient haben, in der die meisten von den Sinnsprüchen gehalten 
sind, welche uns als pythagoreisch überliefert werden *). 

Was nun an diesen Angaben geschichtlich ist, lässt sich im 
einzelnen nicht mit Sicherheit ausmachen, und nur gewisse | all- 

278 gemeine Ergebnisse können wir annähernd feststellen. Wir sehen, 
dass schon zur Zeit des Aristoteles, Aristoxenus und Dicäarchus 
manche Wundersagen über Pythagoras im Umlauf waren ; aber 



VIII, 54, welche dci- de« Ncanthes unverkennbar zu Grunde liegt, Einpedok- 
les und ebenso spllter Plato, seien wegen XoyoxXotci« von dem pythagorei- 
schen Unterricht ausgeschlossen worden , sich gleichfalls auf die" Veröffent- 
lichung einer Geheimlehre, und nicht vielmehr nur darauf bezieht, dass sie 
die pythagoreische Lehre ungehöriger Weise für ihre eigene ausgaben. GroS' 
ses Gewicht werden wir übrigens dem Zeugniss eines Schriftstellers, welcher 
den Empedokles a. a. O. gegen alle chronologische Möglichkeit noch zum 
pei'sönlichen Schüler des Pythagoras macht, keinenfalls beilegen dürfen. 
1) Jambl. 104 f. 226 f. Sammlungen und Deutungen p^'tfaagorei- 
-• scher Symbole werden von .aristoxenus in den 7cu0oi-]fo^ixa\ aTio^otoEt;, Alexan- 
der Polyhistor, Anaximander d. j. erwähnt bei Clemens Strom. I, 304, B. 
Cyuill. c. Jul. IV, 133, D. Jambi.. V. P. 101. 145. Theol. Arithm. S. 41. 
^^ülDA8 'AvaftjJLttvopo; (vgl. Krische S. 74 f. Mahne De Aristoxeno 94 ff. 
Braki>is I, 498); eine weitere, angeblich altpythagoreische, untei- dem Namen 
des Androcydes ist Th. III, b, 88 2. Aufl. besprochen; auch das aristote- 
lische Wjerk über die Pythagorcer scheint manche von jenen Symbolen mit- 
getheilt zu haben (s. Porph 41. Hieron. c. Ruf. III, 39. T. II, 565 Vall. 
Dioo. VIII, 34), überhaupt sind wohl viele (wie der von Athen. X, 452, 
e erwähnte Deinetrius von Byzanz) beiläufig darauf eingegangen. Aus die- 
sen älteren Sammlungen mag das meiste von dem geflossen sein, was von 
Späteren, wie Plutarch (besonders in den ou[ji::oataxa), Stobäus, Athenäus, 
Diogenes, Porphyr und Jamblich, Hippolytus u. a. Pythagoras und den Py- 
thagoreem derartiges zugeschrieben wird. Diese Sprüche lassen sich aber 
für die Darstellung der pythagoreischen Ethik und Keligionslehre nur mit 
grosser Vorsicht benützen, weil theils ihr Sinn vielfach unsicher, theils das 
acht pythagoreische von dem späteren schwer zu scheiden ist; für die 
pythagoreische Philosophie haben sie keine grosse Bedeutung. Samm- 
lungen derselben finden sich bei Orelli Opnsc. Gr»c. vet. sent. I, 60 f. 
Mullach Fragm. Philos. I, 504 ff.; eine eingehendere Untersuchung hat 
ihnen Göttlino Ges. Abhandl. I, 278 f II, 280 f. gewidmet. In der Deu- 
tung derselben scheint er mir aber nicht selten allzukünstlich zu verfahren, 
und in Vorschriften, die ihrer ursprünglichen Abz weckung nach rein rituel- 
ler Art sind, ohne Noth einen verborgenen Sinn zu suchen. Vgl. auch 
Kpupp Rh. Mus. XXVI, 561. 



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[253] Pyth. und 8. Schule; Krgebnisa. 299 

ob er selbBt in der Rolle des Wunderthäters auftrat, ist nicht zu 
bestimmen, und die Art, wie Empedokles und Heraklit von ihm 
sprechen ^) , macht es wahrscheinlich, dass er noch längere Zeit 
nach seinem Tode nicht für mehr, als für einen Mann von unge- 
wöhnlichem Wissen gehalten wurde, dem man aber darum keinen 
übernatürlichen Charakter beizulegen brauchte. Dieses Wissen 
scheint nun allerdings vorzugsweise religiöser Art gewesen zu 
sein , und religiösen Zwecken gedient zu haben ; Pythagoras er- 
scheint als der Stifter eines religiösen Vereins mit eigenthüm- 
lichen Weihen und Gottesdiensten ; er mag insofern für einen 
Seher und Weihepriester gegolten, und sich selbst als solchen ge- 
geben haben ; — diess wird theils durch den ganzen Charakter 
der Pythagorassage, theils durch das Dasein pythagoreischer Or- 
gien im fünften Jahrhundert durchaus wahrscheinlich; — auch 
diess macht ihn aber zu keiner so ausserordentlichen Erscheinung, 
wie die spätere Ueberlieferung voraussetzt, sondern er steht in 
dieser Beziehung mit einem Epimenides, Onomakritus und andern 
Männern des sechsten und siebenten Jahrhunderts in Einer Reihe. 
Ferner scheint es sicher, dass sich der pythagoreische Verein vor 
allen ähnlichen durch seine ethische Richtung auszeichnete; aber 
die richtige Vorstellung von seinen ethischen Bestrebungen und 
Einrichtungen werden wir den späteren, unzuverlässigen Be- 
schreibungen nicht entnehmen können. Pythagoras hatte ohne 
Zweifel die Absicht, eine Pflanzscbule der Frömmigkeit und der 
Sittenstrenge, der Massigkeit, der Tapferkeit, der Ordnung, des 
Gehorsams gegen Obrigkeit und Gesetz, der Freundestreue, 
überhaupt aller jener Tugenden zu gründen , die zum griechi- 
schen, und insbesondere zum dorischen Begriff eines wackeren 
Mannes gehörten, und die auch in den pythagoreischen Sitten- 
sprüchen , wie es sich übrigens im einzelnen mit ihrer Aechtheit 
verhalten mag, überwiegend betont werden. Für diesen Zweck 279 
muftsten ihm, neben den religiösen Beweggründen , die sich aus 
dem Gedanken an das Walten der Götter, und im besonderen 
aus der Lehre von der Seelenwanderung ergaben , die | vater- 
ländischen Uebungs- und Bilduiigsmittel, Musik und Gymnastik, 
zunächst liegen, und so lässtsich auch nach den sichersten TJeber- 



1) S. Q. e. 283, 3. 285, 2 ^. E. 

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300 Pythagoras. [234] 

lieferungen nicht bezweifeln^ dass beide in den pythagoreischen 
Kreisen mit Eifer betrieben wurden. An beide mochte, sich 
ßodann (b. o.) der Gebrauch gewisser Heil- und Geheimmittel an- 
schliessen ; und dass hiebet Beschwörung; Gesang und religiöse 
Musik im wesentlichen jene Rolle spielten, welche die Sage 
ihnen zuschreibt ^ ist nach dem ganzen Charakter der ältesten, 
mit Religion, Zauberei und Musik so eng verschmolzenen Heil- 
kunde ganz Wcihrscheinlich, während andererseits die Behaup> 
tung, die pythagoreische Heilkunst habe vorzugsweise in Diäte- 
tik bestanden H, nicht blos durch ihre Verbindung mit der Gym- 
nastik und durch dea ganzen Charakter des pythagoreischen 
Lebens, sondern auch durch Plato's übereinstimmende Ansicht 2) 
bestätigt wird*). Ebenso ist es glaublich, dass die Pythagoreer 
die Einrichtung der gemeinsamen Mahle auf ihren Verein über- 
trugen, mochten dieselben nun täglich oder nur zu gewissen Zeiten 
stattfinden *) ; was aber Spätere von ihrer Gütergemeinschaft er- 
zählen, ist ganz sicher fabelhaft, und ihre Eigenthümlichkeiten in 
der Kleidung, den Nahrungsmitteln und der sonstigen Lebens- 
weise müssen wir auf wenige Bestimmungen von untergeordneter 
Bedeutung zurückführen ^). Weiter ist der politische Charakter 
dos pythagoreischen Bundes unläugbar; die Behauptung jedoch^). 



1) Jambl. 163. 264. 

2) Rep. III, 405, C ff. Tim. 88, C ff. 

3) Man vgl. über dio AreneikuDde der Pythagoreer und ihrer Zeit- 
genossen Kbischk De societ. a Pyth. cond. 40. Forschungen ü. s. w. 
72 ff. 

4) Wie Kbiscuk De auciet. n. s. w. 86, gestützt auf die lückenhafte 
Stelle aus Satvrus b. Dioo. VIII, 40, vgl. mit Jambl. 249, vermuthet. 
Weiteres bei den 8. 290, 4 angeführten Schriftstellern, welche aber durchaus 
die Gütergemeinschaft voraussetzen. 

5) Vgl. 5*. 291 f. 

6) Krisch E in der mehrerwähnten Schrift, die ihr Ergcbniss S. 101 in 
den Worten zusamuienfasst: Societatis (Pythagoriccte) scojmi fuit mere poli- 
ticus, ut lapsam optimatium potenfatevi non modo m prUtinum restüueret, 
sed firmaret amplificaretq^te; cum summo Iwc scopo duo coiyuncti fueruntj 
moralis altera alter ad liferas »pectans. DUcipxdos 8U08 bonos probosque ho- 
mines reddere voluit Pyfhagoras ei ui civitaiem modernntes potestate sua non 
ahtUerentur ad plebem opprimendam j et ut plebs, iuteUigens suis commodis 
consvll, condüione aua contenta esset. Quoniam vero bonum sapiensque mode- 
ramcn fnqn) nisi a prvdente liieriaque exctilto virv exspcctari licet^ phüosQ- 



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[235] Pytfa. und s. Sohale: Ergebniss. 301 

daBs seine ganze Abzweckung rein politischer Art, und | alles au- 280 
dere diesem Zweck untergeordnet gewesen sei, greift weit über 
das geschichtlich erweisliche hinaus , und ist weder mit der pby- 
sikaUsch mathematischen Richtung der pythagoreischen Wissen- 
schaft, noch mit dem Umstand zu vereinigen , dass uns die älte- 
sten Zeugnisse in Pythagoras mehr den Propheten, den kenntniss- 
reichen Mann , den sittlichen Reformator , als den Staatsmann 
zeigen '). Mir scheint die Verbindung des Pythagoretsmus mit 
der dorischen Aristokratie nicht der Grund, sondern die Folge 
seiner ganzen Kichtui^ und Lebensansicht zu sein; und mag 
auch dieUeberlieferung, welche uns in den pythagoreischen Ver- 
einen Grossgriecheulands eine politische Verbindung erkennen 
lässt, in der Hauptsache Glauben verdienen, so vermisse ich doch 
jeden Beweis dafllr, dass sich die religiöse, ethische und wissen- 
schaftliche Eigenthümlichkeit der Pythagoreer aus ihrer politi- 
schen Partheistellung , und nicht vielmehr diese aus jener ent- 
wickelt habe. Auch die wissenschaftliche Forschung war aber 
schwerlich die Wurzel des Ganzen, denn aus der Zahlenlehre 
und der Mathematik , in denen wir auch später noch die unter- 
scheidenden Züge der pythagoreischen Wissenschaft erkennen 
werden, lässt sich der sittliche, religiöse und politische Charakter 
der Schule nicht erklären. Das ursprüngliche im Pythagoreismus 
scheint vielmehr das gewesen «u sein , was in den ältesten Aus- 
sagen über Pythagoras am stärksten hervortritt, und durch das 
frühe Dasein pythagoreischer Orgien festgestellt ist, und worauf 
sich auch die einzige mit völliger Sicherheit auf Pythagoras selbst 
zurückzuftlhrendc Lehre , die Lehre von der Seelen Wanderung, 
bezieht, das sittlich religiöse Element. Pythagoras wollte zunächst 
mit Hülfe der Religion eine Reform des sittlichen Lebens be- 
wirken ; aber wie sich bei Thaies an die ethische Reflexion die 
erste natnrphilosophische Spekulation angeschlossen hatte, so 
stand auch hier mit den praktischen Bestrebungen jene eigen- 
thümliche Richtung der wissenschaftlichen Weltansicht in Ver- 
bindung, welcher der Pythagoreismus seine Stelle in der Ge- 281 



phiae Studium necessarium duxit Samius iis, qui ad civitatu clavum tenendum 
st aceingerent, 

1) M. 8. was S. 283. 293, 1. 296, 5. 299. angeführt wurde. 



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302 Pythagoras. [286] 

schichte der Philosophie zu verdanken hat. Nur in ihren religiösen 
Gebräuchen werden wir auch jene vielbesprochenen Bundes- 
geheimnisse der I Pythagoreer EU suchen haben, und nur auf diese 
kann sich, wenn er überhaupt altpythagoreisch ist, der Gegen- 
satz von Esoterikern und Exoterikern beziehen, welcher sich aus 
der herkömmlichen Unterscheidung grösserer und kleinerer, voll- 
endender und vorbereitender Weihen ergab ^) ; dass dagegen 
philosophische Lehren oder gar mathematische Sätze, abgesehen 
von ihrer etwaigen symbolisch religiösen Bedeutung, geheim ge- 
halten worden wären, ist höchst unwahrscheinlich*); Philolaus 
wenigstens und die übrigen, denen Plato und Aristoteles ihre 
Kenntniss der pythagoreischen Lehre verdankten , können von 
einer derartigen Verpflichtung nichts gewusst haben'). 

Für den äusseren Bestand des pythagoreischen Vereins und 
flir einen grossen Theil seiner Mitglieder wurde seine politische 
Richtung verhängnissvoll. Die demokratische Bewegung gegen 
die herkömmlichen aristokratischen Einrichtungen , welche mit 



1) Was aber die spätere Vorstellung Über die Bedeutung dieses Unter- 
schieds betrifft, so möchte ich mir diese nicht mit Kokde (Rh. Mus. XXVI, 
560 f.) daraus erklären, dass nach der Entstehung einer pythagoreischen 
Philosophie den Anhängern derselben der ursprüngliche, auf religiöse Vor- 
schriften und Gebräuche beschränkte, Pythagoreismus sich als eine blosse 
Vorstufe des höheren Wissens darstellte; sie scheint mir vielmehr eine Er- 
findung der Neupythagoreer zu sein, welche dadurch die von ihnen dem 
Pythagonis unterschobenen Bestimmungen für seine eigentliche Meinung 
ausgeben und den Umstand, dass die ältere Uebcrlieferung von ihnen nichts 
wusste, unschädlich machen wollten. Nur in ihren Berichten wird jener 
zwei Klassen von Pytliagoreern gedacht, und sie sind es auch, welche in 
den S. 257, 1 und III, b, 96 f. 2. Aufl. besprochenen Behauptungen die 
bekannten Sätze der Pythagoreer für etwas exotcrisches erklären, dessen 
wahrer Sinn nur dadurch gefunden werden könne, dass man darin blosse 
Symbole für tiefere, durch das Schulgeheim niss gestützte und aus der all- 
gemeinen Uebcrlieferung verschwundene Lehren erkenne. Mit dieser Tendenz 
stimmt es durchaus zusammen, und aus ihr begreift es sich am leichtesten, 
wenn die ächte pythagoreische Philosophie als eine Geheimlehre dargestellt 
wurde, die nnter den pythagoreischen Schülern selbst nur einer Minderheit 
von Auserwählten mitgetheilt worden sei. 

2) So auch Ritter pyth. Phil. 52 f. u. a. 

8) Denn was bei Porpr. bS. Jambl. 253. 199 unter Voraussetzung 
derselben zu ihrer Entschuldigung gesagt wird, trägt den Stempel späterer 
Erfindung an der Stime. Vgl. auch Diog. VHI, 55 (oben S. 262, m.). 



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[236. 237] Pyth. und b. Schule: Ergebnisfl. 303 

der Zeit die meisten griechisclien Staaten ergriff, kam in den 
volkreichen und unabhängigen italischen Pflanzstädten mit ihrer 
gemischten Bevölkerung, von ehrgeizigen Volksfuhrern genährt, 
früher und furchtbarer als anderswo zum Ausbruch; und da die 
pythagoreischen Synedrien der Mittelpunkt der aristokratischen 
Parthei waren, so wurden sie der nächste Gegenstand einer Ver- 
folgung, die mit solcher Wuth in ganz ünteritalien tobte,, dass 
die Versammlungshäuser der Pylhagoreer aller Orten verbrannt, 
sie selbst ermordet oder vertrieben , die aristokratischen Verfas- 
sungen umgestürzt wurden, bis am Ende unter Vermittlung der 
Achäer ein Vergleich zu Stande kam, durch welchen dem Ueber- 
rest der Vertriebenen die Rückkehr in ihre Heimath möglich ge- 
macht wurde ^). Ueber die | Zeit und die näheren Umstände 
dieser Verfolgung lauten jedoch die Berichte sehr verschieden. 282 
Einerseits soll Pythagoras selbst darin umgißkommen sein , an- 
dererseits wird von Pythagoreem des fünften und vierten Jahr- 
hunderts erzählt , dass sie der Verfolgung entronnen seien ; und 
wenn weit die meisten Kroton als den Ort nennen , wo der erste 
entscheidende Angriff erfolgte, und Metapont als den, wo Pytha- 
goras starb, so finden sich doch in den Nebenumständen so ab- 
weichende Angaben , dass eine durchgängige Vereinigung der 
Berichte unmöglich ist 2). Das wahrscheinlichste ist, | dass der 



1) So viel orgiebt sich nicht f>lo8 auB den gleich zu erwähnenden aus- 
führlicheren Erzähhingen, die in dem obigen übereinstimmen, sondern das- 
selbe berichtet auch I'olyb. II» 39, wenn er hier, leider nur beiläufig und 
ohne Zeitangabe, sagt: xaO' oO; yoip xaipouc Iv toi; xata xrjv MtaXiav töttoi; 
xat« T^Jv {A£^aXT)v 'EXXa8a töte npo^aYopeuopLe'vriV ^v^^ipijoav Ta luveöpia tcdv Ou- 
0«-)^ opeiutv , {AEia Tauta tk •^i'*o[Ldy/(j\i xtvT[[jLaio; 6Xo9)^6po&( iCEpi ta( ;coXit£ia(, 
Znip E?xb(, (o; Sv Tü>v ]rp(oTujv avSpcov e^ kiK.daxrn tcöXecü; otjTco KapaXÖYco; 6ta- 
f Oap^vtoiv, wyipr^ xa; xax^ ^xe'!vou( lol»; lönou; 'EXXY]vtxa( tsöXei; avot^cXi^aO^vai 
9ÖV0U xat aia9e<i>( xai Tzxvzo^anfli lapa/fj;. Hierauf die Angabe, dass die 
Achier einen Vergleich und ein Bündniss zwischen Kroton, Sybaris und 
Kaulonia vermittelt ^ und dabei die Einführung ihrer Verfassung in diesen 
Städten bewirkt haben. 

2) Die verschiedenen Berichte stellen sich so: 1) Plut. Stoic. rep. 37, 
3. S. 1051. Athenao. Supplic. c. 31. Hipfolyt. Rofut. I, 2 g. E. Abhob. 
adv. gent. I, 40. Schol. in Fiat. S. 420 Bekk. und eine Angabe b. Tzetz. 
Chil. XI, 80 ff. behaupten, Pyth. sei von den Krotoniaten lebendig verbrannt 
worden; Ilippolytus bemerkt aber zugleich, Archippus, Lysis und Zamolxi« 
seien aus dem Brand entflohen , und Plutarcirs Worte scheinen die Möglichkeit 



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304 PytUagoras. [238] 

283 oiFene Ausbruch der Unruhen erst in die Zeit nach dem Tode des 
Pythagoras fällt, wenn auch eine Opposition gegen .ihn | und 



oflTen zu lassen, dass er an einen blossen Verbrennungsversuch gedacht hätte. 
2) Dieser Angabe steht die des Dioo. VIII, 39 am nächsten, Pyth. sei mit 
den Seinigen in Milo*8 Hause gewesen, als die Gegner Feuer anlegten, er 
sei zwar entronnen, aber auf der Flucht eingeholt und getödtet worden, 
auch seine meisten Freunde, ihrer 40, seien umgekommen, nur wenige, wo- 
runter ArchippuB und Lysis, haben sich gerettet. 3) Andere wollton nach 
PoRPH. 57 TzETZ. a. a. O. wissen, dass Pyth. selbst bei dem Ueberfall in 
Kroton nach Metapont entkommen sei, indem seine ü^chüler mit ihren Lei- 
bern eine Brücke durch^s Feuer für ihn bildeten, und alle, ausser Lysis und 
Archippus, umkamen, dass er aber dort, wie es bei Porph. heisst, aus 
Lebensüberdruss sich selbst ausgehungert habe, oder nach Tzetzes, aus 
Mangel verhungert sei. .4) Nach Dicäarch b. Porph. 56 f. Dioo. VIII, 40 
war Pyth. bei dem Angriff auf die 40 Versammelten zwar in der Stadt, 
aber nicht in dem Hause, er flüchtete sich zu den Lokrern, von ihnen nicht 
aufgenommen nach Tarent, hier gleichfalls verfolgt nach Metapont, wo er 
nach 40tägiger Aushungerung (a^i-uyjaavta sagt Diog., ev a;cavei töjv avory- 
xaicüv 8ta{i.£{vavTa Porph., daher wohl die Darstellung bei Tzetzes) starb. 
Derselben Darstellung folgt Themist. Orat. XXIII, S. 285, b; ebendaher 
scheint auch der Bericht Justin^s Ilist. XX, 4 zu stammen, der im übrigen 
einstimmig 60 Pythagoreer umkommen, die übrigen verbannt werden lässt; 
auch nach Dicäarch waren aber nicht blos die 40 getödtet worden. Als 
Urheber der Verfolgung scheint Dicäarch, wie die meisten, Kylon ausdrück- 
lich genannt zu haben. (Auf den damaligen Aufenthalt des Pyth. in Tarent 
bezieht Roth II, a, 962 auch Claüdian. De consul. Fl. Mall. Theod. XVII, 
157: At non Pythaggrae monitutt anniqtte ailenles famosum Oehalii luxum 
jiressere Tdreiiti; sie gehen aber wahrscheinlich nur auf die bekannte That- 
Sache, dass Tarent später ein Hauptsitz des Pythagoreismus war. Wenn 
R. vollends aus dem Oebalium Tarentum einen „Tarentirier Oebalius'' macht, 
dessen üppigem Leben Pyth. vergeblich zu steuern versucht habe, so ist 
diess wirklich noch grossartiger, als die Entdeckung über die Karte Europa^s, 
welche der Philosoph gleichfalls in Tarent ausgearbeitet haben soll; s. o. 
293, 8 Schi.), 5) Nach den sich ergänzenden Angaben des Nkanthes b. 
Porph. 55, des Sattrus und Heraklides (Lerabns) b. Dioo. VIII, 40, dcjt 
NiKOMACHUs b. Jambl. 251, wäre Pyth. zur Zeit des kyionischen Ueberfalls 
gar nicht in Kroton, sondern in Delos bei Pherecydes gewesen, um ihn zu 
pflegen und zu bestatten; als er bei seiner Rückkehr die Sein igen, mit Aus- 
nahme des Archippus und Lysis, in Milo^s Hause verbrannt oder erschlagen 
fand, begab er sich nach Metapont, wo er sich (wie Ilerakl. b. Diog. sagt) 
aushungerte. C) Aristoxenub b. Jambl. 243 ff« erzählt, Kylon, ein gewalt- 
thätiger und herrschsüchtiger Mensch, habe noch in der letzten Zeit des 
Pyth., aus Erbitterung * darüber, dass ihm dieser die Aufnahme in seinen 
Verein versagt hatte, einen heftigen Kampf mit Pyth. und den Pythagoreem 



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Tod; Untergang des pyth. Bundes. 305 

seine Freunde schon bei seinen Lebzeiten sich geregt, und seine 284 



begonnen. In Folge davon sei Pyth. selbst nach Metapont ausgewandert, 
wo er gestorben sein solle, der Kampf habe aber fortgedauert, und nachdem 
sich die Pythagoreer noch längere Zeit an der Spitze der Staaten erhalten 
hatten, seien sie zuletzt in Kroton bei einer politischen Berathung im Hause 
Milo*s überfallen worden, und sämmtlich, bis auf die zwei Tarentiner Arohip- 
pus und Lysis, im Feuer umgekommen. Jener habe sich in seine Heimath, 
dieser nach Theben begeben, die übrigen Pythagoreer, mit Ausnahme des 
Archytas, haben Italien verlassen, und in Rhegium (das aber doch auch in 
Italien ist) zusammengelebt, bis die Schule bei fortwährender Verschlimme- 
rung der politischen Zustände allmählich ausgestorben sei. (Die hier am 
Schlüsse stattfindende Verwirrung heilt Roude Rh. Mus. XXVI, 565 durch 
eine Umstellung, die sich mir gleichfalls empfiehlt, so dass der Sinn ist: 
die Pythagoreer lebten erst in Rhegium zusammen, als es aber immer schlim- 
mer wurde, verliessen sie, mit Auspahme des Archytas, Italien). Den glei- 
chen Bericht hat Diodob Fragm. S. 556 vor sich, wie aus der Vergleichung 
mit Jahblich 248. 250 erhellt; ähnlich lässt Apolloitius Mirab. c. 6 Pytha- 
goras vor dem Aufstand, den er weissagte, nach Metapont flüchten; auch 
die Angaben bei Cic. Fin. V, 2, dass in Metapont der Sitz des Pythagoras 
und die Stätte seines Todes gezeigt wurde, bei Valer. Max. VIH, 7, ext. 2, 
dass ganz Metapont der Bestattung des Philosophen mit der tiefsten Ver- 
ehrung angewohnt habe, bei Aristid. Quint. de Mus. III, 1 16 Meib. , dass 
Pyth. vor seinem Tode den Seinigen die Uebung des Monochords empfoh- 
len habe, passen zu dieser Darstellung am besten, da sie sämmtlich voraus- 
setzen, der Philosoph sei bis zu seinem Ende persönlich nicht gefährdet 
worden; und wenn Plut. gen. Soor. 13, S. 583 der Austreibung der P3rtha- 
goreer aus verschiedenen Städten und der Verbrennung des Versammlungs- 
hauses in Metapont erwähnt, bei der sich nur Philolaus und Lysis gerettet 
haben, so ist zwar hier Metapont für Kroton und Philolaus für Archippus 
gesetzt, dass aber Pyth. selbst nicht genannt, und die ganze Verfolgung 
in die Zeit nach seinem Tode verlegt ist, stimmt mit den Angaben des 
Aristoxenus überein. Ebenso nennt Oi.ympiodor in Ph»d. S. 8 f. nur die 
Pythagoreer, nicht Pythagoras, als verbrannt^ gerettet hätten sich nach 
ihm nur Philolaus und Hipparchus (Archippus). Aristoxenus* Darstellung 
steht 7) auch die des Apollokiüs b. Jambl. 254 ff. nahe, der ausführlich 
berichtet: die pythagoreische Aristokratie habe sehr bald Unzufriedenheit 
erregt; nach der Zerstörung von Sybaris und dem Tode des Pythagoras 
(nicht seinem blossen Wegzug: es heisst ja: iizii ^l ^tE).EÜty]9ev, und darnach 
ist auch das vorangehende iizioV^^Lii und anr^XOe zu erklären) sei diese Un- 
zufriedenheit, durch Kylon und andere Mitglieder der edeln Geschlechter, 
welche nicht zum Bunde gehörten, aufgestachelt, über der Vertheilung der 
eroberten Ländereien in offene Partheiung ausgebrochen, die Pythagoreer 
seien bei einer Versammlung auseinandergejagt, dann im Gefecht besiegt 
worden, und nach*\erderblichen Unruhen sei von den bestochenen Schieds- 
Philos. d. Or. I. Bd. 4. Aafl. 20 



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306 Pythagoras. [239) 

Uebersiedlung nach Metapont veranlasst haben mag ; dass femer 
die Partheikärapfe mit den Pythagorbern in den gi'ossgriechischen 
Städten zu verschiedenen Zeiten sich wiederholt haben ^) , und 
dass sich die grosse Abweichung der Angaben theilweise aus der 
,Erinnerung au solche ursprünglich verschiedene Vorfälle erklärt; 
dass die Verbrennung versammelter Pythagoreer in Kroton und 
der allgemeine Angriff auf die pythagoreische Parthei nicht vor 
der Mitte des fünften Jahrhunderts erfolgte; dass endlich Pytha- 
goras die letzte Zeit seines Lebens unangefochten in Metapont 
zugebracht hat*). | 



richtern aus drei Nachbarstttdten die ganze pythagoreische Parthei vertrie- 
ben, eine Lftndertheilnng und ein Sohuldenerlass Yorgenoromen worden; erst 
nach Jahren haben die Achfter eine Rifckkehr der Verbannten vermittelt, 
von denen etwa 60 zurückgekommen seien, auch diese seien aber in einem 
unglücklichen Treffen gegen die Thurier gefallen. 8) Von allen sonstigen 
Angaben abweichend sagt endlich Hermippus b. Dioo. VIII, 40 vgl. Schol. 
in Plat. a. a. O., Pythagoras sei mit seinen Freunden, an der Spitze der 
Agrigentiner gegen die Syrakusaner kämpfend, auf der Flucht erschlagen, 
die übrigen, ihrer 35, in Torent verbrannt worden. 

1) Wie nach BÖckh Philol. 10 jetzt allgemein angenommen wird. 

2) Die obigen Annahmen stützen sich im wesentlichen auf folgende Gründe. 
Erstens behaupten weit die meisten und besten Zeugen, dass Pythagoras in 
Metapont gestorben sei (vgl. auch Jaubl. 248); aber auch diejenigen, welche 
die Verbrennung des Versammlungshauses in Kroton noch zn seinen Leb- 
zeiten erfolgen lassen, erzählen grösstentheils ausdrücklich, wie es kam, dass 
er selbst dieser Gefahr entrann. Sieht man nun auch bei den letzteren schon 
aus dem Widerspruch ihrer Angaben, dass ihnen hierüber keine allgemein an- 
genommene Ueberlieferung vorlag i so muss ihnen doch die Voraussetzung 
selbst, dass sich Pyth. nach Metapont geflüchtet habe, nur um so fester ge- 
standen haben, wenn sie auch die unwahrscheinlichsten Auswege nicht scheu- 
ten, um sie mit ihren sonstigen Annahmen in Einklang zu bringen. Wenn 
daher andere den Philosophen in Kroton oder Sicilien umkommen lassen, so 
ist hier ohne Zweifel, wie diess gerade bei Pythagoras so oft vorkommt, 
das, was nur von seiner Schule oder einem Thoil seiner Schule gilt, auf 
seine Person übertragen. Zweitens: die Veranlassung zu P3rthagoras^ Ueber- 
siedlung nach Metapont kann nicht in dem mordbrennerischen Angriff auf 
die krotoniatische Versammlung gelegen haben, vielmehr muss dieser viele 
Jahre nach seinem Tod erfolgt sein. Denn einmal sagen diess Aribtoxemus 
und Apollonius ausdrücklich. Aristoxenus aber ist derjenige von nnsem 
Berichterstattern, von dem wir am ehesten erwarten können, dass er die 
Ueberlieferung der pythagoreischen Schule seiner Zeit wiedergebe; von Apol- 
lonius freilich wissen wir nicht, mit welchem Recht er sich § 262 auf xa 



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[240] Tod; Untergang des pyth. Bundes. 307 

Erst nach der Zersprengung der italischen Vereine und in 285 



To>v KpoKoviaxoSv 6;co {ivrjjjiata bernft, und auch wenn er wirklich eine so eu 
bezeichnende Schrift vor sich gehabt haben sollte, gehört immer noch 
Röth'sche Kritik dazu, um in diesem Ausdruck, der auf jede beliebige Dar- 
stellung eines Krotoniaten gehen kann, „offenbar Aufzeichnungen von Zeit- 
genossen selber" (Roth II, a, 944) angezeigt zu sehen, und ausser dem Einen, 
ziemlich unerheblichen Punkt, für den sie angerufen werden, die ganze Er- 
zählung des Apollonius aus ihnen abzuleiten. Sodann behaupten die ver- 
schiedenen Berichte mit seltener Einstimmigkeit, nur Archippus und Lysis 
seien dem Blutbad entronnen, und diese Angabe wird selbst von solchen 
festgehalten, welche den Angriff in die Zeit des Pythagoras hinaufrücken, 
sie muss also jedenfalls auf einer alten und allgemeinen Ueberlieferung be- 
ruhen. Lysis war aber in seinem höheren Alter Lehrer des Epaminondas 
(Aristox. b. Jaubl. 250. Diodor a. a. O. Nrantues b. Porph. 55« Dioo. 
VIII, 7. Pldt. gen. Socr. 13, Dio Chrysost. or. 49, S. 248 R. Cork. Ne- 
pofl Epam. c. 1), und die Geburt des Epaminondas werden wir keinenfalls 
vor 418 — 420 v. Chr. setzen dürfen: nicht allein weil er 362 bei Mantinea 
noch rüstig mitkämpft, sondern auch weil Plut. De lat. viv. 4, 5. S. 1129 
sein vierzigstes Jahr als den Zeitpunkt nennt, mit dem seine Bedeutung 
beginne, dieser Zeitpunkt aber (auch nach v. Pelop. c. 5, Schi. c. 12. De 
gen. Socr. 3, S. 576) nicht früher, als 378 v. Chr. (die Befreiung Thebens), 
gedacht sein kann. Wäre dah9r Lysis auch 50. Jahre älter gewesen , als 
sein Schüler, so kämen wir für seine Geburt doch erst in die Jahre 468 — 470 
V. Chr., und der Vorfall in Kroton könnte sich selbst in diesem Fall kaum 
vor 450 zugetragen haben; wahrscheinlicher ist aber, dass der Altersunter- 
schied zwischen Lysis und Epaminondas nicht so gross war (nach Plut. 
gen. Socr. 8. 13 wäre Lysis nicht lange vor der Befreiung Thebens gestor- 
ben), dass mitbin der Vorfall in Kroton bis gegen 440 v. Chr. oder noch 
weiter herabzurücken ist. Auf diese spätere Zeit führt auch die Angabe 
des Aristoxenus über Arch'ytas, und die des Apollonius, dass noch ein Theil 
der aus Kroton vertriebenen Pythagoreer nach dem durch die Achäer ge- 
stifteten Vergleich zurückgekehrt sei; denn da nach Polyb II, 39, 7 die 
Angriffe des älteren Dionys (der seit 406 regierte) den drei italischen Städ- 
ten (Kroton, Sybaris und Kaulonia) zur Befestigung und Bewährung der 
neuen, einige Zeit (|X£i« iiva; j^^pövou?) nach der Beilegung des Pythagoreer- 
streits von den Achäern entlehnten Einrichtungen keine Zeit Hessen, so wird 
die achäische Vermittlung wohl keinenfalls um. mehr, als 10 — 15 Jahre 
früher fallen, als das Ende des peloponnesischen Kriegs; dass aber die Un- 
ruhen selbst, zu denen dio Verbrennung der pythagoreischen Versammlungs- 
hänser das Zeichen gab, von dem Einschreiten der Achäer nicht allzuweit 
entfernt waren, scheint auch Poltb anzunehmen. Dem steht nicht im Wege, 
dass die Versammlung der Pythagoreer, die in Kroton verbrannt wurden, 
allgemein in das Haus Milo^s verlegt wird, und dass die Urheber dieser That 
auch von Aristoxenus Kyloneer genannt werden, denn das Haus Milo's kann 

20* 



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308 Pythagoreer. [240. 241] 

286 Folge derselben wurde die pythÄgoreYsche Philosophie im eigentli- 
chen! Griechenland weiteren Kreisen bekannt, wenn auch die py- 
thagoreischen Orgien allerdings schon früher Eingang gefunden ^), 



auch nach dem Tode dieses Mannes der Versammlutigsort der P3rthagoreer 
geblieben sein, wie der Garten Plato's der Akademiker, und „Kyloneer" scheint 
ebenso, wie „Pythagoreer", ein Partheiname gewesen zu sein, der das Parthei- 
haupt, von dem er entlehnt war, überlebte; m. s. Aristox. a. a, O. 249. 
Drittens: nichtsdestoweniger ist es wahrscheinlich, dass noch vor dem 
Tode des Pythagoras in Kroton durch Kylon eine Qegenparthei gegen die 
Pythagoreer gebildet wurde, welche hauptsAchlich durch den siegreichen 
Kampf gegen die sybaritische Uebermacht und durch die Forderung einer 
Auftheilung der eroberten Ländereien verstärkt worden sein mag, und dass 
diese Q&hrung Pythagoras zur Uebersiedlung nach Metapont bestimmte; 
denn diess geben auch Aristoxenus und Apollonius zu, wiewohl jener die 
Verbrennung des milonischen Hauses erst unbestimmte Zeit nach dem Tode 
des Philosophen erfolgen lässt, und dieser aus der Zeit Kylon's statt der 
Verbrennung einen andern VorfiiU erzählt, und auch Aristoteles (b. Dioo. 
II, 46 vgL VIII, 49) hatte der sprüchwörtlich gewordenen Feindschaft des 
Kylon gegen Pythagoras beiläufig erwähnt. Nur können diese früheren 
Kämpfe den Sturz des Pythagoreismus in Unteritalien noch nicht bewirkt 
haben, dieser kann vielmehr, auch nach Poltb, erst in der Zeit durchgesetzt 
worden sein, als dia Verbrennung des Versammlnngshauses in Kroton zu 
ähnlichen VoriÜUen in andern Orten das Zeichen gab, und ein allgemeiner 
Sturm gegen die Pythagoreer losbrach. Wenn daher Aristoxehub sagt, die 
Pythagoreer haben die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten in den gross- 
griechischen Städten noch geraume Zeit nach dem ersten Angriff in ihren 
Händen behalten, so hat diese Angabe alles für sich. -— War aber die erste 
Volksbewegung gegen die Pythagoreer auf Kroton beschränkt, und haben 
sie sich auch hier schliesslich behauptet, so ist es — viertens —nicht 
wahrscheinlich, dass Pyth., im Widerspruch mit den Grundsätzen der 
Schule, sich selbst ausgehungert hat, oder dass er gar aus Mangel verhungert 
ist, es scheint vielmehr, die Ueberlieferung habe über die näheren Umstände 
seines Todes schon zur Zeit des Aristoteles nichts bestimmtes gewusst, und 
diese Lücke sei in der Folge durch willkührliche Annahmen ausgefüllt wor- 
den, so dass auch hier Aristoxenus am meisten Glauben verdient, wenn er 
sich auf die Angabe beschränkt: xaxß Xi-^ixoii xataarp^J^ai tov ß'ov. — Wenn 
Chaionet I, 94 gegen das vorstehende einwendet: falls die Pythagoreer ge- 
gen 70 Jahre aus Italien verbannt gewesen wären, hätten sie nicht den 
Namen der italischen Philosophen (s. o. 284, 2) erhalten können, so weiss 
ich nicht, mit welchen Augen er eine Auseinandersetzung gelesen hat, 
welche ausdrücklich und ausführlich zu zeigen sucht, dass die Pythagoreer 
erst um 440 vertrieben wurden und vor 406 zurückkehrten. 
1) S. 0. S. 293, 1. 



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[241] Jüngere Pytbagoreer: PhiloUue. 309 

und einzelne wohl auch den phirosophischen Lehren der Schule 287 
ihre Aufmerksamkeit zugewandt hatten ^) ; wenigstens hören wir 
jetzt erst von pythagoreischen Schriften*) und von Pythago- 
reern^ die ausserhalb Italiens wohnten. Der erste derselben, den 
wir kennen, ist Philo laus*). Von diesem wissen wir, dass 
er ein Zeitgenosse des Sokrates und Demokrit, wahrscheinlich 
älter, als beide, war, dass er in den letzten Jahrzehenden 
des fünften Jahrhunderts sich in Theben aufhielt ^), und 
dass er die erste Darstellung der | pythagoreischen Lehre ver- 



1) M. B. die S. 283, 3 angeführte Aensserung Heraklit's, und die Be- 
hauptungen des Thrasyllus, Qlaukua und ApoDodor b. Dioo. IX, 88, dass 
Demokrit den Philoiaus kennen gelernt, von Pythagoras in einer gleichna- 
migen Schrift mit Bewunderung gesprochen und überhaupt die pythagoreische 
Lehre fieissig benützt habe. Demokrit war aber freilich ohne Zweifel jünger, 
als Philoiaus, und Ton Üeraklit ist es unsicher, ob und wie weit er Pjtha- 
goras als Philosophen gekannt hat ; seine Worte scheinen eher auf den re- 
ligiösen Sektenstifter hinzudeuten, wenn Pythagoras xaxoxcx^vi«] rorgeworfen 
wird, und mit den 9U|Ypa9a\, aus denen er seine falsche Weisheit gewonnen 
haben soll, können neben den alten mythologischen Dichtungen, auf die 
Heraklit so übel zu sprechen ist, auch orphische Gedichte, allerdings aber 
auch die Schriften des Pherecydes und Anaximander gemeint sein. Die Aeus- 
serung über Pythagoras und seine Polymathie stand vielleicht in demsdben 
Zusammenhang wie die Polemik gegen die alten Dichter. 

2) S. Q. S. 260. 

3) Denn Archippus, den Hiebos. c. Ruf. III, 469 Mart. (T. II, 565 
Vall.) mit Lysis in Theben lehren Iftsst, wftre als Altersgenosse des Lysis 
wohl etwas jünger; indessen scheint diese Angabe nur daraus entstanden zu 
sein, dass Archippus sonst mit Lysis zusammengenannt wird, alle übrigen 
Sicugen stimmen darin Überein , dass er nach dem Brand in Kroton nach 
Tarent'^zurückkehrte, und Lysis allein nach Theben gieng. M. s. die Stellen, 
welche S. 803, 2 angeführt wurden. 

4) Pi.ATo Phftdo 61, D. Dioo. a. a. O. Als VatersUdt des Philol. 
nennt Dioo. VIII, 84 Kroton, alle andern Tarent. M. s. hierüber BÖckr 
Philol. S. 5 ff., wo auch die irrigen Behauptungen, dass er mit Lysis dem 
Brand in Kroton entronnen sei (Plut. gen. Socr. 13 s. o. S. 304), dass 
er Lehrer Plato's (Dioo. III, 6) und persönlicher Schüler des Pythagoras 
(Jambl. y. P. 104) gewesen sei, nebst andern fthnlichen Angaben widerlegt 
werden. Nach Dioo. VIII, 84 wllre Phil, in Kroton, des Strebens nach 
Tyrannei verd&chtigt, getödtet worden. Er mÜsste also wieder nach Italien 
zurückgekehrt, und in die letzten Partheikftmpfe gegen die Pythagoreer ver* 
wickelt worden sein. 



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310 Pythagoreer. 1242) 

288 faaste ^). Ungefähr gleichzeitig mit Philolaus muss Lysis nach 
Theben gekommen sein, wo er wohl bi» in*ß zweite Jahrzehend 
des vierten Jahrhunderts gelebt hat *) ; und in die gleiche Zeit 
setzt Plato') den Lokrer Tiraäus, von dem wir aber nicht 
sicher sind, ob er überhaupt eine geschichtliche Persönlichkeit ist. 
Als ein Schüler des Philolaus wird Eurytus*) bezeichnet, ein 
Tarentiner oder Krotoniate , von dem man aber gleichfalls ver- 
muthen muss, dass er einen Theil seines Lebens ausserhalb Ita- 
liens zugebracht habe , da von seineu uns bekannten Schülern 
einer aus Thracien, die andern aus Phlius stammen*). Diese 



1) Vgl. S. 260. 261, B f. und Böckh Philol. S. 18 ff., der aber die Behaup- 
tnng, daas die philolaische Schrift erst durch Plato bekannt geworden sei, 
mit fiecht bestreitet; Prelle? (AUg. Encykl. III. Sect Bd. XXUI, 371) 
wenigstens macht mir das Qegentheil nicht wahrscheinlich. Aus der Unter- 
suchung von BÖCKH S. 24 ff. ergiebt sich, dass die Schrift den Titel nipt 
9(i9ca>« führte, dass sie in drei Bücher getbeilt war, und dasselbe Werk ist, 
welchem Proklus den mystischen Namen Sax^ftt giebt. 

2) M. Vgl, über ihn S. 307 und Jambl. V. P. 185. Ebd. 75 ff. Dioa. 
Vin, 42 ein Stück eines angeblichen Briefs von ihm. Weiteres über die 
ihm beigel^ten Schriften 8. 269 Th. Ill, b, 87 2. Aufl. 

3) Im Timäus und Kritias; vgl. besonders Tim. 20, A. 

4) Schüler des Philolaus nennt ihn Jambl. 139. 148. Derselbe bezeich- 
net als seine Vaterstadt §. 148 Kroton, §. 267 dagegen, mit Dioo. ' VIII, 46. 
Apul. Dogm. Plat. Anf., Tarent. § 266 führt ihn Jamblich zusammen mit 
einem gewissen Thearides in Metapont auf, die Angabe steht aber in sehr 
unsicherem Zusammenhang. Dioa. III, 6. Apul. a. a. O. nennen ihn unter 
den italischen Lehrern Plato's. Einige Behauptungen von ihm werden spä- 
ter erwähnt werden; die Fragmente bei Stob. Ekl. I, ^10 und Clem. Strom. 
V, 559, D gehören nicht ihm, sondern einem angeblichen Eurysus, sind 
aber ohne Zweifel unächt. 

5) Wir wissen jedoch von ihnen nicht viel mehr, als was Dioo. VIII, 
46 (vgl. Jambl. V. P. 251) sagt: xeXeuiaioi y«P ^y^vovto xwv IIuOaYOpeicöv 
oO« xok 'Api<jTö5evo€ eTSs, S$vö©iX6? 0' 6 XaXxiSeu« ano Bpaxvjc xa\ «I>«vto>v 6 
4>Xt&9(0( xa\ 'Ey^ExpaTT); xol AioxXii; xai IIoXü{i.vaaT05, 4>Xiaaioi xa\ aCToi. ^aav 
6' axpoara\ <tiXoXdlou xat Eupi^tou töjv Tapavifvwv. Von Xenophilus berich- 
ten Pliw. H. n. VII, 50, 168. Valer. Max. VIII, 13, 3. Lucian Macrob. 
18, er sei in voller Gesundheit 105 Jahre alt geworden; die beiden letzteren 
berufen sich dafür anf Aristoxenus; Plin. und Ps.-Lucian nennen Xenophi- 
lus „den Musiker ** ; nach dem letztgenannten lebte er in Athen. Echekrates 
ist der im platonischen Phädo und dem 9ten piaton. Brief genannte; Cic. 
Fin. V, 29, 87 nennt 'ihn irrthümlich einen Lokrer. Vgl. Steinhart Plato's 
WW. IV, 558. 



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[243] Jüngere Pythagoreer: Eurjrtu», Klinias u. a. 311 

Schüler des Eurjtus nenot Aristoxenuö die letzten Pythagoreer, 
mit denen die Schule erloschen sei ^). Dieselbe muss demnach als 
solche in dem eigentlichen Griechenland bald nach der Mitte des 289 
vierten Jahrhunderts ausgestorben sein^ | wenn auch die bak- 
chisch-pjthagore'ischen Orgien fortdauerten '); und einem Di odor 
von Aspendus') Anlass gaben ^ seinen Cynismus für pythago- 
reische Philosophie auszugeben. 

Auch in Italien war die pythagoreische Schule durch den 
Schlag, der ihr politisches Uebergewicht brach, nicht vernichtet. 
Erstreckte sich auch die Verfolgung über die Mehrzahl der 
griechischen Pflanzstädte, so nahmen doch schwerlich alle daran 
Theil, und in einzelnen derselben scheinen sich pythagoreische 
Lehrer auch noch vor der Wiederherstellung des Friedens er- 
halten zu haben. Wenn wenigstens der Aufenthalt des Philolaus 
in Heraklea*) geschichtlich ist, so fallt er vielleicht vor diesen 
Zeitpunkt. In derselben Stadt soll der Tarentiner Klinias ge- 
lebt haben *) , welcher der Zeit nach dem Philolaus wohl jeden- 



1) S. vor. Anm. und Jambl. a. a. 0.: ifuXa^av (jikv o3v Ta ii ipx^i {0>) 
xat -zk lAxOTJuaia, xaiiot lxXet7coÜ9r|; xvj; alpiatta^ fa>( ^vtcX<5( i^favtaO>]9av. taut« 
{jL^v o3v "AptaiöEEVo; Siv^Ystiai. Diodor XV, 76: Die letzten pythagoreischen 
Philosophen haben uro Ol. 103, 3 (366 v. Chr.) gelebt. 

2) Wie diesB tiefer unten (Th. III, b, 65 f. 2. Aufl.) nfther nachgewie- 
sen werden wird. 

3) Dieser Uiodor, aus der pamphylischen Stadt Aspendus stammend, 
wird von Sosikrates b. Dioo. VI, 13 als Urheber der cynisohen Kleidung, 
oder wie Athen. IV, 163 f. richtiger sagt, als derjenige bezeichnet, welcher 
zuerst unter den Pjthagoreem die cynische Tracht angenommen habe; hie- 
mit stimmt auch TimÄus b. Athek. a. a. O. überein. Jambl. 266 nennt 
ihn einen Schüler des Pythagoreers Aresas, diess ist aber offenbar falsch, 
denn Aresas soll der kylonischen Verfolgung entronnen sein, Diodor aber 
muss nach Athenftus um 300 gelebt haben. Der gleichen Zeit scheint jener 
Lyko anzugehören, welchen Dioo. V, 69 nuGayopixo^ nennt, und von dessen 
Ausfällen gegen Aristoteles Aristoki.es b. Bus. pr. ev. XV, 2, 4 f. berichtet. 
Der letztere sagt von ihm : Aüxwvo^ loG X^yovto; than IIudaYopixbv iautbv, und 
rechnet ihn (was S. 255, 3 übersehen wurde) unter diejenigen Gegner des Ari- 
stoteles, welche demselben gleichzeitig oder nur wenig jünger waren. Derselbe 
ist es wohl, der bei Jambl. 267 ein Tarentiner heisst. 

4) Jambl. 266, wo schon nach dem Zusammenhang nur das italische 
Heraklea geraeint sein kann, welches Ol. 86^ 4 von Tarent und Thurii ai%f 
gegründet wurde. 

5) Jah^l. 266 f. 



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312 Pythagorcer. [243] 

falls nahe steht *) ; über seine philosophische Bedeutung können 
290 wir freilieh nicht urtheilen, da uns von ihm zwar manche Beweise 
eines edeln, reinen und milden Charakters*), aber nur wenige 
philosophische Sätze berichtet werden, deren Aechtheit überdies» 
keineswegs gesichert ist 3). Als ein Zeitgenosse desselben wird 
Prorus in Cyrene genannt*), wohin sich demnach der Pytha- 
goreismus von seiner ursprünglichen Heimath aus gleichfalls ver- 
breitet haben müsste. In der ersten Hälfte des vierten Jahr- 
hunderts kam er | in Grossgriechenland durch Archytas*) so- 



1) Wie diess auch die apokryphische Erzfthlnng b. Dioo. IX, 40 yor- 
auBsetzt, dasB er und Amyklas Flato von der Verbrennung der demokriti- 
sehen Schriften abgehalten haben. 

. 2) Jambl. V. P. 239 vgl. 127. 198. Athen. XIll, 628, f. nach Char 
mäleon. Aelian V. H. XIV, 23. Basil. De leg. Graec. libr. Opp. U, 179, 
d. (Serm. XIII, Opp. lU, 549, c.) Vgl. Anm. 4. 

3) Die zwei Fragmente moralischen Inhalts bei Stob. Floril. I, 65 f. 
sind schon nach der Ausdrucksweise entschieden unttcht, ebenso ohne Zwei- 
fel die Aeusserung über das Eins bei Strian s. Metaph. Schol. in Ar. 927, 
a, 19 ff.; ein kleines Bruchstück bei Jambl. Theo!. Arithm. 19 trägt zwar 
keine entschiedenen Zeichen der Unächtheit, hat aber auch keine Bürgschaft 
seiner Aechtheit; wie es sich endlich mit dem Wort bei Plüt. qu. conv. 

III, 6, 3 verhält, ist ziemlich gleichgültig. 

4) Nach DioDOR Fragm. S. 554 Wess. wäre Klinias auf die Nachricht, 
dass Prorus sein Vermögen verloren habe, zur Unterstützung dieses ihm per- 
sönlich unbekannten Bundesbruders nach Cyrene gereist. 

5) Was wir über sein Leben wissen ^ beschränkt sich auf wenige Nach- 
richten. In Tarent geboren (Dioo. VIII, 79 u. a.], ein Zeitgenosse Plato^s 
und des Jüngeren Dionys (Aristox. b. Athen. XII, 545, a. Dioo. a. a. O. 
Plato ep. VII, 338, C u. a.), angeblich auch Plato's Lehrer (Cic« Fin. V, 
29, 87. Rep. I, 10. Cato 12, 41 u. v. a.), nach anderer, ebenso unglaub- 
würdiger Angabe (s. o. S. 267, 5) sein Schüler, war er gleich gross als 
Staatsmann (Strabo VI, 3, 4. S. 280: jrporfatT) t^; fföXeca« äoXuv xpovov. 
Athen, a. a. O. Pi.üt. praec. ger. reip. 28, 5. S. 821. Abl. V. H. III, 17.. 
Deiiosth. Amator. s. o. S. 267 , 5) , wie als Feldherr (Aristox. b. Dioo. 
Vin, 79. 82. 8. o. 268, 2. Aelian V. H. VII, 14), ausgezeichnet in der Mathe- 
matik, der Mechanik und der Harmonik (Dioo. VIII, 83. Horat. Cann. 
I, 28, Anf. Ptolem. Harm. I, 13. Porph. in Ptol. Harm. S. 313 m. Proki.. 
in Euol. 19 m. [66 Friedl., nach 'Eudeinus]. Apul. Apol. S. 456. ■ Athen. 

IV, 184, e), von edlem masshaltendem Charakter (Cic. Tusc. IV, 36, 78. 
Dasselbe Plut. ed. puer. 14, S. 10. De s. num. vind. 5, 8. 551; anderes 
bei Athen. XII, 519, b. Ael. XII, 15. XIV, 19. Dioo. 79). Sein Tod im 
Meer ist aus Horaz bekannt, über seine Schriften s. o. S. 267 f. und Tb. 
UI, b, 88 ff. 2. Aufl. 



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[244. 245] Archytas; Ausgang der pythag. Schale. 313 

gar zu neuer politischer Bedeutung. Indessen ist uns auch von 
seinen wissenschaftlichen Ansichten zu wenig sicheres bekannt, 
als dass wir bestimmen könnten, inwieweit mit dieser Nachbllithe 
der Schule ein philosophischer Aufschwung verbunden war. Bald 
nach ihm scheint die pythagoreische Philosophie auch in Italien 
erloschen zu sein, oder höchstens in einzelnen Nachzüglern sich 
erhalten zu haben. Aristoxenus wenigstens spricht von ihr ganz 
allgemein wie von einer untergegangenen Erscheinung^), und 
auch aus sonstigen Quellen wissen wir nichts von einer längeren 
Fortdauer der Schule*), wiewohl sich übrigens die Kunde von 291 
ihrer Lehre nicht blos bei den griechischen Gelehrten erhielt*), j 
Ausser den bisher besprochenen werden uns noch von vielen 
Pythagoreern in dem verworrenen, kritiklos zusammengelesenen 
Verzeichniss Jamblich's *) und anderwärts die Namen überliefert. 
Aber manche von diesen Namen gehören pfFenbar nicht unter 
die Pythagoreer, andere rühren vielleicht nur von späteren 
Fälschern her, und alle sind fiir uns werthlos, da wir nichts ge- 
naueres über sie wissen. Nur auf einige Männer , die mit der 
pythagoreischen Schule in Zusammenhang stehen, ohne ihr doch 
eigentlich Anzugehören , müssen wir tiefer unten noch ziullck- 
kommen. 

3. Die pythagoreische Philosophie. Die Grundbegriffe dersel- 
ben, die Zahl und ihre Elemente. 

Für die richtige Auffassung der pythagoreischen Philosophie 
ist es von der grössten Wichtigkeit, dass wir in den Lehren und 
Einrichtungen der Pythagoreer das philosophische im engeren 



1) S. o. S. 310, 5. 

2) Denn der Tarentiner Nearchns, anf den Gato bei Cic. Cato m. 12, 
41 die Ueberlieferung eines archjteischen Vortrags gegen die Lust zurück- 
itihrt, ist wohl eine erdichtete Person, derselbe wird aber von Cicero nicht 
einmal als Pythagoreer bezeichnet; erst Plutabch, der im Cato maj. c. 2 
Cicero's Angabe wiederholt, thut diess. Jener Vortrag selbst, das Gegen- 
stück zu dem hedonistischen, den Abistozenus b. Athen. XII, 545, b ff. 
dem Polyarclius in Gregenwart des Archytas in den Mund legt, stammt ohne 
Zweifel mittelbar oder unmittelbar aus eben dieser Stelle des Aristoxenus. 

3) Davon ^ird in einem späteren Abschnitt dieser Schrift (Th. III, b, 
68 f. 2. Aufl.) zu sprechen sein. 

4) V. P. 267 ff. 



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314 - Fythagoreer. [246. 2i6] 

Sinn von dem unterscheiden; was aus anderweitigen Quellen und 
Beweggründen entsprungen ist. Die Pythagoreer sind zunächst 
nicht ein wissenschaftlich er^^ sondern ein sittlich-religiöser und po- 
litischer Verein *) ; und wenn auch in diesem Verein schon frühe, 
und wahrscheinlich schon durch seinen Stifter, eine bestimmte 
292 Richtung des philosophischen Denkens sich entwickelte, so waren 
doch nicht alle seine Mitglieder Philosophen, und nicht alle Leh- 
ren und Vorstellungen, die ihm eigen thümlich sind, waren aus 
philosophischer Forschung hervorgegangen; nicht wenige der- 
selben mögen vielmehr unabhängig von ihr entstanden sein und 
Gegenstände betroffen haben, worauf sie sich in der pythagorei- 
schen Schule gar nie gerichtet hat. Wiewohl wir daher auch bei 
solchen ihren etwaigen Zusammenhang mit den eigentlich philo- 
sophischen Lehren nicht aus den Augen verlieren dürfen, so dür- 
fen wir doch andererseits nicht alles pythagoreische sofort auch 
zur pythagoreischen Philosophie rechnen ; diess wäre | viel- 
mehr kaum weniger unrichtig, als wenn man alles hellenische der 
griechischen, alles, was sich bei christlichen Völkern vorfindet, 
der christlichen Philosophie zuzählen wollte, und es ist desshalb 
in jedem gegebenen Fall zu untersuchen, in wie weit eine pytha- 
goreische Lehre philosophischen Inhalts ist, d. h. in wie weit sie 
sich aus der philosophischen Eigenthümlichkeit der Schule er- 
klären lässt oder dieser Erklärung widerstrebt. 

Die allgemeinste Unterscheidungslehre der pythagoreischen 
Philosophie liegt in der Behauptung, dass die Zahl das Wesen 
aller Dinge, dass alles seinem Wesen nach Zahl sei *). Wie wir 



1) S. o. S. 298 ff. Auch der Name „Pythagoreer" oder „Pythagoriker" 
scheint ursprünglich so gut, wie „Kyloneer", „Orphikcr** u. s. w. weniger 
ein philosophischer, als ein politischer oder religiöser, vielleicht von den 
Gegnern aufgebrachter, Partheinamo gewesen zu sein, und daher scheint 
der Ausdruck o\ xaXoüfjievoi nuGayöpEioi h. Aristoteles (s. o. S. 255, 2) 
sich zu erklären. M. vgl. DicÄaech b. Porph, 56 : fluSayöpEioi 8' IxXijOjjaav 
^ tfutfia<Ji( OiKxioL fi auvaxoXouBTjaaaa auxih. 

2) Aristot. Metaph. I, 5: ^v 8k toütoi^ xa\ npb toütcov oI xaXoupiEvoc 
IIviOaY^pEioi "^^^ aaÖ7j(x«Tü)v oe'}x[X£voi jrpwToi la-jTa Äpoijyayov uol EVTpasp^vii; 
^v aOtoi{ Ta{ ToÜTwv apya; ttov ovtcov apy^ki cirJOTjaav zTvai wavTwv. (nii 6k Tou- 
Ttov ol aptO(xo\ 9Üaei ;:pwTot, ^v lot; api9(xou sSoxouv OErüpeiv 6(xoi(o{xaxo( noXXa 
ToT; o8ai xa\ yiyyo[Li^oii^ (jloXXov f^ Iv Jtup'i xol fS **'■ ^^^ati, oxi tb [xkv xoiovS\ 
Xüiv apiOjAuv JiaOo; $ixaioaüvi), to Sk Toiov$\ tj/up^jj xai vou^, hepov $k xatpb^ 



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•[246. 247] Die Zahl. 315 

diess jedoch näher zu verstehen haben; darüber erklären sich un- 
sere Quellen anscheinend nicht ganz übereinstimmend. Einerseits 
nämlich sagt ARISTOTELES vielfach: nach pythagoreischer Ansicht 
bestehen die Dinge aus Zahlen '), oder aus den Elementen der 293 
Zahlen *); j äiese sollen nicht blos Eigenschaften einer dritten Sub- 
stanZ; sondern unmittelbar an sich selbst die Substanz der Dinge 
sein u nd ja^ W^afin derselben ausmache^, ebendesshalb aber, 
nicht getrennt von ihnen existiren^ wie die platonischen Ideen *), 



xot Ttoiv SXXiav t'ii g?7ustv §fxaaTav 6(xoifa>(' exe $k täv apjjiovtxtüv Iv aptOfioU Spwv- 
T£( xa TcaBi] xo(\ tou; X6yoM^, ItcecSjj Ta {acv oXX« töU apiO{iot( ^cpaiveio t^v 
9(i9iv a^fOfjioieSvOai izMOij o! S^ ap(6(jio\ na^i}; x^c ^üveto^ TcpoSrot, la tcov aptO- 
(jLtüv 9Toi)^£la Töv ovT<i)v aToix.^a rovTwv eTva: 67uAaßov, xa\ tbv 5Xov oCpavbv 
ap(jLOViav thcLi xa\ apiOpiov. Vgl. ebd. III, 5. 1002, a, 8: of {jiiv tcoXXqTi xa\ 
ot npöxepov tfjv oOoioiv xa\ xb ov ojovxo xb oöjaa sTvai ... ol S* Caxepov xa\ 
ao^coxepot xoütcov eTvai Sö^avxs; tou; «oiOjaoüc. Weiterea in den folgenden Anm. 
Diesen aristotelischen Stellen die Erklärungen Späterer, wie Cic. Acad. II, 
37, 118. Plüt. Plac. I. 3, 14 u. a. beizufügen, scheint unnöthig. 

1) ß. vor. Anm. und Metaph. XIII, 6. 1080 , b, 16: xa\ ot IIuOaYopeioi 
S' fva xbv {JiaOv]{jiaxixbv [apiO^ibv] jrXyjv ou xE^^^copiijxevov , aXX' Ix xo\5toü xäc 
a?oOi]Xa( ouata^ ouveox&vai ^aai'v (oder wie es Z. 2 heisst: (o( Ix xcov apiOfitov 
IvuJiapxövxwv ovxa xa aJdOijxa). Vgl. c. 8. 1083, b, 1 1: tb 8^ xa «(opiaxa gf ipi^ 
fiÄv «Tvai auyxefjjisva xa\ xbv ipiS^ibv xoütov eTvai (xa9Yi[iax(xov aSovaTÖv laxiv . . , 
exeivot $1 xbv apiOpibv xot ovxa X^YOuaiv xa yoCv OEfoprJpiaxa Tccocacnxou^i tot? aw- 
jjtaaiv o)? 15 IxsiWv ovxwv t«5v apiOjiGv. XIV, 3. 1090, a, 20: of h\ IIuOaYÖpeioi 
8ia xb opav noXXa xwv apiOp.b>v xaOtj GTcap^ovxa xot; abOTjxot; aa>jjLaotv, cTvai (ilv 
api6[j.ol>; l)co{i]aav xa ovxa, o^ ^roptvxou; 81, aXX* i^ apcOjicüV xa ovxa, wesshalb 
ihnen Z. 32 vorgeworfen wird: noietv !( apiOpicuv xa ^uvtxa vtojjiaxa, Ix {Ji^ Ix,ovxcüv 
ßopo; (11)81 xoufön^xa l^^ovxa xoucpöxi^xa xai ßapo(. I, 8. 990, b, 21: opiOjibv 
8' oXXov \i.rfii)fa cTvai Tcapa xbv ap(0[jibv xoöxov, If oo ouvloxrjxev 6 xöa{io;. 

2) S. Anm. 1. Metaph. I, 5. 987, a, 14: xoaouxov 81 npo^crclOsoav [ol 
IIuOaY^pciot] ^ xa\ 78t(Sv laxtv aOxajv, oxi xb TceixspaafJi^vov xa\ xb aTceipov xa\ xb 
!v oöy^ (x^pa; xtva; c&TJOYjaav cTvat cpÜ9ei(, oTov nup )) ytJv i^ xi xoiouxt>v Ifxepov, 
aXX' auxb xb aiccipov xa\ aM xb §v ouotav sTvai xoüxrov tov xaxijyopouvxai, 8ib 
xat apiöpibv «Tvat xJjv oiaiov an^vxfov. Aehnlich Phys. III, 4. 203, a, 3 vom 
«TCEtpov allein, Metaph. I, 6. 987, b, 22. III, 1. 9^ a, 5. ebd. c. 4. 1001, 
a, 9. X, 2, Anf. von dem ov and dem h. 

3) Metaph. I, ^s. vor. Anm. c. 6. 987, b, 27.: 6 (ikv [ÜXaxcov] xou; aptOpioü; 
Tcapa xa ab67)Ta, o{ [IluOaYopecoi] 8^ aptOtxol»; eTvat faviv adxa xa icpaYfjiaxa . . . xb 
|jiv oSv xb h xa\ xou; aptOpiou; napa xa Tzp6r([i.axa Koi^aat xai \t.^ &(TKtp ol IIu6. 
u. s. w. Das gleiche Merkmal gebraucht Aristoteles öfter, um die pythagoreische 
Lehre von der platonischen zu unterscheiden; vgl. Metaph. XIII, 6 (vorl. 
Anm.) c. 8. 1083, b, 8. XIV, 3. 1090, a, 20, Phya. III, 4. 203, a, 3, 



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316 Pythagoreer. [247] 

Er rechnet daher die pythagoreischen Zahlen da, wo er ihr Ver- 
hältniss zu seinen viererlei Ursachen in Betracht zieht, ebenso- 
wohl zu den materiellen als zu den formellen Gründen, indem er 
sagt, d[e "Pjtl^a goreer hab en in ihnen ^zugleich d en Stp ff und die 
294 Eigenschaften- 4oi« Dinge gesucht 0. Hiemit stimmt aber auch 
Philolaus der Sache nach überein: denn er bezeichnet nicht 
allein die Zahl als das Gesetz und den Zusammenhalt der Welt, 
die herrschende Macht über Götter und Menschen, die Bedin- 
gung aller Bestimmtheit und Erkennbarkeit ^), | sondern er nennt 



1) Metaph. I, 5. 986, a, 15: ^atvovtai 8^ xa\ oStoi xbv «ptSfxbv vo[jiiXov- 

tec «px^^ ^^^'^ '*'^ ''^^ ^^^^ "^^^ ^^ ^^ *'*( ^^^^ "^^ ^^ ^^^^' S'bendahiii 
gebort aber auch S. 986, b, 6 : loixaai 8' *o? h öXi)? eTösi ta aToi^eta Tarceiv iin 
TouTcdv Y^p *«>> ^vuTcap'/övxcov ouvEitavai xa\ nsTcXicaSat oaot t^v oCaiav, mag man 
nun diese Worte mit Bonitz z d. St., znn&chst nur auf die vorlier aufgezAhlten 
10 Gegensätze (s. u.) oder unmittelbar auf die, 986, a, 17 genannten <rrofx,cia to3 
apiOfjiou, das Ungerade oder Begrenzte und das Gerade oder Unbegrenzte be- 
ziehen, denn die 10 Gegensätze sind Ja nur die weitere Ausführung des 
Grundgegensatzes von Begrenztem und Unbegrenztem. Dass übrigens Arist. 
dieser Aeusserung wahrscheinlich die S. 317, 1 angeführte Stelle des Philo- 
laus im Auge hat, ist schon S. 263 bemerkt worden. 

2) Fr. 18 (BöcKH 139 ff.) b. Stob. Ekl. I, 8: Oswp^v Ösi xot sp^a xa\ 
tav so9{av xto aptOfjLcu xaxxav 8uvap.iy, axi? ivx\ ^v i^ SexaSi* {leyaXa f«p x«i 
navxiXjj; xa\ 7cavxo£p')fd^ xa\ 6sia> xa\ oupavtoi ßib> xa\ avOpcorcivcü ap^a xa\ aye- 
{i<i>v .... «vsu 8k xaüxa^ Tcavxa aneipa xa\ aS7]Xa xot a^av^* vouixa f^p « fU9i( 
xa> aptO[Jia> xa\ aYcptovtxa xai 8i$tt9xaXixa X(5 a;vopou(xtvb) navxbf xa\ aYV00U(jL£Vta> 
Tcavxi. ou Y^p ^( SijXov ouOev\ oOOkv xöSv npaYf^axtuv ouxe aCxiuv tcoO* a6xa ouxe 
aXXco 170X^ aXXo, et {i^ \\ apiOpib; xa\ a xoüxco l^aia* vSv 8i oSxo; xaxxav ^Mrfh* 
app.ö2^(i>v alaOTjast Tsovxa pcoaxa xat Tcoxayopa aXXaXot; xaxa -^^ii^WQ^ ^üatv 
(m. s. hierüber Böckh a. a. O.) aTcep^^Ce^ai, a(o(jLaX(ov xa\ o^^f^cov xou; Xö^ou; 
/^wp\( exaoxou^ XuSv npay^iaxeov xcov xe aiCEipcov xa\ xcov icepatvövxtdv. 7$oi( 8e 
xot oO {iLÖvov ^v xot; $ai[iovtoi( xa\ Oeioi^ npay^i-aot xav xu) api6p.ü!>' ^ i;atv xa\ 
xoev $uva(iiv b^üouaav, aXXa xa\ sv xoT( avSpcontxol^ ep^oi^ xa\ Xöyoif naai 
ffovxa xa\ xaxa xa$ fiapitoupY^a; xa( xe/^vixs; naaa; xa\ %9xk xav {louatxov. <|>ftu- 
8o( $^ ou6kv 8^x^Exai a xüj apc6[xcü 9Ü7t( o06k appiov^a. oO y^P o^xciov aCxol; 
^vxt' xa( fap aiTEipto xa\ avoijxco (-axco) xa\ aXö^to füvio^ x<3 (|feuSo( xa\ h 9O6- 
vo< lvx{ — und ähnlich nacher, wohl aus einer andern Stelle: <{>e5$o( $k oCSa- 
{!(!>( £( apiOpbv ^jctTcvsl. 7CoX^(Aiov Y^p xa\ ^x^pbv aOxco xa füai* a 6' äX&OEta 
o?xe1ov xa\ 9Ü[ifuxov xa xö) apiOfico ^eveo. Fr. 2 (Böckh 58) b. Stob. I, 456: 
xa\ jcovxa ya piov xa YtYVü)ax4{iEva apiOfibv e^^ovxi" ou yap 6xc<5v oTöv xi oCökv 
OUXE voY]Oij(iEv OUXE YVtt><iO^(jLEv avEu xoüxco. Mit dem obigen stimmt auch die 
Aussage von Jamblich in Nicom. Arithm. S. 11 (b. BÖckh S. 137), welche 
Strxai« z. Metapb. (Schol. in Ar. 902, a, 29. 912, b, 17) wiederholt: <I>{Xo- 
Xao( M fi)9iv aptO|jLbv sTvai xvj; xcov xoa^txcov «^(ovi'a^ $ia|jL0v^( x^v xpaxiaxcvov- 



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[24B] Die Zahl. 317 

auch das Begrenzende und das unbegrenzte; diese zwei Bestand- 
theileder Zahlen^ dieDinge^ aus denen alles gebildet sei ^). Ande« 
rerseits sagt nun aber Aristoteles doch auch wieder, diePytha- 
goreer lassen die Dinge durch Nachahmung der Zahlen entstehen; 295 
deren vielfache Aehnlichkeit mit den Dingen sie bemerkt ha- 
ben '). Derselbe scheint anderswo die Immanenz der Zahlen in 
den Dingen auf einen Theil der pythagoreischen Schule zu be- 
schränken ') ; und in den späteren Berichten steht der Angabe, 
dass alles ans Zahlen bestehe, die Behauptung entgegen, nicht 
aus Zahlen, sondern nur nach dem Mus ter der Zahlen seien die 
Dinge gebildet *). So | wird auch gesagt, die Pythagoreer ha- 



tfov xa\ aötofivvi two^^y^v, dem Smne nach äberein, aber in einer Achten Schrift 
des Phil, können diese Worte nicht gestanden haben. 

1) Fr. 4, b. Stob. I, 468 (Böckh 62): a jxkv iaxiü [zizoMa] xwv Rpaf- 
[laTcov afdi(K ^oaa xa\ auTa ^kv a oüdt; 6«iav T6 (Mein. conj. Ogiot ^vft) xa\ 
oix ocvOpcüicivav Mi)(ixai yvojatv irX^ov (Mein. izXm) ya, 31 8xt oO/^ o%v V j[? 
o&Oev\ T(5v lövTtüv xat Yi^vfü^xotiivcov 6f ' apicjv YvcüaOTjjjisv, {a^ 67capx^oÜ9a( aOta( 
|iQc ap(jiovia(] ^vToc luv ;cpaY[xaTfüv ^ b>v ^uveoxa o xöo[jio< ta>v te nspaivdvTcuv 
xal T(i5v aiieipcuv (so nach Böckh's einleuchtender Verbesserung des verdorbenen 
Textes; Mein, liest: ji^ ujzap'/^oijx; la^ laioö; xöSv j:paYu.ÄTü)v und Rothem- 
BÜCHEB Syst. d. Pythag. 72 benutzt diese, doch nur auf einer Conjectur 
beruhende Lesart sofort, um aus. dem „Unsinn ** derselben die Unftchtheit 
des Fragments zu erweisen). Am Anfang des Bruchstücks geben die Worte 
«Oxa {ikv oc füat( keinen guten Sinn, und auch Meineke's Verbesserung: 
piöva OL ^U9t( befriedigt mich nicht. Ich möchte (wie schon im Hermes X, 
188 bemerkt ist) eher das pikv als Dittographie des vor laxo) stehenden aus- 
werfen, noch lieber aber schreiben : afS. eaaa xa\ asi eaopi^va ^ Uvt^ : das Wesen 
der Dinge, als eine Natur, die ewig ist und immer sein wird, ist göttlich. 

2) Metaph. I, 6. 987, b, 10 über Plato: x^ öi ficOeSiv (die Theilnahme 
der Dinge an den Ideen) xouvopLS jjidvov ptEX^ßaXev ot piv ^ap U\i^a^6pnoi pii- 
pLij<jEt xa ovx« ©aaiv gTvat xojv apiepiwv, IlXixtov tk pieO^ei xoüvopia |ux«PaXa>v. 
ARiSTOXEaus b. Stob. 1, 16: IIuOaYÖpa; . . . Jiavxa xa JtpaYptaxa a7:eiX2^u)v xöT; 
«pc6pioi(. Man vgl. die Ausdrücke o(xot(up.axa und aqpopioioDaOai in der oben 
(8. 314, 2) angeführten Stelle aus Metaph. I, 5, und das apiöpicp 5^ xc äovx' 
iic^oixsv b. Plut. De an. proer. 33, 4. S. 1030. Theo Mus. c. 38. Sext. 
Math. IV, 2. VII, 94. 109. Jambl. V. Pyth. 162. Themist. Phys. 32, a 
(220, 22 Äp.). BiMPL. De ccelo 259, a, 39 (Schol. in Arist. 511, b, 13). 

3/ De ccelo III, 1, Schi.: evioi y*P '^h^ ?"^'^ ^5 apeOjjLtüv auviaxaaiv uaicsp 
xcuv IIuOaYop6{<i>v xtv^$. 

4) Die angebliche Thbano b. Stob. Ekl. I, 302: au^vou« jiiv 'EXXtjvwv 
Ktmvj^Lat. yopL{oat ^avat DuOttf^pav i^ apiOpiou navxa ^ufiaOat ... 6 Sl [so Heerbh] 
oOx ii apiOpLou x«x« h\ ipiOpLov IXe^e Tcivx« ^lyviiOai u. 8. w. Das gleich« 



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318 Pythftgoroer. [249] 

ben zwischen den Zahlen und dem Gewählten, und namentlich 
« zwischen der Einheit und dem* Einen unterschieden *). Hieraus 
hat man nun geschlossen^ die pythagoreische Schule habe ihre 
Zahlenlehre in verschiedenen Richtungen ausgebildet^ diejenigen, 
welche die Zahlen für den inhaftenden Grund der Dinge hielten, 
seien von denen zu unterscheiden, welche darin blosse Muster- 
296 bilder sehen wollten ^). Aristoteles jedoch giebt uns hiezu kein 
Recht. Sagt er auch in der Schrift über den Himmel nur von 
einem Theil der Pythagoreer, dass sie die Welt aus Zahlen zu- 
sammensetzen , s<h folgt daraus dpch nicht , dass die übrigen 
Pythagoreer sie auf andere Art erklärt haben ; sondern er kann 
sich möglicherweise auch nur desshalb so ausdrücken, weil nicht 
alle die Zahlenlehre in einer Construction des Weltganzen weiter 
ausführten *), oder weil der Name der Pythagoreer ausser den 
pythagoreischen Philosophen auch noch andere bezeichnete*), 
oder weil ihm selbst nur von einigen pythagoreischen Philoso- 
phen kosmologische Schriften vorlagen ^). Sonst aber schreibt er 



sagt der angebliche Pythauorab selbst in dem Upb$ Xöyof b. Jakbl. in 
Nicom. Arithm. 8.* 11 und Syrian z. Metaph. (8cbol. in Ar. 902, a, 24), 
wenn er die Zahl als den Beherrscher der Formen nnd Ideen, den Masstab 
und den künstlerischen Verstand des weltbildenden Gottes, den uranfUngli- 
ohen Gedanken der Gottheit u. s. f. beschreibt, und Hipfabus (dessen Lehre 
hier nicht, wie unsere erste Ausgabe I, IOC' lU, 515 nach Brandis ange- 
nommen hatte, der acht pythagoreischen entgegengesetzt, sondern als Aus- 
fluss derselben behandelt wird) bei Jambl. a. a. O. Syr. Schol. in Ar. 902, 
a, 81. 912, b, 15. Simpl. Phys. 104, b, o. , wenn er die Zahl noLpdZti^a 
Tipcotov x9a|io;coifa( und xpiitx'ov xoa{ioupYo^ ^^ou opyavov nennt. 

1} MoDERATUB b. Stob. Ekl. I, 20. ThEo Math. c. 4. Das n&here 
hierüber tiefer unten. 

2) Brandis Rhein. Mus. v. Niebuhr und Brandis II, 211 ff. Gr.-röm. 
Phil. I, 441 ff. Hermahn Gesch. und Syst. d. Plat. I, 167 f. 286 f. 

3) Er sagt ja auch wirklich nicht, dass nur ein Theil der Pythagoreer 
die Dinge aus Zahlen bestehen lasse, sondern: cvtoi t^^v oüaiv ^ apiO{Xüjv 
auvtvtavi, oder wie es im vorhergehenden heisst: s( apiOp.o)v auvxiO^aat ibv 
oOpavöv. 

4) S. o. 8. 314. 

5} Aristoteles liebt überhaupt Limitationen und behutsame Ausdrucks- 
weise. So steht bei ihm unendlich oft Taco; und Ähnliches, wo er seine ent- 
schiedenste Ansicht ausspricht (z. B, Metaph. VXII, 4. 1044, b, 7), und 
Ahnlich macht er es auch mit eviot, wenn er z. B. De gen. et corr. II, 5 
Anf. sagt: et yko saii icuv «uaixojv a(i>[jiaTcov CXi^i ^^^^? xoi 6ox£t Ivtoic, l>Soi>p 



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[260] Die Zahl 319 

beide Lehren^ | dass die Dinge aus Zahlen^ bestehen^ und dass sie 
den Zahlen nachgebildet seien, den Pythagoreern ganz allgemein 
ZU; und beiderlei Aussagen stehen nicht etwa nur an weit aus- 
einanderliegenden OrteU; sondern so nahe beisammen in Einem 
und demselben Zusammenhang, dass ihm ihr Widerspruch, falls 
sie wirklich seiner Meinung nach unvereinbar waren, unmöglich 
hätte entgehen können. Weil die Pvthagoreer zwischen den 
Zahlen und den Dingen manche Äehnlichkeit entdeckten, sagt er. 
Metaph. I, 5 (XIV, 3), so hielten sie die Elemente der Zahlen ftlr 
die Elemente der Dinge selbst; sie sehen in der Zahl, heisst es 
in dem gleichen Kapitel, sowohl den Stoff, als die Eigenschaften 
der Dinge ; und an demselben Orte, wo er ihnen die Lehre von 
der Nachbildung der Zahlen durch die Dinge zuschreibt, Metaph. 
I, 6, versichert er auch zugleich, sie hätten sich eben dadurch 
von Plato unterschieden, dass sie die Zahlen nicht, wie dieser die 
Ideen, ftir getremit von den Dingen, sondern für die Dinge selbst 297 
gehalten haben. Hieraus erhellt unwidersprechlich, dass die zwei 
Behauptungen: d|e Zahlen sind die S ubs tanz der Dinge, un d: sie 
sind das Urbild derselben, nach der Meinung de&Arifltoteles -sich 
nicht ausßchliessen *) ; dass die Py thagoreer, so wie er die Sache 
darstellt, die Dinge gerade desshalb ftir ein Abbild der Zahlen 
hielten, weil die Zahlen das Wesen sind, aus dem sie bestehen, 
dessen Eigenschaften daher auch in ihnen zu erkennen sein müs- 
sen. In dasselbe Verhältniss setzt aber auch Philolaus die Zahl 
zu den Dingen, wenn er sie a. a. O. als ihr Gesetz und als die 
Ursache ihrer Eigenschaften und Verhältnisse beschreibt, denn 
das Gesetz verhält sich zur Ausführung, wie das Urbild zum Ab- 



xai ar^p xa\ toc loiauta, oder wena es Metaph. I, 1. 981, b, 2 heisst: tcuv 
a<^ü)(^ctfv evia noisiv \xh^ odx tl^6za $e Tcot^y a TzoUi. So wenig man aus 
diesen Worten schliesscii kann, dass nach der Meinung des Aristoteles einige 
leblose Dinge mit Bewusstsein wirken, ebensowenig aus der Stelle De ccelo, 
d&BB einige Pythagoreer die Welt aus etwas anderem, als aus Zahlen, be* 
stehen lassen. 

i) So wird ja aach Metaph. I, 5 (worauf SciiwEaLER z. d. St. richtig 
aufmerksam macht) der Begriff des 6p,oi(o}«.a selbst auf die körperlichen Stoffe 
übertragen, wenn es Heisst, die Pythagoreer hätten in den Zahlen viele 
Aehnlichkeiten mit den Dingen zu bemerken geglaubt, (laXXov 9) Iv nup\ -f?! 
xai Sdatt, und andererseits nennt Abist. Phys. II, 3. 194, b, 26 die Form, 
welche er doch als das immanente Wesen der Dinge betrachtet, R«p&$etY,ua. 



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320 Pythagoreer. [250. 251] 

bild. Die Späteren allerdings denken sich die pTthagoreischen 
Zahlen ganz nach Art der platonischen Ideen als Musterbilder 
ausser den Dingen, wiewohl auch bei ihnen noch Spuren des Ge- 
gentheils vorkommen ^) ; aber was lässt sich | auf das Zeugniss 
von Schriftstellern gebeu; von denen es bekannt und unläugbar 
ist^ dass sie das frühere von dem späteren, das pythagoreische 
von dem platonischen und neupythagoreischen überhaupt nicht 
zu unterscheiden wissen?*) 

Diess also ist der Sinn der pythagoreischen Grundlehre: 
298 all es ist Zahl, d . h. alles besteht au_s Zahlen, die Zahl ist nicht 
blos die Form, durch welche die Zusammensetzung der Dinge be- 
stimmt wird, sondern auch die Substcmz und der Stoffj woraus 
sie bestehen, und eben das gehört zu den wesentlichen Eigen- 
thümlichkeiten des pythagoreischen Standpunkts, dass die Unter- 
scheidung von Form und Stoff noch nicht vorgenommen, dass in 
den Zahlen, worin wir freilich nur einen Ausdruck für das Ver- 
hältniss der Stoffe zu sehen wissen, unmittelbar das .Wesen und 
die Substanz des Wirklichen gesucht wird. Was die Py thagoreer 
auf diese Annahme geführt hat, war ohne Zweifel, wie diess auch 
Aristoteles sagt*) und Puilolaus bestätigt*), die Bemerkung, 
dass alle Erscheinungen nach Zahlen geordnet, dass namentlich 
die Verhältnisse der Himmelskörper und der Töne, überhaupt 
aber, alle mathematischen Bestimmungen, von gewissen Zahlen 
und Zahlenverhältnissen beherrscht seien ; eine Wahrnehmung, 



1) Theo z. B. a. a. O. S. 27 bemerkt über das VerbftltniBfl der Monas 
aum Einfl: 'Apx^'ca; h\ xot <l>iX6Xaoc aSia^öpo)« xb iv xa> (AOva$a xoXouat xa\ 
TJjv tiLov^Sa Sv, auch Alexander z. Metaph. I, 5. 985, b, 26. S. 29, 17. Bon. 
setzt dasselbe voraus, wenn er von den Pythagoreern berichtet: t^v vouv 
{lovadflc TS xoi tv eXe^ov, und über die Ideen sagt Stob. Ekl. I, 326, Pyth. 
habe sie in den Zahlen und ihren Harmonieen und in den geometrisclien 
Verhältnissen gesucht a)(^(upt9ta tuv aci>p.axci>v. 

2) Ich brauche aus diesem Grund auch auf die mancherlei offenbar un- 
richtigen Angaben Sybias^s und des falschen Alexander zu Abist. Metaph. 
XIIL XIV, welche Pythagoreer und Platoniker fortwährend verwechseln, 
hier nicht näher einzugehen; diese freilich nennen gleich zu XIII, 1 sowohl 
die Ideenlehre, als die xenokratische Unterscheidung des Mathematischen 
und Sinnlichen, pythagoreisch. 

3) Metaph. I, 5. XIV, 3. s. o. S. 314, 2. 315, 1. 

4) M. B. die S. 316 f. angeführten Stellen. Näheres hierüber unten. 



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[252] Die Zahl. 321 

die selbst ihrerseits wieder an den uralten Gebrauch symboli- 
scher Ruudzahlen^ und an die bei den Griechen, wie bei anderen 
Völkern, verbreiteten, auch in den pythagoreischen Mysterien 
wohl von Anfang an vorkommenden Meinungen über die geheime 
Kraft und Bedeutung gewisser Zahlen *) anknüpft. | Aber wie 
später Plato die begrifflichen Formen hypostasirt hat, wie die 
Eleaten das Wirkliche, dessen Begriff zunächst nur ein Prädikat 
aller Dinge bezeichnet, zur allgemeinen und alleinigen Substanz 
machten, so brachte es der gleiche, dem Alterthum so natürliche 
Realismus mit sich, dass den Pythagoreern die mathematische, 
oder genauer die arithmetische Bestimmtheit der Dinge nicht als 
eine Form oder Eigenschaft, sondern als das ganze Wesen der- 
selben erschien, dass ohne eine genauere Unterscheidung und 
Einschränkung ganz im allgemeinen gesagt wurde : alles ist Zahl. 
Es ist diess eine Vorstellungsweise, die uns fremdartig genug an- 299 
spricht", bedenken wir aber, welchen Eindruck die erste Wahr- 
nehmung einer durchgreifenden und unabänderlichen mathemati- 
schen Gesetzmässigkeit in den Erscheinungen auf den empfäng- 
lichen Geist machen musste, so werden wir es begreifen, wenn 
die Zahl als die Ursache aller Ordnung und Bestimmtheit, als 
der Grund aller Erkenntniss, als die weltbeherrschende göttliche 
Macht verehrt, und von einem Denken, das sich überhaupt nicht 
in abstrakten Begriffen, sondern in Anschauungen zu bewegen 
gewohnt war, zu dem Wesen aller Dinge hypostasirt wurde. 

Alle Zahlen theilen sich aber in uirgerade und gerade, wozu 
als dritte Klasse noch die gerad-ungeraden hinzugefügt werden*). 



1) Man oriiinere sich in dieser Beziehung, um nur weniges zu berühren, 
an die Bedeutung, welche die ancli von den Pythagoreern so gefeierte pla- 
netarische Siebenzahl vielfach und so namentlich im apollinischen Kultus 
(g. Preller Mythol. I, 155) hat, an die vielen dreigliedrigen Reihen in der 
Mythologie, an Hesiod's genaue Vorschriften über die glücklichen und bösen 
Kalend€rtage "E. x. ^ja. 763 ff., an die von Ps.-Plüt. V. Ilom. 145 hervor- 
gehobene Vorliebe Homer's für gewisse Zahlen und ähnliches. 

2) Phiiol. Fr. 2, b. Stob. I, 456: 5 y« l*»'' apiOuo; e/£i Suo ijlsv T$ia 
EtOTj, Rsptva^v xa'i otpTcov, TpiTov 8k aTi' a[i.^ox^c(i)v iJLiyOs'vTwv apiiori^piaaov. Ixa- 
le'pw 81 TCO Ec8£0( TcoXXoi jjiopyai. Unter dem apiio;:E'pia(jov ist entweder das 
Eins zu verstehen, welches von den Pythagoreern so genannt wurde (s. u. 
323, 1 xmd 8. 343 der 3. Aufl.), von dem man aber allerdings kaum er- 
warten sollte, dass es als eigene Gattung bezeichnet würde, oder diejenigen 

Phllos. d. Or. I. Bd. 4. Anfl. 21 



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322 Pythagoreor. [258] 

und jede gegebene Zahl lässt sich theila in gerade^ theils iu un- 
gerade Elemente auflösen ^). Hieraus schlössen die Pyfhagoreer, 
dass I das Ungerade und das Gerade die allgemeinen Bestand- 
theile der Zahlen und weiterhin der Dinge seien-, und indem 
sie nun das Ungera de dem Be greazterTj das Gerade dem Unbe- 
grenzten gleichsetzten; weil iiitmlich jenes der Zweitheilung eine 
Grenze setzt, dieses nicht '), so erhielten sie den Satz, alles be- 



geraden Zahlen, die durch zwei getheilt ungerade ergehen; m. s. Jambl. in 
Nicom. S. 29: aprton^piaaoc ^i iaxi>t o xa\ aOxb^ filv tU S^o Toa xara to xoi- 
vov 8(atpoü(X6V09 , ou usvtoi yi ta (lipi^ ^'^^ BiaipEta e^uv, aXX' euüi)( Ixxtepov 
7:6pia9<Sv. Ebenso Nikom. Arithm. Isag. I, 9. S. 12. Theo Math. I, S. 36; 
vgl. MoiXRATUS h. Stob. I, 22: wate ^v tüj S'tatpstaOai 6i^a TcoXXo't iwv aptiwv 
tU )csptd90U( TfjV avdcXuatv Xa(jßavouatv co; 6 Vi xa\ Sexa. (So ist nämlich zu 
lesen; Gaispord hehftit auffallenderweise das widersinnige i^xai^Exa und 
HEEREN, dem Meineke beitritt, vermuthet ziemlich unglücklich 3xiu>xai$£xou) 

1) M. vgl. auch in der S. 323, 1 anzuführenden Stelle des Philolaus b. Stob. 
I, 456 die Worte: Ta |xiv yap autcSv ix nepaivövtciw «epaivovTa, ta 5' £x jccpat- 
vövttiw T6 xa\ a7C6{p(i)v TCEpaivovxoE te xoi ou nEpaivovxa, ra $' i^ ansipcov anEtpa 
ffty^ovtat. Zu der ersten Klasse gehören unter den Zahlen, an die Phllol. 
wohl zunächst denkt, die aus lauter ungeraden, zur zweiten die aus geraden 
und ungeraden, zur dritten die aus lauter geraden Faktoren entstandenen. 

2) Diesen Grund geben die griechischen Erklärer des Aristoteles au; 
SiifPL. Phys. 105, a, o.: oötot hl to aiceipov ibv ioxiov apiOpLov IXsyov, 8ia xo 
K«9 [jL^v apxiov, &i ^a^iv o! efijyijxoi, £15 Taa Siai^^oupisvov ancipov xax« x^v Stj^o- 
xojjiiav. ^ vap £?g taa xa\ vjpiitn) BcaipEai; iiz^ a;c5(pov, xo $k TiEptxxbv irpo^xeOEv 
rEoaivEi aCxb, xtoXoEt -yoip aiSxou xf.v £?; xa T^a SiaipEatv. oCxw jx^v oSv ol ifij- 
YY]xa\ (zu denen ohne Zweifel namentlich Alexander gehört). Aehnlich Phi- 
T.0P. Phys. K, 11, u. ebd. 12, m: xb pilv fap nEpixxbv TCEpaxoi xa\ opii^Ei, xb 
81 «pxtov x^i Ijt' aTCEipov xopif,? aixiov loxiv, ac'i xijv Sr^axopiCov §6)(^ö(JLevov. The- 
MIST. Phys. 32, a, S. 221 Speng.: Die Pythagoreer erklären nur den apxio; 
ap(6[Jib( für unbegrenzt: xouxov yap E?vai x^( ili xa Xoa xopif,; .aixiov ?^xt; an»- 
po;. Aristoteles selbst sagt Phys. III, 4. 203 a^ 10: ot (t^v (die Pythor 
goreer) xb «ncipov eTvat xb apxiov* xouxo y^P ^vanoXapißavöfxEvov (von dem Un- 
geraden umschlossen; Rötii's Vorschlag, II, b, 284, dafür Iv a7:oXa{jLßavopL£vov 
zu setzen, und dieses zu erklären: „die Eins in sich aufnehmend ** bedarf 
keiner Widerlegung) 7:ap^/£tv xotc ouai x^v anEipiav. Damit ist abei' zwar 
gesagt, dass, aber- nicht, wesshalb das Gerade Ursache der Unbegrenztheit 
sein sollte; und ebensowenig erfahren wir diess durch den weiteren Beisatz: 
OT}{ji£'iov t^ Elvai xoüxou xb au{jLßaivov iiCi xcuv aptOpicov' TZEptxiOEpiEvtov y^p 'r<>>v 
YV(upLÖvü>v 7C6p\ xb h xa\ x.*«*f*^5 ^"^^ K-^^ *^^® Y^'^^*'^*^ "^^ eTöo;, oxe Sk tv. Diese 
Worte selbst werden von den gpriechischen Auslegern (Alex. b. Simpl. 105, 
b, o. Schol. 362, a, 30 ff. und Simpl. selbst. Thkmist. a. a. O. Piiilop. K, 
13, m) übereinstimmend so erklärt: Ein Gnomon ist diejenige Zahl, welche 



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[253] Ungerades und Gerades, Begrenztes und Unbegrenztes. 323 
stehe aus dem Begrenzten und dem Unbegrenzten ^). An diesen 300 



einer Quadratzabl beigefügt wieder eine Qnadratzabl ergiebt; und da nun 
diess eine £igen8cbaft aller ungeraden Zahlen ist (denn 1^ 4" ^ = 2^ 
2'-|- 6 = 3', 3' + '* =42u. 8. w.), so wurden sämmtliche ungerade 
Zahlen (wie diess Simpl. 105, a, u. Philop. K, 13, o. ausdrücklich be- 
merken) von den Pythagoreem '^^d>[LOvt^ genannt. Durch die Hinzufügung 
der ungeraden Zahlen zur Einheit entstehen nun lauter Qaadratzablen 
(1 -f. 3 = 2«; 1 4- 3 -f 5 == 3' u. s. w.), also Zahlen von Einer Gat- 
tung, wogegen man auf jedem anderen Wege — sei es durch Summirung 
von geraden und ungeraden Zahlen (so Philop.), oder durch Hinzufüg ung 
blos der geraden zur Einheit (so Axex., Simpl., Themist.) — Zahlen der 
verschiedensten Art, liepo(jiY{xEi(, Tpi^tovoi , ^ntsycovoi u. s. w., also eine un- 
begrenzte Vielheit von £($i), erhält. Auch mir scheint diese Erklärung vor 
denen von Roth a. a. O. und Pkantl (Arist. Phys. 489) den Vorzug zu 
verdienen. Sie mit dem aristotelischen Text in Uebereinstimmung zu brin- 
gen, machte allerdings schon den alten Commentatoren Schwierigkeit; das 
wahrscheinlichste ist mir, dass die Worte, welche durch die übermässige 
Kürze des xat X^P^^ unverständlich geworden sind/ besagen wollen: „denn 
wenn das einemal die Gnomonen an das Eins angelegt werden, das andere- 
mal die übrigen Zahlen ohne die Gnomonen, so entstehen in diesem Fall 
immer andere Arten von Zahlen, in jenem Eine und dieselbe;^ so dasa also 
das xat /.copt; so viel wäre, als: xä\ ^cspiTtOs^jivcov tcov apt0^a>v yjapi^ luv 

YVta>{10V(i)V. 

1) Abist. Metaph. I, 5. 986, a, 17: lou B\ apiOpiou [vopi^ouat] 9XQiy(t1ct 
x6 TC oepttov xa\ To xepiTTov, toutcüv §1 to (asv ::£7cspaa{x^vov xo tk ocTceipov, to 
V Iv 15 d|A^oi^pcüv eTvai toütwv (xai y*P «p'^tov eTvat xa\ JCEpitibv), tov 8' dtpiÖ- 
|ibv 1% Tou ivb(, aptO(jLo';/( $k, xaOijccp Eipv^Tai, tov (SXov oupavöv. Philol. Fr. 
1 b. Stob. I, 454: ava^x^ "^ol cövta 6l(uv navra ^ Tcepaivovia il^ aTceipa, t) tue- 
paivovxa T£ xa\ «Tcsipa. (Diess wahrscheinlich der Anfang seiner Schrift, 
hierauf folgte der Beweis dieses Satzes, von dem Stobäus nur die Worte: 
axnpa dk {iidvov oux m\ [ou xa Etr^ Mein.], Jambl. in Nicom. 7 und bei Vil- 
LOisoN Anecd. II, 196 auch noch das weitere aufbewahrt bat: OLp-^ctv f^p 
w^l xo YVü>9oü{i£vov saasiiOK }EavTfa>v aTiciprov eövtcov — m. s. Böckh S. 47 ff., 
wogegen Schaarschmidt Schriftst. d. Philol. 61 den Text des Stobäus ohne 
eine Andeutung, der darin vorhandenen Lücke wiedergiebt, und Rotren- 
BÜCHEB Syst. d. Pyth. 68 auf eben diesen Text Einwendungen gründet, 
welche sich durch die richtige Vorstellung von dem, was Philolaus gesagt 
hatte, sofort heben.) inii toivuv oatvEiai ö5x' Ix JCEpaivövtwv 7:fltvT<ov l6vTa oSt' 
ii aicsipwv nivTcov, Zt^X6^ x^ apa Sr. ix JzepatvövTcov xz xa^ otnEipwv o ts x<^a(io( 
xa\ xa Iv fltuTb> <Jüvapii.d)(^OTj. tT\\öi hl xa\ T« sv toi; ep^oi?. t« jjlsv yip u. s. w. 
8. 8. 322, 1. Vgl. Plato !*hileb. 16, C: ol [xkv JtaXaioi, xpEiTtove; ^jjlwv xa\ 
iy^[»xipbj Oecuv o^/coüvxe;, taüirjV 97|(AV)v )cap^oaav, oi; i^ Ivb; (jiv xa\ Ix noXXcov 
ovtcov Tfüv ttSt XsyojiEvuiv eTvai, Tcs'pa; $1 xai a;c£(piav ev Sauiot; ^upi^uTov l/^ovicov. 
Ebd. 23, C: xbv Oeov IXe^ojasv tiou tb jikv ««eipov SeTS«^ ^««^v ovtwv, xb 81 n^pa;. 

21* 



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324 Pytiiagoreor. [254] 

301 Satz schliesst sich j sodann die weitere Bemerkung an, dass über- 
haupt alles entgegengesetzte Bestimmungen in sich vereinige, 

302 die sie sofort auf den Grundgegensatz des Begrenzten und Unbe- 
grenzten, des Ungeraden und Geraden, zurückzuführen bomüht 
waren. Das Begrenzte und Ungerade gilt aber den Pythago- 
reem, welche lüefin'mit dem Volksglauben übereinstimmen, fiir 
das bessere und vollkommenere, das Unbegrenzte und Gerade 
für das'unvollkommene ^). Wo sie | daher entgegengesetzte Ei- 



Dan letztere heisst 23, R. 26, B auch Tc^pa; e^ov, die verschiedenen Arten 
des Begrenzten werden S. 25, D unter dem Namen TCEparoetSks zusammen- 
gefasst; nipa^ setst ausser PUto auch Abist. Metaph. I, 8. 990, a, 8. XIV, 
3. 1091, a, 18 für das, was er Metaph. I, 5 3:£i:6paap.Evov genannt hatte. 
Der Sache nach ist zwischen diesen verschiedenen Benennungen kein Unter- 
schied: sie wollen alle nur den Begriff der Begrenztheit bezeichnen, der 
aber in der Kegel, nach alterthümlicher Weise, konkreter gefasst wird, und 
in diesem Fall gleich gut aktiv oder passiv, durch „begrenzend'^ oder durch 
„begrenzt, ausgedrückt werden konnte, denn was ein anderes durch seine 
Beimischung begrenzen soll, das muss an sich selbst ein begrenztes sein 
(m. vgl. auch die analoge Darstellung Plato's Tim. 35, A, wo die unthcil- 
bare Substanz eben als solche das bindende und begrenzende ist). Ritter^s 
Bedenken gegen die Anthentie der aristotelischen Ausdrucks weise (Pyth. 
Phil. 116 ff.) sind daher schwerlich begi'ündet. — Auch das ist unanstössig, 
dass nach dem oben angeführten bald die Zahlen, bald die Bestandtheile 
der Zahl (das Begrenzte und Unbegrenzte) , und mit einer dritten , unten 
noch zu erwähnenden Wendung auch die Einheit dieser Elemente, die Har- 
monie, als Grund und Substanz der Dinge genannt werden; denn wenn alles 
aus Zahlen besteht, ist auch alles aus den allgemeinen Elementen der Zahl, 
dem Begrenzten und Unbegrenzten, zusammengesetzt, und da diese Elemente 
nur in ihrer harmonischen Verknüpfung die Zahl bilden, so ist auch alles 
Harmonie; vgl. S. 313, 2. 315, 3. 328, 1. Wenn endlich Büukii Philol. 
56 f. gegen die aristotelische Darstellung einwendet, die geraden und un- 
geraden Zahlen seien vom Unbegrenzten und Begrenzten zu unterscheiden, 
da sie alle als bestimmte der Einheit theilhaftig und begrenzt seien, und 
wenn andererseits Brandis I, 452 vermuthet, die Pythagoreer Tiaben das 
Begrenzende in den ungeraden, oder den gnomonischen (d. h. gleichfalls: 
den ungeraden) Zahlen, oder der Zehnzahl gesucht, so ist zu erwiedcrn, 
dass das Gerade und Ungerade etwas anderes ist, als die gerade und un- 
gerade Zahl; diese ist nothwendig immer eine bestimmte, jene sind Bestand- 
theile aller Zahlen, sowohl der geraden, als der ungeraden, und sie stehen 
insofern dem Begrenzten und Unbegrenzten ganz gleich. 

1) S. die folgenden Anm. und Arist. Eth. N. U, 5. 1106, b, 29: to 
fap xaxbv toü ancipou, «o; ol UM^ai^6p6ioi ewal^ov, to 8' ayaOov Too TceTcipaapi- 



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[256] Die Tafel der Gegensätze. 325 

genschaften wahrnahmen^ da betrachteten sie das bessere als ein 
begrenztes oder ungerades^ das schlechtere als ein unbegrenztes 
und gerades^ und so theilte sich ihnen alles in zwei Reihen^ von 
denen die eine auf der Seite des Begrenzten steht, die andere 
auf der des Unbegrenzten '). Diese Reihen wurden dann näher 
nach der heiliget Zehnzahl bestimmt^ indem die folgenden zehen 
Grundgegensätze gezählt wurden: 1) Grenze und Unbegrenztes, 
2) Ungerades und Gerades, 3) Eins und Vielheit, 4) Rechtes und 
Linkes, 5) Männliches und Weibliches, 6) Ruhendes und Be- 
wegtes, 1) Gerades und Krummes, 8) Licht und Finsterniss, 
9) Gutes und Böses, 10) Quadrat und Rechteck*). Nun ist es 



vou. Das« die ungeraden Zahlen bei Griechen und Römern für glücklicher 
galten, als die geraden, wird tiefer unten noch gezeigt werden. 

1) Abist. Eth. N. I, 4 1096, b, 5: jriOavwTepov 8' «©(xaaiv ol llufiay6p6toi 
Xiytvi Ktpi aOtoö [toö ^vb;], TtÖEVTe? Iv i^ iwv ayaOtov cruaroi^^ia xb fv. Metaph. 
XIV, 6. J093. ii. 1 1 ( über Pythagoreer und pythagoraiflirende Akademiker): 
^xetvo jiivToi Tcotouat ^avEpbv, Zu to iZ uKapyii xa\ tt)? auTCOixi«? ^^ *^? "^^^ 
xaXoü TO nepiTxbv, fo euOu, xb laov, «t ^uvajiei? Iv{cüv «pi6(jio)V, Vgl. folg, 
Anm.; Späterer, wie Pb.-Plut. V. Hom. 145 u. a. (s. u.) nicht zu erw&hnen. 

2) Abist. Metaph. I, 5. 986, a, 22 (unmittelbar nach dem S. 323, l 
angeführten): ?XEpoi ^\ xtov auxtov xoüxwv xa; *PX«« 5^** X^yowaiv tl/ai xa? 
xaxa au9X0i}^{av (in zwei sich gegenüberstehenden Reihen, der des Guten und 
der des Schlechten) Xeyojx^va^, tc^P»« xai ansipov, jceptxxbv x«i apxiov, Iv xa\ 
xXrjOo;, $£^(bv xa\ apiaxspbv, a^pev xa\ 6iJXu, i^p£(J.ouv xa\ x'.voüfievov, eCOu xa> 
xap.}CüXoy, ^co^ xai axöxo;, a-^aObv xai xaxbv, xsxpocYcovov xa\ £xepö(j.7]xe(. Dass 
4ie Pjrthagoreer die Bewegung aus dem Unbegrenzten ableiteten, sagt auch 
EuDEMCS bT SiMPL. Phys. 98, b, m.: „ITXixwv Z\ xb jx^Y* ^^^ "^^ {Jitxpbv x«\ 
xb |i)j 8v xa\ xb aviojJiaX&v xai oaa xoütot; irh xaCxb ^^pet xf^v xi'vijaiv Xc^st . . . 
pAxtov Ss aitia [sc. ?5« xivrlieo);] X^y^*^ xaSia woTiep 'Ap^iita«," xa\ {Jiex' ^Xt- 
yov „xb 8' iöpwxöv, yijai, xaXu>( gxi x9;v xiviiaiv ol IIuöaY^pstot xa\ 6 IlXaxcov 
fÄif^pouatv" u. s. w. Wenn Bbandib I, 451. Rhein. Mus. II, 221 aus die- 
ser Stelle schloBS, dass Archytas die Bewegung auf das Begrenzende zu- 
rückgeführt habe, so täuschte ihn der Ausdruck atxtov, zu dem jedenfalls 
x^^ XIV. zu suppliren ist, auch wenn man mit ihm liest: aTxiov Xi^ttv Ci^izip 
*A. (In der ^Gesch. d. Entw. d. griech. Phil.'' I, 169 änderte er seine Auf- 
fassung dieser Stelle, muss sich aber seiner früheren Aeusserungen nicht 
mehr recht erinnert haben, denn er sagt: „Dass auch Archytas ... die Be- 
wegung auf das Unbegrenzte zurückgeführt habe . . . steht mir auch jetzt 
noch fest, trotz Zeller^s Einrede,'') Auf jene Ableitung der Bewegung geht 
auch Abist. Phys. III, 2. 201, b, 20: evioi ix£p6xT)xa xa\ avtaoxrjxa xoi\ xb 
1*^ Sv faaxovx«? eTvai x>)v xivrjiiv, was Simpl. Phys. 98, a, o. b, o. Phxlop. 
Phys. I, 16, o, auf die Pythagoreer beziehen. An sie schliesst sich PUto 



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326 Pythagoreer. [255. 256] 

303 allerdings nur ein Theil der Pythagoreer, wahrscheinlich jüngere 
Mitglieder der Schule, denen diese Aufeählung angehört; *) aber 
dass alles aus entgegengesetztem, und in letzter Beziehung aus 
dem Ungeraden und Geraden oder dem Begrenzten und Unbe- 
grenzten zusammengesetzt sei, wurde allgemein zugegeben, und 
denmach müssen wohl auch alle die gegebenen Erscheinungen 

304 auf diese und die verwandten | Gegensätze zurückgeführt ha- 
ben ^). Wenn daher ein Schema solcher Gegensätze aufgestellt 



an; vgl. Th. II, a, 808, 1. Um so weniger Grund haben wir, die Aussage 
des Eudemus mit Chaigmet (II, 146) desshalb zu bestreiten, weil nach Alk- 
mllon die Götter, die Gestirne, sich immer bewegen (s. u. S. 368, 2 3. An6.) 
und auch die Seele in beständiger Bewegung sei. Das Unabl&ssige dieser 
Bewegung, diess, dass sie, wie Alkmäon sagt, den Anfang mit dem Ende 
verknüpft, konnte immerhin als eine Vollkommenheit betrachtet werden, 
wenn auch die Bewegung als solche eine UnvoUkommenheit ist und zeigt, 
dass auch die Himmelskörper aus Begrenzendem und Unbegi-enztem bestehen. 
Rohb's Behauptung (Fhilol. Fragm. n. ^u^,. 21), in der Tafel der 10 Gegen- 
sätze werde nur die von aussenher bewirkte Bewegung auf die Seite des 
«TCtipov gestellt, ist ganz aus der Luft gegriffen. 

1) Chaiomet II, 50 f. bestreitet diess, weil nach Aristoteles (s. u. S. 421, 
2. 424, 5 3. Aufl.) schon Alkmäon die 10 Gegensätze „tels qtie naua venons 
de les expoier^ angenommen habe. Allein Arist. sagt, wie der Augenschein 
zeigt, nicht, Alkm. l^ibe die 10 Gegensätze angenommen, sondern: er 
habe mit den Pythagoreem angenommen, dass das menschliche Leben von 
Gegensätzen beherrscht sei, die er aber nicht, wie sie, auf festbestimmte 
Kategorieen zurückgeführt habe; also ziemlich das Gegentheil von dem, was 
Chaignet bei ihm findet. 

2) S. S. 322 f. Brakdis glaubt zwar auch hier eine Spur von der ver- 
schiedenen Auffassung der pythagoreischen Lehre zu sehen (Rhein. Mus. II, 
214. 239 ff. gr.-röm. Phil. I, 445. 502 ff.); aus den Worten des Aristoteles 
folgt Jedoch nur so viel, dass nicht alle Pythagoreer die zehngliedrige Tafel 
der Gegensätze hatten, sondern ein Theil derselben bei dem Grnndgegensatz 
des Ungeraden oder Begrenzten und des Geraden oder Unbegrenzten stehen 
blieb. Diess schliesst aber nicht aus, dass auch die letzteren jenen Grund- 
gegensatz auf die Erklärung der Erscheinungen anwandten, und die Gegen- 
sätze, welche die Beobachtung an den Dingen aufzeigte, auf ihn zurück- 
führten; solche Versuche waren vielmehr durch die allgemeine Lehre der 
Schule von der Zusammensetzung der Dinge aus Begrenztem und Unbegrenz- 
tem, Ungeradem und Geradom, so unmittelbar gefordert, dass wir uns diese 
ohne jene gar nicht denken können. Wie hätte diese Lehre den Pythago- 
reem überhaupt entstehen sollen, und welche Bedeutung hätte sie für sie 
haben können, wenn sie nicht auf die konkreten Erscheinungen angewandt 
wurde? Mag daher Aristoteles auch vielleicht in den angeführten Stellen 



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[256] Die Tafel der Gegeuefttze. 327 

wurde, so ist diess eine blos formelle Erweiterung, welche für die 
Auffassung der pythagoreischen Grundlehren um so weniger Be- 
deutung hat, da auch in der zehngliedrigen Tafel die einzelnen 
Glieder durchaus nicht nach einem bestimmten Princip abge- 
leitet, sondern von den empirisch gegebenen Gegensätzen so 
viele der hervorragendsten, nach ziemlich willkührlicher Auswahl, 
aufgezählt werden, bis die Zehnzahl voll ist. So hat natürlich 
auch die Vertheilung der einzelnen Begriffe an die beiden Reihen 
viel willkührliches *), wenn sich auch im allgemeinen der leitende 



der nikomachiscbon Ethik zunächst die Tafel der zehen Gegensätze im Auge 
haben; mag man auch aufMeUph. XIV, 6 desshalb weniger Gewicht legen, 
weil sich diese Btelle nicht blos auf Pythagoreer bezieht; mag ferner die 
unbedeutende Abweichung in der Aufzählung bei Flutabch De Is. c. 48 
als unerheblich zu betrachten sein, und die siebengliedrige Tafel des £udo- 
BUB (b. i^iMPU Phys. 39, a, m., s. u. 8. 331, 4), sowie die dreigliedrige b. 
Diop. YIII, 26, desshalb weniger beweisen, weil diese Zeugen ganz offenbar 
späteres einmischen; können wir aus demselben Grund auf Ps.-Alex. in 
Metaph. XII, 6. 668, 16 kein Gewicht legen; ist vollends die abweichende 
Ordnung der einzelnen Glieder bei Simpl. Phys. 98, a und Themist. Phys. 
30, b. 216 Sp. füi' die vorliegende Frage völlig bedeutungslos: so liegt es 
doch in der Natur der Sache, dass auch diejenigen, welche die zehngliedrige 
Kategorieentafel nicht hatten, die Lehre von den Gegensätzen anwandten 
und weiter ausführten, nur dass sie diess nicht nach diesem festen Schema, 
sondern in freierer Art thaten. Dass ausser den zehen auch noch weitere 
Gegensätze bemerkt wurden, eriiellt auch aus Aristoteles b. Simpl. De cobIo 
173, a, 11 Schol. in Arist. 492, a, 24: to oSv de^tbv xa\ avco xa\ epiicpoadev 
afaObv IxsXouv, xb ok apidrepov xa\ xaxw xoi oJitaOev xaxbv IXc^ov, w; auib^ 
*Apt9T0iAi}( bTopT)9ev £v TT, T(üv TluOaYopsioic (wofür Karsten offenbar falsch 
nudocY^P? liest) fl^cjxovTcüv avvotycüY^. Auf den Vorzug des Rechten vor dem 
Linken bezieht sich das Verbot (Plut. De vit. pud. 8 S. 532), den linken 
Schenkel über den rechten zu legen. 

1) Wie sich diess im einzelnen leicht nachweisen Hesse, auch abgesehen 
von den Gründen, aus denen z. B. Plut. qu. rom. 102 S. 288 (und ebenso 
De £i ap. D. c. 8. S. 388) die Vergleiohung des Ungeraden mit dem Männ- 
lichen, des Geraden mit> dem Weiblichen herleitet: y^vijjlo; foip eaii [o nev.T- 
T(K aptO{ib(] xa\ xpai^ xoO apTiou auvT(0£(X£vo(. xa\ Siatpouji^tov e?; xa; piovada(, 
6 (ilv «pTiof, xaOaxep xb O^Xu, y^cupav [AExa^u xev^v ev$iSco9i, xou 81 ffeptxxou 
(jLÖptov aei xt nXripti unoXctTtsxoti. Dass Pyth. die ungeraden Zahlen, und ins- 
besondere die Einheit, als männlich, die geraden , namentlich die Zweiheit, 
als weiblich bezeichnet habe, sagt auch Pb.-Plut. V. Uom. 145. Hippol. 
Refut. VI, 23. I, 2, S. 10. Alex, zu MeUph. I, 5. 29, 13 Bon. Schol. 540, 
b, 15. F0;lop. Phys. K, 11, m. vgl Sext. Math. V, 8, 



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328 Pythagarcer. [257] 

Gesichtspunkt, das einheitliche, vollkommene, in sich vollendete 
dem Begrenzten, das entgegengesetzte dem Unbegrenzten zuzu- 
weisen, nicht verkennnen lässt. 

Da nun hienach die Grundbestandtheile der Dinge von un- 
gleicher und entgegengesetzter Beschaffenheit sind, so war ein 
Band nöthig, das sie verknüpfte, wenn irgend etwas aus ihnen 
305 entstehen sollte. Dieses Band der Elemente ist die Harmonie ^), 
welche von Philolaus als Einheit des mannigfaltigen und Zusara- 
menstimmung des zwiespältigen definirt wird ^), Wie daher in 
allem der Gegensatz der Elemente ist, so muss auch in allem die 
Harmonie sein, und es kann gleich gut gesagt werden, dass alles 
Zahl, und dass alle« Harmonie sei ^), denn jede Za hl isL-cinfi^e,- 
stimmte Verbindung, oder eine Harmonie, des Ungeraden und 
des Geraden. Wie sich aber die Wahrnehmung der ursprting- 



1) Philol. b. Stob. I, 460 in Fortsetzung der Stelle, die 8. 317, 1 
angeführt wurde: inii Bi te «px.«^ ÖTiapyov ou/^ b^oiai oOS' 6(iÖ9uXoi iaaxi, 
rfirf aSüvatov r[t av xai auioi? xocjjitjO^^jlsv, ei (Ji)) apaovia iRcy^veTO, ^tivi ov 
xpCnta iy^vsTo. 'ol (Jiev cov 6(jLota xcii o\k6o\iXa, ap[iovia; oOOkv ^TCE^eovio* xa ^ 
avü^ola [irfil 6[iöfuXa {xyjdl {(toteXt) öcva^xa xa xoiauxa apfiovfa ouYXExXstaOai, 
sl {jiAXovxi ev xöa(jLü> xax^eiiOat. Den ^atz, dase nur das ungleichartige, 
nicht das gleichartige, der Harmonie bedürfe, findet RoTiiENBÜcnEK (d. Syst. 
d. Pyth. 73) so seltsam, dass er ihm entschieden gegen die Aechtheit des 
Bruchstücks zu' sprechen scheint. Allein diese Seltsamkeit entsteht nur da- 
durch , dass R., offenbar gegen die Meinung des Verfassers, den 5[iota die 
nspaivovxa, den av6[jL0ia die ocTCEipa substituirt ; im übrigen hat nicht blos He- 
raklit ip. u.) und andere nach ihm behauptet, dass jede Harmonie einen 
Gegensatz voraussetze, sondern auch Abist. De an. I, 4, Anf. lässt die 
Ansicht, dass die Seele eine Harmonie sei, für sich anführen: xot yap xy)v 
ap[xov{av xpaaiv xa\ (TÜvOsaiv Evavx{<ov eivxi (ganz so Philolaus, s. folg. Anm.) 
xa\ xb o(op.a ou^xeKaOai e? ivavxiwv, und das gleiche legt Plato PhHdo 86, B 
einem Schüler des Philolaus in den Mund. 

2) NiKOM. Arithm. S. 59 (Böckit Philol. 61): wxt y«P «pp-ovia itoXv>[xi- 
Y^uv evcoai; xa: ov/ß ^pove^vxtov aüp-^paai;. Dieselbe Definition wird öfters 
als pythagoreisch angeführt, s. Ast z. d. St. S. 299. Philolaus wird sie 
von BöcKH auf Grund der nikomachischcn Stelle mit Wahrscheinlichkeit 
zugesprochen. 

3) Abist. Metaph. I, 5: xbv oXov oupavbv ap[ioviav sTvai xo« api6|jLbv. 
Vgl. Stbabo X, 3,. 10. S. 468 Gas.: (xoujixtjv exxXsae ITXäxwv xai exi 7;pöxepov 
ol TTuOaYÖpEioi xtjv ^tXoaoolav , xot xaO' apjjioviav xbv xöa^xov ggvEVXavac 9aa(. 
Atu£N. Xni, 632, b: IFuOaif<^pa{ . . . xai x9jv xoö Ttavxb; oOaiav <5ia [i.ou9(XTJ( 
ATzofabfii 9UYXEi|JL^y]v. 



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[257. 258] * Harmonie. 329 

liehen Gegensätze in den Dingen den Pythagoreern zunächst an 
die Betrachtung der Zahl knüpft^ so knüpft sich ihnen die Aner- 
kennung der Harmonie, welche die Gegensätze versöhnt, an die 
Betrachtung der Tonverhältnisse : die Harmonie ist ihnen nichts 
anderes, als die Oktave *), deren Verhältnisse daher | Philolaus 
sofort auseinandersetzt, wo er das Wesen der Harmonie beschrei- 
ben will ^). So befremdend uns diess aber erscheinen mag, so 306 
natürlich war es ohne Zweifel für solche, die noch nicht gewohnt 
waren, die allgemeinen Begriffe von den besonderen Erschei- 
nungen, an denen sie ihnen zum Bewusstsein kamen, bestimmt 
zu unterscheiden. In dem Einklang der Töne erkennen die 
Pythagoreer das allgemeine Gesetz der Verknüpfung von ent- 
gegen gesetztenf, sie nennen desshalb jede solche Verknüpfung, 
wie diess auch von Heraklit und Empedokles geschieht, Har- 
monie, und übertragen auf dieselbe die Verhältnisse der musi- 
kalischen Harmonie •), die sie zuerst gemessen haben *\ 



1) 'Appiovia ist der Name für die Oktave; m. s. z. B. Aribtox. Miis. 
II, 36: xü>v lffxax^öp8(i}V Sc sxaXouv app.ov{ac. Nikom. Harm. Introd. I, 16: ot 
naXaiöxaToi . . ap[iov{av |xkv xaXouvxc; x^]V Sia Traaojv u. a. 

2) Bei Stob. I, 462 (Nikom. Harm. I, 17) führt er unmittelbar nach 
dem oben angeführten so fort: ap(jLov{a^ $1 [lEyeOö; ^vxi <7uXXaßa (die Quarte) 
xa\ Si* i^tiav (die Quinte)* xb Ss 8i* ^^eiav (xet^ov xa( (juXXaßa; ii:o-]fS6b> (ein 
Ton = 8 : 9)- wxi ^ap ino 6naxa$ I? [i^aav auXXaßot , aTCo Bl (icis; izoii ve«- 
xav 8i* ^^stav, hzo 81 viaxa; U xp{xav auXXaßa, omo 8k xp{xa( i^ 67caxav 8i* 
oEetov xb 6' h (x^acu (x^aa; xa\ xpi'xa; eicövSoov a h\ vuXXaßa ij^iTpixov, xo 8e 
dt* 3fEiav f|(xi6Xiov' xb 8ta naacov 8e 8(::Xöov (die Quarte=3: 4, die Quinte 
5= 2:3, die Oktave = 2:4). oöxto? ap(xovia tc^vxs iTCÖySoa xai 8üo 8tsat£{, 
8t' ^^Eiav 8k xpC inoyhoa xa\ 8{eatc. auXXaßa 8k 8ü' iizo^Boa xoi 8(Eat( (der 
kleinere Halbton, später X£t^(Aa genannt = 243:256). Eine Erklärung 
dieser Stelle giebt Böckh Philol. 65 — 89, und ihm folgend Brahdis I, 
456 ff. Auf sie bezieht sich vielleicht die Darstellung des Sextus Math. 
IV, 6, welche die Bedeutung der Harmonie gleichfalls richtig erklärt: co; 
Ydip Tov oXov xö^fxov xaxa apjjiovfav X^^^^^^ SiotxetaOai, oOxco xa\ xb ^a>ov ^u- 
/0U96ai. 8ox£T 8£ tj xAeio; app.ovia ^v xpia\ ^(ji^cüviaic Xaß^v xtjv GnöoTaitv, 
xfj XE 8ta xexx«po)v xat xf) 8ia it^vxe xa\ xfj 8ia «aawv. Weiteres über das 
harmonische System S. 845. f. 3. Aufl. 

3) Etwas anders erklärt dieses Böckh Philol. 65. „Die Einheit, be- 
merkt er, ist die Grenze, das Unbegrenzte aber ist die unbestimmte ZwqI- 
heit, welche, indem das Mass der Einheit zweimal in sie hineingetragen 
wird, bestimmte Zweiheit wird; die Begrenzung wird daher gegeben durch 
das Messen der Zweiheit mittelst der Einheit, das ist, durch die Setzung 



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330 Pythagoreer. - [259] 

Ehe wir jedoch weiter gehen, scheint es nöthig, einige | ab- 
weichende Ansichten über die Lehre der Pythagoreer von den 
letzten Gründen zu prüfen , die theils auf Angaben der Alten, 
theils auf Verrauthungen neuerer Gelehrten beruhen. Unserer 
bisherigen Darstellung zufolge gieng das pjthagqreisßhß-System 
von7em Satza-attS; dass a lles seine m Wesen nach Zahl sei ; erst 
307 von hier aus entstand die Lehre von den ursprünglichen Gegen- 
sätzen, unter denen ebendesshalb der des Ungeraden und des Ge- 
/ raden , und nächst ihm der des Begrenzten und Unbegrenzten, 
allen andern vorangeht; di e Einheit dieser Geg ensätze aber wurde 
nur in der 2ahl selbst gesucht, die sich insofern näher als Har- 
monie bestimmte. Statt dessen legen jedoch viele von unseren 
Zeugen dem ganzen System den Gegensatz der Einheit und der 
Zweiheit zu Grunde , welcher sodann weher auf den Gegensatz 
des Geistigen und Körperlichen , der Form und des Stoffes, der 
Gottheit und der Materie, zurückgeführt, selbst aber wieder aus 
der Gottheit als der ursprünglichen Einheit hergeleitet wird; 
nach einer andern Annahme wäre darin nicht die aritmethiscbc 
Anschauung der Zahl und ihrer Bestand theile, sondern die geo- 
metrische der Raumgrenze und des unendlichen Raumes das erste; 
eine dritte Ansicht endlich lässt es wenigstens nicht mit der Be- 
trachtung der Zahl, sondern mit der Unterscheidung des Begrenz- 
ten und Unbegrenzten beginnen. Es fragt sich nun, was in allen 
diesen Beziehungen den geschichtlichen Zeugnissen und der inne- 
ren Wahrscheinlichkeit entspricht. 

Die erste der ebenbezeichneten Annahmen finden wir schon 
bald nach dem Anfang des ersten vorchristlichen Jahrhunderts 
bei Alexander Polyhistor. Die Pythagoreer, erzählt dieser 
unter Berufung auf pythagoreische Aufzeichnungen, hielten für 
den Anfang von allem die Einheit; aus der Einheit sollte die un- 
bestimmte Zweiheit entstanden sein, die sich zu jener verhalten 



des Verhilltnieses 1 : 2, welches das mathematischo Verhältniss der Oktave 
ist. Die Oktave ist also die Harmonie selbst, durch welche die entgegen- 
gesetzten Urgründe verbunden werden." Was mich verhindert, von dieser 
geistreichen Auffassung mehr, als das obige, mir anzueignen, ist der Um- 
stand, dass ich die Grenze und das Unbegrenzte der Einheit und Zweiheit 
nicht schlechthin gleichsetzen kann, s. u. 
4) Weiteres hierüber später. 



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259. 260] Einheit und Zwoiheit, Gott und Materie. 331 

sollte^ wie der Stoff zur wirkenden Ursache^ aus ihnen beiden die 
Zahlen, aus den Zahlen die Punkte u. 8. w. *) Weiter ausgeführt 
ifit diesB in den weitläufigen Auszügen aus einer pythagoreischen 
Schrift bei Sextus*). Nach dieser Darstellung hätten die Py- 
thagoreer in eingehender Erörterung gezeigt, dass die Gründe 
der sinnlichen Erscheinungen | weder in etwas sinnlich wahr- 308 
nehmbarem, noch in etwas körperlichem, dass sie aber auch nicht 
in den mathematischen Figuren, sondern nur in der Einheit und 
der unbestimmten Zweiheit liegen können, und dass alle logischen 
Kategorieen am Ende auf diese beiden Principien zurückführen ;A 
sie hätten demnach die Einheit als die wirkende Ursache, dieV 
Zweiheit als den leidenden Stoff betrachtet, und aus dem Zusam- 
menwirken didser zwei Gründe nicht blos die Zahlen, sondern 
weiterhin auch die Figuren, die Körper, die Elemente, überhaupt 
die ganze Welt entstehen lassen^). Eine fernere Deutung er- 
halten die genannten Principien bei den Männern der neupytha- 
goreischen und neuplatonischen Schule. In letzter Beziehung, 
sagt EuDORüS*), führten die Pythagoreer alles auf das Eins zu- 



. 1) Dioo. Vm, 24 f.: ffrfl\ V 6 'AX^av8pO( fv tat; tojv ^tXoaö^cov $ia- 
8o)^at;, xa\ tauTa £6pY}XEva(t £v fTuOaYOpixoi; 67cop.v9j{jLao(v. ap/^^jv (jiv «jcavTiuv 
{i.ova$a* ix hl TiJ( (lOv&Soc aöpiTCov $uaSa (o; av C»Xy}v x^ ^ovaSi ahioi ovti 6}C0- 
axTJvat' EX hk t^c (jLOva$oc xai x^( aop{9Tou 5ua$o{ Tol>( api6{Jioü{' Ix Sl töSv 
api6|X(üV xa ay}(xlta u. s. f. In demselben Sinn nennt der angebliche Zaratas, 
der Lehrer des Pjthagoras, bei Pltit. proer. an. 2, 2. S. 1012 das Eins den 
Vater, die nnbestimmte Zweiheit die Mutter der Zahlen. Vgl. .^. 333, 1. 

2) Pyrrh. III, 152 — 167. Math. X, 249—284. VII, 94—109. Dass die- 
sen drei Abschnitten die gleiche Schrift zu Grunde liegt, ist augenscheinlich. 

3) M. Tgl. die Hauptstttze Math. X, 261: b nuSayöpa; ap^V E7V)9ev 
c!vat Tu>v ovTcdv x^|V (JtovaSa, ^( xaxa (leiox^^v Ixaarov xtov ovxcdv Iv X^y^'^^S 
xot xaüxv)v xax' auxöXT)xa (jiv lauxrjc voou(i.6V7}v {jiovaSa voet^Oai, liciauvxeOilaav 
8" iauxfj xaO* ix£pöxv)xa dinoxcXcTv xrjv xaXou[i^v7)v aöpivxov SudtSa u. s. w. §. 276: 
ii (üv YivegOai 9001 xo x* sv xol; aptSjjioU h xa\ x^v iiCi xottxoic koXiv duaSa, 
«k6 [ih x^c 7cpa)X7)c p.ova5o{ xb Sv, aizo ok x^c [lov&do; xoi x^( aopfaxou dui$o( 
xa Suo ' 8i< Y^ "^^ ^ ^^^ • • • ^^'^^ xaOxa (1. xaOx3i) hl xa\ o( Xocjco\ apiO(io\ ^x 
Toüxcüv affexeX^oOr.oav, xoG pikv ivö« ae\ iceptTcaxoüvxo^ , x^( Sl aopiaxou SudBo« 
St>o -ftvvtuoT)^ xot tU ct^cetpov nXijOo; xoü{ apiO[ioii( £xX£ivoüa7)(. oOsv 4paa\v ^v xot^ 
«pxoii xaiJxai« xov {xiv xoö Spwvxo; a?x(oo Xöyov ^jc^yeiv x^v {Jiovaöa, xbv 8^ xijc 
9caaxoüoi)( I^Xt^c tfjV 8ua8a. Ebd. weiteres über die Entstehung der Figuren 
und Dinge aus den Zahlen. 

4) SiMTL. Phys. 39, a, m.: yP^?^^ ^^ nep\ loiixcov i £u8(i>po^ xaSe- ,|XQixqi 



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332 Pythagoreer. [261] 

rück, unter dem sie nichts anderes verstanden , als die oberste 
Gottheit; abgeleiteter Weise stellten sie zwei Priucipien auf, das 
809 Eins und die unbestimmte Zweiheit, Gott und die Materie; 
jenem [ ordneten sie alles gute unter, dieser das schlechte; und 
demgemäss gebrauchten sie für jedes von beiden mancherlei 
Namen : das Eins nannten sie das Ungerade , das Männliche, das 
Geordnete u. s. f., das, was der Einheit, entgegen gesetzt ist, das 
Gerade, das Weibliche, das Ungeordnete u. s, w. Sofern aber 
auch dieses zweite Element aus dem Einen stammt, ist nur dieses 
als Urgrund im eigentlichen Sinn zu betrachten. Aehnlich be- 
hauptet MODERATUS *), die Pjthagoreer haben das Vcrhältniss 
der Einheit, Selbigkeit und Gleichheit, den Grund, aller Ueber- 
einstimmung und alles festen Bestandes kurzweg mit dem Namen 
des Eins bezeichnet, den Grund aller Mannigfaltigkeit, Ungleich- 
heit, Getheiltheit und Veränderung mit dem der Zweiheit*) ; und 
übereinstimmend damit berichten die plutarchischen Placita ') : 



Tov avcoxaTb) Xöyov ^«Ttov tou; ITuSaYoptxou; xo h apj^rjv tüjv ^ravTwv Xe^eiv, 
X0LX9L ^l TOV $eÜTcpov Xöyov $üo ipx^C "^^^ a;:oTgXouuL£v(üV e?vat, lo ts h xai Tf^v 
ivavTiav TouTü) ^üviv, GnoxaoosaOat B\ KavTO)v tcüv xaxa ivavi{b)aiv ^tcivoouji^vcov 
xo (xiv aai£iov x(o lv\ xo 6s ^auXov ttj itpo^ touio IvavitoupLEVTi ^üvst* 8ibiiY}$l 
eTvai xo vuvoXov laÜTa^ ^PX.^f tlolxs. tou; avSpac d ^OLp ^ \i.h xcovSe, i\ Sk 
tbjvSe ^oiiv «px^ oOx £?o\ xotva\ tcocvtcov ap/^ai wanep to fv." xa\ naXtv. „8i(5, 
yij^r, xai xaiot äXXov ipöjcov ap^^v e^aaav tcov tcäviojv xo 2v w; 5v xa\ t^? 
6Xi]{ xo\ To)v oviwv TiivTwv i^ a'jToÖ Y6Y6vr,ix^vti)v, touto Se eTvai tov 67Ccpav<o 
6e6v . . . oijjjA Toivüv TOU? TcepV tov ITuOaYOpav to pikv tv 7;avTwv «px^v aJccXineiv 
xftT* aXXov Sk TpOTCov Süo toc av(OTaT(i> aioi^Ela TrapEi^ayEiv , xaXEtv $k Ta Suo 
Tauia oTotyiia äoXXoT? TTposTj^opiai;- xo jiiv yap auTwv ovo|xaC6aöai T6xaY[A^^<»'» 
(opiapL^vov , YvwaTov, ot^fev, rcpiTTov, ds^rov, oöj?, to 6k svavTiov toüto» ocTaxTov 
u. 0. f. &9Xt o)5 jjikv ap)(^9) TO h fo? $£ aiöt^'e'ta to Iv xott ^ aöpiaTo; dua? *PX*^ 
«pL^tü Iv ovTa K&Xvij xa\ 8^Xov Sti aXXo [i^v Eaxiv ?v t; apy^ij xtüv koEvtwv, iXXo 
$k Iv TO x9\ 8u^6t avTixEipiEvov B xa\ (lovaSa xaXougiv.'^ 

1) Bei PoRPH. V. P. 48 ff. s. Th. III, b, 97. 2. AuB. 

2) Ebenso Porphyr selbst §. 38: ExaXsi y*P "^^^ avTixEipLEvwv 6uva|iE(uv 
T^v \kh ßcXTiova (lovaSa xa\ ^(ot xai 6e^i'ov xa\ i(Tov xa\ (x^vov %o^ sOOu, t^v 
8k x^ipova SuseSa xa\ axÖTo; xai aptaTEpbv xai rspi^Epkf xa\ ^epdpiEvov. 

3) I, 8, 14 f. (Stob. I, 300): TIuOxYdpa? . . ap^is tou? apiO(xous . . . noXiv 
6k T^^v (xova6a xa'i t^Jv aöpKTTov 6ua6a ^v Tal; «oya^. a7C£Ü6ei 5' auTw twv apyüiv 
ij |xkv M TO ]cotY}T(xbv aiTiov xa\ E?5ixbv, oJtgp ifjxi vou;, 6 Oeo«, ^ 6 * ^7c\ xo j:a8r,- 
xixbv xat 6Xixbvy ooTcep ^<txiv 6 opaxb; x6(T(jlo(. I, 7, 14 (Stob. I, 58. Ecs. pr. 
cv. XIV, lö, 6. Galen c. 8. S. 251): nuOay'ipa« xwv ap^iov t9)v [iev fiova6a 
öwv (ebenso Hippolyt. Refut. I, 2. ß. 8. Epiph. Exp. fid, g. 1087, A) xa\ 



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[261] Einheit und Zweiheit, Gütt und Materie. 333 

v oji den zw ei PrLnci4iifia„defl.P-)ftIiagoras bezeichne die Einheit 
das Gute, die Vernunft, oder die Gottheit, die unbestimmte 
Zweiheit dagegen das Böse, die Materie und den Dämon; und 
nur der erste von diesen zwei Berichterstattern ist sorgftLltig ge- 
nug, uns zu sageh, dass die Lehren, welche er den Pythagoreern 
zuschreibt, nicht mit ausdrücklichen Worten von ihnen vorge- 
tragen , sondern in ihrer Zahlenlehre blos angedeutet worden 
seien. In dem gleichen Sinn äussern sich noch andere Schrift- 
steller der späteren Zeit *^. Auch der angebliche Archytas *) 310 



Ta]fa6bv, f[ Ti; lafiv ^ toö fcvb; ^uai;, aoTo; o vöÖ;* if^v 8* aopiarov Suada 8ai- 
{lova xai xb xaxbv, nepi 9Jv ioxi xo 6Xixbv tcX^Oo;, eaii dl xai h 6paib$ xÖ9[Jlo(. 

1) 8o der angebliche Plütabch (vielleicht Porphyr) V. Homeri 145, 
nAch welchem Pythagoras, Tcavia e^; aptO{iou; ava^epcuv . . . 8üo xa( avcuiaTU) 
ap}^a( Aa{JLßavE, tt)v [ikv coptap.^vrjV-{xova6a, t^v Bl aciptoxov 5ua6a xaXojV' tf^v 
{lev ay*^^^) "^v'Sk xaxtjv oSaav ap'/^TJv, weil nämlich, wie weiter aaseinander- 
gesetzt wird, alles gute 9U{A«p(üvia( o^xeiov sei, alles schlechte aus Zwiespalt und 
Streit enstehe. Hippol. Befut. VI, 23: ITuö. toivuv apx^i^ "^^^ ZXta^ äY^vvij- 
tov iKs^iJvato Tf|V p.ovdi$a, YßvvijTf^v Se x^v duada xa\ navxa^ tou; aXXou; aptö- 
(JL0Ü(. xai T^; p.kv duaco; Tcat/pa 9)]aiv E?vat I7]v piovada, zavxcov.di Xü>v Y£Vv<«'~ 
[iivcov [X7)X^pa duada, y^^^^"^^]^ yEvvTjxüiv. Auch sein Lehrer Zaratas habe das 
Eins Vater, die Zweiheit Mutter genannt. Vgl. 6. 331, 1. 327, I Ps. -Ju- 
stin. Cohort. 19 (vgl. c. 4): xf,v y*P [Aovada apyfjv anavxuiv Xe^cov (sc. fTuOaY.) 
xa\ xaüxi)v xcuv ayaOoSv aTi&vxrov a^xiav sTvai, dt* aXXr^Yopfot; £va xe xa't (x6vov dt- 
dx9xct Beöv £?vai. Sybian z. Metsph. Schol. in Arist. 842, a, 8 vgl. 931, a, 5: 
Den Grund von allem nennen die meisten Pythagoreer Monas und Dyas, 
Fythagoras selbst im iepb( XC-^o^ den Proteus (von :cpojxo{) und die Dyas 
oder das Chaos. Andere pseudopythagoreische Fragmente gleichen Inhalts 
sind Th. III, b, 99 2. Aufl. angegeben. 

2) In dem Fragment bei Stodäus I, 710 f. Die Unftchtheit dieses Bruch- 
stücks haben schon Ritteb (Pythagor. Philosophie 67 f. Gesch. d. Phil. I, 
377 f.) und Hartenstein (De Arch. fragm. 9 ff.) erschöpfend nachgewiesen, 
und nur darin hat der letztere gefehlt, dass er einen Theil desselben als 
acht zu retten sucht. Prterskn^s Gegenbemerkungen (Zeitschr. f. Alter- 
thumsw. 1836, 873 ff.) wenigstens sind nicht geeignet, dieses Ergebniss um- 
zustossen, dem daher auch Hermann plat. Phil. I, 291 mit Recht beigetreten 
ist. Das aristotelische und platonische in den Gedanken und im Ausdruck 
der Stelle ist so augenfällig, dass eine nähere Nachweisung entbehrlich 
scheint, und selbst der Einfluss des stoischen Systems yerräth sich ganz 
deutlich in der Gleichstellung von ZXri und ou^ta, die früher nie vorkommt. 
Wäre es daher Petersen auch gelungen, einen Theil der anstössigen Ter- 
minologie aus Arist. Metaph. VIII, 2. 1043, a, 21 als archyteisch nachzu- 
weisen (woran doch nicht zu denken ist, sobald man in dieser Stelle diQ 



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334 Pythagoreer. [262] 

weicht von dieser Darstellung nur dadurch ab; | dass er den 
Unterschied des Urwesens von den zwei abgeleiteten Gründen 
stärker hervorhebt, und die letzteren nicht in der pythagorei- 
schen , sondern in der aristotelischen Form fasst; er bezeichnet 
nämlich als die allgemeinsten Principien die Form und die Ma- 
terie, jene dem geoi*dneten und bestimmten , diese dem ungeord- 
neten und unbestimmten entsprechend; jene wohlthätiger ; diese 
verderblicher Natur ; von beiden unterscheidet er aber noch die 
311 Gottheit; welche über ihnen stehend die Materie der Form ent- 
gegenbewege und künstlerisch bilde ; die Zahlen endlich und die 
geometrischen Figuren werden mit Plato als das Bindeglied zwi- 
schen der Form und der Materie dargestellt. •% Dass die Pytha- 
goreer die Gottheit über den Gegensatz der Principien hinaus- 
gehoben; und diese aus jener abgeleitet haben , wird öfters ver- 
sichert *) ; sofern die Einheit als Gottheit | dem Gegensatz voran- 



eigenen Erklärungen des Aristoteles von dem aus Archyt&s «ingoführten 
Vnterschoidet), wftre femer seine Vermuthung, dass die Fragmente bei Sto- 
h^fxs den aristotelischen Auszügen aus Archytas entnommen seien, und dass 
dah^ die aristotelische Terminologie stamme (während doch nicht einmal 
der dorische Dialekt verwischt worden sein soll), weniger willkührlich und 
nnhaltl^r, so wären doch damit die Bedenken gegen die Aechtheit des Stücks 
noch lan^e nicht beseitigt. Dass Archytas die bewegende Ursache von den 
Elementen der Zahl nicht gesondert hat , erhellt nach Hermahn^s richtiger 
Erinnerung auch aus der Angabe (s. o. 325, 2), er habe die Ungleichheit 
und Unbestioimtheit als Ursache der Bewegung bezeichnet. 

1) Sybiar in Metaph. Schol. 927, a, 19: a^tov fijj Toütoi« ^ Ta KXcmou 
Tou nuGayopstou napaßo^XXeiv, . . . rjvi'xa Sv aOib [to Iv] aet&vüvcov apy^ov sTvac 
ibjv ovtcov Xe'YT) xai\ voaiuv. [Uxpoy xa\ aY^vyjrov xa\ «fdiov xk\ p.6vov xou xupioSSsc, 
aurb xo [von Ubbn^r gestrichen, ich möchte aOrd xt vorziehen] laurb Bi)Xouv* 
i) XOL Tou Oeiou nXftT^vo« u. s. w. Ders. ebd. 925, b, 23: oXcof ^l oG$l aTzo 
tu>v ri)9avf\ avTixEt(i.^^(uv ot av8pe( ijpyovTo, oXXoc xa\ tü>v oüo augioiyi^v to 
iic^xsiva iJSeaav, mc |X((piupEi ^xXöXaoc tov Seov Xifta^ izi^a^ xa\ aiSEipiov uno- 
VT^vai, . . . x«\ ETI Äpb Toiv 8vo oi^yfiyi ttjv ivtaigiv aJtiav x«i TcavTtov ^fijprifiE'- 
vi)v jcpo^taTTOv, j)v *Apx^«ivEro; (oder nach Böcxu's Vermuthung, Phtlol. 54. 
149, der Uartbksteim Arch. Fragm. 12, beistimmt: *Ap^via(, was Ubeneb 
in den Text aufgenommen hat) {ilv a^tiocv noo aitia; fi?va{ «pfjat, 4>iXoXoio{ Sc 
Tfov :cavTb>v apx*^- '^^^^ duoy upi^Exat, BpoiT/o; 81 <o( vou reavib^ xa\ oucr{a( 8u- 
va|Afit xoi xpc^ßeia &;cEc^/Et. (Kötu^s Correcturen dieser Stelle, II, b, 253, 
sind überflüssig und verfehlt.) Ders. ubd. 935, b, 13: irzi (i^v unepoürnov 
icapd TE xcd nX&rci>v( ib Sv xot TxyaObv xa\ icapa BpovT(v(i> x& IIuOaYopEicji xa\ 
icotpot noaiv il>^ clicitv toii; aicb toO $t$aaxftXEiou tou Tb>v IluOKYopEicov 6p(A(t>(i.^voi(. 



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{TC^ Einheit und Zwelheit, Gott und Materie. 335 

geht; soll dieselbe das Eins, sofern sie als Glied des Gegensatzes 
der Zweiheit gegenübersteht, soll sie Monas gehannt worden 
sein *). 

Wiewohl aber diese Angaben auch bei neueren Forschem Bt% 
vielfach Beifall gefunden haben , so ist doch ihre Beglaubigung 
zu unsicher ; um ihnen auch nur ihrem wesentlichen Inhalt nach 
zu vertrauen. Es ist schon früher bemerkt worden, dass wir auf 
die Berichte der späteren Schriftsteller über die pythagoreische 



Ps.-Alex. Metaph. 800, 32: ot jiiv^ (&;;:Ep flXaTcov xa\ ßpoxivo; 6 fTüOayö- 
psto;, faoiv OTi To avaObv auTo xb gv i<sxi xai oMiozai ev iw Iv eTvai. Vgl. 
auch den af8io( Ocb; b. Plut. plac. IV, 7, 4, den angeblicben Bdtherus b. 
Stob. Ekl. I, 12 (die Einheit das Unerzeiigte, die höchste Ursache u. s. w.) 
die Theol. Arithm. S. 8, und Athenao. Suppl. c. 6: AJai; Sk xa\ o'|€t (''0<j;i(Jio? 
vgl. Jahbl. V. V. 267) b {xlv aoiOjjibv a^fijiov (eine irrationale Zahl, hier wohl 
eine irrationale Wurzelzahl) opi^eiai xbv Oeov, 6 8k tou pLEfiatou tcuv apiOpitov t^jV 
izoLooL TöSv gYYWfiTwv [toö Ey^üTaTCü] ür.epo)f fjV, was Athenag. wohl richtig erläu- 
tert, mit der höchsten Zahl sei die Dekas, mit der nächsten die Neunzahl gemeint, 
so dass das ganze nur eine spielende Umschreibung der Einheit wäre. 

1) EUDOBUS s. o. 331, 4 Schi. Hippol. Refut. I, 2. S. IQ; apiOpLo; f^Y^ve 
TZfCtxo^ *P"X.4» ^"^^9 ^^''^ ^y a(5pt(TT05 axaxaXrjTCTo; , iyrwy £v iauTo) navta< tow? 
iiz' anetpov Suva^Evou; eXOew apt9[jLou; xaxa xb jtXtjOo;. x<Iiv di ap(0|jLc5v apy^ 
Y^Y<^ve xaö' 6]c6(7xa(7tv Ij npwxY] (jLova;, ¥^xi^ £ox\ [Aova; apav)v ^Ewoiaa naxptxco^ 
Tcavxac xou( «XXou; aciOixou;. Seuxecov tk t) Sua; O^Xu; apiO(A<5; u. s. w. StriAn 
in Metaph. Sehol. 917, b, 5, der als archytetsch anführt, Sxt xb h xa\ ^ 
[&ova( 9UYT^^^ i<ivxa SiaogpEi aXXrJX(ov, und sich für diese Unterscheidung auch 
auf Moderatus und Nikomachus beruft. Pkokl. in Tim. 54, D f. : das erste 
ist nach den Pythagoreern das iv, welches über alle Gegensätze erhaben ist, 
das zweite die intelligible Monas, oder das Begrenzende, und die unbestimmte 
Zweiheit oder das Unbegrenzte. Aehnlich Damasc. De princ. c. 43. 46, 
S. 115. 122: das h «gehe bei Pyth. der Monas voran. Dagegen sagt Mo- 
deratus b. Stob. Ekl. I, 20 (wenn die Worte ihm angehören): xivk? xwv 
apt6{io>v apyfjV a^sfijvavxo xijv {jiovaSa xoiv Bl apiOpLii]Xwv xb ^v. Dasselbe 
gleichlautend in eigenem Namen Theo Math. c. 4, so dass also die Monas 
über dem Eins stände. Auch Sextus (b. o. 331, 3), die justinische Cohor- 
tatio c. 19 und der Ungenannte des Photius Cod. 249, S. 438, b, u. stellen 
die Monas als das höhere dar, wenn sie sagen, die Monas sei die Gottheit, 
und sie stehe hoch über dem Eins, "x^ S^^^ T*P l^o^aö* ^^ "^^"^i voTjxötc gTvat 
TO 86 Iv Iv xots api0[xoti (Just. 5 für aptO^xot? mit Röper im Philologus VII, 
546 apiOjjir^xotc zu setzen, geht um so weniger an, da Phot. das gleiche 
sagt). Man sielit^ es ist hier alles Willkühr und Verwirrung. — Die Lehre 
von der Einheit und der unbestimmten Zweiheit pflegen namentlich Com- 
mentatoren des Aristoteles, wie Ps.-Alex. Metaph. 775, 31. 776, 10 Bon. 
SiiiPL. Phys. 32, b, m., als pythagoreisch zu behandeln. 



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336 Pythagoreer. [264] 

Philosophie; namentlich aber auf die neiipythagorei'schen und 
neuplatonischen; | durchaus nur soweit bauen können, als uns ihre 
Quellen bekannt sind. Diese Quellen werden aber im vorliegen- 
den Fall theils gar nicht bezeichnet, theils bestehen sie in Schrif- 
ten, deren Aechtheit grösstentheils mehr als unsicher ist. Von 
dem ausführlichen Bruchstück des Archytas ist diess bereits ge- 
zeigt worden ; auch bei den Anführungen aus Brotinus, Klinias 
und Butherus kann es kaum einem Zweifel unterliegen'); die 
Citate bei Athenagoras macht schon ihre geschraubte Künstlich- 
keit verdächtig; und selbst in dem kurzen Wort des Archänetus 
(oder Archytas) klingt die Sprache und der Standpunkt einer 
späteren Zeit deutlich genug durch *); wird endlich in einem an- 
geblich aristotelischen Zeugniss dem Pythagoras selbst eine Be- 
stimmung über die Materie beigelegt; welche mit der Lehre der 
älteren Akademie übereinstimmend; die Unterscheidung von StofF 
und Form voraussetzt '); so Hegt am Tage ; dass wir es hier ent- 



1) Bei Klinias erhellt es schon aus dem Ausdruck (Jicxpov tcuv votjtcuv, 
in dem brotinischen Fragment ist der Satz, dass das Urweson an Kraft und 
Würde über dem Sein stehe, wörtlich aus der platonischen Republik VI, 
509, B entlehnt, und wenn dem Sein in derselben Beziehung auch der vouc, 
die aristotelische Gottheit, beigefugt wird, so weist diess mit aller Bestimmt- 
heit in die Zeit der Neupythagorcer oder Neuplatoniker, der auch die Worte: 
'6ti to i^M"* n. B. w. allein angehören können. 

2) Die Sprache, denn dieser Gebrauch von ahia. ohne nähere Bestim- 
mung findet sich zuerst bei Plato und Aristoteles, und setzt ihre Untersu- 
chungen über den Begriff der Ursache voraus; der Standpunkt, denn in 
dem Ausdruck ahia icob ahia^ wird die Gottheit über alle kosmischen Prin- 
cipien in einer W^eise hinausgehoben, wie diess nicht vor der neupythago- 
reischen Zeit vorkommt. 

3) Damasc. De princ. Arist. Fragm. 1514, a, 24: *Ap(9TotAT]; $1 £v lot; 
^Xf/iyxtioi^ loTopci xot nuOaY<>pttv xXXo x^v SXtjV xaXstv m^ ^cuaTY]v xa\ aa aXXo 
fiYvöfJLCvov. ' Chaionet II, 73 f. nimmt diess für haare Münze; mir scheint 
schon der Umstand, dass Aristoteles hier etwas über die Lehre des Pytha- 
goras aussagt, und nun vollends der Inhalt dieser Aussage, klar zu beweisen, 
dass entweder die Schrift über Archytas, aus der uns sonst nicht das ge-